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Zusammenfassung

Die Deutschen waren im Triest der habsburgischen Spätzeit die drittgrößte Nationalität nach Italienern und Slowenen. Der Autor beschreibt, wie deutsche Wirtschaftstreibende, Freiberufler, Beamte und Arbeiter das gesellschaftliche Leben der Stadt mitprägten, sei es in Kooperation oder Konfrontation zu den anderen Nationalitäten. Besonders im Schulwesen und in unterschiedlichen Vereinigungen erlangten die Triester Deutschen eine größere Bedeutung, als es ihre Zahl vermuten ließe. Mit dem Anschluss Triests an Italien nach dem Ersten Weltkrieg ging das deutsche gesellschaftliche Leben fast gänzlich zu Ende – sein Erbe jedoch ist noch hie und da spürbar.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1 Einführung
  • 1.1 Ansichten und Mythen
  • 1.2 Fragestellung und Forschungsansatz
  • 1.3 Forschungsstand und Quellenlage
  • 2 Der Schauplatz
  • 2.1 Geschichte der Stadt bis 1850
  • 2.1.1 Die vormoderne Stadt
  • 2.1.2 Die Anfänge der modernen Handelsstadt
  • 2.1.3 Vom napoleonischen Zwischenspiel bis 1848
  • 2.2 Reichsunmittelbare Stadt Triest
  • 2.3 Wirtschaft und Gesellschaft
  • 2.4 Triester deutsche Zeitungen
  • 3 Die demographische Entwicklung
  • 3.1 Bevölkerungswachstum 1750 bis 1910
  • 3.2 Italiener, Slowenen und Deutsche in Triest vor 1850
  • 3.3 Die Sprachenstatistiken 1850 bis 1910
  • 3.4 Die Zuwanderung nach Triest 1850 bis 1914
  • 3.5 Das nationale Bild der Stadtteile
  • 3.6 Die Sozialstruktur der Deutschen
  • 3.7 Die konfessionelle Struktur der Deutschen
  • 3.8 Die Frage der Autochthonie der Deutschen
  • 3.9 Wer ist Deutscher in Triest? – Versuch einer Begriffsbestimmung
  • 4 Die Deutschen im Triester Schulwesen
  • 4.1 Volksschulen und ihre Unterrichtssprache
  • 4.2 Höhere Schulen
  • 4.3 Muttersprache und Unterrichtssprache
  • 4.4 Sprachenkenntnisse und Sprachunterricht
  • 4.5 Italienisch- und Slowenischunterricht – eine Notwendigkeit für Italiener, Slowenen und Deutsche?
  • 4.6 Konfessionelle Schulen und nationale Schulvereine
  • 4.6.1 Konfessionelle Schulen
  • 4.6.2 Nationale Schulvereine
  • 4.7 Nationale Bildung für die Kleinsten und Größten – italienische Kinderhorte und die Frage einer italienischen Universität
  • 4.8 Der Schulbetrieb – eine Spielwiese nationaler Konflikte?
  • 5 Das Vereinswesen der Triester Deutschen
  • 5.1 Die Grundlagen des Vereinswesens
  • 5.2 Wohltätigkeitsvereine
  • 5.3 Gesellschaftliche, „patriotische“ und nationale (Schutz-)Vereine
  • 5.3.1 Gesellschaftliche und „patriotische“ Vereine
  • 5.3.2 Deutsche nationale Vereinigungen
  • 5.3.3 Nationale Vereinigungen der Italiener und der Slowenen
  • 5.4 Schulvereine, Schüler- und Studentenvereine
  • 5.5 Arbeitervereine und die Triester Deutschen
  • 5.6 Turn-, Sport- und Bergsteigervereine
  • 5.6.1 Nationale Turnvereine: Ginnastica, Sokol und Eintracht
  • 5.6.2 Andere nationale Sportvereine
  • 5.6.3 Deutsche, italienische und slowenische Bergsteigervereine
  • 5.7 Kulturvereine
  • 5.7.1 Bürgerliche Kulturvereine der Italiener, Slowenen und Deutschen
  • 5.7.2 Der Schillerverein
  • 5.8 Nationale Zentren, Manifestationen und Grenzgänger
  • 5.8.1 Arbeiterheime und nationale Kulturhäuser
  • 5.8.2 Nationale Manifestationen
  • 5.8.3 Nationale Abgrenzung und Grenzüberschreitung
  • 6 Die Triester Deutschen und die Religionsgemeinschaften
  • 6.1 Die Triester Juden und die deutsche Sprache
  • 6.2 Die römisch-katholische Kirche und die Triester Deutschen
  • 6.2.1 Nationale Konflikte und die Besetzung des Bischofsstuhls
  • 6.2.2 Katholische Seelsorge in deutscher Sprache
  • 6.3 Zwischen Italienisch und Deutsch – die Triester helvetische Gemeinde
  • 6.4 Die evangelisch-lutherische Gemeinde – eine deutsche Einrichtung?
  • 7 Die Deutschen im Triester politischen Leben
  • 7.1 Parteien in Triest
  • 7.1.1 Das italienische national-liberale Lager und der „Irredentismus“
  • 7.1.2 Das konservative Lager
  • 7.1.3 Die bürgerliche slowenische Sammelbewegung Edinost
  • 7.1.4 Das sozialistische Lager
  • 7.2 Die Deutschen in den Wahlen zum Reichsrat und zum Stadtrat
  • 7.2.1 Reichsratswahlen
  • 7.2.2 Stadtratswahlen
  • 7.2.3 Deutsche politische Repräsentation
  • 8 Die Triester Gesellschaft und die deutsche Kultur
  • 8.1 Wagner & Co: deutsche Musik in Triest
  • 8.2 Deutsches Theater in Triest
  • 8.3 Gab es eine Triester deutsche Literatur?
  • 8.4 Sichtbare und andere Mosaiksteinchen deutscher Kultur
  • 9 Der Erste Weltkrieg
  • 9.1 Bevölkerungsverschiebungen wegen des Krieges
  • 9.2 Die geänderten nationalpolitischen Verhältnisse
  • 9.3 Planungen für die Zeit nach dem Krieg
  • 9.3.1 Irredentistische, jugoslawistische und sozialistische Planspiele
  • 9.3.2 Reformpläne der Staatsmacht und der Triester Deutschen
  • 9.4 Der Umsturz
  • 9.4.1 Der Zerfall Österreich-Ungarns
  • 9.4.2 Der Triester Wohlfahrtsausschuss
  • 9.4.3 Die Besetzung Triests durch die italienische Armee
  • 10 Rasche Marginalisierung – die Nachkriegszeit
  • 10.1 Der neue politisch-wirtschaftliche Rahmen
  • 10.2 Neue nationale Auseinandersetzungen
  • 10.3 Das Ende des deutschen Schulwesens
  • 10.4 Die „Säuberung“ öffentlicher Einrichtungen
  • 10.5 Bleiben oder gehen? Von „Staatsfeinden“ und persönlichen Schicksalen
  • 10.6 Die Bevölkerungsverschiebungen und die Volkszählung von 1921
  • 10.7 Vereine, Personennamen und Toponyme: Die Italianisierung des Privatlebens und des öffentlichen Raumes
  • 11 Schlussbetrachtungen – das deutsche Erbe Triests
  • Abbildungen
  • 12 Quellen- und Literaturverzeichnis
  • 12.1 Unveröffentlichte Quellen
  • 12.2 Gedruckte Quellen
  • 12.3 Literaturverzeichnis
  • 13 Verzeichnis topographischer Bezeichnungen
  • 14 Abkürzungsverzeichnis
  • 15 Zusammenfassungen
  • 15.1 Riassunto in italiano (Zusammenfassung auf Italienisch)
  • 15.2 Povzetek v slovenščini (Zusammenfassung auf Slowenisch)
  • 15.3 English summary (Zusammenfassung auf Englisch)

