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Modifikationen semantischer Strukturen in Wortbildungsspielen

von Joanna Janicka (Autor)
Monographie 177 Seiten

Inhaltsverzeichnis


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Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen

Abbildungen

Abb. 1: Wortbildungsspiele als Untermenge in der Menge der Wortspiele

Abb. 2: Diagramm [der Schwarm besteht aus Bienen]

Abb. 3: Diagramm [X bringt Y Glück]

Abb. 4: Diagramm [die Behörde privatisiert Staatseigentum]

Abb. 5: Diagramm [die Hand ist treu]

Abb. 6: Diagramm [die Idee ist verrückt]

Abb. 7: Diagramm [die Idee resultiert aus dem Schnaps(konsum)]

Abb. 8: Diagramm [die Vorgehensweise führt zum Misserfolg]

Abb. 9: Diagramm [der Weg führt zum Holz]

Abb. 10: Diagramm [X urteilt voreilig]

Abb. 11: Diagramm [X urteilt vor den Richtern]

Abb. 12: Diagramm [der Käfer ähnelt einem Hirsch]

Abb. 13: Diagramm [X geht aus (der Beziehung von) Hirsch und Käfer hervor]

Abb. 14: Diagramm [die Kunst besteht im Dichten]

Abb. 15: Diagramm [die Kunst besteht im Dichten] WBS

Abb. 16: Diagramm [X entrahmt Y]

Abb. 17: Diagramm [X hat keinen Rahm], X = Milch, Joghurt

Abb. 18: Diagramm [X entrahmt Y] WBS

Abb. 19: Diagramm [das Bild hat keinen Rahmen]

Abb. 20: Diagramm [X dient dazu, den Spaß zu bremsen]

Abb. 21: Diagramm [X bremst den Spaß]

Abb. 22: Diagramm [die Bremse spaßt] ← 9 | 10 →

Abb. 23: Diagramm [X ist chaotisch]

Abb. 24: Diagramm [X befasst sich mit dem Chaos], X = Wissenschaft

Abb. 25: Diagramm [X ist zugereist]

Abb. 26: Diagramm [X ist zugereist] WBS

Abb. 27: Diagramm [in der Bar geschehen Wunder]

Abb. 28: Diagramm [in der Kasse befindet sich Bargeld]

Abb. 29: Diagramm [X klaut Suren]

Abb. 30: Diagramm [der Affe erlebt X]

Abb. 31: Diagramm [X leitet einen Gau]

Abb. 32: Diagramm [der Eiter stammt vom Gaul]

Abb. 33: Diagramm [X rumort]

Abb. 34: Diagramm [in den Orten befindet sich Rum]

Abb. 35: Diagramm [der Hl. Geist ist weiblich]

Abb. 36: Diagramm [der Sohn ist weiblich]

Abb. 37: Diagramm [die Zeitung erscheint jeden Tag]

Abb. 38: Diagramm [die Zeitung ist Tag und Nacht zugänglich]

Abb. 39: Diagramm [Ursula fordert Zensur]

Abb. 40: Diagramm [X rebelliert]

Abb. 41: Diagramm [Araber rebellieren]

Abb. 42: Diagramm [X strafft Y]

Abb. 43: Diagramm [der Prozess betrifft die Strafe]

Abb. 44: Diagramm [X strafft den Strafprozess] und [der Prozess betrifft die Strafe]

Abb. 45: Diagramm [X verbindet (die Eigenschaften von) Pferd und Hund]

Abb. 46: Diagramm [X wiegt ein Pfund] ← 10 | 11 →

Tabellen

Tabelle 1: Übersicht über Komposita des Typs Substantiv/Verbalstamm/Pronomen/Verbalgruppe + Substantiv. Eigene Darstellung nach Ortner/Müller-Bollhagen/Pümpel-Mader/Gärtner (1991: 145 ff.)

Tabelle 2: Übersicht über Komposita des Typs Adjektiv/Adverb/Numerale/Partizip/adj. Wortgruppe + Substantiv. Eigene Darstellung nach Ortner H. (1991: 692 ff.)

Tabelle 3: Veränderungen in der Prädikationsstruktur von Wortbildungsspielen. Ein Überblick

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Abkürzungsverzeichnis

Indizes für die morpho-syntaktische Valenz (tiefgestellt):

<akk> mit Akkusativergänzung

<dat> mit Dativergänzung

<dir> mit Direktivergänzung

<gen> mit Genitivergänzung

<mod> mit Modifikativergänzung

<prp> mit Präpositivergänzung

<prd> mit Prädikativ

<sit> mit Situativergänzung

<sub> mit Subjekt

Kategorialindizes:
Ergänzungen:
Eakk Akkusativergänzung
Edat Dativergänzung
Edir Direktivergänzung
Egen Genitivergänzung
Emod Modifikativergänzung
Eprp Präpositivergänzung
Eprd Prädikativergänzung
Esit Situativergänzung
Esub Subjekt
Angaben:
Asit Situativangaben
Subklassen:
Acaus Kausalangabe
Aloc Lokalangabe
Atemp Temporalangabe
Semantische Rollen:
AD Adressat
AG Agens
ACT Actio (Tätigkeit/Handlung)
CAUS Ursache/Auslöser eines Vorgangs/Zustands ← 13 | 14 →
COMP 1 Verglichenes
COMP 2 Vergleichsgröße
COND Bedingung/Anlass
DIM Dimension/Maß
DIR Richtung
E1 Eingeordnetes Glied einer Einordnungsbeziehung (Element)
E2 Einordnendes Glied einer Einordnungsbeziehung (Menge/Kollektiv)
EXIST Vorhandene Größe
EXPR Erscheinungsform
FER Träger einer Eigenschaft, eines Merkmals, Zustands oder Vorgangs
Id1 Indentificatum (identifiziertes Glied einer Identitätsbeziehung)
Id2 Identificans (identifizierendes Glied einer Identitätsbeziehung)
I Instrument/Mittel
LOC Ort
LG lokalisierte Größe
MOD Modalität
MOV gerichtete Größe
NOM1 Namensträger
NOM2 Name
ORIG Herkunft/Herkunftsgröße
P Besitzer
PART Teilgröße
PAT Patiens
POSS Besitz
PRIV Privativ
PROD Produkt
QUAL Eigenschaft/Merkmal
REF Inhalt/Thema/Relation
REPR Repräsentant/Ausdrucksform/Partner
R Resultat/Folge/Wirkung
STAT Zustand
SUBST Substanz
TEMP Zeit(-punkt/-raum) ← 14 | 15 →

Selektionsbeschränkungen:

akt – Handlung, Tätigkeit

anim – belebt

geg – materieller Gegenstand (zählbar)

hum – menschlich

inst – von Menschen geschaffene/aus Menschen bestehende Institution/Organisation

intell – Nichtsinnliches, Begriff

loc – räumliche Bestimmung

mat – materielles, nicht zählbar

plant – Pflanze

sachv – Sachverhalt

sent – Gefühl, Empfindung

stat – Zustand, Eigenschaft

zool – Tier

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Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Phänomen der Wortbildungsspiele verstanden als eine Untergruppe der Wortspiele. Schon durch diese Schwerpunktsetzung wird das Neue an dem präsentierten Untersuchungsansatz betont: Während Wortspiele nämlich bereits in zahlreichen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Arbeiten aus unterschiedlicher Perspektive behandelt wurden, und während die Wortbildung des Deutschen mehrmals ausführlich untersucht und dargestellt wurde, wurde dem Wechselspiel zwischen Wortbildung und Wortspiel selten, und wenn, dann meist nur am Rande der vorgenommenen Untersuchungen Beachtung geschenkt. In der vorliegenden Arbeit soll gerade dieses Verhältnis einen der Ausgangspunkte für die genaueren Untersuchungen darstellen.

Den zweiten Ausgangspunkt bildet die in der Sprachphilosophie Wittgensteins verankerte Auffassung, dass Zeichen erst im Gebrauch, in der Kommunikation, ihre Bedeutung gewinnen. Wie in der Arbeit im Folgenden dargestellt wird, sind Wortbildungsspiele Phänomene der Parole, nicht der Langue, sie sind mit dem Kontext, in dem sie vorkommen, fest verbunden, werden durch ihn motiviert, ja erst ermöglicht.

Das erste durch die Untersuchung angestrebte Ziel ist es, das Wortbildungsspiel zu definieren und von anderen Wortspielen abzugrenzen. Als notwendiger Hintergrund dafür wird in Kapitel 1 zunächst die Problematik der Sprachspiele in der Auffassung von Wittgenstein erörtert und eine begriffliche Differenzierung zwischen dem Sprachspiel und dem Wortspiel vorgenommen. Anschließend werden die konstitutiven Eigenschaften von Wortspielen im Lichte neuerer Untersuchungen zu diesem Thema dargestellt. Erst die Klärung dieser Aspekte ermöglicht es, sich mit Wortbildungsspielen als einer Untergruppe von Wortspielen eingehender zu befassen, was in Kapitel 2 erfolgt.

In Kapitel 2 wird neben einer Definition auch eine Typologie von Wortbildungsspielen vorgeschlagen. Als Hauptkriterium für die Unterscheidung von verschiedenen Wortbildungsspieltypen werden die spielerischen Veränderungen am Wortbestand angenommen. So werden zunächst zwei Gruppen unterschieden: Wortbildungsspiele, in denen die Bedeutung eines bereits existierenden Wortes modifiziert wird, und Wortbildungsspiele, in denen ein neues Wort geschaffen wird, also eine neue Form entsteht, die oft, aber nicht zwingend in allen Fällen, einen neuen Sachverhalt benennt. Innerhalb dieser zwei genannten Gruppen wird dann eine detailliertere Unterscheidung vorgenommen. ← 17 | 18 →

Das zweite Anliegen der präsentierten Untersuchung ist es, die Veränderungen in der semantischen Struktur von Wörtern in Wortbildungsspielen nachzuvollziehen und detailliert zu beschreiben und das dritte zu prüfen, ob es eine Wechselbeziehung zwischen dem Typ des Wortbildungsspiels und der Art der semantischen Modifikation gibt, ob also bestimmte Typen von Wortbildungsspielen mit konkreten semantischen Prozessen einhergehen und eine eindeutige Zuordnung möglich ist. Das Korpus, an dem diese Fragen untersucht werden, sowie die Untersuchungsmethode werden in Kapitel 3 präsentiert.

Mit der Wahl des Korpus ist ein Nebenziel der vorliegenden Arbeit verbunden: Aufzuzeigen, dass Wortbildungsspiele nicht nur zur Belustigung angewendet werden, sondern dass sie durchaus in ernst gemeinten Texten gebildet werden, um dort bestimmte rhetorische Funktionen zu erfüllen. Für die Zusammenstellung des Korpus wurden Textsorten gewählt, für die die Verwendung vieler rhetorischer Figuren, darunter Wort- und Wortbildungsspiele charakteristisch ist. Neben satirischen und kabarettistischen Texten wurden auch Glossen und Kommentare aus der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Basis für das Korpus gewählt.

