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Konsum und Imagination- Tales of Commerce and Imagination

Das Warenhaus und die Moderne in Film und Literatur- Department Stores and Modernity in Film and Literature

von Godela Weiss-Sussex (Band-Herausgeber:in) Ulrike Zitzlsperger (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 344 Seiten

Zusammenfassung

Das Warenhaus war über Deutschland hinaus bis in die 1930er-Jahre einer der kulturgeschichtlich bedeutendsten Ansatzpunkte für die Auseinandersetzung mit der Moderne und der Konsumkultur. Die Autoren und Autorinnen dieses Bandes zeigen sowohl den Facettenreichtum des Warenhaus-Diskurses in der Literatur, dem Feuilleton, in Musicals und im Film als auch die Bandbreite der teils sozial-und kulturkritischen, teils fortschrittsorientierten Thematisierungen auf. Dabei kommen Romane von Zola, Brecht und Fallada sowie Schriften weniger bekannter Autoren zur Sprache. Das emanzipatorische Potenzial des Warenhausthemas findet ebenso Beachtung wie waren- und konsumästhetische Strategien, die in Literatur, Film und anderen Medien reflektiert werden.
Until the 1930s department stores provided, in Germany as elsewhere, one of the focal points of cultural and critical engagement with modernity and consumer culture. The authors of this volume explore the diversity of the discourse on department stores in literature, the feuilleton, musicals and film. They demonstrate the scope of the discourse from cultural criticism to more progress-oriented examinations of the theme. Novels by Zola, Brecht and Fallada are discussed, as well as writings by lesser known authors. Attention is paid to the emancipatory potential of department stores as well as to the aesthetics of consumption as reflected in literature, film and other media.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Einführung
  • Theoretische Vorüberlegungen
  • Passagen: Vom Auslegen der Ware. Theoretische Kontexte einer Praxis (Walter Benjamin)
  • Das Paradies der Damen (Emile Zola)
  • Das Warenhaus als Metapher für Gesellschaft. Zola und das kollektive Imaginäre in der modernen Konsumgesellschaft
  • Konsum und Kreativität im Paradies der Damen
  • Sozial- und identitätspolitische Reflexionen im Warenhausroman
  • „Noch nie in einem Warenhaus gewesen, Kind?“ – Literarische Interventionen in das ‚Warenhaus-Wissen‘ am Ende der Weimarer Republik
  • Confronting Stereotypes: Department Store Novels by German-Jewish Authors, 1916–1925
  • ‘Mal etwas Anderes’: Narrative Representations of Queer Performance and Commodified Bodies on the Early Twentieth-Century Shop Floor
  • Who’s that Lady in the Window? Department Store Aesthetics and the 1912 Berlin Exhibition Die Frau in Haus und Beruf
  • Retail Organization and Political Capital: Fallada’s Kleiner Mann – was nun? and Brecht’s Dreigroschenroman
  • Räume der Moderne
  • Warenhäuser als Ritualräume der Moderne
  • Stadt- und Weltbilder: Das Berliner Warenhaus als „kolossale Erscheinung“ im Feuilleton der Zwischenkriegszeit
  • Conveyors to Consumption: Lifts and Escalators in Department Stores in German Culture of the 1920s and 1930s
  • Warenästhetik und Konsumkultur im Film
  • Sing while you sell – Überlegungen zu einer filmischen Warenhaus-Ästhetik
  • The Shopgirl and the ‘It Girl’
  • Love on Display in Fritz Lang’s American Shop Windows
  • Kreative Reflexionen über das Warenhaus
  • Die Geschichte des Dings: Annett Gröschner erzählt vom Warenhaus zwischen Stadtgeschichte und Stadtfiktion
  • Trude Menziger stellt sich im Centrum Warenhaus nach Geschirrtüchern an
  • High Tea at Hannington’s
  • „Etwas monumental Faszinierendes“: Das Warenhaus in der Kriminalliteratur. Ein Gespräch mit Volker Kutscher
  • Nachüberlegungen: das Warenhaus in Literatur und Film aus kulturhistorischer Sicht
  • Autorenverzeichnis
  • Bildnachweis
  • Index

