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Kulturelle Übersetzungsprozesse zwischen indigenen Traditionen und der Moderne in Ecuador

von Judith Antonia Eiring (Autor:in)
Dissertation 392 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • 1. Moderne und Tradition in Lateinamerika
  • 1.1 Begriffsabgrenzung
  • 1.2 Der Weg Lateinamerikas
  • 1.3 Ein- und Ausgang in die und aus der Moderne: Néstor García Canclini
  • 2. Kulturelle Übersetzungsprozesse
  • 2.1 Am Scheidepunkt der Kulturen: Interkulturalität, Multikulturalität und Transkulturalität
  • 2.2 Translation und Kultur
  • 2.3 Kulturelle Anthropophagie: Der Ansatz von Oswald de Andrade
  • 2.4 Übersetzung von Kulturen?
  • 3. Indigene Vergangenheit, Gegenwart als Verhandlungsraum, gemeinsame Zukunft
  • 3.1 Die indigene Bevölkerung als Entwicklungshemmnis?
  • 3.1.1 Indigene Gruppen und Lebensräume
  • 3.1.1.1 Von kultureller und ethnischer Vielfalt
  • 3.1.1.2 Beispielhafte Betrachtung dreier autochthoner Nationalitäten
  • 3.1.2 Rückschritt, Stillstand, Fortschritt
  • 3.2 Verbindung von indigenen Traditionen und Moderne – Ein Widerspruch?
  • 3.2.1 Zwischen Diskriminierung, Wertschätzung und indigener Justiz
  • 3.2.1.1 Die Rolle der „Anderen“ beim Rassismus
  • 3.2.1.2 Indigene und staatliche Justiz – ein lösbarer Konflikt?
  • 3.2.1.3 Die Bedeutung des Geschlechts für die autochthone Rechtsprechung
  • 3.2.2 Beispiele der Annäherung
  • 3.2.2.1 Indigene Präsenz in Medien und Kommunikationsmitteln
  • 3.2.2.2 Kulturelles Miteinander
  • 3.3 Die Rolle der indigenen Frau
  • 3.3.1 Die diskriminierten Kulturhüterinnen
  • 3.3.2 Der Einfluss von Politik und Bildung auf autochthone Frauen
  • 3.3.3 Die neuen (Führungs-)Positionen indigener Frauen in ihren Institutionen
  • 4. Koloniale und postkoloniale kulturelle Übersetzung
  • 4.1 Das „gute Leben“
  • 4.1.1 Konsequenzen eines gesamtgesellschaftlichen Ansatzes
  • 4.1.1.1 Von der Verfassung und indigenen Erfahrungen
  • 4.1.1.2 Stimmen von und über Indigene
  • 4.1.2 Bilingualismus – Ein Recht auf Muttersprache?
  • 4.1.2.1 Die Rolle des Kichwa im Bildungssystem
  • 4.1.2.2 Spracherwerb und -gebrauch
  • 4.2 Identitätsentwicklung durch Verhandlung mit dem „Anderen“
  • 4.2.1 Urbanisierung und territoriale Reintegration
  • 4.2.1.1 Indigene Identitäten zwischen Stadt und Land
  • 4.2.1.2 Autochthoner Alltag im urbanen Umfeld
  • 4.2.1.3 Von der Koexistenz von Traditionellem und Modernen
  • 4.2.1.4 Die Rolle der indigenen Intellektuellen
  • 4.2.2 Der Markt als Ort des Kulturdialogs
  • 4.2.2.1 Von Transformation und Dynamik
  • 4.2.2.2 Zwischen Vermarktung und Verhandlung des „Eigenen“ und des „Fremden“
  • 5. Eine neue Logik kultureller Übersetzung
  • 5.1 Stellenwert von Individuum und Gruppe
  • 5.1.1 Von Identität und gemeinschaftlichem Individualismus
  • 5.1.1.1 Veränderungen in der autochthonen Identitätsbildung
  • 5.1.1.2 Traditionelle Werte und aktueller Wandel des autochthonen Kollektivismus
  • 5.1.2 Politik – Chancen und Folgen
  • 5.1.2.1 Indigene Institutionen – ihre Gründung und ihr Umbruch
  • 5.1.2.2 Aktuelle Veränderungen in den autochthonen Gemeinden, Organisationen und der Verfassung
  • 5.1.2.3 Von der konfliktreichen Beziehung zwischen indigenen Organisationen und der Regierung Rafael Correas
  • 5.1.2.4 Autochthone Stimmen zur CONAIE, Pachakutik und Regierung
  • 5.2 Von Pachamama bis Umweltschutz
  • 5.2.1 Naturmedizin – (wieder) modern
  • 5.2.1.1 Die Bedeutung der Umwelt für die autochthone Bevölkerung
  • 5.2.1.2 Unterschiede und Gemeinsamkeiten indigener Bedürfnisse
  • 5.2.1.3 Hybridität in Ökologie und Ökonomie
  • 5.2.2 Tourismus als Entwicklungsalternative
  • 5.2.2.1 „Folklorisierung“ oder kulturelle Aufwertung?
  • 5.2.2.2 Von konkreten Tourismuserfahrungen in indigenen Gemeinden
  • 5.2.2.3 Diversität im und durch den Tourismus
  • Resümee und Ausblick
  • Nachtrag Präsidentschaftswahl in Ecuador
  • Quellenverzeichnis
  • Abbildungsverzeichnis
  • Anhang
  • 1. Tabelle 1: Geführte Interviews
  • 2. Transkription der wesentlichen Inhalte der Interviews
  • Bildmaterial