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1 Einführung

„Wie denn unser ganzes österreichisches Problem dies ist,

daß es uns möglich werden muß,

Österreicher deutscher oder slawischer oder italienischer Nation zu sein.“

(Hermann Bahr, Dalmatinische Reise. 4. Aufl. Berlin 1912, 11)

1.1 Ansichten und Mythen

Als „k. u. k. Sehnsuchtsort und Alt-Österreichs Hafen zur Welt“ wird die Stadt Triest im Titel eines erstmals 2016 erschienenen Bildbandes charakterisiert.1 Vor allem die – tatsächliche oder vermeintliche – „goldene Zeit“ der Stadt zieht Reisende in ihren Bann, denn das bis 1918 österreichische, seither (mit einer Unterbrechung von 1947 bis 1954) zu Italien gehörende Triest, „am Ort der Begegnung wie des Zusammenstoßes der italienischen, slowenischen und deutschen Kultur gelegen, entwickelte sich zwischen 1815 und 1914 zu einer der faszinierendsten Großstädte des Habsburgerreiches und zu einem der bedeutendsten Seehäfen Europas, vor allem in der Personenschiffahrt2. Tatsächlich entwickelte sich die Stadt im 19. Jh. vergleichsweise rasch. „Besonders Karl Ludwig Bruck, einer der Gründer des ‚Österreichischen Lloyd’ und späterer österreichischer Handels- und Finanzminister, arbeitete zielstrebig an der Festigung der Stellung Triests als führendem Seehafen der Monarchie und trug wesentlich dazu bei, daß die Stadt die Konkurrenten Venedig und Fiume überflügelte. […] Die Kosmopolität der Seestadt wurde auch durch den Zuzug von jüdischen und serbischen Kaufleuten unterstrichen; so zählte man hier um die Mitte des 19. Jh. knapp 44.000 Italiener, 25.300 Slowenen, 8.000 Deutsche und 3.000 Juden. […] Der große Bedarf an Arbeitskräften für den expandierenden Seehandel, aber ebenso für die vielen neu angesiedelten Industrien zog eine starke Binnenzuwanderung nach sich, die die Bevölkerungszahl von 123.100 im Jahre 1869 auf fast 230.000 im Jahre 1910 (einschließlich der Ausländer) anschwellen ließ.3

