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Anderssein vs. Konformismus

Die literarische Aufarbeitung des Faschismus in italienischen und deutschen Romanen der 1950er Jahre

von Marta Chiarinotti (Autor:in)
Dissertation 298 Seiten
Reihe: Romania Viva, Band 23

Zusammenfassung

Aufarbeitung von Vergangenheit ist in Deutschland, anders als in Italien, ein viel diskutiertes Thema. Durch einen interdisziplinären (d.h. historischen, politischen, kultur- sowie literaturwissenschaftlichen) Vergleich zwischen Deutschland und Italien geht die Autorin der Frage nach, ob auch in Italien eine Aufarbeitung des Faschismus stattgefunden hat. Insbesondere untersucht sie dabei, ob die italienischen Romane der 1950er Jahre literarische Aufarbeitung geleistet haben. Dafür stellt ihr Vergleich Faschismusdarstellung und -kritik in denjenigen Romanen gegenüber, in denen der Faschismus und nicht, wie es üblich ist, die «Resistenza» als Hauptthema vorkommt. Mittels textnaher Analysen arbeitet die Autorin so die Kategorie des Andersseins als latenten Ausdruck von Kritik heraus und zeigt, wie Alterität die literarische Aufarbeitung bestimmt.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1 Einleitung
  • 1.1 Stand der Forschung
  • 1.2 Aufbau der Untersuchung
  • 1.3 Auswahl der Romane
  • 1.3.1 Auswahl der italienischen Romane
  • 1.3.2 Auswahl der deutschen Romane
  • 2 Was ist Faschismus?
  • 2.1 Faschismusforschung
  • 2.2 Italienischer und deutscher Faschismus im Vergleich
  • 2.2.1 Zustandekommen des Systemwechsels
  • 2.2.2 Einfluss einer dritten Partei
  • 2.2.3 Herrschaftsdauer und Rückhalt des Regimes in der Bevölkerung
  • 2.3 Faschistische Kulturpolitik
  • 2.3.1 Kulturpolitik in Italien
  • 2.3.2 Kulturpolitik in Deutschland
  • 2.3.3 Ein Vergleich
  • 3 Das geistige Klima der 1950er Jahre
  • 3.1 Italien
  • 3.1.1 Das Engagement der Schriftsteller
  • 3.1.1.1 Zeitschriften
  • 3.1.1.2 Einfluss der PCI
  • 3.1.2 Der Neorealismus
  • 3.1.3 Umgang der Schriftsteller mit ihrer Vergangenheit
  • 3.1.4 Literarischer Umgang mit der Vergangenheit
  • 3.2 Deutschland
  • 3.2.1 Das Engagement der Schriftsteller
  • 3.2.1.1 Zeitschriften
  • 3.2.1.2 Einfluss der Alliierten
  • 3.2.2 Zwischen Konservatismus und Nonkonformismus
  • 3.2.2.1 Anfang der Gruppe 47: Der Ruf
  • 3.2.2.2 Gruppe 47
  • 3.2.3 Umgang der Schriftsteller mit der Vergangenheit
  • 3.2.4 Literarischer Umgang mit der Vergangenheit
  • 3.3 Vergleichende Zusammenfassung
  • 4 Aufarbeitung der Vergangenheit
  • 4.1 Vergangenheitsbewältigung
  • 4.2 Erinnerungskultur
  • 4.3 Aufarbeitung in Italien
  • 4.3.1 Entwicklung
  • 4.3.2 Merkmale des Erinnerungsdiskurses
  • 4.4 Aufarbeitung in Deutschland
  • 4.4.1 Entwicklung
  • 4.4.2 Merkmale des Erinnerungsdiskurses
  • 4.5 Pluralität der Erinnerung vs. einzelne Erinnerung
  • 5 Analyse
  • 5.1 Vorgehensweise
  • 5.2 Analyse der italienischen Romane
  • 5.2.1 Darstellung des Faschismus
  • 5.2.1.1 Entstehung des Regimes
  • 5.2.1.2 Ende des Regimes und die Zukunftsperspektive
  • 5.2.1.3 Gesellschaft während des Ventennio
  • 5.2.1.4 Ursprung des Faschismus
  • 5.2.2 Darstellung der Faschisten
  • 5.2.2.1 Gewaltbereitschaft und Brutalität
  • 5.2.2.2 Sexualtrieb
  • 5.3 Analyse der deutschen Romane
  • 5.3.1 Darstellung des Nationalsozialismus
  • 5.3.1.1 Nachkriegszeit
  • 5.3.1.2 Blick auf die Vergangenheit
  • 5.3.1.3 Blick auf die Zukunft
  • 5.3.2 Darstellung der Nationalsozialisten
  • 5.4 Anderssein vs. Konformismus
  • 5.4.1 Anderssein und Konformismus in Il conformista
  • 5.4.2 Anderssein in den italienischen Romanen
  • 5.4.2.1 Anderssein in Tutto è accaduto
  • 5.4.2.2 Anderssein in Il bell’Antonio
  • 5.4.2.3 Anderssein in Quer pasticciaccio brutto de via Merulana
  • 5.4.2.4 Anderssein in Lo scialo
  • 5.4.2.5 Konformismus
  • 5.4.3 Anderssein in den deutschen Romanen
  • 5.4.3.1 Anderssein in Der Tod in Rom
  • 5.4.3.2 Anderssein in Billard um halb zehn
  • 5.4.3.3 Anderssein in Die Blechtrommel
  • 5.4.4 Funktion des Andersseins
  • 6 Literarische Aufarbeitung
  • 7 Schlussbetrachtung
  • 8 Literaturverzeichnis
  • 9 Anhang

