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Vornamen als Indikatoren gesellschaftlicher Entwicklungen

Nachgewiesen an einer Ahnenlinie vom 17. Jahrhundert bis 2018

von Inge Pohl (Autor:in)
Monographie 240 Seiten

Zusammenfassung

Mit dem Verständnis von Vornamengebung als eines sozialen Akts widmet sich die Studie Vornamen in einer im Jahr 2018 existenten Familie und deren Ahnenlinien bis ins 16./17. Jahrhundert zurück. Die Problematik besteht darin, dass sich das gesellschaftspolitische Determinationsgefüge der Ahnenfamilien um 1800 mit der Ansiedlung in einer deutschen Sprachinsel im polnischsprachigen Umfeld sowie im Jahr 1945 mit deren Auflösung grundlegend verändert hat. Im Rahmen einer soziolinguistisch orientierten Onomastik weist die Autorin diachron-synchron nach, dass in den gewählten Vornamen tradierte private Motivationen und die reaktive Kundgabe einer gesellschaftsbezogenen Meinung der Namengeber mitschwingen. Auf die diskontinuierliche gesellschaftspolitische Entwicklung reagieren die Sprachinselbewohner gegenläufig mit Sprachbewahrung, nicht mit erwartbaren qualitativen Wechseln der Vornamengebung.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Dank
  • Kurzformen und Zeichen
  • 1 Gegenstand, Ziele und Methoden der Untersuchung
  • 1.1 Problemsituierung und Untersuchungsgegenstand
  • 1.2 Zielsetzung
  • 1.3 Beschreibung des Datenmaterials und methodisches Vorgehen
  • 1.3.1 Datenmaterial
  • 1.3.2 Methodisches Vorgehen
  • 2 Determinationsgefüge der Untersuchung
  • 2.1 Untersuchungsrelevante Eigenschaften von Vornamen
  • 2.1.1 Vornamen als onomastisches Phänomen
  • 2.1.2 Zur Entwicklung der Vornamen im deutschsprachigen Mutterland
  • 2.1.3 Freie und gebundene Vornamengebung
  • 2.2 Das Dorf Hochweiler/Markowka als deutsche Sprachinsel
  • 2.3 Gesellschaftlich-historischer Hintergrund zum Analysematerial und soziale Charakterisierung der Vornamengeber
  • 2.3.1 Herkunft der Ahnenfamilien
  • 2.3.2 Siedlung in Südpreußen
  • 2.3.2.1 Historische Entstehung und Entwicklung der Region Südpreußen
  • 2.3.2.2 Gründung und Entwicklung der „Schwabensiedlung“ Hochweiler
  • 2.3.3 Evakuierung der Sprachinselbewohner in das Nachkriegsdeutschland
  • 3 Diachrone Analyse der Vornamen bei vier verschiedenen Familien innerhalb einer Ahnenlinie
  • 3.1 Vornamen bei Familie Wi mit dem Ausgangspunkt in Baden (in/um Mutschelbach)
  • 3.1.1 Materialgrundlage
  • 3.1.2 Vornamen bei Familie Wi in der I. Zeitspanne
  • 3.1.2.1 Pool der Vornamen und Anzahl der Namenträger
  • 3.1.2.2 Strukturelle Zusammensetzung des Gesamtbestandes an Vornamen bei Familie Wi in der I. Zeitspanne
  • 3.1.2.3 Pool der Einzel-Vornamen bei Familie Wi in der I. Zeitspanne
