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Zum Ausdruck von Intentionen in deutschen und polnischen Geschäftsbriefen aus kontrastiver Sicht

Eine textlinguistische Untersuchung

von Iwona Szwed (Autor)
Monographie 234 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitende Bemerkungen
  • 1 Sprachhandlungskonzept als begrifflicher Rahmen der Untersuchung
  • 1.1 Sprachhandeln als Bestandteil übergreifender Handlungsprozesse
  • 1.1.1 Mentale Dimensionen des Handlungsraums
  • 1.1.2 Stadien und Komponenten des Handlungsprozesses
  • 1.1.2.1 Handlungskontext
  • 1.1.2.2 Einschätzung / Orientierung
  • 1.1.2.3 Motivation
  • 1.1.2.4 Zielsetzung
  • 1.1.2.5 Planen
  • 1.1.2.6 Handlungsausführung, Resultat und Folgen
  • 1.2 Begriff des Sprachhandelns aus textlinguistischer Sicht
  • 2 Geschäftskorrespondenz als sprachliche Kommunikation – Grundlagen und Voraussetzungen
  • 2.1 Intentionalität und Intention in der menschlichen Kommunikation
  • 2.1.1 Zum Begriff der Intentionalität des menschlichen Handelns
  • 2.1.1.1 Intentionalität in der Philosophie
  • 2.1.1.2 Zur psychologischen und soziologischen Auffassung der Intentionalität und Kontrollierbarkeit
  • 2.1.1.3 Versuch einer formallogischen Erklärung des Intentionsbegriffs
  • 2.1.2 Intentionen in linguistischer Auffassung – Stand der Forschung
  • 2.1.2.1 Zur grundlegenden Rolle der Intentionen in der Sprechakttheorie
  • 2.1.2.2 Kritik an der intentionalistischen Interpretation der Sprechakttheorie
  • 2.1.2.3 Intentionen bei Grice
  • 2.1.2.4 Opposition zum intentionalistischen Bedeutungsmodell von Grice – das interaktionistische Modell von Habermas
  • 2.1.2.5 Kommunikation als ein Balanceakt zwischen Intention und Konvention
  • 2.1.3 Zum lexikalischen Ausdruck von Intentionen
  • 2.1.4 Implikationen für die Analyse
  • 2.2 Zielgerichtetheit des sprachlichen Handelns
  • 2.2.1 Zur Unterscheidung zwischen „Ziel“ und „Zweck“71
  • 2.2.2 Versuch einer Zieltypologie
  • 2.2.3 Zielhierarchie vs. Illokutionshierarchie
  • 2.3 Partnerbezogenheit in der sprachlichen Kommunikation
  • 2.4 Zum Begriff des Kommunikationsmodells
  • 3 Linguistisch fundierte Charakteristik der Geschäftsbriefe
  • 3.1 Geschäftsbrief als Textsorte
  • 3.1.1 Brief als Kommunikationsmittel
  • 3.1.1.1 Indirektheit des Partnerkontakts
  • 3.1.1.2 Vermittlung von unterschiedlichen Informationsarten im Brief
  • 3.1.1.3 Dialogische Kommunikation im Brief
  • 3.1.2 Geschäftsbrief als Fachtext
  • 3.1.3 Zuordnung des Geschäftsbriefes im Rahmen der Textsortentheorie
  • 3.1.3.1 Textgrammatische Modellvorschläge
  • 3.1.3.2 Textextern orientierte Klassifikationen
  • 3.1.3.3 Mehrebenenklassifikation
  • 3.1.3.3.1 Zur Position des Geschäftsbriefes auf der Funktionsebene
  • 3.1.3.3.2 Klassifizierungsmöglichkeiten auf der Situationsebene
  • 3.1.3.3.3 Unterscheidung nach Verfahrenstypen
  • 3.1.3.3.4 Typen der Textstrukturierung
  • 3.1.3.3.5 Formulierungsmuster
  • 3.1.3.4 Mehrfachzuordnung von Geschäftsbriefen
  • 3.1.4 Geschäftsbrief in der polonistischen Text(sorten)forschung vor dem Hintergrund unterschiedlicher Entwicklungswege der germanistischen und polonistischen Textlinguistik
  • 3.1.4.1 Kontrastiver Ansatz zum polonistischen und germanistischen Textangehen
  • 3.1.4.2 Zur Position des Geschäftsbriefes in der polonistischen Textauffassung
  • 3.2 Zur Funktion der Geschäftsbriefe vor dem Hintergrund der linguistischen Klassifizierungsvorschläge von Textfunktionen
  • 3.2.1 Holistische vs. analytische Zuschreibung von Textfunktionen
  • 3.2.2 Interaktivität in der Funktionsbestimmung von Texten
  • 3.2.3 Polyfunktionalität vs. Unifunktionalität von Texten
  • 3.2.4 Das Ertragsmodell
  • 3.3 Zwischen Konvention und Ritual in der Geschäftskorrespondenz
  • 3.3.1 Wechselspiel von Intention und Konvention in der sprachlichen Kommunikation
  • 3.3.2 Zur Definition der Konvention in der sprachlichen Kommunikation
  • 3.3.3 Konventionen in der Geschäftskorrespondenz
  • 3.3.4 Die Frage nach der Ritualisierung in der Geschäftskorrespondenz
  • 4 Zu Handlungsstrukturen von Texten
  • 4.1 Sprechakttheoretische Grundlagen
  • 4.1.1 Sprechen als Handlungsvollzug – Grundansätze der Sprechakttheorie
  • 4.1.2 Glücken vs. Erfolgreichsein der Sprechakte
  • 4.2 Implizitheit der Sprechakte
  • 4.3 Grundlegendes zur Illokution
  • 4.3.1 Klassifizierungsvorschläge von Illokutionen
  • 4.3.2 Illokutionäre Kraft
  • 4.3.3 Zu Illokutionsindikatoren
  • 4.4 Kritik an der sprechakttheoretischen Textauffassung in der Linguistik
  • 4.5 Textlinguistische Erweiterungsansätze der Sprechakttheorie
  • 4.6 Begründung der sprechakttheoretisch fundierten Herangehensweise an Geschäftsbriefe
  • 4.7 Exkurs – Sprechakte in kontrastiver polnisch-deutscher Perspektive
  • 4.8 Grundsätze der Illokutionsstrukturanalyse
  • 4.8.1 Hierarchisierung von Illokutionen nach dem Illokutionsstrukturkonzept
  • 4.8.2 Zusammenwirken von Einzelillokutionen
  • 4.8.3 Konstitutive Regeln für einzelne Illokutionstypen
  • 4.9 Kritik der illokutiven Auffassung von Texten
  • 4.10 Das Modell der Handlungssequenz in der praktischen Semantik
  • 5 Analyse ausgewählter polnischer und deutscher Geschäftsbriefe
  • 5.1 Methodologische Grundlagen
  • 5.1.1 Illokutionsstrukturkonzept vs. Senderstrategie
  • 5.1.2 Beziehungen zwischen Illokutionen
  • 5.1.3 Zu Indikatoren von einzelnen Illokutionsstypen
  • 5.2 Das Analysemodell
  • 5.3 Bemerkungen zum Untersuchungskorpus
  • 5.4 Ergebnisse der Analyse der deutschen Geschäftsbriefe
  • 5.5 Ergebnisse der Analyse der polnischen Geschäftsbriefe
  • 5.6 Auswertung der Analyse
  • 5.7 Rück- und Ausblick
  • Literaturverzeichnis

← 8 | 9 →Einleitende Bemerkungen

„Wie kann man denken, was nicht der Fall ist?

Denn, wenn es nicht der Fall ist, dann existiert es nicht,

und was nicht existiert, ist nichts.

Aber nichts zu denken heißt, überhaupt nicht(s) zu denken“(Platon)

Wie das Eingangszitat zeigt, brachte bereits Platon das Rätsel der Intentionalität zugespitzt auf den Punkt.1 Gleichwohl bleibt der griechische Philosoph an dieser Stelle den zweiten – nicht weniger relevanten – Schritt der Frage schuldig. Denn wenn man schon etwas denkt, was nicht existiert, schließt sich notwendigerweise auch die Frage an, auf welche Weise und mit welchen Mitteln man dieses Gedachte anderen Menschen mitteilen kann. Doch zweckfreies Mitteilen ist im Kontext menschlichen Miteinanders nicht die dominante Form der Kommunikation. Die eigentliche Kernfrage, die Menschen in der täglichen Kommunikation umtreibt ist um ein Vielfaches herausfordernder: Wie kann man seinen Mitmenschen davon überzeugen, dass das, was man denkt und das nicht existiert, gleichwohl richtig ist und Chancen hat, Realität zu werden, und wie kann man den Mitmenschen davon überzeugen, an der Realisierung des bisher nur Gedachten mitzuwirken?

Auch Verfasser von Geschäftsbriefen werden jeden Tag mit dieser Fragestellung konfrontiert. Die Fähigkeit, den Geschäftspartner von den eigenen Ideen zu überzeugen und ihn zu der erwünschten Handlung zu animieren, entscheidet in der heutigen Kommunikationsgesellschaft über wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg. Meine durch die langjährige Tätigkeit als Übersetzerin und Dolmetscherin im wirtschaftlichen Bereich erworbenen Erfahrungen haben mich zu der Erkenntnis gebracht, dass eine Untersuchung des Ausdrucks von Intentionen gerade in Geschäftsbriefen ein lohnendes Unterfangen ist. Besonders interessante Ergebnisse erwartete ich von einem kontrastiven, deutsch-polnischen Zugang. Denn das „Wissen, wer wem was wann wie mit welcher Wirkung und mit welchen Folgen sagen kann, ist kulturspezifisch“ (Berdychowska 2005: 293). In dieser Tatsache ist die kontrastive Perspektive des vorliegenden Forschungsansatzes begründet.

„[All] interlinguistic contrasts are manifest in texts“ (Hartman 1980: 37). Von diesem Satz Hartmanns geht auch die vorliegende Studie aus, wenn sie sich der vergleichenden Untersuchung deutscher und polnischer Paralleltexte widmet. ← 9 | 10 →Die bisherigen an empirischem Datenmaterial durchgeführten interlingualen Analysen orientieren sich hauptsächlich an Ansätzen zur Beschreibung und Klassifikation von Textsorten (vgl. Adamzik 2001: 21). Dabei werden meistens Gebrauchstextsorten unter die Luppe genommen (vgl. auch Szwed, i.D., a). Allerdings weist zugleich Adamzik (2010: 19) auf eine gewisse Relativität der Kulturgebundenheit von Texten hin. Bei Adamzik (2010: 18) verbindet sich diese Relativität auch damit, dass die kulturgebundenen Schlussfolgerungen aus den empirischen intersprachlichen Analysen immer der Gefahr ausgesetzt sind, zu allzu starken Verallgemeinerungen zu führen. Zusätzlich wird bei der Erörterung von kulturkontrastiven Fragestellungen meistens ein produktbezogener Ansatz zum Ausgangspunkt (vgl. auch Szwed, i.D., a). Die These von Adamzik scheint angesichts der fortschreitenden Globalisierung und deren Auswirkungen auf die Vertextung von unterschiedlichen Intentionen von besonderer Bedeutung zu sein.

Bisher ist das kontrastive Herangehen an Texte aus dem wirtschaftsbezogenen Bereich in linguistischen Untersuchungen eher unterrepräsentiert.2 Im Mittelpunkt der bisher vorliegenden textlinguistischen kontrastiven Untersuchungen stehen in erster Linie Schnittstellen zwischen nicht benachbarten Kulturen. Man verspricht sich davon besser erkennbare und deutlichere Ergebnisse. So erwecken beispielsweise deutsch-koreanische kontrastive Studien (vgl. Min-Soon 20033), die auf gravierende kulturelle Unterschiede hindeuten, das Interesse der Linguistik.

Die sozio-kulturellen Gegebenheiten in benachbarten Gemeinschaften sind dahingegen eher selten Gegenstand von Untersuchungen. Dies ist wohl auf die ← 10 | 11 →Tatsache zurückzuführen, dass unter den Bedingungen einer relativen Kulturnähe Differenzen oft verdeckt sind. Die kulturelle Differenz wird oftmals erst durch einen ungewöhnlichen Kontext der Verwendung oder aber durch eine nicht erwartungskonforme Reaktion des Rezipienten signalisiert (vgl. Berdychowska 2005: 293). Das Ziel der vorliegenden Arbeit liegt u.a. darin, Kommunikationspartner im interkulturellen deutsch-polnischen wirtschaftlichen Kontakt für die nicht beim ersten Blick auffallenden, aber doch vorhandenen kulturbedingten Unterschiede in der Kommunikation zu sensibilisieren.

Der Geschäftsbrief selbst stellt eine in der Sprachwissenschaft bisher wenig untersuchte Textsorte dar. In unterschiedlichen Texttypologien begegnen wir den Geschäftsbriefen zwar als eigener Kategorie. Sie werden aber meistens nur am Rande erwähnt.4 Zwar hat Koskensalo (2002) eine interessante Studie zum Geschäftsbrief vorgelegt, in der sie sich mit der funktionalen Erklärung dieser Textsorte befasst. Aufgrund des Fehlens eines entsprechenden Korpus (erschwerter Zugang zu Original-Geschäftsbriefen wegen Geschäftsgeheimnisses) konzentriert sie sich auf eine zwar sehr interessante und eingehende funktionale Typologie der Geschäftsbriefarten. Die empirische Untersuchung wird aber nur exemplarisch an sechs Briefen durchgeführt. Dabei ist aber gerade das empirische Vorgehen hier von großem Interesse, denn gerade die Geschäftskorrespondenz zeichnet sich durch ihren stark dialogischen Charakter aus. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, das interaktive Verhalten der Partner zu untersuchen.

Die vorliegende Arbeit setzt sich zugleich mit gewissen in der Textlinguistik in Bezug auf Geschäftsbriefe und kontrastiv untersuchte Wirtschaftskommunikation vorkommenden Thesen auseinander. So wird Geschäftsbriefen ein hoher Standardisierungsgrad zugeschrieben (Gotti 1991, vgl. Peotta 2003: 49). Als Beispiele werden starre Textbaupläne angegeben, die als ganze Textstücke im Computer gespeichert werden und je nach Bedarf aufgerufen und mit den aktuell benötigten Angaben ergänzt werden. In der vorliegenden Studie wird ← 11 | 12 →demgegenüber gezeigt, dass, auch wenn mit fertigen Textbauplänen gearbeitet wird, dem individuellen Intentionsausdruck in beiden Sprachen freier Raum gelassen wird.

Darüber hinaus wird den Deutschen zugeschrieben, dass sie sich ziemlich direkt äußern, so z.B. im Vergleich zu Koreanern (vgl. Min-Soon Seo 2003) oder Schweden (vgl. Breckle 2003). Die vorliegende Studie soll zeigen, wie es sich in der Korrespondenz im deutsch-polnischen Vergleich verhält.

Das Konzept der vorliegenden Monografie stützt sich auf die kommunikativ-pragmatische Orientierung in der Textlinguistik. Es wird hier von der Annahme ausgegangen, dass man mit Sprache und durch Sprache gezielt handelt. Daher gilt das Sprachhandlungskonzept als begrifflicher Rahmen der Untersuchung. Es werden die für die Analyse wichtigen Ansätze der Sprechakttheorie diskutiert sowie die sprechakttheoretisch fundierte Herangehensweise an Geschäftsbriefe als Gebrauchstexte begründet.

Der Vollständigkeit der Darstellung halber werden auch die Klassifikationsvorschläge des Geschäftsbriefes im Rahmen der Textsortentheorie kritisch erörtert und eigene Definitionsansätze für den Geschäftsbrief dargelegt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem im Rahmen der germanistischen Textlinguistik entwickelten Ansatz der Mehrfachzuordnung im Sinne von Heinemann/Heinemann (2002) und Heinemann/Viehweger (1991), unter Hervorhebung der funktionalen Ebene.

Zudem wird auch auf die Untersuchung des Geschäftsbriefes in der polonistischen Textologie eingegangen. Die wichtigsten Unterschiede im polonistischen und germanistischen Zugang werden vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Entwicklungswege beider Wissenschaftsdisziplinen gegenübergestellt.

Im Folgenden wird der Geschäftsbrief als eine in gesellschaftliche Prozesse integrierte sprachliche Handlung unter Anwendung von Methoden der Illokutionsstrukturanalyse behandelt. Während die satzbezogene Perspektive aufgehoben wird, wird die Analyse um die funktionale Betrachtung des Textes als Ganzes unter Berücksichtigung der ganzen Vielfalt von mentalen und außersprachlichen Faktoren erweitert.

Der Ausgangspunkt für die Entwicklung des eigenen Analysemodells war der Ansatz von Rosengren und der so genannten Lunder Gruppe5 sowie deren ← 12 | 13 →Nachfolger und Kritiker, für die das Segmentieren der Texte in Illokutionen im Mittelpunkt der Diskussion steht. Nach dem Illokutionsstrukturkonzept wird angenommen, dass sich an den Hierarchiestrukturen der einzelnen Illokutionen in Texten die Strategie des Textverfassers nachvollziehen lässt. Obwohl mehrfach kritisiert, wird die Illokutionsstrukturanalyse (ISA) auch in neueren textlinguistischen Forschungen eingesetzt (vgl. Schmitt 2008; Lenk 2011, 2012; Petkova-Kessanlis 2009), darunter auch in kontrastiven Ansätzen.6

Intentionalität in deutschen und polnischen Geschäftsbriefen erscheint in der vorliegenden Abhandlung als tertium comparationis. Dabei wird den Möglichkeiten des indirekten Ausdrucks besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt. Es wird besonders beachtet, dass der indirekte Ausdruck in einem engen Zusammenhang mit geltenden Konventionen oder sogar Ritualen steht, sowie mit zahlreichen außersprachlichen Faktoren. Hier sind vor allem soziale, oft festgelegte Rollen der Partner oder der allgemeine situative Kontext des Wirtschaftsverkehrs zu nennen.