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1 Einleitung

Wenn heutzutage der Umgang Italiens und Deutschlands mit ihrer faschistischen Vergangenheit betrachtet wird, stellt man offenkundige Unterschiede fest. In Deutschland ist die Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangenheit sowohl in der Öffentlichkeit durch die Thematisierung in den verschiedenen Medien als auch in der Wissenschaft weit verbreitet. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit wird insgesamt positiv bewertet und sogar als vorbildlich angesehen.1 Das Thema ʹAufarbeitungʹ hat vor allem seit 1989 erneut Aktualität bekommen, als aus neuen Perspektiven geforscht wurde und neue Zusammenhänge entwickelt worden sind. Besonders mit dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik sind erstmals komparatistische Ansätze zur Anwendung gekommen.2

In Italien ist hingegen der Faschismus seit Anfang der 1990er Jahre „zum ersten Mal überhaupt in einem westeuropäischen Land nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges“3 wieder salonfähig geworden. Dadurch hat eine Umdeutung der Vergangenheit mit revisionistischen Tendenzen begonnen, die vom politisch rechten Lager instrumentalisiert wurde.4 Gleichzeitig hat die italienische Historiographie ← 9 | 10 → begonnen zu akzeptieren, dass das faschistische Regime sich auf den breiten Konsens in der italienischen Bevölkerung gestützt hat. Dies geschah in Folge der Krise des sogenannten ʹantifaschistischen Paradigmasʹ, das bis dahin als Basis für die historische Deutung der faschistischen Vergangenheit verwendet worden ist.5 Laut dieses historisch-politischen Paradigmas hatte die italienische Bevölkerung keinen Einfluss auf den Erfolg des Faschismus, sondern vielmehr waren die Italiener als Opfer der Diktatur und Kriegsgegner anzusehen.6 Überdies wurde die Resistenza als gemeinsamer Kampf der ganzen Nation gesehen, die zur moralischen Befreiung Italiens von der faschistischen ʹBesetzungʹ führte.7

Die aktuelle Deutung der faschistischen Vergangenheit wirft die Frage auf, wie es dazu kommen konnte, dass Italien und Deutschland, die eine ähnliche diktatorische Erfahrung hinter sich haben, heutzutage einen völlig anderen Umgang mit der eigenen faschistischen Vergangenheit aufweisen. „Das faschistische Diktatursystem Mussolinis und die nationalsozialistische Führerdiktatur Hitlers waren […] politisch, militärisch, wirtschaftlich und auch kulturell […] eng miteinander verbunden“.8 Des Weiteren lassen sich auch in der Nachkriegszeit Ähnlichkeiten feststellen, die die Möglichkeit eines Vergleichs beider Länder bekräftigen: Italien und Deutschland haben beide den Krieg verloren, sie standen kurz nach dem Krieg unter fremder Besatzung und mussten eine neue Identität finden, in einer Zeit, die von einer konservativen Politik bestimmt wurde.9 Diese ähnliche politische Ausgangssituation verspricht einen fruchtbaren Vergleich, denn „confrontare non significa mettere sullo stesso piano, bensì esaminare a fondo affinità e ← 10 | 11 → differenze, tenendo fermo un minimo di confrontabilità“.10 Ein Vergleich beider Länder ist überdies lohnenswert, da „die historische Dimension der Schuld und die Erinnerungsleistungen beziehungsweise Verdrängungssyndrome einer Gesellschaft sich […] erst im Vergleich zu anderen präziser bestimmen [lassen]“.11

