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Von Memel bis Allenstein

Die heutigen Bewohner des ehemaligen Ostpreußens: Memelland, Kaliningrader Gebiet, Ermland und Masuren

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Andrzej Sakson

Der Autor zeigt den Verlauf der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Prozesse in den Regionen Memelland, Kaliningrader Gebiet, Ermland und Masuren nach 1945 auf. Er vergleicht ihre jeweiligen Entwicklungen kritisch miteinander und rekurriert dabei auf die Nationalbildungsprozesse im späten 19. Jahrhundert sowie die Ereignisse am Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Analysen stützen sich auf eigene soziologische Feldforschung. Zahlreiche Interviews, direkte und indirekte Beobachtungen sowie quantitative Untersuchungen wurden durch Archivstudien und durch die Auswertung von amtlichen Dokumenten, Memoiren, Fachliteratur sowie Presseezeugnissen ergänzt.
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2. Ostpreußens Vernichtung

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2.   Ostpreußens Vernichtung

Ostpreußen galt im Reich bis Sommer 1944 beinahe als eine Oase der Ruhe118. In das Bewusstsein der meisten der 2,5 Millionen Provinzbewohner drang der Krieg erst Ende 1944, als die ersten Einheiten der Roten Armee schon das nördliche Ostpreußen einnahmen. Die Randlage dieses Landes erweist sich daran, dass sich hier noch im Jahr 1944 Zivilbevölkerung (ca. 200 000 Personen) aus den regelmäßig bombardierten Großstädten im Westen Deutschlands („Bombengeschädigte“) einfand.

Dank dem Agrarcharakter Ostpreußens litten die Einwohner im Gegensatz zu anderen deutschen Provinzen keinen Mangel bei der Lebensmittelversorgung. Für die dortigen Landwirte bedeutete der Krieg den Höhepunkt ihres wirtschaftlichen Wohlstands. Nach den Plänen der Berliner und Königsberger Behörden sollte Ostpreußen während des Krieges die Kornkammer für das ganze Reich abgeben. Aus diesem Grunde bekamen die Bauern unter anderem günstige Darlehen für Wirtschaftsinvestitionen gewährt. 50 % der Bankschulden wurden automatisch getilgt, die restliche Rückzahlung auf 60 Jahre verteilt. Die Getreidepreise wurden stabilisiert und erhöht119. Die Landwirtschaft wurde durch den weitverbreiteten Einsatz von Kunstdüngern, Agrarmaschinen und kostenloser Arbeitskraft in Form von ausländischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen zur Quelle hoher Einkünfte120. Das Sozialleistungssystem war ebenfalls gut ausgebaut, was ← 141 | 142 → für die ländliche Bevölkerung etwas völlig Neues darstellte und zugleich eine zusätzliche Einkommensquelle bildete121.

Die Lage in Ostpreußen bewirkte, dass die Bevölkerung...

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