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Kanon und Literaturgeschichte

Facetten einer Diskussion

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Edited By Ina Karg and Barbara Jessen

Kanonbildung ist mit Literaturgeschichtsschreibung und der Auswahlproblematik eng verbunden. Stets muss über die Aufnahme oder den Verzicht auf Werke und Autoren eine Sinn- und Bedeutungszumessung im Kommunikationsfeld Literatur vorgenommen werden. Dieser Aufgabe stellte sich die Sektion 11 des Germanistentages 2013 in Kiel. Die hier versammelten Tagungsbeiträge lassen sich folgenden Themenfeldern zuordnen: Zunächst wird Grundsätzliches zur Kanontheorie und Kanonbildung besprochen. Anschließend finden Orte der Vermittlung Erwähnung: Dichterhäuser, Literaturmuseen, Universitäten, Schulen, Theater. Schließlich beschäftigen sich die Beiträge mit übersehenen Epochen und Literaturen: Kinder- und Jugendliteratur, Mittelhochdeutsche Literatur, Drittes Reich, DDR-Literaturgeschichte, Theaterlandschaft um 1800, Interkulturelle Literatur und vergessene Autor(inn)en.
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Kanon und Gegenwart. Theorie und Praxis des literarischen Kanons im Zeichen von Historizität, Dynamik und Pluralität

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← 14 | 15 →Leonhard Herrmann

In seinem jüngsten Roman Die Zukunft des Mars entwirft Georg Klein – „einer der großen Fantasten der deutschen Gegenwartsliteratur“1 – eine düstere Zukunft der Menschheit: Ausgewandert auf den Mars, lebt eine Gruppe von Menschen seit Generationen isoliert vom Mutterplaneten Erde. Zu dieser ist jeder Kontakt verloren – mit der Konsequenz, dass auch ihre ‚heiligen Schriften‘ unlesbar geworden sind, die in großen Folianten zwar überliefert, jedoch nur noch verehrt, nicht mehr gelesen werden.

Kleins Text steht in einem doppelten Traditionsbezug: dem der Dystopien, die analog zur Utopie eine Zukunftsvision menschlichen Lebens entfalten, diese jedoch ins Negative wenden, sowie dem der Kanon-Texte,2 einem Genre, das – etwa in Texten Tiecks, Brentanos oder von Arno Schmidt – Fragen literarischer Kanonbildung ihrerseits literarisch reflektiert. Dabei ist Kleins Text selbst zunächst lesbar als eine weitgehend pessimistische Allegorie des Verhältnisses von Tradition und Gegenwart: Der Verlust irdischer Kulturtradition geht einher mit einer dehumanisierten, streng durchorganisierten Lebensform, die das ureigentlich Menschliche an den Rand drängt. Doch allein die Tatsache, dass Kleins Roman seinerseits in literarischen Traditionen steht und diese auch deutlich ausweist, macht deutlich, dass der innerhalb des Textes beschworene Verlust an kulturellen Traditionen und Fähigkeiten nicht einseitig als Negativdiagnose der unmittelbaren Gegenwart des Autors Klein zu lesen ist – das Lesen ‚irdischer‘ Texte wird im Handlungsverlauf in diesem Sinne zu einer zwar geheimen, aber sehr wertvollen Kulturtechnik stilisiert. Dass auch wir Heutige analog zu Kleins entmenschlichten Marsbewohnern abgekoppelt ← 15 | 16 →von Tradition und Vergangenheit...

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