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Zwischen Ideal und Ambivalenz

Geschwisterbeziehungen in ihren soziokulturellen Kontexten

Edited By Ulrike Schneider, Helga Völkening and Daniel Vorpahl

Der Sammelband bietet einen interdisziplinären Überblick über die Darstellung von Geschwisterbeziehungen und die Verwendung geschwisterbezogener Termini innerhalb abendländischer sowie antiker nahöstlicher Kulturtraditionen. Zum einen erörtern die Autoren spezifische Darstellungsformen, Prämissen und Funktionen exemplarischer Geschwisterpaare in Literatur, Bildender Kunst, Musik, Philosophie und historischer, gesellschaftspolitischer sowie religiöser Tradition. Zum anderen befassen sie sich mit den jeweiligen metaphorischen Rezeptionen und Adaptionen geschwisterlicher Termini, Motive und Zuschreibungen.
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Sokrates und Mendelssohn – Zur Bedeutung der Zwillings-Metapher im Bildungskonzept von David Friedländer und Jeremias Heinemann (Uta Lohmann)

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Abb. 1:    Moses Samuel Lowe, Mendelssohn und Sokrates im Medaillon, 1818 und 1831, Kupferstich (Privatbesitz Hamburg) ← 280 | 281 →

Sokrates und Mendelssohn – Zur Bedeutung der Zwillings-Metapher im Bildungskonzept von David Friedländer und Jeremias Heinemann

Uta Lohmann

Abstract

The metaphor of Socrates and Mendelssohn as ‘twin-sages’ conveys contents and values based on the Socratic tradition, which was upgraded by Mendelssohn’s religio-philosophical work Phaedon and subsequently carried on by David Friedlaender and Jeremias Heinemann. At the schools that Friedlaender and Heinemann started off the Socratic-Mendelssohnic philosophy was combined with the teachings of the Tanach (Hebrew Bible), conceiving a new Jewish educational concept. Thereby the ‘twins’ Socrates and Mendelssohn became symbols of a modern self-image.

„Edle Zwillings-Weise!“

Der jüdische Künstler Moses Samuel Lowe (Johann Michael Siegfried Löwe, 1756–1831) schuf 1818 den Kupferstich Mendelssohn und Sokrates im Medaillon. Er erschien 1818/19 und 1820/21 als Titelabbildung zweier Jahrgänge der Zeitschrift Jedidja. Die Zeitschrift verstand sich als „ein erfahrner Rathgeber der Menschheit und insbesondere der Jugend“. Jedidja sei „als ein Freund Gottes aus dem Reich des ewigen Lichts herab zur Menschheit“ gekommen, um „religiös, moralisch und pädagogisch auf Erden zu wirken“1. Diese einleitenden Worte des Herausgebers Jeremias Heinemann (1778–1855) knüpfen überraschend deutlich an die sokratische Denkweise an, die wiederum Vorlage für die deutschen Spätaufklärer gewesen ist. Sie begriffen ihre Philosophie als erzieherische Tätigkeit, mit dem Ziel, die Menschen zur Eigenerkenntnis und zum verantwortlichen Handeln anzuleiten und sie so ihrer Aufgaben und Pflichten in der Welt bewusst zu machen.2 ← 281 | 282

Wie sehr auch der jüdische Kaufmann, Aufklärer und Emanzipationspolitiker David Friedländer (1750–1834) von diesem Denken geprägt war,3 zeigt nicht zuletzt seine Rede, gehalten vor einer Gesellschaft gebildeter Israeliten, die 1817 in Jedidja veröffentlicht worden ist. Friedländer reflektiert hier über die Verpflichtung des Menschen, seine Handlungen mittels „seiner moralischen Natur“ in einem selbstkritischen Akt „mit den Vorschriften der Religion und der Tugend“ in Einklang zu bringen.4 Die Inhalte und Anschauungen, die Friedländer hier vermittelt, basieren auf den Lehrsätzen, die Moses Mendelssohn (1729–1786) in seiner religionsphilosophischen Schrift Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele entwickelt hat, wobei er sich an der Lehre des antiken griechischen Philosophen Sokrates (469–399 v.d.Z.) orientierte, wie sie von dessen Schüler Platon (428/27–348/47 v.d.Z.) überliefert wurde. Mendelssohns Phädon erschien erstmals 1767, also bereits 50 Jahre vor Lowes Kupferstich.5

Friedländer war bei Weitem nicht der Einzige, der eine enge Verbindung zwischen Sokrates und Mendelssohn herstellte. Besonders mit den Nachrufen und frühen Biographien nach 1786 festigte sich Mendelssohns Ruf als der „Sokrates seines Zeitalters“6. Die Parallelen, die dabei gezogen wurden, bezogen sich nicht nur auf Unsterblichkeitslehre, Wahrheitsliebe und Lehrtätigkeit, sondern vor allem auch auf gemeinsame Charakterzüge, wie Sanftmut, Freundlich ← 282 | 283 keit, Scharfsinnigkeit, Dialogbereitschaft, Wohltätigkeit, und auf eine Wirksamkeit für Gemeinwohl und menschliche Glückseligkeit.7 Friedländer war aber der einzige, der metaphorisch eine enge geschwisterliche Beziehung der Gleichheit zwischen Sokrates und Mendelssohn entwarf. Er war seit langem mit Lowe befreundet, der wie er aus Königsberg stammte, wo Lowe von der Familie Friedländer als junger Künstler protegiert worden war.8 Und so spricht einiges dafür, dass es David Friedländer war, der den Kupferstich in Auftrag gab, um einer Metapher auch allegorischen Ausdruck zu verleihen:

Sokrates und Mendelssohn.

Edle Zwillings-Weise!

Nennt die Nachwelt Euch mit Recht.

Eurer Lehren Weisheit

Fühlt der Ungelehrte auch.

Aber Denker preisen, Ihre Wahrheit lauter noch. 9

Mit diesem Sinnspruch erläuterte Friedländer den Kupferstich im achten Band von Jedidja, der zum zweiten Mal den Stich als Frontispiz erhielt. Im Kupferstich breitet eine Eule ihre Flügel über den beiden portraitierten Philosophen, dem Zwillingspaar Sokrates und Mendelssohn, aus. Als Attribut der Athene symbolisiert sie Weisheit. Auf dem Ende einer Säule liegt ein Totenkopf, Sinnbild der Vergänglichkeit. Darauf sitzt ein Schmetterling, der hier nicht nur ein Symbol für die Unsterblichkeit der menschlichen Seele ist, sondern, wie die Bildunterschrift SOCRATES * MENDELSSOHN, auf Phädon verweist, mit dem sich Mendelssohn „selbst in die Tradition des Sokrates und des sokratischen Philosophierens gestellt“10 hatte. Aus der Zeitschrift Jedidja wird deutlich, dass es auch noch im frühen 19. Jahrhundert, Jahrzehnte nach Mendelssohns Tod, jüdische Aufklärer gab, die die Sokratisch-Mendelssohnsche Tradition fortsetz ← 283 | 284 ten und bemüht waren, ihre Philosophie weiter zu verbreiten und in ihre eigene Lehre zu integrieren.11

