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Wirklichkeit und Fremdheit in Erzähltexten des deutschen Realismus

von Aihong Jiang (Band-Herausgeber:in) Uwe Japp (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 176 Seiten

Zusammenfassung

Die Beiträge dieses Buches untersuchen die Darstellung von «Wirklichkeit und Fremdheit» in Erzähltexten des deutschen Realismus. Im Hinblick auf diese Relation analysieren die Beiträger unter anderem Werke von Friedrich Hebbel, Gottfried Keller und Theodor Storm. Methodisch bilden die Beiträge ein weites Spektrum von hermeneutischen, sozialgeschichtlichen und narratologischen Ansätzen ab. Der Tagungsband berücksichtigt auch Ergebnisse der Alteritäts- und Genderforschung. Dieses Buch dokumentiert die Resultate einer in Beijing durchgeführten Tagung, an der chinesische und deutsche GermanistInnen beteiligt waren.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Potz Tausend, Novelle! Die Chemie der Fremden in Friedrich Hebbels Barbier Zitterlein (Albert Meier)
  • Brigittas gender trouble: Vom Sonderling zur Heldin. Zu Adalbert Stifters Brigitta (Pei Zhang)
  • Das idealisierte Fremde in Paul Heyses Novellen (Li Jiang)
  • Außenseiter in Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe (Aihong Jiang)
  • Das Fremde in Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe (Wenjie Liu)
  • Die Faszination des Fremden in Werken Theodor Storms (Auf der Universität, Von Jenseit des Meeres, Draußen im Heidedorf ) (Uwe Japp)
  • Verwilderter Realismus nach der Reichsgründung. Fremdheit als das ‚interne Andere‘ beim mittleren Raabe: Zum wilden Mann (Stefan Scherer)
  • Fremdheit in der Zeit. Historisches Erzählen als Inszenierung vertikaler Alterität (Felix Dahn, Theodor Storm) (Christoph Deupmann)
  • Wie sich Fremdes in eine bürgerliche Ehe integrieren lässt und dabei realistische Darstellungsstrategien auf die Probe gestellt werden: Zu Friedrich Spielhagens Das Skelet im Hause. Novelle (1878) (Madleen Podewski)
  • Die verführende Fremdheit. Ein Versuch über Fontanes Gesellschaftsroman L’Adultera (Mu Gu)
  • Vom Rand ins Zentrum. Ein Versuch über den Aufstieg des Gemeindekindes (Marie von Ebner-Eschenbach) (Yanhui Wang)
  • Die Zwiespältigkeit eines Doppelgängers (Theodor Storm) (Yan Zhang)
  • Wirklichkeit und Fremdheit in den Romanen Irrungen, Wirrungen und Stine von Theodor Fontane (Leilian Zhao)
  • Auswahlbibliographie
  • Die Beiträgerinnen und Beiträger
  • Namenregister
  • Werkregister

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Vorwort

Die Literatur des deutschsprachigen Realismus wird von der Literaturgeschichtsschreibung auf die Zeit von 1848 bis 1890 datiert.1 Gelegentlich wird der Zeitraum noch weiter gefasst.2 Inhaltlich wird in der Forschung zwischen poetischem und bürgerlichem Realismus unterschieden. Hierbei handelt es sich jedoch vorwiegend um differente Perspektivierungen derselben Sache. Letztlich exponiert der Realismus sowohl die poetische Funktion als auch die bürgerliche Emanzipation. Literaturgeschichtlich grenzt sich der Realismus am deutlichsten von dem (auf ihn folgenden) Naturalismus ab.