Um den aktuellen Umgang mit der faschistischen Vergangenheit zu deuten, ist es zunächst einmal notwendig zu untersuchen, wie die faschistische Vergangenheit in den 1950er Jahren wahrgenommen und bewertet wurde. Denn genau in der Auseinandersetzung mit dem Faschismus kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ist der Ursprung des heutigen Umgangs mit dem Faschismus zu finden. Anders gesagt, ist anzunehmen, dass das Verhalten eines Volkes nach Kriegsende auch das heutige öffentliche Verhältnis zum Faschismus beeinflusst.12 In der vorliegenden Arbeit bilden aus diesem Grund die 1950er Jahre den untersuchten Zeitraum.

In den 1950er Jahren gestaltet sich der Umgang mit der faschistischen Vergangenheit anders, als dies heute der Fall ist. Unmittelbar nach dem Krieg und bis in die 1950er Jahre hinein war in Deutschland das Interesse an einer Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit gering, denn im Fokus standen das eigene Leid, die Not sowie die Notwendigkeit des Wiederaufbaus. Trotz der Bemühungen der Alliierten, das Land zu entnazifizieren und eine Vergangenheitsbewältigung durchzuführen, werden die 1950er Jahre in puncto Aufarbeitung weitgehend negativ bewertet.13 Auch in Italien herrschte ein politisches sowie öffentliches Desinteresse an der faschistischen Vergangenheit.14 Die Bewertung der Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangenheit in den 1950er Jahren soll in der vorliegenden ← 11 | 12 → Arbeit im Vergleich beider Länder und anhand einer interdisziplinären Perspektive geprüft und präzisiert werden, mit dem Ziel, ein umfassendes und genaueres Bild der 1950er Jahre herauszuarbeiten.

In jenen Jahren gewannen die Schriftsteller in beiden Ländern an Bedeutung. Mit ihrem politischen sowie literarischen Engagement etablierten sie sich als ʹGewissen der Nationʹ. Dabei hatte der französische Philosoph Jean-Paul Sartre mit seinem Konzept der littérature engagée großen Einfluss. Den Schriftstellern fiel die besondere Rolle zu, die Bevölkerung aus der geistigen Krise herauszuführen, in die sie durch die jahrelange Diktatur und den Krieg gefallen war und die durch materielle Not begleitet wurde. Diesbezüglich ist eine ähnliche Situation in beiden Ländern festzustellen: Sowohl die italienischen als auch die deutschen Schriftsteller nahmen am gesellschaftspolitischen Diskurs teil. Die Schriftsteller traten dennoch nicht nur durch Reden, Artikel und Essays an die Öffentlichkeit, sondern auch mit ihren literarischen Werken. Die Literatur der Nachkriegszeit ist durch das Bedürfnis geprägt, das Erlebte zu erzählen; dieses Verhalten ist nach solch traumatischen Ereignissen, die die eigene Biographie sowie die Geschichte eines Landes so tiefgründig veränderten, typisch.15 Der Literatur kommt hierbei eine entscheidende Rolle in der Bildung einer kollektiven Erinnerung an die Vergangenheit zu.16 Die Autoren haben sich mit dem Faschismus, mit dem Krieg sowie mit dem Holocaust auseinandergesetzt und dies literarisch dargestellt. Im Rahmen dieser Arbeit wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, deren Fokus auf der Darstellung des Faschismus, beziehungsweise der faschistischen Diktaturjahre, der Ideologie und der totalitären Denkweise liegt. Die Analyse basiert auf dem Vergleich zwischen italienischen und deutschen Romanen der 1950er Jahre. Nach der Analyse der Faschismusdarstellung in den ausgewählten Romanen stellt sich anschließend die Frage, ob die Literatur der 1950er Jahre Aufarbeitung geleistet hat. Weiterhin ließe sich fragen, in welcher Form und unter welchen Bedingungen die Aufarbeitung stattfand. Um genau dieser Frage nachgehen zu können, wird die Erkenntnisleistung der literarischen Faschismusdarstellung sowie die Faschismuskritik in den Romanen der 1950er Jahre untersucht. Die Prosa stellte in dieser Zeit die geeignete Schriftform dar, ← 12 | 13 → um den Aufarbeitungsdiskurs zu verbreiten und zu präzisieren;17 deshalb fokussiert sich diese Arbeit auf eine Romananalyse. Anhand der ausgewählten Romane wird untersucht, welche literarischen Formen von Faschismusdarstellung und welche Möglichkeiten der Faschismuskritik in den Romanen der 1950er Jahre vorhanden sind. Es werden die literarischen Inszenierungen der Vergangenheit in Wolfang Koeppens Der Tod in Rom (1954), Heinrich Bölls Billard um halb zehn (1959), Günter Grass’ Die Blechtrommel (1959) für die deutsche Literatur und Alberto Moravias Il conformista (1951), Corrado Alvaros Tutto è accaduto (1960, postum), Vitaliano Brancatis Il bell’Antonio (1949), Carlo Emilio Gaddas Quer pasticciaccio brutto de via Merulana (1957) sowie Vasco Pratolinis Lo scialo (1960) für die italienische Literatur analysiert. Der Grund für die Auswahl dieser Romane wird am Ende der Einleitung erläutert.