Godela Weiss-Sussex, Ulrike Zitzlsperger

Einführung

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die Moderne-Forschung vermehrt auf die Zentralität des Warenhauses und die ihm eigene Symbolik verwiesen. So ist die in wirtschaftsgeschichtlicher Hinsicht neue Form des Warenangebots, die in den ‚Konsumtempeln‘ des neunzehnten und – in Deutschland etwas verzögert – frühen zwanzigsten Jahrhunderts wirkungsmächtig die europäischen Innenstädte eroberte, auch kulturgeschichtlich ein bedeutender Ansatzpunkt für die Diskurse um die Moderne. Als Symbolraum spiegelt das Warenhaus hier die Aspirationen und die Verunsicherungen, die über Jahrzehnte die Erfahrung mit den Veränderungen im Alltagsleben bestimmten.

Das von den Herausgeberinnen initiierte, mehrstufig angelegte Forschungsprojekt bemüht sich um ein differenzierteres Verständnis des Warenhauses im Kontext dieser Debatten und seiner multivalenten Symbolik. Ziel ist es im vorliegenden Band, die Wahrnehmung der Moderne im frühen zwanzigsten Jahrhundert und ihre Entwicklung präziser zu erfassen als dies bisher der Fall war. Seit 2009 haben die Beiträger zu diesem Projekt, die aus verschiedenen Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften kommen, neue Positionen angedacht.1 In einem ersten Schritt wurden 2013 die Ergebnisse dieser interdisziplinären Auseinandersetzung mit dem Warenhaus vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts bis 1938 vorgelegt; dabei lag der Schwerpunkt auf dem Berliner Warenhaus, das in bewusster Beschränkung auf die Metropole als Fallstudie diente.2 Zu den Forschungsbereichen, die in diesem ersten Band aufgegriffen wurden, gehörten die Wirtschafts- und Konsumgeschichte, Architektur und Design, die Imperialismusdebatte, die Gender- und Antisemitismus-Forschung, und die Untersuchung medizinischer und juristischer Diskurse. Diese Erweiterung der Perspektive ermöglichte es, den Forschungsstand zum Thema aufzuarbeiten, Parallelen und Überschneidungen aufzudecken und auf diese Weise produktive Fragestellungen zu definieren und die Ergebnisse von Fachdebatten hervorzuheben. ← 9 | 10 →

Der vorliegende Band erweitert die Analyse ohne außer Acht zu lassen, dass sich das Warenhaus schrittweise und in unterschiedlichen nationalen Zusammenhängen entwickelte; die Situation in Frankreich, England, den Vereinigten Staaten, Österreich und Deutschland ist in wirtschaftshistorischer und insofern auch rezeptionsgeschichtlicher Hinsicht nur bedingt vergleichbar. Der jeweilige nationale Kontext und die dazugehörigen Debatten weisen also Variationen auf, auch in Hinblick auf die Akzeptanz des Warenhauses. Bestimmte Charakteristika, die für die Stellung des Warenhauses als Symbol der Moderne konstitutiv waren, erlauben aber einen produktiven internationalen Vergleich: dazu gehören Aspekte der Architektur und des Designs, der Schwerpunkt auf dem technologischen Fortschritt, der viele Neuerungen in der Warenhausorganisation ermöglichte sowie auch konsumgeschichtliche und emanzipatorische Fortschritte, die durch das Warenhaus gefördert wurden.

