Diskurslinguistische Perspektiven auf Soziale Repräsentationen
Kognitiv-semantische Untersuchungen von Vorstellungsfeldern zur Straßburger Neustadt
Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Copyright
- Autorenangaben
- Über das Buch
- Zitierfähigkeit des eBooks
- Inhalt
- 1 Einleitung
- 1.1 Eingrenzung und Zielsetzung
- 1.2 Aufbau
- 1.3 Terminologie und allgemeine Erklärungen
- 2 Die Straßburger Neustadt: Entstehung, Rezeption, Wiederentdeckung
- 2.1 Die Stadtentwicklung Straßburgs im Überblick
- 2.1.1 Von der Gründung Straßburgs bis zum Deutsch-Französischen Krieg (1870/71)
- 2.1.2 Architektur und Stadtplanung im deutschen Kaiserreich
- 2.1.3 Die Erbauung der Neustadt
- 2.2 Wahrnehmung des architektonisch-stadtplanerischen Erbes aus der deutschen Kaiserzeit
- 2.2.1 Stadtplanerischer Umgang mit dem ‚deutschen’ Erbe in Straßburg nach 1918
- 2.2.2 Beschreibungsmuster und Darstellungen der Neustadt in Publikationen
- 2.3 Wiederentdeckung und Aufwertung der Neustadt
- 2.3.1 De la Grande-Île à la Neustadt: Die UNESCO-Welterbe-Bewerbung
- 2.3.2 Neudefinition der Topographie der Neustadt durch die städtischen Institutionen
- 2.3.3 Medialisierung der Neustadt
- 2.4 Vorstudie zur Raum- und Architekturwahrnehmung in der Straßburger Neustadt
- 2.4.1 Forschungskontext
- 2.4.2 Problematik und Forschungsziele
- 2.4.3 Passantenbefragungen
- 2.4.4 Forschungsergebnisse
- 3 Soziale Repräsentationen
- 3.1 Ursprünge, Konzepte und Verbreitung der Theorie der sozialen Repräsentationen
- 3.1.1 Grundzüge und Entwicklung der Theorie
- 3.1.2 Untersuchungsfelder und Forschungsstand
- 3.2 Strukturell-kognitive Konzepte und Verfahren zur Erfassung sozialer Repräsentationen
- 3.2.1 La théorie du noyau central
- 3.2.2 L’hypothèse de la zone muette
- 4 Soziale Repräsentationen im interdisziplinären Forschungsfeld
- 4.1 Thematische und theoretische Anknüpfungspunkte: Sprache, (urbaner) Raum, Repräsentationen
- 4.2 Soziale Repräsentationen und Diskursanalyse
- 4.3 Quantitative und qualitative Forschungsperspektiven
- 5 Diskurslinguistische Ansätze zur Erfassung sozialer Repräsentationen
- 5.1 Perspektiven der Diskursanalyse
- 5.2 Kognitive Diskurssemantik
- 5.3 Zum Diskursbegriff
- 5.4 Frame-Semantik
- 5.5 Semantische Frames und soziale Repräsentationen
- 6 Methoden zur diskurslinguistischen Erfassung sozialer Repräsentationen
- 6.1 Quantitative und qualitative Analyseverfahren
- 6.1.1 Frequenzanalysen
- 6.1.2 Kollokationsanalysen
- 6.1.3 Konkordanzanalysen
- 6.1.4 Prädikationsanalysen und semantische Relationen
- 6.2 Softwareprogramme
- 6.2.1 Iramuteq – Interface de R pour les Analyses Multidimensionnelles de Textes et de Questionnaires
- 6.2.2 Sketch Engine
- 7 Forschungsziele und Analyseraster
- 7.1 Forschungsziele
- 7.2 Analyseraster
- 8 Korpuserstellung – Fragebogenkorpus
- 8.1 Quantitativer Untersuchungsansatz für die empirische Datenerhebung
- 8.1.1 Einsatz von Fragebögen im Rahmen der Rendez-Vous de la Neustadt
