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Innenansichten zur Wissenschaftsgeschichte

Vorläufige Bilanz eines Literaturwissenschaftlers

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Rainer Rosenberg

Ausgehend von der Skizzierung seines Lebenslaufs und der Auseinandersetzung mit den gängigen Identitätstheorien zieht Rosenberg die vorläufige Bilanz aus seinem Germanisten-Dasein. Als ein Literaturwissenschaftler hat er schon seit den 1980er Jahren zur Geschichte seiner Disziplin gearbeitet. Sein Augenmerk richtet sich nach den Tendenzen zu deren Neukonstituierung als Kulturwissenschaft nun auch auf ihre Hinwendung zu einer Geschichte der Wissensformen.
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Herkunft

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Bescheid wusste, lebte der Vater in ständiger Angst vor der Denunziation. Er bekam Magengeschwüre und bekämpfte, wegen eines angeborenen Herzfehlers vom Kriegsdienst befreit, die Angst und die Schmerzen, indem er sich an der ‚Heimatfront’ als eifriger Spendensammler für das sogenannte Winterhilfswerk betätigte und einen Aufnahmeantrag an die Nazi-Partei stellte. Auch nach dem Krieg, als er von dieser Seite nichts mehr zu befürchten hatte und die Familie nun tatsächlich heim ins ‚Reich’ getrieben worden war, hielt der Vater zu den Sudetendeutschen und schärfte seinen inzwischen über den ← 8 | 9 → unbekannten Großvater informierten Kindern ein, niemandem von seiner jüdischen Abstammung zu erzählen.

R. erinnert sich, dass ihn der Klassenlehrer, nachdem er am Vorabend anlässlich einer Elternversammlung den Vater kennen gelernt hatte, fragte, ob die Familie jüdisch sei. Er verneinte es, und obwohl der Lehrer – „man kann das doch jetzt offen sagen“ – nicht locker ließ und R. spürte, wie er dabei errötete, blieb er bei seinem Nein. Er wollte es auch jetzt nicht offen sagen, weil das Wissen, kein vollblütiger Deutscher zu sein, bei ihm einen schweren Minderwertigkeitskomplex erzeugt hatte. Der verflüchtigte sich allerdings noch in der Oberschule, als ihm allmählich bewusst wurde, dass ein großer Teil der Entdeckungen und Erfindungen, die die Deutschen für sich beanspruchten, und der bis vor kurzem verfemten literarischen und künstlerischen Leistungen, die in der übrigen Welt als repräsentativ für die deutsche Kultur...

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