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Friedrich Meinecke und das Problem des Historismus

Wolfgang Kämmerer

Die Arbeit befasst sich mit dem Historismusverständnis des deutschen Historikers Friedrich Meinecke (1862–1954) und stellt dessen Konzeption in den Kontext der Diskussionen in Deutschland zwischen 1870 und 1933. Der zeit- und ideengeschichtliche Hintergrund von Meineckes Denken wird ebenso dargestellt wie Meineckes Biographie sowie seine zentralen Werke und Gedanken. Meineckes Buch Die Entstehung des Historismus von 1936 bildet einen Endpunkt der Debatten um die Krisis des Historismus, die seit Nietzsches Zweiter Unzeitgemäßer Betrachtung Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben die geisteswissenschaftlichen Disziplinen beschäftigte. Um das Besondere an Meineckes Historismusverständnis akzentuieren zu können, wird es in den Horizont der damaligen Debatten um die «Krisis des Historismus» gestellt und mit drei bedeutenden Denkern der damaligen Zeit konfrontiert: Max Weber, Ernst Troeltsch und Otto Hintze. In diesem Kontext zeigt sich das Besondere und Bleibende an Meineckes Historismusverständnis deutlich.
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1. Vorwort

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Die westdeutsche Geschichtswissenschaft der unmittelbaren Nachkriegszeit war durch zwei Tendenzen bestimmt: zum einen setzte zwar nach 1945 allmählich eine Auseinandersetzung mit den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit ein,1 zum anderen aber knüpfte man an das Geschichts- und Methodenkonzept des älteren Historismus an.2 Während in politischer Hinsicht alles unternommen wurde, um mit tatsächlichen oder vermeintlichen bedenklichen ideologischen Traditionen des Historismus zu brechen, „dominierte auf der Ebene der Methoden und Frageansätze eindeutig die Kontinuität.“3 Mit Blick auf die Jahre nach 1945 konstatierte Schulin: ← 13 | 14 → „So könnte man zusammenfassend bei Haupt- und Sonderrichtungen für die ersten fünfzehn oder zwanzig Jahre nach 1945 von einem politisch-moralisch gezähmten Historismus sprechen.“4 Bis gegen Ende der 60er Jahre wahrte der Historismus weitgehend seine führende Stellung, erst danach verstärkten sich die Bestrebungen, den Historismus als überholtes Wissenschaftskonzept ‚auszumustern‘. Die Kritiker des Historismus subsumierten nun unter Historismus all das, was ihnen als zu überwinden galt: Kriegs-, Politik- und Diplomatiegeschichte, die Fixierung auf den Staat, auf die Nation, auf die ‚großen Männer‘, welche – angeblich – ‚Geschichte machen‘. Weiterhin lehnten die Kritiker intuitives Verstehen, das Entwicklungs- und das Individualitätsprinzip ebenso ab wie den Gedanken, dass ‚der Geist‘ oder ‚die Ideen‘ die bestimmenden geschichtlichen Faktoren seien. Weitgehende Einigkeit zwischen den Kritikern bestand darüber, dass der Historismus sowohl methodisch und thematisch als auch hinsichtlich seiner politischen Implikationen obsolet war. Damit schien das Ende des Historismus eingeläutet zu sein. Die Kritik an...

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