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Selbstdarstellung in der Wissenschaft

Eine linguistische Untersuchung zum Diskussionsverhalten von Wissenschaftlern in interdisziplinären Kontexten

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Lisa Rhein

Selbstdarstellung, Image- und Beziehungsarbeit spielen in der Wissenschaft eine zentrale Rolle. Dieses Buch untersucht aus vornehmlich gesprächsanalytischer Perspektive, wie Images und Beziehungen der Akteure interaktiv konstituiert und ausgehandelt werden. Im Fokus stehen dabei Fachdiskussionen von Wissenschaftlern auf interdisziplinären Konferenzen. Grundlage ist ein von Soziologie und Psychologie befruchtetes linguistisches Methodeninventar. Die Autorin zeigt, wie Wissenschaftler in Diskussionen Images aufbauen, angreifen und verteidigen, wobei die Fachidentität der Akteure von zentraler Bedeutung ist. Sie erklärt ebenso, wie Wissenschaftler Kompetenz – auch bei vorhandenem Nichtwissen – signalisieren und Humor zur Beziehungsgestaltung nutzen.
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2 Der Rahmen: Selbstdarstellung als Forschungsgegenstand

2  Der Rahmen: Selbstdarstellung als Forschungsgegenstand

Das folgende Kapitel dient der theoretischen Fundierung des Phänomens Selbstdarstellung. Hierzu wird es aus verschiedenen Forschungsperspektiven beleuchtet3. Hauptarbeitsgebiete sind die Soziologie sowie die (Sozial-)Psychologie; in ihnen wurden unterschiedliche Konzepte mit verschiedener Schwerpunktsetzung entwickelt, die Selbstdarstellungsverhalten erfassen, beschreiben, analysieren und zu erklären versuchen. Selbstdarstellung wird von Sozialpsychologen, Linguisten und Soziologen heute typischerweise in verschiedenen Kontexten untersucht: in der Politik (z. B. Krebs 2007; Schütz 1992), im Sport (z. B. Mummendey 1989), am Arbeitsplatz (z. B. DuBrin 2011) und in den Medien, v. a. in sozialen Netzwerken (z. B. Adalhardt 2013; Cunningham 2013; Haferkamp 2010; Ingold 2013; Misoch 2004). An diesen Selbstdarstellungsphänomenen sind nicht nur Soziologen und Sozialpsychologen interessiert, sondern auch Medienwissenschaftler, Kommunikationswissenschaftler und Psychologen4.

Ca. 1925 hatte bereits der Psychologe Sigmund Freud ein Werk dem Thema Selbstdarstellung gewidmet. Wenig später beschäftigte sich der Soziologe George H. Mead (1934) mit dem Thema, kurz darauf Erving Goffman. Diese beiden gelten als die Gründerväter des Impression Management-Ansatzes, auf deren Arbeiten die späteren psychologischen und sozialpsychologischen Arbeiten von u. a. Schlenker (1980), Jones/Pittman (1982), Tedeschi et al. (1985) und Leary (1996) basieren. Die große Anzahl psychologischer, soziologischer und sozialpsychologischer Arbeiten zum Konzept des Selbst und zur Selbstdarstellung hat Mummendey (1995, 2006) gebündelt und systematisiert.

In den unterschiedlichen Studien zu Selbstdarstellung wurden nicht nur verschiedene Namen für dieses Phänomen bereitgestellt, sondern diese auch un ← 29 | 30 → terschiedlich häufig und uneinheitlich verwendet: So findet sich der Aspekt der Selbstdarstellung (wobei dieser Begriff selbst dazugehört) in den Bezeichnungen Image-Kontrolle, Selbstpräsentation, Impression Management und Eindruckskontrolle. Alle diese Begriffe betonen unterschiedliche Aspekte, bedeuten aber in ihrem Kern dasselbe: Die Beeinflussung des Bildes, das andere von einem haben5.

Allen Selbstdarstellungskonzepten ist die Grundüberzeugung gemeinsam, dass jeder Mensch in (fast) jeder Situation zu einem gewissen Grad Selbstdarstellung betreibt. Sich selbst in öffentlichen Situationen darzustellen, ist nach Ansicht der meisten Psychologen und Soziologen etwas natürlich Ablaufendes, das entweder unbewusst geschieht oder bewusst genutzt werden kann (vgl. z. B. Mummendey 2006: 78). In jedem Fall ist es der Versuch, das Bild, das andere von einem haben, mitzubestimmen – aktiv und bewusst oder ungewollt und unbewusst. Die Gründe für Selbstdarstellung werden von frühen psychologischen Arbeiten allein in intrapsychischen Prozessen, Persönlichkeitsvariablen und in der Hoffnung auf Belohnung (vgl. Tedeschi et al. 1985: 69; Tetlock/Manstead 1985: 61; spätestens seit Tetlock/Manstead 1985 wird auch der soziale Kontext einbezogen), von Goffman in der sozialen Situation und deren Anforderungen sowie eigenen Anpassungsleistungen gesehen.

Ob die Versuche der Eindruckskontrolle erfolgreich sind, d. h., ob man von anderen auch so wahrgenommen wird, wie man es intendiert hat, hängt von verschiedenen Faktoren ab: z. B. der Situation, der Art der Öffentlichkeit, d. h. des Publikums, der Atmosphäre, der eigenen Befindlichkeit. Watzlawicks für die Sprachwissenschaft prägender Satz „Man kann nicht nicht kommunizieren“ behauptet auch für die Impression-Management-Theorie seine Gültigkeit. Wenn Mummendey schreibt „Es läßt sich feststellen, daß Selbstdarstellung in fast jeder sozialen Situation eine Rolle spielt und daß fast jedes menschliche Verhalten immer auch unter dem Gesichtspunkt der Selbstdarstellung aufgefaßt und interpretiert werden kann“ (Mummendey 1995: 15; Herv. im Orig.), erinnert der letzte Teil stark an die Watzlawick’sche Denkweise und semiotische Grundannahme: Man ist nie sicher davor, dass das eigene Verhalten von einem Gegenüber nicht als (An-)Zeichen für Kommunikation interpretiert wird. In diesem Sinne heißt der Watzlawick‘sche Anspruch, auf Impression Management (IM) übertragen: Man kann sich nicht nicht selbst darstellen bzw. man kann andere nicht davon abhalten, Verhalten zu interpretieren (vgl. Mummendey 1995: 13). IM-Forscher gehen ← 30 | 31 → also davon aus, dass „Selbstdarstellungsprozesse bei jedem zwischenmenschlichen Verhalten und den dabei beteiligten inneren Prozessen und äußerlich beobachtbaren Verhaltensweisen zu berücksichtigen sind“ (Mummendey 1995: 15; Herv. im Orig.).

2.1  Soziologischer Ansatz: Erving Goffmans Untersuchungen der sozialen Interaktion

In diesem Kapitel werden Erving Goffmans Beobachtungen, die einen umfassenderen Einblick in die Grundlagen und Grundbedingungen menschlicher Kommunikation bzw. Interaktion geben, vorgestellt. Da vor allem Goffmans Arbeiten Grundlage der Impression Management-Forschung (Kap. 2.2) und Basis vieler linguistischer Arbeiten (Kap. 2.4) geworden sind, wird an dieser Stelle auf die wichtigsten Aspekte seines Ansatzes eingegangen6.

Goffmans soziologische Arbeiten thematisieren verschiedene Formen der menschlichen Interaktion sowie deren Grundlagen, Rahmenbedingungen, normative Ordnung und Regeln. Seine Werke basieren auf Beobachtungen alltäglicher Interaktionen (sind also nicht durchweg systematisch) und geben daher wichtige Einblicke in die Formen, Strukturen und Eigenheiten menschlicher Interaktion.

Goffman identifiziert Regeln und Alltagsroutinen, die vertrauensbildend und situationsstabilisierend wirken, gleichzeitig aber veränderlich und jeweils neu verhandelbar sind. In der Interaktion wird nach Goffman die Situation gemeinsam definiert und in einen Rahmen eingebettet (vgl. Hettlage 2002: 192, 194). Das Kontextwissen wird hierfür aktiv in die Deutung der Situation einbezogen; es findet eine „Kontext-Stabilisierung“ (ebd.: 194f.) statt.

Goffman geht davon aus, dass das Selbst bzw. die Identität „in seiner Konstitution durch und durch gesellschaftlich“ (ebd.: 196) ist. Den Terminus Image (oder auch face) definiert Goffman folgendermaßen:

Der Terminus Image kann als der positive soziale Wert definiert werden, den man für sich durch die Verhaltensstrategie erwirbt, von der die anderen annehmen, man verfol ← 31 | 32 → ge sie in einer bestimmten Interaktion. Image ist ein in Termini sozial anerkannter Eigenschaften umschriebenes Selbstbild – ein Bild, das die anderen übernehmen können. (Goffman 1971: 10; Herv. im Orig.)

Image bzw. face wird einem Individuum von der Gesellschaft zugesprochen oder entzogen, je nachdem, ob das Verhalten des Individuums seinem Image angemessen ist oder nicht. Es geht Goffman dabei um die „gesellschaftliche Konstruktion des Selbst und um ihre Bedingungen“ (Auer 1999: 155; Herv. im Orig.). Er weist nach, „daß die Selbstdarstellung des einzelnen (sic!) nach vorgegebenen Regeln und unter vorgegebenen Kontrollen ein notwendiges Element menschlichen Lebens ist“ (Dahrendorf 2011: VIII).

Das face einer Person kann beschädigt oder bedroht werden, da soziale Situationen verschiedene Risiken bergen: Die Handlungen und Reaktionen der Interaktionspartner sind nicht vorhersehbar, die Situation ist wegen ihrer Ergebnisoffenheit potenziell bedrohlich (vgl. Hettlage 2002: 191). Goffman postuliert, dass das Selbst einer Person heilig ist und demnach in solchen Situationen geschützt werden muss. Dies geschieht durch Rituale, mit denen auch eine Heilung eines geschädigten Images möglich ist (vgl. ebd.: 198f.).

Die Untersuchungseinheit in Goffmans Beobachtungen ist nicht das Gespräch oder andere Kommunikationsereignisse wie in der Konversationsanalyse, mit der er sich intensiv auseinandersetzt, sondern die soziale Situation (vgl. Knoblauch et al. 2005: 13, 17, 25). In Gesprächen spielt nicht nur das verbal Geäußerte eine Rolle – Kommunikation geht nach Goffman über sprachliches Handeln hinaus –, sondern alle situativen Faktoren der sozialen Dimension, wie bspw. Kontext und Körperlichkeit, müssen in die Untersuchung einbezogen werden (vgl. Hettlage 2002: 12f., 25).

Im Folgenden werden Goffmans Beobachtungen zur sozialen Interaktion ausschnitthaft dargestellt. Es wird sich zeigen, inwiefern das Publikum die Notwendigkeit der gegenseitigen face-Wahrung sowie situative Gegebenheiten die Handlungen eines Akteurs beeinflussen. In dieser Arbeit wird nur ein kleiner Ausschnitt aus Goffmans breiter Beschäftigung mit menschlicher Interaktion dargestellt. Hierzu werden die Begriffe face und Image sowie seine Überlegungen zum Gespräch in den Blick genommen.

Problematisch in Goffmans Werken ist sein Umgang mit der Terminologie: Zum einen verwendet Goffman seine Terminologie nicht einheitlich, zum anderen gibt es Probleme mit der Übersetzung des Begriffs face (vgl. Auer 1999: 148, 150). Goffmans face-Begriff, der mit ‚Gesicht‘ (dann auch im Sinne von Gesichtsverlust) übersetzt werden kann, wurde teilweise als Image im Deutschen wiedergegeben. Ich bleibe in meinen Ausführungen vornehmlich beim face-Begriff, ← 32 | 33 → weil er umfassender ist und alle Facetten des Selbst, des Gesichtsverlusts, der Gesichtsbedrohung, der Selbstdarstellung etc. umfasst. Anstelle von face werden gegebenenfalls Konstruktionen wie Gesichtsverlust und Selbstdarstellung, Imagearbeit und Imagepflege verwendet, um einen bestimmten Aspekt des komplexen Begriffs face hervorzuheben.

2.1.1  Interaktion und Selbstdarstellung

Selbstdarstellung wird von Goffman als Versuch der Eindruckskontrolle (vgl. Goffman 2011: 3) definiert. Das Ziel von Akteuren ist es, das Bild, das andere von einem haben, zu kontrollieren und zu beeinflussen. Dazu muss nicht nur das eigene Verhalten, sondern auch die Situationsdeutung gelenkt werden. Das eigene Verhalten wird angepasst, sodass die persönliche Intention verfolgt und gleichzeitig der gewünschte Eindruck erzeugt werden kann (vgl. ebd.: 7, 8). Goffman bezeichnet diese Tätigkeiten als Darstellung [performance] (vgl. ebd.: 18). Unbeabsichtigt falsche oder irrtümliche Darstellungen sowie Darstellungen, die dem beabsichtigten Eindruck (der an Idealen orientiert ist) zuwiderlaufen, werden korrigiert oder unterlassen (vgl. ebd.: 40, 42). Das Gleiche gilt für das Vermitteln von Informationen, seien sie Ausdruck oder Kommunikation: Die gelieferte Information wird kontrolliert und ausgewählt, unterdrückt oder simuliert im Hinblick auf ein möglichst positives Ergebnis (vgl. Goffman 1981a: 18). „Die Information gewinnt strategische Bedeutung“ (ebd.) und bildet die Basis für (strategische) Handlungsüberlegungen und -planungen eines Akteurs. In dem Wissen, dass sowohl Ausdruckselemente als auch sprachliche Mitteilungen Informationen liefern, kalkuliert ein Akteur beide Informationsquellen in seine Handlungen ein. Hierfür beobachtet er sich selbst, nimmt eine Fremdperspektive ein, um zu erkennen, wie er „am besten die Reaktion des Reagierenden steuern könnte“ (Goffman 1981a: 20); er antizipiert insofern die Reaktionen des Beobachters. Zudem spielen im Umgang miteinander die Informationen, die man über einen anderen hat oder zu erlangen versucht, eine wichtige Rolle. Sie ermöglichen es uns, die betreffende Person einzuschätzen und uns auf diese einzustellen – ebenso wie sie es erlauben, eine Situation deutbar zu machen (vgl. Goffman 2011: 5). Dies setzt voraus, dass wir in der Lage sind, Informationen zu gewinnen, zu geben und zu verbergen (vgl. Goffman 1981a: 14). Sind die Akteure einander unbekannt, sind Aussehen, Verhalten oder bisherige Erfahrungen Hinweise auf den jeweiligen Charakter (vgl. Goffman 2011: 5). Diese Hinweise bestehen einerseits in (1) unbewusst oder unbeabsichtigt gesendeten Zeichen bzw. Ausdruckselementen und andererseits in (2) bewusst gesendeten Zeichen (vgl. Goffman 1981a: 90). Im ersten Fall kann man von Symptomen sprechen. Diese Zeichen werden nicht intentional gesendet, ← 33 | 34 → aber dennoch ausgestrahlt und sind für den Beobachter als Hinweise auf innere Zustände oder Beweggründe interessant (vgl. Goffman 2011: 6). Im zweiten Fall liegt Kommunikation vor, da der Akteur bewusst institutionalisierte Zeichen aussendet, mit denen er sich ausdrückt und mit deren Hilfe Informationen übermittelt werden sollen (vgl. Goffman 2011: 6; vgl. auch Goffman 1981a: 15, 90).

In jeder Interaktion spielt das Image einer Person eine zentrale Rolle. Das Image hängt eng mit dem face-Begriff und der Möglichkeit des Gesichtsverlusts zusammen7: Es ist möglich, kein oder ein falsches Image zu besitzen, wenn dieses durch nicht stimmige Informationen gestört wird oder jemand durch sein Verhalten weder das eigene noch das Image der anderen schützt (vgl. Goffman 1971: 13).

Die Grundlage der Imagepflege ist das kooperative Verhalten aller Interaktionsteilnehmer (vgl. ebd.: 16f., 34, 49). Trotz oder wegen unterschiedlicher Ziele und Beweggründe werden Images in sozialer Interaktion mittels bestimmter Strategien gegenseitig gewahrt und geschützt. Voraussetzungen hierfür sind gegenseitige Rücksichtnahme und Selbstachtung (vgl. ebd.: 36, 15). Beide wirken insofern stabilisierend, als sie regulierend auf soziale Interaktion wirken, denn:

Verwendet jemand Techniken der Imagepflege, verbunden mit stillschweigender Zustimmung, anderen dabei zu helfen, die ihren zu gebrauchen, zeigt er seine Bereitschaft, an den Grundregeln sozialer Interaktion festzuhalten. Hierin liegt das Kennzeichen seiner Sozialisation als Interagierender. (Goffman 1971: 37)

Zudem stabilisiert und erhält man die Interaktionssituation, indem man sich um die Stabilisierung des eigenen Images und des der anderen Interaktionsteilnehmer bemüht (vgl. ebd.: 46, 17).

Soziale Images werden einem Individuum von der Gesellschaft auf der Basis von wahrgenommenen Handlungen und Äußerungen zugesprochen. Verhält sich ein Individuum nicht seinem Image entsprechend oder sogar diesem entgegengesetzt, wird das Image brüchig und kann ihm von der Gesellschaft entzogen werden (vgl. ebd.: 15). Ein stimmiges Image führt zu positiven Empfindungen wie Sicherheit, Unbefangenheit und Vertrautheit (vgl. ebd.: 13); ein falsches Image dagegen evoziert Scham, Minderwertigkeitsgefühle, Bestürzung, Verwirrung, Interaktionsunfähigkeit, Verärgerung und eine Verletzung des Selbstwertgefühls (vgl. ebd.: 13f.). Dadurch entsteht „ein fundamentaler sozialer Zwang“ (ebd.: 15), sich dem eigenen Image entsprechend zu verhalten. ← 34 | 35 →

Nach Goffman ist der Kommunikationsprozess im Hinblick auf Selbstdarstellung asymmetrisch. Es sei schwer, das eigene Verhalten über einen bestimmten Zeitraum hinweg gezielt zu lenken und strategisch zu kontrollieren (vgl. Goffman 2011: 12; Goffman 1981a: 34, 35). Dagegen sei es einfach, falsche und unwahre Darstellungen zu entlarven, da sich im Gesicht und im gesamten Körperausdruck innere Zustände und Gefühle widerspiegeln (vgl. Goffman 1981a: 26)8. Manipulierte Darstellungen wie Lügen oder Auslassungen sind dann für das Publikum leicht identifizierbar, wenn es auf Zeichen achtet, die nicht bewusst eingesetzt werden können (vgl. Goffman 2011: 54f., 58; Goffman 1981a: 32): „Unstimmigkeiten zwischen dem erweckten Anschein und der Wirklichkeit“ (Goffman 2011: 55) lösen Skepsis aus und diese führt im Normalfall dazu, dass das Publikum stärker auf die Darstellung achtet (vgl. ebd.).

In jeder sozialen Interaktion können Interaktionsteilnehmer aus verschiedenen Aspekten Informationen über einander gewinnen. Jede Person besitzt eine „Fassade“ (Goffman 2011: 23). Darunter versteht Goffman das, was für das Publikum bestimmt ist, also die Darstellung und „das standardisierte Ausdrucksrepertoire, das der Einzelne im Verlauf seiner Vorstellung bewusst oder unbewusst anwendet“ (ebd.). Hierunter fallen die Erscheinung als Hinweis auf „den sozialen Status des Darstellers“ (ebd.: 25) und das Verhalten. Erscheinung und Verhalten sowie das Bühnenbild (die szenischen Komponenten) sollten kohärent sein, um eine einheitliche Darstellung zu gewährleisten (es muss aber nicht so sein) (vgl. ebd.: 26, 53).

Es wird deutlich, dass das Selbstdarstellungsverhalten eines Einzelnen stark von seinem Publikum abhängt9. Da das Publikum die Fähigkeit besitzt, Ausdruckselemente und Zeichen zu lesen, kann es dem Verhalten Hinweise ent ← 35 | 36 → nehmen. Die Darstellung eines Akteurs10 ist von dieser Fähigkeit der Zuschauer abhängig (vgl. Goffman 2011: 48; vgl. auch Goffman 1981a: 17, 20). Gleichzeitig gibt das Publikum dem Akteur Handlungsspielraum oder schränkt diesen ein, indem es auf den Akteur in einer bestimmten Weise reagiert (vgl. Goffman 2011: 12). Hat das Publikum bereits einen bestimmten Eindruck eines Akteurs gewonnen, ist es für den Akteur schwierig, diesen Eindruck in eine andere Richtung zu verändern (vgl. ebd.: 14). Umgekehrt ist es so, dass ein Akteur seine Darstellung dem jeweiligen Publikum anpasst, vor dem er sich präsentiert – er kann unterschiedliche Rollen spielen (vgl. ebd.: 46).

Goffman verwendet gerne die Theatermetaphorik, um Selbstdarstellungsphänomene zu erklären. So unterscheidet er im Hinblick auf den Ort der Darstellung zwei „Bühnen“: die Vorderbühne und die Hinterbühne (vgl. Goffman 2011: 100, 105)11. Die Vorderbühne ist der Ort der Darstellung, der für das Publikum einsichtig ist. Hier sollte der Darsteller Höflichkeitsregeln befolgen und Anstand wahren. Höflichkeitsregeln beziehen sich auf den Umgang miteinander, auf das Verhalten dem Publikum gegenüber (vgl. ebd.: 100, 101); Anstandsregeln sind moralischer Natur und umfassen „Regeln der Nicht-Einmischung und Nicht-Belästigung anderer, Regeln des sexuellen Anstands, Regeln der Ehrfurcht vor geheiligten Orten usw.“ (ebd.: 100). Die Vorderbühne ist also der Ort, an dem das Verhalten und die Darstellung kontrolliert werden12. Die Hinterbühne dagegen ist für das Publikum unzugänglich und nicht einsehbar. Hier muss die Kontrolle der Darstellung nicht ← 36 | 37 → aufrechterhalten werden (der auf der Vorderbühne gegebenen Darstellung kann sogar widersprochen werden; vgl. ebd.: 104f.). Die Sprachen auf der Vorder- und Hinterbühne unterscheiden sich voneinander, so Goffman: Auf der Hinterbühne sind vulgäre Ausdrücke nicht unüblich, ihre Verwendung ist auf der Vorderbühne dagegen ausgeschlossen, um Beleidigungen zu vermeiden (vgl. ebd.: 118).

2.1.2  Techniken der Imagepflege und Eindrucksmanipulation

Jeder Akteur trägt die Verantwortung für seine eigene Darstellung (auch für die Darstellung der Gruppe) und muss dafür Sorge tragen, dass die Darstellung angemessen ist. Störungen, die möglicherweise während der Interaktion auftreten, können durch die Anwendung bestimmter Techniken vermieden werden (vgl. Goffman 2011: 189). Diese Techniken bezeichnet Goffman als Eindrucksmanipulation. Dabei können zwei Richtungen unterschieden werden: Mit Hilfe defensiver Techniken wird das eigene Image, mit protektiven das Image eines anderen gewahrt und geschützt (vgl. Goffman 1971: 18, 19).

Typische Störungen und eindrucksgefährdende Situationen, auch Zwischenfälle genannt, sind Fauxpas, Taktlosigkeiten oder Ungeschicktheiten, die potenziell peinlich für den Akteur sind und einen ungewollten falschen Eindruck vermitteln, sowie Streits und Szenen13. Peinlichkeit, Verlegenheit und Nervosität sind typische Reaktionen darauf, sowohl auf Seiten des Darstellers als auch auf Seiten des Publikums (vgl. Goffman 2011: 189, 191-192). Um dem entgegenzuwirken, gibt es nach Goffman drei Maßnahmen, von denen die erste defensiv und die zweite protektiv orientiert ist:

Verteidigungsmaßnahmen, die Darsteller anwenden, um ihre eigene Vorstellung zu retten; Schutzmaßnahmen, die von Zuschauern und Außenseitern getroffen werden, um den Darsteller bei der Rettung seiner Vorstellung zu unterstützen; und schließlich Maßnahmen, die der Darsteller treffen muß, um es Publikum wie Außenseitern zu ermöglichen, Schutzmaßnahmen im Interesse des Darstellers zu treffen. (Goffman 2011: 193; vgl. dazu auch Goffman 2011: 16)

Sie stellen sicher, dass der Eindruck, den das Publikum von einem Akteur hat, gewahrt und gesichert werden kann: 1) Als Maßnahmen der Verteidigung (defensive Maßnahmen) des eigenen Images gelten dramaturgische Loyalität, dramaturgische Disziplin und dramaturgische Sorgfalt: ← 37 | 38 →

  Dramaturgische Loyalität meint Loyalität, Solidarität und moralische Verpflichtung eines einzelnen Akteurs sowohl der Darstellung als auch der sozialen Gruppe gegenüber: Die einzelnen Akteure fühlen sich der Gruppe eng verbunden und wahren emotionale Distanz zum Publikum (vgl. Goffman 2011: 193-195).

  Dramaturgische Disziplin umfasst alle Maßnahmen, die der Aufrechterhaltung der Darstellung dienen: Ein Darsteller spielt diszipliniert seine Rolle und hält dramaturgische Vorgaben ein, um den Erfolg zu sichern. Ebenso wichtig sind Diskretion, die Unterdrückung von Gefühlen sowie der Eindruck der Übereinstimmung mit der Gruppe (vgl. ebd.: 196-197).

  Dramaturgische Sorgfalt bezieht sich auf die Sorgfalt, mit der die Darstellung geplant wird. Die Inszenierung wird perfektioniert, indem alle Schritte dramaturgisch vorbereitet, mögliche Zwischenfälle und deren Gegenmaßnahmen in die Planung einbezogen werden und die Darstellung exakt nach Plan abläuft (vgl. ebd.: 198). Die Sorgfalt, die auf die Dramaturgie der Darstellung verwendet wird, hängt dabei vom Bekanntheitsgrad des Akteurs beim Publikum, der Größe der Gruppe und der Wichtigkeit der Darstellung in Bezug auf eine Zielerreichung ab (vgl. ebd.: 201, 203, 204). Je unbekannter sich Darsteller und Publikum sind, desto sorgfältiger muss die Darstellung ausgeübt werden – desto einfacher ist es allerdings auch, „eine unechte Fassade aufrechtzuerhalten“ (Goffman 2011: 201, auch 202).

2) Daneben gibt es Schutzmaßnahmen (protektive Maßnahmen), die von Seiten des Publikums eingesetzt werden. Darsteller und Darstellungen werden von ihm mit Hilfe verschiedener Mittel geschützt, wie beispielsweise durch Takt, das Demonstrieren von „Aufmerksamkeit und Interesse“ (Goffman 2011: 209), das Unterlassen von Unterbrechungen, Ablenkungen und Szenen (vgl. ebd.). Mit taktvollen Verhalten kann das eigene sowie das Image eines anderen gesichert werden und es erleichtert auch den Einsatz von Image schützenden Techniken (vgl. Goffman 1971: 36). Sprachlich zeigt sich taktvolles Verhalten in „Andeutungen, Ambiguitäten, geschickte[n] Pausen, sorgfältig dosierte[n] Scherze[n] usw.“ (ebd.). Kommt es zu einer schwierigen Situation für den Darsteller, hat das Publikum verschiedene Möglichkeiten, die Darstellung und das Gesicht des Darstellers zu wahren14: Es kann den Fehler ignorieren, bei unerfahrenen Darstel ← 38 | 39 → lern nachsichtig sein oder auf Entschuldigungen positiv reagieren (vgl. Goffman 2011: 210f.) – und mitunter ist der Darsteller sich dieses Schutzes bewusst. Dabei verfolgt das Publikum unter Umständen eigene Ziele, die im Einschmeicheln oder in der Solidaritätsbezeugung liegen können (vgl. ebd.: 210-211).

3) Im Gegenzug zu den Schutzmaßnahmen, die ein Darsteller durch sein Publikum erfährt, muss der Darsteller diese Maßnahmen durch sein Verhalten überhaupt ermöglichen: Er muss offen für die Rückmeldung aus dem Publikum sein und diese in seiner weiteren Darstellung beachten (vgl. ebd.: 212).

Goffman geht davon aus, dass in Darstellungen „die offiziell anerkannten Werte der Gesellschaft“ (Goffman 2011: 35) Leitlinien für die Ausgestaltung der Darstellung sind. Hierzu eignen sich Rituale, die diese Werte bestätigen (vgl. ebd.) und der Selbstregulierung der Individuen einer Gesellschaft dienen. Goffman modelliert Rituale in Bezug auf Imagepflege wie folgt: Handlungen und Äußerungen geben Aufschluss über Charakter und Einstellungen des Akteurs seinen Zuhörern und der bestehenden Beziehung gegenüber:

Dem Individuum wird beigebracht, wahrnehmungsfähig zu sein, auf das Selbst bezogene Gefühle zu besitzen, und ein Selbst, das durch Image ausgedrückt wird, Stolz, Ehre, Würde, Besonnenheit, Takt und ein bestimmtes Maß an Gelassenheit zu besitzen. Dies sind Verhaltenselemente, die man haben muß, soll man als Interagierender eingesetzt werden. (Goffman 1971: 52)

Beispiele für solche Rituale sind Ehrerbietung und Benehmen. Beide Verhaltensweisen sind miteinander verknüpft: Ehrerbietung bedeutet den Ausdruck der Wertschätzung einem anderen gegenüber, was rituell durch beispielsweise Begrüßungen oder Entschuldigungen gezeigt wird (vgl. Goffman 1971: 64f.). Diese nennt er Zuvorkommenheitsrituale [presentational rituals], zu denen auch „Einladungen, Komplimente und kleinere Hilfsdienste“ (ebd.: 81) zählen, die persönliche Verbundenheit mit dem Interaktionspartner signalisieren (vgl. ebd.). Dem entgegengesetzt sind Vermeidungsrituale [avoidance rituals]. Mit diesen wird eine Distanz zum Interaktionspartner hergestellt, durch die die Privatsphäre geschützt wird. Beide Rituale dienen der Würdigung eines Adressaten (vgl. ebd.: 85).

