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Kulturelle Schlüsselbegriffe der Schweiz im öffentlichen Diskurs

Eine kultursemantische Untersuchung

von Jadwiga Madej (Autor:in)
Monographie 446 Seiten

Zusammenfassung

Der Band zeigt die Eigenarten der Schweiz an relevanten Stichworten aus Geschichte, Politik, Wirtschaft und Landwirtschaft sowie dem sozialen Leben und der eidgenössischen Mentalität auf. So offenbaren sich die eigentümlichen Aspekte der schweizerischen Identität anhand kultureller Schlüsselbegriffe. Wichtige Assoziationen und Positionen zu den Schlüsselbegriffen sind jeweils anhand der Gedanken und Werke diverser Schriftsteller dargestellt. Den Abschluss bildet eine linguistische Graduierung und Klassifizierung der Schlüsselbegriffe. Ihr idiomatischer Charakter erlaubt es, die Schlüsselbegriffe als kulturelle Idiome mit verschiedenen Graden an Idiomatizität zu betrachten. Über die Grenzen der Schweiz hinaus ist die Untersuchung auch für das Gebiet der deutschen Sprache und Kultur relevant.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1. Zum Terminus Schlüsselbegriff
  • 1.1 Etymologie, linguistischer Aufbau
  • 1.2 Wesen, Funktion, Systematik
  • 1.3 Schlüsselbegriff und dessen verwandte Begriffe
  • 2. Zur Problematik der kulturellen Schlüsselbegriffe
  • 2.1 Bestimmung der Bedeutung von Kultur
  • 2.2 Wesen und Funktion von kulturellen Schlüsselbegriffen in der Kultur einer Gemeinschaft
  • 2.3 Analysen- und Untersuchungsaspekte der kulturellen Schlüsselbegriffe
  • 3. Kulturelle Schlüsselbegriffe auf dem Hintergrund traditioneller Semantik
  • 3.1 Strukturalistischer Ansatz
  • 3.2 Klassische Wortsemantik und das Aufschlüsseln von kulturellen Schlüsselbegriffen
  • 4. Schweizer Schlüsselbegriffe als kulturelle Vermittler
  • 4.1 Zum Begriff der Schweizer Kultur
  • 4.2 Einheitsstiftende Momente im schweizerischen Selbstverständnis
  • 5. Zur Methode der kultursemantischen Untersuchung
  • 5.1 Sprachlicher Aspekt – semantische Untersuchung
  • 5.2 Kultureller Aspekt –Untersuchung der kulturellen Bedeutung
  • 5.2.1 Kultureller Hintergrund
  • 5.2.2 Kulturelle Konnotationen
  • 5.2.3 Erfassung von kulturellen Assoziationen
  • 5.3 Graduierung – Systematische Rangordnung der untersuchten Schlüsselbegriffe
  • 6. Die kultursemantische Untersuchung von den kulturellen Schlüsselbegriffen der Schweiz
  • 6.1 Geschichte
  • 6.1.1 Urschweiz
  • 6.1.1.1 Rütli – Bündnis zur Selbstverwaltung
  • 6.1.1.2 Tell – ‚historische‘ Personifizierung der Unabhängigkeit und Freiheit
  • 6.1.2 Die moderne Schweiz
  • 6.1.2.1 Sonderfall Schweiz
  • 6.1.2.2 Humanitäre Tradition
  • 6.1.2.3 Geistige Landesverteidigung
  • 6.1.2.4 Réduit – nationaler Zufluchtsort
  • 6.2 Politik
  • 6.2.1 Willensnation
  • 6.2.2 Kantönligeist
  • 6.2.3 Die immerwährende Neutralität
  • 6.2.4 Landsgemeinde – Urform direkter Demokratie
  • 6.2.5 Zauberformel – Regieren ohne Opposition
  • 6.2.6 Subsidiarität – Spezifikum des schweizerischen Föderalismus
  • 6.2.7 Die wehrhafte Schweiz – Milizsystem und bewaffnete Neutralität
