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«Seiner Leidenschaften Meister sein» - «In control of the passions»

Zur Reflexion des Gefühls im Musikdenken - Emotion as reflected in musical thinking

Joachim Noller

Was heißt es, wenn Carl Philipp Emanuel Bach vom ausführenden Musiker fordert, er müsse selbst gerührt sein, bevor er seine Zuhörer in Rührung versetzen könne? Der Autor schreibt über die Idee der Emotion, über ihre Rolle im Szenario sogenannter Musikanschauung (von ca. 1750 bis heute). Von Interesse ist dabei weniger die Gefühlshaltigkeit der Musik selbst, als vielmehr die Art, wie das Musikdenken dieselbe be- und verhandelt; nicht Emotionen in tatsächlicher Wirkung, sondern wie sie, als Denkfigur, in musikalischen Zusammenhängen theoretisch bewältigt werden.
What does it mean when Carl Philipp Emanuel Bach demands that a performing musician must himself be moved before he can move his listeners? The author writes about the idea of emotions and their role in the scenario of what is called music appreciation (from about 1750 till the present day). His focus is not primarily on the emotional content of music as such, but rather the way in which it is treated in thinking about music; not on the actual impact of emotions, but the way in which they have been thought about in a musical context, as concepts around which a theoretical discourse crystallizes.
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V Beethovens Pastorale: mehr Ausdruck der Empfindung mit Malerei

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Beethovens Pastorale : mehr Ausdruck der Empfindung mit Malerei

Am 22. Dezember 1808 wurde Beethovens Sechste Symphonie (in heutiger Zählung) unter seiner Leitung im Theater an der Wien uraufgeführt, außerdem erklang nicht weniger als die Fünfte Symphonie, das Klavierkonzert in G-Dur, die Chorfantasie op. 80, eine improvisierte Klavierfantasie sowie weitere Vokalstücke. Das Konzert dauerte ungefähr 4 Stunden und überforderte auch die willigsten Zuhörer. Die am Schluss gespielte Chorfantasie verunglückte derart, dass Beethoven abbrach und das ganze Werk nochmals von vorne aufführen ließ. Nach dieser Verwirrung wird man sich des ersten Werks, also der Sechsten Symphonie nur noch schemenhaft erinnert haben. Zu Hause konnte man freilich nachlesen, was im Programmzettel stand: Pastoral-Symphonie, mit dem Zusatz (als wäre es ein Untertitel) mehr Ausdruck der Empfindung, als Malerey, sowie den Satzüberschriften: Angenehme Empfindungen, welche bey der Ankunft auf dem Lande im Menschen erwachen, dann Scene am Bach, dann Lustiges Beysammenseyn der Landleute, dann Donner und Sturm und im letzten Satz Wohlthätige, mit Dank an die Gottheit verbundene Gefühle nach dem Sturm105.

Schon die Zuhörer der Uraufführung waren also nicht nur mit dem (pardon:) „Programm“ konfrontiert, sondern auch mit einer Bedienungsanleitung, wie besagte Überschriften zu verstehen sind, wie das Werk zu hören ist: „mehr Ausdruck der Empfindung, als Malerey“. Darüber ist seitdem viel geschrieben worden, meist unter dem Blickwinkel späterer musikästhetischer Auseinandersetzungen, vor allem zwischen Anh...

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