Religionswahrheiten

Wahrheit spielt in Friedländers Sinnspruch eine zentrale Rolle. Sie bezieht sich hier auf die von Mendelssohn im Phädon entwickelten Lehrsätze, die Friedländer schon früher zusammenfasste: „Es ist ein Gott“, „Die Seele des Menschen ist unkörperlich“, „Die Bestimmung des Menschen hienieden ist Streben nach höherer Vollkommenheit, und hiemit nach dem Besitz der Glückseligkeit“, „Die Seele des Menschen ist unsterblich“12 und schließlich die Erkenntnis von der Belohnung und Bestrafung in einem künftigen Leben. Diese religiösen Wahrheiten waren Friedländer Fundamente seines aufgeklärten Bildungsverständnisses, das Jahrzehnte später in Jedidja aktualisiert wurde.13

Der antike Schauplatz des Phädon ist Ausdruck für die Universalität von Mendelssohns Lehrsätzen,14 mit denen er ein Gegengewicht zu den offenbarungsreligiösen Traditionen setzte. Mendelssohn zeigte, dass die Menschen fähig sind, mit eigenen Verstandeskräften die universalen „Vernunftwahrheiten“ selbst zu erkennen.15 Die „Wahrheiten der natürlichen oder Vernunftreligion“ seien „nicht allein in Vergleichung mit den geoffenbarten Begriffen, sondern an und für sich klar, faßlich und deutlich“ setzte auch Friedländer jenen entgegen, die behaupteten, dass diese „außer dem Horizonte des großen Haufen liegen, ← 284 | 285 daß der gemeine Mann dafür nicht empfänglich gemacht werden könne, daß es bereits gebildete, zum Nachdenken gewöhnte Menschen erfordere, um diese Lehrsätze einzusehen“.16

In seiner Abhandlung Über den besten Gebrauch der heiligen Schrift in pädagogischer Rücksicht, die er 1788 seiner deutschen Übersetzung von Kohelet, Der Prediger, voranstellte, verfolgte Friedländer den Lehrsatz von der Universalität religiöser Grundwahrheiten so konsequent, dass er das Beispiel des Glaubensbekenntnisses der Brahmanen anführte und einen Auszug daraus abdruckte.17 Die „Philosophie der Braminen in Indien“ ist ihm der Beweis dafür, dass sich „die abstraktesten Lehren der Vernunft ohne Hilfe der Offenbarung“, allein durch die „unermessliche Kraft des menschlichen Geistes“ ermitteln lassen.18 Schließlich zieht er den Schluss:

Wahrheiten, von welchen der Mensch nothwendig überzeugt seyn muß, wenn er auf dieser Welt als ein vernünftiges Wesen glücklich seyn will, kann die allgerechte Gottheit unmöglich Einem Volke ausschließenderweise mitgetheilt haben. [… ] Es giebt kein Volk unter der Sonne, daß nicht mehr oder weniger richtige Begriffe von dem Urheber der Natur und seinen unendlichen Eigenschaften hätte.19

Und so ist der Prediger in Friedländers Worten

kein dogmatischer kalter Lehrer, sondern ein feuriger lebhafter Untersucher der Wahrheit. Diesem ist es eigenthümlich, wenn er ein Weiser ist, die entgegengesetzten Meynungen anzuhören. Ohne Rücksicht auf sein eignes System, merkt er auf alle Einwendungen, die ihm gemacht werden können.20

Der Prediger gewinnt in der Charakterisierung Friedländers deutliche Züge der „Zwillings-Weisen“ Sokrates und Mendelssohn. Und auch die Religionen gleichen mit den ihnen gemeinsamen Grundwahrheiten Zwillingen. Damit ist ein geschwisterliches Verhältnis aller Menschen als Kinder eines Gottes impliziert. ← 285 | 286

Die hebräische Schrift Ha-Nefesch und ihre institutionellen Kontexte

Während andere Freunde Mendelssohns nach seinem Tod Biographien und Nachrufe verfassten, ging Friedländer an ein ganz anderes Werk: Er gab 1787 im Verlag der jüdischen Freischule, der Orientalischen Buchdruckerei,21 eine hebräische Version des Phädon unter dem schlichten Titel images (Ha-nefesch, Die Seele) heraus.22 Die nur zwanzig Blatt umfassende Schrift beinhaltet die Essenz der logischen Beweisführung Mendelssohns. Dieser hatte die hebräische Kurzversion zwar selbst entworfen, die Veröffentlichung von Ha-nefesch ging jedoch auf die Initiative Friedländers zurück. Er wolle damit „das Verlangen des Verständigen“ befriedigen, der es liebe, „den Ursprung seines Menschseins zu erforschen“, heißt es in Friedländers Einleitung. Er zielte auf die schmale Gruppe der Maskilim, wie auch auf die älteren Schüler der Freischule, denen er die zentralen Ideen der Mendelssohnschen Religionsphilosophie näher bringen wollte.23 Auszüge aus Ha-nefesch wurden bereits 1784 im Anhang zu Isaac Satanows hebräischer Sittenlehre Sefer ha-middot (images „Buch der Sitten“) veröffentlicht. Das Sefer ha-middot kam im Verlag der jüdischen Freischule heraus und verdankte sich einem Preis, den David Friedländer und Isaac Daniel Itzig als Direktoren der Freischule im Jahr zuvor „auf den besten Entwurf einer nach jüdischen Grundsätzen abgefaßten Sittenlehre“ ausgeschrieben ← 286 | 287 hatten.24 Die Veröffentlichung dieser Schriften im Umfeld der Freischule zeigt, dass die Sokratisch-Mendelssohnsche Religionsphilosophie ein wichtiges Fundament im Bildungskonzept der Freischule darstellte.

Die Portraitbüste Mendelssohns, in weißem Marmor von dem Bildhauer und Direktor der Akademie der Künste Jean Pierre Antoine Tassaert (1727–1788) gearbeitet, ist ikonographischer Ausdruck dieses Bildungskonzepts. Sie entstand 1784 wahrscheinlich auf Anregung Friedländers und wurde von zwanzig Freunden Mendelssohns finanziert.25

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Abb. 2:    Jean Pierre Antoine Tassaert, Moses Mendelssohn, 1785, Marmorbüste © Gidal-Bildarchiv im Salomon Ludwig Steinheim-Institut, Essen

Aus dem Kunstwerk spricht der Versuch, „durch die künstlerische Reflexion der Antike das Denkmal Mendelssohns mit seinem philosophischen Werk zu ver ← 287 | 288 binden“.26 Vermutlich diente Tassaert eine antike Büste des Sokrates als Vorlage. Im Februar 1785 wurde die Mendelssohn-Büste in den Räumen der Jüdischen Freischule aufgestellt.27 Die von Karl Wilhelm Ramler (1725–1798) verfasste Inschrift auf dem Sockel der Büste nimmt doppeldeutig Bezug auf Mendelssohns Unsterblichkeitslehre:

Moses Mendelssohn

Geboren in Dessau

Im Jahr 1729

Von jüdischen Ältern.

Ein Weiser wie Sokrates

Den Gesetzen der Väter getreu

Unsterblichkeit lehrend

Und unsterblich wie er.

