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Der Nationalsozialismus als Problem der Gegenwart

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Joachim Perels

Kritik an – heute wirksamen – Umdeutungen der despotischen NS-Herrschaft bildet den roten Faden der Untersuchung. Dazu gehört die Verwandlung des Hitlerregimes in einen Rechtsstaat und die Entpolitisierung der beamteten Funktionseliten der Diktatur. Die Auswirkungen der weitgehenden Übernahme des Justizapparats des Dritten Reiches werden sichtbar – wie die vielfache Auflösung des Täterbegriffs für nationalsozialistische Massenverbrechen.
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Die Zerstörung von Erinnerung als Herrschaftstechnik. Analysen Theodor W. Adornos

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Adornos Arbeiten über die Mechanismen der Verdrängung der NS-Vergangenheit sind – obgleich im einzelnen häufig rezipiert – bisher nicht im Zusammenhang erörtert worden. Auf der Konferenz zum 80. Geburtstag von Adorno von 1983 ist die Frage der Nachwirkungen Nazi-Deutschlands in der Bundesrepublik, die den ins Land der Täter zurückgekehrten Emigranten theoretisch und praktisch umgetrieben hat, nicht behandelt worden.1 Dabei bleiben seine politisch-soziologischen Analysen der fünfziger und sechziger Jahre bis heute relevant.2 Sie arbeiten mit einer außergewöhnlichen – durch das Gruppenexperiment von 1950/513 empirisch fundierten – Imaginationskraft die vielfältigen Formen und gesellschaftlichen Grundlagen der Wahrnehmungsstörungen gegenüber dem NS-Regime durch eine scharfsichtige Kategorienbildung heraus. Adornos Studien transzendieren eine punktuelle Betrachtung der historischen Hypothek der NS-Zeit. Sie begreifen die unzureichende Aufarbeitung der Vergangenheit als ein tragendes Element der – trotz der politischen und verfassungsrechtlichen Diskontinuität – weitgehend fortexistierenden gesellschaftlichen Gesamtverfassung, deren Änderung identisch wäre mit einer grundlegenden Überwindung der NS-Herrschaft und ihrer Folgewirkungen.

I.

Als Adorno 1949 aus dem Exil nach Frankfurt/Main zurückkehrt, tritt ihm subjektiv zunächst weniger die in ihren Kernstrukturen wiederhergestellte bürgerliche Gesellschaft gegenüber, die den Nationalsozialismus getragen hatte.4 Adorno ← 71 | 72 → hegte fast emphatische Hoffnungen auf einen intellektuellen Neubeginn, der mit der Antizipation einer freien, durch autonome Subjekte konstituierten Gesellschaft verbunden wäre. In einem Brief an Leo LöwenthaI vom 3. Januar 1949 drückt er dies so aus: „Mein Seminar gleicht einer Talmud-Schule – ich schrieb nach Los Angeles, es wäre,...

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