In der literarischen Verarbeitung des Sujets wurde die Übertragbarkeit über nationale Grenzen hinweg auch dadurch befördert, dass der Markt für Übersetzungen von Warenhausromanen florierte. Zolas Au bonheur des dames, 1883 erstmalig im französischen Original erschienen, wurde in zahlreichen Übersetzungen veröffentlicht: allein in Deutschland erschienen bis 1900 verschiedene Versionen von A. Schwarz (1883), A. Heichen (1887), H. Rosé (1895), C. von Carlowitz (1899) und K. Walther [Ps. für Albert Clar] (1900) unter den Titeln Zum Glück der Damen bzw. Zum Paradies der Damen.3 Dies ist ein frühes und in seiner Wirkungskraft unübertroffenes Beispiel – Zola stellte ein Arsenal von Topoi und Figuren bereit, die in Folgepublikationen verschiedener Nationen und Sprachen ihre Spuren hinterließen. Doch es lassen sich auch spätere Beispiele für die überraschend schnelle Übersetzung von Warenhausliteratur zitieren: Der 1926 erschienene Roman Det stora varuhuset des schwedischen Autors Sigfried Siwertz wurde 1928 in deutscher Übersetzung vorgelegt4 und ← 10 | 11 → Vicki Baums Roman Der große Ausverkauf, der erstmalig 1937 im Amsterdamer Emigrantenverlag Querido erschien, war 1940 unter dem Titel Central Stores in den Vereinigten Staaten verfügbar.5

Diese Beispiele erlauben Rückschlüsse auf die Popularität des Themas in fiktionalen Verarbeitungen. Konsum und Imagination / Tales of Commerce and Imagination konzentriert sich auf die Auseinandersetzung mit den Strukturen und Strategien der Behandlung des Themas in der Literatur, dem Feuilleton und des Films. Die komplementäre Lektüre dieser ‚Erzähltexte‘ neben den Fachtexten erweitert das Spektrum der diskurshistorisch angelegten Analyse, zumal Literatur und Film, aber auch Kurzprosa und Musical-Libretti einen weiteren Rezipientenkreis erreichten als oft recht spezifisch disziplinär eingegrenzte Publikationen von Sachdiskursen. Feuilletontexte werden hier mit einbezogen, da sie zu den populären Texten der Zwischenkriegszeit gehörten. Literatur im weitesten Sinne und der Film sind nicht nur Spiegel, sondern auch Träger gesellschaftlicher Haltungen, die Einfluss auf soziokulturelle Prozesse und Bewusstseinsformierungen ausüben. Sie stellen ein Vokabular und eine ‚metalinguistische Grammatik‘ bereit, die in breiteren gesellschaftlichen Diskursfeldern reflektiert und verarbeitet wird.6 Im ersten Band des Warenhaus-Projektes ist dies bereits deutlich geworden: Immer wieder bedienen sich die zeitgenössischen Fachdebatten der Bilder und Formulierungen, die die Literatur bereitstellt, als Vermittler komplexer Zusammenhänge – und darüber hinaus auch als Beleg gesellschaftlicher Phänomene. So zitiert z. B. Leopold Laquer gleich im ersten Satz seiner einflussreichen juristischen Abhandlung Der Warenhaus-Diebstahl aus dem Jahr 1907 Zolas ← 11 | 12 → Beschreibung von Warenhausdiebinnen als „voleuses par manie“ und baut darauf seine pathologisierende Darstellung der Typologie der Warenhausdiebin auf.7

Es stellt sich aber auch die Frage nach den ästhetischen Möglichkeiten und Implikationen der kreativen Verarbeitung des Warenhauses in fiktionalen Texten und im Film: An welche literarische Muster lehnen sich Autoren bevorzugt an? Welche narrativen Strategien erweisen sich als tragfähig? Welche narrativen Versatzstücke entwickeln sich zu Topoi und einem immer wiederkehrenden Figurenkatalog und bedienen damit eine Erwartungshaltung des zeitgenössischen Publikums? Welche weichen bewusst von diesen ab – und mit welchem Resultat? Und inwiefern greift die fiktionale Darstellung ästhetische Prinzipien der zu beschreibenden neuen Konsumwelt auf? Björn Weyand verwendet z. B. in Bezug auf Edmund Edels Berlin W. (1906) den Begriff der „Katalogpoetik“;8 und ein ähnliches Prinzip der Reihung lässt sich auch in Nummernrevuen und im Bereich des Musicals beobachten. Ebenso lässt sich die Ästhetik der Oberfläche – oft als charakteristisch für die deutsche Kultur und Literatur der zwanziger Jahre beschrieben9 – mit Prinzipien der Warenästhetik verbinden, die um die Jahrhundertwende unter anderen von Georg Simmel formuliert wurden und in Romanen und Filmen wiederholt eine Rolle spielen.