Eine demographische Erfolgsgeschichte war der in der nordöstlichsten Bucht des Adriatischen Meeres gelegenen Stadt im 19. Jh. beschieden, und Deutsche hatten daran Anteil gehabt. Eine aus den 1870er-Jahren stammende Einschätzung ←13 | 14→eines einheimischen Deutschen, der als prominenter Kaufmann den Triester Handelsstand repräsentierte, fällt dagegen hinsichtlich der wirtschaftlichen Lage der Stadt nicht so strahlend aus. Heinrich Escher betonte in seiner in der Buchdruckerei des Österreichischen Lloyd erschienenen, an die Abgeordneten des Reichsrats gerichteten Denkschrift, dass zur Erhaltung der Position Triests als „Weltmarkt“ (darunter verstand er einen Handelsplatz von weltweiter Bedeutung) der Bau einer neuen Eisenbahnlinie von der Adriastadt nach Süddeutschland notwendig sei, damit man der Konkurrenz durch andere Häfen wirksam begegnen könne. Würde eine solche Bahnlinie nicht gebaut, hätte dies unweigerlich den wirtschaftlichen Niedergang Triests zur Folge.4

Ein zeitgenössischer Reiseführer behandelt im Vorwort die sprachlichen Verhältnisse in der Stadt und führt als besonderen Vorzug seiner vierten Auflage an, dass diese „ein reichhaltiges Vocabulaire der italienischen und serbo-croatischen Sprache enthält [vom Slowenischen ist bemerkenswerterweise nicht die Rede!]. Wohl wird der Reisende überall in den Küstenstädten zur Noth mit der deutschen Sprache sein Auskommen finden. Gleichwohl liegt es in der Natur der Sache, dass man in Ländern, in denen die eben erwähnten Idiome die allgemeine Umgangssprache bilden, bei mancherlei Anlässen sich derselben bedienen müssen wird, und in solchen Fällen dürfte der gebotene Wortschatz wohl ausreichen.5 Ein in Triest selbst erschienener, wohl Besuchern deutscher Zunge zugedachter Reiseführer hielt Kenntnisse der Landessprachen für nicht unbedingt erforderlich: „In Triest wird neben italienisch, slav[isch] etc. auch viel deutsch gesprochen. Der Triester Dialect ist eine Abart des venezianischen. […]. Man spreche den Triester deutsch an und er wird deutsch antworten! 6 Die herausragende Bedeutung der Stadt sei zweierlei Umständen zuzuschreiben: Das seit 1849 reichsunmittelbare Triest mit seinem Freihafen „ist für Oesterreich und Süddeutschland dasselbe, was Hamburg für Norddeutschland. Alle europäischen und die bedeutendsten aussereuropäischen Staaten sind in Triest durch Consuln vertreten. Die Grösse und Blüte der ‚allergetreuesten Stadt’ ist unläugbar eine Schöpfung des allerhöchsten österr. Kaiserhauses und der weltbekannten Intelligenz und Betriebsamkeit ihrer Bewohner.7

Stärker nationale Töne schlug ein kurz vor dem Ersten Weltkrieg erschienener „völkischer Reiseführer“ an. Triest, Ziel vieler deutscher Reisender, die hier zum ersten Mal das Meer sehen wollen, vermittle trotz der vielen dort wohnenden Deutschen einen völlig italienischen Eindruck, „doch spricht die Geschäftswelt fast durchaus gut deutsch. […] Die gesellschaftl[ichen] Beziehungen zwischen Deutschen ←14 | 15→und Italienern sind im allgemeinen oberflächliche, aber nicht unfreundliche, abgesehen von zeitweise lärmenden Kundgebungen jung[er] Leute, die von außenstehenden Kreisen ge- u. verführt werden und sich in ‚irredentistischen’ Bestrebungen gefallen. Der seßhafte Italiener steht diesem Gedanken fern, wohl wissend, daß bei einem Anschluß von Triest an das Königreich Italien die Stadt nicht mehr die große Rolle spielen würde, wie jetzt. Der in politischen Kundgebungen der Deutschen öfters wiederkehrende Ruf ‚Deutsch bis zur Adria‘ verlangt nicht etwa die ganz unmögliche Germanisierung von Triest, sondern ist nur dahin aufzufassen, daß die Deutschen dort im Handel und in der Gesellschaft eine achtunggebietende Rolle spielen wollen, welche ihnen schon geschichtlich zukommt.8