In der Analyse werden Geschäftsbriefe unter die Lupe genommen, mit denen gebeten, aufgefordert oder abgelehnt wird. Das Auswahlkriterium war dabei die Tatsache, dass sich eben solche Briefe durch eine ziemlich hohe Freiheit in der sprachlichen Textgestaltung auszeichnen. Damit stehen sie im Gegensatz etwa zu Angeboten, die in hohem Maße standardisiert sind und aus diesem Grunde in den meisten Fällen aus der Analyse ausgeklammert wurden.

Das Hauptziel der Arbeit liegt darin, einen interkulturellen Beitrag zu einem besseren Verständnis von Intentionen von Geschäftsbriefverfassern im Feld deutsch-polnischer Wirtschaftszusammenarbeit zu leisten. Da die Studie sich größtenteils auf die 2007 und 2008 durchgeführte Analyse damals zugänglicher Originalbriefe stützt und für die vorliegende Ausgabe nur leicht überarbeitet wurde, werden die im letzten Jahrzehnt als Mittel der externen ← 13 | 14 →Unternehmenskommunikation stark verbreiteten E-Mails darin nicht berücksichtigt. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass diese elektronische Kommunikationsform im Bereich des Ausdrucks von Intentionen nicht allzu stark von den hier analysierten Geschäftsbriefen abzuweichen scheint7. Eine Begründung dieser These erfordert allerdings weitere textlinguistische Untersuchungen. Dies eröffnet ein neues, sicherlich ebenso spannendes Forschungsgebiet.

Ohne die wohlwollende Unterstützung von vielen Personen, die mich auf meinem wissenschaftlichen Weg begleitet haben, hätte das vorliegende Buch nicht Wirklichkeit werden können. Mein besonderer Dank gilt hier meiner lieben Doktormutter, Frau Professor Zofia Bilut-Homplewicz von der Universität Rzeszów/Polen. Unermüdlich hat sie mich in meinem Vorhaben bestärkt. Jederzeit stand sie mir mit Rat und Tat zur Seite. Und trotz eigener hoher Arbeitsbelastung fand sie immer Zeit, meine zahlreichen Fragen zu beantworten und meine Zweifel zu zerstreuen. Ihr unerschütterlicher Glaube an das Gelingen meiner Arbeit war mir eine große Stütze.

Danken möchte ich auch der Mitherausgeberin der Reihe „Studien zur Text- und Diskursforschung“ und Gutachterin meiner Dissertation, Frau Professor Zofia Berdychowska von der Jagiellonen-Universität Krakau/Polen für ihre freundliche Ermunterung, unsere wegweisenden Gespräche und ihre kritischen Bemerkungen zu meiner Arbeit. Ebenso gilt mein Dank dem zweiten Gutachter meiner Dissertation, Herrn Professor Zdzisław Wawrzyniak von der Universität Rzeszów für seine Anstöße, den Band mit zusätzlichen Ideen zu bereichern.

Herrn Professor Wolfgang Heinemann, Herrn Professor Gerd Antos und Herrn Professor Heinz-Helmut Lüger danke ich herzlich für ihr ständiges Interesse an meinem wissenschaftlichen Tun sowie anregende Fachgespräche, die mich zur Veröffentlichung der Studie ermuntert haben. Für die sprachliche Beratung danke ich besonders meinen lieben Freunden Anna Młynarska und Armando Garcia-Schmidt.

Und last but not least gebührt mein tiefster Dank meiner Familie und meinen Eltern, denen ich dieses Buch widme.

Moim Rodzicom

__________

1 Vgl. Glock (2000: 177).

2 Zu den kontrastiven textlinguistischen Studien vgl. zum Beispiel:

Arntz (1992); Baumann/Kalverkämper (Hrsg.) (1992); Krause (1998, 2000); Peotta (1998) zu der kontrastiven Fachtextpragmatik - mit dem deutsch-italienischen Vergleich von juristischen Texten (Gerichtsurteile); oder Büchle (2001) – mit einer interessanten deutsch-spanischen Thematisierung der sprachlichen Höflichkeit in Briefen, aber unter einer eher allgemein gerichteten Perspektive auf die Textsorte „offizieller Brief“, und vor allem unter dem Gesichtspunkt der Konsequenzen für den DaF-Unterricht; Eckkramer/Eder (2000) – zum interlingualen Vergleich u.a. von Stellenanzeigen; Henk (2003) – zum Vergleich von französischen und deutschen Stellenanzeigen; Szwed (im Druck, a) - zu sprachlichen Mitteln der polnischen und deutschen Mitarbeiteranwerbung online.

3 Min-Soon (2003) hat in seiner Studie u.a. die Indirektheit des Ausdrucks thematisiert, es ging dabei aber um allgemeine Probleme der interkulturellen Kommunikation (wie Missverständnisse) und um einen deutsch-koreanischen Vergleich von argumentativen Gesprächen und deren unterschiedlichen Stadien.

4 Bei Hundt (2000) finden wir zum Beispiel im Artikel zum Thema Textsorten des Bereichs Wirtschaft und Handel nur einen einzigen Satz zu Geschäftsbriefen; zu weiteren möglichen Definitionen des Geschäftsbriefes bei Ermert (1979), Sandig (1975), Rolf (1993) u.a. vgl. in dieser Arbeit im Kap. 3 Linguistisch fundierte Charakteristik der Geschäftsbriefe, und v.a. im Kap. 3.1.3 Zuordnung des Geschäftsbriefes im Rahmen der Textsortentheorie. In diesem Zusammenhang sei auch auf zahlreiche Publikationen zu Geschäftsbriefen zu verweisen, die einen Ratgeber-Charakter tragen, wie Duden - Briefe und E-Mails gut und richtig schreiben (2013); Duden – Geschäftskorrespondenz (2011); Duden – Moderne Geschäftsbriefe – leicht gemacht (2008); Deutscher/Schätzlein (2000); Franken/Spillner (1997); Schmedemann (1994).

5 Gemeint ist hier das sprechakttheoretisch orientierte Textanalyseprogramm, das Anfang der 1980er Jahre von der Lunder Forschungsgruppe unter der Leitung von Inger Rosengren entwickelt wurde. Zur Arbeit dieser Gruppe vgl. die regelmäßig erscheinende Publikationsreihe „Sprache und Pragmatik“, z.B. Rosengren (Hrsg.) (1981; 1983; 1984); Koch/Rosengren/Schonebohm (1981); Brand et al. (1983). Zu der ISA-Methode vgl. auch: Motsch/Viehweger (1981); Heinemann/Viehweger (1991: 58-60); Lenk (1986); Pätzold (1986).

6 Vgl. in diesem Kontext z.B. Untersuchungen der Pressetexte: Schmitt (2000) – in der deutsch-englischen Perspektive; Wen (2001) im deutsch-chinesischen Vergleich; Petkova-Kessanlis (2012); Mac (2012), Szwed (2012) und Hanus (2013) – im deutsch-polnischen Vergleich; Untersuchungen von Dillman (2009) in der deutsch-japanischen Perspektive; oder Bemerkungen zum Einsatz der ISA in der vergleichenden Analyse von Geschäftsbriefen in Szwed (2012) sowie zur ISA als Forschungsmethode der kontrastiven Textlinguistik in Szwed (i.D.) und zum Einsatz der Elemente von ISA beim interlingualen Vergleich von Stellenanzeigen online (Szwed, i.D., a).

7 Es sei hier nur kurz darauf hingewiesen, dass das Streben nach der Knappheit des Ausdrucks in der E-Mail-Korrespondenz zu vielen formellen Unterschieden in Bezug auf die gedruckte Geschäftskorrespondenz geführt hat. In diesem Zusammenhang vgl. u.a. Bemerkungen zur Demokratisierung der Anredeformen in der elektronischen Korrespondenz in Berdychowska (2012: 15ff.)

← 14 | 15 →1 Sprachhandlungskonzept als begrifflicher Rahmen der Untersuchung

Für den Zweck der dieser Dissertation zugrunde liegenden Analyse von Intentionsausdruck in Geschäftsbriefen ist die allgemein anerkannte, aber lange Zeit unterschätzte These, dass man mit Sprache und durch Sprache handelt, von entscheidender Bedeutung.

„Handlungen sind Aktivitäten, mit denen ein Aktor in einer gegebenen Situation die Absicht verfolgt, einen bestimmten Zielzustand herbeizuführen“ – so lautet die einfachste Definition einer Handlung nach Motsch (2000: 414). Da ich mich in der vorliegenden Arbeit mit dem sprachlichen Ausdruck von Intentionen in Geschäftsbriefen befasse, also mit einem durchaus zweckrationalen Handeln, scheint es in diesem Zusammenhang angebracht, sich zuerst dem Begriff der Handlung selbst zuzuwenden.

Grundlegend ist dabei die Abgrenzung des Begriffs „Handlung“ von dem Oberbegriff „menschliches Verhalten“. Ohne auf eine genauere Erörterung der Verhaltensforschung8 eingehen zu können, will ich an dieser Stelle nur andeuten, dass dieses Verhalten unbewusst/ungerichtet (wie etwa Husten oder Niesen) oder aber bewusst/gerichtet sein kann, was an einem von Heinemann/Heinemann (2002: 3) vorgeschlagenen Schema des begrifflichen Umfelds der sprachlichen Kommunikation deutlich veranschaulicht wird. Diesem Schema folgend lässt sich das Handeln als bewusstes, zielgerichtetes, aktives Verhalten definieren. Da der Mensch ein soziales Individuum ist, ist das menschliche Handeln meistens auf einen (Interaktions-)Partner bezogen9, wodurch eine soziale Interaktion geschaffen wird.

Als Begründer der Verstehenden Soziologie, die den sozial handelnden und die Handlungen anderer deutenden Menschen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt hat, gilt Max Weber, einer der bedeutendsten deutschen Soziologen und zugleich Politologen. Weber hat durch die zentrale Position des sozial handelnden Menschen in seinen Werken die Grundlage für die linguistische Interaktionsanalyse geschaffen. Damit ist seine Theorie auch für die Zwecke dieser Arbeit ← 15 | 16 →grundlegend. Aus diesem Grunde soll hier auf einige seiner Thesen Bezug genommen werden.

Für Weber bedeutet Handeln ein menschliches Verhalten „wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. Soziales Handeln aber soll ein solches Handeln heiβen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Weber1921, zitiert nach Auer 1999: 104)

So unterstreicht Weber die Orientierung des Handelns auf andere Personen, was sich ja mit der oben genannten Partnerbezogenheit deckt.

Die Sinnzuschreibung für Äuβerungen kann bei Weber entweder objektiv oder subjektiv erfolgen. Der objektive Sinn einer Äuβerung ist von den beteiligten Handelnden unabhängig und liegt in der Bedeutung der isoliert betrachteten sprachlichen Struktur. Unter dem objektiven Sinn sei das lexikalisch und syntaktisch angelegte Bedeutungspotential einer Äußerung zu verstehen, unter dem subjektiven Sinn dagegen ihre handlungs- und verstehensbedingte Bedeutung. Der subjektive Sinn wird erst in einem konkreten situativen Kontext aus dem objektiven Sinn einer Äuβerung erschlossen. Für Weber ist es der subjektive, vom Handelnden gemeinte und in einem Situationsrahmen deutend zu verstehende Sinn die zentrale Untersuchungsgröße der Soziologie, was auch auf die Linguistik der sprachlichen Handlung zutrifft. Dadurch unterscheiden sich diese Wissenschaften von den Naturwissenschaften, welche Bedeutungen als objektive Prozesse untersuchen.

Das Erfassen des subjektiven Sinns einer Handlung eines idealtypischen Handelnden bezeichnet Weber als „Verstehen“. Er unterscheidet vier Bestimmungsgründe des Handelns, indem er zwischen wertrationalem, affektuellem, traditionalem und zweckrationalem Handeln differenziert10.

Wertrationales Handeln ist an der Erhaltung der Werte orientiert, wird also unabhängig vom Erfolg, aufgrund von Geboten oder aber aus ästhetischen Gründen realisiert.

Affektuelles Handeln ist im Wesentlichen aus seiner Abweichung vom zweckrationalen Handeln heraus erklärbar.

Traditionales Handeln umfasst jedes habituelle Verhalten, bei dem von einem Bewusstsein der Sinnhaftigkeit des Handelns beim Handelnden kaum die Rede sein kann. Dieses Handeln beruht auf Gewohnheit und wird von Weber nur als Randerscheinung des sozialen Handelns betrachtet.

← 16 | 17 →Der für diese Arbeit wichtigste Grundtyp ist das zweckrationale Handeln, das vernunftorientiert ist und der möglichst optimalen Verwirklichung eines bestimmten Handlungsziels dient. Beim zweckrationalen Handeln kann dem Handelnden eine bestimmte Motivation zugeschrieben werden. Bei Weber ist die ideale Zweckrationalität der wichtigste Fall sozialen Handelns. Zugleich ist sie auch für die linguistische Pragmatik grundlegend und u. a. bei Rehbein in seiner Konzeption des „Planens“ als Stadium des Handlungsprozesses wiederzufinden (Rehbein 1977).

Das zweckrationale Handeln ist auch in unserem Fall des sprachlichen Handelns beim Verfassen der Geschäftsbriefe grundlegend. Jede sprachliche Handlung beim Verfassen von Geschäftsbriefen ist absichtsgelenkt, was bedeutet, dass der Briefverfasser jeweils eine konkrete Intention hat bzw. ein konkretes Ziel verfolgt. Geschäftsbriefe werden geschrieben, um mittels einer angemessenen Ausdrucksweise von Intentionen den Adressaten zum Ausführen oder Unterlassen einer Handlung zu bringen bzw. bei ihm eine Bewusstseinsänderung zu bewirken. Der Erfolg der Handlung aus Sicht des Verfassers der Geschäftskorrespondenz hängt hauptsächlich davon ab, ob seine Intention vom Adressaten richtig verstanden wird, d.h. ob dieser von der Argumentation überzeugt wird. Darüber hinaus hängt der Erfolg auch davon ab, ob der Adressat über das entsprechende Potential verfügt, um die vom Verfasser gewünschte Handlung auszuführen bzw. den gewünschten Zustand herbeizuführen.

Der soziale Faktor des Handelns wird von Weber sehr breit gefasst und schließt sowohl sprachliche als auch nichtsprachliche Handlungen ein, darunter sowohl „äuβeres Tun“ als auch Unterlassen sowie auch beispielsweise Denken als „inneres Tun“. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass für Weber nur einzelne Individuen zu einer sinnvollen sozialen Handlung fähig sind, gröβere soziale Einheiten wie etwa Nationen, versteht er dagegen als ein „Geflecht und Verflechtung von Einzelhandlungen“ (nach Auer 1999: 107).

Ich plädiere an dieser Stelle auch für eine möglichst breite Auffassung der Partnerbezogenheit des Handelns und will dabei unterstreichen, dass über das Vorhandensein einer Partnerbezogenheit einer Handlung letztendlich nur in einer konkreten Handlungssituation entschieden werden kann.11 Sogar das ← 17 | 18 →typisch ungerichtete Verhalten wie Husten kann, situationsbedingt, beispielsweise während eines langweiligen bzw. unangenehmen Gesprächs ein Mittel sein, eine zu lange Aussage des Gesprächspartners zu unterbrechen. Somit wäre auch dieses bewusst angewandte Husten als partnerbezogen, also intentional zu deuten.

Die Realisierung einer Absicht in einem sozialen Rahmen kann als zentrale Aktivität bzw. Komponente sozialen Handelns aufgefasst werden. Diese Realisierung kommt in unserer Alltagswelt gröβtenteils mit und durch Sprache zustande. Daraus folgt, dass das Sprachhandeln in Form von Produktion, Rezeption und Verarbeitung von (mündlichen und schriftlichen) Texten eine grundlegende soziale Tätigkeit des Menschen ist. Sie sichert die zwischenmenschliche Kommunikation. Die Kommunikation wird hier in Anlehnung an Linke/Nussbaumer/Portmann (1994) als eine symbolische Interaktion verstanden, wobei der Begriff der Interaktion als partnerorientiertes, intentionales Handeln zu deuten ist. Betont sei an dieser Stelle, dass das kommunikative Handeln nicht nur durch sprachliche Kommunikationsmittel (wie schriftsprachliche Kommunikationsakte), sondern auch durch nichtsprachliche (wie Gestik, Mimik, bildliche Darstellungen) bzw. durch ein Zusammenwirken beider Mittel (wie Bildergeschichten, Comics, Werbeanzeigen mit Bildern bzw. „face-to-face“-Kommunikation) realisiert wird (vgl. Brinker 1997: 83). Ich schlieβe mich hier der von Pragmatikern vertretenen These an, dass man durch das Kommunizieren mit Sprache, d.h. durch sprachliches Handeln, die Welt ebenso verändern kann wie durch jedes andere Handeln. Somit begegnen wir der zentralen Frage der linguistischen Pragmatik nach der kommunikativen Wirksamkeit, also der Frage, wie durch Sprachgebrauch etwas bewirkt werden kann. Erwähnt sei, dass man sich bereits früher, noch vor der pragmatischen Wende in der Linguistik in den 1970er Jahren, im Rahmen der Rhetorik für diese Frage interessierte. Jedoch hat erst die Einsicht, dass der Mensch mit und durch die Sprache zielgerichtet handelt, und sich dabei auf eine soziale Umwelt bezieht, in der er lebt und von der er geprägt ist, die er oftmals selbst mit herstellt (konstruiert), dem funktionsorientierten Herangehen an Texte in der Linguistik den Weg gebahnt.

