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Lokalisierbarkeit von User-Interface-Strings

Übersetzerische Aspekte der Internationalisierung und Lokalisierung von Software, untersucht anhand der Übersetzungsrichtungen Englisch–Deutsch und Englisch–Russisch

von Alexander Behrens (Autor:in)
Dissertation 241 Seiten

Zusammenfassung

Der Autor erforscht Gründe für das Entstehen sprachlicher Defekte in lokalisierten Oberflächen von Computerprogrammen. Dabei geht es nicht um Defizite in der Sprachkompetenz des Übersetzers, sondern um erzwungene Normverstöße, die dann entstehen, wenn der Übersetzer die Kontrolle über das Translat verliert. Der Fokus liegt deswegen auf dem technologischen und sozioökonomischen Kontext der Lokalisierungsleistung. Die Analyse zeigt, warum und wie die digitale Revolution das übersetzerische Berufsbild verändern wird. Das Buch bietet neue Überlegungen zur Zukunft des Übersetzens und zur Ausbildung von Übersetzern.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Zusammenfassung
  • Abstract
  • Inhalt
  • 1. Einleitung
  • 1.1. Disziplinäre Einordnung der Untersuchung
  • 1.2. Kurzcharakteristik des Ausgangsproblems
  • 1.3. Zur Entstehungsgeschichte infrastrukturell bedingter Sprachnormverletzungen in User-Interface-Texten
  • 1.4. Die Internationalisierungspraxis als Gegenstand der Übersetzungswissenschaft
  • 1.5. Zielsetzung
  • 1.6. Zu beantwortende Fragen
  • 1.7. Quellen und Methoden
  • 1.8. Felderhebungen
  • 1.8.1. Erhebung unter Text-Applikatoren
  • 1.8.2. Erhebung unter Übersetzern
  • 1.9. Struktur und Darstellungsweise
  • 2. Zwischenfazit und Arbeitshypothesen
  • 3. Begriffliche Grundlagen
  • 3.1. Globalisierung
  • 3.2. Items und Werte
  • 3.3. Internationalisierung
  • 3.3.1. Internationalisierung der Geschäftslogik
  • 3.3.2. Internationalisierung natürlicher Sprache
  • 3.3.3. Internationalisierung von Farben, Formen und Gesten
  • 3.3.4. Internationalisierung von Schallereignissen
  • 3.3.5. Internationalisierung des User Experience Designs
  • 3.3.6. Internationalisierung von Hardware
  • 3.4. Lokalisierung
  • 3.5. Personalisierung
  • 3.6. Beziehungen zwischen den Teilprozessen Internationalisierung, Lokalisierung und Personalisierung
  • 4. Technologische Aspekte
  • 4.1. Technologie der Internationalisierung
  • 4.1.1. Technologie der Internationalisierung der Geschäftslogik
  • 4.1.2. Technologie der Internationalisierung grafischer Items
  • 4.1.3. Technologie der Internationalisierung linguistischer Items
  • 4.2. Technologie der Lokalisierung
  • 4.2.1. Arbeiten mit dem Android SDK
  • 4.2.2. Arbeiten mit dem iOS SDK
  • 4.2.3. Arbeiten mit GNU gettext V.0.18.3.1
  • 4.2.4. Arbeiten mit dem KDE Framework 5 (Qt)
  • 4.2.5. Arbeiten mit dem L20n-Framework (Gecko)
  • 4.3. Zusammenfassung
  • 5. Sozioökonomische Aspekte
  • 5.1. Kooperationsmuster
  • 5.2. Selbst- und Fremdkonzept des Übersetzers
  • 6. Lokalisierbarkeit von User-Interface-Strings
  • 7. Softwarelokalisierung im Unterricht an deutschen Hochschulen
  • 8. Zusammenfassung und Ausblick
  • 9. Desiderata
  • 10. Quellen und Literatur
  • 10.1. Quellen und Literatur in Latinica
  • 10.1.1. Quellen und Literatur mit Autorenangabe
  • 10.1.2. Quellen und Literatur ohne Autorenangabe
  • 10.2 Quellen und Literatur in Kyrilliza
  • 10.2.1. Quellen und Literatur mit Autorenangabe
  • 10.2.2. Quellen und Literatur ohne Autorenangabe
  • 10.3. Konsultanten, Urheber sonstiger Leistungen
  • Danksagungen
  • Reihenübersicht