Die Untersuchung der semantischen Strukturen von Wortbildungsspielen erfolgt unter der auf die Arbeiten von Karolak (2001), Ortner et al. (1991) u.a. gestützten Annahme, dass Wortbildungsprodukte in Prädikationen auflösbar sind. Die zu untersuchenden Veränderungen in der semantischen Struktur von Wörtern, mit denen in Wortbildungsspielen gespielt wird, sind also als Veränderungen an den durch sie ausgedrückten Prädikationen zu werten. Diese Prädikationen werden in Anlehnung an die Kompositabeschreibung von Ortner et al. (1991) und Ortner H. (1991) sowie das Valenzmodell von Engel (1988) und Engel (22009) analysiert, was sowohl die morphosyntaktische und die semantische Valenz des prädizierenden Verbs, das die Relation zwischen den Konstituenten der analysierten zusammengesetzten Lexeme ausdrückt, erkennen, als auch die semantischen Rollen, die den einzelnen Konstituenten im komplexen Lexem zukommen, sowie deren Selektionsbeschränkungen ermitteln lässt. Die Verbindung beider Perspektiven ist für die Untersuchung von Wortbildungsspielen ausschlaggebend.

Da das Verhältnis zwischen Wortbildung und Prädikation von grundlegender Bedeutung für die Untersuchung von Wortbildungsspielen ist, wird dieses in Kapitel 4 genau besprochen.

In Kapitel 5 werden die Modifikationen der semantischen Strukturen in Wortbildungsspielen in Abhängigkeit vom Wortbildungsspieltyp besprochen, d.h. es werden die spielerischen Veränderungen an den Prädikationen, auf die komplexe Wörter zurückführbar sind, verfolgt. ← 18 | 19 →

In Kapitel 6 werden die Ergebnisse der durchgeführten Analysen zusammengefasst und es werden Schlüsse gezogen, die zur Basis für weiterführende Untersuchungen werden bzw. als Ausgangspunkt für den Unterricht in sprachwissenschaftlichen und kommunikationswissenschaftlichen Seminaren dienen können.

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1. Sprachspiel vs. Wortspiel

Will man sich mit Wortbildungsspielen befassen, so muss zunächst die Tatsache berücksichtigt werden, dass Wortbildungsspiele als Untergruppe innerhalb der viel umfangreicheren Menge der Wortspiele zu betrachten sind. Für die Beschäftigung mit Wortbildungsspielen ist also die Klärung dessen, was ein Wortspiel ist, unerlässlich. Es muss aber zugleich auch darauf hingewiesen werden, dass auf diesem Gebiet mit einer großen Vielfalt von Bezeichnungen für denselben Sachverhalt zu rechnen ist: Neben dem Terminus ´Wortspiel´ kann man vom ´Sprachspiel´ lesen, sowie vom ´Wort-´ bzw. ´Sprachwitz´, ´Wort-´ bzw. ´Sprachscherz´, ´Wort-´ bzw. ´Sprachspielerei´, ´Wort-´ bzw. ´Sprachhumor´, ´Wortulk´, ´Kalauer´ u.a. (vgl. Detering 1983: 222), wobei sich die zwei ersteren Bezeichnungen der größten Beliebtheit erfreuen.

Für die Belange dieser Arbeit wird von den oben genannten Termini der des Wortspiels gewählt, aus Gründen, die weiter unten erläutert werden. Zuvor jedoch soll dem ‚Sprachspiel‘ die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet werden, da dieser Terminus in der Auffassung, in der er in die Sprachphilosophie eingegangen ist, von Bedeutung für die Untersuchung von Wortspielen und Wortbildungsspielen ist. Ludwig Wittgensteins Gebrauchstheorie der Bedeutung und die Konzeption der Sprachspiele haben sich nämlich als prägend für die spätere Sprachwissenschaft erwiesen und können auch für die Untersuchung von Wortspielen und Wortbildungsspielen als Ausgangspunkt gelten – vorausgesetzt, dass eine klare begriffliche Differenzierung vorgenommen wird.

1.1 Das Sprachspiel bei Wittgenstein

Wittgensteins in den „Philosophischen Untersuchungen“1 festgehaltener Auffassung nach gewinnen Zeichen ihre Bedeutung erst durch ihre Verwendung in der Kommunikation. Die bloße Zuordnung von einem sprachlichen Zeichen und ← 21 | 22 → einem Objekt der außersprachlichen Realität ist also nicht mit der Bedeutung gleichzusetzen, sie bereitet erst auf die Erschließung der Bedeutung im kommunikativen Zusammenhang vor: „Man kann sagen: Mit dem Benennen eines Dings ist noch nichts getan.“ (Wittgenstein 1989: 267), denn die „Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“ (Wittgenstein 1989: 262); mehr sogar: „Jedes Zeichen scheint allein tot. Was gibt ihm Leben? - Im Gebrauch lebt es.“ (Wittgenstein 1989: 416)2.

Im Zusammenhang damit prägt Wittgenstein den Begriff des Sprachspiels. Wörter und Sätze werden in konkreten Sprachspielen gebraucht – ihre Bedeutung variiert also je nach Sprachspiel. Was allerdings ein Sprachspiel ist, definiert Wittgenstein nicht genau3, auch wenn er sich dessen bewusst ist, dass das Fehlen einer konkreten Definition als ein Mangel anzusehen ist:

[…] man könnte mir einwenden: „Du machst dir’s leicht! Du redest von allen möglichen Sprachspielen, hast aber nirgends gesagt, was denn das Wesentliche des Sprachspiels, und also der Sprache, ist. Was allen diesen Vorgängen gemeinsam ist und sie zur Sprache, oder zu Teilen der Sprache macht. Du schenkst dir also gerade den Teil der Untersuchung, der dir selbst seinerzeit das meiste Kopfzerbrechen gemacht hat, nämlich den, die allgemeine Form des Satzes und der Sprache betreffend.“ Und das ist wahr. … es ist diesen Erscheinungen gar nicht eines gemeinsam, weswegen wir für alle das gleiche Wort verwenden, - sondern sie sind miteinander in vielen verschiedenen Weisen verwandt. Und dieser Verwandtschaft, oder dieser Verwandtschaften wegen nennen wir sie alle „Sprachen“. (Wittgenstein 1989: 276 f.)

Die Vagheit des Begriffs scheint für den Philosophen kein Nachteil zu sein, ganz im Gegenteil: „Ist das unscharfe nicht oft gerade das, was wir brauchen?“ (Wittgenstein 1989: 280). Daraus ergibt sich die Art und Weise, wie seiner Meinung nach Sprachspiele erklärt werden sollen: „Man gibt Beispiele und will, dass sie in einem gewissen Sinne verstanden werden“ (Wittgenstein 1989: 280). Demgemäß gibt Wittgenstein auch eine Reihe von Beispielen für Sprachspiele an:

Aus Wittgensteins Ausführungen geht hervor, dass der Begriff ´Sprachspiel´ auf dreierlei Art und Weise verstanden werden kann: zum einen als Funktionseinheit der Sprache (wie die Beispiele im obigen Zitat), zum anderen als Modell einer primitiven Sprache, sowie als Gesamtheit aller sprachlichen Tätigkeiten (vgl. Wittgenstein 1989: 241).

Sprachspiel als Funktionseinheit der Sprache steht im Mittelpunkt von Wittgensteins Überlegungen. Es bezieht sich auf eine sprachliche Handlung in einem bestimmten Lebenskontext: Mit Hilfe der Sprache wird in einem sozialen Spiel gehandelt. Der Philosoph selbst sagt: „Das Wort Sprachspiel soll hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform“ (Wittgenstein 1989: 250), da wir mit der Sprache nicht einzig und allein benennen bzw. beschreiben, sondern „doch das Verschiedenartigste mit unseren Sätzen tun“ (Wittgenstein 1989: 252). Ein Sprachspiel ist untrennbar mit außersprachlichen Umständen verwoben, ja außersprachliche Elemente determinieren sogar, mit welchem Sprachspiel man es zu tun hat, z.B. der Ton und der Gesichtsausdruck entscheiden mit darüber, ob eine Äußerung in der Kommunikation zwischen zwei Sprachteilnehmern als Meldung, Befehl, Ausdruck der Verwunderung o.a. zu verstehen sei (vgl. Wittgenstein 1989: 248). In dieser Ausprägung ist das Sprachspiel zum Vorläufer für die Sprechakte in der Sprechakttheorie von John L. Austin (1968; Erstausgabe 1962) und John R. Searle (1987; Erstausgabe 1969) geworden.

Sprachspiel in der Bedeutung primitive Sprache besteht nur aus wenigen Ausdrücken (es werden z.B. nur ein paar Befehle verwendet), ihre Kombinierbarkeit und der Anwendungsbereich sind begrenzt. Ein Beispiel ist eine „Sprache, bestehend aus den Wörtern `Würfel`, ´Säule`, `Platte`, `Balken`“ (Wittgenstein 1989: 238), die der Verständigung zwischen einem Bauenden und seinem Gehilfen dienen soll. Die primitive Sprache kann als ein Sonderfall vom Sprachspiel in der ersten Bedeutung betrachtet werden. Es handelt sich dabei aber auf jeden Fall um konkrete Situationen, in denen eine beschränkte Menge von ← 23 | 24 → Ausdrücken gebraucht wird, bzw. um eine der ersten Stufen in der sprachlichen Entwicklung eines Kindes (vgl. Wittgenstein 1989: 239, 341). Die Bezeichnung `primitive Sprache` ist hier irreführend, denn man sollte sie nicht mit einem ganzen Sprachsystem gleichsetzen, (dann wäre sie nämlich ein künstliches Konstrukt); treffender ist die Bezeichnung „primitive Form der Sprache“ oder „primitives Sprachspiel“, die Wittgenstein auch an anderen Stellen verwendet (z.B. Wittgenstein 1989: 239, 313, 530).

Über die dritte Lesart sagt Wittgenstein: „Ich werde auch das ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist, das ´Sprachspiel´ nennen“ (Wittgenstein 1989: 241), und er setzt das Thema nicht weiter fort.

