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Familiennamen zwischen Maas und Rhein

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Edited By Peter Gilles, Cristian Kollmann and Claire Muller

Die Familiennamen im Gebiet zwischen den Flüssen Maas und Rhein stellen infolge der komplexen politisch-historischen Grenzziehungen und durch ihre Lage in der Kontaktzone zwischen Germania und Romania eine besonders vielfältige Quelle für die Namenforschung dar. Der Band umfasst komparative und systematische Beiträge zu den Familiennamenlandschaften in den Grenzregionen von Luxemburg, Belgien, Deutschland und Frankreich, die aus sprachhistorischen, kontaktlinguistischen und kartographischen Perspektiven beleuchtet werden. Diese Artikelsammlung richtet sich damit sowohl an Sprachhistoriker wie auch an Kulturhistoriker.
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Deutscher Familiennamenatlas Band 6: Patronyme. Konzept und linksrheinische Beispiele

← 184 | 185 → Deutscher Familiennamenatlas Band 6: Patronyme. Konzept und linksrheinische Beispiele

Kathrin Dräger, Konrad Kunze

Abstract

Der sechste Band des Deutschen Familiennamenatlasses (DFA) ist für die Familiennamen aus Rufnamen (Patronyme) vorgesehen. In ihm soll der Patronymenschatz erstmals umfassend unter arealem Aspekt dokumentiert werden. Im folgenden Beitrag werden Probleme und Konzept dieses Vorhabens anhand linksrheinischer Beispiele erörtert, wobei über die Westgrenzen Deutschlands in die Nachbarländer ausgegriffen wird. Dabei zeichnet sich die Region zwischen Rhein und Maas auch bei der Verbreitung von Patronymen in sprachlicher wie in außersprachlicher Hinsicht als einheitlicher Kulturraum ab.

1 Der grammatische und der lexikalische Teil des DFA

Familiennamen sind einerseits sprachliche Zeichen und als solche Untersuchungsgegenstand der Sprachwissenschaft. Andererseits unterliegen Namen innerhalb der sprachlichen Zeichen spezifischen Sonderbedingungen; einmal aufgrund ihrer Funktion, vor allem indem sie auf Individuen rekurrieren und in ihrer Existenz an diese gebunden sind. Zum anderen aufgrund ihrer Entstehungsbedingungen, denn Namen sind nicht nur an Individuen fixierte Sprache, sondern bei ihrer Entstehung wurden auch bestimmte Sachverhalte an Sprache fixiert, in der sie präsent bleiben können, auch wenn die Sachverhalte längst vergangen sind. Diese doppelte Fixierung in außersprachlichen Herkunfts- und Verwendungszusammenhängen qualifiziert Namen zu einer erstrangigen Quelle auch vieler nichtlinguistischer Disziplinen.

Diese Sachlage erfordert eine Aufteilung des Deutschen Familiennamenatlasses (DFA)1 in einen ersten Teil, der nur ausdrucksseitige Phänomene behandelt und linguistische Zielsetzungen verfolgt, und einen zweiten Teil, der Aspekte der inhaltlichen Motivation und der Fixierung der Namen an Personen und Sachverhalte aufgreift und somit den hier ansetzenden interdisziplinären Interessen gerecht zu werden versucht.

Der erste, „grammatische“ Teil ist bereits erschienen. Er umfasst drei Bände zu den grammatischen Ebenen der Graphematik, Phonematik, Morphematik und Syntagmatik. Der zweite, „lexikalische“ Teil ist in Arbeit. Er untersucht die Familiennamen unter dem Gesichtspunkt, inwieweit sich in ihnen Verbreitung und Varianz lexikalischer Einheiten spiegeln, etwa der appellativische Wortschatz des Mittelalters in Berufs- und Übernamen, der Ortsnamenschatz (Makro- und Mikrotoponyme) in Herkunfts- und Wohnstättennamen oder der historische Rufnamenschatz in Patronymen. Der lexikalische Teil wird nach der Entstehungsmotivation der Familiennamen in die fünf üblichen Namengruppen gegliedert. Band IV des DFA behandelt die Namen nach Herkunft und Wohnstätte, Band V ← 185 | 186 → die Namen nach Berufen sowie nach körperlichen, charakterlichen oder biographischen Merkmalen, Band VI die Familiennamen, die aus Rufnamen entstanden sind. Sie werden der Kürze halber Patronyme genannt, auch wenn es nicht immer der Rufname des Vaters war, aus dem die betreffenden Bei- und späteren Familiennamen entstanden sind.

2 Die Ausgangslage für den Patronymenband

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Abb. 1: Zusammensetzung des Inventars der 1000 häufigsten Familiennamen in Deutschland nach Telefonanschlüssen 1996 (nach Kohlheim/Kohlheim 2001, 285, Abb. 1)

Der Anteil der Patronyme am heutigen Familiennamenschatz Deutschlands ist zurzeit noch nicht exakt zu bestimmen. Kohlheim/Kohlheim 2001 haben die 1000 häufigsten Familiennamen in Deutschland daraufhin untersucht: Die Patronyme erweisen sich als die mit Abstand größte Gruppe; ihr Anteil am Namenschatz, gerechnet an der Zahl der verschiedenen Namen (nicht der Namenträger) beträgt über ein Drittel.2 Dies darf man allerdings nicht auf den gesamten Namenschatz übertragen, der in Bereichen der weniger frequenten Namenvorkommen möglicherweise, ja wahrscheinlich völlig anders proportioniert ist.3 Doch steht außer Frage, dass bei den Patronymen eine in Types- und Tokenzahl gewichtige Materialmenge zu bewältigen sein wird.

Die Patronyme heben sich von den anderen Namengruppen vor allem durch folgende Besonderheiten ab: Sie sind die einzige Namengruppe, die ausnahmslos selbst wieder von Namen abgeleitet (deonymisch) ist. Dagegen beruhen die Namen nach Berufen auf Appellativen (deappellativisch), die nach persönlichen Merkmalen oft auf Adjektiven ← 186 | 187 → (deadjektivisch), die Namen nach Herkunft und Wohnstätte können teils deonymisch, teils deappellativisch sein. Eine Erfassung der aus Rufnamen entstandenen Familiennamen trägt damit wesentlich auch zur Erforschung des spätmittelalterlichen Rufnamenschatzes bei, der in den Familiennamen konserviert ist. Hier eröffnet sich ein erster und zugleich der rationellste Zugang, um großräumig die Verbreitung spätmittelalterlicher Rufnamen überhaupt zu erschließen, und die einzige Möglichkeit, ihre Verwendung in der damals gesprochenen Sprache (und nicht nur in mehr oder weniger offiziellen urkundlichen Aufzeichnungen, also dialektal Haupert statt Hubert, Wörz statt Werner usw.) zu rekonstruieren.