- 8.1.2 Konzeption des Fragebogens
- 8.1.3 Datenerhebung
- 8.2 Beschreibung und Darstellung (Auszüge) des Fragebogenkorpus
- 8.2.1 Stichprobe
- 8.2.2 Rohdaten
- 9 Untersuchung des Fragebogenkorpus
- 9.1 Wortassoziationen
- 9.1.1 Frequenzanalyse
- 9.1.2 Prototypenanalyse
- 9.1.3 Kookkurrenzanalyse
- 9.1.4 Thematische Analyse
- 9.1.5 Zusammenfassende Perspektiven auf den qualitativen Untersuchungsansatz
- 9.2 Räumliche Repräsentationen
- 9.2.1 Analyseraster zur Untersuchung der räumlichen Repräsentationen
- 9.2.2 Frequenzanalyse
- 9.2.3 Zusammenfassende Perspektiven auf den qualitativen Untersuchungsansatz
- 9.3 Beschreibungen der Neustadt
- 9.3.1 Frequenzanalyse
- 9.3.2 Kookkurrenzanalyse
- 9.3.3 Konkordanzanalyse
- 9.3.4 Zusammenfassende Perspektiven auf den qualitativen Untersuchungsansatz
- 10 Korpuserstellung – Interviewkorpus
- 10.1 Qualitativer Untersuchungsansatz für die empirische Datenerhebung
- 10.1.1 Einsatz von Leitfadeninterviews zur Befragung von ‚Experten’
- 10.1.2 Konzeption des semi-direktiven Leitfadeninterviews
- 10.1.3 Datenerhebung
- 10.2 Beschreibung des Interviewkorpus
- 10.2.1 Stichprobe und Profile
- 10.2.2 Allgemeine Charakteristika des transkribierten Interviewkorpus
- 11 Oberflächenstrukturen des Textkorpus: Regelmäßigkeiten im Diskurs
- 11.1 Frequenzanalyse: Vermessung des Wortschatzes im Diskurs
- 11.1.1 Häufigkeitsverteilungen lexikalischer Einheiten (Interviewkorpus)
- 11.1.2 Quantifizierende Gegenüberstellung: Fragebogenkorpus – Interviewkorpus
- 11.2 Kollokationsanalyse
- 11.2.1 Kollokationsprofile diskursiv zentraler Ausdrücke (Interviewkorpus)
- 11.2.2 Quantifizierende Gegenüberstellung: Fragebogenkorpus – Interviewkorpus
- 11.3 Diskursive Fundamente
- 11.3.1 Thematisch-assoziative Referenzpunkte
- 11.3.2 Festlegung der Schlüsselwörter
- 11.4 Zusammenfassung der Ergebnisse
- 12 Tiefenstrukturen des Neustadt-Diskurses: Frames als Repräsentationsformate
- 12.1 Diskursanalytische Untersuchungen von Frames: Theorie und Methode
- 12.2 Analysen diskursbestimmender Frame-Strukturen
- 12.2.1 Neustadt
- 12.2.2 Patrimoine
- 12.2.3 Histoire
- 12.2.4 Architecture
- 12.2.5 Allemagne / les Allemands
- 13 Semantische Frames zur diskursiven Erfassung sozialer Repräsentationen: Vorstellungsfelder zur Straßburger Neustadt
- 13.1 Internes Strukturgefüge und semantisches Potenzial der sozialen Repräsentationen
- 13.2 Diskursive Distribution der sozialen Repräsentationen
- 13.3 Dynamische Prozesse im Repräsentationsgefüge
- 13.4 Tiefendiskursive Vernetzungsgeflechte
- 14 Perspektivischer Ausblick
- Bibliographie
- Tabellenverzeichnis
- Abbildungsverzeichnis
- Anhang
- Anhang 1: Veranstaltungsprogramm der Rendez-Vous de la Neustadt 2014
- Anhang 2: Fragebogen
- Anhang 3: Informationsblatt: La Neustadt vue par le grand public (Dahm/Reibel-Blanc) [25.5.2015]
- Anhang 4: Frequenzliste der Wortassoziationen zur ‚Neustadt’ - ungeachtet ihrer Rangfolge (Fragebogenkorpus)
- Anhang 5: Interviewleitfaden