  • 3.1.2.4 Zu Motiven der Vornamengebung bei Familie Wi in der I. Zeitspanne
  • 3.1.2.5 Fazit zur Vornamengebung bei Familie Wi in der I. Zeitspanne
  • 3.1.3 Vornamen bei Familie Wi in der II. Zeitspanne
  • 3.1.3.1 Pool der Vornamen und Anzahl der Namenträger
  • 3.1.3.2 Strukturelle Zusammensetzung des Gesamtbestandes an Vornamen bei Familie Wi in der II. Zeitspanne
  • 3.1.3.3 Pool der Einzel-Vornamen bei Familie Wi in der II. Zeitspanne
  • 3.1.3.4 Zu Motiven der Vornamengebung bei Familie Wi in der II. Zeitspanne
  • 3.1.3.5 Fazit zur Vornamengebung bei Familie Wi in der II. Zeitspanne
  • 3.2 Vornamen bei Familie Ko mit dem Ausgangspunkt in Sachsen (in/um Großenstein)
  • 3.2.1 Materialgrundlage
  • 3.2.2 Vornamen bei Familie Ko in der I. Zeitspanne
  • 3.2.2.1 Pool der Vornamen und Anzahl der Namenträger
  • 3.2.2.2 Strukturelle Zusammensetzung des Gesamtbestandes an Vornamen bei Familie Ko in der I. Zeitspanne
  • 3.2.2.3 Pool der Einzel-VN bei Familie Ko in der I. Zeitspanne
  • 3.2.2.4 Zu Motiven der Vornamengebung bei Familie Ko in der I. Zeitspanne
  • 3.2.2.5 Fazit zur Vornamengebung bei Familie Ko in der I. Zeitspanne
  • 3.2.3 Vornamen bei Familie Ko in der II. Zeitspanne
  • 3.2.3.1 Pool der Vornamen und Anzahl der Namenträger
  • 3.2.3.2 Strukturelle Zusammensetzung des Gesamtbestandes an Vornamen bei Familie Ko in der II. Zeitspanne
  • 3.2.3.3 Pool der Einzel-Vornamen bei Familie Ko in der II. Zeitspanne
  • 3.2.3.4 Zu Motiven der Vornamengebung bei Familie Ko in der II. Zeitspanne
  • 3.2.3.5 Fazit zur Vornamengebung bei Familie Ko in der II. Zeitspanne
  • 3.3 Vornamen bei Familie Hei mit dem Ausgangspunkt im Elsass (in/um Betschdorf)
  • 3.3.1 Materialgrundlage
  • 3.3.2 Vornamen bei Familie Hei in der I. Zeitspanne
  • 3.3.2.1 Pool der Vornamen und Anzahl der Namenträger
  • 3.3.2.2 Strukturelle Zusammensetzung des Gesamtbestandes an Vornamen bei Familie Hei in der I. Zeitspanne
  • 3.3.2.3 Pool der Einzel-Vornamen bei Familie Hei in der I. Zeitspanne
  • 3.3.2.4 Zu Motiven der Vornamengebung bei Familie Hei in der I. Zeitspanne
  • 3.3.2.5 Fazit zur Vornamengebung bei Familie Hei in der I. Zeitspanne
  • 3.3.3 Vornamen bei Familie Hei in der II. Zeitspanne
  • 3.3.3.1 Pool der Vornamen und Anzahl der Namenträger
  • 3.3.3.2 Strukturelle Zusammensetzung des Gesamtbestandes an Vornamen bei Familie Hei in der II. Zeitspanne
  • 3.3.3.3 Pool der Einzel-Vornamen bei Familie Hei in der II. Zeitspanne
  • 3.3.3.4 Zu Motiven der Vornamengebung bei Familie Hei in der II. Zeitspanne
  • 3.3.3.5 Fazit zur Vornamengebung bei Familie Hei in der II. Zeitspanne
  • 3.4 Vornamen bei Familie Kow mit dem Ausgangspunkt im Poznaner Gebiet (in/um Schwersenz)