Aus den angeführten Beispielen für Sprachspiele kann man ersehen, dass sie nicht alle auf derselben Ebene gespielt werden: Manche werden auf der Ebene des Satzes ausgetragen (z.B. Grüßen), andere sind Mehr-Satz-Spiele, die auf der Ebene des Textes/Diskurses gespielt werden, man denke z.B. an das Berichten eines Hergangs oder ans Theaterspiel (vgl. Chrzanowska-Kluczewska 2004: 52). Ihre Anzahl ist an sich unendlich, da sie nicht nur synchron, sondern auch diachron zu betrachten sind: Im Laufe der Zeit entstehen neue Sprachspiele, andere wiederum „sterben aus“ (vgl. ebd. 25)4. Dies hängt allgemein mit der kulturellen Entwicklung von Gemeinschaften zusammen, mit der Übernahme oder Ausarbeitung neuer Umgangsformen wie z.B. der Beichte im Sinne der katholischen Kirche und dem Aufgeben alter, die aus verschiedenen Gründen, z.B. aufgrund der Verdrängung alter Traditionen durch neue, die nicht mehr praktiziert werden, wie es beispielsweise bei der altslawischen Kopfschur des Knaben der Fall war.

Was ein Sprachspiel ermöglicht, ist die Regelhaftigkeit des Gebrauchs von Ausdrücken (vgl. Wuchterl 1969: 132). Wittgenstein vergleicht Regeln mit Wegweisern (Wittgenstein 1989: 288), die jedoch nur die Richtung anzeigen und nicht den genauen Weg, den man läuft oder fährt, und mit Geleisen (Wittgenstein 1989: 351): Unendlich langen Geleisen entsprechen unendlich viele Anwendungsmöglichkeiten der Regel. Diese Regeln lernt man durch Abrichtung (vgl. Wittgenstein 1989: 270, 346) was nicht als verstehendes Lernen, sondern als reine Routine betrachtet werden soll, sowie durch Erfahrung, also quasi Lernen durch Handeln. Das Erlernen von Regeln geschieht nach Wittgenstein nicht theoretisch, sondern in konkreten Situationen durch konkrete Tätigkeiten, denn die Regeln kann man „aus der Praxis des Spiels ablesen“ (Wittgenstein 1989: 271). Eine Regel zu erlernen heißt einerseits, die Anwendungskriterien in einer konkreten Situation zu erkennen, ← 24 | 25 → und andererseits die Regel aufgrund der neuen Erfahrung „fortschreiben“, also je nach den Erfahrungen, die man sammelt, einengen oder erweitern. Das Existieren von Regeln macht die Kommunikation möglich, ja erst bei vorhandener Regelmäßigkeit kann überhaupt von Sprache die Rede sein (vgl. Wittgenstein 1989: 347). Regeln bedeuten Zwang, man folgt ihnen ähnlich wie Befehlen (Wittgenstein 1989: 351), doch daraus ergibt sich zugleich Sicherheit und Vorhersehbarkeit: Bestimmte Ausdrücke lassen uns an bestimmte Objekte oder Tatsachen denken oder konkrete Handlungen erkennen und dementsprechend reagieren. Und umgekehrt rufen bestimmte Umstände mehr oder weniger konventionalisierte Reaktionen hervor. Gäbe es keine (sprachlichen) Regeln, gäbe es kein (Sprach-)Spiel.

Es gibt aber Situationen, in denen gegen die Regeln verstoßen wird; neben „normalen“, also konventionalisierten Sprachverwendungen, gibt es auch „abnormale“ (vgl. Wittgenstein 1989: 311). „Nur in normalen Fällen ist der Gebrauch der Worte uns klar vorgezeichnet; wir wissen, haben keinen Zweifel, was wir in diesem oder jenem Fall zu sagen haben. Je abnormaler der Fall, desto zweifelhafter wird es, was wir nun hier sagen sollen.“ (Wittgenstein 1989: 311). Die Ungewissheit kann sowohl die erwartete Reaktion als auch das Verstehen überhaupt betreffen, wenn z.B. ein Zeichen in einer völlig neuen, unerwarteten Bedeutung verwendet wird oder wenn ein ganz unbekanntes Zeichen gebraucht wird. Wittgenstein bezeichnet dies als Kollision von Bild und Anwendung: „Können nun das Bild und die Anwendung kollidieren? Nun, sie können insofern kollidieren, als uns das Bild eine andere Verwendung erwarten lässt; weil die Menschen im allgemeinen von diesem Bild diese Anwendung machen.“ (Wittgenstein 1989: 311). So entsteht Überraschendes, Unvorhergesehenes, manchmal Nonsens, manchmal Kunst, Witz. Auch diese Art von Spiel kann nur entstehen, weil es Regeln gibt, gegen die man verstoßen und so den genannten Effekt erreichen kann. Für die Betrachtung von Wortspielen und Wortbildungsspielen sind diese „abnormalen“ Fälle insofern interessant, da darin eben auf eine andere Anwendung eines Ausdrucks verwiesen wird, als jene, die man erwartet. Eine nicht herkömmliche Lesart zusammengesetzter Wörter, zwei bei einmaliger Verwendung eines Ausdrucks aktivierte Bedeutungen o.ä. gehören gewiss dazu.

Wittgensteins Theorie stellt einen guten Hintergrund für die Betrachtung von Wortspielen und Wortbildungsspielen dar, da sie die Abhängigkeit der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke vom Kontext besonders hervorhebt. Wortspiele und Wortbildungsspiele, die ja einen kreativen Umgang mit Elementen der Sprache darstellen, können erst entstehen, wenn ein konkretes Sprachspiel gespielt wird, sei es das Erzählen eines Witzes, eine politische Argumentation, Werbung o.ä. Sie sind Element bzw. Ausdruck dieses Sprachspiels. Es ist erst die Einbindung in ← 25 | 26 → das konkrete Sprachspiel, die es möglich macht, mit den potenziellen Bedeutungen eines Ausdrucks zu spielen und sie mit dem Kontext zu konfrontieren. Will man also die Bedeutung eines Wort- bzw. Wortbildungsspiels erschließen, muss man das im Kontext eines konkreten Sprachspiels machen.

1.2 Sprachspiel als alternative Bezeichnung für Wortspiel

Wie am Anfang des Kapitels angedeutet wurde, wird der Terminus ‚Sprachspiel‘ auch in einer anderen Bedeutung verwendet, als die von Wittgenstein geprägte. In einigen Arbeiten (z.B. Dittgen 1989, Fiedler 2003, Błachut 2004, Ulrich 2007) wird als Sprachspiel jeglicher kreative Umgang mit der Sprache bezeichnet – von Wortspielen und Modifikationen von Phraseologismen über Reime und Alliterationen bis hin zu Anspielungen. Vater (2010) verwendet den Termin ‚Sprachspiel‘ als Oberbegriff für „spielerische Abwandlungen von Wörtern, Phrasen und Sätzen“ (Vater 2010: 5) und unterscheidet innerhalb von Sprachspielen zwischen Wortspielen und phrasalen Sprachspielen. Bußmann (2008) weist auf zwei Möglichkeiten hin, wie der Terminus ‚Sprachspiel‘ verstanden werden kann: Im engeren Sinne wird er mit dem ‚Wortspiel‘ gleichgesetzt, im erweiterten Sinne aber auch auf „syntaktische, phraseologische und intertextuelle Verfahren und rhetorische Figuren“ (Bußmann 2008: 800) ausgedehnt. Für die Verwendung des Terminus ‚Sprachspiel‘ statt des Terminus ‚Wortspiel‘ entscheiden sich Müller (2002), Garski (2008), Grassegger (1985), Poethe (2002), Ulrich (2007). Diese Entscheidung mag darin begründet sein, dass in den Arbeiten dieser Autoren Beispiele besprochen werden, in denen nicht nur mit einzelnen Wörtern, sondern mit Mehr-Wort-Ausdrücken oder ganzen Sätzen gespielt wird. Tatsache jedoch ist, dass Phraseologismen, Sprichwörter o.ä. zwar aus mehreren Wörtern bestehen, jedoch im Sprachbewusstsein der Kommunikationsteilnehmer als eine Einheit aufgefasst werden. Der spielerische Umgang mit ihnen kann also durchaus als Wortspiel bezeichnet werden, wie auch Heibert (1993) bemerkt:

Die geläufige Vorstellung, ein Wortspiel ist so etwas wie ein absichtliches Missverständnis, das auf der Mehrdeutigkeit von Wörtern beruhe, bezieht sich auf jenen Wortspieltyp, der zwei homonyme Lexeme miteinander verknüpft. Es gibt aber auch solche, die mit Syntagmen, also Lexemsequenzen spielen (mit Redensarten, Sprichwörtern), welche als ganzes zum Sprachbesitz gehören. […] Die Wortspielanalyse behandelt […] Wortspiele mit homonymen Lexemen und solche mit doppeldeutigen Lexien […] als Varianten der gleichen semantischen Situation. Ein Sprichwort (SprichWORT) wörtlich zu nehmen ist für mich also auch ein Wortspiel, nicht etwa ein Satzspiel. (Heibert 1993:19)

Gegen die Verwendung des Terminus ‚Sprachspiel‘ im Sinne des ‚Wortspiels‘ wird auch das Argument herangezogen, dass dies zu einer terminologischen ← 26 | 27 → Verwirrung führen könnte, da dem ersteren schon durch die Sprachphilosophie Wittgensteins eine andere Bedeutung zugeordnet wurde (vgl. Nord 1999: 2, Tęcza 1997: 3).

Im Anschluss an diese Argumentation werden bestimmte Formen kreativen Umgangs mit der Sprache auch in der vorliegenden Arbeit als Wortspiele und nicht als Sprachspiele bezeichnet.

