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Die Ethik der Widersetzlichkeit

Theoretische und literarische Transformationen der Antigone

von Ines Böker (Autor:in)
Dissertation 286 Seiten

Zusammenfassung

Von der Antike bis in die Gegenwart partizipiert die Antigone an disparaten Denkmodellen geschlechtlicher, verwandtschaftlicher und ethisch-moralischer Konzepte. Aus literatur-und kulturwissenschaftlicher Perspektive betrachtet, lassen sich die Konstruktionen dieser Konzepte kritisch hinterfragen. Ines Böker untersucht die Entstehungsmöglichkeiten, Wandlungsprozesse und (kritischen) Implikationen von Antigone-Transformationen in dem Spannungsfeld der vielschichtigen theoretischen und literarischen Rezeptionsgeschichte. Trotz unterschiedlicher Positionen enthüllen die Untersuchungen der Antigone-Transformationen das, was die Antigone selbst aktiv gestaltet: Die Ethik der Widersetzlichkeit.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung: Antigone „in offner Widersetzlichkeit ergriffen“
  • 1. Theoretische Grundlagen und Forschungspositionen
  • 1.1 Theoretische Prämissen einer ‚Arbeit am Mythos‘
  • 1.2 Theoretische Prämissen und Rahmenbedingungen der attischen Tragödie
  • 1.3 Positionen der Forschung zu Sophokles’ Antigone
  • 2. Analysekategorien und Methodik
  • 2.1 Topographien und Transgressionen im Kontext ethischer Fragestellungen
  • 2.2 Räume, Grenzen und Transgressionen im literarischen Text
  • 2.3 Transformationskonzept
  • 3. Theoretische Transformationen in Judith Butlers Antigone’s Claim
  • 3.1 Judith Butlers ‚kinship trouble‘
  • 3.2 Transformationen: Hegel – Lacan – Butler
  • 4. Untersuchung der Antigone im Kontext der Forschungsperspektiven
  • 4.1 Transgressionen in Sophokles’ Antigone
  • 4.2 Geschlechterverhältnisse
  • 4.3 Verwandtschaftsverhältnisse
  • 4.4 Bestattungsverbot und rituelle Bestattung
  • 4.5 Figuren der Trauer
  • 4.6 Der weibliche Tod – Eine Einordnung
  • 4.7 Transgressionen der Grenze zwischen Leben und Tod
  • 4.8 Transgressionen und Transformationen
  • 5. Untersuchung der literarischen Transformationen
  • 5.1 „Die ganze ‚Antigone‘ gehört auf die barbarische Pferdeschädelstätte“ Bertolt Brechts Antigone des Sophokles
  • 5.2 „Die getreue Antigone“ und die geschichtstheologische Konzeption in Elisabeth Langgässers Der Torso
  • 5.2.1 Sprachpessimismus in Langgässers „Schriftsteller unter der Hitlerdiktatur“
  • 5.2.2 „Die getreue Antigone“ im Hortus Conclusus
  • 5.2.3 Nivellierung von Freund und Feind
  • 5.3 Von der Unmöglichkeit der Möglichkeit in Grete Weils Meine Schwester Antigone
  • 5.3.1 Antigone als Reflexionsfigur
  • 5.3.2 Grete Weils Meine Schwester Antigone und Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft
  • 5.3.3 Stigmatisierungen
  • 5.4 Antigone-Transformationen
  • 6. Schlussbetrachtung: „Die Arbeit am Mythos kennt den Sabbat einer rückblickenden Feststellung nicht“
  • Siglenverzeichnis
  • Literaturverzeichnis

Einleitung: Antigone „in offner Widersetzlichkeit ergriffen“

Voll Abscheu aber laß nun einer Feindin gleich,

dies Mädchen sich im Hades gatten irgendwem!

Denn da ich sie in offner Widersetzlichkeit

ergriffen hab’ als einzige aus der ganzen Stadt,

will ich nicht als ein Lügner vor den Bürgern stehn.

Sie sterbe!