Während die übrigen Familiennamengruppen in der Hauptsache auf Sprachmaterial germanischer (im Osten auch slawischer) Herkunft beruhen, geht die hier zu untersuchende Gruppe in Süddeutschland zu durchschnittlich 25 %, in Nord- und Ostdeutschland zu über 50 % auf durch die christliche Kultur aus fremden Sprachen adaptierte Rufnamen zurück (Kunze 2004a, 75). Nicht zuletzt deswegen ist diese Gruppe gegenüber den anderen durch die größte Vielfalt an Varianten gekennzeichnet. Die Vielfalt wird einerseits, wie auch bei den anderen Gruppen, durch unterschiedliche sprach- und schreibdialektale Realisierungen (Herrmann/Hermann/Hörmann) verursacht, zudem durch verschiedene Möglichkeiten der Namenbildung (Jacob/Jacobs/Jacoby/Jacobsen); andererseits kommen durch Umakzentuierung bei der Adaption fremder Rufnamen bedingte Aufspaltungen hinzu (Matthias: Matt/Thies/Hias), Kontraktionen (Mattes) usw., sodann die Herausbildung verschiedener Typen von Kurz- und Lallformen bei ererbten und fremden Rufnamen (Aegidius: Egid/Gilg/Gille/Gill/Ilg) und schließlich die enorme Potenzierung der Varianz durch Überkreuzung all dieser Prozesse. In nicht wenigen Fällen haben sich aus einem einzigen Rufnamen hunderte von Familiennamen entwickelt. Kathrin Dräger hat soeben den wohl extremsten Fall Nikolaus untersucht, aus dem allein in Deutschland nicht weniger als 4000(!) verschiedene Familiennamen entstanden sind oder wenigstens in dieser Hinsicht diskutiert wurden oder werden können (Dräger 2013).

Damit wird verständlich, dass die Patronyme unter dem Aspekt ihrer großräumigen Verbreitung die am wenigsten untersuchte Gruppe sind, obwohl hier Grundlegendes über die Familiennamenforschung hinaus auch für die Rufnamen zu erarbeiten wäre und damit auch zur Kulturgeschichte, insbesondere zur Geschichte der gesprochenen Sprache, zur mittelalterlichen Heiligenverehrung, zur Aneignung dynastischer Leitnamen usw.

3 Kriterien der Namenauswahl

Aus dieser Lage ergibt sich als zentrales Problem, wie man die großen Materialmengen, die Grundstrukturen ihrer Entfaltung und die wichtigsten Perspektiven ihrer Auswertbarkeit unter den Gesichtspunkten möglichster Repräsentativität und Exemplarizität in einem Atlasband von maximal 1000 Seiten auffängt.

Konkret heißt das, es müssen Beispiele ermittelt werden, die es ermöglichen, einerseits die Rezeptionsräume einer repräsentativen Anzahl ererbter und fremder Rufnamen im Familiennamenschatz anhand des Gesamtfelds ihrer zahlen- und typmäßig relevanten Varianten abzustecken. Andererseits soll es möglich werden, durch Vergleich solcher Beispiele regionale Präferenzen in den Formen der Aneignung und des Gebrauchs der ← 187 | 188 →Ausgangsnamen aufzuweisen, beispielsweise die Bevorzugung von Vollformen (Eberhard), zweistämmigen (Ebert) oder einstämmigen Kurzformen (Eber), Lallformen (Eppe), Flexion (Eberts, Evertz), Suffigierung (Eberl, Ebbing, Eppmann) usw., das heißt, generelle Prozesse der vielfältigen Namenaufspaltung in ihren räumlichen Konturen zu erfassen.

Das bisher einzige auf die Gruppe der Familiennamen aus Rufnamen konzentrierte Lexikon, Linnartz 1958, setzt auf dem Stand der damaligen Forschung als Lemmata 324 „deutsche“ und 268 „fremde“ Rufnamen an, aus denen sich in Deutschland Familiennamen entwickelt haben. Aus einigen, etwa Heinrich, Nikolaus oder Johannes, ging eine enorme Menge von Familiennamen hervor, bei anderen, etwa Ewald, Urban oder Adam, ist deren Anzahl überschaubar.4 Für eine umfassende Dokumentation dieser im Einzelnen sehr unterschiedlich ausgeprägten Namenfülle wären, würde man etwa den 592 Lemmata bei Linnartz 1958 jeweils ein Kapitel (im DFA = einen Kartenkomplex) widmen, über 5000 Druckseiten erforderlich. Es ist also eine rigorose Auswahl zu treffen. Rechnet man pro Kartenkomplex durchschnittlich fünf Karten, mit Kommentartext insgesamt zehn Seiten, können maximal 100 Ausgangsnamen behandelt werden, also etwa ein Sechstel der bei Linnartz 1958 angesetzten Ausgangsnamen.

Die Auswahl dieses Sechstels erfolgt hauptsächlich nach folgenden Kriterien: Das erste Auswahlkriterium ist die Namenfrequenz. Von den tausend häufigsten Familiennamen in Deutschland beruhen 347 auf Rufnamen, an erster Stelle Hartmann mit 50.690 Telefonanschlüssen/ca. 140.000 Personen, an letzter Janzen mit 3.602 Telefonanschlüssen/ca. 10.000 Personen. Sie lassen sich 100 Ausgangsnamen bzw. Namengliedern germanischer Herkunft und 42 Ausgangsnamen nichtgermanischer Herkunft zuordnen.5 Diese häufigsten Namen sollen daraufhin geprüft werden, wieweit sie als „Kerne“ geeignet sind, um die herum unter Berücksichtigung weiterer Kriterien Kartenkomplexe angelegt werden könnten. So treten beispielsweise Eberhardt mit den Ableitungen Ebert, Evers, Eberle sowie die wenigstens teilweise dazugehörigen Namen Ebel und Ebeling unter den frequentesten Namen auf. Daher werden sie als „Kernnamen“ für einen Komplex „Eberhart“ aufgegriffen – sie sind in folgender Aufstellung fett gedruckt – und dann ins Umfeld weiterer Varianten wie Eber, Eberlein, Epp, Ebbing usw. (zusammen mit dem als Ausgangsnamen konkurrierenden Eberwien) eingebettet.6

TitelEber[hart, -wien]
HauptkarteTypen Eberhardt, -hard, -hart
1. NebenkarteTypen Eberwein, -wien
2. NebenkarteTypen Ebert, Eber
3. NebenkarteTypen Eberts, Ebertz, Ebers, Evers, Ewers
← 188 | 189 → 4. NebenkarteTypen Eberle, Eberlein, Eberl
5. NebenkarteTypen Epp, Epe, Ebben, Ebbes, Ebsen, Ebi, Ebbing, Eppmann
6. NebenkarteTypen Ebel, Ebeling, Eble, Epple, Eppler

Die Kartenkomplexe werden so angelegt, dass jeweils der Ausgangsname (manchmal mehrere Ausgangsnamen: Eberhart, Eberwien) den Titel bildet. Auf der Hauptkarte werden Varianten der unverkürzten Vollform dokumentiert (Eberhardt, -hard, -hart), in den Nebenkarten die Ausfaltung im Familiennamenschatz anhand verkürzter (Eber(t) usw.), flektierter (Eberts, Ebben usw.), suffigierter (Eberle, Ebbing usw.) Varianten. Vorangestelltes „Typen“ signalisiert, dass hier mehrere, etwa auf graphematischer Ebene variierende Formen zusammengefasst sind (Typ Eberwien: Eberwien, Ewerwien, Everwien, Everwin).