  • 6.2.8 Souveränität: Der Souverän ist das Volk
  • 6.3 Wirtschaft/Landwirtschaft
  • 6.3.1 Die Schweiz als tradiertes Bauernland
  • 6.3.2 Global Player
  • 6.3.3 Schweizer Bankgeheimnis
  • 6.4 Soziales Leben und Mentalität
  • 6.4.1 Röstigraben
  • 6.4.2 Stadt versus Dörfli – Schweizer Kontraste
  • 6.4.3 Protestantischer Katholizismus
  • 6.4.4 Schweizer Konsens
  • 6.4.5 Die Fünfte Schweiz
  • 6.4.6 Helvetia – Landesmutter
  • 6.4.7 Heidiland – Verkörperung alpiner Idylle
  • 6.4.8 Swissness – die Schweiz als Markenzeichen
  • 7. Vom Sonderfall zum Sanierungsfall? – aktuelle Assoziationen zu den kulturellen Schlüsselbegriffen der Schweiz
  • 7.1 Zur Neufassung einiger ausgewählter kultureller Schlüsselbegriffe zwischen 1991 und 1998
  • 7.1.1 „Die Schweiz ohne Orientierung?“ – Hans Küngs Ansichten über den inneren Zustand der Schweiz und eine dringend notwendige Neuorientierung (1992)
  • 7.1.2 „Die Schweiz in Europa“ – Jean-Francois Bergiers Gedanken über das Verhältnis der Schweiz zu Europa (1992/1998)
  • 7.1.3 „Die Schweiz – Ende eines Mythos“ – Walter Wittmanns skeptische Überlegungen zur wirtschaftlichen Lage der Schweiz (1998)
  • 7.1.4 „Es war einmal die Schweiz…“ – ein Plädoyer für politische Reformen von José Ribeaud (1998)
  • 7.1.5 „Die Schweiz ist keine Insel“ – ein Epilog von Urs Widmer (2011)
  • 7.2 Aktuelle Assoziationen zu den kulturellen Schlüsselbegriffen nach 2000
  • 7.2.1 „Die Schweizer Neutralität. Beibehalten, umgestalten oder doch abschaffen?“ – ein Diskurs zur Bedeutung des Begriffes im 21. Jahrhundert
  • 7.2.2 „Verwirrung um die Neutralität“ – Alois Riklins Darlegung einer humanitären Neutralität
  • 7.2.3 Die Neutralität als Deckmantel für eine aktive oder restriktive Außenpolitik? – Rene Rhinows Assoziationen zu einer „Phantomdiskussion“
  • 7.2.4 „Aktive Neutralität“ für die Außenpolitik der Schweiz – ein Plädoyer von Micheline Calmy-Rey
  • 7.2.5 Daniel Thürers Assoziationen zu einer Neukonzipierung der Schweizer Neutralität
  • 7.2.6 Zur Semantik des klassischen und modernen Neutralitätsbegriffes – Konklusion
  • 7.2.7 Assoziationen zum ‚Sonderfall Schweiz‘
  • 7.2.7.1 Kurt Imhofs Sonderfallsdiskurs und Theorie der Pfadabhängigkeit
  • 7.2.7.2 Karl-Siegbert Rehbergs Analyse einer Schweiz jenseits der Geschichte
  • 7.2.7.3 Walter Wittmann entlarvt den „Mythos vom positiven Sonderfall“
  • 8. Graduierung und Auflistung der kulturellen Schlüsselbegriffe
  • 8.1 Graduierung
  • 8.1.1 Graduierung der untersuchten Schlüsselbegriffe nach dem geschichtlichen Bezug
  • 8.1.2 Graduierung nach Grad des korrekten Aufschlüsselns über die lexikalische Bedeutung
  • 8.1.3 Graduierung nach der Bedeutungsmodifikation
  • 8.1.4 Graduierung der untersuchten Schlüsselbegriffe nach der Wirkungsgeschichte
  • 8.2 Auflistung
  • 8.2.1 Revitalisierung: Neuerfassung altüberlieferter Schlüsselbegriffe
  • 8.2.2 Auflistung nach der sprachlichen Form
  • 9. Schlüsselbegriffe der Schweizer Kultur als kulturelle Idiome
  • 10. Schlusswort
  • Literaturverzeichnis

