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«Seiner Leidenschaften Meister sein» - «In control of the passions»

Zur Reflexion des Gefühls im Musikdenken - Emotion as reflected in musical thinking

Joachim Noller

Was heißt es, wenn Carl Philipp Emanuel Bach vom ausführenden Musiker fordert, er müsse selbst gerührt sein, bevor er seine Zuhörer in Rührung versetzen könne? Der Autor schreibt über die Idee der Emotion, über ihre Rolle im Szenario sogenannter Musikanschauung (von ca. 1750 bis heute). Von Interesse ist dabei weniger die Gefühlshaltigkeit der Musik selbst, als vielmehr die Art, wie das Musikdenken dieselbe be- und verhandelt; nicht Emotionen in tatsächlicher Wirkung, sondern wie sie, als Denkfigur, in musikalischen Zusammenhängen theoretisch bewältigt werden.
What does it mean when Carl Philipp Emanuel Bach demands that a performing musician must himself be moved before he can move his listeners? The author writes about the idea of emotions and their role in the scenario of what is called music appreciation (from about 1750 till the present day). His focus is not primarily on the emotional content of music as such, but rather the way in which it is treated in thinking about music; not on the actual impact of emotions, but the way in which they have been thought about in a musical context, as concepts around which a theoretical discourse crystallizes.
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II Musik- und Gefühlsdenken. Prolegomena

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II

Musik- und Gefühlsdenken. Prolegomena

In diesem Kapitel befassen wir uns einführend, in aller Kürze, mit der Verknüpfung von Musik und Gefühl; das geschieht mit der Absicht, entsprechenden Assoziationen des allgemeinen Musikdenkens und dabei vor allem hartnäckigen Vorstellungen nachzuspüren, bei denen Gefühlshaltigkeit im Zentrum konventionalisierter Musikanschauung steht.

Wer an seine Lieblingsmusik denkt, assoziiert mit dieser eine gewisse Stimmung, Gefühlsregungen etc. Doch es kann auch umgekehrt sein: Wer an Gefühle denkt, assoziiert Musik, auf eine diffuse oder auch sehr konkrete Art. Im letzten Kapitel haben wir ausführlich aus Antonio Damasios neuropsychologisch-emotionstheoretischem Werk Der Spinoza-Effekt zitiert. Die Verbindung von Neuropsychologie und Musik wird darin kaum thematisiert. Auffallend ist jedoch, wie der Wissenschaftler - schon auf der ersten Textseite - seinen Gedankenstrom in Fahrt bringt: „Doch sie sind nicht wegzuleugnen, die unzähligen Emotionen und verwandten Zustände, die ununterbrochene Tonfolge unseres Geistes, das unaufhörliche Summen der allgegenwärtigen Melodien, die erst verklingen, wenn wir einschlafen, ein Summen, das zu einem jubelnden Gesang anschwillt, wenn uns Freude erfasst, oder zu einem düsteren Requiem herabgestimmt wird, wenn wir in Trauer versinken“36. Der Autor möchte Emotionen in Worte fassen und bedient sich dafür musikalischer Metaphern. Der Wille, Freude sprachlich zu charakterisieren, d.h. darzustellen, veranlasst Damasio, eine musikalische Idee heranzuziehen, anders gesagt: besagte Ausdrucksform scheint geeignet, Freude im Allgemeinen zu repräsentieren. Doch damit nicht genug: Musik scheint alle emotionalen Zust...

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