- Anhang 6: Frame-Struktur: Neustadt
- Anhang 7: Frame-Struktur: patrimoine
- Anhang 8: Frame-Struktur: histoire
- Anhang 9: Frame-Struktur: architecture
- Anhang 10: Frame-Struktur: Allemagne
- Anhang 11: Frame-Struktur: (les) Allemands
- Anhang 12: Zeichnung (1) Tristan
- Anhang 13: Zeichnung (2) Franck
- Anhang 14: Zeichnung (3) Karin
- Anhang 15: Zeichnung (4) Paul
- Anhang 16: Zeichnung (5) Maria
- Anhang 17: Zeichnung (6) Adriana
- Anhang 18: Zeichnung (7) Eva
- Anhang 19: Zeichnung (8) Agate
- Anhang 20: Zeichnung (9) Daniela
- Anhang 21: Zeichnung (10) Martin
- Anhang 22: Zeichnung (11) Valerie
- Anhang 23: Zeichnung (12) Georg
- Anhang 24: Zeichnung (13) Laura
- Anhang 25: Zeichnung (14) Karl
- Anhang 26: Zeichnung (15) Florentine
- Anhang 27: Analyse Factorielle des Correspondances (Interviewkorpus)
- Anhang 28: Analyse de Similitude (Interviewkorpus)
- Anhang 29: Classification Hiérarchique Descendante (Interviewkorpus)
- Reihenübersicht
Johannes Dahm
Diskurslinguistische
Perspektiven auf Soziale
Repräsentationen
Kognitiv-semantische Untersuchungen von
Vorstellungsfeldern zur Straßburger Neustadt
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Zugl.: Karlsruhe, Pädagogische Hochschule, Diss., 2016
Die vorliegende Arbeit wurde im Rahmen eines Cotutelle-Verfahrens
zwischen der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und der Université
de Strasbourg 2016 zur Dissertation angenommen.
751
ISBN 978-3-631-74703-2 (Print)
E-ISBN 978-3-631-74751-3 (E-PDF)
E-ISBN 978-3-631-74752-0 (EPUB)
E-ISBN 978-3-631-74753-7 (MOBI)
DOI 10.3726/b13386
© Peter Lang GmbH
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Berlin 2018
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Diese Publikation wurde begutachtet.
Autorenangaben
Johannes Dahm lehrt als Hochschuldozent (Maître de conférences) Deutsche Landeskunde und Linguistik an der Universität Nantes in Frankreich. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen der Diskurs- und Korpuslinguistik; Schwerpunkte richten sich auf interdisziplinär ausgerichtete Untersuchungsansätze.
Über das Buch
Im ausgehenden 19. Jahrhundert entstand in Straßburg unter deutscher Verwaltung ein Gründerzeitviertel, das bis heute gut erhalten geblieben ist und im Jahr 2017 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Der Autor untersucht die Wahrnehmung des ‚deutschen‘ Viertels durch die ansässige Bevölkerung zu einem Zeitpunkt, an dem das für jahrzehntelang unbeachtete Bauensemble im lokalen Diskurs plötzlich wiederentdeckt und neu verhandelt wird. Anhand von erhobenen Korpora (Fragebögen und Interviews) und vor dem Hintergrund der Theorie der Sozialen Repräsentationen nutzt die interdisziplinäre Forschungsarbeit das Potenzial eines framebasierten, diskurssemantisch informierten Untersuchungsansatzes für die kognitionslinguistische Erforschung gesellschaftlicher Wissenssysteme. Hierfür greift der Autor auf lexikometrische Verfahren zurück.