← 8 | 9 → Vorwort

Vielleicht erwartet man unter dem Stichwort ‚kulturelle Schlüsselbegriffe‘ der Schweiz die in aller Welt bestens bekannten Stichworte; Käse, Schokolade oder Uhren. Bei diesen kulturellen Leistungen handelt sich um Waren; es sind Produkte, hinter denen eine wirtschaftliche Leistung steht. Man erkennt daran, dass die Schweiz in vielen Bereichen etwas geleistet hat; in der Landwirtschaft, Industrie und den Dienstleistungen (wenn man an die Banken denkt).

Freilich verfügt jedes Land über eigentümliche Kulturgüter, die immer auch als Souvenirs gehandelt werden können. Schottland beispielsweise hat den Dudelsack, Kilt und Whiskey. Auch diese Gegenstände beziehen sich auf Kultur im weitesten Sinne; Musik, Kleidung oder gar alkoholische Getränke wie im letzteren Fall eines weltbekannten Exportprodukts.

Derartige Stichwörter bezeichnen Kulturgüter, als Schlüsselwörter beziehen sich zuerst auf Gegenstände, vom Menschen geschaffene Werke. Etwas Anderes ist darauf aufbauend der kulturelle Schlüsselbegriff: Er kommt über den materiellen Gegenständen zu stehen und bezeichnet einen höheren kulturellen Wert. Was die oben erwähnten Schotten angeht, so müsste man deren Schlüsselbegriffe erst noch herausfinden oder Sean Connery fragen. Denn welche höheren Ideen quasi den Geist der Dreiheit von Whiskey, Dudelsack und Kilt bilden, gibt sich aus diesen Gegenständen selbst, wenigstens für uns, die wir mit diesem Land nicht direkt verbunden sind, nicht sofort zu erkennen.

Abgesehen von den konkreten Beispielen, die jedermann in Bezug auf ein Land sofort in den Sinn kommen mögen, sind Schlüsselbegriffe inhaltsreiche Begriffe. Ihre Bedeutung ist nicht immer sofort verständlich und auch nicht leicht aufzuschlüsseln. Denn als Lexeme verfügen Schlüsselbegriffe über eine zusätzliche Bedeutung, einen Überschuss, der für die jeweilige Kultur zutrifft. Zu ihrem Wesen gehört die enge Bindung an eine Kultur.

Das Buch setzt sich zum Ziel, den kulturellen Schlüsselbegriffen der Schweizer Kultur auf die Spur zu kommen. Die Klarstellung von Bedeutung, Funktion und Wesen dieser Phänomene geschieht aus kultursemantischer Perspektive.

Um einen guten Einstieg in die Problematik der kulturellen Schlüsselbegriffe zu gewähren, werden zuerst einige linguistische Überlegungen zum Terminus ‚Schlüsselbegriff‘ präsentiert (Kapitel 1). Diese Darlegung umfasst: Die Deutung ← 9 | 10 → des Lexems ‚Schlüsselbegriff‘ und die Erklärung seines linguistischen Aufbaus; die Bestimmung der Erkenntnismerkmale, Funktionen sowie Versuch einer Systematik von Schlüsselbegriffen. Die Auslegungen zum Terminus ‚Schlüsselbegriff‘ schließen Bemerkungen zu dessen verwandten Begriffen wie Schlüsselwörtern und Kulturwörtern ab. Darauf folgt die Begründung, weshalb in meiner Arbeit mit dem Wort ‚Schlüsselbegriff‘ gearbeitet wird.