1.3 Wortspiel

Zwecks begrifflicher Klarheit bedarf der Begriff des Wortspiels jedoch weiterer Präzisierung, da mit ihm viele, zum Teil recht unterschiedliche Vorstellungen verbunden sind, im allgemeinen ebenso wie im wissenschaftlichen Sprachgebrauch. Geläufig ist z.B. im nicht wissenschaftlichen Sprachgebrauch die Gleichsetzung des Wortspiels mit einer Äußerung, die Lachen hervorrufen soll, mit einem sprachlichen Witz also. Damit wird allerdings nur eine der möglichen Funktionen des Wortspiels thematisiert, denn das „Wortspiel braucht keineswegs immer witzig zu sein, es kann sich durchaus auf der Ebene des nur Geistreichen halten“ (Sanders 1975: 214, vgl. auch Mautner 1931: 680). Für sprachwissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Wortspiel ist die Auffassung charakteristisch, dass das Wortspiel über das nur-Lustige oder nur-Witzige hinausgeht. In manchen Untersuchungen wird jeder kreative Umgang mit der Sprache unter diesen Begriff subsummiert, darunter auch Reime und Alliterationen (vgl. Grassegger 1985, Hallwachs 2003). Was den meisten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema gemeinsam ist, ist jedoch die Betonung der (über den ersten Buchstaben bzw. das Wortende hinausgehenden) formalen Ähnlichkeit bzw. der Identität zweier Ausdrücke mit unterschiedlicher Bedeutung (Eckhardt 1909, Sanders 1975, Timković 1990, Wagenknecht 1975, Hausmann 1974, Heibert 1993, Tęcza 1997 u.a.). Anderen Eigenschaften des Wortspiels wird je nach dem Ziel und der methodologischen Ausrichtung der Arbeit unterschiedlicher Rang zugeschrieben bzw. sie werden bei einem Definitionsversuch gar unberücksichtigt gelassen. Neben dem Gleichklang oder der Ähnlichkeit von Wörtern unterstreichen manche Autoren entweder die wörtliche „Unübersetzbarkeit in eine andere Sprache“ (Mautner 1931: 681) oder die Normwidrigkeit (Detering 1983: 223, Heibert 1993: 23 ff., Tęcza 1997: 14 ff.) oder die Sprecherabsicht (Wagenknecht 1965, Tęcza 1997). Davon, dass es nicht einfach ist, eine Definition des Wortspiels zu formulieren, zeugt u.a. die Aussage von Eckhardt (1909), der an dem Definitionsversuch scheitert und nur feststellt: „Das Wortspiel ist eben ein Spiel mit Worten, d.h. ein sprachliches Kunstwerk.“ (Eckhardt 1909: 675, vgl. auch Mautner 1931: 681). ← 27 | 28 →

Aus der Fülle der Versuche, das Wortspiel zu definieren und es von anderen sprachlichen Phänomenen abzugrenzen, wähle ich als Wegweiser für meine Untersuchungen drei Monographien, deren Autoren dieses Thema sehr umfassend behandeln: die übersetzungswissenschaftlich orientierten Arbeiten von Heibert (1993) und Tęcza (1997) sowie Hausmanns „Studien zu einer Linguistik des Wortspiels“ (1974). Als sehr wichtig betrachte ich auch einen 1983 veröffentlichten Aufsatz von Detering, in dem das Kriterium der Normabweichung im Kontext der Sprachspiele (sic!) ausführlich besprochen wird.

Ähnlich wie Tęcza (1997: 10) sehe ich drei Eigenschaften von Wortspielen als konstitutiv für dieses sprachliche Phänomen an: Wortspiele werden absichtlich kreiert, sie stellen eine bewusste Abweichung von einer sprachlichen Norm dar und sind als die objektsprachliche Formulierung einer metasprachlichen Information aufzufassen (vgl. ebd., auch: Hausmann 1974: 16). Diese drei Kriterien sollen im Folgenden näher betrachtet werden.

Ein Wortspiel muss als solches intendiert sein. Die Bildung eines Wortspiels folgt also einer bewussten Entscheidung und dient einem bestimmten Zweck5. Sanders schreibt in Anlehnung an Jean Paul vom „Enthüllungscharakter des Wortspiels“, da dieses „sonst verborgene und damit überraschende Möglichkeiten der Sprache auf[deckt]“ (Sanders 1975: 215f.). Dadurch sollen Wortspiele „auf den Empfänger intellektuell oder affektiv Eindruck machen“ (Wilss 1989: 1), seine Aufmerksamkeit und sein Interesse wecken, was z.B. in Schlagzeilen von Pressetexten oder ganz besonders in der Werbung genutzt wird (Hallwachs 2003: 82 f., Umborg 2013: 7)6. Sie sollen den Hörer/Leser amüsieren, wenn sie als Basis für Witze gelten oder in literarischen Texten Ausdruck der Kreativität bzw. Schlagfertigkeit des Autors oder seines individuellen Stils sein. Oft sollen sie reines Vergnügen an den Möglichkeiten, die die Sprache bietet, bereiten, was vor allem auf Internetseiten auffällt, auf denen Internetnutzer einander Wortspiele zuposten ← 28 | 29 → bzw. Sammlungen von Wortspielen anlegen. Das Interesse an Wortspielen kann hierbei daran liegen, dass „beim Wortspiel der Mechanismus seiner Bildung auffallender, verwirrender und darum zur logischen Auflösung aufreizender ist als irgendein anderes selbständiges Sprachkunstwerk oder stilistisches Mittel“ (Mautner 1931: 677). Neben der persuasiven Funktion von Wortspielen (Werbung), die jedoch mit ihrem Unterhaltungscharakter verzahnt ist, und neben reinem „Spaß an der Sprache“ ist die Rolle „ernsthafter“ Wortspiele nicht zu vergessen: In der Antike bedienten sich Orakel (zumindest im europäischen Raum) ihrer Hilfe (vgl. Mautner 1931: 684), im Christentum wurden Wortspiele zur Erläuterung von Glaubensfragen herangezogen bzw. im 16 Jh. dienten sie dazu, Andersgesinnte in religiösen Debatten und theologischen Auseinandersetzungen zu diskreditieren (vgl. Mautner 1931: 693). Sie wurden auch von Philosophen eingesetzt und dienten nicht selten „als Instrument, als Vehikel, als Katalysator, ja, als Movens ihrer philosophischen Gedankenfolgen“ (Heibert 1993: 133), man denke da nur an Heidegger oder Derrida7.

Die zweite konstitutive Eigenschaft von Wortspielen ist der Verstoß gegen die sprachliche Norm. Diese Eigenschaft hängt untrennbar mit der ersteren, oben besprochenen zusammen. Bei Wortspielen handelt es sich immer um eine „bewusst von der Normalsprache abweichende Abwahl aus dem Sprachsystem“ (Sanders 1975: 227). Wenn es nämlich ohne die Absicht des Sprechers/Schreibers zu einem Verstoß gegen die Sprachnorm kommt, dann sollte diese Abweichung als Fehler klassifiziert werden, auch wenn dabei „ungewollte Komik“ oder „ungewollter Witz“ (vgl. Sanders 1975: 225) entsteht8:

In der sprachlichen Wirklichkeit wohl jeder Sprache haben wir es mit drei Arten von Äußerungen zu tun: mit normgerechten Äußerungen, mit gewollten Abweichungen von der Norm und mit Fehlern. Fehler sind ungewollte und korrigierbare Abweichungen. […] Fehler werden korrigiert und nach Möglichkeit verhindert. (Detering 1983: 221)

Anders als bei Fehlern, denen die Unkenntnis bzw. unzureichende Beherrschung der Norm zugrunde liegen, setzt eine bewusste Verletzung der Norm deren ← 29 | 30 → Beherrschung voraus. Somit wird ein Wortspiel zugleich zum Ausdruck der Sprachkompetenz seines Autors.

Die für Wortspiele charakteristische Abweichung von der Norm betrifft vor allem das Verhältnis zwischen der Inhaltsseite und der Ausdrucksseite eines sprachlichen Zeichens. Der Normalfall in der Parole ist, dass ein Ausdruck nur einen Inhalt an sich bindet. Von den „verschiedenen Bedeutungsmöglichkeiten eines […] Wortkörpers […] wird im konkreten Sprech- oder Schreibakt jeweils eine aktualisiert, die durch den Sprachgebrauch prädisponiert und durch Kontextfaktoren determiniert ist“ (Sanders 1975: 217). Man kann also von einem 1:1-Verhältnis zwischen Ausdruck und Inhalt sprechen (vgl. Heibert 1993: 151). In einem Großteil der Wortspiele dagegen werden zwei Inhalte mit einem Ausdruck verbunden (Homonymie) bzw. die Ausdrücke ähneln einander so sehr (Homophonie, Homographie, Paronymie), dass die jeweiligen Inhalte im Verständnis der Aussage zusammen wahrgenommen werden. Es kann also von einem „bewusste[n] und damit provokative[n]“ Missverständnis (Sanders 1975: 217) bzw. vom 1:2-Verhältnis (vgl. Heibert 1993: 151) die Rede sein. Die Abweichung von der Norm kann aber auch andere Normen betreffen, z.B. Wortbildungsmodelle oder Flexionsmuster. Vorausgesetzt, dass diese Verstöße gegen die für die jeweiligen Teilsysteme der Sprache geltenden Regeln intendiert sind, kann dann auch von Wortspielen die Rede sein.

Die Abweichung von der Norm „ist signifikativ. Es wird mit ihr etwas Zusätzliches mitgeteilt“ (Detering 1983: 220). Im Wortspiel bringt sie eine entsprechende Information über das Sprachsystem mit sich, was Hausmann (1974) zu der Feststellung verleitet: „Wortspiel ist die objektsprachliche Formulierung einer metasprachlichen Information“ (Hausmann 1974: 16).

Die metasprachliche Information betrifft also Besonderheiten der Sprache, die an bestimmte sprachliche Formen gebunden sind (vgl. Tęcza 1997: 10). Mit anderen Worten: Würde man in Fällen, wo mit Homonymie, Homophonie oder Paronymie gespielt wird, die das Wortspiel konstituierenden Lexeme durch Synonyme ersetzen, wäre das Wortspiel aufgelöst (vgl. ebd.). In diesen Fällen vermittelt das Wortspiel eine Information über die „semasiologische paradigmatische Ökonomie der Sprache“ (Hausmann 1974: 126). Wenn auf eine andere Art und Weise gegen die Norm verstoßen wird, wird dementsprechend eine andere Information vermittelt, z.B. „falsche“ Anwendung von Wortbildungsmustern bringt eine Information über das Wortbildungssystem mit sich, Verstöße gegen die Flexionsregeln machen deutlich, dass es diesbezügliche Regeln gibt und dass sie anders sind, als in der gerade gemachten Aussage, o.ä.

Im Hinblick auf die oben als konstitutiv angeführten Eigenschaften von Wortspielen, ist in Anlehnung an Hausmann (1974: 16) und Tęcza (1997: 18) als Definition des Wortspiels Folgendes anzunehmen: ← 30 | 31 →

Ein Wortspiel ist eine Äußerung, mit der absichtlich gegen eine sprachliche Gebrauchsnorm verstoßen wird und mit der objektsprachlich eine metasprachliche Information vermittelt wird.

Dass das Wortspiel nicht als Stilmittel oder rhetorische Figur definiert wird, liegt daran, dass eine solche Einordnung den Vorkommensbereich von Wortspielen einengen und auf Mittel einschränken würde, die dabei helfen sollen, die mit einem Text intendierte Wirkung zu erreichen. Der oben erwähnte „reine Spaß an der Sprache“ wäre damit aus den Betrachtungen ausgeklammert, dabei ist er ein nicht zu vernachlässigender Faktor für die Entstehung unzähliger Wortspiele.

Dieselbe Vielfalt, die bei den Definitionsversuchen zu beobachten ist, gilt auch für die Klassifizierungen innerhalb dieser recht heterogenen Gruppe. Die Spannweite reicht hier von der Auffassung, dass es ebenso viele Arten des Wortspiels wie Wortspiele gibt (vgl. Wurth 1895) über moderatere Typologien bis hin zu solchen, die wenige, dafür umfangreichere Untergruppen unterscheiden – je nach den angenommenen Unterscheidungskriterien.