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Einleitung

Üblicherweise glauben wir, dass wir Menschen sehr verschieden sind – die Leser dieser Zeilen, die Leute in diesem Land, die Menschen auf der Welt insgesamt. Aber im Grunde sind wir alle – weltweit – erstaunlich ähnlich. Jedenfalls genetisch. Die genetischen Unterschiede zwischen den Menschen auf der ganzen Welt sind weitaus kleiner als die innerhalb einer beliebigen frei lebenden Schimpansenpopulation in Afrika, deren Verbreitung auf 40 km2 beschränkt sein mag. Das hat zwei Ursachen: Erstens ist Homo sapiens eine relativ junge Spezies. Wir stammen alle von einer afrikanischen Eva ab, die vor ca. 150 000 Jahren lebte – insofern stand für genetische Variantenbildung nur wenig Zeit zur Verfügung. Und zweitens endete dieses Zeitfenster schon vor ca. 40 000 Jahren. Bis dorthin hatte sich die menschliche Natur herausgebildet, die noch heute so ist wie damals. Bis dorthin also erstreckte sich die Periode, welche die grundlegende (genetische) Gleichheit der Menschen bewirkt hat. Dann aber begann eine zweite Periode, die nun durch Differenzbildung gekennzeichnet war – freilich durch die Bildung nicht genetischer, sondern kultureller Differenzen. (Welsch 2010: 16)

Wir Menschen sind uns – zumindest genetisch – sehr ähnlich. Unterschiede bestanden lange Zeit hauptsächlich in kulturellen Charakteristika (ibid.). Dadurch konnten sich bestimmte Gruppen voneinander abgrenzen, auf Überlegenheit pochen oder sich andere Menschen zu Untertanen machen. Die Zeit kultureller Differenzbildung scheint jedoch langsam vorüberzugehen. Durch Globalisierung und den internationalen Austausch nähern wir uns einander immer weiter an (ibid.). Trotzdem gibt es noch Ethnien bzw. Bevölkerungsgruppen, die nicht selten als zurückgeblieben bzw. als Entwicklungshindernis für „moderne“ westlich geprägte Länder angesehen werden, wie die indigenen Völker Südamerikas. Durch ihre z.T. traditionelle Lebensweise werden sie als rückschrittlich und unterentwickelt abgestempelt. Doch weisen autochthone Gemeinden heute durchaus moderne Komponenten in ihrer Kultur auf. Der Fragestellung, wie indigene Gemeinschaften und Individuen moderne Elemente in ihre traditionellen Strukturen integrieren, soll in dieser Dissertation nachgegangen werden. Die Antwort, so viel schon einmal vorweg, liegt in kulturellen Übersetzungsprozessen.