Das zweite Kapitel widmet sich der Erklärung des Phänomens ‚kultureller Schlüsselbegriff‘. Nach Bestimmung der Bedeutung von Kultur, welche in der Forschung vertreten wird, erfolgen die Hauptüberlegungen zu den kulturellen Schlüsselbegriffen: Es wird erläutert, was unter einem ‚kulturellen Schlüsselbegriff‘ zu verstehen ist. Dazu gehört es, die aus linguistischem und kulturellem Gesichtspunkt charakteristischen Eigenartigkeiten, welche ein Phänomen auszeichnen, festzuhalten; auch muss erklärt werden, welche Funktionen in der Kultur einer Gemeinschaft der Erscheinung, die hinter dem Schlüsselbegriff steht bzw. diesem vorangegangen ist, zukommen. Abschließend werden fünf Untersuchungsaspekte der kulturellen Schlüsselbegriffe präsentiert, welche von den Sprach- bzw. Geschichtsforschern entwickelt worden sind: W. A. Liebert, B. Schultze, Ch. v. Baalen und A. Wierzbicka.

In Kapitel 3 werden die Schlüsselbegriffe auf dem Hintergrund der klassischen Wortsemantik betrachtet. Nach der Darstellung ihrer Leistungen wird erklärt, warum sich kulturelle Schlüsselbegriffe mit dem Instrumentarium der traditionellen Wortsemantik nicht vollständig erfassen lassen. Folglich müssen zur Behandlung des Problems alternative Wege gesucht werden.

In Kapitel 4 werden kulturelle Schlüsselbegriffe der Schweiz als kulturelle Vermittler aufgefasst. Es sind Begriffe, welche kulturelle Traditionen verschiedenster Art transportieren. Fremden mögen sie die Eigenart eines Landes oder einer Region vermitteln. Es stellt sich auch die Frage nach dem Wesen der ‚Schweizer Kultur‘ und dem Schweizer Selbstverständnis.

Das Modell der kultursemantischen Untersuchung von kulturellen Schlüsselbegriffen wird in Kapitel 5 entwickelt. In diesem Kapitel finden sich meine theoretischen Grundsätze. Der festgelegte Ansatz umfasst: den sprachlichen Aspekt mit der Feststellung der lexikalischen Bedeutung der kulturellen Schlüsselbegriffe, den kulturellen Aspekt zur Untersuchung der kulturellen Bedeutung der Schlüsselbegriffe sowie Graduierungen und Auflistungen der kulturellen Schlüsselbegriffe.

Die kultursemantische Untersuchung der Schweizer kulturellen Schlüsselbegriffe findet sich in Kapitel 6. Die Zuordnung der Schlüsselbegriffe zu den vier Bereichen (Geschichte, Politik, Wirtschaft/Landwirtschaft sowie Soziales Leben/Mentalität) dient der systematischen Ordnung und Übersicht in der ← 10 | 11 → Arbeit. Die einzelnen Schlüsselbegriffe werden ausführlich behandelt; darum kann der bereits informierte Leser, diese Seiten überfliegen, während der noch nicht mit den schweizerischen Eigenarten Vertraute um eine intensive Beschäftigung mit diesen Inhalten nicht herumkommt. – Dieser umfangreichste Teil der Arbeit hat auch ein wenig die Funktion eines Nachschlage- bzw. Nachlesewerkes. Ausgewählt wurden diejenigen kulturellen Schlüsselbegriffe, welche meines Erachtens die Eigenart der Schweiz am besten darstellen und die eigentümlichen Aspekte der schweizerischen Identität offenbaren. Hierbei tauchen gleichzeitig jene Stichworte auf, die im öffentlichen Diskurs der vergangenen Jahrzehnte eine wichtige Rolle gespielt haben (die also auch in den Monographien zur Schweiz am häufigsten erscheinen).