Als zweites Auswahlkriterium dient die Vielfalt der Namenrezeption. Nicht berücksichtigt werden Fälle, bei denen Rufnamen in ihrer Rezeption als Familiennamen nicht oder kaum diversifiziert wurden, etwa Ewald, Helfrich oder Salomon und/oder keine kartierenswerte Arealbildung aufweisen, etwa Erdmann, Jonas oder Jordan. Die Verbreitung solcher Einzelnamen kann ein Interessent unschwer über das Internet einsehen.

Als drittes Auswahlkriterium kommt hinzu, wieweit Patronyme schon an anderer Stelle in ihrer räumlichen Verbreitung und Ausfaltung behandelt sind. So brauchen etwa die Fälle Jacobus, Matthias/Matthäus, Nikolaus und Wenzel nicht mehr aufgegriffen zu werden.7 Das gilt auch für die zahlreichen Patronyme, die aufgrund ihrer graphematischen, phonologischen oder morphologischen Varianz schon in den grammatischen Bänden des DFA dokumentiert sind. So ist, um ein links des Rheins konzentriertes Beispiel zu wählen, der Fall Wienand/Weinand schon in DFA I (Vokalismus) im Kapitel „Monophthong-Diphthong-Varianz i(e), ei“ dokumentiert.8

Diese Familiennamen gehen auf den Rufnamen Wignand (zu ahd. wīg ‚Kampf‘ + nand ‚kühn‘) mit Ausfall des -g- zurück. Die Grenze der hier kartierten Typen stimmt nach Ausweis fünfstelliger PLZ fast genau mit der Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz überein.9 Typ Wienand setzt sich vor allem nach Belgien hin fort, mit zahlreichen Belegen für Winan(d/t)(s). Noch häufiger ist die Form Wynan(d/t)(s), die auf der deutschen Seite im Raum Aachen konzentriert ist (Anm. 9) und deren lautliche Realisierung in Deutschland unklar ist; im niederländischen Sprachgebiet jedenfalls ist y in Eigennamen meist Ligatur für ij, ein Diphthong mit dem Lautwert [εi]. Während Wynan(d/t)(s) in Belgien dominiert, ist in den Niederlanden Wijnan(d/t)(s) am häufigsten.10 In Luxemburg treten im Jahr 1930 diphthongische Formen mit ei, ey insgesamt ← 189 | 190 → 126-mal auf, monophthongisch ist hauptsächlich Winandy belegt.11 Die Ausgangsform Wignand ist in Deutschland nur noch in Weigenand 27 erhalten, das vor allem im Raum Saarbrücken – Mannheim vorkommt; auf der Karte sind alle sonstigen Varianten erfasst, und somit ist der Fall in DFA I (Vokalismus) schon erschöpfend dokumentiert.

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Abb. 2: Wienand/Weinand in Westdeutschland (nach DFA I, K. 171)

Ähnlich steht es mit Patronymen aus Walter. Die räumlich klar ausgeprägte Opposition Walter/Walther (th überwiegt in Thüringen und Sachsen außer der Lausitz, sonst t) ist in DFA II (Konsonantismus), K. 166 behandelt und die Opposition Walter/Wolter im Kapitel „Monophthongvarianz a, o“ in DFA I (Vokalismus), auch für genitivisches Walters/Wolters, kontrahiertes Wahler(s)/Wohler(s) sowie für die Kurzformen Walz/Wolz (K. 33, 34, 36, 37). Hier wurden auch Varianten mit Umlaut des Stammvokals (Welter/Wälter) in den Kartenkomplex mit einbezogen, weil die umgelauteten Fälle eine Lücke im westmd. Raum schließen, die sich zwischen den Wolter-Vorkommen im Norden und den Walter-Vorkommen im Süden auftut. Im DFA ist Welter/Wälter eine eigene Karte gewidmet (DFA I, K. 35), auf der die Konzentration dieser Namen links des Rheins eindrucksvoll ← 190 | 191 → zutage tritt; auf Abb. 3 werden die umgelauteten Fälle12 in ihrer Relation zu den nicht umgelauteten dokumentiert.

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Abb. 3: Walter/Wolter/Welter/Wälter in Westdeutschland (nach DFA I, K. 33 und 35)

In Luxemburg stand Welter im Jahr 1930 an 15. Stelle der häufigsten Familiennamen. Walt(h)er und Wolter(s) erreichten hier zusammen nicht ein Drittel seines Vorkommens.13 In Deutschland stehen dagegen Walter, Walther und Wolter auf den Rängen 37, 146 und 219 der frequentesten Familiennamen. Mit den zitierten Karten sind die häufigsten Ausfaltungen des Namens Walter ausreichend im Grammatikteil des DFA dokumentiert. Der Fall Walter braucht also nicht mehr im Patronymenband behandelt zu werden.

Anders steht es, um ein weiteres für den linksrheinischen Raum relevantes Beispiel aufzugreifen, im Fall Lambert. Der heilige Lambert war an der Wende vom 7. zum 8. Jahrhundert Bischof von Maastricht und ist Stadtpatron von Lüttich. Die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kultstätten des Heiligen konzentrieren sich in den heutigen südlichen Niederlanden, in Belgien, Luxemburg und im linksrheinischen Deutschland, ← 191 | 192 → s. Abb. 4. Entsprechend oft dürfte er hier als Namenspatron gewählt worden sein, was sich wiederum in den Patronymen niederschlagen musste.

Einige Patronyme aus der Vollform Lambert sind in DFA II (Konsonantismus) aufgegriffen, zunächst unter dem Gesichtspunkt der Assimilation von mb > mm (K. 9: Lambert, Lammert, Lamert). Dabei erscheinen die betreffenden Patronyme insgesamt erwartungsgemäß vor allem am Nordwestrand von Deutschland (Abb. 5).

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Abb. 4: Verbreitung der Verehrung des heiligen Lambert von Lüttich (Ausschnitt aus Zender 1959, Karte 1)

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Abb. 5: Lambert/Lammert/Lamert in Deutschland (nach DFA II, K. 9)

← 192 | 193 → Die Vollformen ohne Assimilation setzen sich zahlreich nach Westen hin in Belgien und Luxemburg fort.

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Abb. 6: Lambert, Lampert, Lampertz, Lamberty in Belgien (Kartierung: Luxemburgischer Familiennamenatlas)

Völlig anders sind die mit k-Diminutivsuffix versehenen Kurzformen vom Typ Lembke, Lemke gelagert (DFA II, K. 10, hier Abb. 7). Sie finden sich weit entfernt von den Vollformen und markant im Nordosten konzentriert.

Damit stellt sich die Frage, ob die so unterschiedlichen Verbreitungsgebiete sprachlich bedingt sind, etwa durch das k-Suffix, oder ob sie auf außersprachliche Faktoren zurückgehen. Eine weitere Lambert-Karte, die sich im Kapitel „Position von r in Patronymen mit -bert und -brecht“ im DFA findet (II, K. 394: Lambert, Lambrecht, hier Abb. 8), könnte zu folgender Hypothese führen: Typ Lambrecht ist im Unterschied zu Typ Lambert vor allem im östlichen Deutschland verbreitet. Die Diminutiva Lem(b)ke dürften also wohl eher auf Lambrecht als auf Lambert zurückgehen. Die Frage wäre, ob der heilige Bischof eventuell nur für den Namentypus Lambert Pate stand, nicht aber für den Typus Lambrecht, und in diesem, vom Kult des Heiligen ganz unberührt, der germanische Rufname weiterlebt, und ebenso in Lem(b)ke.