Während der Entstehungszeit der Büste schrieb Friedländer: „Alle Steinmetzen sind freilich nicht Socratesse, alle Kaufleute nicht Mendelssohne: aber daß sie es seyn können, ist doch nicht absolut – unmöglich“.28 Dieser Aphorismus ist erfüllt von der Idee, dass jeder Mensch dazu bestimmt sei, seine ihm eigenen Anlagen und Fähigkeiten bestmöglich zu vervollkommnen. Im Phädon hatte Mendelssohn die Unsterblichkeitslehre als wesentliche Glaubenswahrheit mit der Idee der Vervollkommnungsfähigkeit verknüpft. In diesem Sinn sagt Friedländer in seiner Rede von 1817:

Nie ist der Sterbliche ganz was er seyn soll und kann. Von Gott berufen, steigt er von Stufe zu Stufe die ganze Leiter seiner Veredlung hinan, bis zu dem Punkt, den seine endliche Kräfte hienieden zu ersteigen gewidmet sind. Und doch wer bestimmt auch hier die Gränze? Kein Mensch steht so hoch, daß er nicht höher steigen könnte. – Wann […] ist er so wirksam, so wohlthätig, so fehlerfrei, daß er nicht kräftiger, wohlthätiger, tugendhafter werden könnte? […] Wie leiten diese nie auf Erden sich ganz entwickelnde Fähigkeiten, Kräfte und Talente, den Nachdenkenden auf Fortdauer und Unsterblichkeit. Die Seele des Menschen ist unsterblich.29 ← 288 | 289

In ihren Übersetzungen aus dem Tanach brachten die Berliner Maskilim die biblischen Lehren mit den universalen Grundsätzen der Religionsphilosophie Mendelssohns in Einklang. Die Gesellschaft zur Beförderung des Edlen und Schönen images die kurz nach Mendelssohns Tod in Berlin gegründet wurde, machte Förderung, Produktion und Vertrieb der Haskala-Literatur zu einer ihrer Hauptaufgaben.30 Vor den Mitgliedern der Gesellschaft zur Beförderung des Edlen und Schönen hielt Friedländer 1791 eine Vorlesung bey der erneuerten Todesfeyer Mendelssohns. Hier appelliert er an die Selbstbildung der Juden, mit dem Ziel einer immer weiter fortschreitenden intellektuellen und sittlichen Vervollkommnung nach dem gelebten Vorbild Mendelssohns: „Sein Geist, seine Liebe zur Wahrheit, sein reger Trieb, sie zu verbreiten, seine sittliche Güte, sein untadelhafter Wandel“31 seien unter Mendelssohns Zeitgenossen einzigartig und unvergesslich. Das Betrachten „eines solchen edlen Gebildes, einer solchen Zierde der Menschheit“ gewähre „ein reitzendes Vergnügen“32. Wie der Anblick eines vollkommenen Kunstwerks starke Emotionen beim Betrachter hervorzurufen im Stande sei, so soll die Vergegenwärtigung der sittlichen Schönheit Mendelssohns Empfindungen wecken, um die Herzen der Menschen zu öffnen und sie für das Gute empfänglich zu machen. Für Friedländer spiegelte Mendelssohns Lebensweg die „so einleuchtende Wahrheit“ wider,

daß jeder Mensch, auch der unbedeutendste Judenknabe, unter einer weisen Regierung, sich zum aufgeklärtesten und kultivirtesten Bürger, zum Lehrer und zum Muster seiner Nebenmenschen aufschwingen; daß jeder Mensch, auch der Jude, ein frommer, rechtschaffener, moralisch guter Mann seyn könne, obschon er das höchste Wesen auf eine andere Weise anbete, und obschon er über gewisse, außer dem praktischen Leben liegende, theils übersinnliche, theils historische Wahrheiten, andere Meinungen und einen andern Glauben habe.33

Die maskilische Lehre, die sowohl an der Freischule als auch durch die Gesellschaft zur Beförderung des Edlen und Schönen Verbreitung finden sollte, fußte auf den religiösen Grundwahrheiten („Vernunftwahrheiten“) und einer Sittenlehre, deren moralische und soziale Regeln aus den Schriften des Tanach schöpften, sowie auf dem Appell, im Sinne Mendelssohns und nach seinem Vorbild zu handeln und zu wandeln. Diese maskilische Lehre versuchten die ← 289 | 290 Berliner Maskilim mit ihren Schriften zu verbreiten und in ihrem Konzept einer allgemeinen Menschenbildung zu etablieren.

Doch Ende des 18. Jahrhunderts zeichnete es sich ab, dass sie mit ihren Bemühungen gescheitert waren. An der Freischule konnte ihr Bildungskonzept wegen Frontstellung der traditionalistischen Gemeinde nicht verwirklicht werden. Die ersten Reformverhandlungen um eine rechtliche Gleichstellung der Juden waren nahezu erfolglos geblieben und viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde traten zum Christentum über.34 Die Gesellschaft zur Beförderung des Edlen und Schönen hatte sich bereits 1794 aufgelöst, die hebräische Aufklärungsliteratur wurde in größerem Umfang weder gekauft noch gelesen. Und so mussten sich die Maskilim eingestehen, dass sie es nicht geschafft hatten, mehr als nur ein „kleines Häuflein“35 Anhänger um sich zu scharen. Resigniert schrieb Friedländer 1799:

Alle unsere hebräisch geschriebene Bücher liest Keiner … Für Wen wird nun geschrieben? Es schlug ja Einer schon vor, über die jüdische Druckerei zu schreiben: hier werden Bücher gedruckt, die nie gelesen werden! Das ist, nach meiner Meinung, im eigentlichen Sinne des Wortes wahr.36

Zu dieser Zeit beauftragte Friedländer Johann Gottfried Schadow (1764–1850) mit der Federzeichnung Sokrates im Kerker, die 1800 in der Berliner Akademie-Ausstellung gezeigt wurde.37 Im Ausstellungskatalog erhielt das Kunstwerk eine außergewöhnlich ausführliche Bildbeschreibung, die vermutlich Friedländer selbst verfasst hatte. Hier heißt es:

Die Scene, welche der Künstler auf dieser Zeichnung dargestellt hat, ist aus den letzten Lebenstagen des Sokrates […]. Sie geht in dem Kerker vor, in welchem der Weise wenige Tage nachher den Giftbecher zu sich nahm.38

Dann werden Charaktereigenschaften und Reaktionen der „Freunde und Schüler“ des Sokrates beschrieben, der „die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele ← 290 | 291 bereits vorgetragen und mit unwiderleglich scheinenden Beweisen unterstützt“ habe. Die Bildbeschreibung endet schließlich mit dem Zitat eines Dialogs zwischen Phädon und Sokrates:

Dieser ergreift seine Haare, die herunterhängen, und streichelt sie, „wie er denn gewohnt war“, sagt Phädon, „mit meinen Locken zu spielen.“ „Morgen“, sprach er, „Phädon! dürftest du wohl diese Locken auf das Grab deines Freundes streuen.“ – „Allem Ansehn nach“, erwiederte Phädon. „O thut es nicht“, versetzte Sokrates. „Warum denn das?“ „Noch heute müssen wir beide unser Haar abschneiden, wenn unser schönes Lehrgebäude so dahin stirbt, und wir nicht im Stande sind, es wieder aufzuwecken“.39

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Abb. 3:    Johann Gottfried Schadow, Sokrates im Kerker, 1800, Aquarellzeichnung © Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin (Inv. Nr.: SZ Schadow 2)

Auf dem Hintergrund des eben skizzierten Misserfolgs der Berliner Maskilim und angesichts der Tatsache, dass auch Sokrates’ „Zwillings-Weiser“ Mendelssohn auf der Federzeichnung Schadows präsent ist, kann dieser Abschnitt der Bildbeschreibung gelesen werden wie die Klage über die Sterblichkeit der maskilischen Lehre. ← 291 | 292

Die fünfte Auflage des Phädon, Heinemanns Schulen und Jedidja

Mit einem Abstand von fast vierzig Jahren zur vierten Auflage (1776) gab Friedländer 1814 die fünfte Auflage des Phädon heraus. Seither hatten die Lebensverhältnisse der preußischen Juden gewaltige Veränderungen erfahren. 1812 wurde endlich das lang ersehnte Emanzipationsedikt verabschiedet, das den Juden rechtliche Gleichstellung mit allen anderen Staatsbürgern zusicherte. Das Deutsche ist nun zur allgemeinen Gebrauchssprache geworden. Ein gutes Vierteljahrhundert nach Erscheinen der schmalen hebräischen Schrift Hanefesch wandte sich die deutsche Neuauflage des Phädon besonders an die heranwachsende Generation. Befreit von den drückenden rechtlichen und sozialen Beschränkungen, könne sich deren Geist nun frei entwickeln, so Friedländers optimistische Einschätzung. Es eröffnete sich ihm ein neues Feld zur Verbreitung der Sokratisch-Mendelssohnschen Philosophie.

