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Ästhetische Modellierung von politischer Macht in der Literatur

Untersuchungen zu ausgewählten afrikanischen und deutschsprachigen Romanen des 20. Jahrhunderts

von Nanka Anatere (Autor:in)
Dissertation 222 Seiten

Zusammenfassung

Die Thematik von politischer Macht ist in der Literatur ein besonders wichtiger Gegenstand. Diese Arbeit befasst sich mit der literarischen Repräsentation von Machthabern und Machtstrukturen in Prosatexten ausgewählter afrikanischer und deutscher Autoren des 20. Jahrhunderts. Konkret erschließt der Verfasser die sprachlich-ästhetischen wie politisch-inhaltlichen Aspekte der Darstellung. Dabei bedient er sich u.a. der Derridaschen Dekonstruktion, freilich in einer eigentümlichen Weise. Sony Labou Tansi und Ahmadou Kourouma schildern eine äußerst personalisierte Machtausübung, wohingegen Heinrich Mann und Hermann Kasack eher den Systemcharakter politischer Macht herausstellen. Ihnen gemeinsam ist jedoch die Stilisierung politischer Gewalt als die Verkehrung gerechter Herrschaft ins Gegenteil.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Dank
  • Einleitung
  • 1 Zum Thema, zur Fragestellung und zur Zielsetzung der Arbeit
  • 2 Zur Forschungssituation
  • 3 Zum methodischen Verfahren
  • 4 Zur Auswahl des Untersuchungsgegenstands
  • Teil I: Ästhetische Darstellung von politischer Macht in den ausgewählten afrikanischen Romanen
  • 1 Monstrosifizierung von Machthabern in La vie et demie von Sony Labou Tansi
  • 1.1 Zur Erzähltechnik
  • 1.2 Monstrosifizierung der Machthaberfiguren und Denunzierung der realen Gewalt als höchst grausam
  • 1.3 Staatsraison und Führerprinzip: Zwei moderne Legitimationsprinzipien zur Rechtfertigung der atavistischen Gewalt in La vie et demie
  • 1.4 Kampf für die Freiheit
  • 1.5 Denunzierung der Einmischung der „Puissance étrangère“ in die innere Politik von Katamalanasie
  • 1.6 Republik Darmellia: Ein Vorbild der Demokratie und der nationalen Unabhängigkeit?
  • 2 Sprachlich-ästhetische Enthüllung des Machthabers als „Erlöser“ in En attendant le vote des bêtes sauvages von Ahmadou Kourouma
  • 2.1 Zur Erzähltechnik
  • 2.2 Einrichtungsprozess der diktatorischen Herrschaft in En attendant le vote des bêtes sauvages
  • 2.2.1 Die Rolle des Kalten Krieges
  • 2.2.2 Die einheimischen Wurzeln: die Magie
  • 2.2.3 Aus erfolgreichen Vorbildern lernen
  • 2.2.4 Ein neuartiger Machtfaktor: die Intellektuellen
  • 2.3 „Le pouvoir est une femme qui ne se partage pas“„Die Macht ist wie eine Frau: Man kann sie nicht aufteilen“, S. 101.: Eine aussagekräftige Metapher der absoluten und diktatorischen Macht
  • 2.4 Antikommunismus, Authentizität und Gottesgnadentum als Legitimationsprinzipien der Gewaltherrschaft
  • 2.5 Dekonstruktion und Entmythisierung des Mythos des Präsidenten als „Erlöser“
  • Teil II: Ästhetische Repräsentation von politischer Macht in den ausgewählten deutschsprachigen Texten
  • 1 Personalisierung nationalsozialistischer Macht in Lidice von Heinrich Mann
  • 1.1 Zur Erzähltechnik
  • 1.2 Reinhard Heydrich: Personalisierung des nationalsozialistischen Machtsystems
  • 1.3 Eine Gewalt, die sich ad absurdum führt
  • 1.4 Führerprinzip und Staatsraison als unantastbare moderne Prinzipien der nationalsozialistischen Machtlegitimation
  • 1.5 Heydrichs Tod: die äußerste Herabsetzung des Schreckensherrschers
  • 2 Travestierende Stilisierung der Herrschaftszustände der Nachkriegszeit in Das grosse Netz von Hermann Kasack
  • 2.1 Zur Erzähltechnik
  • 2.2 Travestierung der Herrschaftszustände der Nachkriegszeit in eine allegorische Satire
  • 2.3 Nihilismus als Folge des totalitären Zustandes
  • 2.4 Konstruiertes apokalyptisches Bild als „Demonstration der möglichen Wirklichkeit“
  • Teil III: Vergleichende Zusammenfassung und Ausblick
  • 1 Skandalisierung von politischer Macht als gemeinsames ästhetisches Verfahren
  • 2 Unterschiedliche Merkmale
  • Bibliographie