Benehmen hingegen ist in „Haltung, Kleidung und Verhalten“ (ebd.: 86) sichtbar. Erwünscht und positiv besetzt sind „Diskretion, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit sich selbst gegenüber, Fairness, Beherrschung von Sprache und Motorik, Selbstbeherrschung hinsichtlich Emotionen, Neigungen und Wünschen, Ge ← 39 | 40 → lassenheit in Streßsituationen usw.“ (ebd.). Diese Eigenschaften können einem Individuum allerdings nur von seinem sozialen Umfeld zugesprochen und zugeschrieben werden und basieren auf Verhaltensinterpretationen (vgl. ebd.).

Die genannten Techniken zur (gegenseitigen) face-Wahrung werden in Abbildung 1 zusammengefasst:

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Abbildung 1: Zusammenstellung der Techniken zur Imagewahrung bei Zwischenfällen; eigene Darstellung.

Auf der Basis der möglichen protektiven und defensiven Maßnahmen stellt Goffman zwei prototypische Prozessabläufe dar, die durch (erwartete) Störungen und Zwischenfälle ausgelöst werden und der Imagepflege dienen: den Vermeidungs- und den korrektiven Prozess. ← 40 | 41 →

1)  Vermeidungsprozess:

Unter einer defensiven Ausrichtung besteht er darin, potenziell gesichtsbedrohende Situationen oder Personen zu meiden (vgl. Goffman 1971: 21). Kommt es dennoch zu einem Kontakt, besteht immer noch die Möglichkeit, potenziell gesichtsbedrohenden „Themen und Tätigkeiten“ (ebd.) auszuweichen und sich dagegen abzuschirmen.

Um das Image eines anderen zu schützen (protektiver Prozess), kann ein Akteur seine Ansichten vorsichtig-respektvoll formulieren und sich diskret verhalten (vgl. ebd.: 22). Kommt es zu einem Zwischenfall, „so kann er immer noch versuchen, die Fiktion aufrechtzuerhalten, es habe keine Bedrohung des Images stattgefunden“ (ebd.: 23). Der Zwischenfall und damit die Gesichtsbedrohung werden durch taktvolles Ignorieren neutralisiert. Im Gegenzug kann derjenige, dem ein Gesichtsverlust droht, versuchen sein missglücktes Handeln zu verbergen (vgl. ebd.: 22-24).

2)  Der korrektive Prozess:

Dieser setzt dann ein, wenn es nicht möglich ist, einen Zwischenfall zu verbergen und er als solcher anerkannt werden muss (vgl. ebd.: 24f.). Zur Korrektur einer gesichtsbedrohenden Situation kann eine Ausgleichshandlung eingesetzt werden, die typischerweise und modellhaft in der Abfolge von vier Handlungsschritten oder auch Phasen besteht (vgl. ebd.: 28). Diese Handlungsschritte werden im Folgenden schematisch dargestellt (Abb. 2; eigene Darstellung nach Goffman 1971: 26f.):

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Abbildung 2: Handlungsschritte im korrektiven Prozess nach Goffman 1971.

Falls vom Verursacher kein Ausgleich initiiert wird, kann der Geschädigte selbst diesen Ausgleich auslösen, indem er auf den Zwischenfall hinweist; tut er dies ← 41 | 42 → nicht, präsentiert er sich dem Verursacher und der Beleidigung gegenüber als hilf- und schutzlos (vgl. Goffman 2005: 90). Hier wird deutlich, dass „gerade in die Gesprächsstruktur das Versprechen eingebaut [ist], rituelle Sorge für sein Image zu tragen“ (Goffman 1971: 48).

Eine weitere Form der Imagepflege besteht darin, bedrohliche Situationen bewusst hervorzurufen und zu inszenieren, um sich selbst zu profilieren (vgl. Goffman 1971: 30). Hierbei handelt es sich um eine „aggressive Verwendung von Techniken der Imagepflege“ (ebd.) mit dem Ziel, das eigene Image gegenüber einem anderen aufzuwerten. Dies ist allerdings mitunter riskant, da der ‚Gegner‘ dem entgegenwirken und selbst als Überlegener aus dem Spiel hervorgehen kann – was mit einem Gesichtsverlust des Herausforderers einhergeht (vgl. ebd.: 31f.). Beide Prozesse dienen der Wiederherstellung der interaktiven Ordnung; alle Interaktionspartner sind an dieser beteiligt.

Die nachfolgende Abbildung (Abb. 3) stellt beide Prozesse schematisch dar:

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Abbildung 3: Vermeidungs- und Korrektivprozesse in der Imagepflege nach Goffman 1971; eigene Darstellung.

Zum Beispiel: Selbstdarstellung in beruflichen oder privaten Gesprächen und Konflikten

Gerade in Konflikten kann positive Selbstdarstellung problematisch sein, da man das eigene „Verhalten sorgfältig kontrollieren muß, um der Opposition keine Angriffspunkte zu bieten“ (Goffman 2011: 51). Nach Goffman ist es das häufigste Ziel, sich selbst oder die eigene Gruppe durch Abwertung des Gegenübers aufzuwerten. Dies geschehe allerdings selten auf direkte verbale Art, sondern zumeist „unter dem Deckmantel von Höflichkeitsbezeugungen und zweideutigen ← 42 | 43 → Komplimenten“ (ebd.: 174). Es ist ein bekanntes Phänomen, dass herabsetzende Äußerungen über eine Person in deren Abwesenheit schärfer formuliert werden als in deren Anwesenheit (vgl. ebd.: 160).

Betrachtet man Gespräche aus strategischer Perspektive, lassen sich verschiedene Techniken und Strategien identifizieren, die den Gesprächsverlauf und damit die eigene Inszenierung zu eigenen Gunsten beeinflussen. Wichtig ist es danach, das Thema gleich zu Beginn des Gesprächs zu bestimmen und damit den Rahmen vorzugeben (vgl. Goffman 1989: 284). Selbstdarstellungsverhalten, das in Zusammenhang mit einer beruflichen Aufgabe geschieht, ist nach Goffman darauf ausgerichtet, „seine Dienstleistung oder das angebotene Produkt in ein vorteilhaftes Licht zu rücken“ (Goffman 2011: 73). Damit verbunden sind die Bemühungen des Akteurs, „Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit“ (ebd.) auszudrücken.

Das Gesprächsverhalten der Akteure wird jeweils wechselseitig gedeutet. Zwischenrufe beispielsweise können die Spannung in einem Gespräch erhöhen, da der eigentliche Sprecher diese Störungen und Äußerungen zwar wahrnimmt, aber zumeist ignoriert. Gleichzeitig erwartet der Zwischenrufer jedoch eine Reaktion des Sprechers oder des Publikums (z. B. Gelächter) (vgl. Goffman 1989: 456). Ein anderes Beispiel sind Bitten um Wiederholung des Gesagten. Sie können vielerlei bedeuten, nämlich das Signal mangelnder Zuhör-Bereitschaft, Unwissenheit seitens des Hörers oder sogar Vorwurf des unklaren Ausdrucks dem Sprecher gegenüber (vgl. Goffman 2005: 95f.).

Das Gesprächsverhalten eines Teilnehmers kann außerdem eher aggressiv oder eher bescheiden sein, was wiederum jeweils unterschiedliche Eindrücke hervorruft:

So kann hochmütiges, aggressives Verhalten den Eindruck erwecken, der Darsteller wolle die mündliche Interaktion in Gang setzen und ihren Verlauf beeinflussen. Bescheidenes und auf Verteidigung eingestelltes Verhalten hingegen kann den Eindruck erwecken, der Darsteller sei bereit, sich der Führung anderer unterzuordnen, oder er könne wenigstens dazu veranlaßt werden. (Goffman 2011: 25)

Gesprächsverhalten ist auch davon abhängig, aus welcher gesellschaftlichen Rolle, Position oder aus welchem Status heraus eine Person agiert. Ein Beispiel ist arrogantes Gebaren bei ranghöheren Interaktionsteilnehmern, die ihr Benehmen als angemessen und imagefördernd ansehen; sie halten ihr Verhalten durch ihren Rang gerechtfertigt und befreien sich somit von den Meinungen über sie (vgl. Goffman 1971: 32).

Goffman weist darauf hin, dass all dieses – zumeist negativ bewertete – Gesprächsverhalten auch scherzhaft eingesetzt werden kann, beispielsweise in ge ← 43 | 44 → selligen Runden. Ziel dieses „mündliche[n] Schattenboxen[s]“ (Goffman 2011: 186) ist dann nicht unbedingt die Abwertung oder Herausforderung des anderen Standpunkts, sondern eher die Unterhaltung des Publikums.

2.1.3  Das Gespräch als eine Form der Interaktion

Die dargestellten Prozesse und Techniken der Selbstdarstellung finden typischerweise in Gesprächen statt. Unter einer interaktionalen Perspektive fasst Goffman das Gespräch als

Arrangement […], durch das Individuen zu einem Anlass zusammenkommen, der ihre offizielle, ungeteilte, augenblickliche und fortwährende Aufmerksamkeit beansprucht und sie in einer Art intersubjektiver, geistiger Welt ansiedelt (Goffman 2005: 146)15.

Das Gespräch ist zeitlich begrenzt und bildet einen Abschnitt innerhalb der Interaktion, bei dem Personen in der Pflicht sind, sich als Sprecher oder Hörer aktiv zu beteiligen, wobei die Rollen wechseln (vgl. Goffman 2005: 44). Ziel eines Gesprächs ist es, dass die Teilnehmer einander verstehen, d. h. die Illokution (also die „kommunikative Intention des Sprechers“; Goffman 2005: 78) erkennen und „funktionale Verständigung“ (ebd.) erreichen. Zudem müssen auch körperlich ausgedrückte Emotionen gelesen werden (vgl. Goffman 1989: 539).

Um ein direktes Gespräch führen zu können, müssen verschiedene Bedingungen erfüllt sein, die Goffman als „Systemvoraussetzungen“ (Goffman 2005: 83; vgl. auch Goffman 1989: 535) des Gesprächs zusammenfasst:

a)  Die Interaktionspartner müssen in der Lage sein, Nachrichten zu senden, zu empfangen und zu interpretieren,

b)  sie können den Empfang bestätigen („Rückkopplungsfähigkeiten“, Goffman 2005: 83),

c)  sie können miteinander Kontakt aufnehmen oder diesen mittels Kontaktsignalen beenden,

d)  sie können von der Sender- zur Hörerrolle wechseln und einander anzeigen, wann sie sprechen möchten,

e)  sie können metasprachlich kommunizieren, also um Wiederholungen bitten, jemanden unterbrechen oder eine Kontaktaufnahme verhindern, ← 44 | 45 →

f)  sie erkennen Redestatuswechsel16 (beispielsweise eingeklammerte Sequenzen wie Ironie, indirekte Rede, Scherze),

g)  sie äußern relevante Beiträge17 und

h)  sie halten sich an Beschränkungen, wie z. B. das Verbot zu Lauschen oder das Unterlassen von gesprächsstörenden Handlungen (vgl. Goffman 2005: 83).

In der Kommunikation gelten demnach gewisse etablierte Normen des Anstands oder „der guten Sitten“ (Goffman 1989: 535), die von der sozialen Konstellation der Gesprächsteilnehmer abhängig sind. Normen regeln die Länge der Gesprächsbeiträge, die Themenwahl, das Engagement oder die Aufmerksamkeit der einzelnen Sprecher (und Hörer) (vgl. ebd.: 536). Ähnliche Kriterien finden sich auch in Goffmans Äußerungen zum Gesprächszustand, die hier in Stichpunkten wiedergegeben werden: Es gibt einen Brennpunkt der Aufmerksamkeit, ein aufrechtzuerhaltendes, anerkanntes Thema; der Sprecherwechsel wird signalisiert und es herrscht Konsens über die Länge der Gesprächsbeiträge; die Teilnehmer geben Rückmeldesignale, vermeiden Unterbrechungen, Störungen und öffentliches Austragen von Meinungsverschiedenheiten; Einhalten von Regeln bei Themenwechseln (vgl. ausführlich Goffman 1971: 41f.).

Der Gesprächsverlauf kann von den Teilnehmern aktiv zugunsten der eigenen Interessen gesteuert werden. Einzelne Redezüge werden gewählt, je nachdem, welches Ziel erreicht werden soll: „[M]an angelt nach Komplimenten, ‚steuert‘ ein Gespräch, bringt ein Thema herein, das in eine gewünschte Richtung zu führen verspricht, und ähnliches“ (Goffman 1989: 547). Durch die Charakterisierung der Rede als „Zug“ wird die strategische Komponente des Sprechens betont; der Begriff Zug bezeichnet die wählbare, strukturierte „Handlungsweise mit realen physischen Folgen in der Außenwelt, die zu objektiven und ganz konkreten Veränderungen in [der] Lebenssituation führt“ (Goffman 1981a: 81; vgl. auch ebd.: 124)18. In der Kommunikation sind Sprecher und Hörer nicht nur auf akustische Signale angewiesen, sondern auch auf taktile und visuelle:

Bei der Regelung des Redezugwechsels, bei der Einschätzung der Rezeption durch die visuellen Feedback-Kanal-Hinweise, bei der paralinguistischen Funktionsweise der Gesten, bei der Abstimmung der Blick-Ab- und Zuwendungen, bei dem Aufzeigen von Aufmerksamkeit (wie etwa beim auf mittlere Distanz gerichteten Blick) – in all diesen ← 45 | 46 → Fällen spielt das Visuelle offenkundig eine entscheidende Rolle, und zwar sowohl für den Sprecher wie für den Hörer (Goffman 2005: 43).

Auch bei Gesprächseröffnungen und -schließungen ist das Visuelle zentral: Die Beteiligten wenden sich körperlich einander zu oder nehmen Abstand und signalisieren so die Bereitschaft zur Beteiligung am Gespräch. Zudem sind Gespräche rituell eingeklammert, beispielsweise durch Begrüßungs- oder Verabschiedungsformeln, die durch körperliche Aktivitäten wie Händeschütteln oder Verbeugen begleitet werden (vgl. Goffman 2005: 44).

Redestatus und Redestatuswechsel

Goffman stellt bei der Untersuchung des Redestatus – des interaktiven Standpunkts – fest, dass wir unseren Redestatus während eines Gesprächs häufig ändern (vgl. Goffman 2005: 42, 43)19. Für diesen Wechsel von Art, Ton und sozialen Rollen (unter Umständen auch der Adressaten) eines Gesprächs übernimmt Goffman den Begriff des Code-Wechsels [code switching] von Blom/Gumperz (1972: 427; vgl. Goffman 2005: 39). Redestatus kommt also sprachlich in Gesprächen zum Ausdruck, wobei dem Sprecher verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung stehen, diesen deutlich zu machen. Durch Tonfall und Mimik kann er signalisieren, dass er scherzt oder jemanden zitiert, ironisch oder sarkastisch ist, wodurch er sich inhaltlich vom Gesagten (bzw. dem Ernst) distanziert und sich somit zu einem gewissen Grad der Verantwortung für das Gesagte entzieht (vgl. Goffman 1989: 549, 551f.). Auch Anspielungen funktionieren auf diese Weise, da man die Äußerung mit einer unterschwelligen Bedeutung versieht, die der Angesprochene versteht (vgl. Goffman 2005: 48). Den genannten Formen der inhaltlichen Distanzierung steht ein Redestatus gegenüber, bei dem der Sprecher Verantwortung für das Gesagte übernimmt und somit „strengere Maßstäbe“ (Goffman 1989: 577) darauf anwendet. Im Gespräch weisen „Klammerzeichen“ (ebd.: 584) auf Redestatuswechsel hin und zeigen anaphorisch oder kataphorisch an, wie einzelne eingeklammerte Gesprächsabschnitte zu interpretieren sind (vgl. ebd.: 584f.).

Paarhälften oder: Referenz-Reaktions-Einheiten

In seiner Betrachtung des Dialogs stellt Goffman fest, dass oft sogenannte Paarhälften, auch angrenzendes Paar [adjacency pair] (Goffman 2005: 73; Herv. im ← 46 | 47 → Orig.) oder Referenz-Reaktions-Einheiten (vgl. ebd.: 122, 124) genannt, auftreten. Zwei Paarhälften bilden eine „minimale Dialogeinheit, eine Runde mit zwei Äußerungen vom selben Typ, jeweils von einer anderen Person und zeitlich unmittelbar aufeinander folgend vorgebracht“ (ebd.: 73). Ein typisches Beispiel sind Frage-Antwort-Paare. Eine Reaktion auf eine Paarhälfte wird dann immer vor dem Hintergrund der ersten Paarhälfte interpretiert. Dies erlaubt die Rekonstruktion der zweiten Paarhälften, falls diese nicht vorhanden, unverständlich oder nonverbal sind (auch unter Rückgriff auf den Unterschied von Gesagtem und Gemeintem) (vgl. ebd.: 74, 75):

Somit dienen die beiden Paarhälften also gleichzeitig dazu, uns teilweise Aufschluss über das zu geben, was uns zum Verständnis der ersten Paarhälften fehlt, so dass diejenigen, die im ursprünglichen Kontext den zweiten Schritt machten, sich als höchst willkommene und informative Explikatoren für spätere Zusammenhänge erweisen.“ (Goffman 2005: 104).20

In Goffmans Überlegungen zu Referenz-Reaktions-Einheiten bezeichnet der Begriff Referenz alles, „worauf jemand in Form einer Reaktion Bezug nehmen könnte“ (Goffman 2005: 122), also auch längere Sequenzen (vgl. ebd. und ebd.: 124). Reaktionen sind angeregt durch vorangegangene Referenzen und deren Sprechakttypen (nach Austin 1972 und Searle 1971), „sagen etwas aus über die Position oder Einstellung des Individuums bezüglich des Geschehens“ (ebd.: 105; vgl. ebd.: 138), bestimmen die Referenz der Reaktion und sollen von den anderen beachtet werden. Reaktionen können dabei auch die Aussage metasprachlich kommentieren oder werten, sich also auf Tonfall oder Stil beziehen (vgl. ebd.: 114). Dennoch ist das Reagieren inhaltlich-thematisch gegenüber dem Agieren eingeschränkt, beispielsweise weil das Thema bereits vorgegeben ist (vgl. ebd.: 120f.). Goffman stellt außerdem heraus, dass nicht allen Aussagen immer Erwiderungen folgen oder dass auch Kommentare gemacht werden, obwohl Sprecher gerade nicht ‚dran‘ sind (vgl. Goffman 2005: 99). Zudem können Züge auch nonverbal stattfinden (vgl. ebd.: 147). Nicht zuletzt gibt es auch Referenzen, die nicht zur Gesprächsentwicklung beitragen, sondern diese eher behindern (vgl. Goffman 2005: 151), wie beispielsweise Selbstgespräche21, Reaktionsrufe22 oder Flüche. All diesen ist gemeinsam, dass sie impulsive Äußerungen sind, die nicht wirklich an jemand anderen gerichtet sind, sondern den temporären Verlust der Selbstkontrolle signalisieren (ebd.: 196). ← 47 | 48 →

2.1.4  Zusammenfassung der Beobachtungen und Beschreibungen Goffmans

Goffman fasst das Selbst einer Person als durch und durch sozial-gesellschaftlich konstituiert auf. Selbstdarstellung definiert er als Versuch der Eindruckskontrolle, wobei die Art der Selbstdarstellung situations-, publikums- und kontextabhängig ist. Sie verläuft regelbasiert und setzt die Kooperation aller Interaktionsteilnehmer voraus. Interaktion ist nach Goffman generell risikobehaftet: Das face jedes Einzelnen ist in Gesprächen stets potenziell bedroht. Kommt es zu imageschädigenden, face-bedrohenden Zwischenfällen, stehen den Interaktionsteilnehmern Verfahren zur Wiederherstellung der sozialen Ordnung zur Verfügung. Das Medium hierfür ist das Gespräch, das nicht nur Zwischenfälle zulässt, sondern auch Möglichkeiten zur Korrektur bzw. zur Vermeidung anbietet.

Goffmans Überlegungen gehen nicht nur in verschiedene Ansätze zur späteren Theorie des Impression Managements ein und sind Grundlage psychologischer Studien, sondern bilden die Basis für linguistische Ansätze zur Selbstdarstellung. Dennoch wurden seine Aussagen, die er auf Basis von unsystematischen Beobachtungen getroffen hat, in der Soziologie kaum systematisch geprüft und verifiziert oder falsifiziert (vgl. Mummendey 1995: 119).

2.2  Sozialpsychologischer Ansatz: Impression Management (IM)

Das Impression Management ist ein sozialpsychologisches Konzept, das aus den soziologischen Überlegungen von Mead (1934) und dessen Schüler Blumer (1969), Goffman und psychologischen Überlegungen zum Selbst hervorgegangen ist. Es beschreibt Selbstdarstellung möglichst sparsam, ohne viele Vorannahmen und unter Rückgriff auf bereits etablierte Begrifflichkeiten (vgl. Mummendey 1995: 81, 130). Eine frühe Definition von Impression Management liefert Schlenker: „Impression management is the conscious or unconscious attempt to control images that are projected in real or imagined social interactions“ (Schlenker 1980: 6; Herv. im Orig.). Der Begriff des IM konkurriert allerdings mit dem der self-presentation, wie eingangs dargestellt.

Dem Versuch der Eindruckskontrolle liegt das Selbst zugrunde, das „die subjektive Sicht des Individuums“ (Mummendey 1995: 54; Herv. im Orig.) bezeichnet23. ← 48 | 49 → Jedes Individuum besitzt ein Selbst, das zwar substanzlos ist, sich aber auch Beurteilungs- und Bewertungsprozessen konstituiert, die „die eigene Person“ (ebd.: 81) betreffen. Das Interesse der Sozialpsychologen bestand darin, herauszufinden, „was jemand unter welchen Bedingungen als Konzept von sich selbst nach außen, also sozialen Interaktionspartnern oder der Öffentlichkeit gegenüber, präsentiert“ (ebd.: 82; Herv. im Orig.).

2.2.1  Selbst- und Fremdbild

Eine Selbstdarstellungstheorie ist die der Self-Presentation, die vor allem von Leary (1996) vertreten wird. Imagekontrolle „kann sowohl bewusst, absichtlich und strategisch als auch unbemerkt, unabsichtlich und routinemäßig erfolgen“ (Mummendey 2006: 78; vgl. Schlenker 1980: 7). Die Theorie der Selbstpräsentation betont, dass das eigene Selbstbild durch das Fremdbild beeinflusst wird. Betreibt man also Selbstdarstellung und versucht so, das eigene Fremdbild zu beeinflussen, wirkt das wiederum auf das Selbstbild zurück. Denn wenn es um die Auswertung des eigenen Selbst geht, spielt immer die Vorstellung darüber, was andere von einem denken könnten, eine Rolle. Dieser Einfluss des Publikums oder der Öffentlichkeit ist bereits von Cooley (1902) nachgewiesen worden. Auf Basis seiner psychologischen Experimente beschreibt er die Rolle der Interaktionspartner bei der Selbstdarstellung analog zum Spiegelbild: Befindet sich ein Spiegel (oder eine Kamera, eine andere Person) im Raum, werden Individuen selbstaufmerksamer. Selbstdarstellung ist also „immer Darstellung des Individuums gegenüber einem wie auch immer gearteten Publikum“ (Mummendey 1995: 39), sie wird individuell an das Publikum angepasst. Das heißt auch, „daß Individuen keineswegs immer, keineswegs immer in gleichem Ausmaß, nicht immer auf dem gleichen Gebiet und nicht mit gleicher Intensität gegenüber jedermann Impression-Management betreiben“ (ebd.: 245). Die Art und Intensität der Selbstdarstellung hängt also von der individuellen Zusammensetzung des Publikums ab (vgl. ebd.: 248; vgl. auch Mummendey 1993). Hier kann vermutet ← 49 | 50 → werden, dass auch nicht nur die Zusammensetzung des Publikums, sondern auch der Status einzelner Personen in Relation zu einem Selbst, Bekannt-, Freund- und Feindschaften sowie die eigenen Ziele eine Rolle dabei spielen, wie und in welchem Ausmaß Selbstdarstellung betrieben wird.

2.2.2  Taktiken und Strategien des Impression Management

Taktiken und Strategien des Impression Managements wurden in verschiedenen Studien ermittelt, die teils auf Beobachtungen, teils auf Verhaltensäußerungen in inszenierten Laborsituationen beruhen. Verhalten wird kategorisiert, wobei darauf hingewiesen werden muss, dass es vor allem persönliche Lebens- und Alltagserfahrungen sind, die diese Kategorisierungen erlauben – also nicht das wissenschaftliche Wissen (vgl. Mummendey 1995: 135). Es ist praktisch unmöglich, eine Liste aller selbstdarstellerischen Verhaltensweisen aufzustellen, wenn man davon ausgeht, dass alles Verhalten potenziell als Selbstdarstellungstechnik aufgefasst werden kann. Wenn dieses Kapitel mit „Taktiken und Strategien des Impression Management“ betitelt ist, werden viele Probleme einer Klassifikation zwangsläufig ausgeklammert. Diese Probleme werden im Folgenden erläutert:

Ein Großteil der Forschung unterscheidet zwischen Strategien und Taktiken der Imagepflege, was sich als problematisch für die Zuordnung von Verhaltensphänomenen herausgestellt hat. So unterschieden Tedeschi et al. (1985) Impression Management-Strategien von Impression Management-Taktiken. Strategien sollten dabei auf Langfristigkeit angelegt sein und situationsübergreifend angewendet werden, wohingegen Taktiken die kurzfristigen Ziele anvisieren und daher situationsspezifisch eingesetzt werden (vgl. Tedeschi et al. 1985: 69f.). Zudem seien die jeweiligen Strategien und Taktiken nach ihrer assertiven oder defensiven Funktion zu unterscheiden. Assertives IM ist aktives, auf Vorteilsgewinnung ausgerichtetes Selbstdarstellungsverhalten; defensives IM tritt dann ein, wenn die eigene Identität bedroht ist, wenn sie gegenüber Angriffen verteidigt und gewahrt werden muss (vgl. ebd.). Aus diesen Überlegungen ergibt sich nach Tedeschi et al. ein Vierfelderschema:

img

Abbildung 4: Vierfelderschema nach Tedeschi et al. 1985: 70.

Diese Klassifizierung von Impression Management-Verhalten suggeriert die Möglichkeit einer eindeutigen Zuordnung. Versucht man allerdings allein schon zwischen Strategie und Taktik zu unterscheiden, stößt man sehr schnell auf Ab ← 50 | 51 → grenzungsprobleme. Oft kann nicht entschieden werden, ob auftretendes Verhalten auf kurz- oder langfristige Ziele gerichtet ist. Auch zwischen den einzelnen Verhaltensweisen, die im Folgenden noch thematisiert werden, gibt es Überschneidungen und daher in Bezug auf die Differenzierung zwischen Strategie und Taktik häufig Schwierigkeiten (vgl. Mummendey 1995: 137).

Ebenso muss die Unterscheidung in positive und negative, assertive und defensive sowie selbstzuschreibende [attributive] und dementierende [repudiative] Taktiken und Strategien kritisch gesehen werden (zu den letzten beiden vgl. Leary 1996: 17), da sich solche Kategorisierungen kaum sinnvoll treffen lassen. Zudem ist die Systematik der Taktiken und Strategien in vielerlei Hinsicht problematisch: Aufgrund der Vielzahl der unterschiedlichen Studien gibt es erstens viele Überschneidungen im Hinblick auf Benennungen der Taktiken/Strategien (d. h. dieselben Taktiken/Strategien werden unterschiedlich benannt), gleichzeitig zweitens aber auch Uneinheitlichkeit in der Terminologie (d. h. eine Bezeichnung wird für unterschiedliche Strategien verwendet). Drittens kommt es immer wieder zu Problemen, wenn beobachtete Phänomene im Hinblick auf die Taktiken/Strategien klassifiziert werden müssen (d. h. die Zuordnung ist einerseits generell schwierig, andererseits aber auch aufgrund der Terminologievielfalt) (vgl. u. a. Bolino et al. 2008: 1100).