Zitierfähigkeit des eBooks
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2 Die Straßburger Neustadt: Entstehung, Rezeption, Wiederentdeckung
Das folgende Kapitel beleuchtet das Untersuchungs- und Repräsentationsobjekt ‚Neustadt‘. Zuerst werden die entscheidenden Entwicklungsphasen der Stadt Straßburgs (bis 1870/71), Perspektiven der Architektur und Stadtplanung zur Zeit des deutschen Kaiserreichs (1871–1918) und der Erbauungskontext der gründerzeitlichen Stadterweiterung dargestellt. Eine historische Untersuchung dieser Zusammenhänge ist für die Analyse der Korpora und die Interpretation der Befunde im empirischen Teil der Arbeit unabdingbar. Neben den sichtbaren und ästhetischen Kriterien bei der Rezeption der vermeintlich7 ‚deutschen‘ Architektur beeinflussen nämlich auch die im kollektiven Gedächtnis verankerten Repräsentationen über kulturhistorische Zusammenhänge (z. B. das Wissen und die Vorstellungen über den Erbauungskontext der Neustadt oder die kulturelle Verflechtung des Elsass mit Deutschland) die Wahrnehmung der Straßburger Neustadt. Anschließend werden die Rezeption und der Umgang mit dem ‚deutschen‘ architektonischen Erbe in Straßburg (vor allem nach 1918) anhand von zwei Punkten beispielhaft untersucht: (1) Stadtplanung und (2) Beschreibungsmuster sowie Darstellungen der Neustadt in Aufsätzen, Monographien und Sammelbänden (u. a. zur Stadt- und zur Kunstgeschichte). Danach behandelt das Kapitel die aktuelle Wiederentdeckung des ‚kaiserlichen’ Straßburgs. Einer Betrachtung des Projekts der UNESCO-Welterbe-Bewerbung der Stadt und der damit einhergehenden Neudefinition der Topographie des städtischen Raums in der elsässischen Metropole folgen zuletzt Erläuterungen zur medialen Aufwertung der Neustadt. Das Kapitel schließt mit einer Übersicht über die wichtigsten Perspektiven und Forschungsimpulse der Vorstudie.
2.1 Die Stadtentwicklung Straßburgs im Überblick
In diesem Kapitel werden nach einer Darstellung der Stadtentwicklung Straßburgs bis zum Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) architektonische und stadtplanerische Impulse aus dem deutschen Kaiserreich beleuchtet. Anschließend wird der Erbauungskontext der Straßburger Neustadt untersucht.←25 | 26→
2.1.1 Von der Gründung Straßburgs bis zum Deutsch-Französischen Krieg (1870/71)
Die geographische Lage Straßburgs war für die Entwicklung der Stadt mitentscheidend. Schon während der neolithischen Epoche im sechsten Jahrtausend vor Christus gab es einen kulturellen Austausch zwischen dem Elsass und dem Bodenseeraum im Süden, sowie dem Rhein-Main-Gebiet im Norden. Als Schnittstelle zwischen dem romanischen und dem germanischen Kulturraum spielte die Rheinebene zwischen Vogesen und Schwarzwald stets eine wichtige Rolle als strategischer Knotenpunkt in Zentraleuropa (Kraft 2002: 11–12).
Gegen Ende des vierten Jahrhunderts wurde Argentoratum8 (Straßburg) zu einem der wichtigsten Legionsstandorte9 des Römischen Reichs in der Provinz Germania Superior ausgebaut, um die Außengrenze zum Rhein gegen feindliche Stämme zu verteidigen (Vogler 2002: 5). Das Lager der achten römischen Legion „lässt sich mit Umfassungsmauern und Straßenkreuz (Münstergasse und Spieß-/Judengasse) [rue du Dôme/rue des Juifs] noch heute im Stadtplan ablesen“ (Stupperich 2002: 23). Auch in der Römerstraße (Route des Romains) im westlichen Stadtteil Koenigshoffen wurden archäologische Überreste aus der römischen Zeit gefunden.