Wie schon angesprochen, betrachten manche Forscher nur Wortspiele, die auf der Ähnlichkeit bzw. Identität zweier Ausdrücke basieren als richtige Wortspiele (z.B. Sanders 1975, Wagenknecht 1975), andere rechnen auch Ausdrucksanomalien zu den Wortspielen (Heibert 1993, Tęcza 1997), allerdings unter Berücksichtigung ihrer unterschiedlichen Beschaffenheit. In Übereinstimmung mit den in der Definition angenommenen Kriterien werden hier sowohl die ersteren als auch die letzteren als Wortspiele betrachtet, allerdings ist eine Unterscheidung zwischen diesen beiden Gruppen durchaus sinnvoll. Als unterscheidendes Merkmal wird die Art der durch das Wortspiel vermittelten metasprachlichen Information angesehen (vgl. Tęcza 1997: 18ff.): Wortspiele, die durch die Identität bzw. Ähnlichkeit zweier Ausdrücke dem Rezipienten eine Information über die „semasiologische paradigmatische Ökonomie der Sprache“ (Hausmann 1974: 126) geben, machen den ‘Kernbereich‘ der Wortspiele aus, den ich nach Tęcza (1997: 18 f.) als ‘Wortspiele im engeren Sinne‘ bezeichne. Für diejenigen Wortspiele hingegen, die eine andere Information über das Sprachsystem vermitteln (z.B. über Flexionsmuster, Regeln der Syntax, Wortbildungsregeln u.a.), übernehme ich ebenfalls von Tęcza (1997: 18 f.) den Terminus ‘Wortspiele im weiteren Sinne‘9.

In diesen zwei Gruppen lassen sich natürlich jeweils mehrere Wortspieltypen identifizieren. Im Folgenden werden die Haupttypen von Wortspielen kurz dargestellt, wobei mit dieser Darstellung weder eine detaillierte Wortspieltypologie angestrebt wird noch alle in der einschlägigen Literatur präsentierten, wie ← 31 | 32 → bereits erwähnt, teilweise sehr unterschiedlichen Typologien behandelt werden sollen. Da der Gegenstand dieser Arbeit nicht Wortspiele an sich, sondern Wortbildungsspiele sind, soll hier vielmehr ein Hintergrund geschaffen werden, vor dem in einem weiteren Schritt die Aussonderung von Wortbildungsspielen aus den Wortspielen vorgenommen werden kann.

Wortspiele im engeren Sinne werden von den meisten Autoren zunächst nach dem Grad der Ähnlichkeit der wortspielkonstituierenden Ausdrücke differenziert. Ist völlige Identität zweier Ausdrücke gegeben, so sind die Ausdrücke als Homonyme10 zu bezeichnen. Wo die Ausdrücke nur als einander ähnlich bezeichnet werden können, wird Paronymie festgestellt. Allerdings ist Paronymie ein Begriff ohne scharfe Grenzen; verstanden als „diejenige Gemeinsamkeit an Phonemen oder phonologischen Merkmalen [...], die bei gleichzeitiger Divergenz von Phonemen oder Merkmalen ausreicht, zwei Isotopien im Wortspiel zu konnektieren“ (Hausmann 1974: 61f.) wirft er die Frage auf, wie weit die angesprochene Divergenz gehen kann, und die Vermutung, dass es in dieser Hinsicht Unterschiede zwischen den Sprechern geben kann. Zwischen vollständiger Homonymie und bloßer Paronymie ist ein Übergangsbereich anzusetzen: Ausdrücke, die identisch ausgesprochen werden, aber Unterschiede in der Orthographie aufweisen, werden als Homophone bezeichnet (vgl. Bußmann 1990: 314 f.), bei identischer Graphie und gleichzeitiger unterschiedlicher Aussprache ist Homographie (Heibert 1993: 44) vorhanden. Bei der Klassifikation von Wortspielen wird Homophonie als eines der Kriterien berücksichtigt, Homographie hingegen wird entweder gar nicht oder nur am Rande der Studien behandelt. Dies mag damit zusammenhängen, dass

[die] Ausdrucksseite der Zeichen nicht graphisch, sondern phonetisch im Sprachbewußtsein [sic!] gespeichert ist. Die Schrift ist wohl das sekundäre Ausdrucksmedium der Sprache. Die graphische Seite des Ausdrucks steht so sehr im Hintergrund, dass bei disjunktem Inhalt und disjunkter Phonie die gleiche Graphie nicht ausreicht, um die beiden Zeichen in einer Konnexion aneinander zu binden. (Heibert 1993: 48)11 ← 32 | 33 →

Neben dem Kriterium der formalen Ähnlichkeit spielt noch ein anderer Aspekt eine wichtige Rolle bei der Klassifizierung von Wortspielen im engeren Sinne. In einer auf Wagenknecht (1965) zurückgehenden und von Forschern häufig aufgegriffenen Unterscheidung (vgl. Hausmann 1974, Heibert 1993, Timković 1990, Tęcza 1997 u.a.) werden sie in vertikale und horizontale Wortspiele geteilt, je nachdem, ob die das Wortspiel konstituierenden sprachlichen Zeichen einmal oder zweimal darin vorkommen. „Gegenüber dem horizontalen Wortspiel hat das vertikale den Vorteil, die Sprachökonomie des semasiologischen Feldes auch in der Rede ökonomisch zu nutzen, indem es sich auf ein Vorkommen des Ausdrucks beschränkt. Dagegen begnügt sich der komplexe Text des horizontalen Wortspiels zwar auch mit einem Ausdruck zur Vermittlung zweier Inhalte, leistet sich aber den Aufwand zweier Vorkommen dieses Ausdrucks.“ (Hausmann 1974: 19)

Unter Berücksichtigung dieser beiden Kriterien lassen sich Wortspiele im engeren Sinne in vier Hauptgruppen einteilen: Amphibolien, Variationen, Substitutionen und Paronomasien (vgl. die oben genannten Autoren).

Als Amphibolie wird vertikal realisierte Homonymie bezeichnet, wie z.B. in einem Aphorismus von Karl Kraus, wo die Bedeutung des Substantivs Würde gegen die Bedeutung des Konjunktivs II von werden ausgespielt wird:

oder in einem Eintrag aus der Rubrik „Newsticker“ in der Internetzeitschrift „Der Postillon“, in dem das Substantiv Ordner sowohl als Person, die bei einer Veranstaltung für Ordnung sorgt, verstanden werden kann, als auch als Hefter für gelochte Blätter:

Der Termin Variation bezeichnet horizontal realisierte Homonymie, also Wortspiele, in denen das wortspielkonstituierende Lexem zweimal verwendet wird, z.B.:

Spiele mit der Paronymie werden als Substitution bezeichnet, wenn die Paronymie vertikal realisiert wird, z.B.: ← 33 | 34 →

und bei horizontaler Realisierung als Paronomasie:

Von der Diskussion darüber, wie Homophonie und Homographie bei einer Wortspieltypologie zu berücksichtigen seien, wird hier abgesehen, ebenso wird aus bereits erörterten Gründen auf eine weitere Differenzierung innerhalb der genannten Gruppen verzichtet. Zu vermerken ist lediglich, dass die oben genannten Spielmöglichkeiten nicht nur für einzelne Wörter, sondern auch für den spielerischen Umgang mit Phraseologismen bzw. Sprichwörtern (vgl. Kapitel 1.2, Heibert 1993: 19, Sanders 1975: 219, Eckhardt 1909: 691) gelten.

In der einschlägigen Literatur wird zudem auch auf andere Formen des kreativen Umgangs mit der Homonymie und Paronymie hingewiesen:

Einen Sonderfall der Paronymie stellt die sog. Contrepèterie dar, die in einer symmetrischen Vertauschung von Silben, Buchstaben bzw. Phonemen oder ganzen Wörtern innerhalb der spielerisch modifizierten Einheiten besteht (Heibert 1993: 55ff.):

Als ein weiterer Wortspieltyp bzw. eine Variante der homonymen bzw. paronymen Wortspiele werden jene angesehen, in denen mit der Motivation komplexer Wörter gespielt wird. Sie werden unterschiedlich benannt und gewertet (vgl. Heibert 1993, Sanders 1975: 216, Tęcza 1997). Diesen Spielen wird im nächsten Kapitel die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt, da ich sie samt einigen anderen zu Wortbildungsspielen rechne.

Wortspielerisch wird auch die Plurivalenz auf syntaktischer Ebene ausgenutzt, in diesem Kontext wird meistens der Terminus ‘Zeugma‘ gebraucht, mit dem eine Stilfigur bezeichnet wird, die die unterschiedliche Kombinierbarkeit von Verben ausnutzt, und in einer Äußerung Abstraktes und Konkretes, die wörtliche Bedeutung mit der primär grammatischen Funktion bestimmter Verben verbindet o.ä. (vgl. Tęcza 1997: 47), wie z.B.:

Da oben die Unterscheidung in Wortspiele im engeren und im weiteren Sinne vorgenommen wurde, sollen hier nach der skizzenhaften Darstellung der ersteren auch die letzteren erwähnt werden. Zu Wortspielen im weiteren Sinne sind u.a. neue Wörter, die nach den Regeln bestehender Wortbildungsprogramme entstehen, aber gegen semantische Restriktionen verstoßen12, sowie Zeichenkombinationen, die auch als Kontaminationen, Verschmelzungen o.ä. bezeichnet werden, zu rechnen. Ähnlich wie Spiele mit der Motivation komplexer Wörter werden auch diese Wortspiele im weiteren Verlauf der Arbeit (Kap. 2.2.2) ausführlicher besprochen, da ich sie alle zu den Wortbildungsspielen rechne.