Der innovative Ansatz, moderne Elemente in der indigenen Lebenswelt aufzuzeigen und zu beleuchten, wie Modernes in die eigene kulturelle Wirklichkeit einbezogen bzw. modifiziert und übersetzt wird, ist z.B. für die Zusammenarbeit auf internationaler Ebene von großer Bedeutung. Für die vorliegende Arbeit ergab die Auseinandersetzung mit Literatur, die vorrangig aus Lateinamerika selbst stammt, und die Feldforschung vor Ort ein tief greifendes Bild über die ←13 | 14→aktuelle Situation kultureller Übersetzungsprozesse in Ecuador. Dabei wurde nicht nur auf Gedankengut der Kulturwissenschaft zurückgegriffen, sondern auch auf Konzepte aus der Übersetzungswissenschaft. Diese neuartige Verbindung ermöglichte einen profunden Zugang zur komplexen Thematik.

Forschungsprojekt

Im Rahmen eines im Zeitraum 2015–2017 durchgeführten Forschungsvorhabens wurde als ein Schwerpunkt die Lebenssituation der indigenen Bevölkerung von Ecuador direkt vor Ort untersucht. Sie wird in diesem Themenbereich jedoch sinnvollerweise in ihrer Interdependenz und ihrem Austausch mit dem nicht indigenen Gesellschaftsteil gesehen, sodass der Radius des Forschungsgegenstands in gewissem Rahmen erweitert wird. Neben ethnischen Strukturen werden auch die Termini Moderne und Tradition mit ihren für diese Arbeit relevanten Komponenten beleuchtet. Die Abgrenzung oder Erweiterung der Begriffe sowie die Konzepte, die sich dahinter verbergen, stellen eine essentielle Grundlage für detaillierte Untersuchungen und Reflexionen dar. Die Verbindung von Kultur- und Translationswissenschaft zur Darstellung und Beurteilung kultureller Übersetzungsprozesse wird in ihrem direkten Bezug als primärer Forschungsgegenstand erachtet. Dadurch wird ein komplexer und innovativer Blickwinkel auf das Projekt sichergestellt.

Ecuador findet im Vergleich zu größeren lateinamerikanischen Ländern wie Mexiko oder Brasilien weniger Beachtung. Gerade deshalb kann die Beschäftigung mit einem bisher weniger berücksichtigten Land neue, aufschlussreiche Hinweise auf aktuelle Entwicklungen liefern. Die Befassung mit dem konkreten Fallbeispiel Ecuador schränkt einerseits die Möglichkeit zur Verallgemeinerung der Ergebnisse und zum Ziehen von Rückschlüssen auf andere Länder ein. Andererseits können durch die Konzentration auf ein bewusst gewähltes Beispiel spezifischere Aussagen getroffen werden, die nicht nur in der Literatur, sondern auch vor Ort überprüft werden können.

Eine wesentliche Grundlage der vorliegenden Arbeit bilden insofern die von der Autorin mit Angehörigen der indigenen Bevölkerung in deren Umfeld geführten Interviews. Dabei handelt es sich um insgesamt 20 offen gestaltete qualitative Interviews (vgl. Tabelle 1 und Transkriptionen im Anhang), die den Befragten Raum für die Darlegung ihrer Erfahrungen und Gedanken boten. Durch den Dialog, die Interaktion und das Zusammenleben mit einigen der indigenen Interviewten in ihrem persönlichen Umfeld, konnten Informationen über ihre Lebensweise und deren Veränderungen erlangt werden. Ebenso war Platz für Beobachtungen sowie Gespräche außerhalb der Interviews und ←14 | 15→das gemeinsame Verbringen von Zeit in den Gemeinden einiger Interviewter. Bei den Befragten handelt es sich um eine bunte Mischung Autochthoner, vierzehn Männer und sechs Frauen, zehn jüngere und zehn ältere Personen. Die Gespräche kamen durch Kontakte, Empfehlungen, z.T. spontan und aus dem Zusammenleben mit den Indigenen zu Stande. Die Interviewten waren in den meisten Fällen allerdings nur zu einer Unterhaltung nach einer Zeit des Kennenlernens bereit. Da es in Ecuador als äußerst unhöflich aufgefasst wird, nach dem Alter zu fragen, wurde dieses für die vorliegende Studie nicht erhoben. Nach eigenen Einschätzungen waren die jüngsten Befragten etwa 20 Jahre alt (die StudentInnen) und die ältesten wohl zwischen 50 und 60 Jahre. Auch der Bildungsgrad war sehr unterschiedlich – er variierte zwischen einem Universitätsstudium und lediglich mittelmäßigen Spanischkenntnissen, die auf keinen oder nur einen kurzen Schulbesuch hinweisen. Die Gemeinden der Interviewten sind unterschiedlich groß und haben ihren Angaben zufolge zwischen 30 (Arutam und Shayari) und 5000 (Peguche) EinwohnerInnen. Einige Indigene leben auch in Städten wie Otavalo (mit 108.504 EinwohnerInnen) (vgl. AME 2016b) oder Cotacachi (mit 44.772 EinwohnerInnen) (vgl. AME 2016a). Die Befragten gehören drei indigenen Nationalitäten an, den Kichwa (sechzehn Hochland- und ein Tieflandkichwa), den Shuar (zwei Personen) und den Awá (eine Person). Der große Anteil der Hochlandkichwa an den Interviewten ergab sich aus dem für diese Dissertation gewählten Standort im ecuadorianischen Hochland (Sierra) (vgl. Abbildung 1). Die Länge der Interviews beträgt zwischen 16 Minuten und etwa eineinhalb Stunden.