1.    Einleitung

1.1.    Disziplinäre Einordnung der Untersuchung

Disziplinär knüpft die Arbeit an die linguistische und translatologische Forschung an. Zu berücksichtigen ist auch der technologische Kontext, in dem Softwarelokalisierung stattfindet; entsprechend ergeben sich an gegebener Stelle auch informationstechnische Bezüge.

1.2.    Kurzcharakteristik des Ausgangsproblems

Im tradierten Arbeitsmodell erfolgt die regionale Anpassung eines Computerprogramms in den zwei Schritten Internationalisierung und Lokalisierung. Einer solchen modellhaften Trennung der Verarbeitungsschritte folgen übereinstimmend u. a. Kano (1995), Esselink (2000a), Schmitz (2000), Yunker (2003), Esch (2003), Beste (2006), Drewer (2006) und Lommel (2007). Während der Ausdruck Internationalisierung die architektonische Vorbereitung der Software für eine spätere Lokalisierung meint, steht Lokalisierung für die Anpassung der Oberfläche selbst. Internationalisierung ist im Modell ein sprachneutraler Arbeitsschritt; übersetzerische Fragen kommen erst in der Lokalisierungsphase zum Tragen.

Aus der translatorischen Praxis ist indes bekannt, dass bestimmte Übersetzungsprobleme1 bereits im Internationalisierungsstadium entstehen und im Lokalisierungsstadium nicht mehr gelöst werden können. Auf diese Weise kommt es zu erzwungenen Normverstößen insbesondere in der Morphosyntax, Lexik und Textdarstellung. Vornehmlich betrifft dies die folgenden Anforderungen:

1.    Berücksichtigung grammatikalischer Varianzen. Normverstöße zeigen Abbildung 1 und Abbildung 2.

2.    Berücksichtigung lexikalischer Varianzen. Einen Normverstoß zeigt Abbildung 3.

3.    Anpassung der Formatierung an die Konventionen der Zielkultur (Normverstöße zeigen Abbildung 33 auf S. 70 sowie Abbildung 66 auf S. 101.) ← 21 | 22 →

1.3.    Zur Entstehungsgeschichte infrastrukturell bedingter Sprachnormverletzungen in User-Interface-Texten

Übersetzen war schwere Arbeit, denn es war eine physische Anstrengung, mit einem Tastenhub in der Größenordnung von 10 bis 20 mm überhaupt einen Buchstaben aufs Papier zu bringen, geschweige denn mehrere Buchstaben in gleicher Schwärzung, und dies auch noch einen ganzen Tag lang zu tun. (Schmitt 2004a:55)