Einen fruchtbaren Teil dieses neuen Feldes stellte die 1816 eröffnete Erziehungs- und Lehranstalt von Jeremias Heinemann dar, der kurze Zeit nach der Schuleröffnung mit der Herausgabe seiner Zeitschrift Jedidja begann und 1818 auch eine Unterrichtsanstalt für Töchter gebildeter Eltern einrichtete.40 Dem zweiten und dritten Jahrgang von Jedidja steuerte Friedländer eine ganze Reihe von Beiträgen über und von Mendelssohn bei, darunter Unterhaltung mit Mendelssohn, aus der Erinnerung niedergeschrieben und Über Mendelssohn, seinen Charakter, seinen Wirkungskreis und seine Verdienste um die Israeliten.41 Bei diesen Mendelssohn-Fragmenten (1818/19) handelte es sich keineswegs um biographische Aufzeichnungen im üblichen Sinn. Es ging Friedländer hierin vielmehr um die Beschreibung des Wesens Mendelssohns, seines Charakters und der Art seines Umgangs mit seinen Mitmenschen im Allgemeinen und seiner Strategien der Konfliktlösung im Besonderen. Die vorbildliche Handlungsweise Mendelssohns an die jüngere Generation zu vermitteln, war für ihn weit wichtiger, als sich mit Mendelssohns wissenschaftlichen Schriften auseinanderzusetzen.42 Dass sich Friedländer im frühen 19. Jahrhundert mit den Mendelssohn-Fragmenten in Jedidja zu Wort meldete, steht in engstem Zusam ← 292 | 293 menhang mit Heinemanns Erziehungs- und Lehranstalt für Knaben. Konnte Mendelssohn „in seiner Seele Gottesverehrung, Gottergebung und Menschenfreundschaft vereinigen, warum nicht mehr und andre Jünglinge dieses Volks?“43, lautet seine Devise. Da Mendelssohn „sich zu einer eminenten Höhe der Sittlichkeit“ emporgeschwungen habe, sei er zum Vorbild prädestiniert: „Sein Leben lehrte“.44

Eine Besonderheit der Zeitschrift Jedidja ist, dass Heinemann sie als Publikationsort seiner Schulprogrammschriften nutzte, die hier jeweils im „Ersten Hauptteil“ der Zeitschrift erschienen, während „Allgemeine Menschenbildung“ den „Zweiten Hauptteil“ ausmachte, in dem auch die Mendelssohn-Fragmente erschienen. 1817 verkündete Heinemann, dass seine Lehranstalt „nicht blos eine Schule der wissenschaftlichen Ausbildung, sondern auch ganz besonders eine Schule der Religion und der Sitten seyn“45 solle. Das Konzept der Heinemannschen Schule, das säkulare Fächer mit religiöser Bildung und „Sittenlehre“ verband, entsprach Friedländers Bildungskonzept weitgehend. Wahrscheinlich ist sogar ein direkter Einfluss Friedländers auf Heinemann, denn bevor dieser sich 1815 in Berlin niederließ, war er als Konsistorialrat des Westfälischen Konsistoriums der Israeliten in Kassel vor allem mit Reformen im jüdischen Unterrichtswesen befasst gewesen und hatte in diesem Rahmen Friedländer kennengelernt.46 Im Mai 1818 schrieb dieser an Heinemann, er teile mit ihm „Wunsch und Verlangen, alles, was sich von unsrem weisen Mendelssohn noch auffinden läßt, zu sammeln und in Ihre Zeitschrift niederzulegen“. Unter der Rubrik „Allgemeine Menschenbildung“ veröffentlichte Heinemann Friedländers Brief in der Jedidja, wo er als Einleitung zu Friedländers Mendelssohn-Fragmenten erschien. Hier heißt es:

Jedidja wird sich ein großes Verdienst erwerben, wenn sein vorzügliches Augenmerk dahin gerichtet ist, für die jungen Männer zu sorgen, deren Beruf und Bestimmung seyn soll, sich selbst auszubilden, und dadurch sich zu Erziehern der Jugend und Volkslehrer geschickt zu machen – dem verewigten Weltweisen soll damit kein Denkmahl gesetzt werden […]. Aber unsren Jünglingen, welche sich den Studien widmen, erzeigen wir einen großen Dienst, wenn wir sie zu ihm hinweisen, und durch diese kleinen Aufsätze sie auf seine größern Werke aufmerksam machen. Was können sie nicht von diesem Edlen lernen! Wahl der Materie, Schönheit der Spra ← 293 | 294 che, Richtigkeit des Ausdrucks, vorzüglich aber Frömmigkeit der Gesinnungen und jene nachahmungswürdige Bescheidenheit, die aus allen seinen Vorträgen, wie der Geruch der Veilchen sich sanft verbreitet. Nirgends anmaßender Ton; immer will er nur mit uns lernen, mit uns forschen, mit uns denken; niemals seine Ansicht ohne Gründe, auf Authorität aufdringen, als Lehrer, seine Meinung geltend machen. – Wie sehr bedürfen wir zu unsrer Zeit solcher Muster!47

Mit Friedländers Mendelssohn-Fragmenten konnte „der innere Werth, die wohlthätigen Folgen einer guten Denkungsart und eines edlen Betragens anschaulich gezeigt“ werden. Das entsprach eben jenen Bestrebungen, die Heinemann mit seiner „Sittenlehre“ verband: „Erzählungen guter Handlungen sollen die Ausbildung des Herzens und die Richtung des Gemüths auf Gott bezwecken“48, wie er es formulierte. Die Unterweisung in „Religion und Moral“ gehörte zu Heinemanns Konzept der Allgemeinen Menschenbildung. Nach diesem Konzept unterteilte er den zweiten Hauptteil von Jedidja in sieben Kategorien („Sphären“) der allgemeinen Bildung des Menschen: „I. durch Religion und Moral“, „II. durch Pädagogik“, „III. durch Aesthetik“, „IV. durch Poetik und Rhetorik“, „V. durch Literatur und Geschichte“, „VI. durch Kritik wissenschaftlicher Werke“ und „VII. durch Berichte interessanter Ereignisse, Entdeckungen und Nachrichten von allen Ländern und insbesondere vom Preußischen Staate“.49