Im Einzelnen wurden vier StudentInnen befragt: Taliza C., Teil der Nationalität der Hochlandkichwa aus der Gemeinde Agualongo de Paredes, Jenny C., Hochlandkichwa aus Cotacachi, und Maritza C., Hochlandkichwa aus Otavalo. Alle drei sind Studentinnen für Linguistik und Sprachen an der Pontificia Universidad Católica del Ecuador Sede Ibarra (PUCE-SI). Auch Sumay C., Hochlandkichwa aus Monserrat bei Otavalo ist Student. Er studiert soziale und kulturelle Entwicklung an der Universidad de Otavalo. Daneben ist Sumay Mitglied der Musikgruppe Los NIN, für die er auf Kichwa rappt. Außer den StudentInnen wurde auch ein Dozent befragt, Julio César S., Hochlandkichwa aus der Gemeinde San Juan Lomacocha und Dozent für Architektur an der PUCE-SI.

Des Weiteren wurden vier Leiter von autochthonen Tourismusprojekten interviewt. Juan G., Hochlandkichwa aus der Gemeinde San Clemente, Elvis T., Hochlandkichwa aus Chirihuasi, Felipe E., Hochlandkichwa aus Zuleta und Fausto V., Tieflandkichwa und Präsident sowie Leiter des Tourismusprojekts der Gemeinde Shayari. Mit TouristInnen beschäftigen sich auch José V., Angehöriger der Nationalität Shuar und Bewohner der Gemeinde Arutam, sowie Shaker, ←15 | 16→ebenfalls Shuar, jedoch aus der Gemeinde Burín. Miguel F., Hochlandkichwa aus der Gemeinde San Vicente leitet zwar kein Tourismusprojekt, arbeitet dafür aber im Tourismusministerium.

Neben den Befragten aus dem Tourismusbereich kam es zu einem Gespräch mit Pacha T. aus der Gemeinde Peguche; sie arbeitet am Proyecto “Nacer“ (vgl. Abbildung 2) für indigene Geburtshelferinnen mit. Luz María M. aus Natabuela ist selbst Geburtshelferin und Medizinfrau und war auch zu einem Interview bereit. Daneben wurde ein Maler, der Hochlandkichwa Cruz S. aus Natabuela, ein Schreibwarenladen-/Internetcafébesitzer, Hochlandkichwa Gabriel F. aus Peguche, eine Anwältin und Expräsidentin ihrer Gemeinde, die Hochlandkichwa Mariana P. aus Tangalí sowie ein Landwirt und Spezialist für Ökotourismus, Javier C., Hochlandkichwa aus Natabuela, befragt. Außerdem kamen Gespräche mit dem Präsidenten der Gemeinde Punkuwayku (vgl. Abbildung 5), Hochlandkichwa Miguel Ángel C. und dem Awá Alfonso P., dem Präsidenten des Verbandes der Awá (Federación de Centros Awá del Ecuador), zustande.