Die Untersuchung der narrativen und ästhetischen Beschaffenheit trägt mit Bezug auf zwei übergreifende Fragestellungen zum Gliederungsprinzip des Bandes bei. Erstens, wie wird das Thema Warenhaus als Kollektivsymbol oder als Synekdoche instrumentalisiert, um andere gesellschaftliche Themen zu verhandeln?10 Die Analysen zeigen, dass Kritik am Kapitalismus und an der Immoralität des Kommerzes (Meyer, Schonfield) dabei ebenso eine Rolle spielen wie etwa die Verhandlung abweichender Geschlechteridentifikation (Linge) oder der Versuch deutsch-jüdischer Autoren, antisemitischem Gedankengut zu begegnen (Meyer, Weiss-Sussex). Auch die Intention journalistischer Beiträge, über Darstellungen von Warenhausbauten und -interieurs Kritik an der hybristischen ← 12 | 13 → Selbstdarstellung der Stadt Berlin zu üben (Zitzlsperger), gehört in diese Kategorie und erlaubt den Übergang zu der zweiten Leitfrage des Bands: Wie werden spezifische räumliche Erfahrungen des Warenhauses als Erfahrungen der Moderne kondensiert und interpretiert? Dazu gehört nicht nur die Analyse verschiedener Raumdarstellungen, sondern auch die Interpretation der Kundenaktivität als ritualisierte Handlungen, wie sie beispielsweie Burckhard Dücker in seinem Beitrag diskutiert.

Die Warenhausthematik spiegelt die Geschichte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Die Euphorie, die zu Beginn des Jahrhunderts noch die Beiträge von Paul Göhre und Leo Colze zum Warenhaus geprägt hatte, wird im Laufe der Zeit seltener und reflektiert insofern auch den Prozess der Desillusionierung – mit dem Kapitalismus, und damit unweigerlich auch mit dem Warenhaus –, der vor allem in der deutschen Literatur in der Assoziation der Moderne mit enthumanisierten Produktionsvorgängen zum Ausdruck kommt. Fiktion, die weitgehend an traditionelle moralische Wertesysteme gebunden bleibt, tut sich schwer mit der positiven Verhandlung marktorientierter Mechanismen, für die das Warenhaus gerne als Kürzel steht. So wird gerade in Zeiten der Krise die Warenhaus-Literatur vordergründig zum Sammelbecken eines diffusen Unbehagens mit der Kultur der Moderne. Entgegen pauschalisierenden Klassifizierungen und Wertungen der Warenhaus-Literatur, die die Brüche und Ambivalenzen verdecken, die im Umgang mit der Moderne so aufschlussreich sind, geht es hier aber darum, die Wechselwirkungen zwischen Moderne und Fiktion zu hinterfragen und bestimmte Entwicklungslinien der Verarbeitung – etwa im Vergleich zwischen der Vor- und der Nachkriegszeit oder zwischen der Weimarer Republik und der Emigration – herauszuarbeiten.11

Den Analysen fiktionaler Texte vorangestellt sind Christian Jägers theoretische Überlegungen zu Benjamins Passagentext als „Kartographie der Ängste und Wünsche“ der Mitglieder eines gesellschaftlichen Ganzen. Die Einsicht in das Warenhaus als Symbolfigur des sozial Unbewussten legt die Grundlage zum Verständnis der weiteren Beiträge des Bandes und kommt vor allem auch in Jon Hughes‘ Aufsatz zum mechanisierten vertikalen Transport durch Fahrstuhl ← 13 | 14 → und Rolltreppe und in Heinz Drüghs Überlegungen zur filmischen Ästhetik des Warenhausthemas erneut zum Tragen.