Die pragmatische Wende in der Linguistik der 1970er Jahre wurzelte in der im selben Zeitraum in allen Human- und Kulturwissenschaften gemeinsamen Überzeugung der sozialen Vermitteltheit wissenschaftlicher Erkenntnis, der sozialen Konstituiertheit der zu erklärenden Gegenstände sowie im Anspruch auf ← 18 | 19 →gesellschaftliche Bedeutung und praktische Relevanz jeglicher Theoriebildung. Damit erfuhr auch die Literatur eine Neuorientierung auf die gesellschaftliche Wirksamkeit hin, und die Philologien sahen in jeder textgebundenen Kommunikation, auch in Alltagstexten und nicht primär sprachlichen Texten (Film, Fernsehen, Werbung etc.) ihr Sujet12.

Aus der kritischen Auseinandersetzung mit der traditionellen Identifikation der Bedeutung des begrifflichen Denotats sprachlicher Zeichen ist in der Sprachphilosophie (genauer gesagt: in der sprachphilosophischen Semantik) ein pragmatischer Bedeutungsbegriff hervorgegangen, der sich auf die Spätphilosophie Wittgensteins und seine Gebrauchstheorie der Sprache (vgl. Auer 1999: 63) stützt. Mit Wittgensteins Konzeption der operationalen Bedeutungstheorie und seinem Schlagwort „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“ (Wittgenstein 1971: 43) wurde die logische Semantik mit ihrer „vorherrschenden Referenz- und Wahrheitsproblematik“ (Feilke 2000: 70) durch eine pragmatische Semantik, von Schmidt (1968; vgl. Feilke 2000: 70) als empirische Textsemantik aufgefasst, abgelöst. Für Wittgenstein ist Bedeutung nicht das Resultat eines Akts des Meinens, sondern sie wird an die Bedingungen des auf den situativen Kontext gestützten Verstehens gekoppelt (vgl. Auer 1999: 68f.; Feilke 2000: 70). Daher wandte sich die sprachpragmatisch begründete Textanalyse den Intentionen und Regeln des kommunikativen Umgangs sowie den sozialen Rollen der Kommunikationspartner zu. Sie interessiert sich für bestimmte Muster und Regeln des situativen Sprachgebrauchs (vgl. Linke/Nussbaumer/Portman 1996: 171f.).

Die pragmatische Wende hat den Prozess der wissenschaftlichen Etablierung einer linguistischen Pragmatik eingeleitet (vgl. Wunderlich 1970, 1972, 1976, Maas/Wunderlich 1972). Die linguistische Pragmatik verdankt ihr Entstehen in erheblichem Maße der Sprachphilosophie von Austin und Searle. Wie Feilke (2000: 70) konstatiert, war bei Austin die Performativität das zentrale erkenntnistheoretische Kriterium: „Das Sprechen bezieht sich nicht qua Proposition auf eine Wirklichkeit, sondern es ist selbst wirklichkeitskonstitutiv“ (Feilke 2000: 70). Searles wichtigster Beitrag lag in der Auffassung des illokutionären Aktes als der kleinsten Einheit der sprachlichen Kommunikation. In den 70er Jahren gab es sogar die Tendenz, die Pragmatik ausschlieβlich mit der Sprechakttheorie zu identifizieren.

Die Sprachphilosophie (hauptsächlich die von Wittgenstein und Austin) hat die spätere Erforschung des sprachlichen Handelns stark beeinflusst, insbesondere mit Bezug auf die Beschreibung der Relation zwischen dem Mitgeteilten ← 19 | 20 →und Gemeinten in der Sprechakttheorie aus der Produzentenperspektive, in der Theorie der Konversationsmaximen von Grice (1957, dt. 1979) dagegen - unter Berücksichtigung der Rezipientenperspektive (vgl. Linke/Nussbaumer/Portmann (1996: 180f.).

Linke/Nussbaumer/Portman (1996: 182) stellen fest, dass die Pragmatik die wichtige Frage, „wie der Gebrauch von im System angelegten Möglichkeiten durch situative und kommunikative Bedingungen gesteuert wird“, in die Linguistik eingeführt hat. Denn pragmatische Faktoren beeinflussen stets, welche Laute, syntaktische Konstruktion und Wörter wir aus den Ressourcen unseres Sprachrepertoires auswählen (vgl. Crystal 1995: 120).

Die Rezeption der „pragmatischen Wende“ hat jedoch auch kritische Fragen aufgeworfen, z.B. die nach der Begrenztheit der Pragmatik auf einen eng umschriebenen Untersuchungsbereich oder nach fehlenden Text-Kontext-Beziehungen (vgl. Feilke 2000: 67). Feilke bringt (sich auf Scherner 1984 beziehend) den Einwand vor, „die Tradition eines die Leistungen des Verstehens in Rechnung stellenden Sprachbegriffs, die Dimension der „Sprache als Text“ bleibt in der sprechakttheoretisch dominierten Pragmatik der Wende weitgehend unberücksichtigt“. Nerlich (1995: 31113) schließlich kam zum Schluss: „Austin, Wittgenstein, and Grice were hailed as heroes in the 1970s and their insights were quickly integrated into a systemoriented linguistics looking for universal features of language“. Die kritische Auseinandersetzung mit dem “Wende”-Modell (nach Feilke 2000: 68) hat zur Entwicklung eines „integrativen Ansatzes“ (vgl. Heinemann/Viehweger 1991; Brinker 1985; 199614) beigetragen, in dem ein Textanalysemodell nach Beschreibungsebenen differenziert wird.

Der für meine Untersuchung zentrale Begriff des Sprachhandelns steht in den linguistischen Forschungen oftmals im Gegensatz zum Begriff der Sprache als System. So verweist der Begriff des Sprachhandelns auf „die Erforschung der faktischen Erscheinungsweisen der Sprache in der alltäglichen Praxis unter Berücksichtigung der Menschen, die diese Praxis ausüben, im Gegensatz zu einer strukturalistischen und systemimmanenten Analyse der Sprache, bei der von ihrem Gebrauch konsequent abstrahiert wird“ (Lewandowski 1994: 1021f.). Dieser Entgegensetzung begegnen wir schon bei de Saussure und seiner Auffassung von langue und parole. Das Hauptaugenmerk richtet sich hier auf den Begriff langue, der eingehend definiert wird, während parole – das Sprechen – lediglich „als das, worin die langue sich zwar manifestiert, aber gleichzeitig ← 20 | 21 →eben nicht mehr als langue gefasst werden kann“ bezeichnet wird (zitiert nach Linke/Nussbaumer/Portmann 1994: 170). Bühler (1982) hat zwar dem Sprachgebrauch mehr Aufmerksamkeit geschenkt, indem er pragmatische Phänomene sehr eindrücklich darstellte, sein Ansatz blieb jedoch zunächst von den meisten Linguisten unbeachtet. Schon die Bezeichnung des Bühlerschen Modells als das „Organonmodell“ oder „Werkzegmodell“ (von griech.organon = Werkzeug, Instrument, Organ; vgl. Auer 1999: 22) weist einen deutlichen Unterschied zu de Saussure’schen zweiseitigen Zeichenmodell mit der Ausdrucks- und Inhaltsseite auf. Bei Bühler werden drei Bezugspunkte des sprachlichen Zeichens identifiziert: erstens ein Sprecher, zweitens ein Hörer und drittens diejenigen Gegenstände und Sachverhalte, über die gesprochen wird (Denotat). Für Bühler konstituiert sich das Zeichen erst in der Kommunikationssituation, d.h. in der Beziehung zwischen den drei Bezugspunkten Sprecher, Hörer und Denotat. In die Konstitution des sprachlichen Zeichens geht von Anfang an das Sprechumfeld ein. Den drei Dimensionen des Zeichens ordnet Bühler die folgenden Sprachfunktionen zu: Kundgabe oder Ausdruck (Sprecher), Auslösung oder Appell (Hörer) und Darstellung (Denotat) (vgl. Auer 1999: 22ff.). Unbestritten ist damit die Tatsache, dass Bühler „ein umfassendstes Modell für einen ungeteilt pragmatischen Begriff der Sprache als Kommunikationsmittel mit ausdrücklichem Sprecher-Hörer-Bezug“ entwickelt hat (Feilke 2000: 67).

So sind wir zu dem für die linguistische Pragmatik zentralen Schluss gekommen, dass die Sprache nicht als ein System an sich existiert15, sondern dass von der Sinnbezogenheit der Sprache als System erst das Handeln mit und durch Sprache entscheidet. Dieser Gedanke lag der Sprechakttheorie zugrunde, auf die im Kapitel 4 Zu Handlungsstrukturen von Texten in der vorliegenden Arbeit (unter Hervorhebung der für die Zwecke der Analyse von Intentionsausdruck in Geschäftsbriefen wichtigen Ansätze dieser Theorie) näher eingegangen wird.

Erwähnt sei jedoch an dieser Stelle, dass z. B. Bühlers Sprechakte als Bestandteile von (den komplexen) Sprachhandlungen eines einzelnen Sprechers aufzufassen sind. So setzen sich Sprachhandlungen aus Sprechakten zusammen wie etwa eine Erzählung aus einzelnen Schritten.

Wunderlich setzt dagegen Sprechakte und Sprachhandlungen gleich. Sprachhandlungen ersetzen bei Wunderlich materielle Handlungen, sie „bereiten zukünftige Handlungen vor, klären vergangene Handlungen auf, leiten zu Handlungen an und stellen soziale Faktoren her“ (Lewandowski 1994: 1024). Eine so weitgefasste Auffassung von Sprachhandlungen, die in einem komplexen ← 21 | 22 →Handlungsraum erfolgen und bestimmte Handlungsstadien durchlaufen, legt eine Notwendigkeit der Überprüfung nahe, welche von den für materielle Handlungen typischen Merkmalen auch für die Sprachhandlungen gelten. Dabei will ich mich auf die dargestellte Analyse von mentalen Dimensionen des Handelns und Stadien des Handlungsprozesses von Jochen Rehbein (1977) stützen. Meine Überprüfung erhebt jedoch hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie soll vorrangig der für diese Dissertation wichtigen Begründung der Deutung von Sprachhandlung als Teil übergreifender menschlicher Handlungsprozesse dienen.

Ich schlieβe mich hier der von Rehbein vorgeschlagenen, sehr breit angelegten und komplexen Auffassung der Handlung an. Seine detaillierte Aufteilung der Handlung in ganz kleine Stadien unter Einbeziehung der Vor- und Nachgeschichte einer gegebenen Handlung ermöglicht es, die Komplexität jeder Einzelhandlung und Verkettung von Einzelhandlungen zu einem Gefüge von Handlungen zu unterscheiden. Diese Komplexität bezieht sich sowohl auf die materiellen und alltäglichen als auch auf die sprachlichen Handlungen. Besonders wichtig ist m. E. bei Rehbein die analytische Trennung der Handlungsausführung als eigenes Stadium der Handlung, während „in der handlungstheoretischen Literatur oft die Ausführung einer Handlung (…) als die Handlung selbst missverstanden wird“ (Rehbein 1977: 175).

1.1 Sprachhandeln als Bestandteil übergreifender Handlungsprozesse

Die Komplexität der sprachlichen Handlung bedeutet in dem für diese Arbeit relevantem Zusammenhang, dass die Handlung „Verfassen eines Geschäftsbriefes“ zugleich als, erstens, eine abgetrennte selbständige Einzelhandlung und, zweitens, als eine Teilhandlung in einer Handlungskette fungieren kann. Obwohl ich mich im Folgenden auf die Analyse des Verfassens von Geschäftsbriefen als einer ausgesonderten Einzelhandlung konzentriere16, so soll aber hervorgehoben werden, dass dieses Verfassen eine Teilhandlung in einem komplexen Zusammenhang wie etwa „Vertrag aushandeln“, „Mangelrüge erledigen“, „Auftrag ausführen“, „Kostenrückerstattung herbeiführen“ usw. mit einer komplexen Zielsetzung, darstellt. Die Handlung des Briefverfassens wird ← 22 | 23 →hier für die Zwecke der nachfolgenden Analyse herausgelöst betrachtet. Die Untersuchung einer komplexen Handlung wie „Vertrag aushandeln“ würde dagegen den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen. Am Rande sei jedoch bemerkt, dass der Geschäftsbrief selbst auch als Komponente einer umfangreicheren Texteinheit gesehen werden kann, nämlich des Diskurses in Form Briefwechsels mit einer bzw. einigen gemeinsamen, sich auch ändernden und mitunter für jeden der Beteiligten unterschiedlichen Zielsetzungen, welcher über einen längeren Zeitabschnitt hinweg abläuft und aus vielen Einzelbriefen besteht.

1.1.1 Mentale Dimensionen des Handlungsraums

Für Rehbein (1977) gehören zur Handlung nicht nur einzelne Stadien des Handlungsprozesses, sondern auch die mentale Dimension des Handlungsraums. So haben die mentalen Faktoren neben den objektiven Bedingungen des Handlungsraums einen groβen Einfluss auf den Handlungsprozess. Zur mentalen Dimension werden von Rehbein gezählt: Wissensraum, Mechanismen des Wahrnehmens, des Glaubens, des Bewertens und der Motivation.

Im Wahrnehmungsprozess werden Elemente der Wirklichkeit von Aktanten mit Hilfe der Sinne, hauptsächlich des Hörens und Sehens, wahrgenommen. Das Wahrnehmungsfeld des Aktanten wird durch die Tatbestände, Ereignisse, Personen usw., die Gegenstand der Wahrnehmung sind, gebildet. Im Wahrnehmungsfeld erfolgt dann zwischen den Aktanten eine direkte bzw. indirekte Informationsübergabe und –aufnahme. Rehbein weist auf eine Standortgebundenheit der Aktanten im räumlich-zeitlichen Gefüge hin. In diesem Sinne könnte die für die Handlung des Briefverfassens typische räumlich-zeitliche Trennung zum (Interaktions-)Partner, für das Verschaffen von ihnen eines gemeinsamen Wahrnehmungsfeldes problematisch sein. Die Aktanten können aber ein gemeinsames Wahrnehmungsfeld erreichen, indem sich jeder von ihnen in einem Ausschnitt seines augenblicklichen räumlich-zeitlichen Gefüges auf gemeinsam interessierende Tatbestände, Personen oder Ereignisse bezieht. Dieser Bezug ist m. E. im Fall der Geschäftsbriefe besonders stark, weil diese sich durch einen sehr engen Zusammenhang mit einem bestimmten Ausschnitt der Realität auszeichnen. Da die Kommunikation zwischen den Aktanten schriftlich erfolgt, spielt der Sehsinn die wichtigste Rolle. Auch der gemeinsame Wissensvorrat der Aktanten ist hier von groβer Bedeutung. Das dadurch gebildete gemeinsame Wahrnehmungsfeld spielt für Aktanten eine Vermittlerrolle während der unter den Bedingungen einer zeitlich-räumlichen Trennung ablaufenden sprachlichen Kommunikation.

← 23 | 24 →Die Hauptfunktion des Wahrnehmungsmechanismus ist der Identifizierungsakt, in dem ein Aktant auf Grund des ihm verfügbaren mehr oder weniger bewussten Vorwissens in einer Reihe von Prozessen des Aufsuchens, Sich-Erinnerns usw. ein Wirklichkeitselement als einen Sachverhalt XY identifiziert.

So können die Beteiligten eines Geschäftsbriefwechsels aufgrund ihrer Kenntnis über ein bestimmtes Element der Wirklichkeit eine im Brief beschriebene Anlage als die ihnen bekannte und im Werk verfügbare bzw. gerade gelieferte identifizieren. Ähnlich identifiziert ein Aktant einen Brief aufgrund einer bestimmten äuβeren Form und gemäβ seinem Vorwissen über einzelne Formen des Geschäftsbriefmusters als eine Mangelrüge oder als ein Angebot. Wenn zum Beispiel eine Anlage im Werk gerade einen Betriebsausfall hat, dann sucht ein Aktant in seinem Vorwissen nach Elementen, die ihm es erlauben, die gegebene Anlage zu identifizieren und sie einem bestimmten Produzenten bzw. Lieferanten zuzuordnen. Dadurch wird sein Vorwissen über das gegebene Wirklichkeitselement aktualisiert und festgehalten. Ein solcher Identifizierungsprozess kann ebenso durch die Überprüfung von Unterlagen oder telefonischer Erkundigung erfolgen. Es wird deutlich, dass der Identifizierungsakt und die Schaffung eines gemeinsamen Wahrnehmungsfeldes durch die Aktanten auch im indirekten Kontakt erfolgreich zustande kommen kann.

