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Wer ist mein Nächster?

Das Soziale in der Ego-Gesellschaft- 15. Ökumenische Sommerakademie, Kremsmünster 2013

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Edited By Severin Lederhilger

Der aktuelle politische und philosophische Diskurs bewegt sich zunehmend zwischen den Polen eines individualistischen Egoismus und den verschiedenen Aspekten gesellschaftlicher Solidarität. Inwieweit egozentrische Tendenzen das Zusammenleben maßgeblich bestimmen oder ob nicht Formen der Solidarität das eigentlich evolutive Erfolgsmodell menschlicher Gemeinschaft darstellen, gehört mit zu den Grundfragen unserer Zeit. Individuelle Verantwortung und autonome Selbstbestimmung kennzeichnen schließlich nicht nur die persönliche Lebensgestaltung, sondern prägen ebenso die wirtschaftlichen, kulturellen und kirchlichen Bereiche der Gesellschaft. Der überfordernde Zwang zur permanenten Selbst-Inszenierung und zur Verwirklichung des eigenen Ichs eröffnet aber zugleich einen neuen Zugang zur Rückfrage nach der Notwendigkeit alternativer Gestaltungen von Vergemeinschaftung, die Verlässlichkeit schenken und speziell der Dimension der Gerechtigkeit Rechnung tragen. Angesichts der anstehenden sozialen Probleme und veranlasst durch das Jubiläum von 10 Jahren «Sozialwort» des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich stellte sich die 15. Ökumenische Sommerakademie Kremsmünster 2013 provokant die biblische Nachfrage «Wer ist mein Nächster?» und erkundete so «das Soziale in der Ego-Gesellschaft».
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Vorwort

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Wer sich mit der sogenannten „Generation Ego“ des 21. Jahrhunderts beschäftigt und deren Werthaltungen untersucht1, vermag damit zwar nicht generalisierend „die“ Jugend zu beschreiben, doch erhöhen die vorhandenen gesellschaftlichen Veränderungen westlicher Zivilisation merkbar den sozialen Druck in Richtung einer immer egozentrischeren Kultur. Kennzeichnend für die gegenwärtige Gesellschaft sind hier die miteinander verbundenen Tendenzen von zunehmender Individualisierung und Ökonomisierung in einer beschleunigten Lebens- und Arbeitswelt.

Das Individuum wird dabei aus traditionellen Bindungen herausgelöst, an deren Stelle – mehr oder weniger offenkundige bzw. bewusst wahrgenommene – Markt-Interessen getreten sind, die inzwischen auch die einst davon getrennten Sphären von Familie, Bildung und Sozialsystem vereinnahmen. Um Erfolg zu haben oder um erfolgreich zu scheinen, muss man sich in allen Lebensbereichen kreativ vermarkten, ohne von den gesellschaftlichen Normvorstellungen allzu sehr abzuweichen. Es ist also ein durchaus schwieriger Weg, den junge Menschen einschlagen müssen, um das prekäre Gleichgewicht zwischen individueller Selbstverwirklichung und dem Wunsch nach Sicherheit in einem Klima allgemeiner sozialer Verunsicherung zu bewahren. In unterschiedlichen Kontexten werden deshalb auch Formen der Ich-Erschöpfung als Konsequenz einer spürbaren Überforderungs-Gesellschaft diagnostiziert.

Die Aktualität dieser Thematik im öffentlichen Diskurs spiegelt sich nicht nur in der Tagung des „Philosophicum Lech“ (September 2013) unter dem Titel ,,ICH. Der Einzelne in seinen Netzen“2, sondern zeigt sich beispielsweise auch in der kürzlich beendeten Ausstellung des ← 7 | 8 → Essl-Museums „Sehnsucht Ich“, worin man eine ästhetische Kulturgeschichte der Individualisierung zusammenstellte, bei der 50 KünstlerInnen auf der...

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