← 193 | 194 → Um solche Fragen zu verfolgen, wären noch andere Karten zu Patronymen aus Lambert nötig, etwa zu den zahlreichen latinisierten Namen vom Typ Lambertus und Lamberti oder zu den Kurzformen der Typen Lampe oder Lande, zu suffigierten Kurzformen- Typen wie Lamping, Lämpel oder Lanz. Das heißt, dass der Fall Lambert (im Unterschied zu den vorigen Fällen) nicht in den Grammatikbänden erschöpft ist und im Patronymenband aufgegriffen werden muss.14

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Abb. 7: Lembke/Lemke im nördlichen Deutschland (nach DFA II, K. 10)

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Abb. 8: Lambert/Lambrecht in Deutschland (nach DFA II, K. 394)

Mit den hier genannten Auswahlkriterien lässt sich folgender Entwurf eines Inhaltsverzeichnisses für den Patronymenband erstellen: Teil I enthält (vorläufig) 36 dithematische männliche Ausgangslemmata germanischer Herkunft, alphabetisch von Adel[bert] bis Wil[helm] geordnet. Die eckige Klammer besagt, dass auch andere Rufnamen mit Erstglied Adel- einbezogen werden müssen, weil bei Kurzformen wie App nicht mehr zu klären ist, inwieweit sie aus Adelbert, -bold oder -brand usw. entstanden sind. Ein zusätzlicher Kartenkomplex gilt den wenigen monothematischen Ausgangsnamen germanischer Herkunft wie Ernst oder Karl. Teil II enthält (vorläufig) 20 männliche Ausgangslemmata fremdsprachiger Herkunft von Adam bis Urban. Teil III gilt weiblichen Ausgangsnamen wie Otilie oder Margareta.

I Patronyme aus germanischen Rufnamen

1 Adel[bert]

2 Arn[old]

3 Bern[hart]

4 Bert[old]

5 [Rein]bot

6 [Hilde]brand

7 Diet[rich]

8 Eber[hart]

9 Engel[bert]

10 Fried[rich]

11 Geb[hart]

12 Ger[hart]

13 Gis[brecht], Giesel[her]

14 Gott[fried]

15 Hart[mann]

16 Heidenreich

17 Heil[wig]

18 Hein[rich]

19 Helm[mut]

20 Her[bert]

21 Kon[rad]

22 Lam[bert]

23 Leon[hart]

← 195 | 196 → 24 Lieb[hart]

25 Liut[bald]

26 Mark[wart]

27 Mein[hart]

28 Rade[bold]

29 Reich[hart]

30 Rein[hart]

31 Rüdi[ger], Ru[precht]

32 Sieg[fried]

33 Stein[hart]

34 Traut[wein]

35 Wig[bert]

36 Wil[helm]

37 Monothematische Rufnamen (Ernst, Karl)

II Patronyme aus fremsprachigen Rufnamen

1 Adam

2 Ägidius

3 Augustinus

4 Balthasar

5 Cornelius

6 Franziscus

7 Jodocus

8 Johannes

9 Kilian

10 Laurentius

11 Marcus

12 Mauritius

13 Michael

14 Paulus

15 Petrus

16 Philippus

17 Sebastianus

18 Stanislaw

19 Thomas

20 Urbanus

III Metronyme

1 Aus germanischen Rufnamen

1.1 Her[gart]

1.2 Otilie usw.

2 Aus fremdsprachigen Rufnamen

2.1 Katharina

2.2 Margareta usw.

Dieser noch sehr vorläufige Entwurf wird nach Inangriffnahme des Bandes durch intensive Recherchen im Einzelnen korrigiert und ergänzt werden müssen. Doch wird aus ihm ersichtlich, dass es möglich sein wird, die Fülle der Patronyme und Metronyme in einer durch klare Kriterien begründbaren Auswahl in einem einzigen Band des DFA exemplarisch zu dokumentieren.

4 Materialbasis der Kartenkomplexe

Nach der Festlegung der einzelnen Ausgangsnamen, denen jeweils ein Kartenkomplex gewidmet wird, ergibt sich als weitere Frage, welche aus einem bestimmten Ausgangsnamen entwickelten Patronyme für die Kartierung ausgewählt werden. Wie anfangs erwähnt, können aus manchem Ausgangsnamen hunderte von Familiennamen entstanden sein. Es gilt nun, um die oben unter „Kriterien der Namenauswahl“ beschriebenen „Kernnamen“ herum sinnvoll weitere Varianten zu gruppieren. Da es im Zusammenhang eines Atlasses, der die arealen Grundstrukturen des Namenschatzes aufdecken will, kaum auf vereinzelte Familiennamen oder auf Belege mit nur geringer Häufigkeit ankommt, kann man sich auf die Darstellung frequenter Varianten konzentrieren. Zur Reduzierung der Materialfülle sollen, wie schon in den bisherigen Bänden des DFA praktiziert, vor allem zwei Verfahren dienen: das Operieren mit Frequenzschwellen und die Typenbildung.

← 196 | 197 → Als Beispiel sollen die vor allem im westmitteldeutschen Raum konzentrierten Patronyme aus dem Rufnamen Valentin dienen. Sie sind mit K. 88 in DFA II (Konsonantismus) und dem zugehörigen Kommentartext schon hinreichend dokumentiert und werden deshalb im Patronymenband nicht mehr behandelt werden. Doch das Beispiel wird hier aufgegriffen, weil es einerseits vor allem den linksrheinischen Raum betrifft und weil sich andererseits mit einer einzigen Suchformel nahezu alle Patronyme aus Valentin in Deutschland aus der DFA-Datenbank ermitteln und sich damit die beiden eben genannten Verfahren gut illustrieren lassen.

