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Sprachliche Dimensionen der Fremdheit und Andersartigkeit

von Iwona Wowro (Band-Herausgeber:in) Mariusz Jakosz (Band-Herausgeber:in) Renata Kozieł (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 276 Seiten

Zusammenfassung

Dieser Sammelband setzt sich zum Ziel, sowohl die sprachliche Konstruktion von Fremdheit und Andersartigkeit als auch den Einfluss dieses Prozesses auf die Sprache und Kultur auf diskursiver, glottodidaktischer und lexikalisch-semantischer Ebene zu verdeutlichen. Das breite Spektrum der aufgegriffenen Themenbereiche eröffnet viele Perspektiven: Die Studien blicken unter anderem auf kulturspezifische Konzeptualisierungen von Fremdheit und Andersartigkeit in der Sprache, medienspezifische Verbalisierung/Konstruierung des Fremden und der Fremden, wertende Urteile wie ironische, humorvolle Stellungnahmen über das Fremde und die Fremden, Emotionalisierungsstrategien der Fremdheit und Andersartigkeit sowie stereotype Wahrnehmung des Fremden und der Fremden.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Fremdheit trotz der Metapher. Phraseologische falsche Freunde als Problem der deutsch-polnischen Sprachkontakte (Paweł Bąk)
  • Annäherung an die Fremdheit: Sprachgrenzen überwinden (Claudia Polzin-Haumann / Christina Reissner)
  • Zur Darstellung von Deutschen und Polen in der ein- und zweisprachigen Lexikographie für das Sprachenpaar Deutsch und Polnisch. Ein kritischer Überblick (Joanna Szczęk)
  • Zum Problem der Andersartigkeit am Beispiel des Dünnseins. Öffentliche Resonanz und sprachliche Exemplifizierung (Iwona Wowro)
  • Zur Kraft der Metapher im Fremdendiskurs (am Beispiel der deutschen Flüchtlingsdebatte) (Mariusz Jakosz)
  • Das Element des Fremden in der Flüchtlingsdebatte in deutschen Medien (Marcelina Kałasznik)
  • Zum metaphorischen Kollokationspotenzial der Lexeme Fremdheit im Deutschen und obcość im Polnischen (Renata Kozieł)
  • Zum Problem innerer emotionaler Auseinandersetzung mit dem Fremd-/Anderssein im interkulturellen Bereich (Marzena Będkowska-Obłąk)
  • Wissenschaftskulturen kontrastiv beschreiben – zwischen Textlinguistik und interkultureller Kommunikation (Elisabeth Venohr)
  • Ästhetisches Lernen: die kulturelle Erfahrung der Künste im Fremdsprachenunterricht (Magdalena Rozenberg)
  • Sprachwissenschaftliche Dimensionen der Andersartigkeit und Fremdheit bei den abhängigen Hauptsätzen (Sebastian Dusza)
  • Zum Fremdheitscharakter „neuer Wörter“ und deren befremdlicher Wirkung (Jolanta Mazurkiewicz-Sokołowska)
  • Anthroponymische Metaphern mit den Tierbezeichnungen Henne, Gans und Ente im Deutschen und kura, gęś und kaczka im Polnischen – Gemeinsamkeiten und Differenzen (Wacław Miodek)
  • Sprachliche Dimensionen der Fremdartigkeit und Andersartigkeit dargestellt am Beispiel der Schönen Namen Gottes im Islam (Derya Karadal)
  • „Jesteśmy tu wszyscy w Polsce i mówimy po polsku“ – Eigen-und Fremdwahrnehmung anhand der Kommunikationsstrategien von Bewohnern polnischer Grenzstädte (Barbara A. Jańczak)
  • Die Art und Weise der Objektifizierung/Subjektifizierung und ihre Rolle in der Narrationsgestaltung in ausgewählten literarischen Texten (Magdalena Zyga)
  • Autoren des Bandes
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Bereits ein kursorischer Blick auf die aktuellen Diskurse im Bereich Medien und Forschung zeigt, dass die öffentliche Debatte und die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema Fremdheit in den letzten Jahren sehr stark zugenommen haben, was mit Sicherheit auf die Aktualität und die wachsende gesellschaftliche Brisanz dieser Problematik zurückgeführt werden kann. Die Fremdheitsthematik verdient auch deshalb eine besondere Beachtung, weil die Grenzen zwischen Eigenem und Fremdem immer mehr zu verschwimmen scheinen. Angesichts der kulturellen Vielfalt und der damit einhergehenden Heterogenität sowie nachweislichen Integrationserfolgen können sich die Menschen innerhalb einer Gemeinschaft zunehmend fremd fühlen, da es weniger gemeinsame, sondern eher kulturspezifische Erfahrungen gibt.