Ausgangspunkt der Beschäftigung mit literarischen Texten zum Thema muss rezeptionsgeschichtlich notwendig Émile Zolas ‚Urtext‘ der Warenhausliteratur, Au bonheur des dames sein. Uwe Lindemanns Auseinandersetzung mit Zolas Roman legt dar, welche Metaphern, Modelle und Szenen hier bereit gestellt werden, die dann als Nachweis in der Fachliteratur dienen und damit den Diskurs weiter verfestigen. Die hohe Frequenz, mit der Zola zitiert wird, beruht, so argumentiert Lindemann, unter anderem darauf, dass es ihm gelingt, auf der Grundlage einer „naturalistischen Detailgenauigkeit“ Typisierungen von Handlung, Personal und räumlicher Beschreibung aufzustellen. Diese Typisierungen ziehen sich in thematischen Schwerpunktsetzungen – wie etwa die Dekoration der Schaufenster; das Verhalten der Käuferinnen; technische Neuheiten; die Wirkung der Architektur oder die Implikationen des Konkurrenzkampfes – in den Folgejahrzehnten durch die Literatur. Solche Schwerpunkte erfüllen bestimmte Erwartungen der Leserschaft, die das Warenhaus als repräsentativen Mikrokosmos seiner Zeit wiedererkennt. Ebenfalls auf Zolas Roman eingehend, greift Dirk Hohnsträter dessen mehrheitliche Rezeption als kulturkritisches Dokument auf und hält dieser entgegen, dass Zola den Verkauf nicht nur als mechanisierten Prozess und Konsum, nicht nur als Verführung zur Passivität darstellt, sondern dass vielmehr auch Elemente der Kreativität in das Verhalten der Protagonisten eingeschrieben sind: Sowohl der Warenhausbesitzer Mouret als auch die Angestellte Denise sind auf ihre Weise (genial, ordnend, motivationsorientiert) schöpferisch tätig – und auch seitens der Kunden ist ein kreativer Umgang mit der Ware angedeutet.

Franziska Meyer bietet einen Überblick über die literarischen Bilder und Topoi, die die Darstellung der sozialpolitischen Realität des Warenhauses in der Literatur der späten Weimarer Republik dominierten. Sie zeigt dass, wie schon bei Zola, kritische Darstellungen des Angestellten-Daseins, Konfrontationen zwischen den oft klassenspezifisch polarisierten Schichten der Verkäufer und der Kunden und die Feminisierung des sozialen Raums des Warenhauses wieder und wieder thematisiert werden. Die gesellschaftlichen Diskussionen, die diese Texte um 1930 verarbeiten, werden jedoch nicht nur modernefeindlich gewendet, sondern nehmen unter anderem die weit verbreitete antisemitische Darstellung des jüdischem Warenhausbesitzers durchaus kritisch auf und greifen damit richtungsweisend in die Debatten ein. Diesen Aspekt vertieft Godela Weiss-Sussex in ihrem Kapitel, indem sie anhand der Analyse dreier Romane deutsch-jüdischer AutorInnen aufzeigt, wie der in den zehner und zwanziger Jahren häufig negative Warenhausdiskurs in der Literatur positiv umgewertet werden konnte. Sie bringt damit ← 14 | 15 → eine oft übersehene Perspektive in die Debatte, die als Korrektiv gesehen werden muss – gerade weil die Literatur häufig als Quellenmaterial für kulturhistorische Überlegungen herangezogen wird. Die positive Wertung des Warenhauses geht in den hier betrachteten Texten nicht etwa auf naiv-unkritische Haltungen der Autoren zurück, sondern entspringt dem Interesse, den latenten Antisemitismus umzukehren. Aufgeschlossenheit gegenüber der Moderne und lokale sowie nationale identitätsstiftende Einbindung der Protagonisten gehen dabei Hand in Hand.

Identitätsdiskurse spielen auch in Ina Linges Betrachtungen zweier Romane des Jahres 1907 eine Rolle; hier steht jedoch die Selbstpositionierung im Rahmen männlicher und weiblicher gender-Identität im Vordergrund. Linge greift auf Diskussionen um die Position der Verkäufer/Innen als Subjekt und Objekt der Konsumkultur zurück und verdeutlicht, wie das Warenhaus einerseits eine Bühne darstellt, die ein gewisses Maß an Entfaltung erlaubt, andererseits aber die Verkaufenden zum Teil der Warenauslage degradiert und so Fragen nach der Verfügbarkeit über den Körper aufwirft. Gerade für Figuren jedoch, deren geschlechtliche Identität von gesellschaftlichen Normen abweicht, ermöglicht die Tätigkeit in diesem von Performanz und Kommerz bestimmten Raum das Ausleben von Wünschen und Identitätsentwürfen, die für die Persönlichkeitsbildung prägend sein können.