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Dank

Die vorliegende Arbeit, die von der Problematik politischer Macht in der Literatur handelt, wurde im März 2017 dem Fachbereich 05 der Johannes Gutenberg-Universität Mainz als Dissertation vorgelegt. Sie wurde für die aktuelle Fassung leicht überarbeitet. Dank der Unterstützung mehrerer Personen und Institutionen ist sie zustande gekommen. Im Folgenden möchte ich ihnen meinen Dank aussprechen.

Zunächst bedanke ich mich bei der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. (KAS) für die finanzielle Unterstützung, aber auch für die ideelle Förderung durch themenreiche studienbegleitende Seminarprogramme. Die Teilnahme an diesen Seminarprogrammen ermöglichte den StipendiatInnen, nicht nur ihre Kenntnisse über verschiedene Themen zu vertiefen, sondern auch gute Freundschaften zu knüpfen. Mein Dank geht auch an alle Mitarbeiter der KAS.

Herrn Prof. Dr. Bernhard Spies bin ich besonders dankbar für die Betreuung dieser Arbeit. Er war immer ansprechbar und begleitete mich durch alle Etappen der Arbeit stets mit Rat und Tat. Meine Probekapitel las und korrigierte er mit einer bewundernswerten Schnelligkeit. Seine Ratschläge und Bemerkungen haben mich zur Selbstverbesserung geführt. Seine menschliche Wärme und tatkräftige Unterstützung für jedwede Verlängerung meiner finanziellen Förderung durch die KAS werden mir immer in Erinnerung bleiben. Frau Prof. Dr. Véronique Porra danke ich auch von Herzen für die Übernahme der Co-Betreuung meiner Dissertation und des zweiten Gutachtens.

Gedankt sei Herrn Prof. Dr. Hans-Joachim Fuchs aus dem Geographischen Institut, Vertrauensdozent der KAS-Stipendiatengruppe 03 Mainz, für die Unterstützung. Herrn Prof. Dr. Serge Glitho bin ich für die wertvollen Ratschläge während meiner Forschung zu Dank verpflichtet.

Ellen Stephainski, Dr. Ernst Conzelmann, Florian Meyer, Dr. Dieter Roth, Dr. Signe Seiler, Melanie Selle, Irmela Götz und Thorsten Nasse gilt mein herzlicher Dank für die vielwertige Hilfe beim Korrekturlesen.

Herrn NʼTchombitché Axel Séidou drücke ich an dieser Stelle meinen Dank für das gegenseitige Ermutigen während unserer Forschungszeit aus. Zu guter Letzt bin ich allen Freunden, die mich auf irgendeine Weise unterstützt haben, dankbar.