Bei den InterviewpartnerInnen handelt es sich folglich um sehr unterschiedliche Menschen. Für die Gespräche reflektierten sie ihre Lebenssituation, ihre Ansichten, Wünsche und Bedürfnisse. Hauptthemen in den Interviews waren Veränderungen bzw. Modernisierungsprozesse in den Gemeinden, Traditionen, indigene Justiz, indigene Sprachen, Naturmedizin, Diskriminierung, die autochthone Weltanschauung und Kultur, die Situation der Frauen, die Meinung zu Politik bzw. Regierung, die Rolle indigener Organisationen (wie der CONAIE und Pachakutik), die Bedeutung von Umwelt, Natur und Entwicklung, sowie Selbsteinschätzungen zu den Themen, was es bedeutet indigen zu sein, was von den Autochthonen gelernt werden kann, ob das Leben in den Gemeinden heute besser ist als früher oder umgekehrt und warum die indigenen Kulturen bewahrt werden sollten. Abhängig von den Befragten wurden weitere Aspekte angesprochen, wie z.B. bei Sumay C. zu seiner Musikgruppe oder bei Pacha T. zu ihrem Projekt mit Geburtshelferinnen. Insgesamt drehten sich die Gespräche somit um Themen aus der indigenen Lebenswelt, in welche die Autochthonen durch ihre Offenheit und vielschichtigen Reflexionen einen tiefgehenden Einblick ermöglichten. Die in den Interviews herausgearbeiteten kulturellen Übersetzungs-leistungen der indigenen GesprächspartnerInnen sind somit als besondere Bereicherung für die vorliegende Arbeit zu würdigen. Ihnen gebühren deshalb mein besonderer Dank und meine tiefe Wertschätzung.

Neben den vielen aus den Interviews erhaltenen Informationen und den während des knapp dreijährigen Forschungsaufenthaltes in Ecuador gewonnenen Eindrücken bildet die intensive Auseinandersetzung mit der einschlägigen Literatur eine weitere wesentliche Grundlage für die vorliegende Arbeit. Nicht ←16 | 17→zuletzt zahlreiche Arbeiten aus den Universitätsbibliotheken Ecuadors (v.a. der Facultad Latinoamericana de Ciencias Sociales (FLACSO) Sede Ecuador, der Universidad Politécnica Salesiana Ecuador und der Universidad Andina Simón Bolivar Ecuador) sowie des Besuchs des Verlags Abya Yala für sozialwissenschaftliche Literatur in Quito leisteten hier einen entscheidenden Beitrag.

Inhaltlich gliedert sich die vorliegende Arbeit in fünf Kapitel: Das erste Kapitel dieser Dissertation erläutert die Begriffe Tradition und Moderne und grenzt sie voneinander ab. Dies geschieht unter besonderer Berücksichtigung der Bedeutung für Lateinamerika unter Beleuchtung des Autors Néstor García Canclinis und seines Beitrags zum Hybridisierungskonzept. Im zweiten Kapitel geht es um kulturelle Übersetzungsprozesse, die Einordnung von Inter-, Multi- und Transkulturalität, die Verbindung von Kultur und Übersetzung und den zugrundeliegenden translationswissenschaftlichen Theorien. Die ersten beiden Kapitel bilden somit den theoretischen Teil der Arbeit.

Die Kapitel drei bis fünf befassen sich mit der konkreten Situation der ecuadorianischen Indigenen. Ihre Beschreibung und Entwicklung vom vermeintlichen „Hindernis“ zu einem wertvollen Bestandteil einer plurikulturellen Nation stehen im dritten Kapitel im Vordergrund. Dabei spielt auch das neue (Selbst)Verständnis der autochthonen Frauen und die indigene Justiz eine Rolle. Es wird augezeigt, wie Tradition und Moderne koexistieren und sich zu etwas Neuem, das für alle EcuadorianerInnen von Nutzen ist, verbinden lassen.