Dass für „Religion und Moral“ die prominente erste Stelle eingeräumt wurde, belegt die vorrangige Bedeutung, die Heinemann wie Friedländer dem Bildungswert von Religion, Moral und Sittlichkeit einräumten. „Vorzüglich“ bezwecke Jedidja „die religiöse, moralische und ästhetische Bildung der Menschheit, und richtet dabei ganz besonders sein Augenmerk auf die gegenwärtige Bildungsstuffe seiner Glaubens-Brüder und Schwestern in der Welt“50, so Heinemann. Unter der hervorgehobenen Kategorie „Religion und Moral“ erschienen 1817 Mendelssohns Andachtsübung eines Weltweisen, die zuerst in Friedländers Lesebuch für jüdische Kinder (1779) erschienen war, Friedländers Rede, gehalten vor einer Gesellschaft gebildeter Israeliten sowie dessen Rede über Psalm 19 und 1818/19 die Mendelssohn-Fragmente. Mit all diesen Beiträ ← 294 | 295 gen bekannten sich Friedländer und Heinemann zur Sokratisch-Mendelssohnschen Tradition. Wie Platon und Mendelssohn in ihrem Werk Sokrates als Lehrer und Vorbild charakterisierten, um bei ihren „Lesern das Andenken des Weltweisen aufzufrischen“,51 so schreibt Friedländer in Jedidja über Mendelssohn als das große „Muster und Vorbild“ für seine Generation und deren „Nachkommen“: „Ein Bild von ihm […] wird immer belehrend und erquickend bleiben“.52

Jahre später sah Jeremias Heinemann das offenbar noch genauso. 1831 veröffentlichte er erneut Lowes Kupferstich mit den „edlen Zwillings-Weisen“ Sokrates und Mendelssohn im Frontispiz der „Sammlung theils noch ungedruckter, theils in andern Schriften zerstreuter Aufsätze und Briefe von ihm, an und über ihn“, die er unter dem schlichten Titel Moses Mendelssohn (Leipzig 1831) herausgab. Diese Sammlung widmete Heinemann „Allen Freunden und Verehrern des verewigten Weisen, die wie Er der Wahrheit huldigen“.

Unter der Überschrift Das Titelkupfer stellte Heinemann ein Zitat aus Johann Caspar Lavaters (1741–1801) vierbändiger Theorie der Physiognomik, Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe (Leipzig u.a. 1775–1778), seiner Sammlung voran:

Ich weide mich an diesem Umrisse! Mein Blick wälzt sich von diesem herrlichen Bogen der Stirne auf den scharfen Knochen des Auges herab… In dieser Tiefe des Auges sitzt eine sokratische Seele! Die Bestimmtheit der Nase – der herrliche Uebergang von der Nase zur Oberlippe – die Höhe beider Lippen, ohne daß eine über die andere hervorragt, o wie alles dieß zusammenstimmt, mir die göttliche Wahrheit der Physiognomie fühlbar und anschaulich zu machen.53

Mit diesem Zitat, das Heinemann zur Beschreibung der Zwillings-Allegorie in Lowes Titelkupfer diente, wird Mendelssohn ganz in den Vordergrund gerückt. Es scheint, dass die Seele seines Zwillings Sokrates ganz in seinem Wesen aufgegangen ist, in Mendelssohn weiterlebt. ← 295 | 296

Das Zwillingspaar Sokrates und Mendelssohn

David Friedländer und Jeremias Heinemann transportierten mit dem allegorisch (Kupferstich) und metaphorisch (Sinnspruch) entworfenen Zwillingspaar Sokrates und Mendelssohn Inhalte und Werte, die auf der Sokratisch-Mendelssohnschen Tradition und Lehre basieren. Mit der Aktualisierung dieser Philosophie konstituierten sie ein modernes jüdisches Bildungskonzept, das darum bemüht war, das Allgemeine der Menschheit mit dem Besonderen des Judentums zu verknüpfen. So stützte sich die maskilische Lehre, die an der Freischule und innerhalb der Gesellschaft zur Beförderung des Edlen und Schönen sowie später auch an der Heinemannschen Schule zum Tragen kommen sollte, einerseits auf die von Mendelssohn im Phädon entwickelten universalen Religionswahrheiten und zum anderen auf eine partikulare, auf den Lehren des Tanach basierende Sittenlehre.

Noch vor seinem Tod und insbesondere in den Jahren danach, wurde Mendelssohn von denjenigen, die sich in der Sokratisch-Mendelssohnschen Tradition als seine „Schüler“ betrachteten, zu einem Ideal stilisiert, dem antike Züge verliehen wurden.54 Friedländer spricht sogar davon, dass „Mendelssohns Seele so griechisch schön“ gebildet gewesen sei, und dass er „durch Attische Sitten“55 zu überzeugen wusste. Aus Friedländers Sicht gewann mit Mendelssohn nicht nur das Judentum, sondern die gesamte Menschheit ein Beispiel für ethische Vollkommenheit, das die Antike vorzuweisen nicht im Stande war. Mendelssohn wurde so zum „musterhaften Bild menschlicher Vollkommenheit“ schlechthin,56 sein Konterfei eine Allegorie der Sittlichkeit. Dergestalt gewann er Züge eines klassischen Bildungsideals, dessen umfassende Tugenden zur Voraussetzung für wissenschaftliche Erkenntnisse gemacht wurden. In dieser Sokratisch-Mendelssohnschen Tradition merkte denn auch Heinemann zu seiner Schulprogrammatik an: ← 296 | 297

Ohne sittliche Bildung hat alles Wissen kaum halben Werth. Das moralische Gefühl der Kinder […] zu wecken, ihr Gewissen zu verfeinern, sie für alles Gute und Schöne empfänglich zu machen – ist die erste und heiligste Pflicht der Aeltern und derer, die ihre Stelle vertreten: der Lehrer!57

Aus Friedländers Vorlesung, gehalten in der Gesellschaft zur Beförderung des Edlen und Schönen von 1791 zitierend, schrieb Heinemann später in seiner Mendelssohn-Sammlung, man könne

mit Zuversicht sein öffentliches und sein Privatleben, seinen Karakter als Mensch und als Bürger, als Hausvater und als Ehemann, als Lehrer und als Freund, der strengsten Untersuchung unterwerfen: überall werden wir ihn musterhaft, überall gleich groß, gleich liebenswürdig finden.58

Neben den Zwillingen Mendelssohn und Sokrates lassen sich in Friedländers unmittelbarem Umfeld zwei weitere Zwillings-Metaphern ausfindig machen. Zum einen bezeichnete er selbst Wahrheit und Schönheit als „Zwillingsschwestern“.59 Zum anderen betitelte der Berliner Maskil Isaak Satanow (1732–1804) eine von ihm herausgegebene Neuauflage seines hebräischen Gebetbuchs von 1786 mit Friedländers deutscher Übersetzung nach Hld 7,4 Teomej zevija (1798), in Anlehnung an Mendelssohns Übersetzung „Zwillingspaar der Rehmutter“ – eine metaphorische Anspielung auf die Übereinstimmung und Gleichwertigkeit des Originals mit der Übersetzung.60 Doch während diese beiden Metaphern die zwei Kinder einer Mutter bezeichnen und als zweieiige Zwillinge das Verschiedene repräsentieren, das sich im Anderssein ergänzt, erscheinen Sokrates und Mendelssohn als eineiiges Zwillingspaar. Sie sind wesensgleich, übereinstimmend in Charakter, philosophischen Grundsätzen, Tu ← 297 | 298 gendliebe, in ihrem Kampf gegen Vorurteile und Unsittlichkeit, ihrem Streben nach allgemeiner Glückseligkeit – was sie so geschwisterlich verbindet, ist ihre unübersehbare Seelenverwandtschaft. Und dennoch: In der Aktualisierung durch Mendelssohn wird die sokratische Lehre modernisiert und vervollkommnet, die Antike als Bildungsideal überwunden. In seiner Vorrede zum Phädon sagt Mendelssohn selbst, er habe Platons Werk zwar als Vorlage benutzt, jedoch zum Teil starke Veränderungen vorgenommen:

In dem dritten Gespräche mußte ich völlig zu den Neuern meine Zuflucht nehmen, und meinen Sokrates fast wie einen Weltweisen aus dem achtzehnten Jahrhunderte sprechen lassen. Ich wollte lieber einen Anachronismus begehen, als Gründe auslassen, die zur Ueberzeugung etwas beytragen können.61

Konnte Sokrates seine Schüler auf den richtigen Weg bringen, so war es erst Mendelssohn, der in den Augen seiner Schüler zum Ziel der Vervollkommnung führte. Und so ist Mendelssohn in Lowes Kupferstich denn auch ein wenig hervorgehoben vor seinem Zwilling Sokrates.