Zu Wortspielen im weiteren Sinne gehören auch sog. Interferenzspiele, die darauf beruhen, dass Strukturen einer Sprache oder Sprachvarietät spielerisch auf eine andere übertragen werden. Die weitere Unterteilung innerhalb dieses Typs variiert je nach dem angenommenen Unterscheidungskriterium. Tęcza (1997: 90 ff.) unterscheidet z.B. abhängig davon, welches Teilsystem der Sprache von den Interferenzen betroffen ist, Transaffixationsspiele und Transkriptionsspiele, während Heibert (1993: 85 ff.) je nachdem, ob Interferenzen zwischen zwei Sprachen oder Sprachvarietäten ausgenutzt werden, vom Interlingualspiel bzw. Intralingualspiel spricht. Ein Beispiel für ein Interferenzspiel, das je nach der angenommenen Typologie als Transaffixations- oder als Interlingualspiel eingestuft werden kann, ist das folgende Gedichtfragment:

(9) Zawiadamiamus
magna cum troska,
habemus klapam,
niech ręka boska.
(Tuwim, zit. nach Tęcza 1997: 92)

Es wird hier ein intertextueller Bezug zu der lateinischen Formel hergestellt, die nach der Wahl des Papstes ausgesprochen wird. In einem Satz werden sowohl lateinische als auch polnische Wörter verwendet. Das Wortspiel besteht hier darin, dass dem polnischen Verb zawiadamiać: dt. mitteilen die lateinische Endung –mus angehängt wird, die die Form der 1. Pers. Pl. signalisiert, und dem Substantiv klapa: dt. Misserfolg die lateinische Endung –m. Das Substantiv troska: dt. Sorge wird ohne Abänderungen verwendet, die letzte Zeile enthält keine lateinischen Elemente mehr (niech ręka boska: dt. Gott behüte). ← 35 | 36 →

Sowohl unter Wortspielen im engeren Sinne als auch unter Wortspielen im weiteren Sinne finden sich solche, deren Zustandekommen und Funktionieren sich ohne Bezug auf die Regeln des Wortbildungssystems nicht erläutern lässt. Diese Beobachtung verleitet dazu, diese Gruppe von Wortspielen als Wortbildungsspiele zu bezeichnen. Die unter Berücksichtigung dieses Kriteriums ermittelten Mengen und die Relationen zwischen ihnen lassen sich graphisch folgendermaßen darstellen:

Abb. 1: Wortbildungsspiele als Untermenge in der Menge der Wortspiele

Mit der Besprechung der Relation zwischen Sprachspielen und Wortspielen und der Erfassung der Relation zwischen Wortbildungsspielen und Wortspielen ist der Hintergrund für eine detaillierte Erörterung der Wortbildungsspielproblematik geschaffen, die den eigentlichen Fokus dieser Arbeit darstellt und die in Kapitel 2 erfolgt.


1 Erste Überlegungen zur Gebrauchstheorie der Bedeutung finden sich schon in den ursprünglich nicht zur Veröffentlichung vorgesehenen Niederschriften, „Dem Blauen Buch“ (diktiert 1933) und „Dem Braunen Buch“, bekannt auch als „Eine Philosophische Betrachtung“ (diktiert 1934). „Philosophische Untersuchungen“, die 1949 abgeschlossen wurden und 1953 im Verlag Basil Blackwell zum ersten Mal veröffentlicht wurden, stellen ihre überarbeitete und erweiterte Fassung dar. Alle diese Werke sind posthum erschienen. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird auf die Ausgabe der „Philosophischen Untersuchungen“ aus dem Jahr 1989 zurückgegriffen.

2 Vgl. dazu auch: „Wenn wir jedoch irgendetwas, das das Leben des Zeichens ausmacht, benennen sollten, so würden wir sagen müssen, dass es sein Gebrauch ist.“ (Wittgenstein 1982a: 20).

3 Zu Problemen mit dem Definieren des Spiel- und Sprachspielbegriffs siehe auch Chrzanowska-Kluczewska (2004: 57ff.).

4 Wittgenstein (1989: 250) schreibt dazu: „neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen und andre veralten und werden vergessen“.

5 Heibert (1993) nennt in diesem Zusammenhang vier Grundfunktionen des Wortspiels: die Komik, die Persuasion, die Argumentation und die Poetik. Zugleich gibt er jedoch zu, dass diese nicht streng voneinander zu trennen sind, weil sie „in der Sprach- bzw. Sprechwirklichkeit häufig auch in Mischungen und Kombinationen vorkommen. Vor allem die komische Wirkung ist der Mehrzahl von Wortspielen eigen, die aber zugleich auch andere rhetorische Grundfunktionen erfüllen können.“ (Heibert 1993: 116).

6 Dem Wortspiel in der Werbung sind auch Einträge auf Internetseiten gewidmet, die aus kommunikationstheoretischer Perspektive bzw. aus der Sicht der Werbespezialisten geschrieben werden: http://www.text-rau.de/zweiraum/das-wortspiel, http://www.wortspiel77.de/wortspiele-werbung/2010/11/12. Auf diesen Seiten finden sich auch zahlreiche Belege.

7 Die Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit einer Argumentation mit Wortspielen, also quasi einer sprachmagischen Argumentation, sei hier dahingestellt. Wichtig ist, dass die Wortspiele bewusst zu diesem Zweck eingesetzt wurden.

8 Dies betrifft u.a. Versprecher bzw. wortspielerisch anmutende Sätze aus Schüleraufsätzen. Es gibt zahlreiche Sammlungen von lustigen Zitaten aus Schulheften, die ihren Ursprung allerdings nicht in der sprachlichen Kreativität der Schüler, sondern eben in deren mangelnder Sprachkompetenz haben.

9 Tęcza (1997: 19) bezeichnet sie auch als „Peripherie des Wortspiels“.

10 Der traditionellen Auffassung, in der zwischen Homonymie und Polysemie unterschieden wird (vgl. Bußmann 42008: 314) steht die Meinung gegenüber, dass diese Phänomene „bei streng synchronischer Betrachtung linguistisch nicht voneinander zu trennen“ (Sanders 1975: 217) sind und dass eine solche Unterscheidung „für die Wortspielklassifikation nicht erforderlich [ist], da sie nichts über den eigentlichen Wortspieleffekt aussagen würde“ (Timković 1990: 28). Auch Grasseger (1985), Hausmann (1974) und Tęcza (1997) halten sie für irrelevant. Diesem Standpunkt schließe ich mich an.

11 Als diskutabel erscheinen in diesem Zusammenhang Wortspiele, die auf einer unkonventionellen Segmentierung komplexer Wörter basieren, also Pseudomotivationsspiele. Bei gleicher Schreibung sind Unterschiede zwischen zwei Realisierungen gerade in der Aussprache, genauer genommen in der Akzentuierung feststellbar. Mehr zu Pseudomotivationsspielen vgl. Kap. 2.2.

12 Dieser Typ der Wortspiele wird unterschiedlich bezeichnet: Systemleerstellen-Neologismen (Heibert 1993), Systemneologismen/systemkonforme Neologismen (Tęcza 1997).

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2. Wortbildungsspiele - theoretische Grundlagen

Wie die Termini ‚Sprachspiel‘ und ‚Wortspiel‘, kann auch der Terminus ‚Wortbildungsspiel‘ in verschiedenen Kontexten und von verschiedenen Sprachnutzern unterschiedlich verstanden werden. Als Wortbildungsspiele werden manchmal bestimmte Gesellschaftsspiele bzw. didaktische Spiele bezeichnet, die Schülern die Wortbildungsregeln näherbringen oder deren Aneignung erleichtern sollen. Von dieser Bedeutung wird hier abgesehen. Das Wortbildungsspiel wird als eine sprachliche Erscheinung erfasst.

Bevor ich zu einer Definition und Klassifizierung von Wortbildungsspielen übergehe, wird der Forschungsstand zu diesem Thema präsentiert und diskutiert.

2.1 Forschungsstand – ein Überblick

Der Terminus „Wortbildungsspiel“ kommt nur vereinzelt in der Fachliteratur vor, was allerdings nicht bedeutet, dass Wortbildungsspiele in der Forschung unberücksichtigt bleiben. Die meisten Untersuchungen behandeln allerdings entweder einzelne Typen bzw. Aspekte von Wortbildungsspielen (dann ist die Rede z.B. von Okkasionalismen, wortspielerischen Neologismen, Wortverfremdungen, Umdeutungen etc.) oder auf der anderen Seite umfassendere Themen, bei deren Erörterung unter anderem auch Wortbildungsspiele ins Interessenfeld miteinbezogen werden (hierzu sind Untersuchungen zu Wortspielen, zum verbalen Humor o.ä. zu rechnen).

Es liegt nahe, zunächst zu prüfen, wie (und ob) Wortbildungsspiele in der Literatur zur Wortbildung behandelt werden. In allgemeinen Veröffentlichungen zur Wortbildung des Deutschen (Einführungen, Handbüchern o.ä.) wird der spielerische Umgang mit den Regeln der Wortbildung je nach der linguistischen Richtung, der die Autoren anhängen, entweder nur am Rande oder gar nicht thematisiert. In strukturalistisch orientierten Arbeiten (z.B. Fleischer 1969, Erben 1983) findet er kaum Beachtung. Während Fleischer (1969) sich zu diesem Phänomen überhaupt nicht äußert, und Erben (1983) nur kurz den durch das „bewusste Überspielen der Norm“ erzielten „stilistischen Effekt“ (Erben 1983: 52) anspricht, widmet Donalies (2005b) ein kurzes Kapitel zwei „frei kreative[n] Verfahren“ der Wortbildung: der Neumotivierung und dem Wortspiel. Dabei bemerkt die Autorin aber sogleich, dass Neu- bzw. Remotivierung als Veränderung der Inhaltsseite eines komplexen Wortes ein semantischer Vorgang und nicht ← 37 | 38 → Wortbildung ist. Als Wortbildungsverfahren könne Remotivierung bei Entlehnungen aus anderen Sprachen betrachtet werden, wenn „die Ausdrucksseite des herkunftssprachlichen Wortes assoziativ in eine motivierende Eindeutschung einfließt“ (Donalies 2005b: 151). Als Wortspiel bezeichnet Donalies (2005b) die Bildung neuer Ausdrücke in Analogie zu bereits existierenden Komposita, wobei sie außer der Feststellung, dass derartige Wortspiele „keinen besonderen Wortbildungsregeln [unterliegen]“, sondern „frei assoziativ“ funktionieren (Donalies 2005b: 152) und überwiegend mit Substantiven gebildet werden, nur eine Liste von Belegen anführt und das Thema nicht weiter fortsetzt.

Anders als in der strukturalistischen Wortbildungslehre, wo die im Sprachgebrauch beobachtbaren Uneinheitlichkeiten und Regelwidrigkeiten zumindest bemerkt werden, wird ihnen in generativ geprägten Untersuchungen (Motsch 1981, Olsen 1986) - gemäß dem Postulat, die Sprachwissenschaft habe als Ziel „die Beschreibung der sprachlichen Kompetenz eines idealen Sprecher-Hörers zu liefern“ (Olsen 1986: 19) – keine Aufmerksamkeit geschenkt. Der kreative Aspekt in der Wortbildung wird verstanden als das Bilden neuer Ausdrücke nach den Regeln des Systems. Zwar verwendet z.B. Olsen (1986) den Begriff „Ad-hoc-Bildung“ und definiert ihn sogar als eine eigene Klasse von Wortbildungen, die „einerseits Verwirklichungen der Wortstrukturregeln sind, also Realisierungen der potentiell vorhandenen Wortstrukturen des Systems repräsentieren, aber andererseits nicht als usuell anerkannt werden und daher nicht mit ihren Bedeutungen im Lexikon erfasst sind.“ (Olsen 1986: 51). Doch zugleich schreibt sie: „Für einen Großteil der okkasionellen Wörter gilt […], dass sie – ähnlich wie Sätze – aus einem momentanen Bedarf heraus gebildet und gebraucht werden, um gleich darauf wieder zu verstummen, ohne aufzufallen oder gar als ´Wörter´ erkannt zu werden.“ (ebd.) Der Vergleich mit Sätzen und die Feststellung, dass okkasionelle Wortbildungen nicht auffallen, lässt darauf schließen, dass Olsen nur eine Art von okkasionellen Bildungen berücksichtigt, nämlich diejenigen, die „regulär“ (Olsen 1986: 52) sind, also keinen Wortspielcharakter aufweisen und somit für die vorliegende Untersuchung nicht von Bedeutung sind. Diese für die generative Wortbildungstheorie typische Haltung drückt Lieber (1992) noch deutlicher durch die Feststellung aus, auffallende, nicht regelkonforme Wortbildung sei nicht „to be taken seriously by a theory of word formation“ (Lieber 1992: 4).