(Sophokles: Antigone V. 653f.)1

Die Antigone des Sophokles verhandelt das Thema der Widersetzlichkeit, welche die mythologische Figur Antigone – Tochter aus der prominenten inzestuösen Verbindung von Ödipus und seiner Mutter Jokaste – ihrem Onkel Kreon – dem neu eingesetzten Herrscher von Theben – entgegenbringt. Widersetzlich erscheint jedoch nicht nur die Figur Antigone innerhalb der gleichnamigen sophokleischen Tragödie. Es ist zudem das Signum der langen, umfangreichen, diskursiv breit gefächerten und mitunter bemerkenswert disparaten theoretischen und literarischen Rezeptionsgeschichte der berühmten sophokleischen Antigone, dass diese sich ihren Interpretationen immer wieder entzieht und widersetzt, jedoch unentwegt herangezogen, neu gedeutet und entsprechend transformiert wird. Changierend bis paradox bewegt sich die Antigone durch ihre Rezeptionsgeschichte und wird vor dem Hintergrund des Spannungsfeldes abweichender Erkenntnisinteressen über große historische Zeiträume hinweg in diversen Disziplinen und Diskursen erforscht und (neu) bearbeitet.2 Als ein ←9 | 10→gemeinsamer Nenner für die unterschiedlichsten theoretischen und literarischen Rezeptionen der Antigone erscheint jedoch zumeist eine enge Verbindung zu ethisch-moralischen Fragestellungen.

Pointiert nimmt Jacques Lacan in seinem ausführlichen Kommentar zur sophokleischen Antigone in „Der Glanz Antigones“ im Rahmen seines Seminars Die Ethik der Psychoanalyse in den Jahren 1959 bis 1960 eben den Aspekt einer ethischen Akzentuierung in der disparaten Rezeptionsgeschichte in den Blick und reklamiert:

Nicht wir sind’s, die durch irgendein Dekret Antigone zu einem Wendepunkt in unserem Thema, der Ethik, erklären. Man weiß das schon recht lange. Und selbst die, die es nicht bemerkt haben, ahnen wohl, daß das irgendwo in der Diskussion der Gelehrten existiert. Wer hat sich nicht alles auf Antigone berufen immer dann, wenn es um einen Konflikt geht, der eine Zerreißprobe ist für unser Verhältnis zu einem Gesetz, das sich im Namen der Gemeinschaft als gerechtes Gesetz darstellt.3

Bezüglich der „Diskussion der Gelehrten“, in die sich Lacan mit „Der Glanz Antigones“ einmischt, formuliert er: „Es sind schon recht seltsame Ansichten, die da im Laufe der Zeiten unter der Feder der Größten sich herausgebildet haben.“4

Das grundlegende Interesse der vorliegenden Untersuchung gilt dieser verschränkten ‚Widersetzlichkeit‘ in den Transformationsprozessen der sophokleischen Antigone auf dem Feld ethischer Fragestellungen. Zentral ist hierbei die Frage nach den Bedingungen der Entstehungsmöglichkeiten einer offensichtlichen Kluft zwischen den Verständnis- und Deutungsebenen. Ein anschauliches Tableau disparater Deutungen der Antigone-Figur liefert Grete Weil in ihrem Roman Meine Schwester Antigone: „Von ihrem blumenhaften Wesen wird gesprochen, von der leidenschaftlich einseitig vorstoßenden Täterin, der Schwesterlichsten der Seelen, der Bacchantin des Todes, der großen Gestalt des Widerstandes.“5 An diesem kurzen Zitat lassen sich bereits wesentliche Aspekte veranschaulichen, die in der Analyse der literarischen und theoretischen Antigone-Rezeption virulent werden: Zunächst eröffnet die intertextuelle Bezugnahme, in der sich Euripides’ Phönizierinnen, Goethes Euphrosyne, Brechts Antigone des Sophokles und Antigone-Deutungen von Karl Kerényi und ←10 | 11→Wolfgang Schadewaldt finden6, das sehr breite Spektrum literarischer und theoretischer Antigone-Rezeptionen. Wenngleich das Referenzobjekt dabei grundlegend die Antigone-Figur ist, evozieren die benannten Rezeptionsbeispiele erheblich ungleichartige Ausformungen der Figur.