Während Mendelssohns Phädon die Identifikation mit sokratischer Philosophie und humanistischer Ideologie offenbart, bezeichnet die maskilische Sittenlehre aber auch einen Abgrenzungsprozess vom traditionellen Judentum. Bildungsideal war nun nicht mehr der im rabbinischen Schrifttum versierte Talmudstudent (Talmid Chacham), sondern der tugendhafte, sittlich gebildete Mensch, der aus Eigenerkenntnis moralisch handelt und nicht, weil es ihm zur Vorschrift gemacht ist. Der Mensch sollte freiwillig und undogmatisch, allein durch eigenes Nachdenken zur Erkenntnis des Guten gelangen. Wo diese Selbsterkenntnis nicht stattfand, sollte besser alles beim Alten bleiben. Mendelssohn zitierend stellte Friedländer auch in diesem Sinne Mendelssohn mit Sokrates gleich:

Seinem Sokrates gleich, ließ er alle Lehren unangefochten, die bloß theoretisch falsch, aber den Sitten so großen Schaden nicht bringen konnten, als von einer Neuerung zu befürchten war. Er bekannte sich, wie Sokrates, vielmehr öffentlich zu der herrschenden Meynung, beobachtete die darauf gegründeten Cerimonien und Religionsgebräuche, vermied hingegen alle Gelegenheit zu einer entscheidenden Erklärung.62 ← 298 | 299

Mit dieser geschwisterlichen Gleichstellung von Sokrates und Mendelssohn konnte letztendlich der eigene Verzicht auf traditionelle Zeremonien und Gebräuche legitimiert werden. Das Zwillingspaar ist somit Ausdruck eines modernen jüdischen Selbstverständnisses, das sich im Konzept allgemeiner Menschenbildung manifestierte.

Quellen und Literatur

Altmann, Alexander: Die trostvolle Aufklärung. Studien zur Metaphysik und politischen Philosophie Moses Mendelssohns. Stuttgart-Bad Cannstatt 1969, S. 84-108.

Behm, Britta L.: Mendelssohn und die Transformation der jüdischen Erziehung in Berlin. Münster u.a. 2002.

Czok, Claudia: Schadow, Sokrates und das Judentum. Köln 2002.

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Lohmann, Uta: „Kenntnisse, welche der künftige Staatsbürger bedarf“. David Friedländers Gutachten zur Etablierung moderner jüdischer Schulen in Südpreußen, in: Brocke, Michael; Pomerance, Aubrey; Schatz, Andrea (Hrsg.): Neuer Anbruch. Zur deutschjüdischen Geschichte und Kultur. Berlin 2001, S. 97-112.

Lohmann, Uta: Lessings Einfluss auf David Friedländer – Ideengeschichtliche Hintergründe des Sendschreibens an Propst Teller (1799), in: Kaufmann, Sylke; Siwcyk, Birka (Hrsg.): Lessing und das Judentum im Zeitalter der Aufklärung. Hildesheim u.a. 2015 (in Vorbereitung).

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1      Heinemann, Jeremias: Einleitung, in: Jedidja I/1 (1817), S. 1. Der Name „Jedidja“ ist Zweit- und Alternativname Salomos. Er findet sich nur in 2 Sam 12,24-25.

2      Vgl. Hinske, Norbert; Specht, Rainer: Einleitung, in: Die Philosophie der deutschen Aufklärung. Stuttgart 1990, S. 15. Vgl. auch Lohmann, Uta: „Dieser alte Rheinwein mundet nur noch, wie die Philosophie, unseren Veteranen, die von den Realitäten einen anschaulichen Begriff haben“ – David Friedländer und die Berliner Aufklärung, in: Lehnardt, Andreas (Hrsg.): Wein und Judentum. Jüdische Kulturgeschichte in der Moderne. Bd. 2. Berlin 2014, S. 207-228.

3      Vgl. zu David Friedländers Leben und Werk die Biographie und Bibliographie in: www.haskala.net und Lohmann, Uta: David Friedländer. Reformpolitik im Zeichen von Aufklärung und Emanzipation – Kontexte des preußischen Judenedikts vom 11. März 1812. Hannover 2013; dies.: In Geselligkeit und Öffentlichkeit zum Nachdenken anregen und über das Judentum aufklären. Biographische Streiflichter auf David Friedländer. Einführung, in: David Friedländer. Ausgewählte Werke. Hrsg. u. eingeleitet v. Uta Lohmann. Köln u.a. 2013, S. 7-20. Sowie zu Friedländers Bestrebungen als jüdischer Aufklärer dies.: „Kenntnisse, welche der künftige Staatsbürger bedarf“. David Friedländers Gutachten zur Etablierung moderner jüdischer Schulen in Südpreußen, in: Brocke, Michael u.a. (Hrsg.): Neuer Anbruch. Zur deutsch-jüdischen Geschichte und Kultur. Berlin 2001, S. 97-112; dies.: ,Interkulturalität‘ in der Bildungskonzeption David Friedländers, in: Behm, Britta L. u.a. (Hrsg.): Jüdische Erziehung und aufklärerische Schulreform. Münster u.a. 2002, S. 291-306; dies.: „Ein ganz neues Feld der Erkenntniß“ – David Friedländer zur Bedeutung der Ästhetik für die Bibelexegese der Haskala, in: Trumah 16 (2007), S. 49-71.

4      Friedländer, David: Rede, gehalten vor einer Gesellschaft gebildeter Israeliten, in: Jedidja I/1 (1817), S. 38-56, hier S. 39.

5      Zu Mendelssohns Lebzeiten erschienen drei weitere Auflagen des „Phädon“ 1768, 1769, 1776, Berlin und Stettin bey Friedrich Nicolai.

6      Moritz, Karl Philipp: Über Moses Mendelssohn, in: Sämtliche Werke. Bd. 11. Hrsg. v. Claudia Stockinger. Berlin, Boston 2013, S. 39.

7      Vgl. Schulte, Christoph: Die jüdische Aufklärung. München 2002, S. 204. Leonard, Miriam: Socrates and the Jews. Hellenism and Hebraism from Moses Mendelssohn to Sigmund Freud. Chicago, London 2012.

8      Vgl. Hagen, A.: Der Maler und Kupferstecher Lowe, in: Der neuen Preußischen Provinzial-Blätter andere Folge III (1853), S. 317-329, hier S. 317. Lowe illustrierte einige Werke der Berliner Maskilim, die im Verlag der Jüdischen Freischule erschienen. Vgl. auch das Gedicht von Lippmann Moses Büschenthal: An den Mahler Lowe in Berlin, in: Jedidja I/2 (1817), S. 83f.