Der in diesem Reiseführer erwähnte Schlachtruf „Deutsch bis zur Adria“ hatte in der Tat einen anderen Hintergrund als eine „Germanisierung“ Triests. Der steirische Abgeordnete Julius Derschatta erklärte 1886 im Reichsrat, dass „dem deutschen Volke zu seiner nationalen und wirtschaftlichen Entwicklung freie Bahn zur Adria erhalten bleiben9 müsse. Nach dem Streit um die Errichtung von Parallelklassen mit slowenischer Unterrichtssprache am Gymnasium der untersteirischen Stadt Cilli in den Jahren 1887 bis 1896 betrachteten die Cillier Deutschen „ihr“ Gymnasium und das 1896 eröffnete Deutsche Studentenheim in der Sannstadt immer stärker als „Brücke zur Adria“, die, wie sie meinten, „ein deutsches Meer sein und bleiben muß10.

Befürchtungen einer „Germanisierung“ oder „Slawisierung“ Triests wurden von italienischer Seite häufig geäußert. Der Journalist Attilio Tamaro, ein prominenter Vertreter der Triester Italienischnationalen und in der Zwischenkriegszeit Exponent des Faschismus, behauptete 1915, dass Österreich, nachdem es im 18. Jh. Friaul weitgehend germanisiert und slawisiert und auch das Innere Istriens zum guten Teil slawisiert habe, mit allen Mitteln versucht hätte, Triest zu germanisieren. Nachdem es das Scheitern dieser Germanisierungsbestrebungen erkannt hätte, hätte Österreich alles darangesetzt, die Stadt zu slawisieren, und damit indirekt auch das „Germanentum“ begünstigt.11

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Zur Untermauerung derartiger Thesen wurden nationalpolitische und wirtschaftliche Argumente ins Treffen geführt. Eine 1912 von einer Triester italienischen Studentenvereinigung veröffentlichte Schrift bezweckte, den Reichsitalienern (also den Bewohnern des Königreichs Italien) die Österreichtreue vieler Austroitaliener zu erklären und gleichzeitig das Bewusstsein für den „nationalen Todeskampf“ der küstenländischen Italiener zu wecken. Austrophile Standpunkte versuchte die Schrift zu widerlegen, ihre Grundthese lautet: Die sogenannten Irredentisten führen einen Kampf zur Erhaltung der italienischen Sprache gegen Germanisierung bzw. Slawisierung. Der nationale Abwehrkampf der Austroitaliener äußere sich in ihren Spenden für den Schutzverein Lega Nazionale. „Ma tuttavia ancora gli italiani [nel Regno] credono che Trieste sia una città tedesca, dove si parla croato! [Und trotzdem glauben die Reichsitaliener noch immer, Triest sei eine deutsche Stadt, in der Kroatisch gesprochen wird!]“12 Die Schrift schließt mit einem eindringlichen Aufruf an die Konnationalen im Königreich Italien: „Con Trieste e Pola l’Austria è padrona del nostro mare; se fossero nostre, i padroni saremmo noi. […] L’Italia ci guardi! [Mit Triest und Pola ist Österreich die Herrin unseres Meeres; würden sie uns gehören, wären wir es … Italien möge auf uns schauen!].“13

Slowenische Ambitionen zur nationalen Inbesitznahme Triests stellen sich nicht nur als Schreckensvision italienischer Nationalisten dar. Seit 1848 forderten slowenische Kreise die Stadt für ein „vereintes Slowenien“, in den Sechzigerjahren des 19. Jh. kam die Losung „Trst je naš [Triest ist unser]“ auf. Der „hundertjährige Kampf“ (von 1848 bis 1954) der Slowenen für Triest sei, folgt man einem Triester slowenischen Geschichtswissenschaftler, nicht ohne Erfolg geblieben, „čeprav ni dosegel svojega poglavitnega cilja. Kajti brez tega boja bi Republika Slovenija ne imela dostopa do Jadrana, morda pa bi sploh ne obstajala [obwohl er sein Hauptziel nicht erreichte. Vielmehr hätte ohne diesen Kampf die Republik Slowenien keinen Zugang zur Adria, vielleicht würde sie überhaupt nicht existieren]“.14