Der Bedeutung des Warenhauses als Ort der Inszenierung von geschlechtsspezifischen Entwürfen wird im darauf folgenden Kapitel unter anderen Vorzeichen von Christa Spreizer weiter nachgespürt. Sie setzt sich mit der Verwendung von Ausstellungspraktiken auseinander, die, im Warenhaus erprobt und entwickelt, auf einen sozialpolitisch-pädagogischen Kontext übertragen wurden, nämlich die 1912 vom Bund deutscher Frauenvereine in Berlin kuratierte Ausstellung zum Thema „Die Frau in Haus und Beruf“. Die hier verwendeten Praktiken legen Zeugnis davon ab, wie weit die Schaufenster-Ästhetik der Warenhäuser schon in den zehner Jahren etabliert war, um eine komplexe Botschaft über die Identität der wilhelminischen Frau als Objekt der Darstellung und als selbstbestimmendes Subjekt zu vermitteln.

In den zwanziger und dreißiger Jahren diktieren im deutschen Sprachraum dann ökonomische Fragestellungen, die oft mit ideologischen Vorzeichen versehen werden, die Auseinandersetzung mit dem Warenhaus. Ernest Schonfields Beitrag konzentriert sich auf das Warenhauses als sozio-ökonomischer Problemfall bei Hans Fallada und Bertolt Brecht. In Kleiner Mann – was nun? (1932) verdeutlicht Fallada, wie eine abstrakte Moral und die Konzentration auf die unmittelbare Familie dem Angestellten, der während der wirtschaftlichen Notjahre nach 1929 als vom Umsatz abhängiger Angestellter zum Scheitern verurteilt ist, ← 15 | 16 → auch in der Metropole den Rückzug in eine private, wenn auch fragile Sicherheit ermöglichen. Bertolt Brecht dagegen stellt mit eindeutig ausgerichtetem politischen Engagement im Dreigroschenroman (1934) dar, inwieweit der Mittelstand durch ein künstlich erzeugtes und genährtes Konsumbedürfnis korrumpiert wird. In beiden Romanen versteht sich der „kleine Mann“ als Verlierer angesichts eines übermächtigen Systems – und in beiden Romanen wird die potentielle Flucht in politisch radikale Ideologien als Reaktion auf ein profitorientiertes System als naheliegend geschildert, selbst wenn die Protagonisten auf den ersten Blick politisch indifferent scheinen. Hier wird das Warenhaus als integraler Bestandteil und zur Veranschaulichung eines als ungerecht empfundenen Status Quo geschildert, um die Ängste der verunsicherten Bevölkerung polemisch greifbar zu machen. Gemeinsam ist beiden Romanen aber auch, dass zweifelhafte Geschäftspraktiken – gerade auch im Zeichen der Rationalisierungsbestrebungen in den zwanziger Jahren – zur Diskussion stehen.

Während die sozialpolitische Behandlung des Warenhausthemas auch im dritten Teil dieses Bandes eine wichtige Rolle spielt, rückt hier jedoch die Behandlung des literarischen Sujets des Warenhauses als Erfahrungsraum besonderer Verhaltenspraktiken oder einer überwältigenden Wirklichkeitserfahrung in den Vordergrund. Die spezifischen Raumerfahrungen des Warenhauses werden oft dahingehend gewendet, dass eine Auseinandersetzung mit übergeordneten Zusammenhängen auf diese Weise nachvollziehbar wird. Burckhard Dücker zeigt in diesem Zusammenhang, wie der Besuch des Warenhauses in der Literatur zur kulturell bedeutsamen Initiationserfahrung werden kann. In der Literatur für Kinder – Werner Bergengruens Zwieselchen im Warenhaus (1931)12 wird hier unter anderem als Beispiel angeführt – funktioniert das Konzept Warenhaus nicht allein als Ort der Bedarfsdeckung, „sondern zugleich […] als Inszenierung des Kaufens als sinnstiftende Handlungs- und Erfahrungssituation, in der der Kunde mit der Ware auch stets eine ‚Geschichte‘ erwirbt“ (Dücker). Die Bedeutung des Warenhausbesuchs als Ritual scheint auch in den Beiträgen Martin Sorrells, Volker Kutschers und Annett Gröschners am Ende dieses Bands wieder auf; und bezeichnenderweise bedienen alle drei Autoren dieses Motiv auch im Kontext von Kindheitserinnerungen. Das Warenhaus ist hier zum Beispiel Ort des „Staunens“ (Gröschner, Sorrell) – und, aufgrund seiner Präsentation des Überflusses, Auslöser zeitloser Wünsche, Gefühle und Phantasien (Kutscher).