Mit dem siebten Kapitel beginnt die Auswertung, Fokussierung und Zusammenstellung der Schlüsselbegriffe. Es werden zuerst ausgewählte Assoziationen zu den althergebrachten kulturellen Schlüsselbegriffen der Schweiz präsentiert, welche von namhaften Schweizer Persönlichkeiten ausgedrückt wurden. Es sind primär die Schlüsselbegriffe, welche dem politischen Bereich gehören und damit stets höchst aktuell bleiben. Ziel dieser Darstellung ist es, die Bedeutungskontinuität bzw. die Bedeutungsmodifikation zu bestimmen, welche angesichts der sich im Laufe der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert verändert habenden politischen, wirtschaftlichen, sozialen Umstände zu beobachten sind. Das Kapitel präsentiert die Assoziationen, welche zwischen 1991 und 1998 sowie nach 2000 fixiert worden sind.

Um eine umfassende Überschaubarkeit zu den Schlüsselbegriffen der Schweizer Kultur zu bieten und deren Eigenschaften zusammenzufassen, werden in Kapitel 8 Graduierungen und Auflistungen der Phänomene durchgeführt. Die Graduierungen umfassen: den geschichtlichen Bezug, den Grad des korrekten Aufschlüsselns über die lexikalische Bedeutung, die Bedeutungsmodifikation und die Wirkungsgeschichte. Die Auflistung betrifft die Revitalisierung altüberlieferter Schlüsselbegriffe und die sprachliche Form, welche die untersuchten kulturellen Schlüsselbegriffe annehmen.

Die Schlussfolgerungen zu den Graduierungen und Auflistungen fasst das Kapitel 9 zusammen, in welchem vorgeschlagen und begründet wird, dass kulturelle Schlüsselbegriffe als ‚kulturelle Idiome‘ mit verschiedenen Graden an Idiomatizität zu betrachten sind.

Das Fazit zur Forschung der kulturellen Schlüsselbegriffe finden sich im abschließenden Kapitel 10. Es werden Resultate und Einsichten mit dem Anfang der Arbeit, wo es um den Begriff des kulturellen Schlüsselbegriffs geht, verbunden und abschließend kommentiert.

← 11 | 12 → Als Referenzpunkt meiner Untersuchung konzentriere ich mich auf die Werke der Duden-Redaktion, neben dem auch von vielen im Alltag genutzten gelben Band 1 zur deutschen Rechtschreibung, waren mir das Universal- und das Fremdwörterbuch besonders wichtig, um meine Analyse der kulturellen Schlüsselbegriffe aus der Schweiz nachzugehen. Konrad Duden (1829-1911) hat das wohl bekannteste Wörterbuch zur deutschen Sprache geschaffen, es dokumentiert mittels aktualisierter Auflagen regelmäßig die neuen Tendenzen der gesprochenen Sprache und hat sich seit über hundert Jahren als maßgebende Autorität für die Schreibung des gedruckten Wortes in den deutschsprachigen Ländern bewährt (von Ende 1955 bis zur Reform 1996 richtete sich in der Bundesrepublik die amtliche deutsche Rechtschreibung nach dem Duden).

← 12 | 13 → 1. Zum Terminus Schlüsselbegriff

Als Einstieg zum Forschungsthema Kulturelle Schlüsselbegriffe am Beispiel der Schweiz beginne ich mit einer allgemeinen Feststellung: Beim Schlüsselbegriff scheint es sich um einen Schlüssel zu handeln. Doch verschafft er uns den Zugang zu einem Gegenstand, einem Ereignis, einer Erscheinung oder einem bestimmten Fachwissen? – Hinter oder in einem gegebenen Schlüsselbegriff verbergen sich bestimmte Inhalte. Um diese korrekt wahrzunehmen, braucht es ein bestimmtes Sach- und Weltwissen (oder die Kenntnis einer Fachsprache) als notwendige Voraussetzung. Dieses zusätzliche Wissen funktioniert als Schlüssel; denn es ermöglicht uns, den Schlüsselbegriff zu verstehen und richtig zu deuten.

Es ist nicht einfach, eine verbindliche Definition des Terminus zu konstruieren. Dies wegen der Vielfalt an Formen und Arten von Schlüsselbegriffen, welche wiederum auf die unzähligen Möglichkeiten von deren Erscheinen in den unterschiedlichsten Gebieten zurückzuführen ist; angefangen bei den fachwissenschaftlichen Bereichen bis hin zu der alltäglichen Wirklichkeit. Überall begegnen uns Schlüsselbegriffe.