Während umfassende Werke zur Wortbildung Wortbildungsspiele nur marginal oder gar nicht behandeln, lassen sich in Arbeiten zu einzelnen Aspekten der Wortbildung mehr Informationen zu diesem Thema finden. Einen beachtenswerten Beitrag zur Erforschung des kreativen Aspekts der Wortbildung leistet Hohenhaus (1996). In seiner auf einem englischsprachigen Korpus basierenden ← 38 | 39 → Arbeit erörtert er die Merkmale und Funktionen von Ad-hoc-Bildungen, wobei er die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen Neologismus und Ad-hoc-Bildung hervorhebt (im Gegensatz zu z.B. Elsen 2004, die Ad-hoc-Bildungen zu Neologismen im weiteren Sinne rechnet). Der Autor stellt die in der einschlägigen Literatur anzutreffenden Definitionen und konkurrierenden Termini einander gegenüber, um anhand der besprochenen Eigenschaften einen skalaren Begriff der Ad-hoc-Bildung anzunehmen und eine Typologie vorzuschlagen. Einen wichtigen Aspekt seiner Arbeit stellt die Besprechung der Wortbildungstheorien dar, die einen Rahmen für seine Untersuchungen darstellen, wobei Hohenaus (1996) sein Augenmerk vor allem generativen Ansätzen und deren Verhältnis zu Ad-hoc-Bildungen widmet. Seinem Forschungsinteresse entsprechend berücksichtigt der Autor den kreativen Umgang mit der Motivation von Konstituenten in existierenden Komposita („Ad-hoc-Umdeutungen“, Hohenaus 1996: 133) nur am Rande, wenn es jedoch um die Untersuchung des zweiten Aspekts von Wortbildungsspielen, also um völlig neu geschaffene Wörter geht, so ist seine Arbeit die bisher ausführlichste.

Ebenfalls okkasionelle Wortbildungen, allerdings deutsche und nur im Bereich der Nominalkomposita, untersucht Bizukojć (2011). Das Anliegen der Autorin ist es, die Determinationsverhältnisse innerhalb dieser Komposita zu erforschen, was in deren Klassifikation resultiert. Die meisten der von Bizukojć untersuchten Komposita haben keinen Wortspielcharakter, doch die genaue Untersuchung der semantischen Beziehungen innerhalb von Komposita ist auch im Hinblick auf die Untersuchung von Wortbildungsspielen interessant.

Einzelnen Aspekten von Ad-hoc-Bildungen sind einige weitere Aufsätze gewidmet; und so befasst sich Eichinger (2000) mit den Voraussetzungen für das Verstehen von Okkasionalismen im Hinblick auf die Wortbildung in der Literatur und Hallsteinsdóttir (2000) im Hinblick auf Deutsch als Fremdsprache. Ostromęcka-Frączak (2008) untersucht Kontaminationen in Pressetexten explizit als Quelle von Wortspielen. Bedingungen, die darüber entscheiden, welche Neubildungen dem Empfänger als solche auffallen und welche nicht, macht Barz (1996) zum Untersuchungsgegenstand.

Der kreative Aspekt in der Wortbildung findet auch unter Forschern, die sich der kognitiven Linguistik verpflichtet fühlen, Beachtung. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Kemmer (2003) und Kardela (2006), die bei der Analyse von Kontaminationen auf die Theorie der mentalen Räume und der kognitiven Verschmelzungen von Fauconnier und Turner (2002) zurückgreifen. Gemäß der kognitiven Grammatik, die eine lexikalische Einheit als aus zwei Polen – dem semantischen und dem phonologischen – bestehend betrachtet, wird ← 39 | 40 → die Verschmelzung auf diesen beiden Polen untersucht. Kemmers (2003) und Kardelas (2006) Untersuchungen sind für die Beschäftigung mit Wortbildungsspielen sehr aufschlussreich, da Kontaminationen einen spielerischen Charakter haben und sich teilweise erst im Laufe der Zeit als neue Wörter etablieren.

Den zweiten Forschungsbereich, in dem Wortbildungsspiele berücksichtigt werden, bilden die Untersuchungen zum sprachlichen Humor und zu Wortspielen. In älteren Untersuchungen (Eckhard 1909, Mautner 1931) werden Wortbildungsspiele zwar aus dem Interessenkreis ausgeklammert, in den neueren Arbeiten werden sie dafür ausführlicher behandelt. Wenn es allerdings um ihre Charakteristik und Typologie geht, so gibt es teilweise recht große Unterschiede.

Eine in diesem Kontext erwähnenswerte Arbeit ist die mittlerweile zur Klassik polnischer Sprachwissenschaft gehörende Studie von Buttler (32001, 11968). Die Autorin konzentriert sich vor allem auf die Funktion und Wirkung spielerischen Umgangs mit der Sprache. Als Oberbegriff für die beschriebenen Phänomene gebraucht sie den Terminus „sprachlicher bzw. verbaler Witz bzw. Scherz“ (pln. dowcip/żart językowy/werbalny). Den Terminus „Wortspiel“ (pln. gra słów) verwendet Buttler (32001) nur in Bezug auf sprachliche Witze, die auf der Homonymie bzw. Polysemie sprachlicher Ausdrücke basieren, und das vor allem bei der Anführung der Meinungen anderer Forscher. Die Bezeichnung ‚Wortbildungsspiel‘ (pln. gra słowotwórcza) gebraucht die Autorin überhaupt nicht, sie schreibt allenfalls vom ‚Wortbildungswitz‘ (pln. dowcip słowotwórczy) und bespricht einzelne Formen von Spielen, in denen die Möglichkeiten des Wortbildungssystems ausgenutzt werden. Dabei gibt die Autorin eine Fülle von Beispielen an, aus ihren Ausführungen lässt sich aber keine klare Systematik oder Typologie ableiten.

Buttler (32001) beschreibt u.a. Spiele, in denen die Bedeutung eines Wortes „umgewertet“ wird. Sie bezeichnet diese Spiele als Neosemantismen (vgl. Buttler 32001: 196), wobei sie in diesem Kontext abwechselnd die Termini adideacja, pseudoetymologia, przewartościowanie semantyczne (Adideation, Pseudoetymologie, semantische Umwertung) verwendet, was nicht zur Klarheit der Ausführungen beiträgt. Diese Gruppe von Spielen erinnert an die Motivationsspiele, die in Kap. 2.2.1 besprochen werden.

Ein Kapitel widmet die Autorin den „Wortbildungsneologismen“ (neologizmy słowotwórcze), zu denen sie u.a. Lexeme rechnet, die mit Formativen gebildet werden, die allein schon als humoristisch empfunden werden (vgl. Buttler 32001: 154 f.). Als eine Erscheinung am Rande eigentlicher Wortbildungswitze betrachtet sie die korrekte Bildung neuer Lexeme mit den Mitteln des Wortbildungssystems, die nur durch ihre Neuheit in einer humoristischen Wirkung resultiert. Nach den in der vorliegenden Arbeit angenommenen Kriterien (vgl. Kap. 2.2) ist ← 40 | 41 → nur ein kleiner Teil der von Buttler (32001, 11968) besprochenen witzigen Neologismen als Wortbildungsspiele anzusehen. Bei den von der Autorin angeführten und besprochenen Beispielen handelt es sich vielmehr um alle möglichen (also auch die normkonformen) Wortbildungsmittel, mit denen Komik hervorgerufen werden kann.

Eine wichtige Bemerkung, die Buttler (32001, 11968) im Zusammenhang mit der Besprechung der Beispiele macht, ist der Hinweis auf die Notwendigkeit, die Frage des Verstoßes gegen die sprachliche Norm näher zu untersuchen. Dieses Postulat wird in anderen Abhandlungen zu Wortspielen realisiert (z.B. Detering 1983, Heibert 1993, Tęcza 1997).

Zu bemerken ist, dass die Monographie von Buttler (32001, 11968) einen sonst eher selten in der Sprachwissenschaft anzutreffenden wertenden Charakter hat: Die Techniken und Mechanismen sprachlicher Witze werden mit den Attributen von „primitiv“, „künstlich“, „trivial“, über „drastisch“ oder „vulgär“ bis hin zu „raffiniert“ und „intellektuell“ gewertet. Eine übersichtlichere Gliederung als Buttler (32001, 11968) hat ein Artikel derselben Autorin aus dem Jahr 1961, der dem Wortbildungswitz (pln. dowcip słowotwórczy) allein gewidmet ist. Die Mittel, mit denen Komik erreicht werden kann, werden in drei Hauptgruppen geteilt: Bildung von Neologismen, strukturelle und semantische Umwertung sowie Gruppierungen von strukturell verwandten, aber semantisch divergenten Wortbildungen (vgl. Buttler 1961: 113). Anders als der Titel es vermuten lässt, bespricht die Autorin aber nicht alle genannten Gruppen, sondern nur die erste, dafür aber mit sehr vielen kommentierten Belegen.

Auch andere Autoren behandeln Wortbildungsspiele nicht getrennt, sondern berücksichtigen alle oder einige ihrer Typen in unterschiedlichen Zuordnungen als Typen bzw. Arten von Wortspielen, während sie entweder die Techniken und Funktionen von Wortspielen im allgemeinen beschreiben (Misslbeck 1962, Ulrich 2007, Juszczyk 2001) oder das Wesen von Wortspielen an Hand des Materials aus einer konkreten Zeitschrift (Fiedler 2003, Hausmann 1974), aus Werken eines Autors (Hahn 1993) oder aus kabarettistischen Texten aus einem bestimmten Zeitabschnitt (Szczerbowski 1994) erörtern. Die Untersuchung von Hausmann (1974) verdient besondere Aufmerksamkeit, da der Autor das Wortspiel als „objektsprachliche Formulierung einer metasprachlichen Information“ (Hausmann 1974: 126) definiert, was von Autoren späterer Arbeiten zum Thema Wortspiel aufgegriffen wird und auch für die Belange der vorliegenden Arbeit relevant ist (vgl. Kap 1).