9      Friedländer, David: Sokrates und Mendelssohn. Inschrift zum Titelkupfer des zweiten Jahrgangs dieser Zeitschrift, in: Jedidja III/2 (1820/21), S. 108.

10    Schulte: Aufklärung, S. 199; vgl. hier insb. S. 199-206.

11    Zu Friedländers diebezüglichen Bemühungen vgl. Lohmann, Uta: „Dem Wahrheitsforscher zur Belehrung“. .Die Herausgaben von Moses Mendelssohns Ha-nefesh (1787) und Phädon (1814–1821) durch David Friedländer: Kontexte, Adressaten, Intentionen, in: Mendelssohn-Studien 19 (2015) (in Vorbereitung).

12    Friedländer, David: Sendschreiben an Seine Hochwürden, Herrn Oberconsistorialrath und Probst Teller zu Berlin, von einigen Hausvätern jüdischer Religion (Berlin 1799). Neu ediert in: Friedländer: Ausgewählte Werke, S. 185-212, hier S. 191f.

13    Hier erschienen unter der Überschrift „Was ist Wahrheit?“ noch 1831 Auszüge aus Mendelssohns Morgenstunden oder Vorlesungen über das „Daseyn Gottes“ (Berlin 1785); vgl. Jedidja VIII (1831), S. 1-29.

14    Zu „Phädon“ vgl. u.a. Pollok, Anne: Einleitung, in: Moses Mendelssohn: Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele. Hrsg. v. Anne Pollok. Hamburg 2013, S. VII-L; dies.: Facetten des Menschen. Zur Anthropologie Moses Mendelssohns. Hamburg 2010, S. 499-530; Krochmalnik, Daniel: Die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele in der Religionsphilosophie der Aufklärung, in: Goodman-Thau, Eveline (Hrsg.): Vom Jenseits. Jüdisches Denken in der europäischen Geistesgeschichte. Berlin 1997, S. 79-107; Behm, Britta L.: Mendelssohn und die Transformation der jüdischen Erziehung in Berlin. Münster u.a. 2002, S. 107-112.

15    Vgl. Strauss, Leo: Einleitung zu „Phädon“, in: Moses Mendelssohn: Schriften zur Philosophie und Ästhetik III,1. JubA. Bd. 3.1 (1932/1972). S. XIII-XXXIII, hier S. XVIIf.

16    Friedländer, David: Über den besten Gebrauch der h[eiligen] Schrift in pädagogischer Rücksicht, in: Der Prediger. Aus dem Hebräischen v. David Friedländer. Berlin 1788, S. 1-90; hier S. 62 u. 64. Neu ediert in: Lohmann, Uta; Lohmann, Ingrid (Hrsg.): „Lerne Vernunft!“ Jüdische Erziehungsprogramme zwischen Tradition und Modernisierung. Quellentexte aus der Zeit der Haskala, 1760–1811. Münster u.a. 2005, S. 61-81, hier S. 78.

17    Vgl. „Symbol der Braminen“, in: Der Prediger. Berlin 1788, S. 73-78. Vgl. dazu auch Lohmann, Uta: Lessings Einfluss auf David Friedländer – Ideengeschichtliche Hintergründe des Sendschreibens an Propst Teller (1799), in: Kaufmann, Sylke; Siwcyk, Birka (Hrsg.): Lessing und das Judentum im Zeitalter der Aufklärung. Hildesheim u.a. 2015 (in Vorbereitung).

18    Friedländer: Über den besten Gebrauch, S. 30.

19    Ebd., S. 68.

20    Ebd., S. 84f.

21    Zur Geschichte des Verlags der Freischule vgl. Lohmann, Uta: “Sustenance for the Learned Soul”: The History of the Oriental Printing Press at the Publishing House of the Jewish Free School in Berlin, in: Leo Baeck Institute Year Book LI (2006), S. 11-40.

22    Mendelssohn, Moses: Ha-nefesch. Berlin 1787. Hrsg. u. mit einer hebräischen Einleitung versehen v. David Friedländer. Auf dem hebräischen Titelblatt wurde Mendelssohn genannt, doch darunter war ausdrücklich vermerkt, dass das Buch „durch seinen Schüler und Freund David Friedländer“ zum Druck gebracht wurde. Friedländers Einleitung von Adar 5547 (Februar/ März 1787) ist abgedruckt in: JubA. Bd. 3.1, S. 201-233. Für die deutsche Übersetzung der Einleitung danke ich Rainer Wenzel.

23    In diesem Sinn schrieb Friedländers Neffe später in „Jedidja“: „Herr David Friedländer hat eine kleine Abhandlung über die Unsterblichkeit der Seele, zum Gebrauche der obern jüdischen Klassen, geschrieben, welche alle Beweise aus dem Phädon und andern Werken seines Freundes in summarischer Uebersicht enthält“. Friedländer, Michael: Moses Mendelssohn’s Leben, in: Jedidja III/1 (1821), S. 226-249, hier S. 248. Zit. nach dem anonymen Wiederabdruck in Heinemann, Jeremias (Hrsg.): Moses Mendelssohn. Sammlung theils noch ungedruckter, theils in andern Schriften zerstreuter Aufsätze und Briefe von ihm, an und über ihn. Leipzig 1831, S. 27. In JubA. Bd. 23 (1998): Die frühen Mendelssohn-Biographien, Nr. 39, S. 410 ist fälschlicherweise David Friedländer als Autor dieses Artikels angeben.

24    Vgl. Lohmann, Ingrid (Hrsg.): Chevrat Chinuch Nearim. Die jüdische Freischule in Berlin (1778–1825) im Umfeld preußischer Bildungspolitik und jüdischer Kultusreform. Eine Quellensammlung. 2 Teile. Münster u.a. 2001, Dok. 50, S. 209. Satanow gewann den Preis; vgl. Feiner, Shmuel: Haskala – Jüdische Aufklärung. Geschichte einer kulturellen Revolution. Hildesheim u.a. 2007, S. 317.

25    Vgl. Porstmann, Gisbert: Die Portraitbüste, in: JubA. Bd. 24 (1997), S. 50.

26    Ebd., S. 52.

27    Vgl. Stern, Moritz: Gutachten und Briefe David Friedländers. Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland VI (1935), S. 121-125. Neu ediert in: Lohmann, Ingrid: Chevrat Chinuch Nearim, Dok. 718, S. 1356. Wegen Platzmangels und aus Furcht vor Beschädigung durch die Schüler sorgte Schuldirektor Isaac Daniel Itzig schon im Folgejahr dafür, dass das Kunstwerk aus den Unterrichtsräumen entfernt wurde und zunächst im Zimmer der Direktoren einen Platz fand.

28    Friedländer, David: Briefe über die Moral des Handelns, geschrieben im Jahr 1785, in: Lesebuch für alle Stände 9 (1790), S. 83.

29    Friedländer: Rede, gehalten vor einer Gesellschaft gebildeter Israeliten, S. 53f.

30    Vgl. Lohmann, Uta: Chevrat Schocharej haTov wehaTuschija (Gesellschaft der Beförderer des Edlen und Guten), in: Motschmann, Uta (Hrsg.): Handbuch der Berliner Vereine und Gesellschaften, 1786–1815. Berlin, München, Boston 2015, S. 827-837.

31    Friedländer: Vorlesung bey der erneuerten Todesfeyer Mendelssohns; zit. nach JubA 23, S. 297.

32    Ebd.

33    Ebd., S. 303.

34    Vgl. Lohmann: David Friedländer. Reformpolitik, S. 161-184 und Lowenstein, Steven M.: The Berlin Jewish Community. Enlightenment, Family, and Crisis, 1770–1830. New York, Oxford 1994.