  • 3.4.1 Materialgrundlage
  • 3.4.2 Vornamen bei Familie Kow in der I. Zeitspanne
  • 3.4.2.1 Pool der Vornamen und Anzahl der Namenträger
  • 3.4.2.2 Strukturelle Zusammensetzung des Gesamtbestandes an Vornamen bei Familie Kow in der I. Zeitspanne
  • 3.4.2.3 Pool der Einzel-Vornamen bei Familie Kow in der I. Zeitspanne
  • 3.4.2.4 Zu Motiven der Vornamengebung bei Familie Kow in der I. Zeitspanne
  • 3.4.2.5 Fazit zur Vornamengebung bei Familie Kow in der I. Zeitspanne
  • 3.4.3 Vornamen bei Familie Kow in der II. Zeitspanne
  • 3.4.3.1 Pool der Vornamen und Anzahl der Namenträger
  • 3.4.3.2 Strukturelle Zusammensetzung des Gesamtbestandes an Vornamen bei Familie Kow in der II. Zeitspanne
  • 3.4.3.3 Pool der Einzel-Vornamen bei Familie Kow in der II. Zeitspanne
  • 3.4.3.4 Zu Motiven der Vornamengebung bei Familie Kow in der II. Zeitspanne
  • 3.4.3.5 Fazit zur Vornamengebung bei Familie Kow in der II. Zeitspanne
  • 3.5 Vornamengebung in der III. Zeitspanne
  • 3.5.1 Materialgrundlage
  • 3.5.2 Vornamen in der III. Zeitspanne
  • 3.5.2.1 Pool der Vornamen und Anzahl der Namenträger
  • 3.5.2.2 Strukturelle Zusammensetzung des Gesamtbestandes an Vornamen in der III. Zeitspanne
  • 3.5.2.3 Pool der Einzel-Vornamen in der III. Zeitspanne
  • 3.5.2.4 Zu Motiven der Vornamengebung in der III. Zeitspanne
  • 3.6 Zum Problem der Nachbenennung
  • 3.7 Tendenzen der Säkularisierung und Pluralisierung im Vornamenbestand der Ahnenfamilien
  • 4 Synchron-diachrone Analyse des Vornamen-Pools in der I. und in der II. Zeitspanne
  • 4.1 Tabellarische Zusammenfassung der Analyseergebnisse zur I. Zeitspanne
  • 4.2 Auswertung der Tabellen zur I. Zeitspanne
  • 4.3 Tabellarische Zusammenfassung der Analyseergebnisse zur II. Zeitspanne
  • 4.4 Auswertung der Tabellen zur II. Zeitspanne
  • 4.5 Synchron-diachroner Vergleich der Einzel-Vornamen in der I. und in der II. Zeitspanne
  • 4.5.1 Synchron-diachrone Darstellung des Vornamen-Pools in der I. Zeitspanne
  • 4.5.1.1 Männliche und weibliche Einzel-Vornamen in der I. Zeitspanne
  • 4.5.2 Synchron-diachrone Darstellung des Vornamen-Pools in der II. Zeitspanne
  • 4.5.2.1 Männliche und weibliche Einzel-Vornamen in der II. Zeitspanne
  • 4.5.3 Rangreihen der Einzel-Vornamen in der I. und in der II. Zeitspanne
  • 4.5.4 Fazit zum synchron-diachronen Vergleich
  • 5 Zum Problem des Sprachkontakts am Beispiel von anthroponymischen Kosenamen und Haustiernamen in der II. Zeitspanne
  • 5.1 Anthroponymische Kosenamen in der Sprachinsel
  • 5.2 Haustiernamen in der Sprachinsel
  • 6 Ergebnisse der Untersuchung
  • Literatur
  • Anhang
  • Abbildungsverzeichnis
  • Reihenübersicht

