Show Less
Restricted access

Wissenstexturen

Literarische Gattungen als Organisationsformen von Wissen

Series:

Gunhild Berg

Literarische Gattungen sind Wissensformate und -praktiken. Sie form(ul)ieren, organisieren, strukturieren, kurzum: texturieren Wissen. Der Band geht der Frage nach, welches Wissen Gattungen mithilfe der ihnen eigenen Texturen wie arrangieren. Welches Gattungswissen wird tradiert? Welche extratextuellen Objekte, Muster oder Bilder wirken in literarischen Gattungen? Die Beiträge analysieren etablierte ebenso wie originelle, kurzlebige Gattungen des späten 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts, deren Entstehung und Veränderung epistemische Brüche markieren. Dazu zählen Idylle, Novelle, Fragment, Rhapsodie, Ansicht, Porträt, Denkmal, Galerie, Panorama, Guckkasten, Daguerreotypie, Zukunftsbild, Experimentalroman, Studie, Dialogroman und Tatsachenroman.
Show Summary Details
Restricted access

Der Tatsachenroman und seine Vorgeschichte

Extract

← 276 | 277 → David Oels

Obgleich von Zeit zu Zeit einzelne Bücher als Tatsachenromane auftreten, Tatsachenromane als Corporate Books im Rahmen des History Marketings empfohlen und andere Titel, wie zuletzt der „Wirtschaftskrimi“ Atomblut (2012) des ehemaligen EnBW-Vorstandsvorsitzenden Utz Classen, als Tatsachenromane bezeichnet werden, sucht man das Lemma vergeblich im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft (1997-2003), dem Handbuch der literarischen Gattungen (2009) oder dem Handbuch Gattungstheorie (2010). Immerhin in Gero von Wilperts Sachwörterbuch der deutschen Literatur findet sich der seit der 5. Auflage von 1969 weitgehend unveränderte Eintrag:

Tatsachenroman, auch Reportageroman, allg. jeder Roman, der auf Tatsachen beruht, so Biographie, Kriminalfall, Skandalchronik, Gesellschaftsbild, Wissenschaftsgeschichte (P. de Kruif, Microbe hunters, H. Wendt, Ich suchte Adam, Ceram, Götter, Gräber und Gelehrte,   J. Thorwald, Das Jahrhundert der Chirurgen u. ä.), im weiteren Sinne auch die auf historischem Fachwissen und Tatsachen beruhenden Professorenromane.1

Abgesehen von der wenig erhellenden Definition erstaunt insbesondere die historische Unschärfe. Während der Reportageroman auf die 1920er Jahre verweist, werden aus dem deutschsprachigen Bereich ausnahmslos Beispiele aus den Jahren 1949-1956 aufgezählt, während man den Professorenroman in der Regel für eine Erscheinung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hält. Mit dieser vagen Situierung geht auch die begriffliche Trennschärfe verloren. So ist keins der genannten Bücher tatsächlich mit der Gattungsbezeichnung „Tatsachenroman“ versehen. C. W. Ceram verwendete den Begriff immerhin in der Einleitung, und die deutsche Übersetzung der Microbe Hunters (Mikrobenjäger 1927) ist gelegentlich als Tatsachenroman...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.