Eine Verklärung der Rolle Triests als Ort einer (über-)nationalen Idylle lässt sich seit der Mitte des 19. Jh. von einer Reihe anderer Autoren entnehmen. Für den Kieler Philosophen und Staatsrechtler Lorenz von Stein (1815–1890) war Triest ein Vorbild für ein künftiges Mitteleuropa harmonisch miteinander lebender Nationen, weil in der multinationalen Adriastadt kein Volk über das andere herrsche.15 Ein am Ende des 20. Jh. durchgeführtes Forschungsprojekt führte ähnliche Idealisierungen seitens heutiger Bewohner der Stadt zu Tage. Unter dem Titel „Memorie diverse [Unterschiedliche Erinnerungen]“ wurden im Jahr 1999 hundert Triester (aus Stadt und Provinz) größtenteils italienischer und slowenischer Muttersprache befragt. Sie gehörten drei Generationen an; die ältesten Personen waren noch im ←16 | 17→habsburgischen Österreich geboren. Die Endzeit der österreichischen Herrschaft in Triest vor dem Ersten Weltkrieg wurde von den Befragten einhellig als positive Zeit bezeichnet. Einerseits sei die wirtschaftliche Lage der Stadt als bedeutender Ort des Reiches gut gewesen, während nach dem Weltkrieg der wirtschaftliche Niedergang eingesetzt hätte, anderseits hätten hinsichtlich des Zusammenlebens der verschiedenen Volksgruppen goldene Zeiten geherrscht. Vor allem Personen, die sich selbst als „Triestiner“, „Slowene“, „Mitteleuropäer“ oder „Weltbürger“ bezeichneten, äußerten sich dahingehend, während diese Einschätzung der Habsburgerzeit bei deklarierten „Italienern“ seltener vorkam. Freilich gründen sich derartige Verklärungen zumeist auf Banalitäten und Gemeinplätzen und entbehren realer Grundlagen.16 Kurioserweise gab es noch zur Jahrtausendwende Triestiner, die, nach ihrer Identität gefragt, mit „Österreicher“ antworteten, sich dabei aber nicht auf die heutige Republik bezogen, sondern auf das habsburgische Österreich.17 Als interessantes Fallbeispiel der Studie erwies sich ein Geschwisterpaar, dessen eine Großmutter Deutsch-Österreicherin und dessen andere Großmutter Istrianerin war. Der Bruder betonte, dass der einzige Krieg, den er gern führen würde, ein Krieg zur Rückgewinnung des Landes (Istrien) sei, wo seine Großmutter als italienische Staatsbürgerin geboren wurde und lebte, damit er an ihrem Geburtsort sagen könne: „Hier ist Italien!“ Seine Großmutter sei weggegangen, um nicht Slowenisch sprechen zu müssen; er selbst wäre daher ein Bastard, würde er aus Gründen einer Interkulturalität das Slowenische erlernen. Seine Schwester hingegen war offenbar stärker vom Erbe der anderen Großmutter geprägt, und sie sagte: “’Trieste è la mia città. Proprio perché c’è un po’ di tutto: ci sono gli sloveni e io li sento molto vicini, li sento molto parte della mia cultura. Quando vado all’estero e casualmente sento parlare due sloveni, ti giri perché è la tua … la tua lingua: io non parlo neanche una parola, non capisco niente, ma mi giro e dico: <Ah, aria di casa.> Così il tedesco: il tedesco è aria di casa.’ [Triest ist meine Stadt. Gerade weil sie ein wenig von allem hat: Es gibt die Slowenen und ich empfinde sie als sehr nahe, sehr stark als Teil meiner Kultur. Wenn ich ins Ausland fahre und zufällig zwei Slowenen sprechen höre, drehe ich mich um, weil es meine Sprache ist; ich spreche kein einziges Wort, ich verstehe nichts, aber ich drehe mich um und sage: ‚Ah, der Klang der Heimat’. Genauso ist es mit dem Deutschen: Das Deutsche ist ein Klang der Heimat.]”18

Die in Triest seit der Nachkriegszeit weit verbreitete Vorstellung, die Stadt sei anlässlich der Erhebung zum Freihafen 1719 wie St. Petersburg oder Brasilia gleichsam „aus dem Nichts“ entstanden und verdanke ihre frühere Blüte Zuwanderern aus dem Norden, äußert sich bisweilen in seltsamen Blüten. „So hat sich im ←17 | 18→kollektiven Bewusstsein nach und nach der Gedanke festgesetzt, durch die Immigranten nordischer Provenienz sei ein unadriatischer ‚hanseatischer’ Geist in die Stadt eingedrungen, der neben den bürgerlichen auch die proletarischen Schichten infiziert habe, da sie ebenfalls ernsthaft und fleißig seien, also dem Stereotyp des Deutschen eher als dem des Italieners entsprechen.19

Aus diesem Querschnitt an Betrachtungen wird deutlich, dass Deutsches in Triest im Untersuchungszeitraum eine namhafte Rolle gespielt hat. Ob es die in der Stadt lebenden Deutschen gewesen sind, die dafür Verantwortung tragen, und wer diese Deutschen überhaupt waren, darüber gehen die Ansichten freilich auseinander. Gab es eine autochthone deutsche Bevölkerungsgruppe in Triest? Konnte und wollte sie der Stadt sprachlich-kulturell ihren Stempel aufdrücken? Wer empfand sich überhaupt als Deutscher?