Natürlich existieren in verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft ganz unterschiedliche Schlüsselbegriffe. Dies sind genau definierte Begriffsfestlegungen, aber diese Erklärungen liefern keine, für alle möglichen Bereiche passende allgemeine Definition; sie unterscheiden sich nämlich voneinander und betreffen meist nur gerade diejenigen Gebiete, auf welche die Forschungsautoren spezialisiert sind und in deren Rahmen sie sich bewegen. Auf einige solcher Vorschläge zur Begriffsdefinition und Forschungsperspektiven möchte ich in den nächsten Unterkapiteln eingehen, um daraus meine eigenen Überlegungen und Behauptungen zum Terminus Schlüsselbegriff und kultureller Schlüsselbegriff zu entwickeln, an denen sich die weiteren Ausführungen primär ausrichten werden.

1.1 Etymologie, linguistischer Aufbau

Zunächst erkläre ich die Herkunft der einzelnen Bestandteile des Wortes ‚Schlüsselbegriff‘, um dann zu der Analyse des linguistischen Aufbaus ← 13 | 14 → überzugehen. Nachdem die Wortbestandteile etymologisch analysiert worden sind, soll auf die sprachwissenschaftliche Bestimmung des Terminus eingegangen werden.

Das Wort Schlüsselbegriff ist ein Determinativkompositum, das aus unmittelbaren Konstituenten Schlüssel (Bestimmungswort) und Begriff (Grundwort) besteht. Etymologisch ist das Substantiv Schlüssel (mhd. ‚slüzzel‘, ahd. ‚sluzzil‘, niederl. ‚sleutel‘) eine Bildung zu dem auf das deutsche und niederländische Sprachgebiet beschränkten Verb ‚schließen‘, welches wiederum mit seinen ablautenden Substantiven ‚Schloss‘, ‚Schluss‘ und ‚Schlüssel‘ nicht sicher erklärt ist. Jedoch steht ‚schließen‘ seit dem 16. Jahrhundert für (logisch) ‚folgern‘, und zwar im Sinne „an Voraufgehendes gedanklich anschließen“. Das Wort ‚Schlüssel‘, dessen bildlicher Gebrauch schon im 13. Jahrhundert die Bedeutung ‚Musik-‘ bzw. ‚Notenschlüssel‘ aufweist, steht anfänglich im Anschluss an das biblische ‚clavis scientiae‘ für „Schlüssel der Erkenntnis“. Als Erklärung einer Geheimnisschrift ist es – wie die jungen Verben ent- und verschlüsseln, die dechiffrieren bzw. chiffrieren bedeuten – allerdings erst im 18. Jahrhundert bezeugt; daher muss ‚aufschlüsseln‘ als deutsche Entsprechung des französischen Verbums betrachtet werden (Duden – Das Herkunftswörterbuch 1997: 640).

Als Bestimmungswort ist Schlüssel sehr produktiv und kann mit verschiedenen Substantiven verbunden werden. In derartigen Bildungen drückt es aus, dass entweder jemand oder etwas eine zentrale Stellung einnimmt (z. B. bei Substantiva wie Schlüsselbetrieb, Schlüsselcharakter, Schlüsselgruppe, Schlüsselfigur, Schlüsselstellung, Schlüsselfunktion usw.) oder, dass etwas ein Mittel zum Zugang, zum Verständnis einer Person, einer Sache ist (z. B. Schlüsselgedicht, Schlüsselroman, Schlüsselbegriff usw.) (Duden – Deutsches Universalwörterbuch 2007: 1473).