In den folgenden Ausführungen werden verschiedene Taktiken und Strategien der Selbstdarstellung zusammengestellt. Allerdings muss betont werden, dass dies vor dem Hintergrund der eben beschriebenen Probleme geschieht. Um nicht eine völlig unübersichtliche Beschreibung der Taktiken mit ihren jeweiligen problematischen Aspekten geben zu müssen, erfolgt diese Kritik an dieser Stelle pauschal und auf alle Zuordnungsversuche insgesamt gesehen. Im folgenden Abschnitt werden also ebenso nur Versuche einer Systematik mit der Kenntnis und im Bewusstsein der Problemvielfalt wiedergegeben.

Mummendey (1995) entscheidet sich aufgrund dieser Problemlage für den Begriff der Technik und fasst verschiedene Arten von Selbstdarstellungsverhalten unter dem Sammelbegriff Selbstdarstellungstechniken zusammen; dies schließt die Möglichkeit ein, dass Verhalten entweder strategisch oder taktisch, assertiv oder defensiv auftreten kann (vgl. Mummendey 1995: 140). Außerdem wird damit berücksichtigt, dass Selbstdarstellungstechniken nacheinander oder gleichzeitig ablaufen, sich gegenseitig ergänzen, typischerweise aufeinander aufbauen oder sich gegenseitig ausschließen können (vgl. Jones/Pittman 1982: 250, 260). Mit diesem relativ offenen Begriff werden auch Mischformen zugelassen und daher die Analyse erleichtert, weswegen ich mich dieser Entscheidung anschließe. ← 51 | 52 →

In der folgenden Tabelle sind verschiedene Techniken beispielhaft der positiven oder negativen Ausrichtung zugeordnet (vgl. Tab. 1). Positive Techniken sind solche, mit denen sich ein Akteur in ein gutes und günstiges Licht rückt; mit negativen Techniken stellt der Akteur sich ungünstiger, negativer dar (vgl. Mummendey 1995: 14).

Um zu verdeutlichen, wie solche Techniken die Selbstdarstellung bestimmen bzw. worin überhaupt ihr selbstdarstellerischer Charakter besteht, wird im Folgenden die Unterscheidung von Mummendey (1995) übernommen und die einzelnen Techniken erläutert. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass jedes Verhalten und jede Handlung als Selbstdarstellung und Versuch der Eindruckskontrolle interpretiert werden kann. Deswegen erheben die im Folgenden beschriebenen Techniken keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit; sie werden exemplarisch aufgeführt und erklärt, um die Funktionsweise der Techniken – und ihre Wirkung sowie Interpretationsmöglichkeiten – zu verdeutlichen.

Tabelle 1:  Positive und negative Selbstdarstellungstechniken nach Mummendey 1995: 140-141.

Positive Selbstdarstellungstechniken
(1)  Eigenwerbung betreiben (self-promotion)
(2)  Sich über Kontakte aufwerten (BIRGing = basking in reflected glory)
(3)  Sich über Kontakte positiv abheben (boosting)
(4)  Attraktivität herausstellen (personal attraction)
(5)  Hohen Status und Prestige herauskehren (status, prestige)
(6)  Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit herausstellen (credibility, trustworthiness)
(7)  Sich beliebt machen, sich einschmeicheln (ingratiation, other-enhancement)
Negative Selbstdarstellungstechniken
(8)  Entschuldigen, Abstreiten von Verantwortlichkeit (apologies, excuses), Rechtfertigen (justification, accounts), Rechtfertigen in misslichen Lagen (predicaments)
(9)  Widerrufen, ableugnen, dementieren, vorsorglich abschwächen (disclaimers)
(10)  Sich als unvollkommen darstellen (self-handicapping)
(11)  Understatement, hilfsbedürftig erscheinen (supplication)
(12)  Bedrohen, einschüchtern (intimidation)
(13)  Abwerten anderer (blasting)

Positive Selbstdarstellungstechniken sind die Folgenden:

(1) Es ist die natürlichste und üblichste Form des Impression Managements im Alltag, Eigenwerbung zu betreiben (self-promotion). Hierbei geht es darum, sich selbst so positiv wie möglich darzustellen und die guten Seiten hervorzu ← 52 | 53 → heben (vgl. Mummendey 1995: 142; Jones/Pittman 1982: 241-245). Unter dem Begriff Eigenwerbung werden verschiedene Einzeltechniken zusammengefasst. Nach Tedeschi et al. (1985: 75) sind es vor allem die Techniken hohe Ansprüche signalisieren, hohes Selbstwertgefühl herausstellen, sich über Kontakte aufwerten und das Abwerten Anderer (entitlements, self-enhancement, BIRGing, blasting), die in der Eigenwerbung versammelt sind. Sie zielen darauf ab „to achieve an identity as a competent and intelligent person” (Tedeschi et al 1985: 75). Es geht also nicht darum, die eigene Beliebtheit zu erhöhen, sondern sich als kompetent und intelligent darzustellen. Es ist die Präsentation der eigenen Leistungsfähigkeit, die im Mittelpunkt steht (vgl. Mummendey 1995: 142; Jones/Pittman 1082: 241).

(2) Sich über Kontakte aufwerten (basking in reflected glory/BIRGing) und (3) sich über Kontakte positiv abheben (boosting) beziehen sich auf die positive Rückwirkung, die eine soziale Gruppe auf einen Akteur hat. Es geht beim BIRGing darum, „sich mit bestimmten Gruppen und deren positiven Bewertungen (also gewissermaßen mit ihrem Ruhm) zu assoziieren“ (Mummendey 1995: 145). Die Forschung von Cialdini et al. (1976) und Richardson/Cialdini (1981) belegt, dass schon die öffentliche Darstellung der Verbindung oder Identifikation mit einer sozialen Gruppe den Eigenwert des Akteurs erhöht. Diese Werterhöhung besteht in der Übertragung positiver Attribute von der Gruppe auf einen selbst, z. B. Erfolge, Beliebtheit oder Autorität (vgl. Mummendey 1995: 145).

Ähnlich, aber anders gewichtet, ist nach Finch/Cialdini (1989) das boosting. Hierbei nutzt der Akteur auch die Bekanntheit mit anderen, um deren positive Eigenschaften mit sich selbst in Verbindung zu bringen. In der Öffentlichkeit werden dann die Verbindung und die andere Person(engruppe) so bewertet, dass der Eigenwert des Akteurs angehoben wird (vgl. Mummendey 1995: 146).

(4) Attraktivität herausstellen (personal attraction): Diese Form der Imageproduktion zielt darauf ab, beim Gegenüber möglichst attraktiv zu erscheinen. Solches Verhalten ist eher einer sozialen Ebene zuzurechnen, wobei es um die Erweckung positiver Emotionen geht, wie z. B. die persönliche Beliebtheit oder allgemeine Sympathie (vgl. Mummendey 1995: 149). Attraktivität gilt als wertvolle Ressource im sozialen Umfeld und sichert French/Raven (1959) zufolge ein gewisses Maß an Macht. Welche konkreten Verhaltensweisen der IM-Technik personal attraction zugerechnet werden, ist nicht immer eindeutig, da so gut wie alle Verhaltensweisen die Attraktivität des Akteurs positiv oder negativ beeinflussen können. Gove et al. (1980) weisen darauf hin, dass sogar das Dümmer-Stellen (vgl. Mummendey 1995: 150) die Attraktivität eines Akteurs in bestimmten Situationen – wenn auch nur kurzfristig – steigern kann. ← 53 | 54 →

(5) Status und Prestige zu betonen (status, prestige) ist ein Teil der nonverbalen, assertiven Selbstdarstellung (vgl. Mummendey 1995: 151). Ausschlaggebend sind vor allem die Kleidung und das Tragen bzw. Präsentieren von Statussymbolen. In bestimmten Kontexten sind dies beispielsweise teure Uhren oder Anzüge, auch Titel im akademischen Umfeld. Sie stellen „Status-Symbole im Sinne des symbolischen Interaktionismus [dar]: Sie zeigen neben anderem an, wieviel Macht, Einfluß, Reichtum, Bildung usw. ihrem Träger zugeschrieben werden kann“ (ebd.; Herv. im Orig.). Status bezeichnet „eine durch eine Position legitimierte Autorität“ (ebd.: 152), Prestige dagegen „eine nicht unbedingt an eine Rolle, ein Amt, eine Funktion oder Position gebundene Ressource sozialen Einflusses“ (ebd.).

(6) Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit (credibility, trustworthiness) stellen in unserer Gesellschaft wichtige Machtfaktoren dar. Je größer das Vertrauen der Öffentlichkeit in eine Person ist, desto mehr Einfluss gewinnt diese, wobei Einfluss wiederum eine wertvolle Ressource ist (vgl. Mummendey 1995: 152). Hovland et al. (1953) stellen in diesem Zusammenhang fest, dass ein Akteur, der glaubwürdig erscheint, leichter die Meinung und Einstellung anderer beeinflussen kann. Bei dieser Art der Selbstdarstellung spielen Status und Prestige des Akteurs eine wichtige Rolle.

(7) Sich beliebt machen, sich einschmeicheln (ingratiation, other-enhancement): Ziel dieses assertiven Verhaltens ist es, „die Sympathie eines Interaktionspartners oder des Publikums zu gewinnen“ (Mummendey 1995: 154, 155; vgl. auch Jones/Pittman 1982: 235-238). Sympathie und Beliebtheit bilden wertvolle Ressourcen im sozialen Alltag und sind in verschiedenen Situationen positiv einsetzbar. Schlenker (1980: 168-169) vergleicht positive Selbstbeschreibungen mit Werbung: Bei der Werbung für sich selbst kommt es auf ein gesundes Mittelmaß zwischen zu offensiver Eigenwerbung und gar keiner Eigenwerbung an (vgl. Mummendey 1995: 154f.), da diese für den Interaktionspartner glaubwürdig sein muss.

Einschmeicheln bei anderen wird vor allem von weniger mächtigen Akteuren betrieben, die sonst keine einsetzbaren Ressourcen (wie z. B. gesellschaftliche Macht oder finanzielle Mittel) besitzen (vgl. Tedeschi et al. 1973). Als Verhaltensweise kann das Einschmeicheln zwar bewusst und zielgerichtet eingesetzt werden, findet jedoch oft unbewusst, unreflektiert und automatisch statt (vgl. Jones/Wortman 1973).

Mit Mummendey (1995: 156) können vier verschiedene Techniken als Arten von ingratiation unterschieden werden: a) das self-enhancement (sich selbst erhöhen), b) other-enhancement (andere erhöhen), c) opinion conformity (Meinungskonformität) und d) favor-doing (einen Gefallen tun). Ein Beispiel für mei ← 54 | 55 → nungskonformes Verhalten ist, dass in Diskussionen nach Vorträgen dem Redner anfänglich oft zugestimmt (opinion conformity) und erst danach Kritik geäußert wird. Das Wichtige an der Zustimmung ist aber in erster Linie die Imitation und Nachahmung im Sinne der Wiederholung der Aussage des Kommunikationspartners (vgl. Mummendey 1995: 156). Tedeschi et al. (1985: 73) weisen darauf hin, dass Meinungskonformität in eine negative Eigenschaft umgedeutet werden kann, nämlich dann, wenn ein Akteur als Konformist verschrien wird (vgl. Mummendey 1995: 157).

Das favor-doing wird mit dem Ziel der positiven Selbstdarstellung nicht planlos eingesetzt, sondern soll sowohl die eigene Beliebtheit erhöhen als auch andere dazu bewegen, Gefallen zurückzugeben (Prinzip der Gegenseitigkeit). Favor-doing kann zu Lobbyismus führen und große Ausmaße in sämtlichen Gesellschaftsebenen und -bereichen annehmen – auch hier mit dem Ziel des Einschmeichelns, Sich-durch-Loben-Darstellens und Sich-Beliebt-Machens (vgl. ebd.: 155, 157).

Die nachfolgenden Techniken sind der negativen Selbstdarstellung zuzuordnen:

(8) Entschuldigen, Abstreiten von Verantwortlichkeit (apologies, excuses), Rechtfertigen (justification, accounts), Rechtfertigen in misslichen Lagen (predicaments): Diese Typen von Rechtfertigungen bilden die heterogenste Gruppe der bisher beschriebenen Techniken. Apologies, excuses und justifications sind nach Mummendey Techniken der positiven Selbstdarstellung, weil sie indirekt das eigene Image positiv gestalten (vgl. Mummendey 1995: 158). Diese Zuordnung ist aber nicht das einzig Umstrittene dieser Gruppe, auch die unterschiedliche Verwendung der Begriffe ist problematisch:

1)  Der Begriff der accounts entwickelt sich vom Unterbegriff zum Oberbegriff von Versuchen, „das eigene Verhalten verbal darzustellen und zu begründen“ (Mummendey 1995: 158; Scott/Lyman 1968);

2)  Nach Schlenker/Weigold (1992) sind unter ihrem Begriff des accounting die folgenden Techniken zusammenzufassen: defenses of innocence, excuses, justifications und apologies (vgl. Mummendey 1995: 158);

3)  Anders geordnet wurden verschiedene Techniken von Schönbach (1980), der concessions, excuses, justifications und refusals zusammennimmt (vgl. Mummendey 1995: 158).

Möchte oder muss ein Akteur sich entschuldigen (apologies), sollte er möglichst glaubwürdig wirken. Nach Mummendey tragen die folgenden Elemente zu einer überzeugenden Darstellung bei:

Ausdruck von Schuld und Scham, Anerkennung des angemessenen Verhaltens und […] Berechtigung, das unangemessene Verhalten zu bestrafen, die Ablehnung des falschen ← 55 | 56 → Verhaltens und damit des ‚bösen‘ Anteils des eigenen Selbst, ferner das Versprechen zukünftigen Wohlverhaltens und schließlich das Bußetum und das Angebot, das Opfer zu entschädigen (Mummendey 1995: 158).

Überzeugende und glaubwürdige Entschuldigungen wirken auf Interaktionspartner positiv; so konnte in Untersuchungen festgestellt werden (z. B. Schlenker/Darby 1981; Darby/Schlenker 1982; vgl. auch Mummendey 1995: 158), dass Entschuldigungen als Sympathiefaktor wirken. Diese Sympathie kann strategisch oder taktisch (sollte man sich einer solchen Unterscheidung anschließen) in dem Sinne ausgenutzt werden, dass man sich für Dinge entschuldigt, die man selbst nicht begangen hat, um sich in ein positives Licht zu rücken. Ein solches Entschuldigungsverhalten kann auch – sofern es nicht taktisch-strategisch eingesetzt wird – krankhafte Züge annehmen (vgl. Mummendey 1995: 159).

Im Fall der excuses, dem Abstreiten der Verantwortung, versucht ein Akteur, sich in einer negativen Situation mit der Möglichkeit eines Gesichtsverlusts gegenüber den Interaktionspartnern zu schützen. Eine solche Selbstdarstellung hat einerseits also eine gesichtswahrende Funktion, andererseits aber auch den Vorteil, aufgrund bestimmter Mängel (nach Mummendey z. B. Krankheit, Ängstlichkeit, Depressionen oder Schüchternheit) von Verantwortung freigestellt und insgesamt geschont zu werden (vgl. ebd.).

Situationen, in denen Akteure potenziell ihr Gesicht verlieren können, also bedrohende, peinliche oder gefährliche Lagen, werden predicaments genannt (vgl. Mummendey 1995: 160). Der Begriff bezeichnet genauer „mißliche Lagen“, die „aus Ereignissen [entstehen], also aus Handlungen und ihren Folgen, die sich in unerwünschter Weise auf das Bild, das andere von einer Person haben, auswirken“ (Mummendey 1995: 160).

Das Abstreiten von Verantwortung kann ebenso wie das Entschuldigen zu einem krankhaften Verhaltensmerkmal werden, wenn ein Akteur generell „jede Art von Kontrolle über das eigene Verhalten ablehnt“ (ebd.: 161). Excuses verlagern Verantwortlichkeit bzw. Ursache-Folge-Beziehungen in die äußere Umgebung eines Akteurs; negative Absichten werden vom Akteur geleugnet und äußeren Umständen zugeschrieben (vgl. Snyder/Higgins 1988a/b).

Werden das eigene Fehlverhalten und die Verantwortung für schlechte Folgen oder predicaments anerkannt und evtl. auch gegenüber dem Interaktionspartner begründet, liegen reine Rechtfertigungen (justifications, accounts) vor (vgl. Mummendey 1995: 161). Hierbei charakterisiert Schlenker (1980: 144-146) drei verschiedene Arten, die von Mummendey aufgegriffen werden: ← 56 | 57 →

  Direct Minimization“ (Schlenker 1980: 144; Herv. im Orig.) bezeichnet „Rechtfertigungen, die den negativen Charakter des Ereignisses direkt zu minimieren suchen“ (Mummendey 1995: 162; Herv. im Orig.);

  Justification through Comparison“ (Schlenker 1980: 145; Herv. im Orig.) umfasst „Rechtfertigungen, die einen sozialen Vergleichsprozeß in Gang setzen“ (Mummendey 1995: 162; Herv. im Orig.);

  Justification through Higher Goals“ (Schlenker 1980: 145; Herv. im Orig.) benennt „Rechtfertigungen, die auf höherrangige Ziele oder Werte verweisen“ (Mummendey 1995: 162; Herv. im Orig.).

(9) Widerrufen, ableugnen, dementieren, vorsorglich abschwächen (disclaimers): Mit den sogenannten disclaimers wird prophylaktisch-defensiv Selbstdarstellung betrieben. Schon bevor eine negative Situation [predicament; s. o.] eintritt, wird mit Entschuldigungen oder Rechtfertigungen die Situation abgeschwächt oder entschärft. Nach Mummendey sind es Einleitungen wie „Ich möchte nicht unhöflich sein, aber…“, „Bei allem gebührenden Respekt möchte ich doch bemerken, dass…“, „Bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, wenn ich Ihnen sage, dass…“, die vorsorglich abschwächen und Achtung vor dem anderen signalisieren sollen (vgl. Mummendey 1995: 162).

(10) Sich als unvollkommen darstellen (self-handicapping): Wenn ein Akteur seine eigene Unvollkommenheit verbal nach außen kehrt, tut er dies im Sinne des IM mit dem Ziel, die Verantwortung für sein eigenes Verhalten oder Handeln ein Stück weit abzugeben (vgl. Berglas 1988). Damit kann er seine eigene Selbstachtung oder -wertschätzung [self-esteem] bewahren (vgl. Rhodewalt et al. 1991) und sich gleichzeitig gegen Kritik immunisieren (vgl. Mummendey 1995: 164). Gängige Bereiche der Unvollkommenheit sind Alkohol- oder Drogensucht, Depressionen (vgl. Baumgardner 1991) oder bestimmte Ängste (zu Prüfungsangst Smith et al. 1982) (vgl. Mummendey 1995: 165).

(11) Beim understatement geht es dem Akteur darum, indirekt durch Untertreibungen Eigenwerbung zu betreiben. Fähigkeiten, Leistungen, Errungenschaften oder Ähnliches werden bewusst oder unbewusst als weniger positiv dargestellt, wobei diese noch vom Interaktionspartner als positive Eigenschaften aufgefasst werden sollen (vgl. Mummendey 1995: 165f.). Ähnlich funktioniert das als Hilfsbedürftig-Erscheinen (supplication): Wenn ein Akteur sich so darstellt, dass er bestimmter Hilfestellungen bedarf, bringt er eine Abhängigkeit zum Ausdruck (vgl. ebd.: 166). Dadurch erreicht er besondere Vorteile, z. B. Aufmerksamkeit und unter Umständen auch Entlastungen.

(12) Bedrohen, einschüchtern (intimidation): Die Technik der intimidation bezeichnet alle Arten von Bedrohung und Einschüchterung, die körperlich oder ← 57 | 58 → verbal vollzogen werden können. Die eigene Überlegenheit wird demonstriert, indem man sich glaubwürdig als „stark, mächtig, gefährlich“ (Mummendey 1995: 169; vgl. auch Jones/Pittman 1982: 238-241) darstellt. Diese Wirkung entfaltet sich allerdings nur, wenn sich der Interaktionspartner durch Machtdemonstrationen, Androhungen oder gut positionierte Andeutungen einschüchtern lässt, was aber oft der Fall ist, wenn es sich um hierarchische, unfreiwillig entstandene Beziehungen handelt (vgl. Mummendey 1995: 170). Weniger erfolgreiches intimidation-Verhalten kann eher als Imponiergehabe interpretiert werden. Bei dieser IM-Technik wird deutlich, wie sehr der Erfolg und die Wirkung von strategisch oder taktisch eingesetztem Selbstdarstellungsverhalten von den Interaktionspartnern abhängen (vgl. ebd.).

(13) Abwerten anderer (blasting): Mit dem Abwerten von anderen Personen(gruppen) oder Ereignissen distanziert sich der Akteur von ihnen, indem er sie negativ beurteilt und eine Verbindung zu diesen abwertet. Dadurch ergibt sich implizit eine Selbstwerterhöhung des Akteurs, wodurch dieser Eigenwerbung betreiben kann (vgl. Cialdini/Richardson 1980).

Die Wirksamkeit der Techniken ist von verschiedenen Faktoren abhängig24. Die Persönlichkeit der jeweiligen Person (vgl. Arkin 1981), das Publikum sowie eigene Erfahrungswerte in Bezug auf Verhalten spielen eine wichtige Rolle. Mummendey (1995: 139) weist darauf hin, dass vor allem positive und negative Erfahrungswerte den nachfolgenden Einsatz von Selbstdarstellungsverhalten steuern und Individuen dazu veranlassen, einzelne Techniken zu verfeinern.

Die beschriebenen Techniken sollen als Überblick über die Beschreibungs- und Erfassungsweise von Techniken in der Sozialpsychologie dienen. Mit den begrifflichen und konzeptuellen Überschneidungen, die sich in der Literatur häufig im Umgang mit den identifizierten Strategien, Taktiken und/oder Techniken finden, wird in der vorliegenden Arbeit umsichtig umgegangen.

Ein Problem neben der schon angedeuteten Bezeichnungsvielfalt und -uneindeutigkeit zeigt sich, wenn man die nähere Beschreibung solcher Techniken in der IM-Forschung betrachtet: Tedeschi et al. (1985) haben beispielsweise für fünf Taktiken jeweils angegeben, welche Handlungen diesen zugrunde liegen (vgl. Tab. 2): ← 58 | 59 →

Tabelle 2:  Taktiken und deren Ziele, Probleme und spezifischen Handlungen; Tedeschi et al. 1985: 10.

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Die Taktiken (1. Spalte) Einschmeicheln, Einschüchtern, Hilflos-Erscheinen, Eigenwerbung-Betreiben und Beispielhaft-Erscheinen haben jeweils eine intendierte Funktion (sollen also einen gewünschten Eindruck hinterlassen [desired impression]) sowie unerwünschte Wirkungen, falls der gewünschte Eindruck nicht erweckt werden kann (3. Spalte). In der vierten Spalte werden einzelne Handlungen angegeben, die zum gewünschten Image führen sollen und die Taktik ausmachen; im Falle von Einschmeicheln sind das die Handlungen Selbst- und Andere-Erhöhende-Kommunikation und Gefallen-Tun. Hier zeigt sich ein weiteres Problem der IM-Forschung, was die Systematisierung ihrer identifizierten Selbstdarstellungsphänomene angeht: Bestimmte Techniken bestehen aus Sequenzen verschiedener anderer Techniken, also aus Sequenzen bestimmter Verhaltensmuster, die nur in ihrer spezifischen Kombination wirksam sind. Auch in diesem Fall werden die dem Einschmeicheln zugeordneten Handlungen in der IM-Literatur als eigenständige Techniken beschrieben. Genauso stellt es sich bei der Eigenwerbung dar, die aus den Handlungen Leistungen-Beanspruchen, Erhöhungen und BIRGing besteht. Diese sind (wie zum Teil oben erläutert) ebenso als eigene Techniken erfasst, werden im Text aber als „spezifische Handlungen“ [specific actions] (Tedeschi et al. 1985: 10) beschrieben. ← 59 | 60 →

2.3  Zwischenfazit: Selbstdarstellung als Kombination von verbalem, paraverbalem und nonverbalem Verhalten

Die vorgestellten Selbstdarstellungstechniken äußern sich in einer Kombination aus verbalen, paraverbalen und nonverbalen Elementen. Nicht nur das, was gesagt wird, sondern auch wie es gesagt wird, gibt Hinweise auf die Selbstdarstellung: „Äußerungen sind unweigerlich von kinetischen und paralinguistischen Gesten begleitet, die eng mit der Strukturierung verbaler Ausdrucksmöglichkeiten verbunden sind“ (Goffman 2005: 108). Handelt es sich um eine face-to-face-Kommunikation, sind also alle Kommunikationspartner einander sichtbar, hat auch die Körpersprache Einfluss auf das Was und Wie des Gesagten. In diesem Abschnitt wird daher zuerst das nonverbale Verhalten betrachtet, bevor das paraverbale Verhalten in den Blick genommen wird. Den Abschluss bildet das verbale Verhalten, das zum folgenden Kapitel Linguistische Ansätze zu Selbstdarstellung und Beziehungsmanagement in Gesprächen (Kap. 2.4) überleitet.

2.3.1  Nonverbales Verhalten

Die Wichtigkeit von nonverbalem Verhalten für die Selbstdarstellung im Sinne der Impression Management-Theorie fasst Mummendey (1995: 201) prägnant zusammen:

Nonverbales Verhalten kann nur schwer unterdrückt werden, ist häufig an Emotionen gebunden, ist dem Akteur zumeist weniger zugänglich als dem Beobachter, ist häufig nicht präzise zu beschreiben, vollzieht sich oft sehr schnell und transportiert zumeist Bedeutungen, die man kaum mit Worten ausdrücken kann. Dabei kann nonverbales Verhalten aber oft auch unterschiedlich oder fehlerhaft gedeutet werden.

Wie verbales Verhalten kann auch nonverbales Verhalten bewusst oder unbewusst sein, kann aktiv gesteuert werden oder automatisch erfolgen (z. B. Mummendey 1995: 112; Leary 1996: 23). Wenn nonverbales Verhalten bewusst und gesteuert erfolgt, trainiert und intentional eingesetzt wird, ist dies ein Zeichen dafür, dass es im Sinne des IM eingesetzt wird. Nach Leary ist es dann taktisches Verhalten (vgl. Leary 1996: 23), das situations- und kontextabhängig verwendet wird.

Nonverbales Verhalten ist – außer in Situationen, in denen man sich bewusst positiv oder negativ darstellen möchte – weitgehend automatisch und unbewusst ablaufendes Verhalten. Auch das Deuten von Körpersprache und Mimik seitens der Interaktionspartner geschieht automatisch. Beides, nach Schlenker (1980: 235) bezeichnet man das Senden als encoding und das Rezipieren als decoding, sind habitualisierte Prozesse, wobei individuell die Sensibilität für nonverbales Verhalten von Akteur zu Akteur, von Rezipient zu Rezipient unterschied ← 60 | 61 → lich ist (vgl. ebd.: 237). Nonverbales Verhalten ist dabei nicht immer eindeutig entschlüsselbar und es können durchaus Probleme bei der Interpretation auftreten. Schlenker nennt vor allem zwei Faktoren: (a) unterschiedliche Kontexte beeinflussen die Bedeutung von Verhaltensweisen und (b) diese Bedeutungen kulturabhängig sind und von der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen bestimmt (vgl. ebd.: 238). Diese Kontext- und Kulturabhängigkeit der Enkodierung und Dekodierung von nonverbalem Verhalten ist zwar in Bezug auf dessen Deutung problematisch, doch lassen sich diese Probleme oftmals ohne Schwierigkeiten durch soziale Kompetenzen wie Empathie und Kooperationsbereitschaft lösen.

Bedeutsame Faktoren bei der Selbstpräsentation sind die Körpersprache und das Verhalten im Raum (vgl. Schlenker 1980: 236), Mimik, Gestik und die äußere Erscheinung (vgl. Schlenker 1980: 267-275; Mummendey 1995: 200-203; Leary 1996: 25-26), nach Leary (1996: 31-33) auch die physikalische Umgebung.

Ein Ansatz, der nonverbale Verhaltensweisen untersucht, ist die Kinesik. Sie umfasst alle der oben genannten Aspekte und wurde daher stellvertretend ausgewählt25. Sie soll im Folgenden dargestellt werden, um besser auf die einzelnen kommunikativen Funktionen von nonverbalen Signalen eingehen zu können.

Die Kinesik beschäftigt sich „mit der Gesamtheit aller dem Menschen möglichen Bewegungsaktivitäten und der Frage, wie und zu welchen Zwecken diese zur Kommunikation eingesetzt und verwendet werden können“ (Sager 2001: 1133). Die Kinesik geht davon aus, dass unsere heutigen körperlichen Verhaltensweisen evolutionsbiologische Resultate „einer langen und erfolgreichen Anpassung an eine bestimmte physikalische Umwelt“ (ebd.: 1132) sind. Trotz der Schwierigkeiten einer Systematisierung von möglichen Ausdrücken, gliedert Sager diese in drei Bereiche: Motorik, Taxis und Lokomotion, denen er jeweils einzelne Verhaltenselemente und involvierte Körperteile zuordnet. Seine Erläuterungen werden in jeder Kategorie mit Erkenntnissen aus der IM-Forschung ergänzt. ← 61 | 62 →

Der erste Bereich der Motorik umfasst die Mimik (Gesichtsbewegungen), Pantomimik (Körperbewegungen, Position der Körperteile) und die Gestik (Bewegung von Armen und Händen) (vgl. Sager 2001: 1133). Schlenker fasst unter dem Begriff Körpersprache die Elemente body position und body movements zusammen. Ersteres bezeichnet z. B. Körperhaltung und Gesichtsausdruck, letzteres Gestik und Mimik (vgl. Schlenker 1980: 235). In der IM-Theorie wurde der Einsatz von Gestik im Hinblick auf Macht untersucht (z. B. Leary 1996: 26; Schlenker 1980: 239-254). Grundlage ist, dass Personen ihre Gestik kontrollieren und sich dadurch bewusst in Szene setzen können.

