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Neue Ansätze, Analysen und Lesarten der phantastischen Literatur

Typische und atypische Repräsentationen - Frauen und phantastische Literatur - Einblick in die phantastische Stadtliteratur Wiens

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Karin Angela Rainer

Dieses Buch bietet neue Ansätze und einen umfassenden Überblick über das vielfältige Gebiet der phantastischen Literatur und ihrer benachbarten Bereiche. Im einführenden theoretischen Teil werden eine historische Darstellung sowie eine kritische Betrachtung verschiedener Theoriegebäude präsentiert. Im Sinne einer Wortfeldbestimmung werden verwandte Gattungen abgrenzend klassifiziert sowie der zwiespältige Konnex zu Buchhandel und Leserschaft behandelt. Der genuine Konflikt zwischen dem literarisierten Realitätsniveau und dem Phantastischen wird umrissen und an konkreten Fallbeispielen aufgearbeitet. In zwei eigenständigen Abschnitten beschäftigt sich die Autorin mit den Teilaspekten einer weiblichen phantastischen Literatur sowie mit Einblicken in die phantastische Stadtliteratur Wiens.
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6.2.3.2 „Le Horla“

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Maupassant wandte sich sicherlich auch wegen des zu erwartenden Erfolges der zu dieser Zeit wieder populär werdenden Schauergeschichte den phantastischen Erzählungen zu. In seinem Fall waren allerdings die unheimlichen geschilderten Ereignisse unter einem anderen Vorzeichen zu sehen, als bei den meisten anderen Schriftstellern531, die das Schreckliche und Außerweltliche zumeist nur aus dem Fundus ihrer Phantasie schöpfen konnten. Die grauenerregenden Geschehnisse, die der geistig immer weiter der Zerrüttung anheim fallende Autor literarisch eindrucksvoll und intensiv zu schildern vermochte, scheinen zumindest teilweise seinen Halluzinationen und Wahnvorstellungen entsprungen zu sein, besitzen also die künstlerisch eindringlich vermittelte Atmosphäre der Literarisierung von etwas tatsächlich Vorgefallenem und selbst Erlebtem.

Im Jahre 1883 setzte M[aupassant]. in „Lui?“ die – eventuell so oder ähnlich selbsterlebte – Halluzination von einem unsichtbaren, nicht-menschlichen Wesen literarisch um, das in den Körper eines Menschen schlüpft, um ihn zu beherrschen. ← 283 | 284 → M[aupassant].s Interesse an der Psychiatrie, vor allem an Jean Martin Charcots Erforschung der Neurosen und der Hysterie (s. die berühmten Vorlesungen 1873 und 1884 in der Salpétière über Hypnose, Hysterie, Duplizität der Persönlichkeit und Obsession), führte u.a. dazu, daß er aus dieser fiktionalen Halluzination über die Stufe der „Lettre d´un fou“ (1885) im Jahre 1886/87 die unheimliche Novelle „Le Horla“ entwickelte, in der der anonyme Ich-Erzähler tagebuchartig seine Krankengeschichte niederschreibt, eine fortschreitende Persönlichkeitsspaltung, die schließlich zur Selbstzerstörung führt532, wobei das Grauenerregende der Geschichte und die melancholische...

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