35    Unger, Friderike Helene: Über Berlin, in: Jahrbücher der preußischen Monarchie unter der Regierung Friedrich Wilhelm des Dritten. Berlin 1798, Bd. 2. Zit. nach Czok, Claudia: Schadow, Sokrates und das Judentum. Köln 2002, S. 10.

36    Brief David Friedländers an Aaron Wolfssohn von 1799, in: Stein, Leopold: Die Schrift des Lebens. Zweiter Teil. Straßburg i.E. 1877, S. 444f.

37    Czok: Schadow, S. 10.

38    Verzeichnis der zu der Kunstausstellung der Königl. Academie der bildenden Künste und mechanischen Wissenschaften eingesandten Gemälde, Kupferstiche u.s.w. Berlin 1800. Zit. nach: ebd., S. 12f.

39    Ebd. Das Zitat stammt aus dem zweiten Gespräch in Mendelssohns „Phädon“; vgl. JubA. Bd. 3.1, S. 86.

40    Zu Heinemanns Schulen vgl. Fehrs, Jörg H.: Von der Heidereutergasse zum Roseneck. Jüdische Schulen in Berlin 1712–1942. Berlin 1993, S. 48-52.

41    Vgl. im Einzelnen die Bibliographie in Lohmann: David Friedländer. Reformpolitik, S. 533f.

42    In diesem Sinn schrieb er auch noch im hohen Alter, Mendelssohn sei „als Mensch weit seltener, weit ehrwürdiger, weit verehrenswerter […], als der eigentliche Gelehrte“. David Friedländer an Bernhard Beer, Berlin am 5. Mai 1832. Zit. nach Grunwald, Max: Briefe von David Friedländer, in: Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland VI (1935), S. 171.

43    Friedländer, David: Ueber Mendelssohn, seinen Charakter, seinen Wirkungskreis und seine Verdienste um die Israeliten. Ein Fragment, in: Jedidja II/1 (1818/19), S. 22-31. Zit. nach JubA. Bd. 23, S. 379.

44    Ebd., S. 378f. (Hervorhebung U.L.)

45    Heinemann, Jeremias: Grundriß der Heinemannschen Erziehungs- und Lehr-Anstalt für Knaben, in: Jedidja I/2 (1817), S. 140-163, hier S. 141.

46    Vgl. Lohmann: David Friedländer. Reformpolitik, S. 275-277.

47    Friedländer, David: An den Herausgeber der Zeitschrift Jedidja, in: Jedidja II/1 (1818/19), S. 13-14.

48    Heinemann: Grundriß Erziehungs- und Lehr-Anstalt, S. 144-146.

49    Heinemann: Einleitung, S. 3f. Die inhaltliche Nähe zur ersten jüdischen Zeitschrift der Maskilim „Ha-Measef“ ist augenfällig; vgl. Kennecke, Andreas: „Hame’assef” – die erste hebräische Zeitschrift, in: Menora 12 (2001), S. 171-188 und ders.: HaMe’assef. Die erste moderne Zeitschrift der Juden in Deutschland, in: Schulte, Christoph (Hrsg.): Haskala. Die jüdische Aufklärung in Deutschland 1769–1812. Wolfenbüttel 1999, S. 176-199.

50    Heinemann: Einleitung, S. 4.

51    Mendelssohn: Vorrede, in: Phädon. JubA. Bd. 3.1, S. 9; vgl. Mendelssohns „Leben und Charakter des Sokrates“, in: ebd., S. 10-37.

52    Friedländer: Über Mendelssohn, S. 22.

53    Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 1. Leipzig, Winterthur 1775, S. 243f. Zit. nach Heinemann, Jeremias (Hrsg.): Moses Mendelssohn. Leipzig 1831, S. V. Heinemann lässt den Schluss des Lavaterschen Zitats natürlich weg: „Ja, ich seh ihn, den Sohn Abrahams, der einst noch mit Plato und Moses – erkennen und anbeten wird, den gekreuzigten Herrn der Herrlichkeit!“.

54    Vgl. z.B. die Titelkupfer in „Ha-Measef I“ (1783/84) und in der „Berlinischen Monatsschrift 9“ (1787). Diese Kupfer von Moses Samuel Lowe und Daniel Berger hatten offensichtlich ein Grisaille-Gemälde von Johann Christoph Frisch zur Vorlage, das 1778 entstand; vgl. JubA. Bd. 24, S. 37 u. 82-85. Später entstand auch Lowes Kupferstich „Mendelssohn und Sokrates im Medaillon“ nach dieser Vorlage. Vgl. auch Krochmalnik, Daniel: Moses Mendelssohn und die Sokrates-Bilder des 18. Jahrhunderts, in: Keßler, Herbert (Hrsg.): Das Lächeln des Sokrates. Sokrates-Studien 4. Heitersheim 1999, S. 155-216.

55    Friedländer: Vorlesung bey der erneuerten Todesfeyer Mendelssohns; zit. nach JubA 23, S. 301f.

56    Ebd., S. 298.

57    Heinemann: Grundriß Erziehungs- und Lehr-Anstalt für Knaben, S. 144.

58    Heinemann, Jeremias: Vorrede von August 1830, in: ders.: Moses Mendelssohn, S. VIII.

59    Vgl. Friedländer, David: An mein Bildniß, als ich es, der Verlobten meines Sohnes, an meinem Geburtstage überschickte, in: Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmacks II/1 (Februar 1796), S. 187f.: „Die zarte Wahrheit gleicht der Zwillingsschwester, / Der Schönheit“. In diesem Gedicht reagiert Friedländer vermutlich auf Friedrich Schiller, der angekündigt hatte, mit seiner Literaturzeitschrift „Die Horen“, „die Idee der Bildung durch Wahrheit und Schönheit einem breiteren Publikum“ nahebringen zu wollen. Zit. nach Gall, Lothar: Wilhelm von Humboldt. Ein Preuße von Welt. Berlin 2011, S. 78.

60    Hohelied 7,4 lautet in der Übersetzung Moses Mendelssohns: „Deiner Brüste Par / Ein junges Rehepar, / Zwillinge einer Mutter“; vgl. JubA. Bd. 10,1, S. 249. Zu den Gebetbuchübersetzungen vgl. Lohmann, Uta: David Friedländer, Isaak Abraham Euchel und die Gebeteübersetzungen in ihrem bildungshistorischen Kontext, in: Aptroot, Marion u.a. (Hrsg.): Isaac Euchel. Der Kulturrevolutionär der jüdischen Aufklärung. Hannover 2010, S. 105-133.

61    Mendelssohn: Vorrede, in: Phädon. JubA. Bd. 3.1, S. 9.

62    Friedländer, David: An die Verehrer, Freunde und Schüler Jerusalem’s, Spalding’s, Teller’s, Herder’s und Löffler’s. Leipzig 1823, S. 106. In Mendelssohns „Leben und Charakter des Sokrates“ heißt es: „Eine Lehre aber, die bloß theoretisch falsch, und den Sitten so großen Schaden nicht bringen konnte, als von einer Neuerung zu befürchten war, ließ er unangefochten, bekannte sich vielmehr öffentlich zu der herrschenden Meynung, beobachtete die darauf gegründeten Ceremonien und Religionsgebräuche, vermied hingegen alle Gelegenheit zu einer entschiedenen Erklärung.“, in: Mendelssohn: Phädon, JubA. Bd. 3.1, S. 20.