Zur Ermittlung der Varianten wird als Suchauftrag der reguläre Ausdruck (V|F) (ae?|ä|e|oe?|ö)ll?(en)?(dt?|th?).* in die Datenbank eingegeben.15 Er erbringt 1105 verschiedene Namen, darunter viele, die nicht auf Valentin zurückgehen, sondern beispielsweise Herkunfts-/Wohnstättennnamen zu ‚Feld‘ sind. Von den 1105 ermittelten Namen kommen fast die Hälfte, 520 Namen, nur ein einziges Mal vor und 1006 Namen weniger als 50-mal. Es verbleiben 99 Namen; zieht man davon ausländische Fälle wie italienisch Valentino, Herkunfts-/Wohnstättennnamen zu ‚Feld‘ und weitere nicht zu Valentin gehörige und etymologisch unklare Fälle ab, verbleiben nach Einsatz dieses Frequenzfilters von ≥ 50 Tokens (= Telefonanschlüsse) noch folgende 20 Namen (nach Häufigkeit, absteigend): Valentin 1616, Velten 1354, Felten 872, Velte 577, Faltin 540, Feltes 298, Foltin 279, Felden 241, Vallentin 167, Valtin 136, Faltus 127, Velden 123, Feldges 108, Foltyn 102, Völtl 86, Feltgen 73, Foltys 67, Valentiner 64, Valtinke 63, Feldl 61.16

Nun wäre es aber zum einen immer noch zu aufwändig, zum anderen im Sinne der Erfassung von arealen Strukturen des Namenschatzes auch nicht sinnvoll, all diese Namen einzeln zu kartieren. Daher kommt das zweite Verfahren für die Reduzierung des zu kartierenden Materials zur Anwendung, die Typenbildung. Als hauptsächliche Varianzen finden sich in dem eben erstellten Namenkorpus: die Varianz von initialem V/F, von a/e als Stammvokal, von l/ll, von Erhalt/Schwund der Mittelsilbe -en-, von t/d, von i/e in der Endsilbe, von flektierten/unflektierten und von suffigierten/unsuffigierten Namen. Diese Varianzen hängen natürlich teilweise miteinander zusammen. Sie werden daraufhin überprüft, welche von ihnen deutlich voneinander abgesetzte Areale bilden. Dabei ergibt sich, dass Oppositionen wie a/e, Erhalt/Schwund der Mittelsilbe usw. ziemlich willkürlich verteilt und damit nicht kartierenswert sind. Solche nicht kartierenswerten Befunde sowie die Verbreitung nicht kartierter niederfrequenter und/oder konkurrenzbehafteter Namen können im Kommentar der Kartenkomplexe kurz beschrieben werden.

Die deutlichste areale Opposition tritt bei initialem V/F innerhalb des eingedeutschten Typs Velten auf; entsprechend sind in DFA II (Konsonantismus), K. 88 die Einzelnamen zu zwei Typen Velten mit V- und Felten mit F-, hier mit einer Tokenschwelle von 10, zusammengefasst und auf der Karte einander gegenübergestellt.17 Insgesamt sind diese Namen vor ← 197 | 198 → allem links des Rheins konzentriert, darüber hinaus auch in Hessen und im nördlichen Baden anzutreffen. Die Schreibweise mit F- dominiert nördlich der Mosel bei den linksrheinischen Vorkommen, auch am Westrand von Rheinland-Pfalz und im Saarland. In der übrigen Pfalz und bei den rechtsrheinischen Namenvorkommen überwiegt Schreibung mit V-. Ein Blick über die deutsche Grenze nach Westen anhand der Beispiele Felten, Faltin, Velten, Valtin ergibt, dass sich dort vor allem die Schreibweise F- durchgesetzt hat (Abb. 9).18

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Abb. 9: Patronyme aus Valentin: Felten, Faltin, Velten, Valtin (Luxemburgischer Familiennamenatlas, Online-Kartierung, http://lfa.uni.lu/, 06.07.12)

← 198 | 199 → 5 Anlage der Kartenkomplexe

Generell sollen die Namen in den einzelnen Kartenkomplexen so weit wie möglich in der Reihenfolge Vollformen – Reduktionsformen – Kurzformen dokumentiert werden; die Einordnung flektierter und suffigierter Formen erfolgt je nach Materiallage innerhalb dieser Gruppen oder in weiteren, eigenen Gruppen.

Als Beispiel für die Anlage eines Kartenkomplexes sollen im Folgenden die Patronyme aus dem Rufnamen Cornelius dienen. Seine Verbreitung wurde dadurch bestimmt, dass durch Übertragungen von Reliquien des heiligen Papstes (251–253) Cornelius im Frankenreich sein Kult vor allem in dem aus Abb. 10 ersichtlichen Raum populär wurde. Wichtigstes Kultzentrum in Deutschland ist Kornelimünster bei Aachen.

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Abb. 10: Verbreitung der Verehrung des heiligen Cornelius (Ausschnitt aus Zender 1959, Karte 8)

Die Hauptkarte des vorgesehenen Kartenkomplexes (Abb. 11) dokumentiert die Verbreitung der Vollformen und bezieht deren flektierte und suffigierte Varianten mit ein. Es ergeben sich folgende räumlich klar voneinander getrennte Typen: Typ Cornelius in Ostfriesland und am Mittelrhein, Typ Cornelissen am Niederrhein, Typ Cornely an der Mosel usw. Mittelrheinisches Cornelius und Cornely setzt sich z.B. auch nach Luxemburg hin fort,19 nach Belgien hinein vor allem Cornelis und Cornelissen.20

Die nächsten Karten gelten den Patronymen aus Kurzformen. Bei ihnen zeichnen sich zwei weit voneinander getrennte Verbreitungszentren ab, wenn man die Kurzformen in Typen mit kurzem bzw. mit langem Stammvokal sortiert. Links des Rheins konzentrieren sich die kurzvokalischen Typen (Abb. 12): Nelles im Raum Linnich – Köln – Bad Neuenahr-Ahrweiler – Üxheim, dann der genitivische Typ Nellessen, der am Westrand von Deutschland von Kleve bis Monschau bzw. Bonn herrscht. Im Dreieck Duisburg – Mönchengladbach – Bonn findet sich Nellen, welches patronymischer schwacher Genitiv zu ← 199 | 200 → Nell 698 sein dürfte. Nell tritt im Westmitteldeutschen, aber auch nördlich des Bodensees auf und kann Patronym aus Cornelius, aber auch Übername zu mhd. nël(le) ‚Spitze, Scheitel, Kopf‘ sein (Duden Familiennamen 2005, 475). Im Westmitteldeutschen dürfte Ersteres, im oberdeutschen Raum Letzteres gelten. An der Mosel und südlich davon dominiert Nilles, in Westfalen Nillies, in denen der Stammvokal durch ehemaliges -ius von e zu i erhöht wurde. Vor allem Nilles setzt sich nach Luxemburg hinein fort; es belegte hier im Jahr 1930 Rang 41 der häufigsten Familiennamen.21 In Belgien finden sich dagegen die auf Abb. 12 kartierten Familiennamen kaum.22

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Abb. 11: Cornelius/Cornely/Cornelis/Cornelissen/Cornelsen/Cornehl/Cornils in Deutschland (Kartierung: DFA)

Völlig anders gelagert erscheinen dagegen die langvokalischen Typen Nehls und Nehlsen (Abb. 13). Es besteht kein Zweifel, dass es sich auch bei ihnen um Kurzformen von Cornelius handelt.23

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Abb. 12: Nelles/Nellessen/Nellen/Nilles in Deutschland (Kartierung: DFA)

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Abb. 13: Nehls/Nehlsen in Deutschland (Kartierung: DFA)

← 201 | 202 → Weitere Karten könnten wie Abb. 14 mit Nilius, Nelius, Nilges, Nilgen, Nelgen, Nielen und Nie(h)l die Verbreitung weiterer, weniger frequenter Patronyme aus Kurzformen von Cornelius dokumentieren.