Da der Prozess der Wahrnehmung oft parallel zum Prozess der Wissensaktualisierung verläuft, hängen die beiden mentalen Dimensionen des Handlungsraums eng zusammen. Der Begriff „Wissensraum der Aktanten“ wird hier als eine Komponente der Dimensionen des Handelns betrachtet, ohne ihn theoretisch ausführlich zu behandeln. So kann der jeweilige Wissensraum eines Aktanten in Anlehnung an Rehbein (1977: 35) als „die Menge der Sachverhalte (‚Welten‘), die ihm zum Zeitpunkt seines Handelns auf dem Handlungsfeld zugänglich sind“ gedeutet werden. Zugleich wird sein Wissensvorrat ins Handlungsfeld übertragen. Jeder einzelne Aktant ist dabei auch Träger des in der Gesellschaft verfügbaren, kollektiven Wissens, d.h. des gesamten, von der Kollektivität erarbeiteten Wissens, das von Wittgenstein als das „Fundament des Wissens“ bezeichnet wird.17 Das Wissen des Aktanten ist nach Ehlich/Rehbein (1975, zitiert nach Rehbein 1977: 35) „eine Widerspiegelung der kollektiven Wirklichkeit, die den Aktanten umgibt“. Daraus folgt, dass der Aktant im Handlungsprozess des Geschäftsbriefverfassens neben dem allgemeinen, der gesamten Gesellschaft zugänglichen Wissen auch über ein kollektives, aber fachkreisbezogenes, d.h. einer bestimmten Akteursgruppe immanentes Wissen verfügt. Der Anteil der ← 24 | 25 →Aktanten am fachlichen Wissen einer Kollektivität ergibt sich jeweils aus der sie umgebenden Wirklichkeit. So kann es z. B. das den Mitarbeitern der Baubranche gemeinsame fachliche Wissen sein, oder das auf die Buchführung bezogene Wissen in der Geschäftskorrespondenz zwischen zwei Buchhaltern, oder aber das fachliche Wissen über den Herstellungsprozess einer bestimmten Anlage in der Korrespondenz zwischen dem Hersteller und seinem Lieferanten. Wichtig ist anzumerken, dass der Wissensraum im Kommunikationsprozess einer ständigen Erweiterung unterliegt.

Die den Aktanten im Handlungsfeld zugänglichen Informationen werden mittels des Mechanismus des Bewertens geordnet und sortiert. Jeder einzelne Aktant verfügt dabei über verschiedene Maßstäbe, die jeweils in Bezug auf die gegebene Handlung aktualisiert werden. Im Rahmen des Bewertensmechanismus werden von Aktanten unterschiedliche Einzelprozeduren wie Vergleichen, Einordnen, Kontrollieren, Kontrastieren oder Beurteilen angewendet.

Der Mechanismus des Glaubens ist als Determinante des Handelns für die Übertragung der Wissenselemente sowie für die Organisation der Handlung von Aktanten, insbesondere an Schaltstellen des Entscheidungsprozesses, von wesentlicher Bedeutung. Die Bedeutung des von uns in jedweder sprachlichen Kommunikation angewandten, unbewussten Mechanismus des Glaubens (wenn wir etwas äußern, dann glauben wir an die Wahrheit des propositionalen Gehalts der Äußerung) kommt dann besonders deutlich zum Ausdruck, wenn eine Änderung dieses Mechanismus notwendig ist. Dieser Fall tritt beispielsweise dann ein, wenn wir aufgrund einer uns gelieferten Information dazu gezwungen sind, unseren bisherigen Glauben in einem bestimmten Punkt zu revidieren. Dieser Prozess wird dann etwa mit „ich dachte“ oder „ach so“ zum Ausdruck gebracht, woran zu erkennen ist, dass der Sprecher einen bestimmten Glauben hatte, den er jetzt ändern will/muss. Darüber hinaus sind auch Entschuldigungen Beispiele für den Fall, dass wir einen Irrtum mit der Anwendung eines auf unserem (bisherigen) Glauben beruhenden Wissen entschuldigen.

Die Hauptfunktion des Glaubens ist die Leitfunktion beim Handeln. Der Handelnde lässt sich in seinem Handeln von einem bestimmten Glauben leiten, welcher auch die Motivation für eine Handlung darstellt. So wird die Handlung durch den Mechanismus des Glaubens in Gang gesetzt und in Gang gehalten. Auch wenn ein Aktant einen Geschäftsbrief schreibt, hat er den Glauben an den Erfolg seiner Handlung, an die Bereitschaft und Fähigkeit des Briefpartners zur Kooperation (d.h. zur Ausführung der vom Aktanten-Briefverfasser gewünschten Handlung) bzw. an das Vorliegen der entsprechenden Erfolgsbedingungen im Interaktionsraum usw. Verliert der Aktant diesen Glauben, wird er höchstwahrscheinlich die Handlung abbrechen. Aufgrund seines Glaubens und seines ← 25 | 26 →Vorwissens über die Bedingungen einer bestimmten Situation nimmt der Aktant eine Art der Vorauskonstruktion des Handlungsfeldes vor. Durch diese Vorauskonstruktion wird dem Aktanten ein bestimmtes Handlungsfeld geöffnet; zugleich werden alternative Handlungswege ausgeblendet. Auf diese Weise trägt der Glaubensmechanismus zur Abgrenzung des Handlungsraums beim Aktanten bei. Eine weitere, von Rehbein (1977) besprochene Aufgabe des Glaubensmechanismus beim Handeln ist es, „aufgrund der Vorauskonstruktion (des Hintergrunds) des Handlungsfeldes die Integration (Verkettung) von Routinen im Rahmen einer Gesamthandlung zu besorgen“ (Rehbein 1977: 46). Routinen spielen bei der Geschäftskorrespondenz eine wichtige Rolle, zum einen beim Schreibprozess, d.h. wenn sich der Aktant der Tastatur bedient, wenn er bestimmte äuβere Formen (wie Anfangszeile, Gruβformel, Abschlusszeile, Anschriftfenster usw.) des Briefes anwendet. Diese Routinen sind für die Planung der äuβeren Form des Briefes von Bedeutung. Zum anderen greift der Verfasser auch bei der inhaltlichen Planung seiner Handlung auf Routinen zurück. Das können die im Wirtschaftsleben eingebürgerten „Zwangsmittel“ bei Zahlungsforderung bzw. Mangelrüge sein oder auch fertige Routineformulierungen, die als Mustersätze dem Vorratswissen der Interaktanten in der Wirtschaftsbranche immanent sind.

Unter die mentalen Determinanten des Handlungsraums fällt nach Rehbein auch die Motivation, die den Charakter eines Motors des Handelns trägt, weil menschliche Bedürfnisse18 durch den Motivationsmechanismus in den Handlungsraum übertragen werden. So bezeichnet Rehbein (1977: 50) Motive als „Erscheinungsformen von Bedürfnissen“. Der Motivationsmechanismus wird durch das Vorhandensein eines Bedürfnisses und seine subjektive Wahrnehmung initiiert. Wenn ein Aktant ein Bedürfnis hat, fehlt ihm ein bestimmter Sachverhalt. Den „fehlenden Sachverhalt“19 kann eine Handlung herbeiführen, welche seine Herbeiführung zum Ziel hat. Es kann passieren, dass ein Aktant mehrere Sachverhaltslücken gleichzeitig erfährt. Dann haben wir es mit Bedürfniskonflikten zu tun, die ein Aktant im Prozess der Bewertung und Entscheidung zu lösen hat. Eine solche Lösung trägt immer einen subjektiven Charakter, d.h. jeder einzelne Aktant kann denselben Bedürfniskonflikt anders lösen, je nach seiner ← 26 | 27 →individuellen Bewertungsskala. Hat ein Aktant eine Entscheidung zugunsten eines Bedürfnisses getroffen, wird sein Handlungspotential aktiviert.

Die „Mobilisierung eines Handlungspotentials durch die Thematisierung eines defizienten Sachverhalts“ wird von Rehbein (1977: 54) als „Motivation für die Handlung eines Typs“ bezeichnet, „der diesen Sachverhalt herbeiführen soll/kann“. Ein unentbehrlicher Faktor für die Aktivierung von Motivation ist eine Erfolgs- oder Erfüllungsgarantie (oder wenigstens -wahrscheinlichkeit), die vom Aktanten aufgrund seiner Kenntnisse über das Handlungsfeld einzuschätzen ist. Liegt keine Erfolgsgarantie vor bzw. wird die Erfolgswahrscheinlichkeit vom Aktanten als zu niedrig eingeschätzt, wird er die Handlung unterlassen, d.h. seine Motivation zum Durchführen dieser Handlung wird nicht aktiviert. Somit ist die Motivation bei jedem Aktanten immer von einer Kombination von Werten der Bedürfnisskala und der Erfüllungswahrscheinlichkeit abhängig.

Den oben beschriebenen Entscheidungsprozess muss in unserem Fall auch ein Verfasser eines Geschäftsbriefes durchlaufen. Er kann beispielsweise frühmorgens, wenn er sich an seinen Schreibtisch im Büro setzt und die Arbeit beginnt, noch keine Handlungsmotivation haben. Erst durch die Aktivierung der oben beschriebenen Mechanismen des Wahrnehmens, Glaubens und Bewertens sowie unter Berücksichtigung seines Wissensraums kommt er zu dem Schluss, dass er heute eine Lieferung der fehlenden Anlagenteile herbeiführen und einige weniger wichtige Angelegenheiten erledigen muss. So wird der defiziente Sachverhalt thematisiert (fehlende Anlagenteile) und eine Handlung ausgelöst, um die vorliegende Sachverhaltslücke zu beseitigen. Ein Aktant kann im Prozess der Einschätzung der Erfolgsgarantie zwischen „den Lieferanten anrufen“, „den Lieferanten besuchen“, „den Lieferanten zu einem Gespräch einladen“, „den Lieferanten anschreiben“, „eine Zeitungsanzeige machen“ u. ä. wählen. Beim Entscheidungsprozess unterliegt der Aktant unterschiedlichen Einschränkungen des Handlungsraums, z. B. räumlichen (Entfernung zwischen den Aktanten, die das Einladen zu einem persönlichen Gespräch erschwert) und zeitlichen (Zeitmangel). Hinzu kommen institutionelle Einschränkungen: Der Aktant kann die bestehende Sachverhaltslücke „fehlende Anlagenteile“ nicht an einer Bushaltestelle, in einem Lebensmittelgeschäft oder an einem Bahnhof beseitigen. Er ist auf eine bestimmte Gruppe von Ansprechpartnern (Hersteller bzw. Vertriebsnetze von bestimmten Anlagenteilen) angewiesen sowie auf bestimmte Kommunikationsmuster – so kann er die Ansprechpartner nicht in einem Disco bzw. bei einem Fuβballspiel treffen)20. Am wichtigsten sind für die Aktanten folgende ← 27 | 28 →Faktoren: Das Problem muss möglichst schnell gelöst werden und die fehlenden Anlagenteile müssen genau beschrieben werden. Unter diesem Voraussetzungen wird bei der Handlung vom Typ „Lieferanten anschreiben“ die höchste Erfolgsgarantie für die Beseitigung der bestimmten Sachverhaltslücke bestimmt. Erst jetzt kann ein Aktant mit dem Planen der Handlung „Lieferanten anschreiben“ beginnen.

Die Funktion des Motivationsmechanismus liegt also darin, einen Anstoß zu einer neuen Handlung zu geben. Daher wird der Motivationsmechanismus von Rehbein auch als „Situationseinschiebemechanismus“ bezeichnet.

Die Motivation zu einer bestimmten Handlung (wie einen Geschäftsbrief an einen bestimmten Lieferanten von Anlagenteilen schreiben) wird im nächsten Abschnitt auch als Stadium des Handlungsprozesses behandelt. Es soll unterstrichen werden, dass sich die hier thematisierten Dimensionen in einer Handlung überschneiden sowie in unterschiedlicher Reihenfolge auftreten. Sie können angesichts der Komplexität und Dynamik des Handelns als solchem nicht einzeln aus einem Handlungsprozess herausgelöst und analysiert werden.

1.1.2 Stadien und Komponenten des Handlungsprozesses

Die Handlung eines Aktanten steht immer in einem kooperativen Zusammenhang mit zurückliegenden und nachfolgenden Handlungen. Daher kann sie nicht nur als ein im Moment ablaufender Prozess angesehen werden, sondern ist in einen breiten Rahmen mit Anknüpfung an die Vorgeschichte mit vorausgehenden Resultaten sowie mit Orientierung auf die entsprechende Anschlusshandlung hin in der engeren oder weiteren Zukunft einzuordnen.

In diesem komplexen Prozess haben auch die oben behandelten mentalen Kategorien des Handlungsraums, wie z.B. Motivation ihre Funktionen zu erfüllen. Der Prozess der Gesamthandlung wird hier in Anlehnung an Rehbein (1977) in Vorgeschichte, Geschichte und Nachgeschichte gegliedert. Im Rahmen der Vorgeschichte können folgende Stadien unterschieden werden: Handlungskontext, Orientierung, Motivation und Zielsetzung. Der Handlungskontext ist unmittelbar mit dem Handlungsprozess verbunden und dauert solange wie dieser Prozess selbst. Der Handlungskontext ist einerseits durch das gegenseitige Verhältnis zwischen den Aktanten und andererseits durch den Bezug der Aktanten zu der Wirklichkeit, in der sie handeln, determiniert. Mit dem Handlungskontext hängt auch die Vorgeschichte zusammen, die in die unmittelbare Vorgeschichte mit Anknüpfung an Elemente gerade abgelaufener und noch in Gang befindlicher Handlungsprozesse einerseits und in die weitere Vorgeschichte mit Bezug auf die Gesamtheit der überindividuellen gesellschaftlichen Handlungen ← 28 | 29 →andererseits differenziert wird. Analog wird auch die Nachgeschichte in eine engere und eine weitere gegliedert, wobei die weitere Nachgeschichte Elemente umfasst, die über den aktuellen Handlungskontext hinausreichen.

Der Geschichte werden folgende Stadien zugeordnet: Planbildung, Ausführung und Resultat/Produkt. Aus dem Resultat ergeben sich zwei weitere Stadien, nämlich die Folgen und Konsequenzen, welche gemeinsam die Nachgeschichte bilden.

1.1.2.1 Handlungskontext

Im Folgenden möchte ich an einem konkreten Beispiel aus dem Bereich der Geschäftskorrespondenz nachweisen, dass der Prozess der sprachlichen, schriftlichen Geschäftskommunikation dieselben Stadien durchläuft, wie ein von Rehbein (1977) behandelter (ideal-)typischer Handlungsprozess. Damit möchte ich zeigen, dass das sprachliche Handeln als Bestandteil übergreifender gesellschaftlicher Handlungsprozesse anzusehen ist.

Vor der Analyse der einzelnen Handlungsstadien muss zuerst der Handlungskontext umrissen werden. Die Beispielshandlung ist Verfassen einer Mangelrüge wegen Lieferung einer Anlage mit Funktionsstörungen durch einen Aktanten. Unser Handlungskontext umfasst in diesem Fall zwei Aktanten – beide Briefpartner, die bestimmte Relationen zueinander21 und zur Realität haben. Ihr gemeinsames Wissensfeld konzentriert sich auf die Berufswelt, im konkreten Fall auf einen engen Ausschnitt, nämlich die Produktion, Herstellung, Preise, Liefermöglichkeiten und das Funktionieren der betreffenden Anlage. Die Lieferung einer mangelhaften Anlage ist als die unmittelbare Vorgeschichte zu deuten, wobei die Feststellung „die Anlage funktioniert nicht richtig“ einen unmittelbar ablaufenden Prozess widerspiegelt. Der betreffenden Handlung schlieβen sich einige weit zurückliegende Handlungen aus der weiteren Vorgeschichte an, wie beispielsweise „Anfrage schreiben“, „Angebot unterbreiten“, „Bestellen“. Zur weiteren Vorgeschichte gehören auch zahlreiche überindividuelle gesellschaftliche Handlungen, etwa die vorher verfassten, gelesenen bzw. untersuchten Geschäftsbriefe und insbesondere die Mangelrügen, die hier eine Musterfunktion erfüllen.

1.1.2.2 Einschätzung / Orientierung

Einschätzen ist das erste Stadium des Handlungsprozesses, in dem der oben bezeichnete Handlungskontext vom Aktanten erkannt wird. Aufgrund der ← 29 | 30 →Erkennung orientiert sich der Aktant in eine Handlungsrichtung. Die erste Stufe der Einschätzung ist die Aufnahme und Analyse der Information aus dem Handlungskontext, die mittels des im Kapitel 1.1.1 beschriebenen Wahrnehmungsmechanismus erfolgt. Der Aktant nimmt zunächst Schlüsselelemente wahr, die bestimmten Kategorien seines Wissensraums entsprechen. Gemäβ diesen Kategorien kann er anschlieβend in der zweiten Stufe den Handlungskontext identifizieren und diesen in der dritten Stufe mittels des Bewertensmechanismus klassifizieren.

In unserem Beispiel „Mangelrüge schreiben“ wird der Aktant im Stadium des Einschätzens zuerst die Anlage mit seinem Sehsinn und aufgrund seines Vorwissens als Anlage XY identifizieren. Dann nimmt er mit Hilfe seines Seh-, Hör- bzw. auch Tastsinns wahr, dass sie nicht richtig funktioniert und wird sie einem der in seinem Wissensraum verfügbaren Lieferanten bzw. Hersteller zuordnen, der die Verantwortung für die Funktionsstörungen der Anlage zu tragen hat. Der Mechanismus des Bewertens wird dem Aktanten dabei behilflich sein, unter Anwendung seiner eigenen bzw. ihm in der Berufswelt aufgezwungenen Maβstäbe das aufgetretene Problem als dringendes, sofort zu lösendes oder weniger wichtiges zu klassifizieren. Von dem Ergebnis dieser Klassifikation hängt die Stärke der Motivation zu einer Handlung in direkter Weise ab.