Im vierten Kapitel werden koloniale und postkoloniale kulturelle Übersetzungsstrategien näher beleuchtet. Dabei ist das in die Verfassung aufgenommene Konzept des „Guten Lebens“ ein anschauliches Beispiel für die Translation eines jahrhundertealten autochthonen Prinzips in die nicht indigene Lebenswelt. Ebenso erlangen der Bilingualismus und die zunehmende Migration vom Land in die Stadt an Bedeutung für die Interaktion der verschiedenen Ethnien in Ecuador. Autochthone Intellektuelle tragen genau wie die HändlerInnen auf dem Markt zum Kulturdialog bei.

Das fünfte Kapitel stellt schließlich eine neue Logik kultureller Übersetzung vor. Hier werden Veränderungen im Stellenwert von Individuum und Gruppe, der Einfluss der Politik auf die indigene Lebenswelt sowie die Wichtigkeit von Umwelt und Naturmedizin betrachtet. Auch dem Tourismus als Entwicklungsalternative wird ein Platz als innovatives, ethnienübergreifendes Konzept eingeräumt. Durch einen Wandel in der indigenen Lebensweise, der das „Eigene“ jedoch nicht negiert, und durch neue interne und externe Impulse wird ein Raum für kulturelle Translationsansätze geschaffen.

Abschließend werden diese Übersetzungsprozesse im letzten Kapitel der Arbeit zusammengefasst und bewertet.

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1. Moderne und Tradition in Lateinamerika

1.1 Begriffsabgrenzung

Die wesentliche Frage, die diesem Dissertationsvorhaben zugrunde liegt, ist wie indigene Völker moderne Vorstellungen in ihre eigene Kultur übersetzen. Dieser Fragestellung wird durch die Beschreibung und Analyse kultureller Übersetzungsprozesse am Fallbeispiel Ecuador nachgegangen.

Traditionell – nur wenige andere Attribute scheinen so gut auf indigene Menschen zuzutreffen. Doch in unserem heutigen Sprachgebrauch wird „traditionell“ häufig mit veraltet und überholt in Verbindung gebracht oder mit Bräuchen/Kleidung/Festen/o.ä., die sich vom modernen Alltag abheben und nur zu bestimmen Anlässen und Daten wieder aufleben und dann an vergangene Zeiten erinnern. „Modern“ hingegen wird mit jung und dynamisch, mit Weiterentwicklung und Innovation assoziiert. Die Tradition wird folglich als Antithese zur Moderne verstanden, als ihr negativer Gegenpart (vgl. Cancino 2003: 4). Doch ist dies wirklich der Fall? Einige neuartige Annäherungsversuche an das scheinbar ausschließlich als Gegensatz zu verstehende Begriffspaar Moderne – Tradition sollen im Folgenden besonders im Hinblick auf die indigene Bevölkerung Lateinamerikas untersucht werden.

Grundsätzlich ist gegen die Bezeichnung indigener Gemeinschaften als traditionell nichts einzuwenden, in vielen Punkten trifft sie sicherlich auch zu. Wenn der indigenen Bevölkerung dadurch jedoch die Fähigkeit abgesprochen wird, moderne Strukturen in ihre eigene (traditionelle) Lebensweise aufzunehmen – da Tradition und Moderne angeblich einander ausschließen und die beiden Begriffe nicht als komplementär oder koexistent verstanden werden können – entsteht ein Problem. Dieses resultiert daraus, dass eine andere Form der Moderne als die eigene, in diesem Fall eine westlich-europäische Moderne, schwer vorstellbar ist. Trotzdem kommt es spätestens in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts (und in den meisten Fällen schon lang zuvor) zwangsläufig zu einer Interaktion indigener und nicht indigener Bevölkerungsteile und zum Aufeinanderprallen von Traditionellem und Modernem. „[…] Se podría hablar de un estado de transición, que surge con el enfrentamiento entre las tradiciones culturales indígenas y las estructuras organizativas e institucionales de la sociedad moderna.“ (Rojas Conejo 2002: 9) Die indigene Bevölkerung Lateinamerikas scheint schwer in das westliche Konzept der Moderne zu passen; die autochthonen Mitbürger sind die „Anderen“, die „Fremden“ und machen doch die Vielfalt des kulturellen Mosaiks, ja sogar dessen eigentlichen Ursprung aus. ←19 | 20→Wird die Tatsache akzeptiert, dass die Moderne die Tradition nicht ersetzt, sondern sich mit ihr vermischt (vgl. Gadea 2008: 57) und dass verschiedene Moderneformen koexistieren, kann ein neuer Zugang zum Weltverständnis und somit auch ein neues Verstehen indigener Kulturen erreicht werden1. Dann sind diese nicht mehr die „anderen“, sondern werden ein Teil des Eigenen. Dieser plurale Lösungsansatz begreift Moderne und Tradition bzw. deren Ausprägungen, Strömungen und Ausdrucksformen fortan nicht mehr als konträr.