1.2 Fragestellung und Forschungsansatz

Aus verschiedenen Blickwinkeln darzustellen, was es von 1880 bis 1920 an Deutschem in Triest gab, inwiefern also „deutsches Wort am Südstrand“ erklang, wie es der Dichter Robert Hamerling ausdrückte, ist die Zielsetzung der vorliegenden Abhandlung. In den 1880er-Jahren verschärften sich in Österreich die nationalen Auseinandersetzungen, in welche im Fall Triests vor allem die Vorkämpfer der nationalen Bewegungen der Italiener und der Slowenen eintraten. Das Jahr 1920, in welchem die Eingliederung der Stadt in das Königreich Italien feststand, markiert einen Wendepunkt in der politisch-nationalen Geschichte Triests.

Joseph Hain zählte um die Mitte des 19. Jh. in Triest etwa 8.000 Deutsche, was einem Anteil von knapp zehn Prozent an der Stadtbevölkerung entsprach (und somit dem höchsten jemals ermittelten Prozentsatz).20 Die größte absolute Zahl an Personen mit deutscher Umgangssprache wurde in der Volkszählung von 1910 erhoben, als (nach den revidierten Ergebnissen) auf dem Gebiet der Gemeinde 11.856 österreichische Staatsbürger mit deutscher Umgangssprache gezählt wurden (dies entsprach einem Anteil von etwas über sechs Prozent)21; dazu kamen noch knapp tausend Bürger des Deutschen Reiches22, welche vermutlich zum allergrößten Teil Deutsch als Muttersprache hatten.

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Derartige Bevölkerungszählungen und mit ihnen verbundene nationale Zuordnungen erwiesen sich als problematisch; die Zeitgenossen empfanden es so, die Wissenschaft äußerte ebenfalls ihre Vorbehalte.23 „Qu’est-ce que une nation? [Was ist eine Nation?]“ fragte sich der französische Philosoph und Historiker Ernest Renan (1823–1892) im März 1882 in einem an der Sorbonne gehaltenen Vortrag. Nationen seien nichts Ewiges, sie hätten zu bestehen angefangen und würden zu bestehen aufhören. Eine Nation sei eine Seele, ein geistiges Prinzip, eine Solidargemeinschaft; ihre Existenz setze etwas Vergangenes voraus und gründe sich auf die Zufriedenheit ihrer Angehörigen sowie deren klar ausgedrückten Willen, das gemeinsame Leben fortzusetzen. In der Gegenwart verwechsle man die „Rasse“ (gemeint ist eine Abstammungsgemeinschaft) mit der Nation und spreche ethnischen bzw. sprachlichen Gemeinschaften irrtümlich Souveränität zu. Die ausschließliche Berücksichtigung der Sprache bei der Definition von Nation berge jedenfalls Gefahren und Unzulänglichkeiten. Renan erachtete als bestehende Nationen in erster Linie existierende Staaten; er bemerkte allerdings, dass Österreich mit seinen vielen Sprachgruppen im Unterschied zur ebenfalls mehrsprachigen Schweiz keine Nation sei, ja, die Diversität seiner Völkerschaften vom Staat sogar gefördert werde. Schließlich tat Renan den berühmten Ausspruch, das Bekenntnis, einer Nation anzugehören, gleiche einer täglichen Volksabstimmung: „La nation … c’est un plébiscite des tous les jours“.24