Bis 406 war das Elsass Teil des Römischen Kaiserreichs (Borries v. 1894: 74). Nach Eroberungen durch Hunnen, Alamannen und Franken – ab 740 geriet die Stadt unter karolingische Herrschaft – wurde Straßburg 962 in das Heilige Römische Reich deutscher Nation eingegliedert und 1262 zur freien Reichsstadt ernannt. Ein Ammeister und vier Stettmeister bildeten den Magistrat und regierten die Stadt. Ihr Sitz befand sich in der (im 18. Jahrhundert zerstörten) Pfalz am heutigen place Gutenberg (Vogler 2002: 6).
Die Errichtung von Kirchenbauten in Straßburg im romanischen Stil im elften und zwölften Jahrhundert ist vor allem auf den Einfluss der Bischöfe zurückzuführen (Borries v. 1894: 78–79). Bischof Wernher I. (1002–1027) veranlasste 1015 die Konstruktion eines Sakralbaus, ein Vorgängerbau des Straßburger Münsters. Bischof „Wilhelm I (1028–1047) […] weihte 1031 einen Neubau von St. Thomas“ (Borries←26 | 27→ v. 1894: 79). Mit St. Andreas, St. Martin, St. Katharinen, Alt St. Peter und St. Nikolas entstanden im zwölften Jahrhundert weitere Kirchengebäude in der Stadt (Borries v. 1894: 86).
Im Zuge der Urbanisierung im 13. Jahrhundert wurden im Elsass mehr als 30 Städte gegründet. Die Region wuchs im Spätmittelalter (13. – 15. Jhdt.) zu einem wichtigen Zentrum gotischer Baukunst. In dieser Epoche (1439) wurde das Straßburger Münster10 fertiggestellt (Vogler 2002: 15). Straßburg entwickelte sich zu einem wirtschaftlichen Knotenpunkt in der Rheinebene. Handel wurde vor allem mit Wein und Getreide betrieben. Um 1500 zählte die elsässische Metropole – als viertgrößte Stadt des Reichs – ungefähr 20 000 Einwohner (Vogler 2002: 14).
Im 15. Jahrhundert war Straßburg – Johannes Gutenberg arbeitete 10 Jahre in der Stadt – eine der wichtigsten Städte des Buchdrucks, was im frühen 16. Jahrhundert maßgeblich zur Verbreitung humanistischer und reformistischer Ideen beitrug. Die Stadt wurde zu einem Zentrum der Reformation. 1524 wies der Stadtrat das Münster dem protestantischen Glauben zu. In dieser Zeit prägte die Errichtung von Profanbauten die Bautätigkeiten in Straßburg. Es wurde weniger im Stil der Gotik gebaut; die Renaissance-Architektur breitete sich im Stadtbild aus (Borries v. 1894: 111). Gebäude wie der ‚Neue Bau‘ (1585) am Gutenbergplatz (heute: hôtel du commerce, place Gutenberg), das Haus Kammerzell (1589) am Münsterplatz (heute: maison Kammerzell, place de la Cathédrale) oder das Frauenhaus (1571) am Schlossplatz (heute: Musée de l’Œuvre Notre-Dame, place du Château) stammen aus dieser Epoche.
1621 wurde in der elsässischen Hauptstadt die erste Universität gegründet. Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) eroberte Ludwig XIV. (1681) Straßburg. Als freie königliche Stadt konnte Straßburg seine privilegierten Handels- und Wirtschaftsbeziehungen mit dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation aufrechterhalten. Das Münster wurde katholisiert und der Bischof bezog seinen Sitz wieder in Straßburg. Die Stadt wurde zur Garnisonstadt an der östlichen Grenze des Königreichs Frankreichs ausgebaut.
Durch den Einfluss der ‚französischen‘ Architektur änderte sich das Stadtbild nachhaltig. „Die Errichtung von Befestigungsanlagen, Kasernen und der Zitadelle von Vauban am Stadtrand trugen um 1700 zu ersten wesentlichen Veränderungen der Stadtgestalt bei“ (Dahm 2015b: 503). Verteidigungsringe und Wassergräben←27 | 28→ sollten die Bewohner vor möglichen Angriffen schützen11. In der Bauphase bis 1750 – das Stadtzentrum rückte in den Mittelpunkt der Planungen – orientierten sich Architekten bei ihren Entwürfen an den sogenannten „Pariser Modellen“ (Steinhausen 2002: 22). Im Jahr 1742 wurde die Residenz der Fürstbischöfe, das palais Rohan12, nach den Plänen des Baumeisters Robert de Cotte erbaut, der als Premier architecte du roi die klassizistische Architektur in der elsässischen Hauptstadt in besonderem Maße prägte (Steinhausen 2002: 22).