Der zweite Bereich ist die Taxis, die Berührungskontakte, Blickkontakte und axiale Orientierungen zusammenfasst. Berührungskontakte können den eigenen Körper betreffen (autotaktil) oder den eines Interaktionspartners (soziotaktil). Ebenso kann der Blickkontakt auf andere Personen oder Objekte gerichtet (partner- oder objektfokussiert) oder auf den eigenen Körper (selbstfokussierend) ausgerichtet sein. Die axiale Orientierung meint die Ausrichtung des Kopfes oder Rumpfes in Richtung des Interaktionspartners (vgl. Sager 2001: 1133).

Der dritte und letzte Bereich der Lokomotion enthält die soziale Regelung der Entfernung oder Nähe zwischen den Interaktionspartnern (Proxemik) (vgl. ebd.). Ein Bestandteil der Lokomotion ist das Raumnutzungsverhalten des Akteurs. Dieses bezieht sich auf z. B. räumliche Abstände zwischen Interaktionspartnern, Sitzordnungen bzw. die räumlich-sozialen Voraussetzungen, die bspw. durch Büroeinrichtungen vorgegeben sind, oder deren Übertretung, wenn also die regulären Abstände nicht eingehalten oder Räume ausgenutzt werden (vgl. Schlenker 1980: 236). So wirkt sich auch die Raumnutzung auf die Imagebildung beim Gegenüber aus (vgl. ebd.). In Zusammenkünften mit mehreren Personen spielt unter anderem die Sitz(an)ordnung der einzelnen Interaktionsteilnehmer eine Rolle für die Selbstdarstellung. Der Sitzplatz bestimmt unter Umständen die möglichen Konversationspartner für den gesamten Abend; wer am Kopfende sitzt, bekommt oft die meiste Macht zugeschrieben; wer am Rande oder in einer hinteren Ecke sitzt, beteiligt sich seltener an Gesprächen (vgl. Reiss/Rosenfeld 1980). Sitzplätze können einem zugewiesen, oder aber bewusst gewählt werden. In letztem Fall dient die Wahl der taktisch-strategischen Selbstdarstellung.

Weitere Aspekte, die in der Impression Management-Theorie im Hinblick auf ihre Selbstdarstellungsfunktion hin untersucht werden, sind die physikalische Umgebung der Akteure sowie deren äußere Erscheinung.

Die physikalische Umgebung einer Person, wie z. B. die Haus- oder Büroeinrichtung, Stuhlarrangements oder Bilderrahmen, geben Aufschluss über die Persönlichkeit eines Menschen (vgl. Schlenker 1980: 267-278; Burroughs et al. ← 62 | 63 → 1991; Leary 1996: 31). Daher kann sie auch bewusst als Selbstdarstellungstechnik genutzt werden. Die physikalische Umwelt wird in Analogie zu einem Theater in drei Aspekte gegliedert: das Set [sets], die Requisiten [props] und die Beleuchtung [lighting]. Das Set besteht aus den Dingen, die feststehend sind, wie z. B. Abstände und Räume, Größen, der Stil von Möbeln und die Farbgestaltungen (vgl. Ornstein 1989). All die Dinge, die bewegbar und nur für eine bestimmte Zeit Teil der Umgebung sind, sind Requisiten. Alles kann Requisite sein und alles kann sich auf den Eindruck des Gegenübers auswirken, z. B. herumliegende Zeitschriften oder Urkunden an der Wand (vgl. Leary 1996: 30-31). Die Beleuchtung wiederum ist für die Atmosphäre und die Stimmung eines Raumes wichtig. Auch sie bestimmt den Eindruck, den jemand von einem Raum und daher auch von der Person bekommt. Wenn Akteure sehr auf die kohärente Darstellung des Selbst bedacht sind, liegt es nahe, die persönliche physikalische Umgebung wie Wohnung und Büro dem gewünschten Image anzupassen, um die Imagebildung in die gewünschte Richtung zu unterstützen (vgl. Leary 1996: 32).

Die äußere Erscheinung, das Auftreten einer Person, die Kleidung und Statussymbole, die sie trägt sowie die physische Attraktivität spielen eine große Rolle im Alltag wie im Berufsleben (vgl. Schlenker 1980: 267-275; Mummendey 1995: 200-203). Durch Kleidungsstil, Frisur und Accessoires kann eine Person mehr oder weniger bewusst die eigene Persönlichkeit ausdrücken. In diesem Sinne kann die äußere Erscheinung als taktischer Ausdruck des Selbst im Sinne des Impression Managements betrachtet werden (vgl. Leary 1996: 25). Wie wichtig Kleidung und persönlicher Besitz zur Einschätzung von Personen in bestimmten Situationen sind, wurde in Experimenten nachgewiesen (vgl. Burroughs et al. 1991) und lässt sich auch anhand eigener Alltagserfahrungen leicht nachvollziehen. Das gleiche gilt für den Einfluss der Attraktivität einer Person auf die Einschätzung des Interaktionspartners. Wird eine Person als attraktiv wahrgenommen, tendieren die Interaktionspartner dazu, dieser Person noch mehr positive Merkmale wie Dominanz und Intelligenz zuzuschreiben (vgl. Leary 1996: 25).

In der Linguistik wurde ebenso die Funktion nonverbalen Verhaltens in der Kommunikation untersucht. Nonverbales hilft sowohl bei der Produktion als auch der Rezeption von Botschaften (vgl. Burgoon et al. 2008: 790)26. In der Gesprächsorganisation übernimmt nonverbales Verhalten folgende Funktionen: ← 63 | 64 →

Nonverbal cues can facilitate the management of conversation in four ways. They set the stage for an interaction, segment and regulate conversational turn taking, coordinate ongoing interactions, and signal the initiation and termination of interactions. A major responsibility for defining the actors’ roles within a conversation is handled by contextual nonverbal features. Spatial arrangements, actors’ attire, grooming and posture can signal the type of communication expected (e.g., formal or informal, social or task oriented, public or private). Status and authority can be negotiated by dynamic features such as kinesic and vocalic demeanor (Burgoon et al. 2008: 800).

Auf der Produktionsseite erleichtern nonverbale Signale die Kommunikation, indem sie anzeigen, was überhaupt als Nachricht gelten kann; Körperhaltung und Blickkontakt geben Aufschluss darüber, ob Gesagtes an jemanden gerichtet ist oder nicht, oder ob der Empfänger die Kommunikationssituation annimmt oder nicht (vgl. ebd.: 791).

Nach Ricci Bitti/Poggi (1991) und Scherer (1980) übernehmen nonverbale Signale semantische, pragmatische und syntaktische Funktionen: Gesten oder Berührungen signalisieren Zuneigung, Nicken oder Kopfschütteln stehen für konkrete Antworten, ausgestreckte Arme geben Richtungen an. Alle diese Handlungen haben eine eigene Bedeutung und eine pragmatische Funktion in der Kommunikation (vgl. Burgoon et al. 2008: 791). Die syntaktische Funktion besteht darin, dass verbale Äußerungen durch nonverbale Signale gegliedert werden (vgl. Scherer 1980), wobei die nonverbalen Elemente das verbal Geäußerte unterstützen, wiederholen, illustrieren etc. können. Umgekehrtes gilt für die Verarbeitung von Äußerungen. Nonverbale Signale erleichtern das Verständnis des Gesagten insofern, als sie Aufschluss über die syntaktische Struktur, den Inhalt und den Kontext geben. Informationen können durch eine zusätzliche Begleitung durch nonverbales Verhalten leichter gegliedert und besser eingeschätzt werden (vgl. Burgoon et al. 2008: 792).

Nonverbales Verhalten erleichtert die Kommunikation aber nur dann, wenn die Interaktionspartner jeweils die Fähigkeit besitzen, solche nonverbalen Informationen zu enkodieren und dekodieren, wobei beide Fähigkeiten eng miteinander verknüpft sind (vgl. ebd.: 793). Nonverbales Verhalten wird dabei als polysem angesehen – Rückschlüsse auf die Intention des Senders sind schwer zu ziehen bzw. wissenschaftlich kaum systematisch nachweisbar (vgl. ebd.: 788). Zudem muss nonverbales Verhalten immer in Kombination mit dem verbalen Verhalten betrachtet werden, da die Funktion des Verhaltens nur im multimodalen Zusam ← 64 | 65 → menspiel erfasst werden kann. Nonverbales Verhalten ist außerdem stark kultur-, interaktions- und kontextabhängig (vgl. ebd.: 788, 790).

2.3.2  Paraverbale Selbstdarstellung

Paraverbale Elemente geben bspw. Aufschluss über die Gefühlslage, persönliche Involviertheit im Gespräch sowie Gespanntheit oder Entspanntheit. Paraverbale Elemente wurden in der IM-Forschung vergleichsweise wenig thematisiert. Festgestellt wurde aber die Wichtigkeit des Tonfalls bei Äußerungen. In Kombination mit der Mimik signalisiert der Tonfall, ob es sich bei einer Äußerung um einen Scherz, ein Zitat oder eine ironische Sequenz handelt (vgl. Goffman 1989; Schlenker 1980; Mummendey 1995; Leary 1996). Goffman thematisiert diese Phänomene im Zusammenhang mit Redestatuswechseln (vgl. Kap. 2.1.3).

Paraverbales wurde von Schlenker im Zusammenhang mit Macht untersucht (vgl. Schlenker 1980: 252-254). Gefühle und Einstellungen spiegeln sich auf paraverbaler Ebene wieder und sind für den Rezipienten wahrnehmbar und daher auch interpretierbar. Anzeichen für Machtlosigkeit oder Macht lassen sich nach Schlenker unter anderem an den folgenden Faktoren festmachen: (a) Machtlosigkeit, verwendet als Überbegriff für Ängstlichkeit und wenig Selbstbewusstsein, manifestiert sich in einer geringeren Sprechlautstärke und vielen Unterbrechungen oder Störungen des Sprachflusses, wie zum Beispiel Stottern, Auslassungen von Wort- oder Satzteilen, unbeendeten Sätzen, langen Pausen zwischen Wörtern und Sätzen sowie Gesprächspartikeln (vgl. Schlenker 1980: 252; Kleinke 1975). Demgegenüber treten in Fällen der (b) Macht und großem Selbstbewusstsein solche paraverbalen Eigenschaften nicht oder kaum auf, wodurch dem Akteur größere Kompetenz zugeschrieben wird. Auf dieser Basis lassen sich zwei Sprechstile unterscheiden: den machtvollen (powerful) und machtlosen (powerless) Sprechstil (Terminologie nach Erickson et al. 1978). Der machtlose Sprechstil zeichnet sich durch die bereits in (a) genannten Merkmale und einen fragenden Stimmton, Heckenausdrücke und Höflichkeitsformen aus. Im machtvollen Sprechstil sind diese Merkmale kaum zu finden. Das Attribut ‚Macht‘ wird dem Sprecher zugeschrieben, da seine Sprache einfach und direkt ist (vgl. Schlenker 1980: 252, 253).

2.3.3  Verbale Selbstdarstellung

Wie sich Selbstdarstellung verbal äußert, war kaum Thema der IM-Forschung. Goffman hat zwar die Wirkung der Sprache in seine Betrachtungen einbezogen, aber nicht systematisch untersucht. Aufgrund der fehlenden sozialpsychologischen und soziologischen Daten zur verbalen Selbstdarstellung (vgl. Gardner/ ← 65 | 66 → Martinko 1988: 43), werden an dieser Stelle die wenigen Hinweise von Goffman zum sprachlichen Verhalten zusammengefasst.

Goffman beschäftigt sich mit verbaler Selbstdarstellung vor allem in Zusammenhang mit Höflichkeit und der Wahrung der sozialen Ordnung. Sprachliche Rituale – Routineformeln, wie sie in Begrüßungen und Entschuldigungen beispielsweise geäußert werden – sichern die soziale Ordnung, indem sie gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung der geltenden Werte signalisieren (vgl. Goffman 1971, 2011). Gesellschaftlicher Takt hängt dabei eng mit Höflichkeit zusammen. Taktvolles Verhalten vollzieht sich nach Goffman ebenso verbal, z. B. in „Andeutungen, Ambiguitäten, geschickte[n] Pausen, sorgfältig dosierte[n] Scherze[n]“ (Goffman 1971: 36). Durch Takt können schwierige Themen indirekt thematisiert werden, ohne das face der Betroffenen offen anzugreifen.

Auch das Gesprächsverhalten kann Hinweise auf das Selbstdarstellungsverhalten liefern. Bescheidenes und defensives Gesprächsverhalten ist Anzeichen für Zurückhaltung und Unterordnung, aggressives Gesprächsverhalten unter Umständen ein Signal für Hochmut und Dominanz (vgl. Goffman 2011: 25). In Gesprächen, vor allem in beruflichen Kontexten, kann Gesprächsverhalten, das gegenseitige Wertschätzung signalisiert, die Atmosphäre entspannen. Gegenteilig wirken Zwischenrufe, denn diese erhöhen nicht nur die Spannung zwischen den Gesprächspartnern, sondern verschlechtern ebenso die Gesprächsatmosphäre (vgl. Goffman 1989: 456). Auch Bitten um Wiederholung unterbrechen den Gesprächsfluss. Solche Bitten können auf unterschiedliche Weise interpretiert werden: Sie können mangelnde Zuhörbereitschaft signalisieren, Unwissenheit ausdrücken oder einen Vorwurf des unklaren Ausdrucks bedeuten (vgl. Goffman 2005: 95f.). Je nach Interpretation durch den Gesprächspartner, hat dies Auswirkungen auf das Image des Bittenden.

2.3.4  Übersicht über nonverbalen, paraverbalen und verbalen Mittel der Selbstdarstellung (ohne konkrete IM-Techniken)

Tabelle 3:  Übersicht über die identifizierten Mittel und Funktionen von Selbstdarstellung.

MittelFunktionQuelle
VERBAL
„Andeutungen, Ambiguitäten, geschickte Pausen, sorgfältig dosierte Scherze“signalisieren taktvolles VerhaltenGoffman 1971 ← 66 | 67 →
Anspielungdas Gesagte wird mit einer unterschwelligen Bedeutung versehenGoffman 2005
Begrüßung, Entschuldigungsignalisiert Ehrerbietung und Wertschätzung des GegenübersGoffman 1971
Bitte um Wiederholung des Gesagtensignalisiert mangelnde Zuhör-Bereitschaft, Unwissenheit oder impliziert den Vorwurf des unklaren AusdrucksGoffman 2005
Positive Reaktion auf Entschuldigungendient der Wahrung des fremden faceGoffman 2011
Ritual, Routineformelsignalisiert Anerkennen der geltenden Werte, dient der Selbstregulierung und der Würdigung des AdressatenGoffman 1979, 2011
GESPRÄCHSVERHALTEN
Abschirmen gegen potenziell gesichtsbedrohende Situationendient dem Schutz des eigenen face (defensiv)Goffman 1971
Ausweichen von potenziell gesichtsbedrohenden Situationendient dem Schutz des eigenen face (defensiv)Goffman 1971
Bescheidenes, defensives Gesprächsverhaltensignalisiert UnterordnungsbereitschaftGoffman 2011
Diskretiondient dem Schutz des fremden face (protektiv)Goffman 1971
Hochmütiges, aggressives Gesprächsverhaltensignalisiert DominanzGoffman 2011
Höflichkeit, Anstanddienen der Wahrung der sozialen OrdnungGoffman 2011
Ignorieren des Fehlersdient der Wahrung des fremden faceGoffman 2011
Ignorieren des Zwischenfallsdient dem Schutz des fremden face (protektiv)Goffman 1971
Inszenieren einer potenziell bedrohlichen Situationdient der SelbstprofilierungGoffman 1971 ← 67 | 68 →
Meiden von potenziell gesichtsbedrohenden Situationendient dem Schutz des eigenen face (defensiv)Goffman 1971
Nachsichtdient der Wahrung des fremden faceGoffman 2011
Respektvolles Formulieren der eigenen Ansichtendient dem Schutz des fremden face (protektiv)Goffman 1971
Zwischenruferhöht die Gesprächsspannung und die Spannung zwischen den PersonenGoffman 1989
PARAVERBAL
Paraverbale Elementegeben Aufschluss über Gefühlslage, Involviertheit im Gespräch, Macht etc.Goffman 1989; Mummendey 1995; Schlenker 1980; Leary 1996; Erickson et al. 1978; Kleinke 1975
Tonfall (in Kombination mit Mimik)signalisiert Scherz, Ironie, Zitate (Redestatuswechsel)Goffman 1989; Mummendey 1995; Leary 1996; Schlenker 1980
NONVERBAL
Äußere Erscheinung (z. B. Kleidung, Frisur, Accessoires)ist (bewusster oder unbewusster) Persönlichkeitsausdruck, lässt Rückschlüsse auf Selbstdarstellungsverhalten zu; korrekte Kleidung signalisiert BenehmenLeary 1996; Schlenker 1980; Mummendey 1995; Goffman 1971, 2011
Gestikkann z. B. Macht, Zu- oder Abneigung signalisierenLeary 1996; Ricci Bitti/Poggi 1991; Scherer 1980
Haltungsignalisiert Benehmen und Wertschätzung des GegenübersGoffman 1971
Körpersprachegibt Aufschluss über Einstellungen, Gemütszustände etc.Schlenker 1980
Mimik (in Kombination mit Tonfall)signalisiert Scherz, Ironie, Zitate (Redestatuswechsel)Goffman 1989; Mummendey 1995; Leary 1996; Schlenker 1980 ← 68 | 69 →
Physikalische Umgebung, „Bühnenbild“gibt Aufschluss über die Persönlichkeit eines Menschen; lässt Rückschlüsse auf Selbstdarstellungs zuBurroughs et al. 1991; Schlenker 1980; Goffman 2011
Verhaltensignalisiert Benehmen und Wertschätzung des Gegenübers; lässt Rückschlüsse auf Selbstdarstellungs zuGoffman 1971, 2011
Verhalten im Raumsignalisiert Sicherheit, Unsicherheit, Macht etc.Schlenker 1980
Visuelle Mittel (Gesten, Blickrichtung, Ab- und Zuwendung)dienen der Gesprächsorganisation und der Verarbeitung von ÄußerungenGoffman 2005; Burgoon et al. 2008; Ricci Bitti/Poggi 1991; Schlenker 1980; Ekman/Friesen 1969

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Wie man an den bisherigen Ausführungen erkennen kann, sind verbale und paraverbale Selbstdarstellung kaum untersucht worden. Einzelne Hinweise auf sprachliche Aspekte lassen sich zwar finden, zumal soziale Interaktion in Gesprächen bei Goffman fokussiert wird, doch Sprache wird nicht systematisch untersucht. Da aber gerade Goffmans Beobachtungen des Selbstdarstellungsverhaltens sprachliche Aspekte mit einschließen, sind seine Werke oft Ansatzpunkte für linguistische Arbeiten. Im folgenden Kapitel werden die linguistischen Ansätze zu Selbstdarstellung und Beziehungsmanagement diskutiert. Arbeiten, die Selbstdarstellung umfassend betrachten und analysieren, eine Methode zur linguistischen Erfassung aller verbalen und paraverbalen Aspekte bereitstellen, bleiben aber ein Forschungsdesiderat.

2.4  Linguistische Ansätze zu Selbstdarstellung und Beziehungsmanagement in Gesprächen

In diesem Kapitel werden linguistische Arbeiten zu den Themen Selbstdarstellung und Beziehungsmanagement dargestellt. Die zwei Themen sind eng miteinander verwandt und die linguistischen Ansätze, die sich diesen Themen widmen, basieren auf ähnlicher (v. a. soziologischer) Literatur. Die Aspekte Selbstdarstellung und Beziehung sind erst in jüngerer Zeit in der Linguistik aufgegriffen geworden, meist unter der Bezeichnung Imagearbeit. Viele der hier referierten Arbeiten untersuchen gezielt Selbstdarstellung und Beziehungsmanagement in Kombination und verdeutlichen sehr gut, inwiefern beide Aspekte miteinander ← 69 | 70 → zusammenhängen, so beispielsweise Holly (1979, 2001), Schwitalla (1996) und Spiegel/Spranz-Fogasy (1997).

Es liegt in der Natur der Sache, dass Selbstdarstellung und Beziehungsmanagement in der linguistischen Forschung im Kontext von Gesprächen untersucht werden. Daher befassen sich viele Arbeiten mit Streit-, Berufs- und Problemgesprächen, also im weitesten Sinne mit Diskussionen (zu Streits Gruber 1996 und Spiegel 1995, zu beruflichen Gesprächen Spiegel/Spranz-Fogasy 1997, zu Streit- und Schlichtungsgesprächen Schwitalla 1996). Aus diesem Grund wird zuerst auf die theoretischen Überlegungen von Selbstdarstellung eingegangen, bevor der Einfluss von Selbstdarstellungszielen in Diskussionen beschrieben wird (2.4.1). Im Anschluss daran werden die Aspekte des Beziehungsmanagements erläutert (2.4.2).

2.4.1  Selbstdarstellung und Imagearbeit: theoretische Ansätze und sprachliche Strategien

Die linguistischen Arbeiten zu Selbstdarstellung und Imagearbeit folgen unterschiedlichen Ansätzen. Holly (1979, 1987, 2001, 2012) verfolgt einen pragmatischen Ansatz und rekonstruiert Selbstdarstellung mittels Sprechhandlungen und dem Aufzeigen von Mustern. Auch Heine (1996) betrachtet Selbstdarstellungsphänomene auf der Ebene von Sprechhandlungen und fokussiert Rechtfertigungen. Spiegel/Spranz-Fogasy (2002) und Schwitalla (1996, 2001) hingegen versuchen hauptsächlich mittels Gesprächsanalyse – unter Einbezug von u. a. Stilistik und Pragmatik – Selbstdarstellung zu beschreiben. Der wohl aktuellste Ansatz stammt von Konzett (2012). Sie untersucht Selbstdarstellung mit Hilfe der Ethnomethodologischen Konversationsanalyse, fokussiert dabei aber auf den Identitätsbegriff und dementsprechend Identitäts-Präsentation.

Die meisten linguistischen Arbeiten basieren auf Goffmans Werken zu Interaktion und Selbstdarstellung (vor allem Holly 1979, 1987, 2001, 2012). Sowohl aus Goffmans Überlegungen als auch aus konversationsanalytischer Sicht lassen sich zwei Grundvoraussetzungen bei Selbstdarstellung und Beziehungsmanagement feststellen: Zum einen kann davon ausgegangen werden, dass kommunikative Handlungen in einer Interaktion gemeinsam hervorgebracht werden, wie beispielsweise die Organisation von Gesprächsstarts und -beendigungen sowie Sprecherwechseln. Die Gesprächsteilnehmer zeigen sich kooperativ dem Gespräch bzw. der Interaktion gegenüber, auch wenn sie beispielsweise eigene Interessen durchsetzen, streiten und Konflikte austragen. Selbstmodellierung und Selbstdarstellung funktionieren nur insofern, als man als Sender durch seine Äußerungen versuchen kann, seine Wirkung auf andere zu beeinflussen. Dennoch muss der Hörer diese interpretieren und darauf in irgendeiner Weise reagieren (vgl. ← 70 | 71 → Schwitalla 1996: 286; Holly 2001: 1383). Zum anderen orientieren sich Akteure bei ihrer Selbstdarstellung nicht nur an ihren eigenen Intentionen und Erwartungen der Situation gegenüber, sondern auch an ihrem Publikum. Sie richten ihre Äußerungen danach aus, wer in welcher Situation angesprochen werden soll: „Die fokussierten Eigenschaften der Präsenz von Interaktionsteilnehmern sind also immer entworfen auf die antizipierten Reaktionen und Spiegelungen ihres verbalen Auftritts“ (Schwitalla 1996: 290; vgl. auch Holly 2001: 1383).

Bei der linguistischen Definition von Selbstdarstellung steht die Sprache im Mittelpunkt: In Goffmans Tradition geht Holly davon aus, dass Images „durch sprachliche Handlungsmuster […] als Grundlage für Gespräche erst etabliert werden“ (Holly 1979: 2) müssen. Imagearbeit wird danach an (sprachlichen) Handlungsmustern sichtbar. Ohne expliziten Rückgriff auf Goffman legen Spiegel/Spranz-Fogasy (2002) ihrer Arbeit zum Selbstdarstellungsverhalten im öffentlichen und beruflichen Gespräch (Titel ihres Aufsatzes)27 einen etwas anders gearteten Selbstdarstellungsbegriff zugrunde. Ihre Ausführungen konzentrieren sich sehr stark auf linguistische Ansätze aus der Stilforschung und Gesprächsanalyse. Mit Sandig (1986) unterscheiden sie zwischen intentional gesendeten und symptomatischen Zeichen (eine ähnliche Unterscheidung findet sich bekanntermaßen bei Goffman 2011: 6):

Unter Selbstdarstellung verstehen wir all diejenigen Aspekte sprachlichen und nicht-sprachlichen Handelns, mit denen Menschen im Gespräch einander ihre kulturellen, sozialen, geschlechtlichen und individuellen Persönlichkeitseigenschaften präsentieren. (Spiegel/Spranz-Fogasy 2002: 215)

Für Beziehungskommunikation wie für Selbstdarstellung gilt, dass alle Äußerungen im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf das Image wie auch auf den Beziehungsaspekt betrachtet werden können (vgl. Holly 2001: 1386). Für sprachliche Mittel, an denen Selbstdarstellung, Beziehungsmanagement und Imagearbeit sichtbar wird, ergibt sich nach Auswertung der Literatur das Bild, dass prinzipiell alle sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten genutzt werden können: von der Prosodie über die Lexik und Auswahl von Sprechhandlungen bis hin zum Stil der gesamten Kommunikation; ebenso gibt das Gesprächsverhalten der Teilnehmer ← 71 | 72 → Aufschluss über Selbstdarstellungs- und Beziehungsziele (vgl. Adamzik 1984, 1994; Holly 1979, 2001; Schwitalla 1996; Spiegel/Spranz-Fogasy 2002). Dennoch wird im Folgenden der Versuch unternommen, die in der Literatur identifizierten und beschriebenen sprachlichen Phänomene nicht nur aufzugreifen, sondern auch zu systematisieren. Die sprachlichen Mittel und ihre Funktionen werden abschließend in einer Tabelle (vgl. Tab. 5) zusammengefasst.

Wichtige Bezugspunkte der Selbstdarstellung sind nach Schwitalla (1996) die individuellen Handlungsziele bzw. die Intentionen der Akteure, gesellschaftlich geltende Normen („Tugenden“ wie „Anständigkeit, Beherrschtheit, Selbstlosigkeit“; Schwitalla 1996: 285) sowie die interaktive Abgrenzung zu den anderen Akteuren28. Mit Spiegel/Spranz-Fogasy (2002) kommen weitere Variablen hinzu, die sich auf die individuelle Selbstdarstellung auswirken. Die Aspekte der Selbstdarstellung werden im Folgenden zusammengefasst diskutiert.

Faktoren und Variablen, die das individuelle Selbstdarstellungsverhalten von Akteuren beeinflussen, können in (a) personen- und in (b) situationsbezogene Faktoren unterschieden werden, wobei es zu Überschneidungen kommen kann (es handelt sich lediglich um eine analytische Differenzierung).

a) Personenbezogene Faktoren sind „Eigenschaften, die aus der Kommunikationsgeschichte der Interaktanten herrühren“ (Schwitalla 1996: 331), „allgemeine Charaktereigenschaften wie: aufdringlich, abwartend, freundlich, aggressiv, die in Selbstaussagen und dem Verhalten in der Interaktion erfahrbar und aus ihnen zu erschließen sind“ (ebd.) und „moralische Eigenschaften wie ‚nicht lügen‘ […]. Angriffe gegen diese Aspekte des Selbst müssen glaubhaft abgewehrt werden (z.B. durch Demonstration von Empörung)“ (ebd.).

b) Situationsbezogene Faktoren sind demgegenüber „institutionelle Rolle[n]“, „Handlungsziele“, „Handlungsnormen“ (Schwitalla 1996: 331) und „soziale Rollen, die thematisch für die Interaktion relevant sind […]; diese Rollen werden in Ereignisdarstellungsformen, Maximen, Formeln, Selbstaussagen usw. relevant“ (ebd.). Weiterhin spielen die Gesprächs- und Situationserwartungen sowie das Wissen um den eigenen zu leistenden Beitrag eine Rolle. Das Selbstdarstellungsverhalten wird daran angepasst, vor allem, weil gerade zu Beginn von Gesprächen die Situation gemeinsam definiert wird und individuelle Ansprüche sowie Beziehungen ausgehandelt werden. Zudem müssen die Gesprächsaufgaben gemeinsam bewältigt werden, und zwar trotz möglicher Rollenasymmetrien und unterschiedlicher Kooperationsbereitschaft. Au ← 72 | 73 → ßerdem sind Selbst- und Fremddarstellungen abhängig von positiven und negativen Emotionsäußerungen. Beispielsweise haben positive Einstellungsäußerungen sowie Fairness positive Effekte in Bezug auf das Image. Nicht zuletzt sind alle Akteure von wechselseitiger Kooperation abhängig: Gegenseitige Bestätigungen der Selbst- und Fremdbilder wirken sich positiv und stabilisierend auf dieselben und das Gespräch aus; Kooperationsverweigerungen blockieren dagegen Selbstdarstellungsversuche. Im Gesprächsverlauf wird das individuelle Verhalten im Hinblick auf die – gewünschten oder realen – Partnerreaktionen angepasst (vgl. Spiegel/Spranz-Fogasy 2002: 227-229). Die Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass es schwierig ist, alle Anforderungen, die das Gespräch mit sich bringt (Interaktion, Aufgaben, Gesprächs- und eigene Ziele, Rollenasymmetrien, Selbstdarstellung), zu balancieren und dabei flexibel und der Situation angemessen zu reagieren (vgl. ebd.: 230). Gesprächshandeln hat damit Einfluss auf die individuelle Selbstdarstellung und auf „den Erfolg und Mißerfolg interaktiven Handelns“ (ebd.).