An die direkte Debatte zum Begriffspaar Tradition und Moderne schließen sich weitere Fragen wie nach dem Ausmaß und der Art des interkulturellen Austauschs indigener und nicht indigener Gesellschaftsgruppen. Inwieweit fördert eine verstärkte Interaktion das Einweben moderner Elemente in die indigene Lebenswelt? An welchem Punkt ist das indigene Individuum oder seine Gruppe so modern, dass sie anscheinend nicht mehr indigen sein können? Kommt es eventuell trotz Kontakt zu nicht indigenen Gesellschaftsmitgliedern zu keinen oder nur wenigen Veränderungen in der eigenen Handlungsweise und Weltanschauung? Geschieht dies dann in einem Prozess der bewussten Abgrenzung oder der unbewusst (über)betonten eigenen Lebensweise, die gegenüber Einflüssen von außen immun zu sein scheint? Wie lassen sich die unterschiedlichen Interaktionsgrade und deren Auswirkung auf kulturelle Übersetzungsprozesse begründen? Und auch auf der nicht indigenen Seite kommt es zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung mit den der eigenen Kultur fremden Strukturen. Werden indigene Elemente, wenn sie in die nicht indigene Gesellschaft übernommen werden, dann modern? Hier können sowohl Begriffe bzw. die Sprache ←20 | 21→generell in Betracht gezogen werden als auch Kulturgüter und kulturelle Praktiken (wie Kunsthandwerk, Kleidung, Feste, Bräuche, Musik usw.). Besonders bedeutend ist es, ob diese Elemente schon lange Tradition der gesamten Gesellschaft sind oder erst seit kurzem praktiziert werden, wobei Neues (selbst wenn es tatsächlich schon Jahrhunderte alt ist) meist mit Modernem assoziiert wird. Teilweise werden bestimmte Traditionen eines Landes oder Kulturkreises auch erneuert bzw. bekommen einen modernen Touch, um Verkaufszahlen zu steigern. Zusammenfassend befassen sich die oben aufgeführten Fragen mit dem Einfluss von Moderne und Tradition auf das (Zusammen)leben in der indigenen Gemeinde und deren Interaktion mit den MestizInnen des Landes.

Die Frage nach dem Einfluss von Tradition und Moderne, die hier als komplementär und plural angesehen werden, ist von weltweiter Bedeutung. Denn zumeist sind es ehemalige Kolonialmächte, die sich nun nicht mehr in ihrer direkten Dominanz über die seinerzeit eroberten Gebiete, wohl aber durch ihren Fortschritt und ihre Modernität von den ehemals Unterdrückten abheben möchten. Durch diese Möglichkeit der Abgrenzung und des temporalen Machtzugewinns soll der Fortbestand der eigenen (westlichen) vorteilhaften Position im Weltgeschehen sichergestellt werden. Der angebliche Entwicklungsvorsprung kann von den „unterentwickelten“ Ländern scheinbar niemals aufgeholt werden, weder durch eine Verkleinerung des Abstands zwischen Industrie- und Schwellen- bzw. Entwicklungsländern, noch durch die ehemals kolonisierten Ländern selbst, wo die „Elite“ – in diesem Fall Weiße und vor allem Mestizen – sich durch ihren Modernitätsanspruch vom indigenen Teil der Gesellschaft abzuheben versuchen (vgl. hierzu auch das Kapitel 1.2 zur speziellen Lateinamerikathematik).