Auch wenn Schreiben auf mechanischen Schreibmaschinen nicht dem gängigen Begriff von Schwerarbeit entspricht, so macht dieser Verweis auf die früher ausgeprägt physische Komponente des Übersetzens (die häufig zu entsprechenden Berufskrankheiten wie z. B. Sehnenscheidenentzündungen geführt hat) doch deutlich, welche Revolution sich seither am Übersetzerarbeitsplatz ereignet hat. Diese Revolution manifestierte sich darin, dass traditionelle Medien mit neuen Mitteln effizienter bearbeitet werden konnten. Waren es im Industriezeitalter jedoch noch die Arbeitsmittel, die dem Übersetzer Anpassungsleistungen abforderten, so ist es im Informationszeitalter vor allem der Botschaftsträger (Holz-Mänttäri 1984:30), welcher neue Konzepte in der Translation erforderlich macht3 und die Hersteller von Arbeitsmitteln seinerseits in Zugzwang bringt. In diesem Sinne haben die aktuellen Entwicklungen eine andere Qualität als jene der 1980er Jahre. Dieser von der Translatologie bislang kaum beachtete Aspekt zeichnete ← 22 | 23 → sich bereits in den 1990er Jahren ab, als sich Bildschirmmedien4 auch für den Übersetzer zu einem Massenmarkt zu entwickeln begannen. Bis zu dieser Zeit erfolgte die Softwarelokalisierung in der hartcodierten Quelle durch Entwickler-Übersetzer-Tandems oder durch Übersetzer mit Programmierkenntnissen. Ein solcher Werkstatt-Stil – Esch (2003:26) spricht von einer cottage industry – erwies sich bald als der Marktentwicklung nicht gewachsen, denn mit dem in den 1990er Jahren einsetzenden Erfolg des Internets stieg der Globalisierungsdruck in der Wirtschaft. Flankiert von der schnellen Verbreitung von Microsoft Windows 3.1 ab 1992, führte dieser rasch zu einer industrialisierten Nachfrage nach Lokalisierungsleistungen, die mit der bis dahin praktizierten Arbeitsweise nicht mehr bedient werden konnte.

Das in Abschnitt 1.2 charakterisierte Problem resultiert aus der Entwicklung der Softwarelokalisierung zu einem Massenmarkt, einer Entwicklung, die dank zweier Ereignisse eine Zäsur bedeutete:

1.    Das erste Ereignis war die industrielle Etablierung eines auf dem generic coding5 basierenden Internationalisierungskonzepts. (Sachse 2005:145 spricht hier allerdings von einem Lokalisierungskonzept.)

2.    Das zweite Ereignis war die Fragmentierung des Übersetzungsprozesses in der Softwarelokalisierung.6

1.4.    Die Internationalisierungspraxis als Gegenstand der Übersetzungswissenschaft

Das in Abschnitt 1.2 charakterisierte Problem gewinnt für das Übersetzen mit der fortschreitenden Digitalisierung von Medien und Benutzerschnittstellen an Bedeutung. Deutlich wird dies u. a. an den Entwicklungen der Industrie 4.0 und an der Verlagerung von Aktivitäten des Alltags ins WWW (soziale Netzwerke, E-Commerce) und an der wachsenden Beliebtheit portabler Endgeräte wie Smart ← 23 | 24 → phones und Tabletcomputer. Immer mehr Alltagsgeräte, haustechnische Systeme, Arbeits- und Produktionsmittel sind mit digitaler Technologie ausgestattet und kommunizieren nicht nur untereinander, sondern auch mit dem Menschen. Infolge der Durchdringung aller Lebensbereiche mit digitaler Technik wird Software daher längst nicht mehr nur für PC-Anwender lokalisiert, sondern für praktisch alle Teilhaber an der Industrie- und Informationsgesellschaft.

Für die Gewinnung empirischer Daten wurden für die vorgelegte Arbeit an geeigneter Stelle Umfragen durchgeführt, jeweils eine unter Text-Applikatoren (Holz-Mänttäri 1984:109), d. h. IT-Unternehmen, und eine unter Übersetzern. (Mehr zu den Umfragen s. Abschnitt 1.8.) Für das hier betrachtete Segment kleiner Unternehmen zeigte die Befragung von Text-Applikatoren (Abbildung 4), dass der Markt aktuell von Webanwendungen (27,9 %), Desktop-Software (25,5 %), mobilen Apps (17,6 %) und Datenbanken (ebenfalls 17,6 %) angeführt wird, während Firmware mit 6,1 % ungeachtet ihrer starken Verbreitung in der Alltagstechnik in diesem Segment eine untergeordnete Rolle spielt.