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts versuchten „ortsansässige Bauleiter die Großvorhaben der Pariser Kollegen“ (Steinhausen 2002: 23) umzusetzen. Joseph Massol war einer der Architekten, die maßgeblich an der Einführung der aus Paris „importierten Repräsentationsarchitektur“ im klassizistischen Stil in Straßburg beteiligt waren (ebd.: 23). Bauten wie das Collège des Jésuites [1757] (heute: Lycée Fustel-de-Coulanges), das Grand Séminaire de Strasbourg [1768] (eine Institution zur Priesterausbildung), oder das Portal im Eingangsbereich des Hôtel de Klinglin [1747] (heute: Hôtel de préfecture d’Alsace et du Bas-Rhin) sind nach Plänen von Joseph Massol errichtet worden. 1767 wurde nach einem Entwurf von Jacques-François Blondel13 mit der Aubette ein emblematisches Militärgebäude am heutigen place Kléber fertiggestellt. Zusammen mit dem place Broglie (1740) – hier wurde nach Plänen des Architekten Jean Villot ein Theater (1804–1821) erbaut (heute: Opéra National du Rhin) – prägen diese Anlagen noch heute das Stadtbild14.←28 | 29→
Aufgrund der Verschiebung der Machtverhältnisse in Zentraleuropa nach dem Deutschen Krieg (1866) kam es zu politischen Spannungen, die 1870/71 im Deutsch-Französischen Krieg mündeten. Im August 1870 befand sich Straßburg im Belagerungszustand. Die Vororte Schiltigheim, Ruprechtsau und Königshofen wurden von deutschen Soldaten eingenommen. Die Stadt wurde stark beschossen (Herden 2007: 57). Viele Bauten wurden während der Bombardierungen beschädigt, darunter auch das Münster, das Kunstmuseum und die Stadtbibliothek, deren Bestände dabei größtenteils vernichtet wurden (Herden 2007: 69). Nach dem Deutsch-Französischen Krieg und mit der Unterzeichnung des Frankfurter Friedensvertrags am 10. Mai 1871 erkannte das französische Parlament die Abtrennung des Elsass und eines Teils Lothringens an. Die Gebiete wurden von der neuen Staatsmacht annektiert, Straßburg in das deutsche Kaiserreich eingegliedert.
Die knappe historische Verortung der entscheidenden Entwicklungsphasen der elsässischen Metropole ist für die empirische Untersuchung – die Untersuchungsteilnehmer/innen verweisen in den Interviews (nicht immer korrekt) auf vergangene Epochen – unabdingbar. Im Zuge der Datenanalyse wird berücksichtigt, ob und inwieweit sich die Kenntnisse (Grad der Informiertheit) über die geschichtlichen Zusammenhänge auf die heutigen Vorstellungsfelder zur Neustadt (und zur Kernstadt) und auf die Wahrnehmung des Stadtteils durch die Informanten auswirken.
2.1.2 Architektur und Stadtplanung im deutschen Kaiserreich
Die sich im Zuge der Gründung des Kaiserreichs (1871) etablierende architektonische Formensprache – innerhalb der deutschen Grenzen – wird heute als Gründerzeitarchitektur, wilhelminische Architektur oder Architektur des Historismus bezeichnet. Während die Ausdrücke Gründerzeit und Wilhelminismus unverkennbar auf das deutsche Kaiserreich verweisen, steht der Begriff des Historismus – wie Jaeger und Rüsen (1992: 75) betonen – für „eine gesamteuropäische Kulturerscheinung“15.