Das Substantiv Begriff (mhd. ‚begrif‘) ist wortgeschichtlich eine Ableitung vom Verb ‚begreifen‘ und bedeutet: Umfang, Bezirk; Zusammenfassung sowie Umfang und Inhalt einer Vorstellung. Das Verb ‚begreifen‘ (sanskrit. ‚grah‘, mhd. ‚begrifen‘, ahd. ‚bigrifan‘) steht für: berühren, betasten, anfassen; umfassen, umschließen, in Worte fassen; zusammenfassen; erreichen, erlangen; verstehen. Dazu kommt noch das Adjektiv begreiflich (mhd. ‚begrif(e)lich‘) als fassbar und verstehend (Duden – Das Herkunftswörterbuch1997: 254).

Sprachwissenschaftlich werden unter Begriff mit Lexemen verbundene, organisierte Bewusstseinsinhalte verstanden. Begriffe rufen bestimmte Vorstellungen hervor; und zwar mit Hilfe des abstrakten Denkens, welches Begriffe hervorbringt. Es entstehen abstrakte, sprachliche Zeichen für als objektive empfundene Realitäten (← 14 | 15 → vgl. Stiehl 1970: 63). So kann es im Begriff zu einer Widerspiegelung des Wesens der Wirklichkeit kommen. Denn das Wesen der Erscheinungen und ihrer inneren Gesetzmäßigkeiten tritt uns immer in sprachlichen Begriffen entgegen. Immanuel Kant vertrat den Standpunkt, dass wir das „Ding an sich“ gar nicht erkennen könnten, da unsere Wahrnehmung nicht zum Objekt selbst vordringe, sich nicht von den sprachlichen Kategorien loslösen könne, also immer am Subjekt kleben bleibe.

Durch Begriffe der Sprache setzt sich das menschliche Bewusstsein mit inneren und äußeren Eigenschaften und Beziehungen auseinander, es charakterisiert Gegenstände bzw. Erscheinungen der Wirklichkeit wie auch Gefühlszustände und Erfahrungen. Begriffe sind abstrakte Ideen in unseren Köpfen, Gedankengebilde, Träger unseres Wissens (vgl. Reichmann 1969: 11). Sie existieren konzeptuell auf Grund von Konventionen. Die Begriffe selbst müssen, weil sie Gedanken sind, mit Hilfe von sprachlichen Zeichen – Wortkörpern – zum Ausdruck gebracht werden (vgl. Baldinger 1957: 14-15). Wörter – die kleinsten Spracheinheiten, die als vollständige Äußerung fungieren können (vgl. Ullmann [1962] 1973: 40) – sind Träger der Begriffe. Ansonsten existieren die Begriffe lediglich im Kopf derjenigen Person, die sie denkt, und lassen sich von den anderen Personen weder begreifen noch nachvollziehen. Die Begriffe selbst sind „außersprachlich“1 – was auf die Einsicht Kants zurückgehen dürfte, die Kategorien seien uns a priori (d.h. vor aller Erfahrung) gegeben – Der sprachliche Ausdruck verhilft den Begriffen zu einer intersubjektiven Gültigkeit, er macht sie also intersubjektiv kommunizierbar.

Das Verhältnis von Wortkörper und Begriff veranschaulicht das in der Linguistik bekannte Dreieck-Schema, welches von den englischen Linguisten C. K. Ogden und J. A. Richards entwickelt worden ist. Im Nachfolgenden wird es nach der deutschen Fassung von dem Linguisten Kurt Baldinger (1957: 14-15) angeführt (im Original siehe: Ogden/Richards 1923: 14).

Im Dreieck-Schema erscheint der BEGRIFF (für den auch Termini wie ‚Inhalt‘, ‚Sinn‘, ‚Vorstellung‘, ‚Bedeutung‘ verwendet werden), als psychisch-geistiges Korrelat mit festem begrifflichem Kern und unscharfen Grenzen. Die SACHE steht für alle Bestände, Vorgänge und Beziehungen der Realität. Der WORTKÖRPER (auch ‚Bezeichnung‘, ‚Name‘ bzw. auch ‚Lautkörper‘) wird als „ein auf Grund eines physikalisches Gehörseindrucks in der Psyche vergegenwärtigter und deshalb vorwiegend psychischer Bestand“ aufgefasst (vgl. Baldinger 1957: 14-15).