Der deutschsprachige Realismus intendiert die Darstellung der Wirklichkeit mit poetischen Mitteln, allerdings nicht die Wiedergabe des nur Alltäglichen oder des eminent Hässlichen. Hier besteht vielmehr eine poetologische Grenze, die erst im späten Realismus (z.B. bei Storm) tentativ überschritten wird. Das Interesse an der Darstellung des Wirklichen wird insbesondere von Fontane in immer neuen Anläufen exponiert. So konstatiert Fontane in seinem Aufsatz „Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848“, der Realismus in der Kunst sei so alt wie die Kunst, ja er sei die Kunst.3 An anderer Stelle heißt es über den Realismus, er sei „die Widerspiegelung alles wirklichen Lebens“,4 wobei sich allerdings die Frage stellt, wie der Unterschied zwischen dem wirklichen und dem unwirklichen Leben vorzustellen ist. Überraschend hieran ist nicht die forcierte Darlegung der realistischen Intention, sondern die Überzeugung von der Möglichkeit ihrer Umsetzung. Schon die Tatsache, dass die Erzähler des Realismus auch historische Erzählungen und Romane geschrieben haben (z.B. Aquis submersus oder Grete Minde), müsste doch dazu führen, den repetitiv geäußerten Wirklichkeits-Optimismus einer skeptischen Beurteilung auszusetzen, ganz zu schweigen von erkenntnistheoretischen Einwänden, die hier ebenfalls geltend zu machen wären.5 ← 7 | 8 →

Nun kam es dem programmatischen Realismus gerade nicht darauf an, eine bloße Wiedergabe des Wirklichen zu vollbringen. Vielmehr sollte das Wirkliche zugleich (oder vor allem) als Kunst erfahrbar werden. Das Mittel zu einer solchen poetischen Transformation war, wie wiederum Fontane betont hat, die „Verklärung“, ohne die große Kunst nicht vorstellbar sei.6 In der zeitgenössischen Diskussion diente besonders das neue Medium der Photographie zur Explikation der hierbei zugrunde liegenden Auffassung, indem insinuiert wurde, das Resultat der Photographie und verwandter Techniken sei bloße Wiedergabe (Reproduktion), während die Leistung der Literatur darin bestehe, die Erfahrung der Wirklichkeit in ein Werk der Kunst (eine Hervorbringung) zu verwandeln.7 Diese Implikation des programmatischen Realismus ist häufig beobachtet worden und steht deshalb hier nicht im Zentrum des Interesses.

Eine andere Implikation des Realismus exponiert nicht die Verklärung, sondern die Fremdheit der erfahrenen und dargestellten Wirklichkeit. Nicht die Produktion des schönen Scheins steht im Vordergrund, sondern die Aufmerksamkeit auf das Problematische des Realen, das als „fremd“ erfahren wird. Während der programmatische Realismus die Ergreifung der Wirklichkeit im Medium der Kunst deklariert, zeigen die Texte, dass die Wirklichkeit (von Fall zu Fall) fremd erscheint, indem das Andere im Eigenen bzw. die Differenz in der Identität auffällig wird. Dabei kann die Fremdheit, die in die Wirklichkeitsdarstellungen des Realismus eingelagert ist, sehr verschiedene Inhalte und Formen annehmen. Sie kann politischer, sozialer oder nationaler Natur sein. Sie kann den Exotismus oder Orientalismus kolonialer Konstellationen betreffen. Oder sie kann in der Gestalt des Außenseiters in die realistische Erzählanordnung eindringen (z.B. in Storms Ein Doppelgänger oder in Kellers Pankraz, der Schmoller). Es ist die Absicht des vorliegenden Bandes, einen Einblick in die Vielfalt solcher Evokationen der Fremdheit im Rahmen realistischer Schreibweisen zu geben.

Zu berücksichtigen sind dabei auch die Insertionen des Phantastischen, die von der realistischen Programmatik eigentlich ausgeschlossen sind, die aber gleichwohl in zahlreichen Texten eine Rolle spielen (z.B. in Fontanes Stechlin oder in Storms Der Schimmelreiter und auch in Auf der Universität).8 Wollte man eine ← 8 | 9 → Chiffre für den gemeinten Zusammenhang benennen, so böte sich der Chinese in Fontanes Effi Briest an, der noch als Toter es vermag, die Wirklichkeitswahrnehmung der Protagonisten zu destabilisieren.