Gerade der Vergleich zwischen italienischer und deutscher Literatur gewinnt an Bedeutung, denn während die deutsche Literatur angesichts der Faschismusdarstellung und der Aufarbeitung ausgiebig untersucht wurde, so lässt sich in der italienischen Literaturforschung ein Manko feststellen. Dadurch kann die deutsche Literatur als Bezugspunkt für die Analyse der italienischen Literatur dienen. Die Rolle der deutschen Literatur bezüglich der Aufarbeitung des Nationalsozialismus wurde in der Forschung anerkannt, die Literatur wurde schon als „moralische Instanz eines ʹbesseren Deutschlandsʹ18 bezeichnet. Die deutsche Literatur laufe sogar Gefahr, Aufarbeitung stellvertretend für die ganze Gesellschaft zu leisten und zur ʹAlibi-Institutionʹ zu werden.19

Die italienischen Kritiker und Wissenschaftler hingegen haben sich vielmehr mit der Resistenza- und Kriegsliteratur sowie mit der persönlichen Beziehung der Autoren zum Faschismus beschäftigt. Die Faschismusdarstellung wurde vernachlässigt und der Frage nach der Rolle der Literatur bei der Aufarbeitung der Vergangenheit wurde nicht nachgegangen. Die Besonderheit dieser Arbeit liegt ← 13 | 14 → jedoch nicht nur in dem bisher wenig erforschten Gebiet, sondern auch in dem Vergleich zwischen italienischer und deutscher Literatur, der hilfreich ist, um Zusammenhänge präzise deuten zu können. Es gibt zwar zahlreiche Untersuchungen über Faschismus und Literatur, dennoch „beschäftigen sich die meisten Arbeiten mit einzelnen Nationalliteraturen und deren Verhältnis zum Faschismus“.20

Die Bedeutung dieser Untersuchung ist auch in den Worten Ignacio Soletos abzulesen, die eine wichtige Mahnung für die italienische Wissenschaft ausdrücken:

Antisemitismus, Rassismus und Faschismus sind Produkte unserer gemeinsamen christlichen Kultur und wissenschaftlich-technischen kapitalistischen Zivilisation und unter keinen Umständen ein ausschließlich deutsches Phänomen…[…]. Folglich ist die ʹVergangenheitsbewältigungʹ eine Aufgabe aller Europäer; und sie wird erst dann geleistet sein, wenn wir nicht die gesamte Verantwortung auf Deutschland abwälzen, sondern unserseits den Teil an Verantwortung übernehmen, der uns zukommt.21

Es kann also heute keine Rede mehr davon sein, dass die Aufarbeitung nur eine Angelegenheit Deutschlands sei;22 die Arbeit, die diesbezüglich in Deutschland geleistet worden ist, wird im Rahmen der vorliegenden Untersuchung als Folie für die italienische Literatur verwendet.

1.1 Stand der Forschung

Da die vorliegende Arbeit interdisziplinär ausgerichtet ist, wird im Folgenden ein Überblick über den Forschungsstand im Hinblick auf Faschismus und Aufarbeitung in der Politikwissenschaft, Historiographie, Kulturwissenschaft sowie Literaturwissenschaft gegeben. Dabei wird der komparatistische Ansatz in den jeweiligen Disziplinen berücksichtigt.