Fremdheit kann unterschiedlich definiert und thematisiert werden. Die Komplexität und Mannigfaltigkeit des Phänomens lassen auch eine große Bandbreite von Herangehensweisen zu. Fremdheit ist grundsätzlich ein subjektives und individuelles Gefühl. Jeder ist irgendwo und irgendwann fremd. Generell bedeutet sie Unbekanntheit und/oder Unvertrautheit. Im Sinne einer generellen Unvertrautheit beschränkt sich Fremdheit nicht nur auf andere Sprachen, Nationalitäten oder Hautfarben. Fremd können auch andere Sitten, Dialekte, Weltanschauungen, anderes Aussehen und andere Wertsysteme sein. Das Fremde zu thematisieren, bedeutet auch die Auseinandersetzung mit dem Eigenen, denn das Fremde impliziert das Uneigene, also all das, was über unser Selbstverständnis, darüber, was wir sind oder was wir sein wollen, Überlegungen anstellen lässt. So ist das Andere insofern fremd, als es den Standards unserer Selbstdefinition, unserer Selbstwahrnehmung nicht entspricht oder ihr sogar widerspricht.

Fremdheit ist ebenso keine Eigenschaft, die Individuen oder Objekten innewohnt, sondern erweist sich als Ergebnis verschiedener Unterscheidungskriterien wie zum Beispiel Religionszugehörigkeit, Geschlecht, Sprache, Nationalität oder soziale Lage. So liegt der Rede von Fremdheit immer eine Zuweisungsstruktur zugrunde, denn fremd wird man erst dann, wenn man als fremd bezeichnet wird. Insofern stellt Fremdheit eine Konstruktion dar, die am Beispiel gesellschaftlicher oder wissenschaftlicher Diskurse die Tatsache erkennen lässt, dass viele Dimensionen der Fremdheit wie u.a. Nichtzugehörigkeit, Selbstidentifikation, Distanz oder Exklusion zugleich in Betracht gezogen werden (müssen). Eine weitere Dimension von Fremdheit stellt ihre Gleichsetzung mit der Andersartigkeit dar. Zwar bestehen gewisse Gemeinsamkeiten zwischen beiden Konzepten, doch es gibt auch ← 7 | 8 → Unterschiede, die nicht aus dem Blickfeld geraten dürfen. Die Auseinandersetzung mit Fremdheit ist schließlich als Strategie anzusehen, um verfestigte Muster oder belastende Ordnungen zu sprengen und neue Formen zu erkunden. So wird sie als Chance oder sogar Herausforderung begriffen, die uns vor neue (gesellschaftliche) Aufgaben stellt.

Die Wahrnehmung des Anderen und des Fremden sowie die Dynamik ihrer Veränderung gehört zu den zentralen Fragen der heutigen Geisteswissenschaften, darunter auch der Literatur-, Kultur- und Sprachwissenschaft, in denen die Erscheinung der Fremdheit und Andersartigkeit ihre Neu- oder Redefinierung erfährt. Dabei wird die Dichotomie von „Eigenem“ und „Fremdem“ um neue Erfahrungshorizonte erweitert, die die Überschreitung der Eigenvorstellungen oder Klischees und somit das Verständnis anderer Kulturen und Werte implizieren.