Die literarische Verhandlung des Warenhauses im frühen zwanzigsten Jahrhundert ist auch hinsichtlich eines allgemeinen Interesses an den materiellen Gestaltungen und Wirkungen und an den metaphorischen Bedeutungen neuer Räume ← 16 | 17 → bemerkenswert: Hotels, Bahnhöfe, später auch Kinos und so fort – Gebäude, die polemisch nun als obsolet apostrophierte Kirchenbauten der Vergangenheit ersetzten. Für Autoren wie Siegfried Kracauer geht es bei einer Fokussierung auf solche Ersatzbauten nur vordergründig um monumentale Wirkungen, tatsächlich wird ein vermeintlicher Qualitätsverlust der Zeit verhandelt.13 Wie Ulrike Zitzlsperger in ihrem Kapitel zeigt, unternehmen Feuilletonisten, die in ihren Beiträgen in den zwanziger und dreißiger Jahren das Warenhaus Schritt für Schritt erschließen, eine Demontage des nur auf den ersten Blick beeindruckenden Raumes. Am Beispiel von Texten Kurt Tucholskys, Joseph Roths and Georges Friedmanns lässt sich zudem zeigen, dass die Kritik am Monumentalismus des Warenhauses letzten Endes Berlinkritik ist. Das Warenhaus erweist sich hier weniger als ein Symbolraum der Moderne, sondern – und das sogar in der französischen Presse – als Symptom einer Hybris der mit unzulänglichen Weltstadtambitionen beschäftigten deutschen Hauptstadt.

Auch in Jon Hughes’ Beitrag, der sich den visuellen und literarischen Darstellungen der zu diesem Zeitpunkt noch neuen Rolltreppen und Lifte zuwendet, scheint die Ambivalenz der zeitgenössischen Rezeption des Warenhausraums auf. Zwar repräsentieren diese vertikalen Bewegungshilfen eine positive Verknüpfung von Fortschritt, Effizienz und Konsum, zeitgenössische Zeugnisse unterstreichen aber auch die Machtlosigkeit des nun der Maschine unterworfenen Kunden und schließen damit an Erfahrungen des Ersten Weltkriegs an.

Wo Literatur und Feuilleton weitgehend kritische Perspektiven auf das Warenhaus präsentieren macht sich der Film Aspekte der Warenästhetik zu eigen. Heinz Drügh erklärt in seinem Beitrag, wie sowohl das Warenhaus als auch der Film auf die Präsentation einer Vielfalt sinnlich-visuell erfassbaren Materials hinarbeiten. Der Film The Big Store (1941) der Marx Brothers ist hierfür ein Beispiel, das belegt, dass der Rückgriff auf Prinzipien der Warenästhetik nicht notwendig mit einer affirmativen Haltung gegenüber der Konsumkultur einhergehen muss. Verfremdende Versatzstücke sorgen dafür, dass die Perfektion der präsentierten Warenwelt in eine Darstellung mündet, in der die Grenzen zwischen Albtraum und Vergnügen zunehmend verfließen.