Beispiele und einige theoretische Bemerkungen finden sich auch in Arbeiten zum Stil einzelner Autoren (Grochala 2006, Wagenknecht 1975, Walter 1966), ← 41 | 42 → in denen Wortbildungsspiele bzw. Wortspiele als eines unter vielen stilistischen Phänomenen besprochen werden. Auf die „ausgezeichneten didaktischen Verwendungsmöglichkeiten“ (Schifko 1987: 68), linguistisches Wissen – darunter das Wissen über Wortbildungsmuster - durch Wort- und Wortbildungsspiele zu vermitteln, weisen Schifko (1987) und Ulrich (1976) hin.

Explizit um Wortbildungsspiele geht es in einer Reihe von kurzen Beiträgen von Zifonun (2002), Müller (2002) und Donalies (2002), die im Sprachreport 1/2002 veröffentlicht wurden. Von den Autoren wird keine Wortbildungsspieltypologie angestrebt, es handelt sich auch nicht um eine auf Vollständigkeit abzielende Beschreibung des kreativen Umgangs mit der deutschen Wortbildung. Die Artikel sind aus einem anderen Grund interessant: Zum Anlass für sie wurde eine Ausstellung von Martin Glomms Messerstichen genommen, mit denen der Künstler Komposita mit der zweiten Konstituente -tisch bzw. mit dem Suffix –isch gebildete Derivate von Substantiven, die auf –t enden, in Bildern spielerisch umdeutet. Die Ebene der Sprache wird also mit der Ebene des Bildes verbunden, durch Bilder wird auf die Möglichkeit hingewiesen, bestimmte Wörter anders zu deuten, als man es als Sprecher gewohnt ist. Die o.g. Autoren kommentieren diese „wortbildnerischen Spiele“ (Donalies 2002: 10) aus unterschiedlichen Perspektiven: Donalies (2002) bespricht sie im Hinblick auf die Regeln des deutschen Wortbildungssystems, Zifonun (2002) analysiert deren semantischen Aspekt und Müllers (2002) Augenmerk gilt der phonologischen Seite der umgedeuteten Wörter. Analysiert wird zwar nur eine kleine „Kostprobe“ des Spiels mit der Wortbildung, doch durch die Verbindung der drei Perspektiven ist diese Analyse sehr aufschlussreich.

Der kreative Umgang mit der Sprache, Wortspiele im allgemeinen und darunter zumindest ansatzweise Wortbildungsspiele werden in zahlreichen Arbeiten aus übersetzungswissenschaftlicher Perspektive behandelt. Zu den wohl bekanntesten und viel zitierten Veröffentlichungen gehören jene von Grassegger (1984), Heibert (1993) und Tęcza (1997). Einer Untersuchung der Übersetzbarkeit von Wortspielen und verschiedener Übersetzungstechniken geht meistens der Versuch voran, eine Charakteristik und Typologie von Wortspielen zu präsentieren, in der Wortbildungsspiele auch meistens einen Platz finden. In Bezug auf die in der vorliegenden Arbeit präsentierte Auffassung von Wortbildungsspielen ist die Feststellung Heiberts (1993) besonders relevant, dass es zwei Möglichkeiten des spielerischen Umgangs mit der Wortbildung gibt: Erstens Wortbildungen, die „systemkonform nach vorhandenen Programmen erfolgt sind, aber nicht zur Norm gehören, zweitens die Komposita, deren interne Determinationsrelationen manipuliert werden können“ (Heibert 1993: 74). Diese Grundeinteilung in ← 42 | 43 → die Bildung neuer Formen und die Neuinterpretation existierender Formen wird in Kap. 2.2.2 mit einigen Modifizierungen aufgegriffen.

Heibert (1993) sondert Wortspiele, die auf kreativem Umgang mit der Wortbildung basieren, nicht als getrennte Gruppe aus. In seiner umfassenden Wortspieltypologie beschreibt er unter vielen anderen Komposita-Wortspiele, die in der spielerischen Reinterpretation von Zusammensetzungen bestehen und auch von zahlreichen Forschern vor ihm ohne weitere Probleme zu Wortspielen gerechnet wurden, andererseits untersucht er auch verschiedene Phänomene, die auf einer kreativen Ausnutzung von Wortbildungsmustern beruhen, und die von vielen Forschern nicht als Wortspiele behandelt werden. Unter den Kompositaspielen unterscheidet Heibert (1993) in Anlehnung an Käge (1980) die Remotivation, die Transmotivation und die Pseudomotivation, die in unterschiedlichen Modifikationen der Determinationsbeziehungen innerhalb der Komposita bestehen. Neuartige Ausdrücke, die mit den Mitteln der Wortbildung gebildet werden, rechnet Heibert (1993) zu Ausdrucksanomalien. Dabei stellt er fest: „[…] ebenso wenig, wie alle Ausdrucksanomalien Wortspiele sind, ist jeder Neologismus eines. Das Funktionieren von Neologismen muss untersucht werden, um zu ermitteln, wann Neologismen wortspielhaft sind“ (Heibert 1993: 74, vgl. dazu auch Kap. 2 weiter unten). Die Erfüllung dieses Postulats erlaubt es dem Autor, im weiteren Verlauf seiner Arbeit in einer Typologie von wortspielhaften Ausdrucksanomalien, in der Normabweichungen verschiedene Teilsysteme der Sprache betreffen, auch Anomalien im Bereich der Wortbildung zu erfassen. Zu diesen rechnet er haplologische Zusammensetzungen, Wortverschmelzungen und haplologische Wortverschmelzungen, die verschiedene Formen der Kontamination darstellen, sowie Systemleerstellenneologismen, also Neologismen, die nach bestehenden Wortbildungsmustern, jedoch unter Missachtung semantischer Restriktionen gebildet werden (vgl. Heibert 1993: 76ff.). Gesondert diskutiert der Autor den Status von Neologismen, die entstehen, indem eine Aneinanderreihung von Phonemen ohne referenzielle Bedeutung mit einem Wortbildungsmorphem verbunden wird. Sie werden als „Neologismen ex nihilo“ bezeichnet und ihre Zugehörigkeit zu den Wortspielen als „nicht endgültig festlegbar“ (vgl. Heibert 1993: 91) angesehen.

Einen ähnlichen Weg wie Heibert (1993), wenngleich mit Unterschieden in der Terminologie und Einordnung, schlägt Tęcza (1997) ein, der betont, dass neben dem konventionellen Sprachmaterial Neologismen als bedeutende wortspielkonstituierende Elemente zu betrachten sind. Als Grundkriterium für die Klassifizierung von Wortspielen nimmt der Autor die Art der durch das Wortspiel vermittelten metasprachlichen Information an, innerhalb der auf dieser ← 43 | 44 → Grundlage geschaffenen Klassifizierung berücksichtigt er aber konsequent sprachliche Neubildungen. Er präsentiert eine ausführlich begründete Unterscheidung in Bedeutungsneologismen, die er als Neosemantismen bezeichnet (ebd. 28) und in systemkonforme Neologismen und absolute Neologismen (ebd. 29), die als Basis für Wortspiele dienen. Neosemantismen rechnet Tęcza (1997) zu Wortspielen im engeren Sinne, da in ihnen die Homonymie bzw. Paronymie zu konventionellen Bedeutungsvarianten von Komposita ausgenutzt wird. Unter den Neosemantismen unterscheidet der Autor individuelle semantische Reinterpretationen einzelner Wortformen, zu denen er Transmotivationen und Pseudomotivationen13 rechnet, außerdem Reinterpretationen sprachlicher Formen und Eigennamen, die in einem homonymen Verhältnis zu Appellativa stehen. Remotivationen klammert er als Rückführungen auf den ursprünglichen semantischen Zustand aus der Gruppe der Motivationsspiele aus. Unter den systemkonformen Neologismen rechnet Tęcza (1997) diejenigen, die sich durch Homonymie bzw. Paronymie zu bestehenden sprachlichen Ausdrücken auszeichnen, zu Wortspielen im engeren Sinne, die übrigen zu Wortspielen im weiteren Sinne. Während diese Unterscheidung ganz klar und konsequent durchgeführt worden ist, ist der Status der von Tęcza (ebd.) als ein Typ der Wortspiele im weiteren Sinne klassifizierten absoluten Neologismen, die „keine Ableitungen von vorhandenen normkonformen lexikalischen Mitteln“ darstellen (Tęcza 1997: 87), als problematisch anzusehen, was der Autor sogar selbst einräumt. Sein Argument, dass solche Spiele über die „Grenzen des Sprachsystems schlechthin“ (Tęcza 1997: 88) informieren und deswegen als Wortspiele angesehen werden sollen, ist nicht ganz überzeugend.

Neben den oben angeführten Autoren sollte auch Szczerbowski (1997a, 1997b, 1998) mit seinen ebenfalls übersetzungswissenschaftlich orientierten Veröffentlichungen erwähnt werden. Sein Untersuchungsgegenstad sind Joyce´s spielerischer Umgang mit der Sprache im Roman „Ulysses“ sowie die Schwierigkeiten, die sich daraus für Übersetzer ergeben und Strategien, mit deren Hilfe verschiedene Übersetzer diese Schwierigkeiten überwinden. Der Autor entscheidet sich für den Terminus ´Sprachspiel´, was er ausführlich begründet, und teilt die als Ausdruck metasprachlicher Reflexion und poetischer Funktion ← 44 | 45 → im Sinne Jakobsons14 (vgl. Szczerbowski 1998: 117) verstandenen Sprachspiele in drei Hauptgruppen ein: in Strategien phonischer Form (strategie formy fonicznej), etymologische Reinterpretation (reinterpretacja etymologiczna) und intertextuelle Strategien. Von diesen dreien ist für die Beschäftigung mit Wortbildungsspielen die etymologische Reinterpretation am interessantesten, da sie in etwa den weiter unten besprochenen Motivationsspielen entspricht. Szczerbowskis Arbeiten enthalten einige wichtige Bemerkungen über das Wesen und die Arten des Wort- bzw. Sprachspiels, doch sein Hauptaugenmerk gilt deren Rolle in der Übersetzung, die wiederum für die Belange der vorliegenden Untersuchung von kleinerer Bedeutung ist.

Details

Seiten
177
ISBN (PDF)
9783653061062
ISBN (ePUB)
9783653954654
ISBN (MOBI)
9783653954647
ISBN (Buch)
9783631669730
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (April)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 177 S., 3 Tab., 46 Graf.

Biographische Angaben

Joanna Janicka (Autor)

Joanna Janicka ist Dozentin für Deutsch als Fremdsprache am Institut für Germanische Philologie der Jagiellonen-Universität in Krakau. Nach ihrem Studium wurde sie an der Jagiellonen-Universität in Krakau promoviert. Ihre Forschungsbereiche umfassen die Wortbildung und Semantik.

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Titel: Modifikationen semantischer Strukturen in Wortbildungsspielen