Innerhalb der Forschungsliteratur zu Sophokles’ Antigone gilt der Satz Hellmut Flashars, der herausstellt: „Die Nachwirkung der Antigone ist unermeßlich.“7 Beispielhaft wird dieser Befund an der umfassenden und breit angelegten Rezeptionsstudie Die Antigonen. Geschichte und Gegenwart eines Mythos von George Steiner ersichtlich.8 Als den „Mittelpunkt“ seiner Studie bezeichnet Steiner den „Versuch einer Antwort auf die Frage, woher es wohl kommt, daß eine Handvoll altgriechischer Mythen noch immer unser Bewußtsein von uns selbst und von der Welt beherrscht und ihm lebendige Gestalt verleiht.“9 Er fragt explizit: „Warum sind die ‚Antigonen‘ wahrhaft éternelles, warum berühren sie die Gegenwart unmittelbar?“10 Für die sophokleische Antigone arbeitet Steiner heraus, dass in dieser „alle Hauptkonstanten des Konflikts in der menschlichen Existenz“, die er mit der „Konfrontation zwischen Männern und Frauen; zwischen Alter und Jugend; zwischen Gesellschaft und dem Individuum; zwischen den Lebenden und den Toten; zwischen Menschen und Gott/Göttern“ benennt, ←11 | 12→enthalten sind.11 Steiner begründet damit die Beständigkeit und anhaltende Geltung der sophokleischen Antigone durch die elementaren anthropologischen Konflikte menschlicher Existenz, wobei er in seinen Rezeptionsanalysen herausarbeitet, dass diese vor dem jeweiligen historischen Hintergrund neu bearbeitet und an die aktuelle Situation angepasst werden. Den Aspekt einer solchen ‚Neubeleuchtung‘ betont auch Walter Jens, der grundlegend für die Rezeptionsgeschichte antiker Mythenfiguren herausstellt, dass die „[i];mmer wieder […] gleichen Figuren, die Jahrhunderte überdauerten“, wie dies auch für Antigone gilt, „sich mit jeder neuen Welt- und Selbsterfahrung in neuer Beleuchtung zeigen.“12 An diese Prämissen knüpft die vorliegende Studie an, erweitert diese jedoch, indem davon ausgegangen wird, dass nicht nur die von Steiner in seinen Analysen der ‚Antigonen‘ als zentral gesetzten inhaltlichen Aspekte der Konflikte, sondern ebenso zentrale poetische Bilder und Darstellungsformen der sophokleischen Antigone, die die zeitgenössischen „elementare[n] Orientierungsprobleme“13 der attischen polis vermitteln, bestimmend für das Fortleben der Antigone erscheinen und ihre Rezeption entscheidend beeinflussen. Während Steiners Studie in der nachhaltigen aristotelischen Tradition der Vorrangstellung der Handlung steht, wird die attische Tragödie hier in Anlehnung an Susanne Gödde in einer differenzierteren „Spezifität“ begriffen, für die Gödde herausstellt, dass im „Mittelpunkt [des attischen Dramas] eben nicht, zumindest nicht ausschließlich, die dramatische Aktion und der unmittelbare Konflikt stehen.“14 Vielmehr geht es um eine komplexe Beziehung von Handlungsgefüge und Darstellungsformen, in der die Tragödie ihre Wirkkraft entfaltet.15

Als weitreichende methodische Prämisse gilt in diesem Zusammenhang, dass „der kulturelle Kontext, in dem die Tragödie angesiedelt ist und den sie reflektiert, in […] dieser Verfaßtheit vermittelt wird“ und in der attischen Tragödie ←12 | 13→somit „außerliterarische Gesetzmäßigkeiten ihren verdichteten und transformierten Niederschlag finden.“16 Vor diesem Hintergrund soll die sophokleische Antigone in Wechselwirkung mit ihrer Rezeption auf die Implikationen der Darstellungsformen einer Widersetzlichkeit der Figur Antigone im Gefüge der jeweiligen außerliterarischen Gegebenheiten untersucht werden. So kann die Untersuchung die verzweigten Zusammenhänge der Ästhetik mit ethischen Fragestellungen näher entfalten. Den möglichen moralischen Antworten, die der sophokleischen Antigone im Verlauf der Rezeptionsgeschichte attestiert werden, muss sich eine derartige Herangehensweise entziehen, da die Ebene des Ethischen sich nicht in Handlungsanweisungen erschöpft. In diesem Sinne wird die antike Tragödie grundlegend nicht als Ausdruck anthropologischer Wertmaßstäbe, sondern vielmehr als Prüfstand von Möglichkeiten begriffen.