Die aufgebauten Selbst- und Fremdbilder sind wechselseitig miteinander gekoppelt, da sie immer entweder im Gleichklang oder im Kontrast zum jeweiligen Fremdbild gestaltet werden (vgl. Schwitalla 1996: 331). Hierauf verweisen unterschiedliche sprachliche Mittel, wie beispielsweise Vergleiche und die Konjunktion aber, die den Kontrast von Ansichten, Einstellungen, Personen etc. anzeigen (vgl. ebd.: 333).

Selbstdarstellungen sind nicht unabhängig von Fremddarstellungen zu betrachten; diese bedingen einander, „denn die GesprächsteilnehmerInnen präsentieren sich selbst in interaktiver Weise und kontextspezifisch, d.h. im Hinblick auf ihre jeweiligen PartnerInnen und in Reaktionen auf sie“ (Spiegel/Spranz-Fogasy 2002: 219). An der Selbstdarstellung eines Akteurs wird sichtbar, wie er sich zum Interaktionspartner positioniert, indem er sich „komplementär oder kontrastiv“ (ebd.) zu diesem präsentiert. Zudem beeinflussen sich Fremd- und Selbstbilder während des Gesprächs und werden gegebenenfalls angepasst. Des Weiteren können sich Gesprächsteilnehmer gegenseitig in ihren Selbst- und Fremddarstellungen bestätigen, indem sie entsprechend auf diese reagieren (vgl. ebd.).

Sprachliche Mittel der Selbstdarstellung

Spiegel/Spranz-Fogasy (2002: 218) betonen, dass der Einsatz von Selbstdarstellungsmitteln situations-, interaktions-, rollen-, interessen- und partnerreaktionenabhängig ist und vom Akteur jeweils unterschiedlich angepasst wird (vgl. ebd.).

Ohne ausdrücklichen Hinweis auf Schwitalla (1996), aber höchstwahrscheinlich in Anlehnung an ihn, nennen Spiegel/Spranz-Fogasy drei sprachliche Aspekte, in denen Selbstdarstellung zum Ausdruck kommt. An dieser Stelle wird auf die Formulierungen von Schwitalla zurückgegriffen, da diese eindeutiger sind. Die ← 73 | 74 → Anstrengungen zur Konstruktion eines Selbstbilds werden dreifach sichtbar: (1) in „expliziten[n] Selbstaussagen“ (Spiegel/Spranz-Fogasy 2002: 220), (2) in „Eigenschaften, die aus sprachlichen Aktivitäten erschlossen werden können“ (Schwitalla 1996: 330), also bspw. in positiven oder negativen Bewertungen, in Sprechhandlungen im Allgemeinen, (3) in Eigenschaften, die im interaktiv gezeigten Verhalten sichtbar werden, also bspw. Kooperation, Dominanz oder Zurückhaltung, Dickköpfigkeit, Flexibilität etc. (vgl. ebd.: 331; vgl. Spiegel/Spranz-Fogasy 2002: 221f.).

Der erste Punkt, die expliziten Selbstaussagen, können mit Resinger (2008) hinsichtlich der Selbstnennung präzisiert werden. Resinger untersucht in ihrer Arbeit die Spuren von Selbstnennung, wie sie in wissenschaftlichen Aufsätzen sichtbar werden29. Eine Kategorie umfasst Ausdrücke der Selbstnennung, die direkt oder indirekt sein können. Direkte Selbstnennungen sind

  Personal- und Possessivpronomen in der ersten Person Singular oder Plural (Resinger 2008: 146)

  ungenannte Personen (z.B. Laborpersonal) mit einschließender oder konventionell bedingter Verwendung des Plurals für Einzelpersonen (ebd.).

Indirekte Selbstnennungen sind

  Selbstnennungen in der dritten Person („der Autor“)

  Indefinitpronomen („man“)

  Ersatzbezeichnungen („eigen“, „subjektiv“, „dieser Artikel“, „frühere Forschungen“) (ebd.: 147)

Obwohl ihre Arbeit auf die Analyse von Texten bezogen ist, lassen sich ihre Kategorien auf Selbstdarstellung in Diskussionen übertragen.

Eine weitere bedeutende Rolle bei der Selbstdarstellung spielen der Inhalt des Gesagten und der Stil der Äußerung, also der Gesprächsstil und das verwendete Register (vgl. Spiegel/Spranz-Fogasy 2002: 216). Wichtig ist auch, an welcher Stelle des Gesprächs einzelne Mittel verwendet werden: Beispielsweise wird am Gesprächsbeginn der Grundstein der Interaktion gelegt, („der erste Eindruck zählt“), was sich auf den gesamten Verlauf des Gesprächs auswirkt (vgl. ebd.: 218). ← 74 | 75 →

Selbstdarstellung in Gesprächen

In den nächsten Abschnitten wird das Selbstdarstellungsverhalten in Gesprächen beleuchtet. Die linguistische Literatur fokussiert dabei auf unterschiedliche Gesprächstypen, wie z. B. private Streitgespräche und Schlichtungsgespräche, aber auch kooperative und ‚normale‘ Alltagskommunikation (bis hin zur rein oberflächlichen, durch Routineformeln geregelten Kommunikation). Zur besseren Erfassung dessen, worin der Unterschied besteht, wird zuerst kooperative bzw. nicht auf Streit abzielende Kommunikation untersucht, bevor genauer auf Dissens- und Streitgespräche eingegangen wird.

(1)  Kooperative Interaktionen (Holly 1979, 2001)

Ausgangspunkt von Hollys Untersuchungen30 sind kooperative Interaktionen, das heißt Interaktionen, in denen alle Beteiligten wechselseitig die Images und die Situation rituell zu schützen und zu wahren bereit sind (vgl. Holly 1979: 82). In seinen Untersuchungen identifiziert er verschiedene, relativ feste Sequenzmuster. Aufbauend auf Goffmans Beobachtungen von rituellen Sequenzen unterscheidet er zwischen a) bestätigenden und b) korrektiven Sequenzen.

(a) Bestätigende Sequenzen oder auch Zuvorkommenheitsrituale enthalten Rituale, die „der Herstellung und Bekräftigung einer von wechselseitigem Respekt getragenen Beziehung als Basis für eine Begegnung [dienen], indem sie Images aufbauen und stützen“ (Holly 1979: 48; vgl. auch Holly 2001: 1387). Die rituellen Schritte sind dabei auf die Beteiligten gleichmäßig verteilt. Holly unterscheidet vier verschiedene Typen:

Zwei Typen „beziehen sich auf interpersonelle[…] Themen“ (Holly 1979: 48) und umfassen 1) SYMPATHIE- UND INTERESSEBEKUNDUNGEN und 2) HÖFLICHE ANGEBOTE. SYMPATHIE- UND INTERESSEBEKUNDUNGEN umfassen Themen, die für die Beziehungsgestaltung wichtig sind, wie beispielsweise Fragen oder Komplimente, aber auch Sympathiewerbungen oder Werbungen um Bestätigung [fishing for compliments] (vgl. Holly 1979: 48f.). In die gleiche Kategorie fallen HÖFLICHE ANGEBOTE, die der Aufwertung des „fremde[n] Images durch die ← 75 | 76 → ‚Aufnahme in die eigene Gruppe‘“ (ebd.: 49) dienen. Typische Muster für den ersten Typ sind z. B. INFORMATIONSFRAGE – HÖFLICHE AUSKUNFT, SELBSTLOB – ZUSTIMMUNG, für den zweiten Typ z. B. EINLADUNG – DANK (mit AKZEPTIEREN oder HÖFLICHEM ABLEHNEN), WILLKOMMENHEISSEN – DANK. Zwei weitere beziehungsbestätigende Typen umfassen 3) RATIFIZIERUNG und 4) ZUGÄNGLICHKEITSBEKUNDUNGEN. In die erste Gruppe fallen „Bestätigungen, die einen bestimmten veränderten Zustand eines Interaktanten betreffen“ (ebd.), in letztere „Bestätigungen, die einen Wechsel des Zugänglichkeitsgrades der Begegnenden regeln“ (ebd.: 50); sie zeigen an, dass der Sprecher die „rituelle Ordnung“ achtet und respektiert (vgl. ebd.). Typische Muster sind im Fall der RATIFIZIERUNG das MITTEILUNG-MACHEN – ANERKENNUNG/GLÜCKWUNSCH/BEILEIDSBEKUNDUNG, die wiederum mit DANK quittiert werden können. Im Fall der ZUGÄNGLICHKEITSBEKUNDUNGEN sind es BEGRÜSSUNG – BEGRÜSSUNG, VERABSCHIEDUNG – VERABSCHIEDUNG, BEENDIGUNG – BESTÄTIGUNG (vgl. Holly 1979: 51-52; dort findet sich auch eine Übersichtstabelle mit weiteren typischen Sequenzmustern).

(b) Korrektive Sequenzen oder Vermeidungsrituale dagegen folgen auf Gegebenheiten, die mit Goffman als Zwischenfälle bezeichnet werden können (vgl. Holly 2001: 1388). Zwischenfälle können durch bewusstes oder unbewusstes Fehlverhalten, aber auch durch direkte oder indirekte Angriffe auf das eigene oder fremde Image ausgelöst werden (vgl. Holly 1979: 53). Entsteht ein Anlass für die Deutung einer Gegebenheit als Zwischenfall, sollte dieser von der gleichen Person (Person A) korrigiert werden. Geschieht dies nicht sofort, wird Interaktionspartner B oder ein Dritter auf Verfehlungen hinweisen und so einen Korrektivschritt von A provozieren (vgl. ebd.: 54f., 59). B kann A in der Folgerunde entgegenkommen, was A zu Dank verpflichtet. In der letzten Runde kann B dann den Zwischenfall bagatellisieren und so die Korrektivsequenz beenden. In seiner vollständigen Form sieht diese wie folgt aus:

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Abbildung 5: Idealtypischer Ablauf einer Korrektivsequenz; Holly 1979: 58. ← 76 | 77 →

Dieses Schaubild repräsentiert einen idealtypischen Ablauf, der sämtliche möglichen Varianten nicht berücksichtigt (vgl. dazu Goffman 1979: 58). Das Korrektiv kann unterschiedlicher Art sein; immer sind jedoch Formen von ENTSCHULDIGUNGEN oder RECHTFERTIGUNGEN enthalten, die in der folgenden Übersicht dargestellt werden (vgl. dazu auch Holly 2001: 1388)31:

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Abbildung 6: Übersicht über Korrektivsequenzen; Holly 1979: 72. ← 77 | 78 →

Holly weist darauf hin, dass es nicht immer möglich ist, einzelne Korrektivtypen voneinander abzugrenzen, und dass sogenannte „Übergänge und Mischtypen“ (Holly 1979: 71) üblich sind. Im Normalfall werden Korrektive vom Interaktionspartner als solche anerkannt und akzeptiert – sie KOMMEN dem Auslöser des Zwischenfalls ENTGEGEN (vgl. ebd.: 71).

Die bisher angenommene Kooperation von Interaktionspartnern kann allerdings auch verweigert werden (vgl. Holly 1979: 82; vgl. auch Holly 1987)32. Imageverletzungen und Abwertungen von fremden Images werden hier durch „aggressive Verwendung von rituellen Mustern“ (Holly 1979: 82) erreicht; dieses aggressive Verhalten kann auch gegen die eigene Person und das eigene Image gerichtet sein (vgl. ebd.).

[A]ggressive Muster [dienen] der manipulativen Herbeiführung bestimmter kommunikationsfeindlicher emotionaler Zustände, die der jeweiligen Situation nicht angemessen sind, wie Überlegenheit, Rechthaberei, „Tugendhaftigkeit“, „Mitleid“, aber auch Ärger, Minderwertigkeit, Hilflosigkeit. Im institutionellen Rahmen geht es um die Abstützung ungerechtfertigter Herrschaftsstrukturen. (Holly 1979: 82f.)

Eigentlich notwendige korrektive Schritte können durch verschiedene Verfahren UMGANGEN oder VERWEIGERT werden. Mit Hilfe von präventiv eingesetzten BESCHWICHTIGUNGEN kann man Korrektive verweigern, da der Zwischenfall selbst thematisiert und damit dem Interaktionspartner mögliche Argumente vorweggenommen werden (vgl. Holly 1979: 86). Mit Hilfe von AUSWEICHMANÖVERN kann man dagegen einerseits den Interaktionspartner kritisieren, andererseits sich in Unverständliches flüchten (vgl. ebd.: 87). Beispiele für Ausweichmanöver sind VERWIRRUNG STIFTEN (dem Anderen absichtlich hervorgerufene Missverständnisse und Missverständlichkeit vorwerfen), SICH DUMM STELLEN, SICH HILFLOS STELLEN (die Lösung der Situation soll vom Gegenüber geleistet werden) (vgl. ebd.).

Zusätzlich zu Korrektiv-Verweigerungen ist es möglich, eine gesichtsbedrohende Situation zu INSZENIEREN (vgl. Holly 1979: 90). Holly unterscheidet drei Arten:

1)  ABSICHTLICHE ÜBERTREIBUNGEN: „dabei wird ein ritueller Schritt nicht in dem angemessenen Ausmaß vollzogen, sondern so daß Imagegefährdungen statt verhütet erst provoziert werden“ (ebd.: 91);

2)  EINBAHNHIEBE: Es werden „bestimmte, eigentlich bestätigende oder imagekorrigierende Schritte“ (ebd.) zur Imagegefährdung verwendet; ← 78 | 79 →

3)  ÜBERRASCHENDE WENDUNGEN: „nachdem der andere zunächst durch eine komplette Sequenz in Sicherheit bzw. Arglosigkeit bestätigt worden war“ (ebd.: 92), erfolgt eine plötzliche Wende hin zu einer Gesichtsgefährdung.

Verhalten sich Interaktionspartner unkooperativ und droht das Gespräch zu eskalieren und stecken zu bleiben, haben Interaktanten verschiedene Möglichkeiten der Lösung: Sie können das Gespräch beenden, das Gespräch auf das eigentliche, sachliche Thema zurückführen oder durch Schlagfertigkeit das Gespräch positiv beeinflussen (und dadurch gleichzeitig dem Interaktionspartner signalisieren, dass er sich wenig kooperativ verhält) (vgl. ebd.: 92f.).

(2)  Streitinteraktionen und Dissenskommunikation (Gruber 1996 und Schwitalla 1996, 2001)

Schwitalla (1996, 2001) und Gruber (1996) haben Untersuchungen zu Streits vorgelegt, in denen sie typische Sequenzmuster des Angriffs und der Verteidigung identifizieren. Streitgespräche sind konfliktäre Gespräche, „die auf unterschiedlichen Handlungszielen, Meinungen und Handlungsannahmen beruhen“ (Schwitalla 2001: 1374). Voraussetzung ist, „dass die Beteiligten ihre unterschiedlichen Standpunkte, Interessen oder Sichtweisen in einer ‚unkooperativen‘, das Gesicht [face] des Streitgegners verletzenden Weise artikulieren“ (ebd.) und dass sie dies auf ernsthafte Weise tun (vgl. ebd.: 1375). Dabei ist die Art und Weise, wie direkt oder indirekt Konflikte zur Sprache gebracht und die Inhalte verhandelt werden, stark kulturabhängig (vgl. ebd.: 1376).

Streitgespräche enthalten eine wichtige emotionale und beziehungsgestaltende Komponente. Die Interaktionsteilnehmer haben einen Entwurf eines Selbstbildes, das sie dem des Opponenten gegenüberstellen (vgl. Schwitalla 2001: 1378). Die Beziehung zwischen Selbst- und Fremdbild bestimmt auch die emotionale Beziehung zwischen den Kontrahenten. Nach Holly stellen Streits imagebedrohende Situationen dar, in denen Themen oder Rollen angegriffen werden. Im Streit kommen die Beziehungsdefinitionen als „interpersonal-propositionale[…] Einstellung[en]“ (vgl. Holly 1979: 7; Herv. im Orig.; vgl. Gruber 1996: 52) zum Ausdruck. Die emotionale Beteiligung in Streitgesprächen schlägt sich in sprachlichen Merkmalen nieder: Verweigerung wird durch einen kühlen Tonfall signalisiert, „der Unangreifbarkeit demonstrieren soll“ (Schwitalla 2001: 1378). Erregung und Ärger drücken sich in lautem, teilweise rhythmischem Sprechen, Hyperbeln, Ironie und Sarkasmus, stilistischen Wechseln (zuweilen auch die Verwendung von Vulgarismen) und das Ringen um Wörter aus. Sollen Konflikte beigelegt werden, wenn sich die Gemüter beruhigen, kommen Scherze zum Einsatz (vgl. ebd.). ← 79 | 80 →

Gruber (1996) untersucht Streitgespräche aus pragmatischer Perspektive, stützt seine Analysen auf Sprechhandlungen und deren Auswirkungen auf die Streitentwicklung33. Er fokussiert dabei vier Typen: „darstellende (nicht wertende), (explizit oder implizit) wertende, lenkende und metakommunikative“ (Gruber 1996: 125) und unterscheidet offene und verdeckte sowie Personen- und Tatsachenwertungen (vgl. ebd.). Inhaltlicher Streitfokus können „Thema, Rollenbeziehung zwischen den Interaktanten und Gesprächsstruktur“ (ebd.: 82) sein. Auch hier spielen die Beziehung zwischen den Kontrahenten sowie der Aspekt der (gegenseitigen) face-Wahrung eine Rolle:

Insgesamt kann man sagen, daß die Dissensorganisation von Gesprächen in bezug auf die Beziehungsgestaltung hauptsächlich darauf ausgerichtet ist, das eigene Image zu bewahren (vgl. das Vorherrschen nichtkonsensueller Stellungnahmen, die den eigenen Standpunkt stützen) und das des Kontrahenten zu bedrohen (Unterbrechungen, Nichtakzeptieren des gegnerischen Standpunktes), in bezug auf die inhaltliche Ebene versucht jeder Kontrahent seinen eigenen Standpunkt durchzusetzen. (Gruber 1996: 61f.; Herv. im Orig.)

Streits oder Dissense können nach Gruber in drei Phasen gegliedert werden (siehe Abb. 7). In Phase 1 wird eine Dissenssequenz initiiert (= Anlass), in Phase 2 werden die jeweiligen Standpunkte der Kontrahenten dargestellt (der Übergang von Phase 1 zu Phase 2 ist durch WIDERSPRECHEN markiert) und in Phase 3 wird der Dissens ausgehandelt bzw. gelöst (= Aushandlungsphase) (vgl. ebd.: 226f., 234).

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Abbildung 7: Sprechhandlungssequenzen in Dissens-Phasen nach Gruber 1996: 227, 234. ← 80 | 81 →

In der folgenden Darstellung von Initiierung und Reaktion werden Grubers Ausführungen mit Schwitallas (2001, 1996) Angaben zu initiierenden und reagierenden Sprechakten ergänzt34.

(a) Initiierende Sprechhandlungen, die in Phase 1 (A) vorkommen und inhaltliche Dissenssequenzen auslösen, sind BEHAUPTUNGEN, DARSTELLUNGEN DES KONFLIKTANLASSES und VORWÜRFE (vgl. Gruber 1996: 226; vgl. auch Schwitalla 2001: 1376). Gruber weist darauf hin, dass die Sprechhandlung DARSTELLUNGEN DES KONFLIKTANLASSES lediglich dann geäußert wird, wenn dazu aufgefordert wird. Diese Sprechhandlung hat mit VORWÜRFEN gemeinsam, dass sie die Entwicklung einer Dissenssequenz intendieren oder hinnehmen. Mit VORWÜRFEN kann ein Akteur auf einen Verstoß des Interaktionspartners reagieren (vgl. Gruber 1996: 226f.).

Nach Schwitalla können außerdem BESCHULDIGUNGEN und BESCHIMPFUNGEN (zudem Spott und Hohn) auftreten. Durch sie soll das Image des Interaktionspartners geschädigt werden, auch gegenüber einem möglicherweise unbeteiligten Publikum (vgl. Schwitalla 1996: 294; Schwitalla 2001: 1377). Schwerwiegend für Wissenschaftler ist es, wenn es zu Vorwürfen der Inkompetenz kommt, was ebenso Anlass für Streits sein kann (vgl. Schwitalla 2001: 1377). Auf diese Weise kann sich eine Diskussion zu einem Disput entwickeln.

Je nach Platzierung des Angriffs innerhalb des Dialogs ergeben sich unterschiedliche Effekte oder Wirkungsmöglichkeiten:

Man kann z.B. durch unterbrechendes Angreifen dem Gegner die Möglichkeit nehmen, seine Angriffsposition ausführlich auszubauen, man kann sich aber auch Zeit lassen und erst thematische Punkte sammeln, die man in einen Angriff überführt (Schwitalla 1996: 294).

Es stehen verschiedene sprachliche Möglichkeiten der face-Verletzung zur Verfügung. Nach Schwitalla treten häufig Prädikationen auf, „d.h. die Verbalisierung der kritischen Komponente in der Verbalphrase eines Aussagesatzes, dessen Subjekt auf den/die Angesprochene/n referiert“ (Bsp.: „sie greife alles aus der luft“; Schwitalla 1996: 298f.). Der Kritikpunkt kann dabei schwach oder stark formuliert werden, je nach Norm und gesellschaftlicher Akzeptanz; schwach wäre hier sich einbilden im Gegensatz zum moralisch sehr negativ bewerteten lügen (vgl. ebd.: 299). ← 81 | 82 →

Daneben bieten narrative Formen, wie beispielsweise durch Subjektivität gekennzeichnete Erzählungen, sprecherseitig die Möglichkeit, Kritik und Beschuldigungen auch versteckt unterzubringen und dadurch die angegriffene Person abzuwerten (vgl. Schwitalla 1996: 299, 301). Ähnlich funktionieren ZITATE: Hier wird der Interaktionspartner direkt oder indirekt zitiert und „durch die Wahl der Worte und die prosodische Art der Rede“ (ebd.: 303) in ein schlechtes Bild gerückt. Auch durch das Zitieren von dritten Parteien, die sich negativ über den Interaktionspartner geäußert haben, kann dieser angegriffen werden – und der subjektive negative Eindruck, der geäußert wird, wird zugleich durch das Anführen der anderen Partei unterstützt (vgl. ebd.: 304). Ein massiver Angriff kann zudem durch den VERGLEICH einer Person „mit (gesellschaftlich) negativ gewerteten Tieren oder sozialen Gruppen“ (ebd.: 305) vorgebracht werden. Subtiler wirkt dagegen die ANDEUTUNG, mit deren Hilfe das eigentliche Thema oder die eigentliche Kritik nicht konkret angesprochen, sondern nur angeschnitten wird. Dieses Verfahren ist deshalb wirksam, weil das Publikum das Angedeutete interpretieren und Bezüge herstellen muss; es malt sich die Kritik selbst aus (vgl. ebd.). Außerdem sind METASPRACHLICHE KOMMENTARE wirkungsvoll, um Kritik auszudrücken: So kann man Interaktionspartner mit ihrem sprachlichen Verhalten konfrontieren und dadurch kritisieren, wenn bspw. zu aggressiv, laut und unbeherrscht kommuniziert wird (vgl. ebd.).

(b) Der Diskussionspartner hat nun verschiedene Möglichkeiten, auf die initiierende Sprechhandlung zu reagieren (= Phase 1 (B)). Die Angegriffenen fühlen sich zumeist mehr oder weniger verpflichtet oder gezwungen, dem Angriff zu begegnen, was wiederum vom Inhalt und von der Art, wie er geäußert wurde, abhängt (vgl. Schwitalla 2001: 1376). Reaktiven Charakter haben nach Gruber (1996: 227) METAKOMMUNIKATIVE IMPERATIVE, APPELLE und AUFFORDERUNGEN, wobei diese strukturelle Dissenssequenzen verursachen und ebenso einen Regelverstoß voraussetzen. Auf die initiierende Sprechhandlung reagiert der Opponent mit einem WIDERSPRUCH oder einer DIREKTEN ZURÜCKWEISUNG EINES VORWURFS; zusätzlich kann er den EIGENEN STANDPUNKT DEUTLICH MACHEN oder einen GEGENVORWURF starten (vgl. ebd.). An dieser Stelle werden die beiden unterschiedlichen Meinungen zum umstrittenen Thema deutlich gemacht.

Auch die Wirkung und Bedeutung der Verteidigungsmanöver hängt davon ab, an welcher Stelle der Sequenz die Verteidigung einsetzt (vgl. Schwitalla 1996: 306f.). Im Hinblick auf die Platzierung lassen sich zwei Vorgehensweisen unterscheiden: Die Verteidigung kann so eingesetzt werden, dass der Angreifende unterbrochen wird, oder sie wird direkt an den Angriff angeschlossen. Unterbricht ← 82 | 83 → der eigene Verteidigungsbeitrag den Angriff eines anderen, beispielsweise in Form einer Zurückweisung oder Zweifelfrage, so zeigt dies erstens an,

daß der Vorwurf so schwer wiegt, daß das Rederecht des anderen im Vergleich dazu weniger bedeutungsvoll ist. Unterbrechen demonstriert zweitens eine gewisse Selbstüberzeugtheit und Spontaneität des Angegriffenen, welche impliziert, daß der Vorwerfende/Kritisierende derart an der Realität vorbeigeht, daß seine Vorhaltungen sofort korrigiert werden müssen. (Schwitalla 1996: 307)

Aber auch dadurch, dass er den eigenen Beitrag abbricht, um auf einen Angriff zu reagieren, signalisiert der Angegriffene, dass der Angriff als sehr stark, ungerechtfertigt und/oder unannehmbar empfunden wird (vgl. ebd.). Direkte Redeanschlüsse, die schnell erfolgen und keine Pausen aufweisen,

drücken Entschlossenheit aus und die Überzeugung, daß das, was der Gegner sagt, nicht wahr ist. Verzögerte Reaktionen dagegen können ein Zeichen von Selbstkontrolle sein, z.B. in dem Sinn, daß der Angegriffene sich überlegt, was er zum Vorwurf sagen will, daß der Vorwurf ihm neu ist, daß er dem Vorwerfenden Raum geben will zur nachträglichen Korrektur oder Abschwächung. (Schwitalla 1996: 308)

Sowohl Unterbrechungen als auch direkte Redeanschlüsse sind ein Anzeichen dafür, dass der Angriff als ungerechtfertigt bewertet wird und dass die Angegriffenen stark emotional engagiert sind. Bei den Verteidigungen spielt die Prosodie eine wichtige Rolle, da sie die Gefühle der Angegriffenen deutlich machen, wie beispielsweise „Empörung, Fassungslosigkeit, Unschuld“ (ebd.: 308).

Sprachlich äußern sich Verteidigungen in unterschiedlicher Form. Eine Möglichkeit besteht darin, den Angriff insgesamt zu überhören, zu ignorieren, indem man bspw. selbst einen neuen thematischen Fokus eröffnet (vgl. Schwitalla 2001: 1378). Hierdurch wird die vorgeworfene Schuld nicht anerkannt und als nicht verteidigungswürdig angesehen, der Angriff geht ins Leere (Schwitalla 1996: 308f.). Demgegenüber kann dem Vorwurf auch zugestimmt, die Kritik anerkannt und Fehler eingestanden werden (vgl. Schwitalla 2001: 1377). In Bezug auf positive Selbstdarstellung wird hierdurch erreicht, „daß man für das einsteht, was man getan hat, daß man einsichtig und wahrheitsliebend ist – alles personale Eigenschaften, die geeignet sind, das eigene Ansehen trotz der Verfehlung doch noch positiv zu beeinflussen“ (Schwitalla 1996: 309). Die Kommunikation wird nicht an einem kritischen Punkt gestoppt, sondern kann sich thematisch weiterentwickeln (vgl. ebd.). In Kontrast hierzu steht die Möglichkeit, auf den Angriff mit Gegenvorwürfen oder Retourkutschen zu reagieren. Zumeist entstehen dadurch Wechsel von Vorwurf und Gegenvorwurf, die zirkulär sind und nicht zur Auflösung des Dissenses beitragen. Wenig konstruktiv ist in diesem Zusammenhang auch das Suchen nach Schuld beim Gegner, sodass die eigene Verfehlung mit der ← 83 | 84 → des Gegners abgeglichen und dadurch abgeschwächt werden kann (vgl. Schwitalla 1996: 311f.).