Deutsche Historiker und Politikwissenschaftler haben begonnen, das Thema Aufarbeitung in den letzten dreißig Jahren tiefgründig zu untersuchen. Für die ← 14 | 15 → Politikwissenschaft liegt der Schwerpunkt auf denjenigen Ländern, in denen „ein abrupter Übergang von vordemokratischen beziehungsweise autokratisch-diktatorischen Verhältnissen zu einem demokratischen politischen System stattfindet“.23 Dabei geht es um die Frage, wie demokratische Systeme sich zu ihrer diktatorischen Vergangenheit verhalten.24 Zentral zu untersuchen ist außerdem die Frage nach der Erbschaft der Totalitarismen und wie eine kritische Erinnerung an die Diktatur im öffentlichen Bewusstsein zu bewahren ist.25 Auch die deutsche Zeitgeschichtsforschung hat angefangen, sich mit der Frage nach dem Umgang mit der Vergangenheit in der Nachkriegszeit zu beschäftigen, nachdem sie sich lange Zeit nur mit der Erforschung der NS-Zeit auseinandersetzte.26 Es lassen sich jedoch nur unzureichende Vergleiche zwischen den italienischen und deutschen Modi der Aufarbeitung finden, trotz der Vielfalt an Studien, die in beiden Ländern durchgeführt worden sind; „bislang sind nur wenige historisch-komparative und verflechtungsgeschichtliche Studien zum Umgang mit Nationalsozialismus [und] Faschismus […] vorgelegt worden“.27 Deshalb stellt Christiane Liermann in der von ihr veröffentlichten Studie der Villa Vigoni eine „quantitative Schwäche der deutsch-italienischen Zusammenschau auf die ʹVergangenheitsaufarbeitungʹ28 fest. Der Schwerpunkt der Forschung lag vielmehr auf den einzelnen nationalen Erinnerungsdiskursen.29 Dies überrascht umso mehr, wenn die Gemeinsamkeiten ← 15 | 16 → und Ähnlichkeiten der Geschichte beider Länder vom Beginn des jeweiligen Regimes bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges bedacht werden. Es wurden jedoch komparatistische Studien zum Thema Faschismus veröffentlicht,30 und darüber hinaus sind einige Publikationen erschienen, die den Begriff Erinnerungskultur verwenden.31

Die italienische Historiographie begann hingegen erst in den letzten Jahren, Aspekte der faschistischen Diktatur neu zu deuten und teilweise aufzudecken, wie beispielsweise die Repression des Faschismus oder die Massenermordungen in den Kolonien.32 Die italienische Historiographie hat sich lange Zeit überwiegend mit der Resistenza und dem Antifaschismus beschäftigt.33 ← 16 | 17 →

Auch die Kulturwissenschaft hat zunehmend die Aufarbeitung der Vergangenheit zum Forschungsgegenstand gemacht und sich dabei mit Begriffen wie Gedächtnis, Erinnern und Vergessen auseinandergesetzt und diese weiterentwickelt.34 Die individuelle sowie die gesellschaftliche ʹErinnerungʹ ist seit einigen Jahren zentraler Gegenstand der kulturwissenschaftlichen Forschung geworden.35 Individuelles und kollektives Erinnern werden nicht mehr als spontane Akte wahrgenommen, sondern vielmehr als soziale und kulturelle Konstruktionen erkannt, die sich im Laufe der Zeit verändern.36 Für jede Gesellschaft ist das Erinnern „eine Pflicht und Leistung“ geworden und damit eine wichtige soziale und kulturelle Ressource.37 Dabei sind insbesondere die Arbeiten von Aleida Assmann von Bedeutung.

Auch die Literaturwissenschaft beschäftigt sich mit dem Thema Aufarbeitung der Vergangenheit, wenn auch nicht mit der gleichen Intensität wie die anderen Disziplinen. Astrid Erll wendet das von der Kulturwissenschaft herausgearbeitete Konzept des Gedächtnisses in ihrer Arbeit Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft (2005) auf die Literatur an. Diesem Ansatz konnte in dieser Arbeit nicht gefolgt werden, da, um Gedächtnisromane definieren zu können, eine ausgiebige Rezeption seitens der Leser notwendig ist,38 die für die italienischen analysierten Romane ausbleibt.