Über das Wesen des Begriffs Nation ist eine unübersehbare Fülle von Studien erschienen; einig ist sich die moderne Wissenschaft einzig darin, dass es sich bei Nationen nicht um feste, seit jeher bestehende Größen handelt. Benedict Anderson spricht von Nationen als „imagined communities [vorgestellten Gemeinschaften]“; entgegen vielfacher Rezeption im deutschen Sprachraum, welche von der missglückten Übersetzung des Titels von Andersons Standardwerk beeinflusst sein mag, spricht der Autor aber nirgends davon, dass Nationen reine Erfindungen ohne jegliche Grundlage seien. Der Nationalismus als geschichtsmächtiges Phänomen ist laut Anderson schon gar keine europäische „Erfindung“, sondern er sei im ausgehenden 18. Jh. während des Bestrebens amerikanischer Kolonien entstanden, die Unabhängigkeit von ihren Mutterländern zu erlangen.25 In Mitteleuropa entwickelten sich seit dem 18. Jh. Vorstellungen von einer auf die (Mutter-)Sprache gegründeten Nation. Von Christian Wolff über Johann Georg Hamann, Johann ←19 | 20→Gottfried Herder, Wilhelm von Humboldt, Jacob und Wilhelm Grimm sowie Friedrich Schlegel zu Franz (František) Palacký und Josef (József) von Eötvös spannt sich der Bogen der Vertreter derartiger Ideen.26 An der Wende vom 18. zum 19. Jh. bestanden nebeneinander fünf verschiedene Auffassungen des Begriffes „Nation“: „Nation“ als Adelsnation (das ist die Gesamtheit des Adels eines Landes, zum Beispiel die „ungarische Nation“), „Nation“ als Bezeichnung einer Landeszugehörigkeit (beispielsweise die „sächsische Nation“), „Nation“ als gemeinsames Vaterland aller Staatsbürger (bei den französischen Revolutionären), „Völker“ oder „Nationen“ als Gesamtheit der Bewohner des Habsburgerreiches, schließlich „Nation“ als Sprachgemeinschaft. „Gleichheit vor dem Gesetz – und die Vorstellung der Nation als der Gesamtheit aller Einwohner eines Landes – verlangte aber, dass alle Sprachen der Habsburgermonarchie als gleichberechtigt angesehen werden mussten.“ Schließlich stellt sich die Frage, ob jeder einzelne Mensch zeit seines Lebens eine unveränderliche nationale Identität besitzt oder besitzen muss/soll/kann.27 So fragwürdig Sprachnationen manchen heute auch erscheinen mögen, so sehr spielten sie aber im Europa des 19. und 20. Jh. politisch eine Rolle – ob durch ihre reale Existenz oder das Streben, sie zu verwirklichen, bleibe dahingestellt.

Das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger vom 21. Dezember 1867 (RGBl. 142/1867) bestimmte in Artikel 19, dass in Österreich alle „Volksstämme des Staates“ gleichberechtigt sind. Weder durch Verfassungsbestimmungen noch durch einfache Gesetze oder Verordnungen wurde jedoch der genannte Begriff „Volksstamm“ definiert. Ebenso blieb offen, ob der Artikel die Rechte von Gruppen (Volksstämmen) oder von Individuen (Angehörigen von Volksstämmen) schützt.28 Eine gesetzliche Festlegung des Begriffes „Nationalität“ existierte nicht, erkannte der Verwaltungsgerichtshof 1877, und in einem Erkenntnis vom 31. Mai 1894 stellte derselbe Gerichtshof fest, dass das „‘Thatbestandsmoment der Nationalität den Volkszählungsdaten überhaupt nicht entnommen werden kann, weil die Nationalität als solche keinen Gegenstand der Volkszählungsausweise bildet und aus dem Umstande, zu welcher Umgangssprache eine oder die andere Partei sich bei der Volkszählung bekannte, ein zwingender Schluß auf deren Nationalität nicht gezogen werden kann‘29. Im Zweifelsfall seien laut Verwaltungsgerichtshof für die Feststellung der Nationalität einer Person objektiv fassbare Kriterien anzuwenden; zu diesen zählten – gemäß dem zum mährischen Ausgleich gehörenden ←20 | 21→Landesgesetz über die nationalen Schulsprengel für Mähren vom 27. November 1905 (LGBl. für Mähren 4/1906) – die Kenntnis der Unterrichtssprache einer Schule durch das Kind, ferner Abstammung, Schulbildung, Umgangssprache, Erziehung, Schulbesuch der Kinder und ähnliches.30 Die Angabe der Umgangssprache einer Person bei den Volkszählungen erfolgte indes nicht vollkommen frei, vielmehr musste aus einer Reihe vorgegebener Sprachen gewählt werden. Im Küstenland kamen die deutsche, „italienisch-ladinische“, slowenische, serbokroatische und rumänische Sprache in Betracht, nicht aber etwa das Furlanische als gesonderte Sprache.31 Bereits 1885 verwies der Präsident der Statistischen Zentralkommission, Carl von Czoernig, in seiner Untersuchung der nationalen Verhältnisse des Küstenlandes auf das Dilemma, welches die Zuordnung einer Person nach ihrer Umgangssprache, Muttersprache und Nationalität mit sich brachte. Die Frage, welcher Gruppe sich eine Person zugehörig fühle, könne häufig nur mit einer Gegenfrage beantwortet werden: Wann und in welchem Kontext?32

Eine Kernfrage bestand darin, welche Nationalitäten in einem bestimmten Gebiet Österreichs als eingesessen betrachtet wurden. Häufig wichen darin die Ansichten der Behörden, die Innensicht einer Sprachgruppe und die Außensicht (Einschätzung durch andere Nationalitäten) voneinander ab. Glenda Sluga interpretiert die Nationalitätenkonflikte der habsburgischen Zeit bis hin zur faschistischen Unterdrückungspolitik und zur Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg als Ausdruck der Frage, wer in Triest einheimisch war und wer als Zugereister betrachtet wurde (bzw. wer Anderen das Recht absprach, in der Stadt heimisch zu sein).33