Mit diesen Voraussetzungen wird ebenfalls nach den mythentheoretischen Implikationen der Antigone-Rezeptionen gefragt.17 Als wesentliche Prämisse gilt in diesem Zusammenhang, dass der Mythos von einer ihm innewohnenden Offenheit geprägt ist und damit zum „Durchspielen und Durcharbeiten von Handlungsmöglichkeiten“ auffordert, wie dies Renate Schlesier in Faszination des Mythos: Studien zu antiken und modernen Interpretationen herausstellt.18 Die Basis der folgenden Untersuchungen der mythologischen Figur Antigone in ihren Transformationsprozessen bilden dabei insbesondere die mythentheoretischen Forschungsarbeiten von Hans Blumenberg.19 Blumenbergs einflussreiche ←13 | 14→Theorie einer ‚Arbeit am Mythos‘ ist für die vorliegende Studie bereits insofern von Interesse, als dass Blumenberg den Mythos als „immer schon in Rezeption übergegangen“ markiert: „Das Ursprüngliche bleibt Hypothese, deren einzige Verifikationsbasis die Rezeption ist.“20 In den folgenden Untersuchungen werden sowohl die sophokleische Antigone als auch ihre Rezeption als ‚Arbeit am Mythos‘ offengelegt.

Für die tief greifenden Veränderungen im Athen des fünften Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung registriert der Althistoriker Christian Meier eine besondere Situation, welche „die herkömmlichen Gewohnheiten, Denk- und Auffassungsweisen und die moralischen Maßstäbe (und Grenzen) des Handelns“ verunsicherte.21 Meier stellt das Problem einer sich als unzureichend erweisenden „Urteilsbasis des bisherigen Nomologischen Wissens“ für alle Bereiche der damaligen Lebensbedingungen heraus und markiert die attische Tragödie als Spielfeld der Aushandlung dieser Orientierungslosigkeit.22 Wird die sophokleische Antigone somit als Gestaltung ethischer Relationen auf dem Feld prekärer zeitgenössischer Verhandlungen begriffen, muss diese wesentliche Dimension in dieser Untersuchung ihren Niederschlag finden. Zu diesem Zweck soll eine Dynamisierung der Rezeptionsanalyse erfolgen, die zu dem für die vorliegende Arbeit grundlegenden ‚Tranformationskonzept‘ führt, welches „[m];it dem Begriff der Allelopoiese […] programmatisch erklärt, dass es keine konstanten Entitäten gibt, die sich im Lauf der Geschichte identisch behaupten würden.“23 Dass „Ausgang und Ergebnis von Transformation […] vielmehr als sich wechselseitig hervorbringende Elemente zu verstehen“ sind, „die durch die jeweiligen Kontexte der Referenz- und Aufnahmekultur bedingt sind“, genau darin besteht, nach Hartmut Böhme, jenes fruchtbare Potenzial der Transformationsforschung im allelopoietischen Sinne.24 Der eigens von dem Berliner Sonderforschungsbereich ←14 | 15→‚Transformationen der Antike‘ für diese Herangehensweise gefügte Begriff der Allelopoiese (allelon = gegenseitig und poiesis = Herstellung, Erzeugung)25 verweist bereits wörtlich auf den damit wechselseitig geöffneten Prozess, in dem auch die „Vergangenheit erst im Effekt ihrer Transformation gebildet, modelliert, verändert, angereichert, aber auch negiert, verfemt, vergessen oder zerstört“ wird.26 So können Bedeutungsschichten, welche sich erst nachträglich auf unser Verständnis der Figur Antigone, ihre ethisch-moralische Ausdeutung und auf die Transformationen gelegt haben, offengelegt werden.

Im Rahmen eines so umfassenden Feldes scheint eine offenbare Komplexitäts- und Reduktionsproblematik auf. Um der angestrebten Transformationsanalyse der sophokleischen Antigone auf dem Feld ethischer Fragestellungen gerecht werden zu können, muss eine systematische Konstellierung auf verschiedenen Ebenen erfolgen, die im Folgenden entwickelt und dargelegt wird.

Zentrale Aspekte der aktuellen theoretischen Auseinandersetzung mit der sophokleischen Antigone sind geschlechtliche, verwandtschaftliche und ethisch-moralische Konzepte. Die Untersuchung der Transformationen dieser Konzepte in der Rezeption der Antigone bildet den Kern der vorliegenden Studie. Insbesondere im Bild der Überschreitung der Grenze zwischen Leben und Tod, die in der Antigone durch das zentrale Thema des Bestattungsverbots mehrfach unterschiedlich inszeniert wird, setzt Sophokles die Problematik von Verortungen innerhalb der benannten Konzepte poetisch um, und augenscheinlich erscheinen gerade diese Überschreitungen und Verortungen in der Rezeptionsgeschichte virulent und fordern zu einer weiteren Transformation der Konzepte auf. Dieser Beobachtung entsprechend werden die Darstellungsformen von Topographien und Transgressionen in der Analyse der sophokleischen Antigone und in den Transformationen ihrer Rezeptionsgeschichte fokussiert. Die zentralen Konzepte und Beobachtungsschwerpunkte sollen hier zunächst in einem ersten Schritt herauskristallisiert werden.