Mit dem vorliegenden Sammelband wird also ein hochaktueller Themenbereich aufgegriffen, der auf mehreren Ebenen angesiedelt ist und somit auch eine kontroverse Auseinandersetzung mit sich bringt. Die hier aufgenommenen Einzelbeiträge setzen sich zum Ziel, verschiedene Facetten von Fremdheit und Andersartigkeit zu beleuchten. Das explizite oder implizite Verständnis von Fremdheit und Andersartigkeit lässt diese Phänomene aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Die Vielschichtigkeit und Komplexität dieser Problematik erklärt auch den heterogenen Charakter der vorliegenden Beiträge. Wir gehen davon aus, dass dieser Sammelband sowohl die sprachliche Konstruktion von Fremdheit und Andersartigkeit als auch den Einfluss dieses Prozesses auf die Sprache und Kultur deutlich macht. Das breite Spektrum der aufgegriffenen Themenbereiche eröffnet viele Perspektiven, darunter kulturspezifische Konzeptualisierungen von Fremdheit und Andersartigkeit in der Sprache, medienspezifische Verbalisierung/Konstruierung des Fremden und der Fremden (Textgestaltung, Visualisierung der Inhalte u.a.), wertende Urteile, darunter ironische, humorvolle Stellungnahmen über das Fremde und die Fremden, Emotionalisierungsstrategien der Fremdheit und Andersartigkeit sowie stereotype Wahrnehmung des Fremden und der Fremden. Die vorliegende Arbeit leistet darüber hinaus auch einen exemplarischen Beitrag zur Debatte über Fremdheit auf diskursiver, glottodidaktischer und lexikalisch-semantischer Ebene, womit sie einen Lesestoff bietet, wissenschaftliches Wissen zu ausgewählten Perspektiven der Fremdheit mit der empirischen Forschung zu verbinden.

Dieser Band hätte ohne das Interesse und Engagement vieler Personen nicht entstehen können. An dieser Stelle möchten wir den Autorinnen und Autoren unseren besten Dank aussprechen, die sich trotz eigener Arbeitsbelastung bereit erklärt haben, zu diesem Band maßgeblich beizutragen und prägnante Punkte ← 8 | 9 → dieser anspruchsvollen Fremdheitsproblematik zu bearbeiten. Wir hoffen, dass mit dem vorliegenden Band zum einen die Fragestellungen, die sich um das Thema Fremdheit und Andersartigkeit ranken, spannend und aktuell bleiben. Zum anderen sind wir der Ansicht, dass es sich bei Fremdheit um eine sehr komplexe und vielgestaltige Thematik handelt, was eine erschöpfende Erörterung des Phänomens eher ausschließt. Wir sind aber fest davon überzeugt, dass die durch diesen Band veröffentlichten Arbeiten Anlass für weitere, theoretisch oder empirisch ausgerichtete Weiterentwicklungen und damit neue Anregungen bieten können. Obendrein würden wir uns freuen, wenn er interessierte Leser nicht nur unter Linguisten finden wird, aber auch unter denjenigen, bei denen die dargestellte Problematik Neugier und Aufmerksamkeit weckt.

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Paweł Bąk
Rzeszów

Fremdheit trotz der Metapher. Phraseologische falsche Freunde als Problem der deutsch-polnischen Sprachkontakte

Abstract: The paper deals with aspects of phraseological false friends in Polish-German Interlingual communication. Despite the genetic relation of European tongues, the corresponding idiomatic expressions may have completely or slightly different meanings. This issue should be given proper linguistic attention as in cross-cultural communication it gives rise to various problems and misunderstandings which can be prevented.

Keywords: metaphor, phraseologism, phraseological false friends

1.  Vorbemerkungen

In interkulturellen Kontakten kommt es oft zu Missverständnissen diverser Natur. Aspekte, die die Kommunikation und Verständigung zwischen den Repräsentanten verschiedener Gesellschaften und Kulturen beeinträchtigen können, werden nicht selten mit abweichenden Mentalitäten der Diskusteilnehmer oder mit sprachlichen Schwierigkeiten erklärt.1 Abweichende Assoziationen und verschiedene Interpretationsweisen von lexikalischen Einheiten, festen und metaphorischen Wendungen, die in zwei Sprachen weitgehende formale Ähnlichkeiten aufweisen, werden dabei seltener beachtet (vgl. aber Piirainen 2001, Bąk 2010a und 2010b).

