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Wenn Hände eine neue Sprache lernen

Gestikerwerb bei französisch-, spanisch- und russischsprachigen Deutsch-L2-Lernern

Galina Putjata

Gefühle. Gedanken. Emotionen. Dem, was die Sprache zu beschreiben vermag, wird oft erst durch eine Bewegung der Hand Nachdruck verliehen. Dabei unterliegt auch die Gestik sprachlicher und kultureller Variation. Was geschieht, wenn wir den sprachlichen Code wechseln? Verbleibt uns die Gestik als identitäres Merkmal oder passen sich auch unsere Hände der neuen Sprache an? Ausgehend von authentischen Interviews mit spanisch-, französisch- und russischsprachigen Deutschlernern wird empirisch die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen des Gestikerwerbs beantwortet. An der Schnittstelle zwischen Gestikforschung und Zweitspracherwerb angesiedelt, bietet das Buch eine Annäherung an die Prozesse der Gestikherausbildung.
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Teil IV Wenn Hände eine neue Sprache lernen. Alter als Faktor beim Erwerb von Gestik in L2

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In der Kommunikation stellt die Körpersprache das Hauptmedium zur Übermittlung einer Botschaft dar. Ebenso trägt sie aus der semiotischen und semantischen Perspektive gesehen eine bedeutende Funktion und ist zeitlich sowie inhaltlich genauestens auf die Sprache abgestimmt. Doch so wie sich das gesprochene Wort von Sprache zu Sprache unterscheidet, unterliegen auch die redebegleitenden Gesten einer sprachlichen und kulturellen Variation. Insbesondere in der Anzahl und Größe von Gesten lassen sich kulturell signifikante Abweichungen feststellen. Im Teil I der Arbeit wurde gezeigt: Während einige Kulturen, wie die spanische, russische oder französische, dazu tendieren, das gesprochene Wort mit vielen und relativ großen Handzeichen zu untermalen, gestikulieren Briten oder Deutsche eher verhalten.387

Angesichts der außerordentlichen Bedeutung von Gestik für die alltägliche Kommunikation und ihrer kulturell sowie sprachlich variierenden Erscheinungsform stellt sich die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen des Gestikerwerbs. Empirische Erkenntnisse über die Anpassung gestischer Zeichen an eine Zweitsprache erweisen sich allerdings als äußerst widersprüchlich: Während einige Gestikforscher schlussfolgern, dass L2-Lerner in der Lage seien, ihr nonverbales Verhalten an die Zweitsprache anzupassen, sprechen Ergebnisse zahlreicher anderer Studien dagegen.388 Eine mögliche Ursache für diese Diskrepanz könnte das Alter der Lernenden zu Beginn des Spracherwerbs sein. Ich nehme an, dass Gestik, wie jeder andere Teilbereich der Sprache – sei es Morphologie, Syntax oder Phonetik –, der sogenannten critical period unterliegt. Diese Vermutung impliziert, dass es ein bestimmtes Alter gibt, nach dessen Erlangen der intuitive Erwerb einer L2-typischen Gestik erschwert wird, wie...

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