Lise Sanders nimmt das Thema der Positionierung der Warenhausverkäuferin als Objekt des (Käufer-)Verlangens auf, das auch Ina Linges Kapitel berücksichtigt und zeigt, wie der 1927 in Hollywood entstandene Stummfilm It mit seiner Hauptprotagonistin, dem originären „It“-girl Betty Lou, diesen Topos der Objektivierung verkehrt: Wenn hier die Verkäuferin Betty Lou die Rolle des verlangenden Subjekts übernimmt, so ist diese Wendung im Zusammenhang mit ← 17 | 18 → den Freiheiten zu erklären, die Frauen sich in den zwanziger Jahren bis zu einem gewissen Grade erkämpft hatten.

Elizabeth Mittman argumentiert, dass sich in Fritz Langs Film You and Me, der 1938 im amerikanischen Exil entstand, gleichfalls eine positive Besetzung weiblichen Verlangens artikuliert. In der Konzentration auf das Motiv des Schaufensters zeigt Mittman auf, wie Lang 1931 in M das Schaufenster als Spiegel perversen Verlangens des Kindermörders Beckert konfiguriert hatte, Helens Blick in die Warenhaus-Auslagen nun aber als von gesundem, kontrolliertem Konsumentenverhalten gesteuert beschreibt. Mittman macht aber auch deutlich, wie sehr Langs Interpretation der Liebesgeschichte von der Exilerfahrung bestimmt wird – das Thema Warenhaus auf diese Weise also auch für die neue Heimat rekonfiguriert wird.

Der vierte Teil des Buches ist drei kreativen Auseinandersetzungen zeitgenössischer AutorInnen mit dem Warenhaus vorbehalten. Diese drei Texte, die hier erstmals veröffentlicht werden, bieten Einblick in die Möglichkeiten der Behandlung der Topoi, Bilder und Metaphern um das Warenhaus sowie auch in das Verhältnis zwischen der Zeitlosigkeit bestimmter Bilder, Wünsche und Phantasien einerseits und der Möglichkeit, zeitgeschichtliche Phänomene im konkreten Kontext des Warenhauses zu verhandeln, andererseits.

Das Warenhaus, ob in der Dokumentation, Erinnerung oder als historische Referenz, fasziniert als Ort der Moderne – und des Versprechens – ungebrochen. Annett Gröschner (Berlin), die in ihren Arbeiten das kulturelle Gedächtnis Berlins zu bewahren sucht, beschreibt in der Perspektivierung durch die Rückschau einer alten Berlinerin, der fiktiven Trude Menzinger, wie veränderte historische Lebensbedingungen sich in paradigmatischen Warenhausbesuchen fokussieren lassen. Der allwöchentliche Ausflug, der Trude und ihre Mutter in den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in das Warenhaus Tietz führt, wird als Moment des Genusses und Gelegenheit des Beobachtens beschrieben, ein Freizeitritual, wie es auch Burckhardt Dücker in seinem Beitrag beschreibt. Der hier erinnerte Genuss steht dem prosaisch-pragmatischen, aber auch stoischen Konsumverhalten kontrastiv entgegen, das von der erwachsenen Trude gefordert wird, wenn diese sich in den fünfziger Jahren im Ost-Berliner Warenhaus Centrum nach Geschirrtüchern anstellt. Ina Linges Aufzeichnungen eines Gesprächs mit Annett Gröschner geben Einblick in die Schreibmotivation der Autorin und in den Hintergrund dieses Texts.

Details

Seiten
344
ISBN (PDF)
9783653037432
ISBN (ePUB)
9783653996340
ISBN (MOBI)
9783653996333
ISBN (Hardcover)
9783631642337
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Oktober)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 344 S., 15 s/w Abb.

Biographische Angaben

Godela Weiss-Sussex (Band-Herausgeber:in) Ulrike Zitzlsperger (Band-Herausgeber:in)

Godela Weiss-Sussex ist Senior Lecturer am Institute of Modern Languages Research der Universität London und Fellow am King’s College, Cambridge. Ulrike Zitzlsperger ist Associate Professor of German und Director of Education (Modern Languages) an der Universität Exeter. Godela Weiss-Sussex is Senior Lecturer at the Institute of Modern Languages Research at the University of London and Fellow of King’s College, Cambridge. Ulrike Zitzlsperger is Associate Professor of German and Director of Education (Modern Languages) at the University of Exeter.

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