Die Metapher wird seit der Veröffentlichung der Arbeit von George Lakoff und Mark Johnson Metaphors we live by (1980) als konzeptuelles Phänomen, als Mechanismus des Denkens und der Sprache angesehen. Neben Lakoff und Johnson seien an dieser Stelle auch die Namen Michael J. Reddys (1979) und Harald ← 11 | 12 → Weinrichs (1976) erwähnt. Von Weinrich (1971, 1976)2 wurden früher als von Lakoff und Johnson für die Metaphernforschung relevante Ansichten artikuliert. Reddy sind wiederum u.a. für die Betrachtung von abstrakten Diskursdomänen wichtige Erkenntnisse zu verdanken. Wegen der bewussten Verwendung3 können Metaphern allerdings auch ein wichtiges persuasives Mittel und Gegenstand des Interesses der Pragmalinguistik werden. Besonders in den Bereichen der Politik und Werbung oder beispielsweise in fachexternen wirtschaftsdeutschen Diskursen wird ihre persuasive Funktion4 deutlich. In literarischen Texten besteht die Möglichkeit, mit Metaphern kreativ-wortspielerisch umzugehen. Durch die Einbettung in unklaren Kontexten werden Metaphern jedoch auch provokativ oder sogar zu manipulativen Zwecken eingesetzt. Es kann von der Metapher – um dies nomen est nomen metaphorisch zu sagen – Gebrauch gemacht werden.5 Auf den Umstand, dass in bestimmten Diskursen und in der Werbung mit der Metapher spezifisch umgegangen wird, sei hier nur andeutungsweise hingewiesen.6

Im Folgenden wird auf einige Aspekte der Semantik von festen Wortverbindungen in der Relation Polnisch-Deutsch eingegangen, die per se7 gewisse Probleme in der Kommunikation bereiten können. Diese Betrachtung soll es in weiteren Beiträgen ermöglichen, hinter die Kulissen einer nichtreibungslos verlaufenden Kommunikation zu blicken, in der Missverständnisse vorkommen. Sprachliche Probleme können m.E. für die gegenseitige Fremdheit von Diskursteilnehmern förderlich sein. Wie Hundt, freilich in Bezug auf den Bereich der Wirtschaft, konstatiert, „[fungiert] Sprache als das zentrale Mittel der Sachverhaltskonstitution […]“ (Hundt 2015: 374).

Nachstehend werden einige Ursachen für kommunikative Probleme beleuchtet, die mit lexikalisierten Metaphern (Phraseologismen) in interlingualer Relation ← 12 | 13 → verbunden sind und eine besondere sprachliche Falle in internationalen Kontakten darstellen. Es werden Belege für phraseologische Wendungen diskutiert, denen der metaphorische Mechanismus zugrunde liegt.

2.  Interlinguale Interferenz

Zu Erscheinungen, die das interkulturelle Verstehen erschweren, gehört die interlinguale8 Interferenz. Sie betrifft auch den Umgang mit Metaphern, bildhaften Phraseologismen, die in fremden Kulturkreisen abweichende Assoziationen auslösen und trotz formaler Ähnlichkeiten unterschiedlich interpretiert werden. Darauf beruhende Schwierigkeiten betreffen nicht ausschließlich Kontakte zwischen den Repräsentanten entlegener, fremder oder exotischer Kulturräume. Oft kommen sie bereits in den Relationen zwischen benachbarten Kulturen vor, beispielsweise zwischen den Deutschen und Polen (vgl. Piirainen 2012).

Die durch Metaphern ausgelösten abweichenden Assoziationen stellen eine Herausforderung u.a. an die Translation oder den allgemeinkommunikativen Gebrauch von Fremdsprachen dar. Nachstehend wird vorgeschlagen, die Aspekte im Rahmen der metaphorisch-phraseologischen falschen Freunde9 zu betrachten. Für die Exemplifizierung von Äquivalenzverhältnissen werden Belege aus einem Korpus angeführt, die von mir zwischen 2008 und 2011 in einem Fragebogen im Rahmen des von Elisabeth Piirainen geleiteten Projektes “Widespread Idioms in Europe and Beyond. A Cross-linguistic and Cross-cultural Research Project” (vgl. Piirainen 2012: 7) herausgearbeitet, ausgewertet und kommentiert wurden.10 Im ← 13 | 14 → vorliegenden Beitrag wird zugleich an die Ergebnisse der Umfrage11 angeknüpft, die zwischen 2009 und 2016 unter den polnischen Studierenden der Germanistik (im dreijährigen Grund- und zweijährigen Aufbaustudium)12 durchgeführt wurde. In der vorliegenden Arbeit sowie im Aufsatz „Einführende Überlegungen zu semantischen Relationen als Problem der deutsch-polnischen Sprachkontakte. Implikationen für die Fremdsprachen- und Übersetzungsdidaktik“ (Bąk 2014a) sowie in anderen geplanten Beiträgen zur Fremdsprachendidaktik wurden bzw. werden semantisch bedingte interlinguale Nichtübereinstimmungen verschiedener Kommunikationsbereiche diskutiert. Im vorliegenden Beitrag werden daher nicht alle zur Umfrage und Analyse herangezogenen Korpusbelege und nicht alle damit verbundenen Probleme angesprochen (vgl. mehr bei Bąk 2014a).