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Einleitung

1 Zum Thema, zur Fragestellung und zur Zielsetzung der Arbeit

Die Diskussion über politische Macht, insbesondere die Legitimität von Macht, wird nicht nur von Politikern und Publizisten in der politischen Öffentlichkeit geführt, sondern auch in der literarischen Öffentlichkeit. Auch wenn Schriftsteller sich in dieser Debatte oft diskursiv und direkt programmatisch äußern, so formulieren sie doch die spezifisch schriftstellerischen Beiträge durch die sprachliche Konstruktion imaginärer Welten. Das Thema der vorliegenden Arbeit „Ästhetische Modellierung von politischer Macht in der Literatur. Untersuchungen zu ausgewählten afrikanischen und deutschsprachigen Romanen des 20. Jahrhunderts“ interessiert sich gerade für diese literarisch-ästhetischen Wortmeldungen, um sie zu analysieren und einer breiteren Allgemeinheit zugänglich zu machen.

Im Jahre 2012 stellte ein prominenter afrikanischer Literaturkritiker, Alexie Tcheuyap, in seinem Vorwort zum Buch Imaginary spaces of power in sub-Saharan literatures and films rhetorisch die Frage, ob sich ein weiteres Buch über ein solches Thema lohne. Er antwortete darauf, indem er auf die damals hochaktuellen Ereignisse im politischen Bereich hinwies: „Un autre ouvrage sur lʼimaginaire du pouvoir en Afrique? La question mérite-t-elle encore la moindre attention? Le champ nʼest-il pas éculé? De telles interrogations pourraient sembler légitimes – et même pertinentes – si lʼactualité la plus brutale ne cessait de nous crever les yeux“1. Diese Antwort von Alexie Tcheuyap bestätigt die Aktualität und die Wichtigkeit meines Forschungsthemas, denn bis heute wird – nicht nur in Afrika, sondern auch in allen Weltteilen – angesichts aktueller Geschehnisse2 die Problematik von politischer Macht intensiver diskutiert. Übrigens ist Tcheuyap, nachdem er die damaligen Ereignisse skizziert hat, der Meinung, dass in Afrika das Ende der Überlegungen über dieses Thema ein „énigme“ (ein ←11 | 12→Rätsel) sei3, man würde besser sagen, völlig „offen“ ist. Gerechter wäre es eigentlich zu formulieren, dass dies in der ganzen Welt ein Rätsel ist. Bei den heutigen politischen Debatten wird immer wieder ein Rückblick auf das 20. Jahrhundert geworfen. Mit Recht, wenn man sich die bedenklichen politischen Tatsachen in Europa, vor allem in Deutschland, bis Anfang 90er Jahre jenes Jahrhunderts in Erinnerung ruft. Auch das postkoloniale Afrika blieb zur gleichen Zeit nicht davon unbetroffen. Die politischen Tatsachen im postkolonialen Afrika wie in Deutschland bzw. Europa im 20. Jahrhundert haben viele Schriftsteller veranlasst, sich in ihren Werken mit der Problematik von Macht literarisch-ästhetisch auseinanderzusetzen.

Mein Arbeitsthema wird anhand von vier Romanen aus dem 20. Jahrhundert behandelt: zwei frankophonen Romanen aus der afrikanischen Literatur südlich der Sahara und zwei aus der deutschsprachigen. Es handelt dabei sich um: La vie et demie4 des kongolesischen Schriftstellers Sony Labou Tansi, En attendant le vote des bêtes sauvages5 des Ivorers Ahmadou Kourouma, Lidice6 von Heinrich Mann und Das grosse Netz7 Hermann Kasacks. Den ausgewählten Texten ist gemeinsam das Thematisieren der Legitimität von politischer Macht. In den afrikanischen Romanen wird diese Frage generell aus der Sicht der Machtelite selber, d.h. der jeweiligen Herrschenden wie ihrer unmittelbaren Gegner thematisiert. Eine solche Darstellungsperspektive kommt in der deutschen Literatur, seltener in Romanen, sondern viel eher in Dramen vor. Dramatische deutsche Texte wären jedoch mit den afrikanischen Romantexten nicht vergleichbar, zumal sie in der theoretischen Sache abgehoben wären.