In Italien ist die literaturwissenschaftliche Forschung bezüglich der Aufarbeitung der Vergangenheit wenig ergiebig.39 Einige wenige Wissenschaftler sprechen ← 17 | 18 → von memoria in ihren Analysen,40 Untersuchungen über Faschismusdarstellung in den Romanen unterbleiben jedoch meistens.41 Vielmehr liegt das Interesse der Forschung in der Beziehung der Autoren zum Faschismus, wie zahlreiche Studien zeigen.42 Nach dem ʹFall Grassʹ im Jahre 2006, auf den in dieser Arbeit noch eingegangen wird, sind zahlreiche Studien über die Beziehung der Intellektuellen zum Faschismus und zu ihrer faschistischen Vergangenheit erschienen. Besondere Beachtung wurde den Studien von Luca La Rovere gegeben, vor allem L’eredità del fascismo (2008).43 Für die deutsche Literatur betont Felicia Letsch, dass bis 1982, dem Jahr der Veröffentlichung ihrer Arbeit, keine Publikationen über die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in den Romanen erschienen sind.44 Der heutige Forschungsstand bietet einige Arbeiten, die sich mit einzelnen oder mehreren Romanen im Vergleich mit dem Thema Aufarbeitung der Vergangenheit beschäftigen.45 Die Studie Faschismus und europäische Literatur (1991) erforscht ← 18 | 19 → die literarischen Darstellungen des Faschismus in einzelnen europäischen Ländern, darunter Deutschland und Italien. Das Neue dieser Studie liegt in ihrem komparatistischen Ansatz. Die Arbeit Italien in Deutschland – Deutschland in Italien (1999),46 herausgegeben von Anna Comi und die von Hansgeorg Schmidt-Bergmann veröffentlichte Studie Zwischen Kontinuität und Rekonstruktion (1998) umfassen hingegen verschiedene Beiträge, die sich mit der wechselseitigen Beziehung zwischen italienischer und deutscher Literatur nach 1945 beschäftigen.

1.2 Aufbau der Untersuchung

Kern der vorliegenden Arbeit ist die literarische Analyse der italienischen und deutschen Romane der 1950er Jahre in Bezug auf Faschismusdarstellung und literarische Aufarbeitung. Dieser wird eine komparatistische und interdisziplinäre Untersuchung vorangestellt, die dazu dient, die Romananalyse zu kontextualisieren und somit zu präzisieren.

Im ersten Kapitel wird der Faschismus unter verschiedenen Aspekten präsentiert, da dieser das Hauptthema der untersuchten Romane ist und in dieser Arbeit davon ausgegangen wird, dass „jedem literarischen Werk – unverkennbar der Stempel seiner Zeit aufgeprägt [ist]“.47 Es stellt sich die Frage: Was ist Faschismus? Bei der Annäherung an den Begriff Faschismus wird nicht nach einer Definition gesucht, sondern es werden vielmehr die Merkmale des Faschismus hervorgehoben, die dazu dienen sollen, einerseits die Darstellung des Faschismus in den Romanen und andererseits die politische Aufarbeitung nach dem Kriegsende adäquat rekonstruieren zu können. Dabei wird auf zwei Aspekte eingegangen, die zentral für diese Arbeit sind: die verschiedenen Richtungen der Faschismusforschung und die Ähnlichkeiten und Unterschiede beider faschistischen Regimes. Die eingeschlagenen Wege der jeweiligen Faschismusforschungen, das antifaschistische Paradigma in Italien und die Totalitärtheorie in Deutschland spiegeln ← 19 | 20 → wesentliche Elemente des Erinnerungsdiskurses wider, wie in dem Kapitel über die Aufarbeitung der Vergangenheit gezeigt wird.

Bei dem Vergleich beider Faschismen wird auf vier wesentliche Kategorien eingegangen: das Zustandekommen des Systemwechsels, der Einfluss einer dritten Partei, die Herrschaftsdauer und der Rückhalt des Regimes in der Bevölkerung; diese dienen dazu, die Aufarbeitung in der Nachkriegszeit analysieren zu können. Als letzter Punkt des Kapitels über den Faschismus wird die Kulturpolitik des Regimes eingeführt. Diese ist relevant, weil sie zum einen als Ausgangspunkt dient, um das kulturelle Klima der 1950er Jahren zu deuten, das in Abgrenzung zu der vergangenen Kulturpolitik entstand und dennoch von ihr beeinflusst wurde. Zum anderen hat sie die Autoren beeinflusst, die schon während des Regimes literarisch aktiv waren und sich politisch positioniert hatten.

