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Gestalt und Gestaltung in interdisziplinärer Perspektive

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Ellen Aschermann and Margret Kaiser-El-Safti

Die gestaltpsychologische Schule war ein Meilenstein innerhalb der Theoriebildung der deutschen und österreichischen Philosophie und empirischen Psychologie. Unterschiedliche Schulen folgten ihr nach. Der Einflussbereich der Theorie erstreckte sich ab den 1890er Jahren bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges auch auf angrenzende Disziplinen wie Musik-, Sprach- und Kunstwissenschaft. Bis heute wurde die Autorenschaft von Carl Stumpf und dessen erkenntnistheoretische Fundierung der Gestalt- und Ganzheitspsychologie noch wenig erforscht. Die Wiederbelebung der Lehre Stumpfs könnte hoch aktuelle Fragestellungen wie die nach dem Leib-Seele-Verhältnis vertiefen, aber auch erkenntnistheoretischen, lernpsychologischen und ästhetischen Fragen neue Anhaltspunkte und neuen Aufschwung verschaffen.
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Vorwort

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Der vierte Band der „Schriftenreihe der Carl Stumpf Gesellschaft“ widmet sich der erkenntnistheoretischen Bedeutung der Gestaltpsychologie. Er behandelt sowohl deren historisch-epistemischen Hintergrund als auch Weiterentwicklungen im Sinne des von Carl Stumpf initiierten „mereologischen“ Erkenntnismodells, der Lehre vom Ganzen und diverser Teileinheiten.

Gestalt- und Ganzheitspsychologie sind Bezeichnungen für psychologische Schulen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die sich durch ein theoretisches Interesse an Grundlagenproblemen der Psychologie als empirische Wissenschaft auszeichneten; bis 1933 inspirierten sie auf breiter Basis zu einem intensiven erkenntnistheoretischen Diskurs. Ihr Ziel war, in Ablösung älterer (metaphysischer) Seelenmodelle einen empirisch vertretbaren Seelenbegriff durchzusetzen.

Die Bezeichnungen „Ganzes“ und „Gestalt“ klingen bekannt und mit Alltagsvorstellungen verwandt, aber die hinter ihnen stehenden erkenntnistheoretischen Konzepte sind um vieles komplexer als die Namengebungen suggerieren. Zu einer endgültigen Ausdifferenzierung unterschiedlicher Auffassungen kam es nicht, weil die politischen Verhältnisse in Deutschland das nicht erlaubten, indem sie jeglicher kulturellen Weiterentwicklung und also auch der Diskussion der theoretischen Psychologie ein Ende setzten. Nach 1933 mussten profilierte Psychologen jüdischer Herkunft, unter ihnen namhafte Gestaltpsychologen, Deutschland verlassen, vermochten jedoch in den Gastländern nur teilweise mit ihren Theorien Fuß zu fassen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der abgerissene Faden deutscher Psychologie vereinzelt wieder aufgenommen; aber die zu ihrer Zeit lebhaft geführte Debatte über das Gestalt-Konzept konnte nicht mehr zu neuem Leben erweckt werden. Die deutsche akademische Psychologie hatte sich weitgehend von ihren philosophischen Wurzeln und der erkenntnistheoretischen Grundlagendiskussion verabschiedet und orientierte sich an verschiedenen Wissenschaftsauffassungen. Methodologisch folgte sie...

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