Die genannte Konstellation qualifiziert sich u.E. zu einem germanistischen Forschungsprojekt. Seit den siebziger Jahren hat sich allerdings im Zusammenhang der Kulturwissenschaften eine Spezialdisziplin herausgebildet, die sich in einem ebenso allgemeinen wie ausgreifenden Sinn der Erforschung von Andersheit und Fremdheit unter dem Titel der „Alterität“ (und gelegentlich auch der „Alienität“) widmet.9 Zwar sind die Gegenstände dieser Spezialdisziplin von den hier verfolgten Relationen durchaus verschieden, es lassen sich gleichwohl methodische Anknüpfungen plausibel machen, so dass eine Kooperation von Hermeneutik, Sozialgeschichte, Narratologie und Alteritätsforschung vorstellbar ist.

Die Beiträge des vorliegenden Bandes gehen auf eine Tagung zurück, die im September 2016 in Beijing durchgeführt wurde. Die Organisation und die Leitung lag bei den beiden Herausgebern. Eingebunden war die Tagung in die Tätigkeit des 2010 von den germanistischen Abteilungen des BIT (Beijing Institute of Technology) und des KIT (Karlsruher Institut für Technologie) gegründeten Joint Research Center for German Culture and Language.10

Die Herausgeber danken den Teilnehmern, die zum Gelingen der Tagung beigetragen haben, ebenfalls den Institutionen, die die Publikation des vorliegenden Bandes ermöglicht haben. Für die Redaktion des Bandes danken wir Christoph Deupmann.

Aihong Jiang, Beijing
Januar 2017

Uwe Japp, Karlsruhe
Januar 2017


1 Vgl. McInnes, Edward/Plumpe, Gerhard (Hg.): Bürgerlicher Realismus und Gründerzeit. 1848–1890, München/Wien 1996.

2 Vgl. Becker, Sabina: Bürgerlicher Realismus. Literatur und Kultur im bürgerlichen Zeitalter. 1848–1900, Tübingen und Basel 2003. – Einzelheiten zur Periodisierung bei: Aust, Hugo: Realismus, Stuttgart/Weimar 2006, S. 6ff.

3 Fontane, Theodor: Unsere lyrische und epische Kunst seit 1848, in: Theorie des bürgerlichen Realismus, hg. von Gerhard Plumpe, Stuttgart 1985, S. 140–148, hier S. 142 (wiedergegeben unter dem Titel „Realismus“).

4 Ebd., S. 147.

5 Vgl. neuerdings Gabriel, Markus (Hg): Der Neue Realismus, Berlin 2014.

6 Hierzu Sprengel, Peter: Geschichte der deutschsprachigen Literatur. 1870–1900. Von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende, München 1998, S. 99–102.

7 Vgl. Becker, Sabina: Literatur im Jahrhundert des Auges. Realismus und Fotografie im bürgerlichen Zeitalter, München 2010.

8 Vgl. insgesamt Uwe Durst: Das begrenzte Wunderbare. Zur Theorie wunderbarer Episoden in realistischen Erzähltexten und in Texten des „Magischen Realismus“, Berlin 2008.

9 Vgl. Kostka, Alexandre/Schmidt, Sarah: Alteritätsforschung/Interkulturalitätsforschung, in: Methodengeschichte der Germanistik, hg. von. Jost Schneider, Berlin/New York 2009, S. 33–70. Ferner: Schäffter, Ortfried (Hg.): Das Fremde. Erfahrungsmöglichkeiten zwischen Faszination und Bedrohung, Opladen 1991.

10 Vgl. auch: Japp, Uwe/Jiang, Aihong (Hg.): China in der deutschen Literatur. 1827–1988, Frankfurt am Main 2012.

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Biographische Angaben

Aihong Jiang (Band-Herausgeber:in) Uwe Japp (Band-Herausgeber:in)

Aihong Jiang ist Professorin an der Deutschen Abteilung des Beijing Institute of Technology (BIT). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Weimarer Klassik, Romantik, Realismus im 19. Jahrhundert und Lyrik des Expressionismus. Uwe Japp ist Professor für Neuere deutsche und allgemeine Literaturwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Hermeneutik, Literaturgeschichtsschreibung, Theorie der Ironie, Klassik, Romantik, Realismus, Moderne und Methoden der Literaturwissenschaft.

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Titel: Wirklichkeit und Fremdheit in Erzähltexten des deutschen Realismus