Opponiert eine Jungfrau auf der Bühne der attischen Tragödie des fünften vorchristlichen Jahrhunderts öffentlich auf dem politischen Feld gegen den souveränen Herrscher des Landes, so ist hiermit die offensichtliche und herausragende Überschreitung einer festgeschriebenen Handlungsmöglichkeit angesprochen. Dies steht der eigentlichen Verortung der Frau im Gefüge der antiken Gesellschaft – die in der Bezugnahme auf historische Forschungsperspektiven aufzuzeigen und zu untersuchen sein wird – diametral entgegen. Warum bricht ←15 | 16→die Tragödie mit dem (scheinbar) sorgsam gepflegten Ideal der aus der öffentlichen und politischen Sphäre ausgeschlossenen Frau? Welche Bedeutung kommt der Darstellung räumlicher Einteilungen zu, wenn die Heldin prominent auf der Bühne der Akropolis – dem bedeutsamen Repräsentationsort attischer Macht – in Erscheinung tritt und dabei akzentuiert einen öffentlichen Ort für ihre Rede beansprucht? Der Spur einer derartigen Topographie und Transgression folgend wird sich zeigen, dass das Geschehen der Antigone und die Darstellung der Figur Antigone und der weiteren dramatis personae in mehrfacher Hinsicht durch die Ausgestaltung topographischer Ordnungen strukturiert sind, zugleich jedoch eine Gegentendenz wirksam ist, indem die Überschreitung dieser Ordnungen unterschiedlich inszeniert wird. Im Moment der Transgression öffnet sich in der Tragödie im dramatischen Akt ein Handlungsraum, der durch seine eigene Unmöglichkeit paradoxal erscheint. Es gilt also in der Lektüre auf diese Handlungsräume und ihre Grenzziehungen zu achten. Hierfür bietet sich zunächst an, zu analysieren, worauf Antigone zustrebt und wovon sie sich entfernt, beziehungsweise wie sie auf dem Spielfeld der Tragödie bewegt wird. Ebenso sind die aktiven und passiven Verortungen und Handlungen der anderen dramatischen Figuren dazu in Beziehung zu setzen, um die solchermaßen produzierten, strukturierten und gleichsam (de-)konstruierten Ordnungen sichtbar zu machen. Bei einer oberflächlichen Betrachtung stechen in der sophokleischen Antigone bereits von vornherein bestimmte Darstellungen wirkmächtiger Verortungen und Ein- beziehungsweise Ausgrenzungen – zu denken sei an das Felsengrab außerhalb der Stadt, in welches Kreon Antigone zur Bestrafung ihres Aufstandes einsperren wird – ins Auge. Hiervon ausgehend soll ein weiteres und differenziertes ‚Verortungs- und Grenzgefüge‘ in seiner Vielschichtigkeit erschlossen und auf seine Wechselwirkung innerhalb der weiteren Rezeption untersucht werden. Und bereits in der folgenden knappen Darstellung der Handlung der sophokleischen Antigone fällt auf, dass Verortungen und räumliche Ordnungen auf das Engste mit Aspekten ethisch-moralischer, verwandtschaftlicher und geschlechtlicher Handlungs(un)möglichkeiten verknüpft sind.

Die Handlung der sophokleischen Antigone setzt zu dem Zeitpunkt ein, an dem Die Sieben gegen Theben des Aischylos endet, nämlich nachdem Eteokles und Polyneikes, die beiden Brüder Antigones, sich gegenseitig im Kampf um die Herrschaft über Theben getötet haben.27