Die im Angriff thematisierten kritischen Aspekte können außerdem als unberechtigt oder haltlos empfunden und abgestritten bzw. zurückgewiesen werden35 (vgl. Schwitalla 1996: 313; Schwitalla 2001: 1377). Dies kann dadurch unterstützt werden, dass der Angegriffene mittels Fragen oder Imperativen einen Beleg für den Vorwurf einfordert – wobei dieser davon ausgeht, dass keine Belege für die Kritik auffindbar sind –, um die Haltlosigkeit bloßzulegen (vgl. Schwitalla 1996: 313). Damit geht man gleichzeitig zu einem Gegenangriff über, bspw. weil man diese Forderung wiederum als Vorwurf formulieren kann (vgl. Schwitalla 2001: 1378):

Dies setzt die handlungslogische Bedingung für den Sprechakt ‚Vorwurf‘ voraus, nach welcher man nur dann einen Vorwurf äußern darf, wenn man berechtigten Anlaß dafür hat, daß der Angegriffene tatsächlich das getan hat, was man ihm vorwirft. (Schwitalla 1996: 313)

Weitere Reaktionsmöglichkeiten sind Entschuldigungen, Erklärungen sowie Rechtfertigungen (vgl. Schwitalla 2001: 1377). All diese Reaktionen lösen potenziell neue Angriffsrunden aus, sodass typischerweise das Muster VORWURF – GEGENVORWURF auftritt (vgl. ebd.: 1379).

Roland Heine (1990) hat in seiner Arbeit die Sprechhandlung RECHTFERTIGEN detailliert beschrieben und in Gesprächen rekonstruiert (vgl. Heine 1990: 12f.). Das RECHTFERTIGEN als Verteidigungsreaktion auf einen VORWURF (Angriff im Sinne Goffmans) wird als komplexe sprachliche Handlung beschrieben, die nach einem bestimmten Muster abläuft bzw. ablaufen kann und Bestandteil eines geregelten Ablaufmusters ist (vgl. ebd.: 11, 23, 44). Mit Rechtfertigungen werden im Alltag die eigene Meinung oder Wirklichkeitssicht, in (wissenschaftlichen) Diskussionen jeweilige Geltungsansprüche ausgehandelt und mittels ARGUMENTIEREN, BEGRÜNDUNGEN oder ERKLÄRUNGEN verteidigt (vgl. ebd.: 34, 36f., 41, 45):

Mit BEGRÜNDEN werden die Wahrheitsansprüche für die zum Ausdruck gebrachten Propositionen (= Inhalte der geäußerten Behauptungen) argumentativ gestützt. Mit ERKLÄREN werden speziell entweder Kausalzusammenhänge aufgezeigt (und damit unter Umständen versucht, von Verantwortung freigesprochen zu werden) oder Motivationen und innere Vorgänge transparent bzw. überhaupt zugänglich gemacht, mit dem Ziel, das Zustandekommen der fraglichen (inkriminierten) Handlung oder (als relevant ← 84 | 85 → für das Zustandekommen angesehene) Aspekte dieser Handlung zu explizieren; d.h. also, daß auch z.B. Empfindungen und Emotionen zur Rechtfertigung von Handlungen angeführt werden können. (Heine 1990: 41f.)

Bei Rechtfertigungen, Erklärungen und Begründungen werden die von Holly herausgearbeiteten Handlungsmuster und Handlungsrunden in der Analyse berücksichtigt. Nach Gruber besteht Phase 1 im Normalfall nicht nur aus zwei aufeinander folgenden Beiträgen, sondern aus einer ganzen Reihe, in denen die gegnerischen Standpunkte dargestellt werden (vgl. Gruber 1996: 227).

(2) In Phase 2 werden die einzelnen Standpunkte der Kontrahenten formuliert.

(3) Phase 3 setzt mit den folgenden Sprechhandlungen ein: APPELL, AUFFORDERUNG, ANGEBOT, EINLENKEN (vgl. ebd.: 234). Mit APPELLEN und AUFFORDERUNGEN wird der Versuch unternommen, das Verhalten oder die Meinung des Kontrahenten zu ändern; ANGEBOTE oder EINLENKEN dagegen basieren auf der vollständigen oder teilweisen Anerkennung der Meinung des anderen (vgl. ebd.).

Der dargestellte Phasenablauf ist (ideal-)typisch; es geschieht oft, dass Streits in einer der Phasen zum Stillstand kommen oder dass in Interaktionskreisläufen keine thematische Weiterentwicklung stattfindet, sondern sich Positionen lediglich verfestigen (Stopp in Phase 2; vgl. Gruber 1996: 236, 238f.). Das Steckenbleiben in einer der Phasen geschieht durch DARSTELLUNGEN DES EIGENEN STANDPUNKTS, VORWÜRFE und WIDERSPRÜCHE, falls diese ohne Bezug zu vorangegangenen Beiträgen des Interaktionspartners geäußert werden und lediglich bereits Geäußertes enthalten:

Wiederholte, inhaltlich gleiche Darstellungen des eigenen Standpunkts bzw. Vorwürfe durch einen Kontrahenten führen zu einem Monopolisieren des Rederechts durch diesen Sprecher, dauernde identische Widersprüche zur Behinderung des anderen Sprechers, beiden gemeinsam ist ihr insistierender Charakter. (Gruber 1996: 238; Herv. im Orig.)

Sowohl zum Stillstand gekommene Streits als auch Interaktionskreisläufe können aufgebrochen werden, im ersten Fall zumeist durch das Thematisieren der Stagnierung und des Fehlverhaltens des monologisierenden Akteurs (vgl. Gruber 1996: 238f.).

In der folgenden Tabelle (Tab. 4) werden die Initiierungs- und Reaktionsmöglichkeiten nach Schwitalla (1996, 2001) und Gruber (1996) in den Streitphasen zusammengefasst dargestellt: ← 85 | 86 →

Tabelle 4:  Initiierungs- und Reaktionsmöglichkeiten nach Schwitalla 1996, 2001 und Gruber 1996.

Phase 1

A: Initiierungstyp („Angriffe“)
  Phase 2

B: Reaktionstyp („Verteidigungen“)
Andeutung (Schwitalla 1996)  Abstreiten (Schwitalla 1996, 2001)
Appell (Gruber 1996)
Aufforderung (Gruber 1996)  Beleg einfordern (Schwitalla 1996)
Behauptung (Gruber 1996)  Eigenen Standpunkt deutlich machen (Gruber 1996)
Beschimpfung, Spott, Hohn (Schwitalla 1996)  Eingeständnis des Fehlers (Schwitalla 2001)
Beschuldigung (Schwitalla 2001)  Entschuldigung (Schwitalla 2001)
Darstellung des Konfliktanlasses (Gruber 1996)  Erklärung (Schwitalla 2001, Heine 1990)
Metakommunikativer Imperativ (Gruber 1996)imgGegenvorwurf, Retourkutsche (Schwitalla 1996; Gruber 1996)
Metasprachlicher Kommentar (Schwitalla 1996)  Rechtfertigung (Schwitalla 2001, Heine 1990)
Narrative Form (Schwitalla 1996)  Suchen nach Schuld beim Gegner (Schwitalla 1996)
Prädikation (Schwitalla 1996)  Überhören, Ignorieren (Schwitalla 2001)
Vergleich einer Person mit Tieren, abwertend (Schwitalla 1996)  Widerspruch (Gruber 1996)
Vorwurf (Gruber 1996, Schwitalla 2001)  Zurückweisung des Vorwurfs (Gruber 1996)
Zitat (Schwitalla 1996)  Zustimmung zum Vorwurf, Anerkennen der Kritik (Schwitalla 2001) ← 86 | 87 →

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Zusammenfassung: Linguistische Mittel der Selbstdarstellung

Es muss betont werden, dass die Strategiewahl und die damit verbundene mögliche Wirkung nicht immer absehbar bzw. musterhaft provozierbar ist: Da „[e]in bewußterer Umgang mit Selbstdarstellung in Gesprächen“ (Spiegel/Spranz-Fogasy 2002: 229) im Hinblick auf Strategiewahl nicht möglich (bzw. kaum durchzuhalten) sei36, solle man das eigene Verhalten an die Situation anpassen und sich kooperativ zeigen. Zur Situationseinschätzung sind Kenntnisse über die Gesprächsaufgaben und Beteiligungsrollen, die eigene Kompetenz sowie die Beobachtung der Gesprächsentwicklung nötig (vgl. ebd.: 229f.). Auch im Hinblick auf die Wirkung erweisen sich Selbstdarstellungsstrategien als problematisch. Nicht immer sind eine absolute Kontrolle des eigenen Verhaltens möglich und Wirkungen vorhersehbar. Spiegel/Spranz-Fogasy geben Beispiele für verschiedene positive und negative Interpretationsmöglichkeiten desselben Verhaltens:

Entgegenkommen in Verhandlungen kann auch als Schwäche interpretiert werden; die Demonstration von Durchsetzungswillen kann als Sturheit aufgefaßt werden; Submissivität eines Bewerbers in Bewerbungsgesprächen kann als mangelnde Initiative gelten; Initiative kann als Dominanz ausgelegt werden; Souveränität eines Prüflings kann übersteigerte Erwartungen wecken; Zurückhaltung dagegen kann umgekehrt Hilfestellungen erzeugen; [d]ie Demonstration von Expertenschaft durch Präsentation von Fachwissen oder durch Verwendung von Fachterminologie kann Unverständlichkeit und Reaktanz hervorrufen oder in Langeweile und Ignoranz münden usw. […] Häufige Unterbrechungen können auch als Zeichen von Interesse gelten, und direktives Fragen kann als Ausdruck fachlicher Kompetenz interpretiert werden. (Spiegel/Spranz-Fogasy 2002: 230; Herv. im Orig.)

Die Tatsache, dass dieselben Verhaltensweisen auf unterschiedliche Art und Weise interpretiert werden können, dasselbe Verhalten verschiedene Wirkungen auf Gesprächsteilnehmer haben kann, muss immer – auch bei der Analyse des Korpus – reflektiert werden.

In der nachfolgenden Tabelle (Tab. 5) findet sich eine Systematisierung der gesamten in der Literatur identifizierten, im vorigen Kapitel besprochenen sprachlichen Mittel der Selbstdarstellung. Die Unterscheidung in initiierende und reagierende Handlungen wurde beibehalten (vgl. Tab. 4). In der dritten Spalte wird die jeweilige Funktion der einzelnen Mittel kurz erläutert. ← 87 | 88 →

Tabelle 5:  Übersicht über die identifizierten sprachlichen Mittel und Funktionen der Selbstdarstellung.

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← 88 | 89 →

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← 89 | 90 →

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← 90 | 91 →

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2.4.2  Beziehungskommunikation: theoretische Ansätze und sprachliche Strategien

Gespräche finden zwischen Kommunikationspartnern statt, die in einer bestimmten sozialen Beziehung zueinander stehen. Beziehungen werden auch in Gesprächen konstituiert und definiert, je nachdem, welche Intentionen die Interaktionspartner verfolgen. Selbst- und Fremddarstellungen sind eng mit den Beziehungen gekoppelt, in denen Akteure sich befinden. Beziehungen werden mit Holly definiert als „vielschichtige, unterschiedlich stabile, unterschiedlich dauerhafte und unterschiedlich dynamische Elemente in der Kommunikation“ (Holly 2001: 1384); sie müssen immer wieder neu ausgehandelt und gebildet werden (vgl. ebd.). Adamzik geht von einem alltagssprachlichen Begriff von Beziehung aus und definiert diese „als gedeutete Menge von möglichen partnerorientierten Verhaltensweisen“ (Adamzik 1994: 361)37. Diese Definition schließt die jeweiligen ← 92 | 93 → Rollenverhältnisse der Interaktanten ebenso ein wie individuelle Einstellungen und Befindlichkeiten (vgl. ebd.: 359). Beziehung wird hier verstanden als „intrapsychisches Phänomen“ (ebd.: 361), das das Verhalten eines Individuums steuert. Aus diesem Steuerungsmotiv kann eine Beziehungskompetenz von Interaktanten abgeleitet werden,

zu der die Fähigkeit gehört, beobachtetes Verhalten als Beziehung zu deuten, es auf seine Angemessenheit hin zu beurteilen, ferner selbst Beziehungen einzugehen, zu verändern, abzubrechen, d.h. konkrete Verhaltensweisen zu zeigen, die diese Kompetenz aktualisieren. (Adamzik 1994: 361)

Personen, die Beziehungskompetenz besitzen, sind in der Lage, in Situationen mit unbekannten Teilnehmern Beziehungen mit diesen einzugehen. Dies geschieht auf der Grundlage von Situationsdefinitionen, daraus resultierenden Situationserwartungen und Rollenzuschreibungen (vgl. Adamzik 1994: 361, 364f.). An soziale Rollen sind bestimmte Verhaltensweisen geknüpft, die regulär erwartbar sind. Das jeweilige individuelle, aktualisierte Verhalten wird dabei allerdings einerseits partnerbezogen gestaltet und ist andererseits von emotionalen Zuständen und Befindlichkeiten beeinflusst, also innerhalb eines Rollenrahmens zu einem gewissen Grad variabel (vgl. ebd.: 364f.). In Bezug auf die Beziehungsgestaltung ist Rollenverhalten von großer Relevanz, da der Interaktionspartner fremdes Verhalten vor dem Hintergrund seiner eigenen Beziehungsdefinition interpretiert und dabei kaum ersichtlich ist, „welcher Faktor für eine bestimmte Verhaltensweise verantwortlich zu machen ist“ (ebd.: 365).

Holly unterscheidet vier Dimensionen, die eine Rolle im Beziehungsmanagement spielen und nur analytisch voneinander zu unterscheiden sind, wobei er keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt (vgl. Holly 2001: 1384):

(1)  (horizontal) Distanz vs. Nähe, Vertrautheit:

der „kommunikative Abstand“ der Beteiligten (Fremdheit, Bekanntschaft, Vertrautheit, Intimität) wird in jeder Begegnung durch mannigfaltige Signale ausgehandelt und ist Gegenstand subtiler Bewegungen des „Sich-näher-Kommens“ und „Auf-Abstand-Gehens“ (ebd.: 1384f.)

(2)  (vertikal) Macht, Status

der „kommunikative Rang“ der Beteiligten, der symmetrisch (Gleichberechtigung) oder asymmetrisch sein kann (Überlegenheit, Unterlegenheit), ergibt sich nur z. T. aus vorgegebenen sozialen Parametern (ebd.: 1385)

(3)  (evaluativ) positive vs. negative Selbst- und Partnerbewertung

„kommunikative Wertschätzung“ (ebd.: 1385) ← 93 | 94 →

Zu den Partnerbewertungen in (3) gehören Selbstbestätigungen, Partnerbestätigungen, Selbstkritik sowie Partnerkritik (vgl. ebd.; vgl. ausführlich Holly 1979: 73-80). In den Bewertungen der eigenen oder fremden Person kommt auch der eigene Selbstwert zum Ausdruck. Zudem kann die Kommunikation kooperativ oder kompetitiv ablaufen (vgl. Holly 2001: 1385).

(4)  (affektiv) Sympathie vs. Antipathie:

die „kommunikative Gefühlslage“ der Beteiligten (ebd.).

Je nach Konstellation der Faktoren, wird das Verhalten im Beziehungsmanagement angepasst. Die Anpassung erfolgt außerdem im Hinblick auf die gewünschte Beziehung bzw. Beziehungsänderung. Dies setzt voraus, dass Beziehungen aktiv gestaltet werden können.

Beziehungsgestaltung

Adamzik unterstellt den Interaktionsteilnehmern, dass sie in der Kommunikation aktiv und bewusst Beziehungen gestalten und reflektieren. Sie weist zwar darauf hin, dass die Beziehungsrelevanz des eigenen und fremden Handelns dem Akteur nicht immer vollkommen bewusst sein muss (sondern in unterschiedlicher Graduierung auftritt), dass von ihr aber die Bewusstheit und Kohärenz des Handelns für ihren methodischen Zugriff vorausgesetzt werden (vgl. Adamzik 1994: 362; 1984: 143). So kann Beziehungsgestaltung ein intentionaler Akt seitens des Sprechers sein, oder aber ein Resultat des hörerseitigen Interpretierens; die Auswirkungen des Handelns können den Partnern bewusst sein und kalkuliert eingesetzt werden, oder aber unbeabsichtigt sein (vgl. Adamzik 1984: 143). Je nach sozialer Situation, spielt die Beziehungskomponente eine Rolle in der Kommunikation: In Situationen, in denen es um die Aushandlung von sachlichen Inhalten geht, sind die Arten der Beziehungen der Interaktanten kaum von Interesse; demgegenüber gibt es Situationen, in denen die Beziehung und die Aushandlung von Beziehung zentral ist, wie beispielsweise Streits unter Lebenspartnern (vgl. Adamzik 1984: 344). Obwohl diese grobe Einteilung in sachliche und beziehungszentrierte Interaktion sinnvoll ist, kann der Einschätzung, dass in der sachorientierten Interaktion die Beziehungen zwischen den Akteuren kaum eine Rolle spielt, nicht uneingeschränkt zugestimmt werden. Zahlreiche Arbeiten belegen, dass auch in solchen Interaktionen Routineformeln zur Beziehungssicherung und Höflichkeit, Humor zur Entspannung der Atmosphäre und Annäherung eine zentrale Rolle spielen, um sachliche Auseinandersetzungen wenn auch nicht freundlich, ← 94 | 95 → aber dennoch respektvoll zu führen (vgl. z. B. Coulmas 1981: 96-100; Webber 2002: 245)38.

Adamzik identifiziert drei Intentionen, die der Beziehungsgestaltung zugrunde liegen können: (1) Beziehungssicherung und -erhaltung (wird von Adamzik als „Normal“ bezeichnet), (2) Annäherung und (3) Distanzierung. Tabelle 6 gibt die drei Intentionen wieder und zeigt Kombinationsmöglichkeiten der Intentionen von Person X und Y auf: „Die Unterscheidung der sechs Typen von Ausgangspositionen ergibt sich aus den Beziehungsintentionen der Partner zu bzw. vor Beginn der Begegnung“ (Adamzik 1984: 144). In der rechten Spalte findet sich eine Erläuterung des jeweiligen Konstellationstyps.

Tabelle 6:  Typen von Ausgangskonstellationen nach Adamzik 1984: 146-178.

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← 95 | 96 →

Die Tabelle zeigt idealtypische Verläufe, wobei sich die „dabei entworfenen Schemata […] nicht unmittelbar zur deskriptiven Erfassung authentischer Interaktionen“ (Adamzik 1984: 143) eignen39.

Grundsätzlich kann gesagt werden, dass Gemeinsamkeiten eher Nähe schaffen, also für Annäherungen typisch sind, Kontrastierungen und Abweichungen dagegen eher Distanzierungen provozieren (vgl. Adamzik 1984: 185).

Sprachliche Mittel der Beziehungskommunikation

Mit Adamzik kann man davon ausgehen, dass jede sprachliche Äußerung prinzipiell unter dem Aspekt der Beziehungsgestaltung, ihrer Auswirkung auf die Beziehung zwischen den Interaktanten interpretiert werden kann – und damit eine mögliche Perspektive auf sprachliche Äußerungen darstellt (vgl. Adamzik 1984: 126). Daher verzichtet Adamzik in ihrem sprechakttheoretischen Ansatz auf die „Auflistung einer Reihe ‚beziehungsrelevanter‘ Handlungsmuster und sprachlicher Phänomene“ (ebd.: 180), da sich die Beziehungsrelevanz erst bei der umfassenden Analyse einer Sequenz unter Berücksichtigung aller Faktoren sowie im Stil der gesamten Äußerung zeige (vgl. Adamzik 1994: 371). Bei Holly findet sich trotz dieser Überlegungen eine Zusammenstellung von Ausdrucksformen, die „als besonders beziehungssensitiv gelten können“ (Holly 2001: 1389f.). Seine Liste wird hier in leicht veränderter Reihenfolge wiedergegeben und durch einen weiteren Punkt (Sprechhandlungen) ergänzt. Sprechhandlungen fehlen in Hollys Aufstellung, sind aber ebenfalls wichtige Ausdrucksformen der Beziehungsgestaltung (vgl. z. B. BITTEN gegenüber BEFEHLEN, KRITISIEREN gegenüber TADELN). Die folgende Liste ist allerdings dennoch nicht als erschöpfend anzusehen:

(1)  Formen der personalen Referenz und Anrede,

(2)  Ausdrücke von Gefühlen,

(3)  Routineformeln und Ritualia,

(4)  Ausdrucksformen von Beiläufigkeit,

(5)  Formen von Höflichkeit,

(6)  hintergründige Satzinhalte,

(7)  Ausdrücke von Bewertungen (vgl. Holly 2001: 1389f.),

(8)  Sprechhandlungen.

Auf die einzelnen beziehungssensitiven Ausdrucksformen wird im Folgenden genauer eingegangen, wobei hierfür weitere Literatur herangezogen wird. ← 96 | 97 →

Beziehungen können dadurch gestaltet werden, dass man (1) sein Gegenüber in einer bestimmten Art und Weise benennt und anspricht. Der Grad der Nähe oder Distanz kann beispielsweise im Nennen von Titeln oder Funktionen seinen Ausdruck finden, im Darlegen des persönlichen Verwandtschaftsverhältnisses oder im Nennen beim Vornamen (vgl. Holly 2001: 1389). Webber geht davon aus, dass das direkte Ansprechen einer Person mit dessen Namen Solidarität signalisiert und damit distanzverringernd wirkt, gleichzeitig auch die Diskussionsatmosphäre verbessern kann (vgl. Webber 2002: 246).

Auch stehen (2) sprachliche Formen, mit denen Gefühle verbalisiert, beschrieben oder ausgedrückt werden, zur Verfügung. Durch sie kann die Beziehung bzw. die intendierte Beziehung charakterisiert und gestaltet werden (vgl. Holly 2001: 1389).

Holly weist darauf hin, dass mittels Gefühlsausdrücken nicht nur Gefühle verbalisiert und beschrieben, sondern auch Einstellungen deutlich gemacht werden können (vgl. ebd.). Fiehler geht davon aus, dass „jede Emotion als bewertende Stellungnahme“ (Fiehler 2001: 1428, vgl. ebd.: 1429), also als Bewertung, betrachtet werden kann und dass diese Bewertungen neben dem Austausch über Sachverhalte für Gespräche konstitutiv sind. Die Funktion einer Emotion ist also die positive oder negative Bewertung von etwas. Schematisch kann eine Bewertung durch Emotionsäußerung oder Emotionsausdruck folgendermaßen dargestellt werden: „Emotion A ist eine bewertende Stellungnahme zu X auf der Grundlage von Y als Z.“ (Fiehler 2001: 1428; Herv. im Orig.). Die folgende Abbildung (Abb. 8) gibt an, wie die Stellen X, Y und Z gefüllt werden können:

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Abbildung 8: Belegungsmöglichkeiten von X, Y und Z im Schema Emotion A ist eine bewertende Stellungnahme zu X auf der Grundlage von Y als Z; Fiehler 2001: 1428f.

Der Fokus in diesem Abschnitt liegt auf Gefühlen und deren Äußerung; die in Äußerungen ausgedrückten Bewertungen, die auf Einstellungen beruhen, werden in Abschnitt 7 als gesonderte Kategorie betrachtet. ← 97 | 98 →

Die Kommunikation von Emotionen stellt unterschiedliche Anforderungen an die Interaktionspartner: Diese müssen Emotionen sicht- und hörbar zeigen, Emotionen deuten, interpretieren und gemeinsam verarbeiten (vgl. Fiehler 2001: 1429). Emotionen können sich auf zwei Weisen manifestieren, zum einen durch Emotionsausdruck, zum anderen durch das Thematisieren einer Emotion (vgl. ebd., auch ebd.: 1430). Emotionsausdruck umfasst

alle Verhaltensweisen (und physiologischen Reaktionen) im Rahmen einer Interaktion, die im Bewußtsein, daß sie mit Emotionen zusammenhängen, in interaktionsrelevanter Weise manifestiert werden und/oder die vom Interaktionspartner wahrgenommen und entsprechend gedeutet werden. Emotionsausdruck wird auf diese Weise von vornherein in seiner kommunikativen Funktion im Rahmen von Interaktion erfaßt. (Fiehler 2001: 1430)

Beim Emotionsausdruck zeigt sich das Gefühl also in dem Wie der Kommunikation zu einem Sachverhalt (vgl. ebd.).

Auf der anderen Seite können Emotionen auch explizit thematisiert, besprochen und damit zum Thema einer Interaktionssequenz gemacht werden. Dies ist erstens durch Gefühlsbenennungen möglich. Hierfür gibt es gesellschaftlich etablierte Bezeichnungen für Emotionen, wie beispielsweise Angst oder Freude, wobei es nicht möglich ist, ein Inventar an Gefühlsausdrücken zu erstellen40 (vgl. ebd.: 1431). Zweitens können Emotionen in dem Versuch beschrieben werden, dem Gegenüber die eigene Gefühlswelt zu vermitteln. Dazu dienen vor allem Metaphern und Ausdrücke des Erlebens (vgl. ebd.). Drittens kann von Ereignissen berichtet oder diese beschrieben werden, die für den Sprecher mit einer bestimmten Emotion verbunden sind: „[S]o kann auf diese Weise das mit diesen Ereignissen verbundene Erleben zum Thema der Interaktion gemacht werden“ (ebd.: 1432). Viertens kann von Ereignissen berichtet und von diesen erzählt werden, um die Situation noch einmal zu erleben mit dem

Ziel […], daß der Hörer sich die betreffende Situation vergegenwärtigt und durch Rückgriff auf die für diesen Situationstyp geltenden Emotionsregeln erschließt, wie sich der andere gefühlt hat, als er das entsprechende Erlebnis hatte (ebd.).

Auch im Gesprächsverhalten kann Emotion zum Ausdruck kommen, beispielsweise in den „Strategien der Gesprächsführung (z. B. demonstrative Verweigerung, schonungslose Offenheit)“, „in der Gesprächsorganisation (z. B. einander nicht ausreden lassen) oder in der Gesprächsmodalität (z. B. engagiert, locker, ironisch)“ (Fiehler 2001: 1433). ← 98 | 99 →

Gefühle äußern sich außerdem nonverbal in der Körperhaltung und in der Mimik, z. B. im Erröten oder Zittern (vgl. ebd.)41.

All diese Manifestationsmöglichkeiten dienen bei der Deutung von Emotionen als Indikatoren. Deutung ist dabei situations- und personenabhängig und bezieht die Interpretation der Emotionsthematisierungen mit ein (vgl. ebd.).

Für das reibungslose Funktionieren von Gesprächen und die Vermeidung von Beziehungskonflikten haben sich (3) Rituale und Routinen der Beziehungskommunikation entwickelt, zum Beispiel die nur im Vorbeigehen geäußerten Fragen und Wünsche „Wie geht es dir? Schönes Wochenende!“ (vgl. Holly 2001: 1386; vgl. auch Werlen 2001). Nach Adamzik sichern Ritualia Beziehungen und ermöglichen einen ersten Kontakt, indem Sprecher durch sie die „Anerkenntnis der in einer Gesellschaft gültigen Umgangsformen“ (Adamzik 1984: 185) und damit der Werte signalisieren. Diese Werte sind in Routineformeln verbalisiert (vgl. ebd.). Zudem ist Beziehungskommunikation „potentiell oberflächlich“ (Holly 2001: 1386; Herv. im Orig.), d. h. man kann jemandem „Guten Tag“ sagen, ohne diesem einen guten Tag wirklich zu wünschen; daneben hat dieser Gruß kaum Auswirkungen auf die Beziehung zwischen den Interaktionspartnern, wirkt also nicht beziehungsverändernd.

Routineformeln erfüllen verschiedene Funktionen. Sie signalisieren Höflichkeit, die konventionell in bestimmten Situationen zur face-Wahrung notwendig ist, bspw. „dürfte ich, könnten Sie“ (Coulmas 1981: 99; Herv. im Orig.), organisieren und steuern ein Gespräch durch ihre „text-deiktische Funktion“ (Coulmas 1981: 102), ermöglichen Bewertungen eines Redebeitrags (vgl. ebd. und 119f.) und haben eine „metakommunikative oder metasprachliche Funktion“ (vgl. ebd.: 104; Herv. im Orig.). Routineformeln stellen eine minimale, ritualisierte Form der höflichen Kommunikation dar (zur Höflichkeit vgl. Punkt (5)).

Die Sequenzierung der sprachlichen Routinen wurde bereits in Kapitel 2.4.1 erläutert; festgehalten sei hier lediglich die Unterscheidung zwischen bestätigenden und korrektiven Sequenzen, also beziehungssichernden und -wiederherstellenden Ritualen (vgl. Holly 1979, 2001).