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Dank

Ohne die großartige Unterstützung einiger mir fachlich-sachlich und emotional nahestehender Menschen hätte ich die vorliegende wissenschaftliche Untersuchung nicht in der nun vorliegenden Form anfertigen können, deshalb sei ihnen an dieser Stelle von ganzem Herzen gedankt.

Dank und Wertschätzung gebühren an erster Stelle Frau Gisela Werner-Wittke (Steinen). Das dieser Untersuchung zugrunde liegende Quellenmaterial, eine umfassende Ahnentafel meiner Vorfahren bis ins 16. Jahrhundert zurück, wurde von Frau Gisela Werner-Wittke privat erarbeitet. Über Jahrzehnte hat sie als professionelle Ahnenforscherin zeitaufwendig und finanzintensiv Tausende originaler Dokumente (z.B. Geburts-, Tauf-, Heirats-, Sterbeurkunden) ausfindig gemacht und genealogisch dokumentiert. Frau Gisela Werner-Wittke möchte ich vor allem für das selbstlose Übereignen der von ihr allein ermittelten Daten meinen Dank aussprechen, vor allem jedoch auch dafür, dass sie mich in Grundzüge genealogischer Forschung eingeführt und kompetent begleitet hat. Ohne ihre substanzielle Hilfe wären mir die unzähligen genealogischen Fakten und deren Zusammenhänge verborgen geblieben.

Gleichermaßen möchte ich Frau Dr. Hanna Kaczmarek (Częstochowa) gegenüber meinen Dank ausdrücken. Ein zentrales Thema der vorliegenden Studie ist die Vornamengebung meiner Vorfahren von ca. 1800 bis 1945. In dieser Zeit lebten die Vorfahren in deutschen Sprachinseln inmitten einer polnischsprachigen Umgebung, so dass ein Großteil von historischen Personenstandsdokumenten in polnischer Sprache abgefasst ist. Frau Dr. Hanna Kaczmarek übersetzte eine beträchtliche Anzahl polnischsprachiger Texte ins Deutsche und beriet mich in allen die polnische Sprache betreffenden Problematiken. Mit ihrer muttersprachlich-linguistischen Kompetenz hat Frau Dr. Hanna Kaczmarek bedeutsame Puzzleteile zu dieser Studie beigetragen. Ohne ihre Hilfe wäre es mir nicht möglich gewesen, ein Gesamtbild zur Vornamengebung während der Sprachinsel-Zeit meiner Vorfahren zu entwerfen.

Zu großem Dank verpflichtet bin ich meinem Fachkollegen Herrn Dr. Horst Ehrhardt (Erfurt). Mit ihm konnte ich von Beginn meiner wissenschaftlichen onomastischen Arbeit an nicht nur linguistische, sondern auch aufscheinende soziologische, psychologische, ethnologische, historische u.a. Aspekte erörtern und untersuchungsrelevante Fragen klären. Seinen konkreten Anregungen verdanke ich eine differenziertere Sicht auf die onomastische Materie sowie eine dadurch bedingte Schärfung der Untersuchungsproblematik. Insbesondere danke ← 11 | 12 → ich Herrn Dr. Horst Ehrhardt dafür, dass er seine fachliche Kompetenz uneigennützig für die Vervollkommnung meiner Studie eingesetzt und mich beratend unterstützt hat.

Die vorliegende Arbeit zur Vornamengebung meiner Ahnen widme ich meinen unmittelbaren Vorfahren – meinen Eltern, Irma (1907–2003) und Emil Wildemann (1895–1982).

Schwieberdingen, im Sommer 2018

Inge Pohl

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Kurzformen und Zeichen

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1 Gegenstand, Ziele und Methoden der Untersuchung