3.  Äquivalenz(en)

Zwischen Lexemen verschiedener Sprachen findet man diverse Äquivalenzverhältnisse. In der translationswissenschaftlichen Literatur bzw. in Arbeiten zur kontrastiven Linguistik wird von einer Vielfalt von Äquivalenztypen gesprochen (vgl. z.B. bei Snell-Hornby 1986: 13), die z.B. Form, Inhalt, Konnotationen, stilistisch-ästhetische Merkmale, diverse textspezifische Aspekte betreffen.13 Die in der Literatur viel diskutierte Kategorie der Äquivalenz (vgl. z.B. Koller 1997) wird besonders im Fall von Phraseolexemen und Metaphern zu einem komplexen Problem. Die ähnliche lexikalische Struktur und die gleiche Bedeutung fallen ← 14 | 15 → nur selten zusammen. Nicht oft kann man in zwei Sprachen Lexempaare als Beispiele für die vollkommene Äquivalenz finden. Auch Internationalismen sind in zwei Sprachen nur selten hinsichtlich aller relevanten Merkmale14 füreinander äquivalent (vgl. Schatte 2006). Darüber hinaus spielen bei der Suche nach Äquivalenten in der Übersetzung viele andere pragmatisch bedingte Faktoren große Rolle. Beim Vergleich von Sprachen findet man Beispiele dafür, dass die metaphorische Äquivalenz manchmal auf Kosten der denotativen Äquivalenz zu erreichen ist. In der Translation ist hier eine – in rein denotativer (bzw. designativer) Hinsicht – unpräzise Übersetzung von Lexemen begründet, wenn nicht der Bezug auf konkrete Sachverhalte der außersprachlichen Wirklichkeit, sondern die pragmatische Funktion des Ausdrucks als invariante Größe gilt. Deshalb kann man beispielsweise im Polnischen für das deutsche Lexem Tausendfüßler als Entsprechung folgende Lexeme finden: einerseits das denotative Äquivalent wij, krocionóg (Bezeichnung der zoologischen Art (lat.) Myriapoda) oder – andererseits – das pragmatisch-funktionale Äquivalent stonoga (lat. Oniscus) (vgl. mehr auch Bąk 2010b). Wiederum steht für das polnische Lexem stonoga im Deutschen neben Tausendfüßler der deutsche Terminus Hundertfüßer (lat. Chilopoda) als formales Äquivalent. Hundertfüßer ist eine Morphem-für-Morphem-Übersetzung von stonoga (sogenannte Interlinearversion: „hundert + Fuss“) und – in denotativer Hinsicht – ein verfehltes Äquivalent. Die formalen Ähnlichkeiten von Lexemen der beiden Sprachen (Tausendfüßler und stonoga) können also bei der Suche nach Entsprechungen irreführend sein. Die Wahl von sachlich-denotativen Äquivalenten (z.B. in Fachdiskursen), der konnotativ-funktionalen, dynamischen oder pragmatischen Entsprechung (in der allgemeinen Alltagskommunikation oder literarischen Übersetzung) unterliegt mehreren Faktoren pragmatischen Charakters, die jedoch hier aus Platzgründen nicht erörtert werden können (vgl. aber Bąk 2009).