Abbildung 4:      „Welche Produkte entwickeln Sie?“; Ergebnis der Umfrage unter Text-Applikatoren, Multiple Choice

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andere:

    ERP-Systeme (2 x)

    Service-orientierte Architekturen (client-server-Betrieb)

    Serverapplikationen

    Industrielle Software

    Schnittstellen

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Mit der Industrie 4.0, so darf angenommen werden, steht die Gesellschaft erst am Anfang eines Umwälzungsprozesses, der auch den Beruf des Übersetzers erfassen wird. Dabei ist sicher dem Erfolg Deutschlands als traditionelles Industrieland zu verdanken7, dass die digitale Revolution in diesem Land noch nicht die Dynamik erreicht hat, wie sie in den USA zu beobachten ist. Während 2013 die Umsätze des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland 1,74 Billionen Euro8 erreichten, konnte die IT-Branche dort nur 16,99 Milliarden Euro9 umsetzen.

Langfristig wird die Industrie 4.0 sich nicht darauf beschränken, bestehende Bedürfnisse der modernen Gesellschaft zu erfüllen, sondern ihrerseits einen Technologiedruck (technology push) erzeugen, der sich schlicht aus der Vielzahl ihrer Möglichkeiten ergibt. Eine zentrale Sorge des IT-Markts besteht schon heute darin, für geschaffene Mittel einen vermarktbaren Zweck zu finden. Umso stärker wird die Dynamik in solchen Zweigen ausfallen, in denen passende Bedürfnisse schon heute da sind. Zu diesen Zweigen gehört ganz sicher die Sprachverarbeitung.

Neben der digitalen Revolution lässt aber auch die Globalisierung zumindest vorübergehend einen steigenden Bedarf an Lokalisierungsleistungen erwarten. Eine Prognose bis zum Jahr 2018 zeigt Abbildung 5. Mit voranschreitender Sättigung der Binnenmärkte ist die Vitalität von Unternehmen immer stärker an die erfolgreiche Erschließung von Auslandsmärkten geknüpft. Dies gilt gewiss auch für Deutschland. Mit einem monatlichen Exportvolumen von zuletzt (Dezember 2014) 90,1 Milliarden Euro10 bzw. 111,2 Milliarden Dollar11 ist die Bundesrepublik nach China und den Vereinigten Staaten die derzeit drittgrößte Exportnation der Welt12, gleichzeitig jene mit dem weltweit höchsten Exportüberschuss (2014: 7,5 Prozent der Wirtschaftsleistung).13 ← 25 | 26 →

Abbildung 514:  Umsatz der Übersetzungsbranche in Deutschland von 2009 bis 201215 und Prognose bis zum Jahr 201816 (in Millionen Euro)

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Doch bedeutet die wachsende Verbreitung digitaler Medien in einer Exportnation wie Deutschland auch tatsächlich einen wachsenden Lokalisierungsbedarf und damit eine Veränderung des Übersetzungsmarkts? Für die Beantwortung dieser Frage wurden im nächsten Schritt die Text-Applikatoren gebeten anzugeben, wie viel Prozent der von ihnen entwickelten Software lokalisiert wird (Abbildung 6).

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Drei Viertel der befragten Unternehmen lokalisieren also tatsächlich mindestens 10 % der von ihnen entwickelte Software. Vergleichbar mit dem Ergebnis in Abbildung 4 (entwickelte Softwarearten, Befragung von Entwicklern) ist das in Abbildung 7 dargestellte Ergebnis (lokalisierte Softwarearten, Befragung von Übersetzern):

Details

Seiten
241
ISBN (PDF)
9783653058574
ISBN (ePUB)
9783653968965
ISBN (MOBI)
9783653968958
ISBN (Hardcover)
9783631661949
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (April)
Schlagworte
Benutzeroberflächen GUI Translatologie Übersetzungswissenschaft Translationsforschung
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 241 S., 21 farb. Abb., 100 s/w Abb., 7 Tab.

Biographische Angaben

Alexander Behrens (Autor:in)

Alexander Behrens ist als Diplom-Übersetzer seit über zehn Jahren in der Softwarelokalisierung tätig. Heute lehrt er am Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie der Universität Leipzig sowie im Fachbereich Informatik und Sprachen der Hochschule Anhalt in Köthen.

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Titel: Lokalisierbarkeit von User-Interface-Strings