1.1.2.3 Motivation

Aufgrund der Erkennung des Problems und der Identifikation des zu beseitigenden Mangels wird die Handlungsmotivation des Aktanten aktiviert. Die Motivation ist das zweite Stadium des Handlungsprozesses bei Rehbein und wurde im Kapitel 1.1.1 Mentale Dimensionen des Handlungsraums ausführlich beschrieben. Festgehalten sei an dieser Stelle, dass im Motivationsstadium das Handlungspotential des Aktanten durch die Thematisierung einer Sachverhaltslücke mobilisiert wird, wobei ein unentbehrlicher Faktor dieser Aktivierung eine Erfolgs- bzw. Erfüllungsgarantie ist. Durch die Aktivierung der Motivation wird jedoch noch keine genaue Vorstellung über die vorzunehmende Handlung gebildet, sondern es wird nur eine Handlungsrichtung vom Aktanten eingenommen. Der Aktant entscheidet sich stets für eine Richtung, bei der er mit einer hohen Erfolgsgarantie bei der Beseitigung der Sachverhaltslücke rechnen kann.

In unserem Fall bedeutet das, dass der Aktant zu einer Verbesserung der Lage im allgemeinen motiviert wird, und demzufolge geht seine Motivation in Richtung „richtiges Funktionieren der Anlage sichern“ bzw. „Reparatur oder Auswechseln der mangelhaften Anlage herbeiführen“. Die höchste Erfolgsgarantie wird er sich bei der Handlung „Lieferanten mit einer Sachverhaltsdarstellung ← 30 | 31 →anschreiben“ versprechen22. In diesem Stadium wird sich der Aktant noch zu keinen konkreten Maβnahmen entschlieβen, denn damit haben wir erst in den zwei danach folgenden Stadien - der Zielsetzung und des Planens – zu rechnen. Es sei unterstrichen, dass die Motivation mit dem Zielsetzungs- bzw. dem Planungsprozess nicht identisch ist, obwohl all’ diese Prozesse in der Praxis zeitlich sehr eng nacheinander oder sogar synchron verlaufen.

1.1.2.4 Zielsetzung

Bevor wir uns der Zielsetzung als dem dritten Stadium des Handlungsprozesses zuwenden, muss zunächst zwischen dem Ziel und dem Zweck einer Handlung unterschieden werden. So wird unter dem Begriff „Ziel“ „die individuelle oder interindividuelle Verfolgung eines Sachverhalts“ verstanden. „Zweck“ dagegen wird definiert als „das objektive Ende des zugrunde liegenden Handlungsmusters, das von dem oder den Aktanten durch den Handlungsprozess gerade performiert wird“ (Rehbein 1977: 146). Es gibt natürlich auch Handlungen, bei denen Ziel und Zweck zusammenfallen, wenn z.B. die Aktanten ein dem objektiven Zweck des Handlungsmusters entsprechendes Ziel anstreben. Auf die Zielgerichtetheit und Unterscheidung zwischen Ziel und Zweck wird im Kapitel 2.2 Zielgerichtetheit des sprachlichen Handelns detailliert eingegangen.

Zum Zielsetzungsprozess gehört ein Bewertungsmechanismus. Wenn zur Beseitigung der vom Aktanten erkannten Sachverhaltslücke mehrere alternative Ziele führen können, muss er aufgrund seiner Bewertungs- und Präferenzskala eine Zielauswahl (Zielselektion) treffen. In unserem Beispiel wird der Aktant, bevor er mit dem Verfassen einer Mangelrüge beginnt, zwischen folgenden potentiellen Zielen zur Mangelbeseitigung auswählen müssen: a) die mangelhafte Anlage einfach zurückschicken; b) den Lieferanten anrufen; c) den Lieferanten besuchen; d) den Lieferanten zu einem Besuch einladen; e) eine E-Mail an ihn schreiben; f) ein Schreiben per Fax schicken; g) ein Schreiben per Post schicken. Er kann sich auch für mehrere Ziele entscheiden. In diesem Fall wird er unter Berücksichtigung des Zeitfaktors und der Erfolgswahrscheinlichkeit möglicherweise ein- und dasselbe Schreiben zugleich per E-Mail als PDF-Datei (bzw. per Fax) und per Post schicken. Die erste Lösung (E-Mail/Fax) sichert eine schnelle Benachrichtigung ← 31 | 32 →des Partners (Lieferanten). Zugleich weiβ der Aktant aufgrund seines Vorwissens und des mit dem Partner geteilten Wissensraums, dass er für einen eventuell in der Zukunft in Frage kommenden Gerichtsprozess bzw. Rechtsanspruch alle Unterlagen in schriftlicher Form sowie auch eine Annahmebestätigung seines Schreibens seitens des Partners braucht. Diese Faktoren entscheiden, ob der Aktant sein Schreiben zugleich auch als Anschreiben per Post schickt.

Was den Inhalt und die Form des Schreibens anbetrifft, so wird sich der Aktant das Ziel setzen, eine Mangelrüge an den Lieferanten mit einer Sachverhaltsdarstellung und einer Aufforderung zur Reparatur bzw. Kostenrückerstattung schreiben.

In dem obigen Fall überschneidet sich der Prozess der Zielsetzung deutlich mit dem Prozess der Einschätzung der höchsten Erfolgsgarantie und der Motivationsaktivierung, was wie oben erwähnt oftmals der Fall ist. Möglich ist auch, dass der Aktant unter der Berücksichtigung der aktuellen Vorgänge sein Ziel aufschiebt bzw. ein Zwischenziel setzt. So kann der Prozess der Zielsetzung auch in Wechselwirkung mit den nächsten Stadien, hauptsächlich dem Stadium der Planbildung, ablaufen.

1.1.2.5 Planen

Auf dem Weg zum Zielerreichen ist ein Plan der Handlung ein unentbehrliches Element des Handlungsprozesses. Obwohl sich die Trennung zwischen Planen und Ausführen in der Praxis oftmals als eine rein analytische Trennung erweist, ist das Planen im Vergleich zu den oben behandelten Stadien ein besonders wichtiges Stadium. Die Einschätzung, Motivation und Zielsetzung können so in das Planen integriert werden, dass sie nicht explizit vorkommen. Das Planen selbst kann in Wechselwirkung mit der Ausführung entstehen. Mit einem solchem Fall haben wir es oft in Kommunikationssituationen zu tun, wenn Pläne ad hoc, also während der Ausführung, gemacht bzw. geändert werden.

Es gibt auch Situationen, in denen das Stadium des Planens nur bruchstückhaft oder gar nicht zustande kommt, z.B. wenn der Aktant automatisch und selbstverständlich sein Ziel erreicht. Ein Abbruchkriterium für den Planbildungsprozess ist auch die Erübrigung der Handlung, wenn „der Aktant perzipiert, dass das Ziel der Handlung ohne sein Zutun von selbst eintritt“ (Rehbein 1977: 147).

Festzuhalten ist, dass das Planen eine Brücke vom Wissen bzw. von der Motivation und Zielsetzung zum Handeln darstellt, denn durch den Handlungsplan wird das Wissen des Aktanten aktualisiert und handlungsspezifisch organisiert. Daher gilt das Planen als das Kernstück des Handlungsprozesses.

← 32 | 33 →In dem gesamten Planbildungsprozess werden nach Rehbein (1977) folgende Phasen unterschieden: 1) die Bildung des Handlungsfokus; 2) die Entstehung des Handlungsschemas; 3) die Aufstellung des kompletten Plans der Handlung.

Die zwei ersten Phasen sind als Vorphasen zu bezeichnen. Die Funktion der Phase der Fokusbildung besteht erstens in der „Bündelung“, d.h. der Zusammenfassung der Aufmerksamkeit des Aktanten und zweitens in der Zielfixierung, d.h. der Bildung einer Repräsentation des Ziels beim Aktanten. In dieser Phase wird die Handlungslinie des Aktanten festgelegt. Der Fokus ist auch als eine Orientierungsrichtung auf den Sektor der Wirklichkeit aufzufassen, in dem vom Aktanten aufgrund seiner Handlungsmotivation die entsprechenden Mittel zur Zielerreichung vermutet werden.

Die Orientierungsrichtung kann sich einerseits auf eine mentale Dimension beziehen, etwa wenn der Aktant in seinem Wissen nach den zieladäquaten Mitteln sucht. Andererseits kann sie auf eine objektive Dimension gerichtet sein, wenn beispielsweise die entsprechenden Mittel in der externen Wirklichkeit als dem Interaktionsrahmen identifiziert werden. Auch eine Mischung der beiden Typen von Orientierungsrichtungen ist bei einer Handlung möglich. Zusätzlich ist bei der Orientierung sowohl auf die mentale als auch auf die objektive Dimension zwischen naher und ferner Orientierung zu unterscheiden.

Der Fokus hat einen transsequentiellen Charakter, d.h. seine wichtige Funktion liegt nicht nur darin begründet, die Handlungslinie zu etablieren, sondern auch darin, diese über den gesamten Handlungsverlauf bis Zielerreichung zu koordinieren.

Die zweite Vorphase der Planung ist die Aufstellung des Handlungsschemas, anders gesagt: des Gerüsts, Entwurfs, der Skizze bzw. des Layouts der Handlung23. Das Schema ist noch kein fertiger Plan, weil es vorläufigen Charakter besitzt und viele Lücken aufweist, die erst in der eigentlichen Planung oder der Ausführungsphase gefüllt werden. Diese Lücken sind Platzhalter für konkrete Akte, mit denen sie erst später besetzt werden. In der zweiten Vorphase organisiert der Aktant sein Vorwissen und bildet in seinem Vorstellungsraum Themenpunkte, die Hinweise auf die Teilhandlungen bzw. Handlungskonzepte darstellen. Anschließend nimmt der Aktant eine Grobsegmentierung und Grobzusammenfassung der Handlungskonzepte vor. Dabei entsteht beim Aktanten aufgrund seines Bewertungsprozesses eine Hierarchie der Konzepte.

← 33 | 34 →Das Ergebnis der Schemabildung ist die Konstruktion eines Handlungsaufbaus in der Vorstellung des Aktanten. Dadurch stellt er einen roten Faden der Gesamthandlung her. Das Schema enthält Entscheidungsknoten, über die noch im endgültigen Plan bzw. erst während der Ausführung zu entscheiden ist. In der zweiten Vorphase ist ebenfalls schon eine Antizipation der Nachgeschichte möglich.

Die Schlüsselfunktion der zweiten Präphase der Planbildung besteht darin, dass sich der Aktant einen Überblick über den Gesamtverlauf der Handlung verschafft. Anzumerken sei jedoch dabei, dass die Schemabildung eine noch unverbindliche Phase ist, im Gegensatz etwa zum endgültigen Plan, der in der dritten Phase der Planbildung entsteht.

Viele Elemente, die für den eigentlichen Plan notwendig sind, sind schon im Handlungsschema repräsentiert. Daher erleichtert das Schema die spätere Planbildung, obwohl es ja keine (unabdingbare) Voraussetzung für die Planbildung ist.

Um begriffliche Missverständnisse zu vermeiden, muss betont werden, dass ich hier für die handlungstheoretische anstatt der rein kognitiven Auffassung des Planungsprozesses plädiere. Handlungspläne werden aufgestellt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und sie entstehen aufgrund einer konkreten Motivation. Die Ziel- und die Motivationskomponente schwächen die Auffassung der Planung als ein ausschließlich rationales Verhalten und betonen eine gewisse Dynamik sowie eine starke Bindung des Planungsprozesses an die objektiven Faktoren der Auβenwelt.

Ein Aktant hat im Planungsprozess zwei Möglichkeiten: Er kann entweder einen, in seinem Vorwissen bereits bestehenden, also fertigen Plan für das jeweilige Handlungsmuster24 anwenden (beim Zurückgreifen auf solche „Routinen“ verläuft die Planung schnell, manchmal sogar parallel zu der Zielsetzung). Er kann andererseits einen neuen, eigenen Plan für eine Reaktion bis zum Erreichen einer Handlungsbereitschaft durchlaufen. Im Falle des Geschäftsbriefverfassens treten die beiden Möglichkeiten oft gemischt auf, wobei sich die erstgenannte Möglichkeit hauptsächlich auf die äuβere Form des Briefes und bestimmte Anrede- sowie Gruβformeln bezieht. Das heiβt, manche Teilhandlungen wie das Datum schreiben, die Betreffzeile entsprechend formulieren, den Empfänger des Briefes bezeichnen, die Unterschrift richtig platzieren, gegebenenfalls auch Mustersätze (wie: bezugnehmend auf…) sind stark konventionalisiert und werden vom Aktanten als Routinen aus seinem Vorwissen bzw. dem kollektiven Wissen ← 34 | 35 →übernommen. In diesem Falle haben wir es mit einem partiellen Planbildungsprozess zu tun, die Planbildungsarbeit „beschränkt“ sich also auf eine zieladäquate Formulierung des Briefinhalts.

Ein wichtiges Charakteristikum der Handlungspläne ist ihre Reproduzierbarkeit. Sie bezieht sich nicht nur auf die oben erwähnten Routinen. Ein Aktant kann jeder Zeit nicht nur auf die dem kollektiven Wissen immanenten Pläne zurückgreifen, sondern auch auf die von ihm mal gestalteten Handlungspläne, indem er sie selbst anwendet oder sie einem Mitarbeiter zur Verfügung stellt. Somit stellen die Handlungspläne in erster Linie kein individualpsychologisches, sonder ein gesellschaftliches Konzept dar, zumal der Aktant von Anfang an in einem Handlungskontext, also in einem Interaktionsrahmen, steht. Diese gesellschaftlich ausgerichtete Auffassung der Handlungspläne trifft insbesondere für das Handlungsmuster „Verfassen eines Geschäftsbriefs“ zu.

Der Plan für die Gesamthandlung, der im Kopf des Aktanten existiert, enthält eine Reihe von Teilhandlungen, die in bestimmten Situationen an andere können delegiert werden. Es ist zwar bei Geschäftsbriefen eher selten der Fall, jedoch möglich, zum Beispiel in der folgenden Situation: Ein Briefverfasser braucht eine technische Beschreibung der Arbeitsstörung einer Anlage, um eine sinnvolle und begründete Mangelrüge zu schreiben. Diese detaillierte Beschreibung und eine Auflistung der mangelhaften Anlagenteile können als Teilhandlungen angesehen und an andere Personen, z.B. technisches Bedienungspersonal der Anlage, delegiert werden.

Bei jeder Planbildung stehen interne25 und externe26 Aspekte der Planung in Wechselwirkung zueinander. Dabei sind im Falle der Geschäftskorrespondenz gerade die externen Aspekte von entscheidender Bedeutung.

Die Planungsphase stellt eine ganz wichtige, in den meisten Fällen unausweichliche Komponente des Handlungsverlaufs dar. Daher wurde sie hier, im Vergleich zu anderen Stadien, detailliert behandelt. Trotzdem blieb die Darstellung im Wesentlichen auf die für die schriftliche Kommunikation typischen, und insbesondere für das Verfassen von Geschäftsbriefen wesentlichen Aspekte des Handlungsplans beschränkt. So verläuft die Planungsphase in der schriftlichen Kommunikation weniger dynamisch als in der mündlichen. Der Plan, obwohl gewissen Abänderungen unterliegend, muss vor dem Initialpunkt der ← 35 | 36 →Handlung statisch vorliegen, wenn auch nur im Kopf des Aktanten. Gleiches gilt für die Anzahl der im Plan bestehenden Lücken, die erst während der Ausführung gefüllt werden. Ihre Anzahl ist niedriger als in der mündlichen Kommunikation. Da der Plan für die Handlung „Verfassen eines Geschäftsbriefs“ von einem Individuum gebildet wird, unterliegt er keiner Diskussion, wie das bei kooperativen Handlungen der Fall ist.27 Des Weiteren wird der Handlungsplan für einen Geschäftsbrief nur selten schriftlich festgehalten. Meistens existiert er nur im Kopf des Verfassers. Für die schriftliche Fixierung des Handlungsplans ist der Zeitfaktor von entscheidender Bedeutung. Das bedeutet, dass, wenn das Geschäftsbriefverfassen aus vielen zeitaufwendigen Teilakten besteht (z.B. eine technische Beschreibung oder ein Bezug auf ein Fachgutachten oder detaillierte Rechtsvorschriften müssen Inhalt des Briefes sein), wenn sich die Handlung aus anderen externen Gründen in einem groβen Zeitabschnitt abspielt oder wenn das Auslösesignal für die Handlung nicht eingetreten ist und man mit dem Initialakt28 der Handlung noch abwarten muss, wird der Plan niedergeschrieben, aber zumeist nur in Form von Notizen.