1.1 Problemsituierung und Untersuchungsgegenstand

Dass die Vornamengebung aufs Engste mit politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen verbunden ist (vgl. KE 2001:669), gilt als unwiderlegbare Tatsache. Vornamen bilden zudem – wie Wolffsohn (2001:9) feststellt –„vielleicht die beste Quelle zur Erforschung der Einstellungen und Orientierungen breiter Bevölkerungsschichten in vordemoskopischer Zeit. Während die veröffentlichte Meinung in der Regel nur die Positionen der handelnden Eliten spiegelt, liefern die Vornamen wirklich empirisches, umfrageähnliches Datenmaterial“ (Kursivschreibung im Original – I.P.; vgl. auch Wolffsohn/Brechenmacher 1999:16ff.). Für den Kulturwissenschaftler Gerhards sind Vornamen (nachfolgend VN) in diesem Sinn „Indikator für kulturelle Modernisierungsprozesse“ (2010:19)1 – hinsichtlich meiner Untersuchung besitzen sie Indikatorwert bezüglich der politischen und sozialen Orientierungen der ausgewählten Ahnenfamilien. Wolffsohn kann anhand zweier sich im 19. und 20. Jh. durchsetzender Entwicklungsprozesse zeigen und (für die Stadt München) beschreiben, wie sich diese in den vergebenen VN niederschlagen: „die Entchristianisierung, Verweltlichung, Säkularisierung der Menschen“ einerseits und „die Pluralisierung der Lebenseinstellungen, -entwürfe, Wertorientierungen“ andererseits (Wolffsohn 2001:15). Wolffsohn hat diese Entwicklungsprozesse für einen sehr langen Zeitraum untersucht und nachvollziehbar belegt, dennoch sind die Ergebnisse nicht eins zu eins übertragbar. Bei VN-Untersuchungen ist stets zu bedenken, dass die konkreten Bedingungen der Vornamengebung (nachfolgend VN-Gebung) in einer Zeit oder in einer Region oder in einer sozialen Gruppierung, wie der Familie, zur Bestätigung der o.g. Entwicklungsprozesse, aber auch zum verzögerten Einsetzen von Säkularisierung und Pluralisierung, sogar zu gegenläufigen Entwicklungen führen können. Wolffsohn/Brechenmacher (1999) zeigen dies ← 15 | 16 → anschaulich für das ländlich-bäuerliche Münsterland um 1800 sowie das Altmühltal im 19. und 20. Jh. und für das städtische Bürgertum Münchens im 19. Jh. (vgl. Exkurs zu Säkularisierung und Pluralisierung im Kap. 3.7).

Mit dem Verständnis von VN als Indikatoren von privater und/oder öffentlicher Meinung widmet sich die vorliegende vorrangig diachronische Untersuchung der VN-Gebung in einer im Jahr 2018 existenten Familie, deren Ahnenlinien sich bis ins 16./17. Jh. zurückverfolgen lassen. Im Zentrum stehen die VN der folgenden vier Familien-Ahnenlinien: von der Autorin dieser Untersuchung ausgehend (zur 4. Generation als Kind gehörend)2 die Nachfahren, jeweils die Söhne (3. Generation), Enkelkinder (2. Generation) sowie deren fiktive Ehepartner3 (1. Generation), des Weiteren die Vorfahren, jeweils die Eltern (4. Generation), die Großeltern mütterlich- und väterlichseits (5. Generation) sowie die zeitlich weiter zurückliegenden Generationen. Bei den Eltern der Autorin werden die Personen mit dem Familiennamen (FN) Wildemann (Wi) und Kolbe (Ko) erfasst. Von Seiten der Großeltern kommen väterlichseits die Personen mit dem FN Kowalski (Kow) und mütterlichseits die Personen mit dem FN Heinemann (Hei) hinzu. In der 4. Generation treffen diese vier Ahnenfamilien aufeinander.

