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Wissenstexturen

Literarische Gattungen als Organisationsformen von Wissen

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Gunhild Berg

Literarische Gattungen sind Wissensformate und -praktiken. Sie form(ul)ieren, organisieren, strukturieren, kurzum: texturieren Wissen. Der Band geht der Frage nach, welches Wissen Gattungen mithilfe der ihnen eigenen Texturen wie arrangieren. Welches Gattungswissen wird tradiert? Welche extratextuellen Objekte, Muster oder Bilder wirken in literarischen Gattungen? Die Beiträge analysieren etablierte ebenso wie originelle, kurzlebige Gattungen des späten 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts, deren Entstehung und Veränderung epistemische Brüche markieren. Dazu zählen Idylle, Novelle, Fragment, Rhapsodie, Ansicht, Porträt, Denkmal, Galerie, Panorama, Guckkasten, Daguerreotypie, Zukunftsbild, Experimentalroman, Studie, Dialogroman und Tatsachenroman.
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Das Fragment in der Aufklärung

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← 188 | 189 → Annette Graczyk

Nach allgemeiner Überzeugung entsteht die Literaturgattung des Fragments 1797, als Friedrich Schlegel eine Sammlung von über hundert Gedanken und Einfällen mit dem Titel Kritische Fragmente veröffentlichte. Zum Schauplatz des romantischen Fragments wird in den nachfolgenden Jahren dann bekanntlich vor allem die Zeitschrift Athenäum. Im 24. Athenäumsfragment trifft Schlegel 1798 die für das moderne Fragment charakteristische Unterscheidung: „Viele Werke der Alten sind Fragmente geworden. Viele Werke der Neuern sind es gleich bei der Entstehung.“1

In der Forschung weiß man durchaus, dass es eine essayistische Vorgeschichte des Fragmentarismus etwa bei Montaigne im 16. und bei Pascal im 17. Jahrhundert gibt. In der Vorgeschichte von Collage und Montage hat man zudem noch ältere Vorformen wie den bereits aus der Antike stammenden poetischen Cento, das im 14. und 15. Jahrhundert zunächst poetische, dann musikalische Quodlibet oder das sich begrifflich im 16. Jahrhundert verankernde, zunächst nur bildkünstlerische Capriccio auf ihren offenen bzw. verdeckten Fragmentarismus hin befragt.2 Weniger bekannt ist indes, dass das Fragmentieren 40 Jahre vor den Romantikern als Darstellungsform praktiziert und öffentlich reflektiert wurde. Auf einige seiner fragmentierenden Vorläufer wie Lessing oder Herder hat Schlegel selbst verwiesen. Aber nicht nur diese beiden Autoren haben Fragmente geschrieben und herausgegeben. Schlegels Hinweis fasst vielmehr eine schon seit Jahrzehnten bestehende Entwicklung zusammen.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – genauer: seit den 1760er Jahren – gewinnt das Fragment eine neue erkenntnistheoretische und künstlerische Qualität. Um...

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