Dass die Repräsentation von politischer Macht aus der Sicht der Mächtigen in der deutschen Literatur vielmehr in Dramen vorgenommen wird, wirft eine nicht unerhebliche Frage auf: Warum zeigen die deutschen Autoren gerade dann eine große Affinität zum Drama, wenn sie sich einmal mit der Problematik politischer Macht von „Oben“, d.h. aus dem Blickwinkel der Regierenden, literarisch auseinandersetzen wollen? Eine mögliche Antwort auf diese Frage suggeriert der deutsche Germanist Bernhard Spies in seinem Aufsatz zum Thema Macht in ←12 | 13→deutschen Dramen von Schiller bis Dürrenmatt8. Was die Affinität ausmacht, lässt sich schön an einer historischen Anekdote erläutern: Am 2. Oktober 1808 trifft sich der französische Kaiser Napoleon mit dem bekanntesten deutschen Klassiker in Erfurt. Bei diesem Treffen klärt der Kaiser Goethe über seine Ansichten zum Drama auf und im Speziellen über seine Ablehnung der Schicksalsdramen der französischen Klassik „wegen ihres obsoleten Begriffs vom Schicksal“9. Dabei betont er sein persönliches Verständnis vom Schicksal als keinesfalls mehr eine dem Menschen übergeordnete Instanz, sondern als etwas, das der Mensch selbst gestalten könne. Er drückt es exemplarisch-demonstrativ durch folgendes Diktum aus: „Die Politik ist das Schicksal“. Diese politische Poetologie Napoleons hat, Spies zufolge, vor allem die Dramatiker des 19. und 20. Jahrhunderts beeindruckt; allerdings weniger wegen der Überzeugungskraft jenes Diktums als vielmehr wegen „der weitreichenden Modernisierung des politischen Systems“, die sowohl die Französische Revolution als auch die Siege und Niederlagen Napoleons veranlassten10. Diese Schriftsteller versuchen, in Dramen die „Gleichsetzung von Macht und Legitimität“, die Napoleon durch seine Poetologie erkennen lässt und die ihnen zum Problem werde, zu thematisieren. Spies zählt im Zeitraum zwischen 1800 und dem Abfassen seines Artikels (2003) 127 Dramen-Titel, die an der historischen Person Napoleons das Problem der Legitimität von Macht behandeln11.

Dennoch schließt die genregemäße Nähe von Drama und Politik keineswegs aus, dass die Darstellung von Mächtigem bei der Ausübung von Macht zum Stoff von Prosatexten wird. Solche Texte – meist Novellen und Romane – sind vergleichsweise geringer an der Zahl; umso mehr fallen sie in der erzählenden Literatur als Texte auf, die nicht nur inhaltlich, sondern auch in der ästhetischen Form Außerordentliches versuchen. Das wird sich auch bei der Analyse der Romane von Heinrich Mann und Hermann Kasack zeigen.

Der Roman Lidice von Heinrich Mann weist zudem auch Gemeinsamkeiten mit weiteren deutschen Texten auf. In der Forschung wird immer wieder auf die Ähnlichkeiten von Heinrich Manns Text mit jenen literarischen Werken verwiesen. Es handelt sich dabei um das im Jahre 1941 geschriebene, aber erst 1957 ←13 | 14→in Deutschland veröffentlichtes Drama Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui von Bertolt Brecht und Lion Feuchtwangers zum ersten Mal 1936 im Querido-Verlag, in Amsterdam, erschienenen Roman Der falsche Nero. Bei Lidice und Der falsche Nero unterstreichen die Literaturkritiker die in beiden Texten stattfindende „Verwendung des Nachahmungs- und des Doppelgänger-Motivs bei der Gestaltung des Faschismus, die Darstellung von führenden Nationalsozialisten als Schauspieler“12. Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui und Lidice hätten gemeinsam die Darstellung der NS-Führer als Schauspieler. Im Zusammenhang mit Heinrich Manns Roman kommentiert Uwe Naumann das Schauspielertum im dramatischen Text Brechts folgendermaßen: „Bertolt Brecht läßt in seinem Stück ‚Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui‘ (1941) die Figur des Ui (Hitler) Unterricht von einem verarmten Shakespeare-Schauspieler nehmen – Gestik, Mimik und Stimme werden zielbewußt eingeübt, um die Menschen täuschen zu können“13.