Im dritten Kapitel wird das geistige Klima der 1950er Jahre dargestellt. Nachdem das Thema Faschismus aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet worden ist, werden die 1950er Jahre umrissen, und dabei werden die relevanten Aspekte präsentiert, die notwendig sind, um die untersuchten Romane vollständig verstehen zu können. Das literarische sowie politische Engagement der Schriftsteller wird hierbei dargestellt. Der Wille der Autoren, Engagement zu zeigen, war von einer regen Debatte um die Rolle der Schriftsteller in der Gesellschaft begleitet, die vor allem in den Zeitschriften Ausdruck fand. Überdies werden die externen Einflüsse, denen die Schriftsteller unterlagen, vorgestellt: die Kommunistische Partei in Italien, die Alliierten in Deutschland. Anschließend werden die literarischen Strömungen dargestellt, um so den Umgang der Schriftsteller mit der eigenen faschistischen Vergangenheit, und wie sie diese in ihren literarischen Werken ausdrücken, zu präsentieren.

Im vierten Kapitel werden zwei Schlüsselbegriffe erläutert: Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur. Der erste ist der ältere und deutschlandspezifische Begriff. Der zweite ist ein neuer Forschungsbegriff, der in den letzten Jahren zunehmend Verwendung in der Wissenschaft sowie in der Öffentlichkeit gefunden hat. Danach wird die Aufarbeitung in Italien und Deutschland beschrieben; zum einen chronologisch, das bedeutet von der Nachkriegszeit bis heute, zum anderen diskursiv, über die Bestimmung der Merkmale in der Erinnerungskultur der 1950er Jahre in beiden Ländern. In Italien bildete sich eine Pluralität der Erinnerung heraus, während sich in Deutschland eine einheitliche Erinnerung etablierte.

Nachdem alle wichtigen Voraussetzungen für die Romananalyse eingeführt worden sind, wird im fünften Kapitel die Analyse der italienischen und anschließend der deutschen Romane dargestellt. Als erstes erfolgt die Faschismusdarstellung, anhand derer Faschismusdeutungen und Geschichtsbilder herausgearbeitet ← 20 | 21 → werden. Als nächstes wird dann das Figureninventar der Romane untersucht, unter besonderer Berücksichtigung der Darstellung der Faschisten und der negativen Figuren, die vom Faschismus geprägt sind, wie beispielsweise Mitläufer und Opportunisten. Bemerkenswert ist, dass in allen Romanen Figuren herausstechen, die sich von den übrigen durch ihr Anderssein unterscheiden. Das Anderssein ist durch eine Krankheit deutlich markiert, die im direkten Gegensatz zu einem im faschistischen Regime als normal empfundenen oder sogar propagierten Zustand steht. Die Figuren, die durch ihr Anderssein charakterisiert sind, treten als Individuen auf und heben sich von der konformen Masse ab. Das Anderssein steht somit in direktem Gegensatz zur faschistischen Konformität. Dem Anderssein fällt die bedeutsame Funktion zu, die gesellschaftlichen Umstände während des Faschismus zu demaskieren, die dadurch auf indirekte Weise kritisch betrachtet werden können. Anders gesagt: das Anderssein hat die Funktion, den moralischen Verfall der Gesellschaft zu entlarven und somit Faschismuskritik zu üben. Dies erweist sich als plausibel, wenn in Betracht gezogen wird, dass die 1950er Jahre keinen allzu großen zeitlichen Abstand zu dem Regime boten, und daher eine offene Kritik schwierig war. Anschließend wird im letzten Kapitel anhand der Romananalyse untersucht, ob die italienischen Romane, genauso wie die deutschen, literarische Aufarbeitung geleistet haben.

1.3 Auswahl der Romane

In Bezug auf die Auswahl der Romane wird eine Eingrenzung sowohl in der italienischen als auch in der deutschen Literatur vorgenommen. Bei der Analyse der italienischen Romane werden diejenigen aus Südtirol nicht in Betracht gezogen, da diese Region aus mehreren Gründen einen Sonderstatus besitzt: Zum einen gab es in der Region deutschsprachige sowie italienischsprachige Bevölkerung mit verschiedenen Kulturen; zum anderen gab es die ʹOption 1939ʹ, bei der die deutschsprachigen Südtiroler wählen konnten, ob sie ins ʹDritte Reichʹ auswandern wollten. Dadurch gab es keine klare Einteilung zwischen Faschisten/Antifaschisten beziehungsweise Nazisten/Antinazisten und es ergab sich ein sehr komplexes Bild, das sich auch in der Erinnerung an die Vergangenheit widerspiegelt und nicht mit dem italienischen übereinstimmt.48 Südtirol ist ← 21 | 22 → somit als Sonderfall zu betrachten und benötigt eine eigene Untersuchung, auf die in dieser Arbeit nicht eingegangen wird.