Routineformeln werden zum Teil (4) beiläufig geäußert und dienen dennoch der Beziehungskonstitution. Weitere sprachliche Mittel, die ebenso unauffällig sind, sind paraverbale Mittel, Partikeln, Gliederungssignale, Gesprächswörter, Heckenausdrücke und Modalitätsmittel (vgl. Holly 2001: 1389). In ihnen kommt ← 99 | 100 → Beziehung zum Ausdruck, z. B. können Heckenausdrücke und Abtönungspartikeln Zurückhaltung dem anderen gegenüber signalisieren.

(5) Höflichkeit: Höfliches Verhalten ist an zwei Aspekte des face gerichtet. Das positive face zu schützen bedeutet, das, was von dem Akteur gewollt wird, auch für sich selbst als erstrebenswert und erwünscht zu charakterisieren. Das negative face wird gewahrt, wenn es dem Akteur erlaubt ist, ungehindert das zu tun, was er möchte (vgl. Brown/Levinson 2011: 62). Dementsprechend ist positive Höflichkeit an das positive face gerichtet und bestätigt dieses, beispielsweise „by treating him as a member of an in-group, a friend, a person whose wants and personality traits are known and liked” (Brown/Levinson 2011: 70). Negative Höflichkeit dagegen betont den Respekt gegenüber den Wünschen des Anderen und vermeidet Grenzüberschreitungen:

Hence negative politeness is characterized by self-effacement, formality and restraint, with attention to very restricted aspects of H’s self-image, centring on his want to be unimpeded. Face-threatening acts are redressed with apologies for interfering or transgressing, with linguistic and non-linguistic deference, with hedges on the illocutionary force of the act, with impersonalizing mechanisms (such as passives) that distance S and H from the act, and with other softening mechanisms that give the addressee an ‘out’, a face-saving line of escape, permitting him to feel that his response is not coerced. (Brown/Levinson 2011: 70).

Höflichkeit kann durch ritualisierte Formeln signalisiert werden (vgl. Punkt 3), ist aber auch in anderen Verhaltensweisen sichtbar. Sprachliche – nicht ritualisierte – Formen, die Höflichkeit signalisieren und damit eine face-Bedrohung abschwächen, sind „Formen der Entpersonalisierung, Deagentivierung“ (Holly 2001: 1389) und Passivkonstruktionen.

(6) Hintergründige Satzinhalte: Eine weitere Kategorie bilden die Polenz‘schen „hintergründigen Satzinhalte“, wie Mitbedeutetes, Mitgemeintes und Mitzuverstehendes, die durch konventionelle und konversationelle Implikaturen erschließbar sind. Hintergründige Satzinhalte sind relevant für die Analyse von Ironie, Hyperbeln und Metaphern sowie Konnotationen und markierten Ausdrücken (vgl. Holly 2001: 1389f.).

Zur Untersuchung der hintergründigen Bedeutungen fächert Polenz das Geäußerte in die Kategorien Bedeutetes, Gemeintes, Mitbedeutetes, Mitgemeintes und Mitzuverstehendes auf. Das Bedeutete referiert hier auf die „EIGENSCHAFT abstrakter Dinge (Wörter, Sätze, Zeichen)“ (Polenz 2008: 298; Herv. im Orig.), also die Relation von Zeicheninhalt und Zeichenausdruck als lexikalische Bedeutung (vgl. ebd.: 299). Das Gemeinte dagegen bezieht sich auf die „semantische[…] HANDLUNG eines Sprechers/Verfassers“ (ebd.: 298f.; Herv. im Orig.), also das, was in der konkreten Situation mit einem Ausdruck aktuell gemeint ist. Bedeutetes und Gemeintes sind daher strikt voneinander zu trennen (vgl. ebd.: 299). Zum ← 100 | 101 → Verstehen einer Äußerung sind auf Seiten des Hörers „einerseits ANWENDEN von Sprachwissen (WIEDERERKENNEN von Ausdrucksformen und Bedeutungen) und andererseits ANNAHMEN MACHEN über das, was der Sprecher/Verfasser mit seinen Äußerungen gemeint hat oder haben könnte“ (ebd.: 299f.; Herv. im Orig.) nötig. Hierzu bedarf es nicht nur Sprachwissens, sondern auch Wissens über den Sprecher und dessen Eigenschaften, Situationswissens, Weltwissens und Wissens über kommunikativ-soziale Regeln (vgl. ebd.: 300).

Zusätzlich zum Bedeuteten und Gemeinten muss man Mitbedeutetes und Mitgemeintes in die Betrachtung einbeziehen. Hierbei geht es um Satzinhalte, die nicht offensichtlich geäußert sind, „aber zu ihm hinzugedacht werden müssen“ (ebd.: 302). Das Mitbedeutete ergänzt das Bedeutete (und ist in der Regel auch gemeint und mitgemeint) und kann durch Anwenden des Sprachwissens mitverstanden werden, wie bspw. Konnotationen und bei Ellipsen konventionell Ergänzbares (vgl. ebd.):

Darüber hinaus gibt es aber auch anderes Mitgemeintes, das nicht zugleich Mitbedeutetes ist, nämlich diejenigen Satzinhalts-Teile, die man über die Bedeutungen und Mitbedeutungen des Geäußerten hinaus zusätzlich MITMEINT und von denen man erwartet, dass Hörer/Leser sie über das Sprachwissen hinaus MITVERSTEHEN können, und zwar durch ANNAHMEN aufgrund ihrer Kenntnis und Einschätzung von Kommunikationsprinzipien, Kontext, Person des Sprechers/Verfassers, Situation und Welt. (Polenz 2008: 302; Herv. im Orig.)

Mitverstanden werden müssen bei der Äußerungsrezeption das Mitbedeutete, das Mitgemeinte sowie Annahmen, die sich durch den Handlungskontext oder eigener Erwartungen ergeben (vgl. ebd.: 303).

Bestimmte Inhalte sind aus dem Sprachwissen mitzuverstehen; diese werden von Polenz als semantische Präsuppositionen bezeichnet. Dabei handelt es sich um „eine nichtgeäußerte, aber mitgemeinte Nebenprädikation, deren Wahr-Sein nicht BEHAUPTET wird, sondern mit dem Äußern der Haupt-Aussage als selbstverständlich nur VORAUSGESETZT ist (oder wird)“ (Polenz 2008: 308; Herv. im Orig.). Präsuppositionen bleiben also implizit und sind nur kritisierbar, wenn sie konkret formuliert werden (vgl. ebd.). Durch das Negationskriterium können Präsuppositionen von anderem Mitzuverstehendem abgegrenzt werden: Das als wahr Vorausgesetzte bleibt auch bei Negierung der Aussage wahr. Ein Beispiel von Bußmann (2008: 545) sei hier zur Verdeutlichung herangezogen:

(a)  Der gegenwärtige König von Frankreich ist kahlköpfig. Präsupposition: Es gibt gegenwärtig einen König von Frankreich.

(b)  Der gegenwärtige König von Frankreich ist nicht kahlköpfig. Die Präsupposition bleibt bestehen: Es gibt gegenwärtig einen König von Frankreich. ← 101 | 102 →

Andere Implikationen ergeben sich aus dem Sprachwissen; sie unterscheiden sich von den Präsuppositionen, da sich ihr Sinn durch die Negation ändert. Solches Mitbedeutetes sind bspw. Passiv-Konstruktionen (wenn x von y gesehen wird, impliziert das in der Aktiv-Form, dass y x sieht) oder lexikalisch-semantische Relationen (bspw. impliziert der Terminus „Politologe“ das Hyperonym „Wissenschaftler“) (vgl. ebd.: 309).

Zusätzlich zu den semantischen gibt es pragmatische Präsuppositionen, die sich aus dem Handlungskontext ableiten. Polenz legt seinen Überlegungen die Grice’schen Konversationsmaximen zugrunde und zeigt, welche stillen Folgerungen, also Implikaturen, sich aus der Verletzung der Maximen in Bezug auf Mitzuverstehendes ziehen lassen (vgl. Polenz 2008: 310). Die von Grice für kooperative Gespräche entwickelten Maximen der Quantität, Qualität, Modalität und Relevanz ergänzt Polenz um partnerbezogene Maximen42. Diese lauten nach Polenz (2008: 311) wie folgt:

  Mache es deinem Partner möglich, dein Gemeintes so genau wie möglich und ohne Zeitdruck zu verstehen!

  Laß deinen Partner ausreden!

  Gib ihm alle Redechancen, die du dir selbst leistest/gönnst/die jedem zustehen!

  Versuche ihn so genau wie möglich zu verstehen (notfalls mit Rückfragen), ehe du reagierst!

  Nimm Rücksicht auf die soziale Selbsteinschätzung deines Partners! (Unversehrtheit des Partner-Image)

Werden die Maximen nicht befolgt, lassen sich Rückschlüsse auf Mitzuverstehendes ziehen. Solche Verletzungen gelten als konversationale Implikaturen (vgl. ebd.: 312). Im Folgenden wird gezeigt, welche stillen Folgerungen aus der Nichtbefolgung der Maximen gezogen werden können.

(a)  Mitzuverstehendes nach Quantitätsprinzipien: Die Grice’schen Quantitätsprinzipien lauten „Mache deinen Beitrag so informativ wie (für die gegebenen Gesprächszwecke) nötig.“, „Mache deinen Beitrag nicht informativer als nötig.“ (Grice 1979: 249). Verletzt jemand beide Maximen, indem er bereits Bekanntes äußert und mehr spricht, als es in der Situation nötig wäre, ziehen wir stille Folgerungen, die den Charakter der Person betreffen. Wir können beispielsweise folgern, dass der Sprecher arrogant ist, uns einschüchtern oder sich anbiedern möchte. Spricht jemand umgekehrt nicht viel, kön ← 102 | 103 → nen wir darauf schließen, dass er Distanz wahren oder etwas verschweigen möchte (vgl. Polenz 2008: 313).

(b)  Mitzuverstehendes nach Qualitätsprinzipien: Die zugrunde gelegten Maximen lauten „Versuche deinen Beitrag wahrheitsgemäß zu machen!, „Sage nichts, was du für falsch hältst.“, „Sage nichts, wofür die angemessene Gründe fehlen.“ (Grice 1979: 249). Ein Beispiel für den Verstoß gegen die zweite Maxime ist die Ironie, also uneigentliches Sprechen im rhetorischen Sinn (vgl. Polenz 2008: 314): Ironie heißt, „das Gegenteil von dem meinen, was die benutzten Ausdrücke eigentlich bedeuten“ (ebd.: 315). Wird erkannt, dass jemand ironisch spricht, also Unwahres äußert, werden „STILLE FOLGERUNGEN in Hinblick auf hintergründig Mitzuverstehendes“ (ebd.: 314) gezogen. Je besser man den Sprecher kennt, desto leichter fällt es, Ironiesignale zu erkennen und daraus stille Folgerungen auf das angedeutete Mitgemeinte zu ziehen (vgl. ebd.: 315)43.

Ähnlich verhält es sich mit Hyperbeln, bei denen im Unterschied zur Ironie „von der Wahrheit nach einer anderen Richtung hin abgewichen [wird]: nicht ins Gegenteil, sondern in ein Zu-Viel, das ebenfalls auf den ersten Blick UNWAHR wirkt“ (Polenz 2008: 316; Herv. im Orig.). Auch hier werden stille Folgerungen in Hinblick auf das indirekt angedeutete Mitzuverstehende gezogen.

(c)  Mitzuverstehendes nach dem Relevanzprinzip: Die Maxime der Relation lautet hier „Sei relevant“ (Grice 1979: 249). Abhängig von der Text- bzw. Gesprächssorte – vor allem dann, wenn es sich um sachorientierte, sorgfältig formulierte und themenfokussierte handelt – sollte man sich die folgenden Fragen stellen: „Ist dies hier wesentlich? Was soll das in diesem Zusammenhang? Was hat dies mit dem Thema zu tun?“ (Polenz 2008: 318). Die Klärung dieser Fragen kann Aufschluss über potenziell Mitzuverstehendes geben.

(d)  Mitzuverstehendes nach Ausdrucksprinzipien: Grices Maximen lauten „Vermeide Dunkelheit des Ausdrucks.“, „Vermeide Mehrdeutigkeit.“, „Sei kurz (vermeide unnötige Weitschweifigkeit).“, „Der Reihe nach!“ (Grice 1979: 250). Gegen die Klarheit des Ausdrucks verstoßen beispielsweise die Verwendung von Fachjargon in der Alltagskommunikation sowie Metaphern oder Metonyme. Verwendet jemand in Alltagsgesprächen Fachsprache, zie ← 103 | 104 → hen Interaktionspartner stille Folgerungen, die positiv (z. B. die Folgerung, dass jemand gebildet ist) oder negativ (z. B. die Folgerung, dass jemand angibt) ausfallen können (vgl. Polenz 2008: 320)44. Unklar und verhüllend sind außerdem Metaphern oder die metaphorische Verwendung von Ausdrücken:

Gelungene Metaphern, die mehr als nur Ausdruck des Gemeinten mit anderen Worten sein sollen, enthalten auch hintergründig Gemeintes, das vor allem dadurch wirksam wird, daß man sie mit einer gewissen Verwunderung oder Überraschung als uneigentlichen Ausdruck erfaßt und wegen dieser leichten Fremdheit über das Mitgemeinte nachdenkt. (Polenz 2008: 321)

Vor allem dann, wenn die „semantische Spannung“ (ebd.) zwischen dem eigentlichen Wortinhalt und dem übertragenen Gemeinten sehr hoch ist, entsteht der Überraschungseffekt. Dieser löst dann stille Folgerungen in Bezug auf das Mitzuverstehende aus (vgl. ebd.).

Andere Beispiele für verhüllenden Ausdruck, die Anlass zu stillen Folgerungen auf Mitzuverstehendes geben, sind Periphrasen, Euphemismen und Metonymien, da sie das Deutlichkeitsgebot verletzen (vgl. Polenz 2008: 436f. und 325; zu weiteren Beispielen für verhüllende Ausdrucksformen (Tropen) s. ebd.: 324-325.).

Des Weiteren wird durch (7) Bewertungsausdrücke direkt oder indirekt angezeigt, in welcher Relation man zu seinem Gegenüber oder zu sich selbst steht, wie man den anderen oder sich selbst bewertet (vgl. Holly 2001: 1389). Bewertungen finden sich nach Adamzik „häufig in Äußerungen […], deren kommunikative Funktion nicht als das Abgeben einer BEWERTUNG zu kennzeichnen ist“ (Adamzik 1984: 241; Herv. im Orig.), also beispielsweise in „FESTSTELLUNGEN, AUFFORDERUNGEN oder FRAGEN“ (ebd.; Herv. im Orig.). Die Bewertung ist dabei nicht das Ziel der Äußerung, sondern ein zusätzliches Element. In ihnen kommen persönliche Einstellungen zum Ausdruck, sie geben Informationen über den Sprecher preis (vgl. Adamzik 1984: 241, 254). Bewertungsausdrücke sind von Emotionsausdrücken abzugrenzen, weil in ihnen nicht nur Gefühle Grundlage der Bewertung sind, sondern auch persönliche Einstellungen, Werte u. Ä.

BEWERTUNGEN werden vor allem auf lexikalischer Ebene sichtbar und sind zumeist in Konnotationen verankert (vgl. ebd.: 243). Eine typische Äußerungsform sind Adjektive, die „eine positive oder negative Wertung ausdrücken“ (ebd.: 249), wie beispielsweise schön oder schlecht. Auch Substantive können konnotativ ← 104 | 105 → Wertungen anzeigen, wie beispielsweise Trottel (vgl. ebd.). Die in den Substantiven ausgedrückte Wertung kann durch die Hinzufügung und explizite Betonung bestimmter Artikel positiv oder negativ intensiviert werden („Das ist DER Trottel“; Adamzik 1984: 250), oder die Wertung überhaupt hervorrufen („Das ist DIE Idee“; Adamzik 1984: 250). Eine letzte Gruppe bilden Verben, die in drei Kategorien eingeteilt werden können: (a) Verben, die der Bezeichnung einer „Leistung oder Nutzen eines Objekts“ (ebd.: 250f.) dienen: versagen, nutzen, schaden (ebd.) und „Verben mit positiver oder negativer Konnotation“ (ebd.: 251), wie beispielsweise das Verb spinnen als Ausdruck für den geistigen Zustand oder die Ideen einer Person; (b) Verben, die „positive oder negative Eindrücke“ (ebd.) bezeichnen: begeistern, faszinieren, anwidern (ebd.); (c) Einstellungsverben, in denen die jeweilige Bewertung direkt angezeigt wird (achten, verabscheuen), oder zusätzlich Wertadjektive benötigen (halten für x, x finden) (vgl. ebd.); durch sie wird deutlich ausgedrückt, dass es sich um subjektive Einstellungen handelt (vgl. ebd.).

BEWERTUNGEN beziehen sich nach Adamzik auf drei mögliche Einheiten: (a) die eigene Person (= SELBSTBEWERTUNGEN), (b) eine andere Person und damit in Verbindung stehende Sachverhalte (= PARTNERBEWERTUNGEN) sowie (c) auf Elemente, die unabhängig von den Akteuren bestehen (= EXTRADYADISCHE BEWERTUNGEN) (vgl. hierzu auch Fiehler 2001: 1429; vgl. auch Punkt (2) der beziehungssensitiven Ausdrucksformen). Es muss hierbei beachtet werden, dass bei Selbst- und Partnerbewertungen, die sich an den jeweiligen in einer Gesellschaft oder Gruppe geltenden Normen und Werte orientieren, „auch Aussagen über Fähigkeiten, Macht, Wissen, Besitz, Leistungen u.ä. berücksichtigt“ (Adamzik 1984: 263) werden.

(a) SELBSTBEWERTUNGEN

POSITIVE SELBSTBEWERTUNGEN: Bei SELBSTBEWERTUNGEN stehen Interaktanten vor dem Problem, dass in unserer Gesellschaft Selbstlob verpönt ist; es gilt das Bescheidenheitsgebot, das allen positiven Selbstbewertungen zugrunde liegt (vgl. Adamzik 1984: 262). Explizit positive Selbstbewertungen sind dennoch in verschiedenen sozialen Situationen erwünscht oder gefordert, „als Reaktionen auf Imageangriffe und innerhalb von Streitinteraktionen“ (ebd.) sogar nötig zur Verteidigung des eigenen face. Adamzik nennt drei Möglichkeiten der Reaktion auf Imageangriffe: (1) Der Inhalt des Vorwurfs wird als unrichtig zurückgewiesen und negiert, (2) die eigenen positiven Eigenschaften werden aufgezeigt, v. a. um das Negative zu entkräften oder auszugleichen, oder (3) die eigenen negativen und positiven Eigenschaften werden mit denen des oder der anderen Interaktionspartner(s) verglichen und dadurch abgeschwächt/betont (vgl. ebd.). ← 105 | 106 → Positive SELBSTBEWERTUNGEN spielen außerdem in Situationen eine Rolle, in denen Rang und Status der Interaktionsteilnehmer ausgehandelt werden: Hier soll durch „[d]ie sprachliche Zurschaustellung und ‚Beschwörung‘ der eigenen Fähigkeit, Macht, Stärke usw.“ (ebd.) beeindruckt und imponiert werden, um den eigenen Rang zu erhalten oder aufzusteigen.

Adamzik untersucht, welche sprachlichen Möglichkeiten Interaktanten nutzen, um positive SELBSTBEWERTUNGEN vor dem Hintergrund des Bescheidenheits- und Höflichkeitsgebots zu äußern. Sprecher können nach ihren Ergebnissen (1) direkt das Bescheidenheitsgebot thematisieren und dabei ihr Eigenlob äußern, (2) ihr Eigenlob deskriptiv formulieren und es so dem Hörer überlassen, das Positive herauszufiltern, (3) auf positive Urteile Anderer oder Auszeichnungen verweisen, (4) das Selbstlob durch einen ironischen Unterton begleiten und dadurch evtl. abschwächen, oder (5) geschickt mittels ‚fishing for compliments‘ Lob einheimsen (vgl. Adamzik 1984: 263-265).

Adamzik betont, dass nicht direkt ausgemacht werden kann, welche Auswirkungen positive SELBSTBEWERTUNGEN auf die Beziehung zwischen Interaktanten haben und inwiefern sie diese beeinflussen (vgl. ebd.: 263).

NEGATIVE SELBSTBEWERTUNGEN: Bei den negativen SELBSTBEWERTUNGEN wird Bescheidenheit strategisch eingesetzt, indem bewusst ‚tief gestapelt‘ wird. Understatements dienen hier dazu, sich durch Bescheidenheit positiv hervorzutun (vgl. Adamzik 1984: 266). Weitere Strategien der negativen Selbstbewertung sind nach Adamzik die Folgenden: Selbstkritik dient der Vorwegnahme von Kritik durch Andere, als Entschuldigung, Bitte um Trost (zum Trösten und Ermuntern muss der Angesprochene nach positiven Eigenschaften suchen und diese benennen, bewertet also den Selbstkritiker selbst positiv) sowie – in ähnlicher Funktion – Aufforderung zu positiven Partnerbewertungen (vgl. ebd.: 266-268).

(b) PARTNERBEWERTUNGEN

Die Auswirkungen der positiven PARTNERBEWERTUNGEN auf die Beziehungskonstitution sind dann zumeist eindeutig:

Die positiven PARTNERBEWERTUNGEN […] scheinen das einfachste und offenste Verfahren zu sein, eine positive Einstellung zum Gegenüber auszudrücken und das Interesse an einer einvernehmlichen Beziehung zu signalisieren (Adamzik 1984: 268; Herv. im Orig.)

Adamzik unterscheidet bei den Partnerbewertungen weiter zwischen OBJEKTBEWERTUNGEN und „BEWERTUNG des Partners als (Gesamt-)Person“ (Adamzik 1984: 268; Herv. L. R.). Ersteres umfasst „Eigenschaften, Besitztümer, Handlungen usw.“ (ebd.), die der Person zugeordnet werden können. ← 106 | 107 →

Positive OBJEKTBEWERTUNGEN wirken sich zumeist genauso positiv auf eine Beziehung aus wie positive Partnerbewertungen (vgl. ebd.). Beziehungssichernd wirken KOMPLIMENTE als Form der ritualisierten, positiven OBJEKTBEWERTUNGEN, da sie dem Gesprächspartner (wenn auch oberflächlich und teilweise lediglich unverbindlich) eine freundliche Grundstimmung und Wertschätzung signalisieren (vgl. ebd.: 269f., 272)45. Sind die OBJEKTBEWERTUNGEN nicht rituell, müssen sie aufgrund der Verbindlichkeit der Wertung ehrlich gemeint sein (vgl. Adamzik 1984: 272). OBJEKTBEWERTUNGEN werden vor allem bei Personen vorgenommen, die einander nicht besonders vertraut oder bekannt sind (vgl. ebd.: 279).

Demgegenüber stellen BEWERTUNGEN der Gesamtperson in Form von Wertschätzungsausdruck eine Möglichkeit dar, die Beziehung aktiv positiv zu beeinflussen (vgl. ebd.). Positive oder negative Bewertungen einer Person drücken gleichzeitig positive oder negative Einstellungen der Beziehung gegenüber aus. Diese Form der direkten Personenwertung wird allerdings seltener und eher bei einander nahestehenden Personen verwendet (vgl. Adamzik 1984: 281, 282), aus Gründen, die Adamzik wie folgt zusammenfasst:

Neben der Möglichkeit, daß die betreffende Person die ausgesprochene Wertschätzung überinterpretiert, mag ein Grund, der gegen offene PARTNERBEWERTUNGEN spricht, darin liegen, daß der Sprecher entweder meint, durch zu großes Entgegenkommen ‚sein Gesicht zu verlieren‘, oder befürchtet, dem anderen, dem mit einer solchen Äußerung eine engere Beziehung aufgezwungen werden könnte, ‚zu nahe zu treten‘. Dieser wäre nämlich gedrängt, die positive Wertschätzung zu erwidern, will er nicht […] durch Verweigerung einer Stellungnahme oder den direkten Ausdruck seiner anders gelagerten Einstellung eine starke Beziehungsverschlechterung riskieren. (Adamzik 1984: 280)

Negative PARTNERBEWERTUNGEN sind potenziell gesichtsbedrohend für alle an der Interaktion Beteiligten. Sie attackieren einerseits das face des Angesprochenen, beeinflussen andererseits aber auch das face des Bewertenden negativ – je nachdem, in welcher Form der Angriff vollzogen wird (bspw. in Form einer Beleidigung, Beschimpfung, Pöbelei etc.). Negative OBJEKTBEWERTUNGEN kommen jedoch nach Adamzik selten vor (vgl. Adamzik 1984: 287). Demgegenüber stellt die Sachkritik eine wichtige Form der negativen PARTNERBEWERTUNG dar; diese hat zum Ziel, das als negativ bewertete Verhalten oder die Eigenschaften des ← 107 | 108 → Anderen zu beeinflussen (vgl. ebd.). Da direkte Sach- oder Partnerkritik stark beziehungsverschlechternd wirken kann, wird oft auf indirekte Wertungen zurückgegriffen, um die Beziehung – trotz aller Kritik – stabil zu halten (vgl. ebd.: 288). Ist dagegen die Beziehungserhaltung kein erklärtes Ziel, kann die Partnerkritik gezielt dazu eingesetzt werden, Ablehnung bzw. Dissens zu signalisieren und dadurch Distanz zu schaffen (vgl. ebd.: 289). Sprachliche Phänomene, die in solchen Situationen auftauchen, sind Beschimpfungen, kränkende Aussprüche und Ausrufe, die spontan und emotional, quasi explosiv und unüberlegt, geäußert werden (vgl. ebd.: 290). Ihnen ist gemeinsam, dass sie die negative Bewertung des Kommunikationspartners signalisieren46.

(c) EXTRADYADISCHE BEWERTUNGEN sind BEWERTUNGEN, die sich auf extradyadische Sachverhalte, Objekte u. Ä. beziehen. Diese können im Tagungs- und Diskussionskontext beispielsweise der Raum und die technische Ausstattung, die Verpflegung, Wissenschaft und Forschung im Allgemeinen betreffen. Diese sind etwas unabhängig von den Interaktanten Bestehendes und liegen außerhalb der individuellen Einflussmöglichkeit. EXTRADYADISCHE BEWERTUNGEN tragen u. a. insofern zur Beziehungsgestaltung bei, als sie durch übereinstimmende Bewertungen Nähe schaffen und bei Divergenzen soziale Distanz aufbauen können (vgl. Adamzik 1984: 254). Werden extradyadische Sachverhalte oder Objekte bewertet und kommentiert, kann dies unverbindlich oder aber emotional-persönlich geschehen. Sprachliche Formen in moderaten, unverbindlichen Bewertungen sind beispielsweise deskriptive Formulierungen (auch deskriptive Adjektive), Sachlichkeit und die Verwendung von Partikeln zur Abschwächung (vgl. ebd.: 255). Interaktionspartner bleiben durch moderate Formulierungen auf einer gewissen Distanz zueinander, persönliche Einstellungen kommen nicht explizit zum Ausdruck (vgl. ebd.: 256). Im Gegensatz dazu stehen Bewertungen, die stark emotional und persönlich geäußert werden. Beispiele für sprachliche Formen, in denen dies deutlich wird, sind nach Adamzik Extremwörter (fantastisch, Quatsch), Vulgarismen (verflucht, Scheiß), Superlative (das schönste, das mieseste), Ausrufesätze und Flüche sowie die Verwendung von Partikeln, Adjektiven oder Adverbien, um Steigerungen hervorzurufen (enorm, außerordentlich) (vgl. ebd.: 257). Durch die extreme Verbalisierung von Bewertungen können einerseits soziale Distanz vermindert und eine größere Nähe der Interaktionspartner geschaffen, andererseits konträre Positionen und Dissens hervorgehoben werden (vgl. ebd.: 259). ← 108 | 109 → Diese Kontrastierung können Interaktionspartner weiter betonen, indem sie „das Werte- oder Normensystem des Gegenübers“ (ebd.: 260) angreifen.

(8) Sprechhandlungen: Da „potentiell alle möglichen Elemente und Ebenen des sprachlichen Ausdrucks von Relevanz sein“ (Adamzik 1994: 371) können, konzentriert sich Adamzik in ihrer Untersuchung auf Repräsentativa und Bewertungen, „[d]enn in beiden Fällen werden vor allem Aussagen, Einschätzungen und Wertungen geäußert; die Sprecher drücken aus, wie sie die Welt sehen“ (Adamzik 1984: 185). In ihnen kommen daher – ohne dass es erklärtes Ziel der Kommunikation sein muss – die Beziehungsintention und -gestaltung indirekt und implizit zum Ausdruck47 (vgl. ebd.: 184, 345).