4.  Gemeinsamkeiten von Sprachen, Metaphern und Phraseologismen

Harald Weinrich zufolge sind Metaphern nicht nur für einzelne Sprachgemeinschaften charakteristisch, sondern in mehreren Sprachen erkennbar. Deswegen sollen sie in diese relativ leicht übersetzbar sein (vgl. Weinrich 1976: 287). Weinrich erklärt die Verwandtschaft von Metaphern mit der von ihm geprägten Kategorie ← 15 | 16 → des Bildfeldes am Beispiel der Münzmetaphorik. Aus dem Umstand, dass in verschiedenen Sprachen in lexikalisierten (phraseologischen) und neuen Metaphern bestimmte gemeinsame „primäre“, metaphorische Muster zu finden sind, die dem Sprachgebrauch zugrunde liegen, schlussfolgert Weinrich:

[…] Das ist kein Zufall; denn diese Metapher [= Münzmetapher] ist nicht isoliert. Sie steht seit ihrer Geburt in einem fest gefügten Bildfeld. Das zu zeigen, ist die Aufgabe der synchronischen Metaphorik. Heute ist die Metapher des classicus scriptor in allen Sprachen zum Terminus erstarrt. Aber das Bildfeld der Sprache als eines Finanzwesens, das schon vorher da war, ist so lebendig wie eh und je. So beobachten wir hier das Werden und Vergehen einer Metapher innerhalb eines in größerem Rhythmus lebenden Bildfeldes. Seitdem sie zur Exmetapher verblasst ist, hat das Bildfeld eine freie Stelle. Sie kann allezeit neu besetzt werden. (Weinrich 1976: 282)

Mit seinem Ansatz leistet Weinrich einen wichtigen Schritt in der Metaphernforschung. In neueren Ansätzen zur Frame-Semantik wird davon ausgegangen, dass bei der Konstituierung der Bedeutung von Lexemen bei den kognitiven Verarbeitungsprozessen eine Aktualisierung von bestimmten Wissensdomänen erfolgt, wobei auf „vorgängige Erkenntnisakte“ (Busse 2012: 23, vgl. auch Pawłowski 2012: 253–259, Bąk 2014b: 10–13) zurückgegriffen wird. Gegenstand der „vorgängigen Erkenntnisakte“ machen u.a. auch die bisher erlebten Phraseologismen und Metaphern aus. Ihre Erfahrung bildet das später aktualisierte sprachliche Wissen. Demzufolge sind im Bewusstsein des Menschen bestimmte Schemata abrufbar, die das Verstehen und die Bildung von bestimmten metaphorischen Wendungen ermöglichen. Der Mensch erlebt in Diskursen lexikalisierte Metaphern sowie neue Wendungen, die auf der Basis von bekannten „Bildfeldern“ entstehen:

Meistens entsteht […] dieses Bildfeld nicht erst neu, sondern es ist schon aus zahllosen Quellen bekannt. Wir haben immer schon Metaphern gehört, in denen Seelisches mit Landschaftlichem im Bilde gleichgesetzt wird, auch wenn der Zufall will, dass wir gerade diese Metapher […] noch nie gehört haben. Die aktuell geprägte oder vernommene Metapher wird von einem in der sprachlichen und literarischen Tradition vorgegebenen Bildfeld getragen und daher sogleich mühelos verstanden. Das erleichterte Verständnis von Metaphern, die innerhalb eines festgefügten Bildfeldes stehen, kann man sich sehr einfach klarmachen, wenn man unsere Metapher innerhalb ihres Bildfeldes gleichsam parallel verschiebt. (Weinrich 1976: 326)

Über die Metapher in der interlingualen Relation konstatiert Weinrich des Weiteren:

Biographische Angaben

Iwona Wowro (Band-Herausgeber:in) Mariusz Jakosz (Band-Herausgeber:in) Renata Kozieł (Band-Herausgeber:in)

Iwona Wowro, Mariusz Jakosz und Renata Kozieł sind als wissenschaftliche MitarbeiterInnen am Institut für Germanische Philologie der Schlesischen Universität Katowice (Polen) tätig. Iwona Wowro befasst sich in ihrer Forschung mit Sprachwissenschaft, kontrastiven deutsch-polnischen Sprachanalysen, Stereotypen und Vorurteilen sowie Problemen der Translation. Mariusz Jakosz forscht zu den Bereichen Pragmatik, Bewerten, Interkulturalität im Fremdsprachenunterricht, Stereotype und Vorurteile in der gegenseitigen Wahrnehmung. Renata Kozieł beschäftigt sich in ihrer Forschung mit den Schwerpunkten Bildungs- und Sprachenpolitik der Europäischen Union, Didaktik des DaF-Unterrichts, kognitive Linguistik, Sprache und Emotionen.

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Titel: Sprachliche Dimensionen der Fremdheit und Andersartigkeit