Ursprung und Auslöser des Phänomens Historismus war im 19. Jahrhundert das aufkommende Interesse für den „Prozeß der Verwissenschaftlichung des historischen Denkens“ (Jaeger/Rüsen 1992: 75). Bezüge zur Vergangenheit, in ihrem Spannungsverhältnis zur Gegenwart und zur Zukunft, wurden neu überdacht und rückten in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Diskussionen: „An die Stelle einer primär politischen Motivation ist die Rückbesinnung auf elementare Lebens←29 | 30→formen des sich (vergesellschaftenden) Individuums, seine Handlungs-, vor allem aber seine Deutungsmuster getreten“ (Heinssen 2003: 47–48). Die Entwicklung des Historismus in Europa vollzog sich nicht ausschließlich in der wissenschaftlichen Historiographie, sondern „auch in anderen kulturellen Bereichen […], vor allem in der bildenden Kunst, der Literatur und Architektur“ (Jaeger/Rüsen 1992: 75).
Nach dem Ausklingen der architektonischen Stilepoche des Rokoko gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwickelten sich in Zentraleuropa im 19. Jahrhundert kaum neue bzw. prägende Baustile. Architekten orientierten sich bei Planungen und Entwürfen vielmehr an älteren Formensprachen: Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Klassizismus…. Im Zuge der Neubelebung historischer Architektur – diese Phase wurde zunächst mit der Erneuerung des Stils der Gotik eingeläutet – entstanden die sogenannten Neo-Stile (z. B. Neo-Renaissance, Neoklassizismus…). Unterschiedliche architektonische Elemente wurden in den verschiedensten Spielarten – nicht unbedingt stilecht – in Entwürfen einzelner Gebäude miteinander verflochten. Diese vielfältige Formensprache ist charakteristisch für die architektonische Stilepoche des Historismus; sie wird auch unter dem (eher negativ konnotierten) Begriff des Eklektizismus zusammengefasst.
Nach der Gründung des Kaiserreichs (1871) griffen deutsche Architekten auf eklektische Architekturstile zurück, die vor allem in Grenzregionen – so auch im Elsass – die Zugehörigkeit von annektierten Herrschaftsgebieten zum deutschen Nationalstaat betonen und „die jahrhundertelange Prägung […] durch deutsche Kultur suggerieren“ (Grzeszczuk-Brendel 2004: 93) sollten. Die Frage nach einem deutschen ‚Nationalstil’16 – der sich aus dem Stilpluralismus herausbilden musste – wurde laut.
Nach Auffassung der Herrscherdynastie der Hohenzollern stand das deutsche Kaiserreich in der Tradition des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Visuelle Referenzen durch den Rückgriff auf die Stilepoche der Romanik und das Mittelalter sollten den Fortbestand dieses Erbes legitimieren […]“. (Dahm 2015b: 502).
Im Zuge der Bemühungen um die Festlegung auf einen Nationalstil standen in der Frühphase des Historismus im deutschen Kaiserreich jedoch zunächst die Stile der Gotik und der Renaissance zur Diskussion; und so erlebte erst „das Konzept einer ‚Deutschen Renaissance‘ als ‚Nationalstil‘ in den 1870er Jahren eine […] kurze Blüte […], weil der Renaissance-Stil in den 1880 Jahren […] wieder aus der Mode kam“ (Oexle 2007: 41).←30 | 31→
Details
- Seiten
- 498
- Erscheinungsjahr
- 2018
- ISBN (Hardcover)
- 9783631747032
- ISBN (PDF)
- 9783631747513
- ISBN (ePUB)
- 9783631747520
- ISBN (MOBI)
- 9783631747537
- DOI
- 10.3726/b13386
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2019 (April)
- Schlagworte
- Gründerzeitviertel (Straßburg) Frame-Semantik Diskurssemantik Korpuslinguistik Architekturwahrnehmung Empirische Sozialforschung
- Erschienen
- Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. 498 S., 1 farb. Abb., 11 s/w Abb., 39 Tab.
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