Wie in der Formulierung meines Forschungsthemas angekündigt, wird in vorliegender Untersuchung eine vergleichende Studie durchgeführt. Sie reiht sich aus diesem Grund in das Gebiet der Komparatistik ein. Die zu analysierenden afrikanischen und deutschen Romane gehen, wie die Untersuchung zeigen wird, auf unterschiedliche Herrschaftssysteme und Erfahrungen von Machtausübung zurück. Sie weisen dennoch Berührungspunkte in der angewandten Ästhetik auf: Diese Ästhetik ist die der Skandalisierung. Die Skandalisierungsästhetik wird in der vorliegenden Analyse als ein Darstellungsverfahren verstanden, bei dem der dargestellte Gegenstand als etwas moralisch Verwerfliches, Verachtenswertes, ja als ein Unding hingestellt wird und in der Konsequenz als ←14 | 15→etwas, was nur abgelehnt werden soll. Das ist eine abstrakte Verteuflung eines Gegenstandes oder einer Person schlechthin.

Die auf der Ebene der Darstellung festgestellten Ähnlichkeiten zwischen den zu analysierenden afrikanischen und deutschsprachigen Texten lassen sich durch vergleichbare politische Bedingungen erklären, unter denen diese Texte entstanden sind. Diese Bedingungen sind analog, denn es handelt sich um Kontexte willkürlicher Herrschaft. Kontakte zwischen den behandelten afrikanischen und den deutschen Autoren lassen sich, soweit ich sehe, nicht herausstellen; auch keine Beeinflussung der Ersteren durch die Letzteren. Nirgends in ihren Interviews (siehe Literaturverzeichnis, Nr. 5), die ich gelesen habe, deuten die ausgewählten afrikanischen Schriftsteller auf die deutsche Literatur hin. Im Falle von Sony Labou Tansi wurde in der Forschung mehrfach seine Affinität mit lateinamerikanischer Literatur diskutiert (vgl. nächstes Unterkapitel und Kap. 1, Teil I) und aufgezeigt, dass er sich von dieser Literatur habe inspirieren lassen.

Aus den eben erwähnten Gründen ist der Vergleich, der in vorliegender Arbeit angestellt wird, „der typologische Vergleich“, der sich von dem „genetischen“ unterscheidet:

Werden in der wiedergegebenen Definition des typologischen Vergleichs die Ähnlichkeiten unterstrichen, so bedeutet dies allerdings nicht, dass dieses Verfahren ein kontrastives Vorgehen absolut ausschließt. Im Gegenteil: Peter Václav Zima, der österreichische Literaturwissenschaftler, der gerade zitiert wurde, einer der bekanntesten Forscher, die sich mit der Wissenschaftsgeschichte und Theorie der Komparatistik intensiv auseinandergesetzt haben, findet, „dass es auch sinnvoll ist, kontrastiv vorzugehen“15. Er theoretisiert es nicht nur, er veranschaulicht es durch ein konkretes Beispiel: Aufgrund der Vergleichbarkeit der „gesellschaftlichen und sprachlichen Bedingungen“16, unter denen sie geschrieben wurden, vergleicht er The Importance of Being Earnest von Oscar Wilde mit ←15 | 16→Hugo Hofmannstahls Der Schwierige aus typologischer Perspektive; dabei hebt er nicht nur das hervor, was beide Werke verbindet, sondern ebenso das, was sie trennt. Es ist deshalb vollkommen gerechtfertigt, wenn die vorliegende Untersuchung in ihrem Vergleichsteil auch von den Unterschieden zwischen den zu behandelnden afrikanischen und deutschsprachigen Romanen spricht.