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Abb. 14: Nilius/Nelius/Nilges/Nilgen/Nelgen/Nielen/Nie(h)l in Deutschland (Kartierung: DFA)

6 Zwei Merkmale linksrheinischer Patronyme

Abschließend sollen noch zwei Phänomene angesprochen werden, die bei den vorangehenden Beispielen wiederholt als Charakteristika des hier behandelten Raums auftraten. Zum einen hat sich in den Familiennamen besonders häufig der patronymische Genitiv verfestigt. Das gilt zwar auch für deappellativische Familiennamen wie Schulten, Meyers oder Langen, doch Patronyme sind davon in einem besonderen Maß betroffen. Sie treten etwa bei den bisher besprochenen Beispielen im Fall Lambert als Lamber(t)(s/z), Lampen und Lemmen auf, im Fall Cornelius als Cornelissen, Nellessen und Nellen. Der schwache Genitiv auf -en in Patronymen zeigt in Deutschland nach Ausweis von DFA III, K. 20 ein klar umrissenes Hauptverbreitungsgebiet nördlich des Hunsrückkamms und westlich des Rheins sowie ein zweites, kleineres in Ostfriesland und den angrenzenden Regionen. Das deutsche -en-Gebiet setzt sich dabei in den angrenzenden niederländischen und belgischen Regionen fort.24 In Luxemburg ← 202 | 203 → finden sich im Jahr 1930 unter den häufigsten 100 Familiennamen sechs Patronyme im schwachen Genitiv: Position 20 Hansen (< Johannes), 31 Theisen (< Matthias/Matthäus), 40 Goergen (< Georg), 44 Heinen (< Hein[rich]), 96 Grethen (Metronym < Margaretha) und 100 Gillen (< Aegidius).25

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Abb. 15: Hansen/Theisen/G(ö/oe)rgen/Heinen/Grethen/Gillen in Deutschland (Kartierung: DFA)

Abb. 15 zeigt, wie weit sich das Verbreitungsgebiet dieser Familiennamen in Deutschland fortsetzt.26 Die Patronyme im schwachen Genitiv stellen eines der markantesten Kennzeichen des hier zur Debatte stehenden Raums dar. Ihr Verbreitungsradius bedarf noch einer Erklärung.27

← 203 | 204 → Der starke Genitiv auf -s hat in Familiennamen ein weniger eng begrenztes Verbreitungsgebiet als das des Genitivs auf -en. In Deutschland ist dieser Namentyp im gesamten Norden sowie im äußersten Westen nördlich der Mosel konzentriert, s. DFA III, K. 6–19, 88–92. Er setzt sich ebenfalls in den angrenzenden niederländischen und belgischen Gebieten fort und hat seine südwestlichsten Ausläufer in Luxemburg. Die frequentesten Patronyme mit Genitiv-s in Luxemburg sind Peters (vgl. Abb. 17), Michels und Wilmes, im Jahr 1930 auf Rang 62, 68 und 97 der häufigsten Familiennamen.28

Charakteristisch für westmitteldeutsche Patronyme ist zum anderen die Latinisierung, vor allem durch die Versetzung deutscher Familiennamen in den lateinischen Genitiv.29 So tritt in den hier bisher erwähnten Beispielen der Genitiv Lamberti, Lamberty einerseits in Ostfriesland, andererseits vor allem im Raum Trier und in der westlichen Eifel konzentriert auf.30 Aus Winand (Abb. 2) latinisiert ist Winandy, das 1930 Rang 163 unter den häufigsten Namen in Luxemburg einnahm; und unter den 100 häufigsten Familiennamen dieses Landes finden sich die lateinischen Genitive Jacoby, Huberty und Pauli auf den Rängen 51, 52 und 73.31 Abb. 16 fasst die Verbreitung lateinischer Genitive in sieben häufigen Fällen (mit ihren Schreibvarianten) zusammen: Jacobi, Petri, Pauli, Nikolai, Caspari, Conradi und Wilhelmi. Sie konzentrieren sich in den Regionen am mittleren Rhein und nehmen nach Westen hin kontinuierlich zu.32 Diese Zunahme gilt nicht nur für den Typus insgesamt, sondern auch speziell für die Vorliebe, den lateinischen Genitiv nicht mit -i, sondern mit -y zu schreiben, wie aus Abb. 16 deutlich hervorgeht. Bei den drei oben genannten häufigsten luxemburgischen Fällen beträgt im Jahr 1930 das Verhältnis -y : -i 1371 : 10, hier erreicht also -y einen Anteil von über 99 %.

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Abb. 16: Genitiv auf -i/Genitiv auf -y in Deutschland (Kartierung: DFA)

Wieder bleibt die Frage nach den Hintergründen der Verbreitung dieser Phänomene gerade in dieser Region noch zu klären. Die räumliche Verbreitung lateinischer Genitive kann nicht durch die Verbreitung deutscher Genitive bedingt sein, vor allem deswegen nicht, weil die Areale deutscher und lateinischer Genitive sich nur peripher überschneiden, wie etwa aus dem Beispiel Peters versus Petr(i/y) in Abb. 17 ersichtlich ist.

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Abb. 17: Peters/Petri/Petry in Deutschland (Kartierung: DFA)

← 205 | 206 → Trotz der wenigen Beispiele, die hier angeführt werden konnten, dürfte dreierlei deutlich geworden sein: erstens, wie unerlässlich und ergiebig es ist, familiennamengeographische Forschung über heutige Landesgrenzen hinweg zu betreiben; zweitens, wie deutlich dabei die Region zwischen Rhein und Maas auch im Bereich der Patronyme in sprachlicher wie in außersprachlicher Hinsicht als einheitlicher Kulturraum hervortritt; drittens, dass und wie es möglich sein könnte, die Strukturen des überreichen Patronymenschatzes im beschränkten Rahmen nur eines einzigen DFA-Bandes zu konturieren und repräsentativ zu dokumentieren.

Literatur

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DFA II = Kunze, Konrad / Nübling, Damaris (Hgg.): Deutscher Familiennamenatlas, Band 2: Graphematik / Phonologie der Familiennamen II: Konsonantismus, Von Antje Dammel / Kathrin Dräger / Rita Heuser / Mirjam Schmuck, Berlin / New York, 2011.

DFA III = Kunze, Konrad / Nübling, Damaris (Hgg.): Deutscher Familiennamenatlas, Band 3: Morphologie, Von Fabian Fahlbusch / Rita Heuser / Jessica Nowak / Mirjam Schmuck, Berlin, New York, 2012.

Dräger, Kathrin: Familiennamen aus dem Rufnamen Nikolaus in Deutschland, Regensburg, 2013.

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Heuser, Rita / Nübling, Damaris: Von Angenendt über Derrix, Janssen und Terlinden bis Elspaß, Niederrheinische Familiennamen im Rahmen des Deutschen Familiennamenatlasses (DFA). In: Cornelissen, Georg / Eickmans, Heinz (Hgg.): Familiennamen an Niederrhein und Maas, Bottrop, 2010, 37–66.

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Kohlheim, Rosa / Kohlheim, Volker: Von Hartmann bis Janzen, Die Patronymika unter den 1000 häufigsten Familiennamen in Deutschland. In: Braun, Angelika (Hg.): Beiträge zu Linguistik und Phonetik, Festschrift für Joachim Göschel zum 70. Geburtstag, Stuttgart, 2001, 283–307.