←16 | 17→

Aus dem Tor des thebanischen Palastes getreten, berichtet Antigone ihrer Schwester Ismene von dem Bestattungsverbot, welches ihr Onkel und Vormund Kreon, der neu eingesetzte Herrscher Thebens, über den Leichnam ihres Bruders Polyneikes erlassen hat, da er diesen als Vaterlandsverräter ansieht. Während Eteokles in der polis ehrenvoll bestattet wurde, soll Polyneikes’ Leiche vor den Toren der Stadt offen verbleiben. Antigone will sich über dieses Verbot hinwegsetzen und die rituelle Bestattung ihres Bruders vollziehen. Ismenes Wunsch, dem Gebot Kreons zu folgen oder zumindest die Bestattung geheim zu halten, wie es der Anpassung an die herrschende Ordnung in geschlechtsspezifischer und politischer Perspektive entspricht, stößt bei Antigone auf beharrlichen Widerstand. Antigone bestattet ihren Bruder rituell ordnungsgemäß durch das symbolische Bestreuen mit Erde außerhalb der Mauern Thebens. Nachdem Polyneikes’ Leichnam wieder freigelegt wird, bestattet sie ihn noch einmal und wird dabei durch die eingesetzten Wächter ergriffen. Als Antigone, als Täterin angeklagt, vor Kreon geführt wird, vertritt sie vehement und öffentlich ihren Standpunkt. Sie beruft sich in ihrer Widersetzlichkeit gegen den Befehl des Herrschers auf die „ungeschriebene[n];, ewige[n], göttliche[n] Gesetze“ (SA V.454f.). Haimon, Kreons Sohn und Antigones Verlobter, versucht Kreon von einer Verurteilung Antigones abzubringen, doch dieser beharrt auf seinem Erlass und verkündet, dass Antigone „draußen, wo sich keines Menschen Spur mehr zeigt“ (SA V.773), lebendig im Felsengrab verborgen werden soll. Bevor Antigone in das Felsengrab, welches sie als ihr „Brautgemach“ (SA V.890) bezeichnet, geführt wird, proklamiert sie in direkter Ansprache an ihren Bruder Polyneikes:

[…] weil ich, Polyneikes, jetzt

auch deinen Leib bestattet’, ernt’ ich solchen Lohn.

Doch für die Rechtgesinnten ehrte ich dich recht.

Denn niemals hätt’ ich, wenn ich Kindern Mutter ward,

noch wenn ein toter Gatte mir hinmoderte,

den Bürgern trotzend solches Leid mir auferlegt.

(SA V.902ff.)

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Schließlich kann der Seher Teiresias Kreon doch noch zu der Abkehr von dem Bestattungsverbot und der Verurteilung Antigones überzeugen. Kreon begibt sich zunächst „zum Rand des Feldes, wo noch immer grauenhaft zerfleischt von Hunden Polyneikes’ Leichnam lag“ (SA V.1197f.) und lässt eine rituelle Bestattung mit „heimischer Erde“ (SA V.1203) vollziehen. Als er anschließend in der Felsengruft ankommt, in der sich Antigone bereits das Leben genommen hat, findet er dort auch seinen Sohn Haimon vor. Dieser beklagt den Tod Antigones sowie „des Vaters Tat“ (SA V.1224) und begeht Selbstmord. Mit seinem toten Sohn in den Armen kehrt Kreon zum Palast zurück. Dort hat sich seine Frau Eurydike, da sie durch einen Botenbericht über den Tod ihres Sohnes in Kenntnis gesetzt wurde, ebenfalls umgebracht. Angesichts dieser akkumulierten Selbstmorde in seinem engsten Familienkreis beklagt Kreon: „Ich bin ja nicht mehr, nicht mehr als ein Nichts.“ (SA V. 1325)

Diese Darstellungen des dramatischen Konflikts partizipieren an den weiteren Modellierungen geschlechtlicher, verwandtschaftlicher und ethisch-moralischer Konzepte in unterschiedlichen Diskursen. Für die Analyse der entsprechenden Transformationen ist zunächst eine systematische Entfaltung der theoretischen Prämissen, der Entstehungsbedingungen und der unterschiedlichen Positionen der Forschung erforderlich.

Wesentliche Aspekte der Mythentheorie und Tragödientheorie, die als Basis der folgenden Analysen gelten, werden im ersten Kapitel dieser Arbeit dargelegt und mit dem kulturellen Kontext des fünften vorchristlichen Jahrhunderts in Athen verschränkt. In diesem Zuge werden darüber hinaus wichtige exemplarische Positionen der Antigone-Forschung herangezogen.

Biographische Angaben

Ines Böker (Autor:in)

Ines Böker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik an der Universität Paderborn. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Antiken- und Mythenrezeption, Intermedialität, kulturanthropologische und ethische Aspekte der Ästhetik.

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