Streits sind stark von Emotionen und Beziehungsmanagement geprägt. Gruber untersucht in dem Zusammenhang die „Intensität […] von Sprechhandlungen“ (Gruber 1996: 239; Herv. im Orig.), wobei er Intensivierung definiert als „Modus der Handlungsdurchführung, der bei Sprechhandlungen jeder Intensitätsstufe auftreten kann und deren jeweiligen Intensitätsgrad beeinflußt“ (ebd.: 240; Herv. im Orig.). Sprechhandlungen haben unterschiedliche direkte und indirekte Auswirkungen auf die Beziehung der Interaktanten: „Indirekt wird sie durch die Entwicklung der Standpunkte (divergent vs. konvergent) beeinflußt“ (ebd.). In dem Zuge ist zwischen Fakten- und Personenwertung zu unterscheiden: Faktenwertung (= „Ablehnung des gegnerischen Standpunkts“; ebd.) hat indirekte Auswirkungen auf die Beziehung und ist von den angesetzten expliziten oder impliziten Bewertungsnormen abhängig:

D.h., daß eine negative Faktenbewertung, in der ein objektiv und intersubjektiv nachvollziehbarer Bewertungsmaßstab zur Anwendung kommt, weniger beziehungsgefährdend ist, als eine negative Tatsachenbewertung (sic!) in der ein subjektiver, nur für den Bewertenden nachvollziehbarer, Maßstab zur Anwendung kommt. (Gruber 1996: 240)

Direkte und – je nach gewählter Lexik – mehr oder weniger intensive Auswirkungen auf die Beziehung haben dagegen Personenwertungen (vgl. ebd.). Die nachfolgenden Sprechhandlungen wirken sich negativ auf die Beziehung zwischen den Dissensteilnehmern aus, wobei der Grad der Intensität dabei stetig zunimmt:

(1) Behauptung, Darstellung des Konfliktanlasses → (2) Darstellung des eigenen Standpunkts → (3) indirekter Widerspruch, indirekte Zurückweisung eines Vorwurfs → (4) direkter Widerspruch, direkte Zurückweisung eines Vorwurfs → (5) indirekter Vor ← 109 | 110 → wurf → (6) direkter Vorwurf, Gegenvorwurf → (7) direkte Personenwertung → (8) Appell → (9) metakommunikative Aufforderung → (10) Imperativ (Gruber 1996: 241)

Bei den Sprechhandlungen (1)-(4) kommt es zu Faktenwertungen, aber nicht zu Personenwertungen; Sprechhandlung (7) löst am intensivsten Verschlechterungen von Beziehungen aus; die Sprechhandlungen (8)-(10) sind am stärksten beziehungsbeeinflussend,

da sie direkt in den Handlungsspielraum des Adressaten eingreifen. Besonders lenkende metakommunikative Handlungen verschlechtern die Beziehung signifikant, da damit einem Kontrahenten die Nichtbeachtung der grundlegenden Gesprächsregeln (zu Recht oder zu Unrecht) unterstellt wird (ebd.: 241).

Alle Sprechhandlungen können durch Modalität intensiviert werden. Hierfür stehen lexikalische Mittel, wie die Verwendung von Gradpartikeln oder Adjektiven, zur Verfügung, paraverbal kann die Modalität beispielsweise durch Lautstärkesteigerung und nonverbal durch Gesten sowie Körperhaltung signalisiert werden (vgl. Gruber 1996: 242).

Dagegen sind die folgenden Möglichkeiten der Intensivierung an wertende oder lenkende Sprechhandlungen gebunden, sind also sprechhandlungsspezifisch:

  Insistieren: (nahezu wortwörtliches) Wiederholen einer Sprechhandlung, bis der ‚Gegner‘ darauf reagiert; kann bis zum Steckenbleiben der Dissenssequenzen führen (vgl. ebd.: 242f.);

  Performative: Hier wird der Sprechhandlungstyp benannt, was zur „Äußerungsintensivierung“ (ebd.: 243) führt;

  „Verwendung von Widerspruchsmarkern und minimalen Umformulierungen“ (ebd.) zur Verstärkung der Intensität.

Beziehungsverbessernde bzw. ‚stabilisierende‘ Sprechhandlungen sind die folgenden (erneut sortiert von ‚am wenigsten beziehungsverbessernd‘ zu ‚am meisten beziehungsverbessernd‘):

(1) inhaltliche Aufforderung → (2) Rechtfertigung → (3) Einlenken → (4) Angebot (ebd.)

Inhaltliche Aufforderungen wirken unter bestimmten Umständen beziehungsverbessernd. Wird die Aufforderung begründet und vorsichtig formuliert, kann der Vortragende oder Diskutant leichter auf beispielsweise eine Bitte eingehen. Es kann zu face-Bedrohungen kommen, allerdings eher in abgeschwächter Form (vgl. ebd.). Dies sieht anders aus, wenn man Rechtfertigungen betrachtet: Hier kommt es zu einer Gesichtsbedrohung des sich Rechtfertigenden, der seinen Verstoß einsehen muss und versucht, diesen durch einen „Normenwechsel“ (ebd.: ← 110 | 111 → 244) zu nivellieren. Stärker beziehungsverbessernd und gleichzeitig auch viel gesichtsbedrohender für den Sprecher wirkt dagegen das Einlenken, da die Gültigkeit der Norm und der eigene Verstoß anerkannt wird (vgl. ebd.).

Wie bereits erwähnt, rückt Adamzik vor allem die Sprechakte und ihre Einleitungsbedingungen sowie Bewertungen in den Blick ihrer Arbeit. Sie zeigt, dass „in den Einleitungsbedingungen eine bestimmte Beziehung oder beziehungsrelevante Sachverhalte als Voraussetzungen für den erfolgreichen Vollzug solcher Sprechakte formuliert werden“ (Adamzik 1994: 372). So können beispielsweise Befehle nur dann erteilt werden, wenn die Interaktionspartner in einer gewissen Rollenasymmetrie und einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Wie oben bereits erläutert, kann der Aspekt der Beziehungsgestaltung nicht in bestimmten Sprechakten lokalisiert werden, sondern Sprechakte erlauben bei der Untersuchung der gesamten Kommunikation Rückschlüsse auf die zugrunde liegende Beziehungsintention – je nachdem, in welcher Form und Art einzelne Sprechakte geäußert werden (vgl. Adamzik 1984: 347). Adamzik kommt zu dem Ergebnis, dass „REPRÄSENTATIVA, in denen explizit auf die Beziehung zwischen den Interaktanten Bezug genommen wird, […] in direkter Interaktion kaum zur Beziehungsgestaltung eingesetzt [werden]“ (vgl. ebd.: 237)48. Eine besondere Rolle spielt in den anderen Repräsentativa die „Gemeinsamkeit bzw. Verschiedenheit der Glaubens-, Wissens- und Denkinhalte“ (ebd.), die bei der Beziehungskonstitution wichtiger sind als die Wahrheit des Gesagten. Statt nur Dinge zu äußern, die die Interaktionspartner für wahr halten, wird nach Gemeinsamkeiten gesucht, um Nähe aufzubauen, oder nach Unterschieden, um auf Distanz gehen zu können. Bei der Formulierung des Inhalts und dem Stil der Äußerung orientieren sich Akteure an den Kommunikationspartnern (vgl. ebd.: 237f.). Durch das Äußern von allgemein Bekanntem (KONSTATIERUNGEN) wird die Beziehung gesichert und es kann sogar eine größere Nähe hergestellt werden (vgl. ebd.: 238). Demgegenüber wird eine größere Distanz zwischen Interaktionsteilnehmern aufgebaut, wenn BEHAUPTUNGEN mit provokativem Charakter geäußert werden, wenn also Streit und Dissens provoziert werden (vgl. ebd.).

Partikeln spielen in konstativen Sprechakten eine besondere Rolle. Adamzik zeigt, inwiefern die Partikeln „doch, eben (halt), ja, also, auch, schon“ (ebd.: 207; Herv. im Orig.) Konsens markieren und Standpunkte anzeigen können. Durch ihre (in Aussagen lediglich unbetonte) Verwendung wird ausgedrückt, dass an ← 111 | 112 → der Aussage nicht gezweifelt oder diese für trivial gehalten wird, dass man sich möglicher Kritik verwehrt (mit eben), Bestätigung und Zustimmung signalisiert (mit ja) oder Schlussfolgerungen anzeigt (mit also) (vgl. ebd.: 209-213).

Schwitalla (1996) zeigt in seiner Untersuchung zur Beziehungsdynamik Probleme auf, die bei der Analyse von Sprechakten unter einer solchen Perspektive entstehen: Erstens verläuft die Kommunikation nicht nach dem einfachen Schema von Äußerung und reagierender Äußerung, die jeweils klar voneinander abgrenzbar sind, sondern die Interaktanten engagieren sich gemeinsam an der Durchführung einer Handlung (vgl. Schwitalla 1996: 287). Zweitens ist die Bedeutung einer Äußerung von deren Interpretation durch den Interaktionspartner abhängig. Hierbei kommt es oft dazu, dass Äußerungen missverstanden oder in einer Weise interpretiert werden, die der Sprecher nicht beabsichtigt hat (vgl. ebd.: 288). Drittens sind Illokutionen in sprachliche Kontexte eingebettet, die ihre Bedeutung mitbestimmen – was in die ursprüngliche Konzeptualisierung des Illokutionsbegriffs nicht mit einbezogen wurde (vgl. ebd.). Viertens lassen sich bestimmte Sprechakte, die sich auf die Beziehung zwischen den Interaktionspartnern auswirken (Schwitalla nennt hier „Frotzeleien, Beleidigungen“; ebd.: 288), nicht anhand bestimmter Regeln interpretieren, wie es bei bekannten Sprechakten möglich ist. Fünftens haben „Äußerungen, die Beziehungs- und Selbstdarstellungsfunktionen tragen, […] nicht immer die Einheitengröße eines Satzes“ (ebd.: 288). Schwierig zu beurteilen sind sechstens die perlokutionären Wirkungen von Selbstdarstellung. Sprechhandlungen und das gesamte Verhalten einer Person werden interpretiert, beurteilt und nach bestimmten Maßstäben bewertet (vgl. ebd.: 288f.). Siebtens gibt zumeist nicht der Sprechakt an sich Auskunft über die Illokution bzw. mögliche Perlokution, sondern die Art der Sprechaktäußerung, ob er also beispielsweise mit einem ironischen Unterton ausgeführt wird oder nicht (vgl. ebd.: 289).

Harras weist zusätzlich auf ein weiteres analytisches und methodisches Problem hin, nämlich „taktisch-verschleiernde Kommunikationsversuche in einem intentionalistischen Konzept unterzubringen“ (Harras 2004: 197). Beispiele hierfür wären ANGEBEN oder EINSCHMEICHELN, die als komplexe Handlungen gelten können, da sie durch Äußerungssequenzen und Sprechakte wie BEHAUPTEN realisiert werden (vgl. ebd.: 198f.). Der Interaktionspartner soll das Behauptete für wahr halten, dadurch eine „positive Einstellung zum Gesagten“ (ebd.: 198) und zum Sprecher gewinnen und diesen bewundern. ← 112 | 113 →

Zusammenfassung: sprachliche Mittel der Beziehungskommunikation

Zusammenfassend kann man sagen, dass auf die jeweiligen Beziehungsintentionen der Sprecher anhand bestimmter sprachlicher Merkmale geschlossen werden kann. Es muss betont werden, dass die sprachlichen Merkmale nicht direkt auf eine bestimmte Form des Beziehungshandelns schließen lassen, sondern lediglich Anzeichen hierfür sind (vgl. Adamzik 1994: 371). Beispielsweise werden Höflichkeit und die Bereitschaft zu Konsens oder Kompromiss durch „alle Formen vorsichtig-zurückhaltend-abschwächenden Ausdrucks (im Deutschen speziell Partikeln und Adverbien, Konjunktivgebrauch, Modalverben usw.)“ (ebd.) sichtbar. Gruppenzugehörigkeit kann durch hohe Fach- und Fremdwortdichte, Geheimsprache und dialektale Wendungen ausgedrückt werden, die dafür sorgen, dass Gruppenmitglieder einander verstehen, Außenstehende dies aber nicht uneingeschränkt können und somit vom Verständnis bestimmter Inhalte ausgeschlossen sind (vgl. ebd.).

Zudem überwiegen nach Adamzik indirekte Formen des Ausdrucks der Beziehungsintention gegenüber direkten. Dies rührt daher, dass offene Konfrontationen und Streits sowie eine zu offensichtliche Darstellung der gewünschten Beziehung oder Vertrautheit tendenziell eher vermieden werden sollen. So bleiben Beziehungen flexibel und offen für Veränderungen, die eher subtil vorgenommen als offen kommuniziert werden (vgl. Adamzik 1984: 346).

Die nachfolgende Tabelle (Tab. 7) fasst die sprachlichen Mittel der Beziehungskommunikation, wie sie in der referierten Literatur genannt wurden, zusammen.

Tabelle 7:  Charakteristische sprachliche Merkmale der Beziehungskommunikation.

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← 113 | 114 →

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← 114 | 115 →

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2.5  Notiz zum Stellenwert der zusammenfassenden Tabellen

Die jedes Teilkapitel abschließenden Tabellen sind systematisierende Zusammenfassungen der jeweils erörterten Forschungsinhalte. Die Tabellen bieten einen Überblick über die identifizierten Mittel der Selbstdarstellung und des Beziehungsmanagements und führen die Ergebnisse der Arbeiten aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen. Als Bündelungen der Mittel können die Tabellen im Methodenkapitel wieder aufgegriffen und im Hinblick auf die Fragestellung neu systematisiert, modifiziert und integriert werden, sodass sich eine Gesamtsicht ergibt. Auf dieser Basis ist eine fundierte Methodenentwicklung möglich (vgl. Kap. 4.2.2). ← 115 | 116 → ← 116 | 117 →


3       Es geht in diesem Kapitel nicht darum, mögliche psychologische Erklärungen für Selbstdarstellungsphänomene zu eruieren. Es wird nicht untersucht, welche Persönlichkeitsmerkmale Personen aufweisen, die eine bestimmte Selbstdarstellungstechnik anwenden.

4       Die Überlegungen zu Selbstdarstellung in Alltag und Beruf haben auch zu zahlreichen Ratgeberbüchern geführt, die darauf ausgelegt sind, Personen die ‚richtige‘ Art der Selbstdarstellung darzulegen. Die Titel locken mit Erfolgsrezepten und Tipps zum Selbstmarketing, um zu professioneller Selbstdarstellung aufzurufen (z. B. Ditz 2003; Püttjer 2003; Asgodom 2009; Jendrosch 2010).

5       In diesem Kapitel folge ich notwendigerweise den von den Autoren vorgegebenen Bezeichnungen; bei der Darstellung der Ergebnisse hingegen werden die oben genannten Begriffe parallel verwendet, um Selbstdarstellungsphänomene zu erfassen und dabei unterschiedliche Akzentuierungen vorzunehmen.

6       Die früheren Arbeiten von George H. Mead (1934 [1973]) und dessen Schüler Herbert Blumer (1969) zu Identität und zum Symbolischen Interaktionismus sind in der Soziologie und Sozialpsychologie wichtige Standardwerke und Ausgangspunkte für Überlegungen zur Selbstdarstellung (vor allem in der Impression-Management-Theorie). Da Meads und Blumers Überlegungen in ihrer ursprünglichen Form keine Rolle in der linguistischen Forschung zu Selbstdarstellung und Imagearbeit spielen, sondern lediglich durch ihren Einfluss auf Goffmans Werke in die Linguistik Eingang gefunden haben, wird auf eine Darstellung der Arbeiten verzichtet.

7       Hier zeigt sich, wie problematisch Goffmans Terminologie sowie die Übersetzung vom Amerikanischen ins Deutsche sind. Eigentlich entspricht Image dem face-Begriff; da sich aber hier eine andere Bedeutungsnuance zeigt, die eher mit Selbstbild zu übersetzen wäre, wird hier von Image gesprochen.

8       Vgl. auch: Der Handelnde „fungiert mindestens auf zwei Weisen. Seine Gedanken und Gefühle entspringen offensichtlich in seinem Körper, vor allem in seinem Kopf. Und diese ‚inneren Zustände‘ drücken sich – absichtlich oder unabsichtlich – körperlich aus, vor allem im Gesicht und in der Rede. Die Haut ist also eine Art Bildschirm, die einige Anzeichen der inneren Zustände durchkommen läßt, einige aber auch verbirgt, etwa wenn jemand ein ‚undurchdringliches‘ Gesicht macht oder seine Worte sorgfältig wählt“. (Goffman 1989: 240).

9       Goffman geht von einer Beobachter-Beobachteter-Dichotomie aus (vgl. Goffman 1981a: 17), was sich in der Gegenüberstellung von Akteur und Publikum zeigt. Später modifiziert er diese Unterscheidung allerdings, ohne jedoch eine völlige Rollensymmetrie anzunehmen, dahingehend, dass auch der Beobachter darauf bedacht sein kann, bestimmte Informationen über sich zurückzuhalten, und dass genauso der Beobachtete auf der Suche nach Informationen sein kann (vgl. Goffman 1981a: 64f.).

10     Goffman unterscheidet zwischen Einzeldarstellungen und Ensembledarstellungen (vgl. Goffman 2011: 76): Ein Ensemble ist eine „Gruppe von Individuen […], die gemeinsam eine Rolle aufbauen“ (ebd.: 75) und ein gemeinsames (Interaktions-)Ziel haben (vgl. ebd.: 79, 95). Alle Mitglieder eines Ensembles arbeiten dazu kooperativ an der Darstellung, also dem Eindruck, der hervorgerufen werden soll (vgl. ebd.: 77, 78). Dazu entwickeln sie Rituale (auch unbewusst), die den Eindruck einer homogenen Darstellung sichern sollen (vgl. ebd.: 84). Gleichzeitig bildet aber auch das Publikum ein Ensemble, das sich auf eine bestimmte Weise darstellt. Goffman geht davon aus, dass Interaktion als „dramatische[…] Interaktion“ (ebd.: 85), als „Dialog und ein Zusammenspiel zwischen zwei Ensembles“ (ebd.) zu betrachten ist, sodass die Zuschauer-Publikum-Dichotomie aufgehoben wird (vgl. die Aufhebung der Beobachter-Beobachteter-Dichotomie, vorige Fußnote).

11     Orte, die weder der Vorder- noch der Hinterbühne zuzuordnen sind, werden als „Außen“ (Goffman 2011: 123) bezeichnet.

12     Zudem wird der Zugang zur Vorderbühne kontrolliert, um zu gewährleisten, dass die Darstellung dem Publikum angepasst werden kann (vgl. Goffman 2011: 123, 126). Die „Zuschauersegregation“ (ebd.: 126) durch beispielsweise unterschiedliche Terminvergabe dient dazu, dass nur diejenigen das Publikum bilden und Informationen erhalten, an die die Darstellung tatsächlich gerichtet ist (vgl. ebd.: 129).

13     Streits erlauben dem Publikum einen Einblick in die eigentlich verschlossene Hinterbühne und lassen erkennen, dass die Darsteller sich uneinig sind (vgl. Goffman 2011: 191). Szenen sind „Situationen, in denen ein Einzelner so handelt, dass er den höflichen Anschein der Übereinstimmung zerstört oder ernsthaft gefährdet“ (ebd.).

14     Zu Schutzmaßnahmen bei Verlegenheitsreaktionen siehe Goffman (1971: 106-123): Verlegenheit entsteht, wenn jemand im Begriff ist, seine Fassung zu verlieren, wenn die Darstellung nicht glückt, moralische Erwartungen nicht erfüllt werden und er eine ‚schlechte Figur‘ macht. Die anderen Anwesenden können taktvoll diesen Zwischenfall übersehen, gelassen reagieren und es dadurch dem Verlegenen leicht machen, sein Gesicht zu wahren.

15     In Rede-Weisen (2005) – einer Aufsatzsammlung – beschäftigt sich Goffman zunehmend mit den sprachlichen Aspekten von Interaktion; es wird auch davon gesprochen, dass Goffman eine „linguistische[…] Wende“ (vollzieht Knoblauch et al. 2005: 11).

16     Auf Redestatus und Redestatuswechsel wird im nächsten Abschnitt genauer eingegangen.

17     Diesen Punkt nennt Goffman unter explizitem Verweis auf Grice 1975; siehe auch Goffman 2005: 236.

18     Zur Unterscheidung von Zügen siehe Goffman 1981a: 19, 23.

19     Kurz: „[J]eder Schritt weg vom ‚wörtlichen‘ Sinn […] führt eine Veränderung des Redestatus‘ mit sich“ (Goffman 2005: 69).

20     Vgl. dazu auch Goffman 2005: 122, 208; zum daraus resultierenden Potenzial der Dialoganalyse Goffman 2005: 183.

21     Vgl. hierzu ausführlich Goffman 2005: 153-173.

22     Vgl. hierzu ausführlich Goffman 2005: 173-183.

23     Wie dieses Selbst definiert ist, variiert allerdings von Konzept zu Konzept und von Disziplin zu Disziplin. In der soziologischen Sozialisationsforschung lautet eine Selbst-Definition wie folgt: „Die Gesamtheit der Bilder, Vorstellungen, Empfindungen und Erinnerungen, die wir von der eigenen Person haben, nennen wir das Selbst“ (Gottschalch 1991: 55). In der vorliegenden Arbeit wird die Definition von Selbst von Mummendey (1995) übernommen – in dem Wissen, dass parallel verschiedene Definitionen und Konzepte existieren, die andere Aspekte betonen. Verschiedene Studien legen statt eines Selbst Persönlichkeit oder Identität zugrunde (vgl. die z. T. unsystematische Verwendung in Tedeschi et al. 1985). Mummendey weist in seinen psychologischen Untersuchungen zum Selbstbegriff und zu Selbstkonzepten allerdings darauf hin, dass „gewichtige Unterschiede zwischen den Konzepten des ‚Selbst‘ und ‚Identität‘ kaum zu entdecken“ (Mummendey 2006: 86) sind.

24     Dennoch gab und gibt es Versuche, positive Selbstdarstellung mittels Fragebogen sichtbar und anhand bestimmter Kriterien beschreibbar zu machen (vgl. Mummendey 1994).

25     Nach Burgoon et al. (2008) sind es vor allem sieben Ansätze und Typologien, die nonverbales Verhalten wissenschaftlich untersuchen und dabei aus verschiedenen Disziplinen Informationen beziehen (vgl. Burgoon et al. 2008: 788). Die wichtigsten Forschungsperspektiven sind die Kinesik (Körperbewegungen), Vocalic/Parasprache (sprachliche Signale), physisches Auftreten (äußeres Erscheinungsbild), Haptik (Berührung, Kontakt), Proxemik (Distanz und Räumlichkeit), Chronemik (Zeit und Zeitbenutzung) und Artefakte (Objekte und Eigenschaften der Umwelt) (Burgoon et al. 2008: 789). Die meisten der in den einzelnen Bereichen untersuchten Phänomene, die Elemente der Selbstdarstellung sind, wie das Auftreten, die Gestik und Mimik, auch Gegenstand von IM-Forschung geworden.

26     Burgoon et al. (2008) entscheiden sich für eine botschaftsorientierte Betrachtung [message orientation], um die Frage der Sender-Intentionalität aus den Untersuchungen ausklammern zu können (vgl. Burgoon et al. 2008: 787). Im Gegensatz zur Orientierung an der Quelle, wobei nur intentionale und bewusst gewählte Handlungen betrachtet werden, und der Orientierung am Empfänger, der praktisch alles als Botschaft interpretieren und somit kommunikative Handlungen auf alle Bereiche (die teilweise auch nicht beeinflussbares Verhalten einschließen) ausweiten kann, geht es bei der botschaftsorientierten Betrachtung um „the subset of actions and features that could reasonably be counted as part of the coding system itself“ (ebd.: 788).

27     Die von ihnen untersuchten öffentlichen und beruflichen Gespräche (worunter auch die von mir untersuchten Diskussionen sowie Vorträge fallen) charakterisieren sie als „aufgabenbezogen und erfolgsorientiert“ (Spiegel/ Spranz-Fogasy 2002: 217; Herv. im Orig.). Die Eigenschaften, die hier eine Rolle spielen und je nach Gesprächsziel und -aufgabe dargestellt werden sollen, sind Glaubwürdigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz (vgl. ebd.). Abhängig von der Rollenkonstellation und der zu bewältigenden kommunikativen Aufgabe, beteiligen sich die Interaktionsteilnehmer entweder gleichberechtigt-symmetrisch oder komplementär-asymmetrisch am Gespräch (vgl. ebd.: 218).

28     Schwitalla (1996) untersucht Selbstdarstellungsverhalten anhand eines realen Streits in einem Schlichtungsgespräch. Seine Beobachtungen und Ergebnisse sind zum Großteil verallgemeinerbar und können deshalb für die Analyse von Diskussionen insgesamt genutzt werden.

29     Resinger nimmt dabei naturwissenschaftliche Zeitschriftenaufsätze in den Blick, da diese objektiv, sachlich und meist ohne In-Erscheinung-Treten des Autors verfasst werden; die Präsentation der Forschungsergebnisse steht im Vordergrund. Resinger geht aber davon aus, dass in diesen Texten Formen der Selbstnennung und Selbstdarstellung vorhanden sind, in denen der Autor des jeweiligen Textes sichtbar wird (vgl. Resinger 2008: 146).

30     Werner Hollys Untersuchungen zu Imagearbeit und Beziehungsmanagement (Holly 1979, 2001) fokussieren zum Großteil die Sprechhandlungen und rituelle Handlungen als Träger von oder Hinweis auf Image- und Beziehungsmanagement. Seine Untersuchungen basieren auf Goffmans Arbeiten zur Interaktionsanalyse und Imagearbeit. Er legt v. a. Goffmans Überlegungen zu Ritual und Routine sowie die von ihm identifizierten typischen Sequenzmuster (Bestätigungs- und Korrektivrunden) zugrunde; diese Grundlagen werden an dieser Stelle nicht wiederholt (siehe hierzu Kap. 2.1)

31     Zur detaillierten Beschreibung aller Korrektive siehe Holly 1979: 53-73.

32     Dennoch muss „die kommunikative Basis, die rein sprachliche Verständigung, […] unabdingbar kooperativ sein“ (Holly 1987: 140), während es „die Interessen und Einstellungen der Beteiligten“ (ebd.), die Art der Verständigung nicht sein müssen.

33     Gruber untersucht Sprechhandlungen unter anderem im Hinblick darauf, inwiefern sie im Dissensverlauf Phasenwechsel einleiten und für Verschachtelungen und dem Steckenbleiben von Dissensen verantwortlich sind. Zudem interessieren ihn „der Zusammenhang zwischen Intensivierung und Emotionalität“ (Gruber 1996: 226) und die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten dieser Intensivierung.

34     Die von Schwitalla (1996) angeführten Möglichkeiten des Angreifens und Verteidigens sind keinesfalls als erschöpfend anzusehen, sondern bieten einen Einblick in Verhalten in Konfliktsituationen, wie er sie in einem Einzelfall vorgefunden hat.

35     Schwitalla hebt an dieser Stelle die Rolle der Prosodie hervor: „Auch hier haben Positionierungen und stimmliche Formungen der Zurückweisung eminente Bedeutung für die Glaubwürdigkeit der Sprechenden“ (Schwitalla 1996: 313).

36     Vgl. hierzu auch Goffman 2011: 12 und Goffman 1981a: 34, 35.

37     Diese Definition basiert auf Adamziks Auseinandersetzung mit Sagers Ausführungen zum Beziehungsbegriff, vgl. Adamzik 1994: 360-361; vgl. dazu auch Sager 1981.

38     Vgl. hierzu auch Frobert-Adamo (2002), die auch negative Aspekte der Humorverwendung in wissenschaftlichen Diskussionen thematisiert.

39     Zur Problematisierung dieser Schemabildung s. Adamzik 1984: 144-146.

40     Zur Problematik einer Zusammenstellung der Gefühlslexik s. Fiehler 2001: 1431.

41     Nonverbale Elemente können in dieser Arbeit aufgrund des fehlenden Datenmaterials nicht bearbeitet werden.

42     Grice selbst gibt an, dass die Maximen möglicherweise noch erweitert werden müssten (vgl. Grice 1979: 250).

43     Polenz weist in dem Zusammenhang darauf hin, dass es vor allem in geschriebenen Texten schwierig ist, Ironiesignale zu erkennen, da der Kontakt zum (unbekannten) Schreiber nicht gegeben ist und man diesen daher nur schwer einschätzen könne (vgl. Polenz 2008: 315).

44     In wissenschaftlichen Kommunikationssituationen dienen Fachtermini der wissenschaftlich korrekten Verständigung und zeigen Kompetenz. Der Kontext bzw. die Situation entscheidet, in welche Richtung die stillen Folgerungen gehen.

45     Hierzu merkt Adamzik an: „Besonders wichtig zur Erreichung des unmittelbaren Interaktionsziels (Versicherung der Wertschätzung) scheint es, die OBJEKTBEWERTUNG direkt auf den Hörer zu beziehen“ (Adamzik 1984: 271). Siehe auch Adamzik (1984: 269-276) zur detaillierten Beschreibung von Komplimenten und deren sprachlichen Ausdruck.

46     Zur Rolle von Beschimpfungen sowie Schimpfwörtern bei der negativen PARTNERBEWERTUNG siehe Adamzik 1984: 290-308.

47     Dies gilt zumindest für alle Situationen, in denen nicht über zwischenmenschliche Beziehungen direkt gesprochen wird, wenn also die Beziehung kein Thema der Interaktion ist (vgl. Adamzik 1984: 345).

48     Siehe zu den Möglichkeiten der Beziehungsgestaltung durch Repräsentativa ausführlich Adamzik 1984: 186-240.