Kunze, Konrad: dtv-Atlas Namenkunde, Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet, 5. überarbeitete und erweiterte Auflage, München, 2004a.

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← 206 | 207 → Linnartz, Kaspar: Unsere Familiennamen, Band 2: Aus deutschen und fremden Vornamen im Abc erklärt, 3. Auflage, Bonn / Hannover / Hamburg, 1958.

Marynissen, Ann: Limburgse familienamengeografie. In: Naamkunde 26, 1994, 243–301.

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Marynissen, Ann / Nübling, Damaris (2010): Familiennamen in Flandern, den Niederlanden und Deutschland – ­ein diachroner und synchroner Vergleich. In: Dammel, Antje / Kürschner, Sebastian / Nübling, Damaris (Hgg.): Kontrastive germanistische Linguistik. Hildesheim u.a., 2010, 311–362.

Morlet, Marie-Thérèse: Dictionnaire étymologique des noms de famille, Paris, 1991.

Steffens, Rudolf: Der „Kleine Atlas westmitteldeutscher Familiennamen“. In: Ernst, Peter / Patocka, Franz (Hgg.): Dialektgeographie der Zukunft, Akten des 2. Kongresses der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie des Deutschen (IGDD) am Institut für Germanistik der Universität Wien, 20. bis 23. September 2006, Stuttgart, 2008, 269–292.

Zender, Matthias: Räume und Schichten mittelalterlicher Heiligenverehrung in ihrer Bedeutung für die Volkskunde, Die Heiligen des mittleren Maaslandes und der Rheinlande in Kultgeschichte und Kultverbreitung, Düsseldorf, 1959.

Internet

http://www.familienaam.be

http://lfa.uni.lu

http://www.meertens.knaw.nl/nfds ← 207 | 208 →

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1 Zum Gesamtkonzept des Atlasses s. DFA I, S. XXV–XXXVII und Kunze/Nübling 2007.

2 Kohlheim/Kohlheim 2001, 285. – Bei den 200 häufigsten Familiennamen in den Provinzen des niederländischen Sprachgebiets schwankt der Anteil der Patronyme zwischen maximal 56 % (Belgisch und Niederländisch Limburg) und minimal 5 % (Südholland), Marynissen 2010.

3 Dabei dürfte der Anteil der Patronyme aufgrund ihrer Variantenvielfalt bei den weniger frequenten Namen zunehmen, vgl. Farø/Kürschner 2007 und den Beitrag „Die luxemburgischen Familiennamen entlang der historischen Grenze zu Deutschland – Projektskizze und vorläufige Ergebnisse“ in diesem Band.

4 Als Beispiel für eine durchschnittliche Namenmenge kann Hubert gelten, bei dem Linnartz 1958, 82f. 95 Familiennamen anführt.

5 Laut Kohlheim/Kohlheim 2001, 285–298, nach Telefonanschlüssen, Stand 1996.

6 Von Familiennamen aus Eber[hart, -wien] sind in Luxemburg nach Daten von 1930 vertreten: E(v/w)en 270+211, Ewert(s) 164+1, Eberhard(t) 42+18, E(v/w)erling 42+11, Evera(r)d 20+36, Ewera(r)d 7+23, Evra(r)d 4+22, E(w/v)ers 17+12, Evert(z) 17+3, Ewra(r)d 1+15, Ewertz 14, Ebel 9, Eppe 3, Everhard(t) 2+1, Ewerhard 2 (Institut Grand-Ducal 1989, 85, 93f.).

7 Debus 2011; Dräger 2013; Kunze 2004b; Kunze 2005.

8 DFA I, K. 171 mit Karte für ganz Deutschland, in Abb. 2 Ausschnitt Westdeutschland.

9 Die Lage der häufigsten unter den Typen Wienand und Weinand subsumierten Familiennamen ist im Kommentartext angegeben: “Im einzelnen finden sich Wienand fast nur östl. des Rheins, Wienands in PLZ 40 Düsseldorf, 41 Mönchengladbach und 47 Duisburg, Wynands in PLZ 52 Aachen, Winands in PLZ 50 Köln, Winand in PLZ 53 Bonn, Weinandt im Raum Gießen, Weynand im Raum Siegen“ (DFA I, 390).

10 Belgien: Wynant(s) 606+2032, Wynand(s) 3+171, Wynandt 18; Winand(s) 744+11, Winant(s) 214+71, Winandts 4, Wienand 1; Wijnant(s) 268+1119, Wijnand(s) 4+77, Wijnandts 38; Weynant(s) 9+261, Weynand(s) 179+19, Weinand 51, Weynandt 4 (Einwohner 1998, www.familienaam.be, 28.06.12).

Niederlande: Wijnand(t)s 3442+98, Wijnant(s) 38+429, Wijnand 280; Wynand(t)s 49+7, Wynant(s) <5+28; Winand(t)s 151+7, Winant(s/z) 83+5, Wienand(s) 6+5, Wienandts <5; Weinand(s) 100+16, Weynants <5 (Einwohner 2007, www.meertens.knaw.nl, 28.06.12).

11 Winand(y/i) 240+3, Winands 1, Wynandi 1; Weinand(t) 32+22, Weynand(t) 6+43, Weinandy 23 (Einwohner 1930, Institut Grand-Ducal 1989, 400, 407, 411, 417).

12 Wölter 22 ist verstreut im mittel- und niederdeutschen Gebiet verbreitet und wird aufgrund seiner geringen Frequenz nicht auf der Karte erfasst.

13 Welter 1097, Wolter(s) 304+1, Walt(h)er 36+15 (Einwohner 1930, Institut Grand-Ducal 1989, 394, 403, 416, 424).

14 Der entsprechende Kartenkomplex könnte folgendermaßen aufgebaut werden:

TitelLam[bert]
HauptkarteTypen Lambert, Lambertus, Lamberty, Lambertz
1. NebenkarteTypen Lambrecht, Lamprecht
2. NebenkarteTypen Lammert, Lammertz, Lemmert, Lemmertz
3. NebenkarteTypen Lammer, Lammers, Lemmer, Lemmers
4. NebenkarteTypen Lampe, Lamp, Lampen, Lamping, Lampmann
5. NebenkarteTypen Lemme, Lemm, Lemmen
6. NebenkarteTypen Lembke, Lemke, Lämpel, Lampl
7. NebenkarteTypen Lande, Land, Landes
8. NebenkarteTypen Lanz, Lantzsch

15 In diesem Suchauftrag bedeuten (…|…) = alternativ; ? = fakultativ; .* = alles, was nachfolgt.

16 Bei den hier aufgezählten Familiennamen sind zum Teil Konkurrenzen möglich, etwa bei Feldl mit Herkunfts- und Wohnstättennamen zu ‚Feld‘, die jeweils im Kommentartext diskutiert werden.

17 Datenbasis von DFA II, K. 88:

Typ Felten 11 Types/2130 Tokens: Fel(t/d)en 872+241, Faltin(s) 540+13, Folt(i/e)n 279+21, Fel(t/d)ens 48+26, Falten 36, Feltin 28, Feldten 26.