Die deutsche Analyse hingegen bezieht sich nur auf die westdeutsche Literatur.49 Dies lässt sich mit dem großen Aufarbeitungsunterschied zwischen West- und Ostdeutschland rechtfertigen.50 In der Wissenschaft wird aufgrund zahlreicher vergleichender Untersuchungen häufig von „doppelter Vergangenheit“ gesprochen.51 Außerdem „blieb für die Literatur in der Bundesrepublik die erst sich entwickelnde Literatur der DDR fast ganz außer Betracht und ohne Bedeutung“.52

Eine Zusammenfassung der Handlungen der ausgewählten Romane ist im Anhang zu finden.

1.3.1 Auswahl der italienischen Romane

Für die vorliegende Arbeit wurden fünf in der Nachkriegszeit (1945-1960) entstandene Romane ausgewählt: Alberto Moravias Il conformista (1951), Corrado Alvaros Tutto è accaduto (1961, postum),53 Vitaliano Brancatis Il bell’Antonio ← 22 | 23 → (1949), Carlo Emilio Gaddas Quer pasticciaccio brutto de via Merulana (1957) und Vasco Pratolinis Lo scialo (1960). In diesen Romanen geht es vordergründig um die Darstellung des faschistischen Regimes, insbesondere um die menschliche Erfahrung in der Diktatur. Diese Romane könnten unter dem Forschungsbegriff ʹFaschismusliteraturʹ eingeordnet werden. Allerdings fehlt in der Forschung ein solcher Begriff, da der Fokus vielmehr auf anderen Aspekten lag. Auch für die meisten Schriftsteller stand nicht das Ventennio im Vordergrund, sondern der Krieg und die Resistenza-Erfahrung. Asor Rosa betont die „eccezionale estensione“ der literarischen Produktion in Bezug auf Krieg und Resistenza, zum einen aufgrund der traumatischen Erfahrung, die in einer Form aufgearbeitet werden sollte, zum anderen, weil eine neue Generation junger Autoren zur Feder griff, deren Jugend von diesen Kriegserfahrungen geprägt war.54 Aus diesem Grund gibt es zwar eine Kriegsliteratur55 und eine Resistenza-Literatur,56 während der Begriff ʹFaschismusliteraturʹ ausbleibt. ← 23 | 24 →

Im Folgenden wird auf die einzelnen Romane eingegangen und erläutert, inwieweit der Faschismus als Thema in diesen Romanen vorkommt und welche anderen Aspekte dazu geführt haben, dass sie Gegenstand dieser Analyse geworden sind.

Moravia: Il conformista (1951)

Im Roman Il conformista geht es vordergründig um die Beziehung zwischen dem Individuum und der faschistischen Ideologie.57 Die leere Suche des Protagonisten Marcello nach Normalität, die den Motor der Erzählung darstellt, bleibt erfolglos. Denn die Botschaft dieses Romans ist offensichtlich: „impossibile normalità al di fuori dell’accettarsi così come ognuno è“.58 Marcello lernt erst am Ende des Romans, sich selbst zu akzeptieren wie er ist, als Individuum. Die eigene Individualität zu behaupten in der faschistischen Massengesellschaft erweist sich im Roman als schwierige Aufgabe.

Details

Seiten
298
ISBN (ePUB)
9783631702468
ISBN (PDF)
9783653072181
ISBN (MOBI)
9783631702475
ISBN (Hardcover)
9783631677209
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (November)
Schlagworte
Günter Grass Faschismuskritik Vergleich Faschismusdarstellung Interdisziplinarität Moravia
Erschienen
Frankfurt am Main, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2016. 298 S.

Biographische Angaben

Marta Chiarinotti (Autor:in)

Marta Chiarinotti wurde an der Universität zu Kiel promoviert. Zuvor studierte sie Kultur- und Sprachvermittlung (Deutsch/Englisch) an der Universität Mailand und Italienische und Spanische Philologie sowie Politikwissenschaft in Kiel.

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