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Wortkörper und Begriff sind aufs Engste verbunden, so dass die beiden nach dem Gesetz des Zeichens (der Repräsentation einer Größe durch eine andere) in einem Wechselverhältnis stehen: Hört man das Wort, denkt man an die Sache und umgekehrt: denkt man an die Sache, spricht man das Wort aus. Diese wechselseitige und umkehrbare Beziehung zwischen Wortkörper und Begriff wird von Baldinger (auch von Ullmann [1962] 1973: 67-72 und Weisgerber 1967: 170) Bedeutung genannt. Der Begriff, welcher in Bezug auf philosophische Auffassungen als ‚geistiges Spiegelbild der Sprache‘, als ‚eine Abstraktion auf gedanklichen Ebene‘ verstanden wird, ist ein ‚abstrakter Reflex der Sache‘. Er bezieht sich auf diese und hebt das Essenzielle von einer Sache hervor. Es heißt also, dass z. B. beim Begriff ‚Tisch‘ nicht dessen Einzelzüge, Attribute wie Bauart, Größe, Material usw., erscheinen, sondern vorwiegend der Allgemeincharakter jedes Tisches: ‚ein mit flacher Platte versehenes Möbelstück für bestimmte Gebrauchszwecke‘. Der Wortkörper (Bezeichnung, Name) steht in einer indirekten Beziehung zur Sache, und zwar über das Bindeglied des Begriffes. Die direkte Beziehung dieser beiden Größen ist rein fiktiv, weil das sprachliche Zeichen einen beliebigen Charakter im Verhältnis zur Sache hat. Dieses Faktum wurde im Dreieck durch eine lediglich punktierte Linie dargestellt (vgl. Baldinger 1957: 14-15).

Mit Begriffen suchen wir die Wirklichkeit objektiv zu erfassen und sinnvoll zu kategorisieren beispielsweise in einen Oberbegriff ‚Baum‘ und konkreten Arten ← 16 | 17 → von ‚Bäumen‘.2 Philosophisch sollten die Begriffe möglichst genau sein; sie sind aber abstrakt, für das Denken geschaffen. In der Realität der Sprachpraxis werden sie oft von diversen Nebenvorstellungen begleitet (sind eventuell sogar selbst aus kulturellen Assoziationen entstanden).

Eine Gruppe von Begriffen innerhalb eines bestimmten Bereiches kann man leichter wahrnehmen, wenn wir diese einer Systematik unterziehen, und zwar einige von diesen als relevanter betrachten, die anderen hingegen als weniger wichtig im Hintergrund erscheinen lassen. Mit Hilfe einer solchen Vorgehensweise erhält man Ober- oder übergeordnete Sammelbegriffe für Gegenstände bzw. Erscheinungen der Wirklichkeit (vgl. Stiehl 1970: 78-80). Solche Oberbegriffe sind dann auch die Schlüsselbegriffe, da sie wegen ihrer inhaltlichen Relevanz und starken Bedeutungskondensierung innerhalb einer semantischen Domäne eine markante Auszeichnung besitzen und sich wie ein Gattungsbegriff über andere Arten der Wortbildung erheben.

In Anlehnung an die Überlegungen zu den Bedeutungen von ‚Schlüssel‘ und ‚Begriff‘ ergeben sich zum Terminus Schlüsselbegriff folgende Erkenntnisse:

Details

Seiten
446
ISBN (PDF)
9783653043877
ISBN (ePUB)
9783653984446
ISBN (MOBI)
9783653984439
ISBN (Hardcover)
9783631652749
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (September)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 446 S., 8 Tab., 6 Graf.

Biographische Angaben

Jadwiga Madej (Autor:in)

Jadwiga Madej unterrichtet am Institut für Germanische Philologie der Universität Rzeszów (Polen) unter anderem Landes- und Kulturkunde der deutschsprachigen Länder. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf Kulturlinguistik, Ethnolinguistik, Dialektologie und germanistischer Kulturkunde.

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