Typ Velten 8 Types/1704 Tokens: Velten(s) 1354+31, Valt(e/i)n 19+136, Veld(t)en 123+10, Veltin 18, Voltin 13.

Die Verbreitungsgebiete von Velten mit t und Felden mit d decken sich weitgehend, was dafür spricht, beide als Patronyme von Valentin anzusehen und Felden mit d nicht wie bisher üblich als Herkunfts- oder Wohnstättennamen zu ‚Feld‘ einzustufen.

18 Felten belegte in Luxemburg im Jahr 1930 Rang 75 der häufigsten Familiennamen (Institut Grand-Ducal 1989, 425). Valtin wird von Morlet 1991, 950 in Frankreich als Kontraktionsform aus Valetin (zu Valet ‚kleines Tal‘) angesetzt, nur in Lothringen als Patronym zu Valentin. Laut Debrabandere 2003, 1242 ist Valtin in Belgien und Nordfrankreich Patronym zu Valentin. Den lateinnahen Patronymen Val(l)entin 1616+167, Val(l)entien 30+2, Vallenthin 13, Valenthin 11, Valentins 2, die im westlichen Hessen besonders konzentriert, aber auch sonst in ganz Deutschland verbreitet sind, entsprechen mit F- nur Fal(l)entin 13+7 (Nordrhein-Westfalen). Sie sind nicht kartiert, sondern im Kommentartext (ebd., S. 195) aufgeführt. Fragen wie die, warum sich diese Patronyme (innerhalb Deutschlands) insbesondere im Westmitteldeutschen konzentrieren, obwohl der namengebende Heilige Bischof von Passau war und hauptsächlich in Bayern, Österreich und Südtirol verehrt wurde und wird, können im Absatz “Hinweise”, der jeden Kartenkomplex abschließt, angesprochen werden.

19 Corneli(u)s 1+47, Cornel(y/ie) 20+2 (Einwohner 1930, Institut Grand-Ducal 1989, 61).

20 Cornelis 6743, Cornelisse(n) 9+1458, Cornely 89, Cornel(l) 50+4, (C/K)ornelius 16+1, Carniel 8, Cornielje 1 (Einwohner 1998, www.familienaam.be, 02.07.2012).

21 Nilles 561, Nell(en) 12+5, Nelles(sen) 1+1 (Einwohner 1930, Institut Grand-Ducal 1989, 267, 272).

22 Von den kartierten Namen nur Nilles 57 (Einwohner 1998, www.familienaam.be, 04.10.2010).

23 Hinzu kämen eventuell noch Anteile der Vorkommen von Nie(h)ls 79+12, Nils 15 sowie Ni(e)lsen 30+1905, Nils(s)on 118+276, Niels(s)on 59+30. Erstere sind hauptsächlich im Raum Hamburg und in Holstein konzentriert, Letztere massiv in Schleswig(-Holstein) und vor allem in Skandinavien. Diese Namen werden gewöhnlich als Patronyme zu Nikolaus gedeutet, was auch durch Gleichungen wie Nicolaus = Niels 1598 in Flensburg (Bahlow 2005, 357) belegt ist. In Dänemark urkundet Bischof Nikolaus von Aarhus auch als Niels von Aarhus. Andererseits legt die Verbreitung von Cornils 296 (s. Abb. 11) und Cornilsen 11 in Schleswig-Holstein und Hamburg die Möglichkeit nahe, dass Familiennamen wie Niels und Nielsen in manchen Fällen durchaus auf Kurzformen von Cornelius zurückgehen können (vgl. Dräger 2013, 246–249). Die Frage nach den Hintergründen der Raumbildungen auf Abb. 11, 12 und 13 ist noch offen.

24 Marynissen 1994, 270–293; Marynissen 2010, 28f.; Marynissen/Nübling 2010, 331–337. – In den Niederlanden finden sich beispielsweise Heijnen 4973, Heinen 2051, Heynen 255, Hijnen 184 (Einwohner 2007, www.meertens.knaw.nl, 05.07.12), in Belgien Heinen 1079, Heynen 685, Hynen 6 (Einwohner 1998, www.familienaam.be, 05.07.12).

25 Institut Grand-Ducal 1989, 424–426.

26 Während das Hauptverbreitungsgebiet von Theisen, G(oe/ö)rgen, Heinen, Grethen und Gillen im auf der Karte gezeigten Raum liegt, finden sich bei Hansen in diesem Raum nur ca. 40 %, aber rund 50 % weit entfernt in Schleswig-Holstein, wo es sich aber nicht um den schwachen Genitiv auf -en, sondern um das Suffix -sen handelt, s. DFA III, K. 84. Die restlichen Vorkommen sind verstreut und auf Bevölkerungsmobilität zurückzuführen. Vgl. auch Heuser/Nübling 2010, K. 8 (Otten), K. 10 (Cornelissen, Gillissen u.a. am Niederrhein); Steffens 2008, K. 2 (Thelen).

27 Besonders zu beachten wäre hier neben patronymischer Motivation des Genitivs (‚des Heinen Nachkomme‘) die Rolle von Hofnamen (‚der aus/in des Heinen Hof ‘).

28 Institut Grand-Ducal 1989, 424f.

29 Zur Latinisierung s. DFA III, K. 338–342 (ins Lateinische übersetzte Berufsnamen), K. 343–348 (lateinische Nominativendung -us in Patronymen), K. 349–355 (lateinische Genitivendung -i in Patronymen), K. 356–360 (lateinische Genitivendungen -is und -ae in Patronymen), K. 361–365 (lateinisches Suffix -ius).

30 Diese Lage und die häufige Schreibung mit -y spricht dafür, dass hier Familiennamen italienischer Herkunft nur zu geringem Anteil zu veranschlagen sind, anders als bei Valentini, das in Deutschland verstreut vorkommt und zweifellos meist auf Einwanderung aus Italien beruht. Lamberti wie Valentini treten in Italien tausendfach auf.

31 Institut Grand-Ducal 1989, 425–427.

32 Dasselbe Latinisierungsareal wie auf Abb. 16 zeichnet sich in Deutschland auch bei lateinischen Nominativendungen ab, etwa bei germanischen Namen im Fall Hubertus, bei lateinischen Namen im Fall Paulus, DFA III, K. 343 und 347. Auffällig ist dabei, dass in Luxemburg Paulus reichlich, Hubertus aber 1930 kein einziges Mal auftritt. Der ungrammatische Genitiv Michaely findet sich in Luxemburg 46-mal, Michaeli einmal, häufiger ist Mich(a)elis 19+86 (Institut Grand-Ducal 1989, 254). In Deutschland ist Michael(y/i) 144+127 im Saarland konzentriert und darüber hinaus verstreut bis zum Rhein (DFA III, K. 356). Im westmitteldeutschen Raum gibt es außerdem zahlreiche latinisierte Familiennamen, die nicht auf Rufnamen zurückgehen; vgl. in Luxemburg unter den 100 häufigsten Familiennamen im Jahr 1930: Rang 18 Faber (< Schmidt u.ä.), 22 Majerus (< Maier u.ä.), 28 Molitor (< Müller, Möller; Institut Grand-Ducal 1989, 424).