Was ist das Ziel dieser Untersuchung? Sie thematisiert die sprachlich-ästhetische Darstellung von Machthabern sowie Machtstrukturen in den von mir ausgewählten Romanen, die zuvor genannt wurden. In diesen Texten geht es überwiegend darum, die jeweilige politische Macht als mehr oder weniger legitime, d.h. mit den vorausgesetzten Prinzipien gerechter Machtausübung konforme oder von diesen abweichende Macht zu schildern. Außerdem geht es in dieser Arbeit nicht nur um die Analyse sprachlich-ästhetischer Aspekte der literarischen Darstellung, sondern auch um die Ermittlung von inhaltlichen Varianten, die sich bei der Darstellung des Gegensatzes zwischen dem Ideal gerechter Machtausübung und der jeweils vorgestellten historischen Macht bzw. Mächtekonstellation herausbilden.

Um dieses Ziel zu erreichen, wird in der Untersuchung folgendem Fragenkomplex nachgegangen: Mit welchen sprachlich-ästhetischen Mitteln und mit welchen darstellerischen Strategien werden die Machthaber und Machtstrukturen in den ausgewählten Texten geschildert? Welche sind die Wahrnehmungs- und Bewertungsperspektiven, in welche die ausgewählten Romane die jeweils historisch gegebene politische Macht stellen? Die Machtinhaber berufen sich auf (moderne) Legitimitätsprinzipien, um ihre Macht bzw. Gewalt zustimmungsfähig zu machen: Welche sind diese und wie bewerten sie die Verfasser? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es in der Repräsentation von politischer Macht sowie deren Wahrnehmung zwischen den ausgewählten afrikanischen und deutschsprachigen Werken und worin liegen diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Dabei werden aber die jeweiligen Sprach- und Kulturkreise nicht getrennt behandelt.

Die bereits vorliegenden Analysen zu den ausgewählten Erzählwerken haben teilweise auch die inhaltlich-politischen Aspekte angeschnitten. Freilich haben sie die ästhetische Schilderung von Machthabern und Machtstrukturen nur wenig oder nicht angesprochen. Zudem wurde die Legitimitätsfrage auch nicht thematisiert. Diese Untersuchung hingegen behandelt die Frage nach der Legitimität von Macht als das inhaltliche Gravitationszentrum der zu analysierenden Romane. Obendrein soll sie einen Beitrag zur Diskussion über die zeitlose Thematik von politischer Macht leisten.

2 Zur Forschungssituation

In diesem Unterkapitel werden die bereits vorliegenden Untersuchungen zu den zu analysierenden Romanen (La vie et demie Sony Labou Tansis, En attendant le vote des bêtes sauvages von Ahmadou Kourouma, Heinrich Manns Lidice und Das grosse Netz von Hermann Kasack) vorgestellt. Der Bericht über diese Abhandlungen verfolgt zweierlei Zwecke: Zum einen wird dadurch ein (wiewohl nicht vollständiger) Überblick über die Forschung zu den ausgewählten Texten verschafft; zum anderen ermöglicht er es, den eigenen Beitrag davon abzugrenzen.

In der frankophonen afrikanischen Literatur hat Sony Labou Tansi bislang einen wichtigen Platz eingenommen. Sein Eingang in diese Literatur war aufsehenerregend: Seine Schreibweise hatte sich von der damals dominanten vollkommen abgehoben. Patrice Nyembwe Tshikumambila fasst deren Hauptmerkmale wie folgt zusammen:

Biographische Angaben

Nanka Anatere (Autor:in)

Nanka Anatere, Studium der Germanistik in Lomé (Togo); Stipendiat des DAAD; Gymnasiallehrer für Deutsch und Lehrbeauftragter in der Deutschabteilung in Lomé; DaF/DaZ-Kursleiter in Mainz, Boppard (Deutschland); Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und Promotion 2017 an der Universität Mainz

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Titel: Ästhetische Modellierung von politischer Macht in der Literatur