In dem von uns beispielhaft analysierten Beispielsbrief „Mangelrüge“ wird der Aktant in der Planungsphase Stichwörter für die zieladäquate Sachverhaltsdarstellung im Kopf formulieren (und sie gegebenenfalls notieren), nach entsprechenden Argumenten für eine Aufforderung zu einer kostenlosen Reparatur bzw. zum Auswechseln der Anlage suchen, Personen bestimmen, an die er gegebenenfalls Teilakt der technischen Beschreibung des Mangels delegieren könnte sowie sich eventuelle Zwangsmittel zur Zielerreichung und alternative Lösungen überlegen. Das kooperative Wissen zur konventionalisierten äuβeren Form des Geschäftsbriefs wird er schon in der Ausführungsphase automatisch anwenden.29

1.1.2.6 Handlungsausführung, Resultat und Folgen

Der Beginn der Handlungsausführung wird durch einen auslösenden Impuls gekennzeichnet und ist von den vorangegangenen Handlungsstadien analytisch ← 36 | 37 →zu trennen30. In der Praxis ist es jedoch schwer, eine eindeutige Grenze zu ziehen, im Gegenteil: Die Ausführung einer Handlung kann sogar zeitlich mit der Planung zusammenfallen, insbesondere in der mündlichen Kommunikation. Jedoch ist es auch beim Verfassen von Geschäftsbriefen so, dass der Plan für den nächsten Teilakt der Handlung erst während der Ausführung gebildet wird, vor allem dann, wenn der Aktant ein schon geübter Briefverfasser ist und sein gegenwärtiger Brief in einer Reihe von Geschäftskorrespondenzen mit einem bestimmten Partner zu einem bestimmten Thema steht31. Auch in solchem Fall kommt aber dem entweder partiell im Gedächtnis gespeicherten oder ad-hoc gebildeten und evtl. Änderungen unterliegenden Handlungsplan eine bedeutende Funktion zu. Dieser wird unter diesen Umständen zu einem Kontrollplan für die Handlungsausführung. Das liegt darin begründet, dass der Handlungsplan das Ziel der Handlung repräsentiert. Dieses Ziel dient als Kriterium, dass der sog. „Punkt der Handlung“32 erreicht ist und die Handlung als abgeschlossen gelten kann. Wie oben erwähnt, dient das Fokussieren (Vorphase der Planung) der Koordination der Handlungslinie über den gesamten Handlungsverlauf. Entspricht ein jeweiliger Teilakt der Handlung nicht der im Fokus fixierten Zielgerichtetheit, werden vom Aktanten Korrekturen vorgenommen, und zwar entweder an dem gegebenen Akt oder am Handlungsplan. Somit unterliegt die Handlungsausführung einer ständigen, am Handlungsplan (in dieser Phase schon „Kontrollplan“) orientierten Kontrolle und Koordination. Zusätzlich ist es die Aufgabe des Kontrollplans, den Handlungsprozess bis zur Zielerreichung aufrecht zu halten.

Da ich bereits oben die Komplexität als ein wichtiges Kriterium der Handlung hervorgehoben habe, soll hier angemerkt werden, dass die Erreichung des Handlungsziels im Ausführungsstadium über die Erreichung von einer Reihe der Zwischenziele, also in Teilschritten, erfolgt. Im Falle unserer Mangelrüge kann ein Zwischenziel als erreicht gelten, wenn ein Absatz bzw. ein Satz der Sachverhaltsdarstellung fertig geschrieben ist. Die Teilschritte sind dann mit der Niederschrift einzelner Wörter gleichzusetzen.

← 37 | 38 →Das Verfassen einer Mangelrüge erfordert eine eher kurze Ausführungszeit. Wenn aber die Handlung abgebrochen und in der Zeit verschoben wird oder wenn man den Briefwechsel als Diskurs analysieren würde, würde die Ausführungszeit länger, was eine stärkere Beanspruchung des Motivationsmechanismus über den gesamten Handlungsverlauf bedeuten würde.

Das Resultat der Handlung ist im Falle der Mangelrüge der fertig geschriebene und abgeschickte Geschäftsbrief nach dem Muster „Mangelrüge“. Die hier beschriebene Handlung soll zu weiteren Folgen in der Nachgeschichte führen, und zwar zu einer Reaktion des Adressaten in Form einer in der engen Nachgeschichte schriftlich erfolgten Antwort sowie zur in der weiteren Nachgeschichte eingetretenen Lieferung und der richtigen Arbeit der betreffenden Anlage. Erst wenn die Anlage richtig funktioniert und die entsprechenden Kosten zurückerstattet sind, gilt die Handlung als vollständig ausgeführt und der Handlungszweck als erreicht.

1.2 Begriff des Sprachhandelns aus textlinguistischer Sicht

Vor dem Hintergrund der linguistischen Pragmatik mit seiner Ausweitung der „zeichenorientierten Perspektive auf sprachliche Einheiten zu einer (auch) funktionsorientierten“ (Hartung 2000: 83) hat sich die handlungstheoretisch ausgerichtete und kommunikationsorientierte Textlinguistik entwickelt, die sich in sprachtheoretischer Hinsicht auf die Sprechakttheorie von Austin 1962 (dt. 1972) und Searle 1969 (dt. 1971) stützt.

Aus sprechakttheoretischer Perspektive wird der Text nicht mehr als eine isolierte, grammatisch verknüpfte Satzfolge vom statischen Charakter aufgefasst, sondern als eine komplexe, zweckorientierte, sprachliche Handlung33, welche in eine Kommunikationssituation mit bestimmten Sprecher- und Hörerrollen, ihren sozialen Voraussetzungen und gegenseitigen Beziehungen, ihrem Vorwissen und kooperativen Wissen eingebettet ist34. In dieser Auffassung fungieren die sprachlichen Zeichen nicht mehr nur als Korrelate für die auβersprachliche Wirklichkeit, sondern auch als Handlungsanweisungen für den Kommunikationspartner. Es sind Anweisungen dazu wie ein Text zu verstehen ist, wie kann die Herstellung eines Wirklichkeitsmodells erfolgen sowie welche Folgen aus dem Text zu erwarten sind (s. Heinemann/ Heinemann 2002: 82 und Hartung 2000: 84).

← 38 | 39 →Die Sprechakttheorie hat wesentlich zur Durchsetzung eines Handlungsverständnisses beigetragen, welches den intentionalen Charakter jedes Handelns hervorhebt35. Als handlungsbildende Parameter sind Ziele und Zwecke36 anzusehen, die eine Antizipation der zukünftigen Handlungsergebnisse im Bewusstsein eines handelnden Individuums repräsentieren (dazu auch Heinemann/Heinemann 2002: 7). Generell sind Ziele und Zwecke für die kommunikative Funktion eines Textes ausschlaggebend. Somit konstituiert die kommunikative Funktion, auch als Textfunktion bezeichnet (Brinker 1997: 82), den Text. Lange bestand jedoch unter Linguisten keine Einigkeit darin, wie die kommunikative Funktion des Textes zu definieren und aufzudecken sei. Nach Hartung (2000: 86; vgl. auch Isenberg 1974) wird die kommunikative Funktion durch drei Arten von Elementen hergestellt: durch situative Voraussetzungen, kommunikative Intentionen und angekündigte Erwartungen oder Forderungen. Die Textfunktion ist auch als die im Text mit konventionellen Mitteln ausgedrückte Kommunikationsabsicht des Textproduzenten zu bezeichnen. Da sich diese Absicht als Illokution bezeichnen lässt (Hartung 2000: 88), kann der Aufdeckung der Textfunktion die handlungstheoretisch fundierte Illokutionsstrukturanalyse37 dienen, auf die im Kapitel 4.8 Grundsätze der Illokutionsstrukturanalyse in dieser Arbeit detailliert eingegangen wird.

In der u. a. von Isenberg (1976) vorgeschlagenen textbezogenen Grammatikauffassung werden Lautstrukturen und kontextbedingte Intentionsstrukturen einander wechselseitig zugeordnet38. Auf diese Weise wird eine Tiefenstruktur eines Textes mit konstituierenden Bedingungen für einzelne kommunikative Funktionen beschrieben,, wobei einem Satz jeweils eine kommunikative Funktion zukommt39. So wird der Text als eine Folge von Illokutionen (elementaren Handlungen) beschrieben, die, so Hartung (2000: 88), „auf ein übergeordnetes Ziel gerichtet sind und in ihrer Sequentialität und Gerichtetheit bestimmte (Illokutions-)Strukturen bilden“. Van Dijk (1978) bezeichnete den Text als eine globale Intention und deren Aufgliederung auf Teilhandlungen, Motsch/Viehweger (1981) dagegen als einen dominierenden Handlungstyp, der in Bezug auf ← 39 | 40 →andere Textteile eine subsidiäre Funktion erfüllt40. In der illokutionär ausgerichteten Textanalyse ist die Annahme vorherrschend, dass es im Text eine dominierende illokutive Handlung gibt, die das Gesamtziel des Textes bezeichnet und von anderen (subsidiären) illokutiven Handlungen abgestützt wird41. In vielen handlungstheoretisch ausgerichteten Ansätzen42 entspricht die Illokutionshierarchie der Zielhierarchie des Senders und seinem Argumentationsschema. Für Rosengren (1983) ist die Textstruktur ein Ergebnis strategischer Überlegungen des Senders, dabei wird die Interaktivität dieser Struktur hervorgehoben, d.h. von der Struktur eines gegebenen Textes entscheidet das Wissen des Senders über mögliche Reaktionen des Empfängers. Dies ist für Geschäftsbriefe besonders zutreffend.

Die hierarchische Satz-Illokution-Zuordnung in der illokutionär orientierten Auffassung hat viele kritische Fragen aufgeworfen, u. a. die der nach wie vor satzzentrierten und sprecherzentrierten43 Betrachtungsweise. Ein von Hartung (2000: 89) gegen die handlungstheoretisch begründete Textanalyse angeführter Einwand bezieht sich auf eine satzweise Aufgliederung von Intentionalität in Texten, die für manche Texte wenig plausibel sein kann, sowie auf eine Einschränkung der funktionalen Erklärung von Texten durch Festlegung möglicher Handlungsziele auf eine kleine Zahl von Handlungstypen (Illokutionen). Auf diese Weise wird nach Heinemann/Heinemann (2002: 86) die Textganzheit in Einzelillokutionen und Teilhandlungen aufgelöst, ohne dass der Bezug auf den Text als Ganzes eindeutig hergestellt wird.

Obwohl vielfach kritisiert, scheint mir die Illokutionsstrukturanalyse ein angemessener Ansatz für die Analyse der Textfunktion bei Gebrauchstextsorten zu sein. Beispiele dafür finden sich u. a. bei Brandt/ Koch/ Motsch/ Rosengren/ Viehweger (1983) und Koch/ Rosengren/ Schonebohm (1981) für die Beschreibung von Geschäftsbriefen oder aber bei Rolf (1993) mit seinem Versuch, die Gebraustextsorten aus handlungstheoretischer Perspektive zu beschreiben. Daher wird in der vorliegenden Arbeit eben das Illokutionsstrukturkonzept der Analyse von Geschäftsbriefen zugrunde gelegt, obwohl die Dynamik, Kontexteinbindung, gesellschaftliche Beziehungen und komplexe Betrachtung des Textes als Ganzes sowie – in vielen Fällen – der implizite Charakter der ← 40 | 41 →Intention in einem konkreten Brief nicht auβer Acht gelassen werden. Denn zweifelsohne kann die Illokutionsstrukturanalyse selbst nicht ausreichend oder sogar irreführend sein. Ein gutes Beispiel dafür hat Brinker (2000: 177) mit seiner Analyse des Zusammenhangs zwischen der Illokutionsstruktur und der Textfunktion in einem Werbetext einer Fluggesellschaft vorgebracht. An diesem Beispiel wird deutlich, dass die mit dem dominierenden Sprechhandlungstyp signalisierte Informationsfunktion der tatsächlichen Appellfunktion des Textes nicht entspricht. Der tatsächliche Appellcharakter des Textes wird nämlich intuitiv, unter Berücksichtigung von inner- und auβertextlichen Kriterien, erschlossen.

Die Vorgehensweise bei der Bestimmung der Textfunktion ist übrigens ein wesentlicher Unterschied zwischen dem handlungstheoretisch ausgerichteten und dem kommunikationsorientierten Herangehen an Texte.

Im Gegensatz zur aszendent verlaufenden Erschlieβung der Textfunktion in den handlungstheoretischen Ansätzen (ausgehend von Einzelillokutionen, aufsteigend zu der Textillokution) wird in den kommunikationsorientierten Textmodellen deszendent, d.h. ausgehend vom Text als Ganzes, vorgegangen. Wesentliche Anregungen für die kommunikationsorientierte Strömung in der Linguistik hat die sowjetische Tätigkeitstheorie mit Arbeiten von A.A.Leont’ev, A.N.Leont’ev, Vygotskij u. a. (vgl. Heinemann/Heinemann 2002: 87 und Hartung 2000: 91) geliefert.

Um den Begriff des Sprachhandelns präzise fassen zu können, ist es notwendig, zuerst zwischen den Begriffen „Handlung“ und „Tätigkeit“ zu differenzieren, zumal sie in der Fachliteratur oft synonym verwendet werden. Bei Heinemann/Heinemann (2002: 9) werden, anknüpfend an van Wright (1963: 41), Handlungen als einmalige Akte deutlich von Tätigkeiten als prozessualen Gröβen abgehoben. Dieser Differenzierung begegnen wir auch in tätigkeitspsychologischem Ansatz von Leont’ev (1979; vgl. Heinemann/ Heinemann 2002: 9f.), in dem die „Tätigkeit“ mit dem abstrakten Konzept menschlichen Verhaltens assoziiert wird, während sich der Begriff der „Handlung“ auf die konkret fassbaren Einheiten mit einem bestimmten Motiv und Ziel sowie einer Folge von Operationen bezieht. Die Operationen sind dabei als Teilprozesse von Handlungen zu verstehen. Beide Entitäten bilden zusammen die Mikrostruktur der sprachlichen Tätigkeit. Damit übereinstimmend stellt Conrad (1985: 243, vgl. ebenda) fest, dass Handlungen in eine Gesamttätigkeit eingebettet sind. Dem Definitionsvorschlag von Heinemann/Heinemann (2002: 10) folgend sind Handlungen als elementare Prozesseinheiten von Aktivitäten, als Teileinheiten von komplexen Tätigkeiten aufzufassen, die immer motivbezogene und emotionale Aspekte einschlieβen. Die Tätigkeit bedeutet dagegen die Gesamtheit aller ← 41 | 42 →zielgerichteten komplexen Aktivitäten, die auf die Veränderung eines Zustands gerichtet sind44.

Da die kommunikationsorientierten Ansätze die sprachliche Kommunikation zwischen den Menschen sehr breit fassen, also etwa auch räumliche und zeitliche Faktoren, soziale Rahmenbedingungen und spezifische Beziehungen zwischen den Kommunikationspartnern und deren wechselseitiger Beeinflussung umfassen, wundert es nicht, dass sie von Leont’ev (1979; vgl. Heinemann/ Heinemann 2002: 9ff.) als „kommunikative Tätigkeit“ bezeichnet werden, im Rahmen deren sich sprachliche Handlungen, ihrerseits in Teilhandlungen untergliedert, abspielen. Es entstand zwar in der Textlinguistik keine eigene tätigkeitstheoretische Richtung (vgl. Hartung 2000: 91f.), aber das Analysemodell von Vygotskij (d. h. die Analyse nach Einheiten und nicht nach Elementen) hat zur Betonung der Prozesshaftigkeit des Textes beigetragen. Somit wird (mit Hartung 2000, ebenda) der Text nicht nur als Folge von Elementen (Produkten) betrachtet, sondern als eine dynamische Organisation von Operationen, innerhalb immer komplexerer Handlungs-Gebilde von schöpferischem Charakter.

Einen Verweis auf die Dynamik der sprachlichen Handlung kann man m. E. nach schon bei Bühler (1982) finden, der in seinem Handlungsbegriff neben dem „Bedürfnis“ (innere Bedingungen) und der „Gelegenheit“ (äuβere Situation) auch auf eine „Aktgeschichte“ (von Hartung als Prozessualität bezeichnet) hinwies, „in der festgehalten wird, wie das Auftauchen der Idee zu einer Handlung letztendlich durch ihre Realisierung, das Aussprechen eines Satzes etwa, abgeschlossen wird“ (Hartung 2000: 83).

Die Spuren der Prozesshaftigkeit und der interaktiven Entstehung sind nach Hartung in jeder Erscheinungsform von Text deutlich. Zugleich kann aber die Frage nach der Produkt- oder Prozesshaftigkeit des Textes generell nicht eindeutig gelöst werden. Antos (1981; 1982; vgl. Hartung 2000: 93) vertritt die Meinung, das eine schlieβe das andere nicht aus. Denn das Produzieren von Texten bedeute Handeln in zweifacher Hinsicht – erstens als Inhaltsdarstellung (Produkt) und zweitens als Textherstellung (Prozess). Antos (1981: 414) folgend ist Textherstellen ein „sukzessives Lösen von Formulierungsproblemen“. Somit kann ein Formulierungsresultat oftmals nicht als endgültig gelten, sondern stellt nur einen vorläufigen Stand von Umformulierungen dar. Ebenso ist die Rezeption in dieser Perspektive als ein weitergeführtes Formulieren zu verstehen. Ich würde hier auf gewisse Hinweise einer solchen dynamischen Formulierungsauffassung schon in der Handlungsauffassung von Rehbein (1977) mit den „Lücken“ im ← 42 | 43 →Textherstellungsprozess verweisen. Die Lücken werden in der Planungsphase im Handlungsplan offen gelassen und erst während der Handlungsausführung, abhängig von sich gegebenenfalls ändernden Handlungskontextkomponenten und Reaktionen des Partners, vom Aktanten gefüllt.