Zur protestantischen deutschen Ahnenfamilie Kowalski konnte anhand von Dokumenten ermittelt werden, dass sie aus dem Poznaner Gebiet stammt, aber wahrscheinlich dort vor 1800 gesiedelt hat. Über die Übernahme des slawischen FN Kowalski in die deutsche Ahnenfamilie konnte ich keine Erkenntnisse erlangen. Zum Suffix -ski stütze ich mich auf Erläuterungen von Hanna Kaczmarek (2017): Das Suffix -ski (mit den erweiterten Formen -owski, -ewski, -inski) gehört zu den typischen Suffixen zur Bildung polnischer FN. Nach Rospond (1966) geht die Geschichte des Suffixes bis ins 13. Jh. zurück. Ursprünglich war -ski ein ← 16 | 17 → possessives Suffix, später ein allgemein-adjektivisches, das Ortsnamen adjektivierte und damit auf eine Relation zwischen einer den Namen tragenden Person und einer Ortschaft hinwies (vgl. Bubak 1986): z.B. Bielski (= der Gutsherr von Biala oder aus Bielsk stammend oder dort geboren), ähnlich auch Wolski, Borkowski, Podolski, Turowski. Als man seit dem 17. Jh. polnische FN u.a. von Berufsbezeichnungen bildete, nutzte man auch das Suffix -ski. Typische Beispiele derartiger FN sind kowal (= Schmied) > Kowalski, bednarz (= Fassbinder) > Bednarski, kucharz (= Koch) > Kucharski (vgl. auch Naumann 1987:175; Bystroń 1993).4 Bei den zehn häufigsten FN in Polen steht der FN Kowalski an zweiter Stelle (vgl. Kunze 1999:205). Da es sich bei den FN auf -ski um Adjektivierungen handelt, unterscheidet man im Polnischen und im Russischen maskuline und feminine Formen der FN-Bildung: Kowalski vs. Kowalska, die sich in den fremdsprachigen Ahnendokumenten nachweisen lassen. Bei der deutschsprachigen Ahnenfamilie trugen alle Familienmitglieder den FN Kowalski. Da die Mitglieder der Ahnenfamilie Kowalski deutsche VN besaßen und in Deutsch kommunizierten, ist anzunehmen, dass der slawische FN in früherer Zeit mit polnischen Einwanderern nach Deutschland kam und dass die Familie Kowalski aus dem deutschen Sprachraum um/vor 1800 in den Poznaner Raum rückgewandert ist.

Zu den genannten vier FN werden über Generationen lediglich die VN der väterlichen Linie zurückverfolgt, da sich durch den gemeinsamen FN die objektiven Anhaltspunkte ergeben. Von den mütterlichen Linien wird bei der Erfassung der VN abgesehen, dennoch haben die Mütter auf die VN-Gebung ihrer Kinder Einfluss gehabt, worauf ich bei Familie Wi (vgl. Kap. 3.1.3.2) exemplarisch eingehe. Als Schwierigkeit der Untersuchung ist anzusehen, dass die vier verschiedenen Familien der väterlichen Linien mangels Dokumenten nicht gleichermaßen bis zur 17. Generation zurückverfolgt werden konnten, dass jedoch in einigen Fällen Dokumente zu mütterlichen Vorfahren der Großfamilien5 vorliegen, wie die Eintragungen zu den Familien Stauch und Mayer (17. Generation; vgl. Kap. 1.3.1) zeigen, die zur Ahnenfamilie Wi gehören. ← 17 | 18 →

Die besondere Problematik dieser Untersuchung besteht darin, dass sich das gesellschaftspolitische Determinationsgefüge der VN-Gebung historisch zweimal grundlegend verändert hat (um 1800 und 1945). Die Ahnenfamilien stammen aus Baden, Sachsen und dem Elsass (zur Problematik der Familie Kow vgl. oben). Sie siedelten sich um 1800 im ehemaligen polnischsprachigen Südpreußen an und bildeten gemeinsam deutsche Sprachinseln (zum Begriff „Sprachinsel“ vgl. Kap. 2.2). Aufgrund des Potsdamer Abkommens von 1945 wurde das existente soziolinguistische Phänomen der Ahnen-Sprachinseln gewaltsam aufgelöst, die deutschen Sprachinselbewohner wurden in das Nachkriegsdeutschland evakuiert. Hypothetisch ist davon auszugehen, dass die objektiv erfassten VN Schlussfolgerungen auf reaktive Zusammenhänge zu den gesellschaftspolitischen Erscheinungen zulassen.

Eine erste Sichtung der VN zu den ausgewählten vier Familien lässt einige Besonderheiten erkennen:

Biographische Angaben

Inge Pohl (Autor:in)

Inge Pohl lehrte Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Koblenz-Landau/Campus Landau. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Semantik von Wort, Satz und Text, Textlinguistik/Stilistik, Onomastik und Kognitive Linguistik.

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Titel: Vornamen als Indikatoren gesellschaftlicher Entwicklungen