Im Hinblick auf die oben gestellten Fragen kann also Folgendes festgehalten werden: Eine Interaktion zwischen den verschiedenen Gesellschaftsbereichen führt zu einem Austausch moderner und traditioneller Elemente, wobei sich die verschiedenen Kulturen einander annähern; kommt es zu einer strikten Ablehnung des anderen, ist auch dies ein Ergebnis der bewussten kulturellen Interaktion, da die fremden Elemente als nicht akzeptabel für die eigen Kultur angesehen und somit als nicht in Betracht kommend zurückgewiesen wurden. Der Austausch (bzw. die Interaktion) kann als kultureller Übersetzungsprozess bezeichnet werden, da er (sie) im Rahmen einer Verhandlung des Eigenen mit dem anderen stattfindet. Dabei wird das Gruppenzugehörigkeitsgefühl, also die Festlegung des Eigenen und Fremden, jedoch weniger vom Modernitäts- als viel mehr vom Integrationsgrad in die (moderne) Gesellschaft geprägt, d.h. es gibt selbstverständlich auch moderne Indigene. Es ist auch gerade diese soziokulturelle Mischung, die den dynamischen Entwicklungsprozess Lateinamerikas ausmacht (vgl. Gadea 2008: 60). Die Erfahrung mit dem anderen ←21 | 22→schafft eine Reflexionsbasis für das Eigene und führt somit zu einer Bereicherung des gesamten Kulturmosaiks des Landes. Folglich kann die Übernahme indigener Elemente in die mestizische Gesellschaft und umgekehrt nicht so sehr als Verlust bzw. Zugewinn von/an Modernem angesehen werden, sondern als Ergebnis eines kulturellen Übersetzungsprozesses, wodurch eine neue gesamtgesellschaftliche Verhandlungsbasis geschaffen wird. Jeder Mensch bildet sein eigenes kulturelles Mikrouniversum aus persönlich und gemeinsam Erfahrenem und Erlebten.

Auch wenn eine Gesellschaft, wie dies aus historischen und kulturellen Gründen besonders in Lateinamerika zu beobachten ist, niemals vollkommen homogen sein kann, kann auch gerade diese Tatsache eine Nation einen. Kollektive Erfahrungen führen zu einem Gemeinschaftsgefühl, das Individuum und Gesellschaft zusammen prägt. Diese Einheit in Vielfalt wird konkret im 1. Artikel der Verfassung Ecuadors postuliert, in welcher das Land als plurinational und interkulturell bezeichnet wird (vgl. Asamblea Constituyente 2011: 23).

Zusammenfassung

Indigene Völker werden zumeist mit einer traditionellen Lebensweise in Verbindung gebracht. Unabhängig davon, ob diese Bräuche positiv – z.B. als ein Leben im Einklang mit der Natur - oder negativ – etwa als rückständig – gedeutet werden, findet ein Einweben moderner Strukturen in dieses Gedankenbild keinen Platz. Heutzutage kommt es jedoch zwangsläufig zu einem Zusammenprall unterschiedlicher Lebensweisen. Um diesen Konflikt in einen Nutzen umzuwandeln, bedarf es kultureller Übersetzungsprozesse, welche neue Formen interethnischer Kommunikation ermöglichen. Ecuador dient als Beispiel für die Interaktion verschiedener Ethnien und die Verhandlung zwischen Tradition und Moderne. Die daraus resultierenden Translationsvorgänge stehen emblematisch für globale Veränderungsprozesse.
Die Autorin des Buches untersucht, wie es indigenen Völkern über die Jahrhunderte hinweg bis heute gelungen ist, fremde Strukturen in ihre Kultur zu übernehmen und moderne Elemente für das eigene Leben nutzbar zu machen, ohne dabei ihre kulturelle Identität zu verlieren.

Details

Seiten
392
ISBN (PDF)
9783631774601
ISBN (ePUB)
9783631774618
ISBN (MOBI)
9783631774625
ISBN (Buch)
9783631773130
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
Buen Vivir Ecuadorianische Politik Pachamama Kommunitären Tourismusprojekte Interkulturalität Indigene Frauen
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien. 2018. 392 S., 18 farb. Abb., 1 s/w Tab.

Biographische Angaben

Judith Antonia Eiring (Autor:in)

Judith Antonia Eiring studierte Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Für das vorliegende Buch, das im Rahmen ihres Promotionsprojekts entstand, lebte und forschte sie während zweieinhalb Jahren in den Anden und im Regenwaldgebiet Ecuadors.

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