Auβer der oben behandelten Prozesshaftigkeit der Texte wurde in den kommunikationsorientierten Textmodellen auch die soziale Funktion hervorgehoben, die dem Text neben der kommunikativen Funktion zukommt (vgl. Heinemann/Heinemann 2002: 86f.). Der soziale Charakter der kommunikativen Tätigkeit resultiert aus ihrer Einbettung in eine Reihe von Tätigkeiten, die unter bestimmten sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen vollzogen werden sowie aus ihrem Zusammenwirken mit der praktisch-gegenständlichen und der geistigen Tätigkeit. Kommunikative Prozesse fungieren, so die von Heinemann/ Heinemann (2002: 87) angeführte Hypothese, „in der Regel nur als Teil-Aktivitäten im Kontext übergeordneter Interaktionsprozesse“.

Wichtige, in der kommunikationsorientierten Richtung wurzelnde Ansätze zum sprachlichen Handeln haben Ehlich/Rehbein (1979) entwickelt, in denen sie argumentierten, dass sprachliche Handlungen „spezifische Handlungswege für den Eingriff in die Wirklichkeit“ bieten und dazu geeignet sind, „transindividuelles Handeln zu konstituieren“ (so Ehlich/Rehbein 1979: 249; zitiert nach Hartung 2000: 92). Die Grundlagen für die Formen sprachlichen Handelns sind: „standardisierte (situative) Konstellationen; das Bedürfnis, diese zu verändern, was als Zweck bewusst wird; sowie standardisierte Handlungswege, die Bestandteile eines Beteiligten-Wissens werden und Bewertungen erfahren“ (ebenda). Bisher hat es jedoch Linguisten Schwierigkeiten bereitet, eine Gesamttheorie kommunikativen Handelns aufzustellen. Brinker (1997: 17) beispielsweise resümiert, sie liege noch nicht vor, es gäbe nur eine Reihe von diesbezüglichen Forschungsansätzen. Eine Gesamt- oder Großtheorie erfordere jedoch eine breit gefasste interdisziplinäre Grundlage.

Im vorausgehenden Kapitel wurde das Verfassen von Geschäftsbriefen als eine komplexe Handlung dargestellt. Die Ausführungen wurden auf den komplexen Handlungsbegriff von Rehbein (1977: 184) gestützt:

„Eine Sachverhaltsänderung ist dann eine Handlung, wenn sie von einem oder mehreren Aktanten in einem Handlungskontext dadurch herbeigeführt wird, dass

A)die Stadien eines Handlungsprozesses

I)Einschätzung der Situation

II)Motivation

III)Zielsetzung

← 43 | 44 →IV)Plan/ Planbildung (mit Auswahl von Mitteln zur Handlungsausführung -Anm. I.Sz.)

V)Ausführung

VI)Resultat
durchlaufen werden und

B)der Durchlauf durch die Stadien des Handlungsprozesses die Anwendung eines Handlungsmusters ist.“

Anzumerken sei, dass die Reihenfolge der oben dargestellten Stadien von einzelnen Handlungstypen sowie vom jeweiligen Handlungskontext abhängig ist. So wird beim Verfassen einer Mangelrüge die Einschätzung der Situation sehr rasch verlaufen und die Motivation würde mit der Zielsetzung zeitlich zusammenfallen. Die Planbildung erfolgt dann partiell – in Bezug auf die Form des Briefes und einige fertige konventionalisierte Formulierungen (wie: „bezugnehmend auf…“; „wir sehen uns gezwungen…“) wird der Plan dem kooperativen Wissen übernommen, in Bezug auf die Argumentation dagegen neu gebildet. Die Verstärkung der Aufforderung zur Verbesserung der Arbeit der Anlage (wie im oben behandelten fiktiven Beispielsbrief) kann mittels in einer solchen Situation allgemein üblichen Drohungen45 erfolgen, die ebenso Übernahmen aus dem kooperativen Wissen sind.

Angesichts des Obigen plädiere ich für eine dynamische Definition von Handlung, in der die Reihenfolge der einzelnen Stadien nicht im Voraus festgelegt ist, die sich aber erst über das Auftreten aller konstitutiven Stadien, wenn auch nur in reduzierter Form, definiert. Die Dynamik des Handlungsprozesses ergibt sich bei Rehbein auch daraus, dass der Aktant als der Handelnde den Handlungskontext auch während des Handlungsprozesses einschätzt und die Ergebnisse dieser Einschätzung sowohl bei der Planung als auch bei der Ausführung aktiv berücksichtigt. Diese aktive Berücksichtigung bedeutet, dass der Aktant in seiner Handlung flexibel ist und seinen Plan gegebenenfalls auch schon während der Ausführungsphase ändern kann und wird.

Die von Rehbein entwickelte Handlungstheorie für die Produktion von Texten erfordert nach Wrobel (1995: 25f.) eine Ergänzung um folgende Merkmale:

„die Handlung des Schreibens ist Bestandteil einer insgesamt sozial interaktiven Handlung;

diese sozial interaktive Handlung ist in ihrem Kern kommunikativ; d.h. sie bedient sich vor allem sprachlicher Mittel der Handlungsrealisierung;

← 44 | 45 →Schreiben ist schlieβlich nur mittelbar kommunikativ; es findet unter der besonderen Bedingung der zeitlichen und örtlichen Trennung von Textproduzenten und Textrezipienten statt, deren Handlungsbeziehung deshalb über Texte vermittelt ist.“

Wichtig ist festzuhalten, dass über die gesellschaftliche Einbindung der Handlung nicht nur ihr interaktiver Charakter entscheidet, sondern auch die Tatsache, dass Handlungen immer im Rahmen gesellschaftlich ausgearbeiteter Muster ablaufen. Diese Feststellung trifft auch auf die Handlung des Schreibens zu, denn der Textherstellungsprozess ist als Resultat einer spezifischen Strategiewahl anzusehen, wobei dem Textproduzenten zahlreiche prädeterminierte Ziel-Mittel-Relationen zur Verfügung stehen. Die Anwendung von Mustern sowie bewusste Zweckverfolgung integrieren das sprachliche Handeln des Textverfassens in die Reihe von übergreifenden Handlungsprozessen. Die weit reichenden Folgen (vgl. die „Nachgeschichte“ bei Rehbein 1977) einer sprachlichen Handlung, insbesondere des Verfassens von Geschäftsbriefen, schaffen einerseits intertextuelle Beziehungen. Andererseits stellen sie einen engen Bezug zu der umgebenden, auβersprachlichen Wirklichkeit her.

Die Komplexität der Textproduktion bedeutet für mich, dass neben den in den Vordergrund gerückten handlungstheoretischen und kommunikationsorientierten Aspekten der linguistischen Textbeschreibung auch der kognitive Zugriff berücksichtigt werden muss. Die bei Rehbein vorkommenden Handlungsdeterminanten wie Motivation, Zielsetzung oder Planaufstellung sind zu den sogenannten „innerpsychischen Momenten“ (Lumer 1990: 599; vgl. Heinemann/ Heinemann 2002: 6) zu zählen. Wrobel (1995: 24) sieht in der Betrachtung des Schreibprozesses als einer komplexen Handlung eine „Erweiterung des kognitiven Ansatzes“. Die psychischen Aspekte des Handelns werden bei Clauβ (1978: 221f.; vgl. Heinemann/ Heinemann 2002: 6) in einem Phasen-Ablauf-Modell zusammengefasst, wobei die einzelnen Phasen (Motivation, Zielorientierung, Entschluss und Entscheidung für bestimmte Ziele und Mittel, Konzipierung eines Handlungsprogramms, Vollzug und Kontrolle der Handlung) im Wesentlichen den von Rehbein formulierten Stadien des Handlungsprozesses entsprechen. Ein von Heinemann/Heinemann (2002: 7) genannter, m. E. sehr wichtiger Aspekt, der für alle Handlungen gilt, ist das Vorkommen von psychischen Begleitfunktionen der Handlung, zu denen z. B. kognitive Abbilder von Gegenständen und Vorgängen, psychische Zustände des handelnden Individuums (Freude, Angst) und psychisches Bewerten der Handlung zählen. Der Mensch ist in diesem Sinne nicht nur ein rational denkendes, sondern auch ein emotionales Wesen, und so kann ← 45 | 46 →der Handlungsablauf auch durch Emotionen determiniert bzw. gesteuert werden46.

Die kognitiven Aspekte der Textprogrammierung bzw. die emotionalen Aspekte der Textdeterminierung spielen zwar gerade beim Verfassen von Geschäftsbriefen nicht die wichtigste Rolle47, müssen aber ebenso beachtet werden.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sich Geschäftsbriefe als sprachliche Handlungen durch groβe Dynamik und starke Bindung an auβersprachliche Faktoren auszeichnen sowie dass sie als Gebrauchstextsorten stark intentionalisiert und daher der Illokutionsstrukturanalyse gut zugänglich sind. Darüber hinaus sind sie auch stark ritualisierte Handlungen, in denen der Aktant größtenteils durch die Regeln des wirtschaftlichen Schriftverkehrs sowie durch allgemeine Regeln des Geschäftsalltages determiniert ist.

Im Folgenden wird der Geschäftsbrief als eine in gesellschaftliche Prozesse integrierte sprachliche Handlung unter Anwendung von Methoden der Illokutionsstrukturanalyse behandelt. Während die satzbezogene Perspektive aufgehoben wird, wird die Analyse um die funktionale Betrachtung des Textes als Ganzes unter Berücksichtigung der ganzen Vielfalt von mentalen und auβersprachlichen Faktoren erweitert. Wegweisend ist an dieser Stelle die Feststellung, dass Handeln immer ein Interpretationskonstrukt ist. Daher, so Heinemann/Heinemann (2002: 9), „muss der Begriff ‚Handlung‘ im Hinblick auf seine Extension letztlich relativ vage bleiben, da er gebunden ist an die jeweilige Interpretation des Individuums im Hinblick auf das vom Handelnden erstrebte konkrete Einzelziel.“

__________

8 Das Verhalten wird von Heinemann/Heinemann (2002: 2, unter Bezug auf Sager 1999) verallgemeinernd als ein „Sich-Anpassen an gegebene Situation“ bezeichnet.

9 Es sei erwähnt, dass auch Heinemann/ Heinemann (2002) das individuelle Handeln abgegrenzt haben, was aber nur auf Einzelfälle bezogen und für den Zweck dieser Analyse außer Acht gelassen wird.

10 Vgl. Auer (1999: 110).

11 So scheint ein an einer Bushaltestelle wartender junger Mensch beim ersten Blick keine partnerbezogene Handlung auszuführen. Wenn wir aber erfahren, dass er einem gegenüberstehenden Mädchen mit Interesse zuguckt oder ihm sogar mit einem Auge zublinzelt, wird klar, dass der erste Blick täuscht. Genauso gut kann es sein, dass der junge Mensch auf einen Bus wartet, um ins Kino zu fahren, wo er mit einem Freund verabredet ist. Dann ist das scheinbar nicht partnerbezogene Stehen an der Bushaltestelle ebenfalls als eine partnerorientierte Handlung zu deuten, die zu einem Treffen mit dem Freund führen soll.

12 Vgl. Feilke (2000: 64f.; 71).

13 Nach Feilke (2000: 68).

14 Nach Feilke (2000: 68).

15 Im Sinne von z.B. de Saussure.

16 Allerdings steht für mich im Mittelpunkt des Interesses auch nicht nur die Analyse dieser Handlung selbst, sondern zum einen die Analyse des Geschäftsbriefes als Resultat der Einzelhandlung und zum anderen die Analyse des Verfassens eines Geschäftsbriefes als Prozess.

17 Zum kollektiven Wissen und Fundament des Wissens vgl. bei Rehbein (1977: 35f.).

18 Die menschlichen Bedürfnisse werden hier nicht im individualpsychologischen Sinne verstanden, sondern als eine Komponente des gesellschaftlich organisierten Prozesses von Produktion und Reproduktion menschlichen Lebens (vgl. bei Rehbein 1977: 50).

19 Bei Rehbein wird der „fehlende Sachverhalt“ als „Sachverhaltslücke“ bezeichnet. Die Handlung führt zur Beseitigung der vom Aktanten subjektiv erfahrenen Sachverhaltslücken.

20 Auf die für Geschäftsbriefe in Frage kommenden Kommunikationsmuster wird in dieser Arbeit in unten folgenden Kapiteln näher eingegangen.

21 Die Relation der Aktanten zueinander ist hier als der offizielle, indirekte Kontakt aufzufassen.

22 Der Prozess des Entscheidungstreffens für eine Handlung mit der höchsten Erfolgsgarantie wird hier nicht eingehend beschrieben, weil er analog zu dem im Kapitel 1.1.1 behandelten Prozess verlaufen wird. Zu diesem Thema vergleiche also die Ausführungen unter 1.1.1 zu Motivation zur Handlung „Lieferung fehlender Anlagenteile herbeiführen“.

23 Der Begriff „Handlungsschema“ sei hier nicht mit demselben Begriff bei Sandig zu verwechseln. Bei Sandig (1972) wird dieser Begriff zur Kennzeichnung der Funktion von Textsorten wie Vorlesung oder Wetterbericht verwendet. Vgl. dazu auch bei Rehbein (1977:160f.).

24 Hier wird angenommen, dass die Gesamthandlung zugleich ein Handlungsmuster darstellt; vgl. dazu die Erwägungen bei Rehbein (1977: 169f.).

25 Der interne Aspekt der Planung bedeutet, dass der Aktant seinen Plan völlig frei und unabhängig bildet.

26 Der externe Aspekt der Planung bedeutet, dass der Aktant bei der Planbildung von objektiven Zusammenhängen, z.B. den vorgegebenen Handlungsbedingungen einer Institution bzw. einer Gruppe, abhängig ist.

27 Es gibt Ausnahmen – wenn z.B. ein Projektteam für die gegebene Geschäftskorrespondenz zuständig ist bzw. wenn ein Mitarbeiter vom Aktant zur Rat gezogen wird oder aber wenn der Briefinhalt von einem Vorgesetzten akzeptiert werden muss.

28 Der Initialakt des Briefverfassens erfolgt beispielsweise in dem Moment, in dem der Verfasser die erste Zeile zu schreiben beginnt.

29 Hier wird angenommen, dass der Aktant ein bereits erfahrener, geübter Geschäftsbriefverfasser ist und nicht auf entsprechende Musterbriefe in schriftlicher Form zurückzugreifen braucht.

30 Mehr dazu vgl. bei Rehbein (1977).

31 In dem Fall kann ein solcher Briefwechsel „Diskurs“ genannt werden und ist durch starke Interaktionszusammenhänge gekennzeichnet.

32 Der „Punkt der Handlung“ wird bei Rehbein (1977) als die Endphase der Ausführung definiert, in der der Aktant sein Ziel erreicht hat bzw. es als erreicht ansieht. Der „Punkt der Handlung“ wird durch die Phase der „Vorzone“ des Handlungspunktes eingeleitet, in der der Punkt fast erreicht ist. Zu der eingehenden Einteilung des Ausführungsstadiums siehe auch bei Rehbein (1977).

33 Vgl. z.B. Isenberg (1976), Rosengren (1980), Sandig (1973; 1978), auch Brinker (2000: 175).

34 Zum kooperativen Wissen der Kommunikationspartner vgl. bei Rehbein (1977: 35f.).

35 Siehe dazu: Hartung (2000: 88).

36 Zur Unterscheidung zwischen Zielen und Zwecken siehe in dieser Arbeit unter Kapitel 2.2 Zielgerichtetheit des sprachlichen Handelns.

37 Vgl. dazu Brinker (2000: 175ff.), auch in Anlehnung an Groβe (1976).

38 Vgl. Hartung (2000: 87).

39 Anzumerken sei, dass im auch handlungstheoretisch fundierten Ansatz von Koch/Rosengren/Schonebohm (1981, in Anlehnung an Hartung 2000: 89) die Illokution nicht unbedingt mit syntaktischen Einheiten zusammenfällt.

40 Vgl. Hartung (2000: 88f.), in Anlehnung an van Dijk (1978; 1980) und Motsch/Viehweger (1981).

41 Siehe Rolf (2000: 424).

42 Wie in Brandt/Koch/Motsch u.a. (1983), in Anlehnung an Hartung (2000: 90).

43 Siehe kritische Anmerkungen von Heinemann/Heinemann (2002:85f.) gegen die Illokutionsstrukturanalyse.

44 Vgl. Heinemann/Heinemann (2002: 10), in Anlehnung an Welke (1980: 361).

45 Wie z.B. „wir werden die 2. Mangelrüge schreiben“; „wir werden die Kostenrückerstattung in Anspruch nehmen bzw. eine Gerichtsklage erheben“.

46 Der emotionale Faktor wird oft in der Werbung genutzt, hauptsächlich mit dem Zweck, den Adressaten in seiner Meinung zu beeinflussen.

47 Der kognitive Aspekt ist viel wichtiger beim Verfassen von wissenschaftlichen Texten bzw. Gedichten. Auch beim Textmuster „Privatbriefe“ ist die emotionale Determinante von gröβerer Bedeutung als für Textmuster „Geschäftsbriefe“.

← 46 | 47 →2 Geschäftskorrespondenz als sprachliche Kommunikation – Grundlagen und Voraussetzungen

2.1 Intentionalität und Intention in der menschlichen Kommunikation

In dieser Arbeit wird angenommen, das Sprechen bzw. Schreiben nur dann Kommunikation ist, wenn es zielgerichtet, partnerbezogen und intentional ist.

2.1.1 Zum Begriff der Intentionalität des menschlichen Handelns

Den Begriff „Intention“ eindeutig zu definieren ist eine sehr schwierige Aufgabe, denn dieser Begriff wird von zahlreichen Wissenschaftsdisziplinen, wie Philosophie, Psychologie, Gesellschaftspsychologie, Soziolinguistik, Linguistik in unterschiedlichsten Kontexten genutzt. In wohl keiner Disziplin ist es bisher gelungen, den Begriff „Intention“ scharf von anderen, wie Motivation, Zielsetzung, Absicht abzugrenzen. In der Textlinguistik hängt dieser Begriff auch mit den Textfunktionen zusammen.

Da der Ursprung vieler Definitionen, die heute in unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen verwendet werden, in der Philosophie zu finden ist, möchte ich mich zuerst der Erläuterung des Intentionsbegriffs in der Philosophie zuwenden.

2.1.1.1 Intentionalität in der Philosophie

„Unter Intention (…) versteht man die Absicht, das Bestreben auf ein bestimmtes Ziel hin.“ (Hilber 2009: 195) Die Intentionalität bedeutet im philosophischen Sinne, beispielsweise nach F. Brentano48, dass alle psychischen Akte auf ein bestimmtes Ziel bzw. Gegenstand hin ausgerichtet sind. Die Intentionalität war bereits für Brentano anthropologisch grundlegende Auszeichnung menschlicher Intelligenz49 (vgl. Leist 1972: 68), ein wichtiges Merkmal der psychischen ← 47 | 48 →Konstitution des Menschen (Hilber 2009: 195). Bei der Kennzeichnung von Intentionalität bediente sich Brentano in Anlehnung an die Scholastik des Begriffs der „intentionalen Inexistenz“ eines Gegenstands, der bei psychischen Akten dem Bewusstsein innewohnt. Psychische Phänomene sind demnach solche, die „intentional einen Gegenstand in sich enthalten“ (Brentano 1924: 125, zitiert nach Leist 1972: 68). Dies ist ein sehr breit gefasstes Konzept der Intentionalität, auf Grundlage dessen Leist (ebenda) die Ausweitung des intentionalen Charakters auch auf Wahrnehmungen vorschlägt.

In der Intentionalität sieht Brentano das Gattungsmerkmal der psychischen Phänomene, die sich zu einer einheitlichen Gattung zusammenschließen (vgl. Stegmüller 1998: 3). Für Brentano bedeutet die Intentionalität die Beziehung des Bewusstseins auf etwas, das heißt, wir können niemals nur einfach feststellen: „ich empfinde“, „ich urteile“ oder „ich stelle vor“, sondern müssen immer dasjenige hinzufügen, worauf wir uns in den obigen Erlebnissen beziehen (z.B. „ich urteile über etwas“, „ich empfinde etwas“, „ich stelle mir etwas vor“). Somit wird jedes Bewusstsein zum Gegenstandsbewusstsein (vgl. ebenda). Allerdings stellt Brentano dabei noch zusätzlich fest, „dass dasjenige, worauf wir uns bewusstseinsmäßig beziehen, nicht zu existieren braucht (wie z.B. dann, wenn ich mir ein Einhorn vorstelle). Wenn also von der Bewusstseinsbeziehung gesprochen wird, so darf dies nach Brentano nicht so aufgefasst werden, als handle es sich dabei um eine Relation zwischen zwei existierenden Bezugsgliedern (nämlich dem Bewusstseinsakt und dem Bewusstseinsobjekt).“

Die obige „Hervorhebung der Intentionalität als Charakteristikum des Bewusstseins“ (Stegmüller 1998: 4) bedeutete eine wichtige Wendung in der Auffassung der Bewusstseinsinhalte in der Philosophie.

Die Zielgerichtetheit des menschlichen Bewusstseins hat auch Husserl50 hervorgehoben, der Intention als Grundbegriff der Phänomenologie auffasst. Von Brentano hat er die Vorstellung übernommen, dass „Bewusstseinszustände immer über sich hinausweisen. Bewusstsein ist stets Bewusstsein von etwas (…)“ (Law 2008: 319). Das Bewusstsein ist für Husserl keine statische Substanz, sondern ein unbegrenzter Fluss von Phänomenen mit einer durchgehenden intentionalen Linie.

Mit Brentano verbindet Husserl ebenso die Auffassung vom Wesen der Intention, das darin liegt, „dass in ihr ein Gegenstand »gemeint« ist, auf ihn »abgezielt« wird, ← 48 | 49 →ohne dass der Gegenstand oder etwas ihm Entsprechendes im Bewusstsein selbst auffindbar wäre (…), was erlebnismäßig präsent ist, das ist ausschließlich der intentionale Akt selbst“ (Stegmüller 1998: 63). Zugleich unterscheidet sich jedoch der Intentionalitätsbegriff von Husserl von demjenigen Brentanos, „nämlich durch die Annahme intentionalitätsloser reeller Empfindungen, welche mittels des auf den Gegenstand gerichteten intentionalen Aktes aufgefasst, gleichsam beseelt werden“ (Stegmüller, ebenda)51.

Die Intentionalität im Sinne von Zielgerichtetheit wurde auch zum Grundbegriff der analytischen Handlungstheorie, im Rahmen deren beispielsweise v. Wright, im Anschluss an Anscombe (vgl. Lewandowski 1994: 471f.), darauf aufmerksam macht, dass man ein und dasselbe Handeln auf unterschiedliche Art beschreiben kann, je nachdem, was man als Ergebnis der Handlung ansieht. Die Handlung erhält also ihre Intentionalität erst unter einer bestimmten Beschreibung bzw. durch rekonstruierendes Verstehen.52

Parsons und Mead (vgl. Leist 1972: 69ff.) haben das Verhältnis zwischen Intention und Handlung ihren Handlungstheorien zugrunde gelegt. Im Parsons’schen Funktionalismus sind Akteur, Handlungsziel, Handlungssituation und Situationsorientierung die Grundkategorien für das System der Handlungstheorien. Nach Parsons ist die Intentionalität sozialen Handelns als motivationale Orientierung und Wertorientierung in Handlungssituationen zu verstehen, „die sich in die Polarität von Deprivation und Gratifikation einschaltet“ (zitiert nach Leist 1972: 72). Mead hat in seiner Sozialanthropologie die Intentionalität kommunikativer Zeichenverwendung als gleichursprünglich mit „sozialem Bewusstsein“ und der Entstehung von Symbolen aufgefasst.

Der Handlungstheoretiker Rehbein, auf dessen Theorie komplexen Handelns in den vorangegangenen Kapiteln 1.1 und 1.2 dieser Arbeit bereits Bezug genommen wurde, bedient sich des Begriffs „Beabsichtigen“ anstatt des in seiner Auffassung theoretisch stark vorbelasteten Ausdrucks „Intention“ (Rehbein 1977: 203f.). In der Handlungstheorie Rehbeins werden unterschiedliche Aspekte, die normalerweise im Oberbegriff „Intention“ zusammenfallen, aufgespaltet und in ← 49 | 50 →den verschiedenen Dimensionen des „Ziels“, des „Plans“ und des „Zwecks“ analysiert.

2.1.1.2 Zur psychologischen und soziologischen Auffassung der Intentionalität und Kontrollierbarkeit

In der Psychologie wird mit Zimbardo (1992, pol. 1999: 436f.) die Intention, neben dem Bedürfnis, der Zielsetzung und dem Verlangen, als Definitionskomponente des Begriffs „Motivation“ verstanden. All diese Komponenten sind für das menschliche Handeln grundlegend.

In der alltäglichen Bedeutung werden mit der Intention (lat. intentio – Absicht; Achtung; von: intendo – anspannen [in Richtung auf etwas], streben nach, eine Richtung einschlagen; die Aufmerksamkeit auf etw. lenken; etw. vorhaben) meistens Begriffe wie Absicht bzw. Zielsetzung, Bestreben, Vorhaben53 assoziiert. Sie bedeutet laut Duden Fremdwörterbuch (1990: 355) eine Anspannung geistiger Kräfte auf ein bestimmtes Ziel. Ein intentionales Verhalten heißt zielgerichtetes Verhalten, also eben das, was uns Menschen von Tieren unterscheidet. Hierauf hat schon Aristoteles hingewiesen. Somit ist Handeln das menschliche Verhalten, das intentional, jedoch zugleich auch kontrollierbar ist. Das Merkmal der Kontrollierbarkeit hängt sehr eng mit der Intentionalität menschlichen Handelns zusammen. Unsere intentionalen Handlungen unterliegen ständigen Kontrollanforderungen in der Gesellschaft. Somit hängen die Intentionen eines Menschen mit seiner sozialen Rolle eng zusammen. Aufgrund der Tatsache, dass Menschen in ihrem Sozialisationsprozess unterschiedliche soziale Rollen einnehmen, stellen die Intentionen, die Menschen befolgen, oft eine kaum durchschaubare Mischung von individuellen und sozialen Intentionen dar. Zusätzlich definieren meistens die in einer Gesellschaft geltenden Handlungsregeln die konkreten Ausdrucksformen von Intentionen. Dies ist das Interessenfeld der Sozialpsychologie.

Ein sehr interessantes Beispiel, dass rätselhafte Antriebsmechanismen des menschlichen Handelns gut illustriert, ist ein von Zimbardo durchgeführtes Experiment. Er teilte eine Gruppe von Studenten in „Aufseher“ und „Häftlinge“54. Die zugeteilten Rollen wurden nach gewisser, nicht langer Zeit, so gut gespielt, dass die aufgezwungene Intention in dem Fall in die individuell empfundene integriert war. Somit wurde gezeigt, dass sich die Menschen der psychischen ← 50 | 51 →Druckausübung seitens anderer Menschen ziemlich widerstandslos unterordnen können. Nach Ursachen dieser Erscheinung suchte Zimbardo u.a. in dem so genannten normativen und informationellen Einfluss. Der normative Einfluss (normative influence) hängt mit dem menschlichen Verlangen danach zusammen, durch Erfüllung der Gruppennormen von anderen geliebt, akzeptiert und anerkannt zu sein; der informationelle Einfluss (informational influence) dagegen bedeutet, dass Menschen immer danach streben, in einer gegebenen Situation Recht zu haben, und sich daher oft auf die von anderen, als „klug“ empfundenen Personen, erhaltenen Informationen und Suggestionen stützen. Die beiden Einflussarten treffen für die Herausbildung von Intentionen im Wirtschaftsleben zu, und insbesondere für die Handlung des Verfassens von Geschäftsbriefen.

Die individuelle und die soziale Intention sind gerade im Berufsleben nur schwer voneinander abgrenzbar. Infolge von Sozialisationsprozessen und Konformismuserscheinungen haben wir es oft mit einer Anpassung der individuellen Intention an die Erwartungen der Gruppe, des Chefs oder auch des Berufsmilieus zu tun. Andererseits treten hier neben Anpassung infolge von Druckausübung ebenso andere, komplizierte psychische Mechanismen zu Tage. So kann in der Arbeitswelt die vom Menschen nach außen vertretene, soziale Intention auch aus der individuellen resultieren, wie in dem Beispiel: Ich will zum Erfolg meines Unternehmens beitragen, denn ich will meinen Arbeitsplatz in einer gut prosperierenden Firma behalten.

Im Grunde genommen ist die Realisierung von Intentionen als eine zentrale Komponente des sozialen Handelns der Menschen zu betrachten. Bei Max Weber, dessen Handlungstheorie für diese Arbeit grundlegend ist, wird soziales Handeln als intentionales Verhalten mit dem Zweck der Beeinflussung des Anderen gesehen. Die Intentionalität wird bei Weber im zweckrationalen Handeln besonders deutlich, dem er ein „Motiv“ zuschreibt55. Ebenso ist die Intention in der menschlichen Kommunikation, darunter auch in der sprachlichen Kommunikation, ein wesentlicher Bestandteil des Steuerungsmechanismus beim Sprachgebrauch (vgl. Linke/Nussbaumer/Portman 1996: 171).

2.1.1.3 Versuch einer formallogischen Erklärung des Intentionsbegriffs

Eine formallogische Erklärung des Intentionsbegriffs erfordert zuerst die Zuwendung der umgangssprachlichen Auffassung der Intention. Hierfür sind mit Meggle (19972: 115ff.) eine Reihe von Beispielen zu nennen:

← 51 | 52 →1)X beabsichtigt, f zu tun
(Fritz beabsichtigt, Ende des Jahres nach Oxford zu fahren)

2)X tut absichtlich f
(Fritz bindet sich absichtlich eine besonders knallige Krawatte um)

3)X tut f in der-und-der Absicht
(Fritz kauft die Pistole in der Absicht, damit seinen Rivalen zu erschießen)

4)X beabsichtigt, mit seinem Tun von f zu erreichen, dass A
(Mit diesem Schachzug beabsichtigt Fritz, seinen Gegner zu verwirren)

Für die kommunikationsbezogene Erklärung des Intentionsbegriffs ist das Beispiel 4) ausschlaggebend. Meggle gibt hier folgende Komponenten des Intentionsbegriffs an: 1) Komponente der Vollzogenheit – nur von bereits vollzogenen bzw. eben gerade im Vollzug befindlichen Handlungen kann man sagen, dass sie intentional sind, d.h. dass mit ihnen etwas beabsichtigt wurde bzw. wird; 2) Wollenskomponente56 – wenn man mit einer Handlung einen Sachverhalt A herbeiführen will, dann will man, dass A eintritt; 3) Glaubenskomponente – mit einer Handlung f kann man nur dann die Realisierung von A beabsichtigen, wenn man glaubt, dass der Vollzug dieser Handlung zu A auch wirklich führen wird; 4) Bewirkenskomponente – man muss glauben, dass A nicht auch dann eintreten würde, wenn man die Handlung f nicht vollzieht, d.h. dass A nicht von selbst eintreten wird. Des Weiteren muss auch der Handelnde X daran glauben, dass A tatsächlich realisierbar ist57 sowie dass X in einer jeden Situation nur das für ihn selbst (seiner Meinung nach) jeweils Bestmögliche will. Nicht ohne Bedeutung ist hier auch die Zeitkomponente, d.h. sowohl das Wollen als auch das Glauben und die Handlung selbst müssen jeweils zu einem bestimmten Zeitpunkt erfolgen.

Von dem oben Dargelegten ausgehend möchte ich nun, in Anlehnung an Meggle (1997: 123f.), folgende Definition der intentionalen Handlung vorschlagen:

Ein von X (zum Zeitpunkt t) gezeigtes Verhalten f ist eine intentionale Handlung von X genau dann, wenn es einen möglichen Sachverhalt A gibt, dessen Realisierung X (zum Zeitpunkt t) mit dem Tun von f zu erreichen beabsichtigt.

In Anlehnung an diese Definition kann X als intentional Handelnder (Meggle 1997: 123) bezeichnet werden, der mit dem Tun von f zum Zeitpunkt t zu erreichen beabsichtigt, dass A realisiert ist.

← 52 | 53 →2.1.2 Intentionen in linguistischer Auffassung – Stand der Forschung

Den Begriff der Intention im linguistischen Sinne eindeutig zu definieren, bereitet große Schwierigkeiten. Es ist berechtigt zu fragen, warum die vorliegende Arbeit den Begriff der Intentionen so sehr in den Vordergrund stellt, wenn bereits eine umfassende Begriffsklärung so problematisch zu sein scheint. Auf diese Frage wird im vorliegenden Kapitel näher eingegangen, und die Sinnhaftigkeit der linguistischen Analyse von Intentionen wird begründet.

„Intention“ verdankt ihren beträchtlichen theoretischen Stellenwert in der linguistisch-pragmatischen Diskussion u.a. Strawson (1964), Grice (1969), Wunderlich (1971, 1972), Maas (1971) und Leist (1972)58.

Die wissenschaftliche Debatte brachte dabei Ansätze zur Stellung der Intentionalität hervor, die deutlich voneinander unterschieden sind, zum Teil sogar im Widerspruch zueinander stehen. Das eine Extrem bildet die Vorstellung Rehbeins (1977: 137), der der Meinung ist, die Intention sei kein unabhängiges Kriterium sondern aus anderen, u.a. dem Zweck ableitbar. Auf der anderen Seite stehen de Beaugrande und Dressler (1981: 8f., 118ff., vgl. auch Sandig 2000: 96), die die Intentionalität als eines der Textualitätsmerkmale verstanden. Für Benveniste (vgl. Auer 1999: 54ff.) ist die Intention die global aufgefasste Bedeutung einer Äußerung, die sich in Wörtern realisiert und sich auf einzelne Wörter der Äußerung verteilt.

Details

Seiten
234
ISBN (PDF)
9783653042108
ISBN (ePUB)
9783653987782
ISBN (MOBI)
9783653987775
ISBN (Buch)
9783631650769
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (März)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 234 S., 8 Graf.

Biographische Angaben

Iwona Szwed (Autor)

Iwona Szwed unterrichtet am Institut für Germanistik der Universität Rzeszów (Polen) u. a. Fachübersetzen und Dolmetschen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind (kontrastive)Textlinguistik, Fachtextlinguistik, interkulturelle Wirtschaftskommunikation, Übersetzungswissenschaft und Medienlinguistik.

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Titel: Zum Ausdruck von Intentionen in deutschen und polnischen Geschäftsbriefen aus kontrastiver Sicht