Es ergibt daher wenig Sinn, für die vorliegende Arbeit eine Begriffsbestimmung von Nation und die von diesem Ausdruck abgeleiteten Wörter zu wählen. In jedem Fall wird das Nationale nicht willkürlich konstruiert (wie viele Rezipienten Benedict Anderson zuschrieben), sondern es wird artikuliert wie Laute durch die menschlichen Sprechwerkzeuge. Traditionen können nämlich zwar „entdeckt“ beziehungsweise erfunden werden, ob sie sich etablieren, ist jedoch eine andere Sache. Damit Traditionen und Mythen Teil des kollektiven Bewusstseins und damit zur Grundlage einer Nation werden, müssen sie aus lebendigen Erinnerungen und Überzeugungen der Menschen erwachsen. Einen solchen Ansatz ←21 | 22→übersetzt Rolf Wörsdörfer „in die Frage, wann, wo und wie gesellschaftliche Gruppen oder Individuen, Behörden, Vereine, Genossenschaften […] aufeinandertrafen, die sich in der einen oder anderen Form national artikulierten34. Dieser Zugang ist hervorragend geeignet, dem Phänomen des Deutschen in Triest nachzuspüren. In der vorliegenden Abhandlung soll daher ein Panoptikum deutscher sprachlich-kultureller Erscheinungen in Triest in den letzten Jahrzehnten der Habsburgermonarchie gezeichnet werden.

Die Umstände, unter denen die Menschen im Ersten Weltkrieg lebten, veränderten viele Voraussetzungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens in entscheidender Weise. Viele Erkenntnisse, die für die Zeit vor dem Juli 1914 gewonnen werden können, müssen daher anschließend durch eine neue Brille betrachtet werden. In ähnlicher Weise gilt dies für Triest nach dem Ende des Krieges, als die Stadt in das Königreich Italien eingegliedert wurde.

1.3 Forschungsstand und Quellenlage

Über Italiener und Slowenen in Triest gibt es eine unüberschaubare Fülle an Literatur. Seit die Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jh. zum Schauplatz nationalpolitischer Auseinandersetzungen geworden ist, ist eine Vielzahl publizistischer und wissenschaftlicher Schriften erschienen, welche das Zusammenleben und die Konflikte zwischen den beiden zahlenmäßig größten Nationalitäten Triests zum Gegenstand haben.

Die anderen Volksgruppen der Adriastadt kamen erst spät in den Blickpunkt wissenschaftlichen Interesses. Im Zuge einer groß angelegten, von Historikern der Universität Triest durchgeführten wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Studie Triests vom 18. zum 20. Jh. erschien 2001 ein Sammelband mit Beiträgen zu den verschiedenen religiösen Gemeinschaften und Sprachgruppen der Stadt.35 Unter den Sprachgemeinschaften fanden darin neben Italienern und Slowenen die Armenier, Deutschen, Griechen und Serben Berücksichtigung. Ein in demselben Jahr erschienenes Sammelwerk beschäftigte sich mit den Juden, Griechen, Slowenen, Serben und Kroaten in Triest.36 Geschichte und Kultur der orthodoxen Griechen und Serben wurden in mehreren gesonderten Publikationen dargestellt37, ebenso ←22 | 23→jene der jüdischen Gemeinschaft38. Schließlich erschienen eine Abhandlung über Briten in Triest39, ein Sammelband über die Kroaten40 und eine Monographie über die Beziehungen von Tschechen und Slowaken zur Adriastadt41; auch die islamischen Spuren im Triest des 19. Jh. wurden aufgespürt.42

Die in Triest lebenden Deutschen waren in der Zeit von 1880 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges Gegenstand zeitgenössischer publizistischer Betrachtungen. Einige wenige Abhandlungen haben das Triester Deutschtum an sich zum Thema, in vielen Schriften nehmen italienische, slowenische und deutsche Autoren mehr oder weniger ausführlich auch auf die Deutschen Bezug. Seit den 1980er-Jahren rückten die Deutschen Triests in das Blickfeld wissenschaftlichen Interesses. Die Triester Germanistin Silvana De Lugnani beleuchtete in ihrer 1986 veröffentlichten Studie das deutsche Kulturleben in der Adriastadt vom ausgehenden 18. Jh. bis zum Ende der Habsburgermonarchie. Im Zentrum ihrer Betrachtung stehen Vereine, Theater, Zeitungen und Zeitschriften, prominente Persönlichkeiten des Triester Bürgertums und Triester deutsche Schriftsteller. Eine Anthologie von Texten „Triester“ deutscher Autoren bildet den zweiten Schwerpunkt des Buches, wobei De Lugnani die These vertritt, dass es zwei Arten von Triester deutscher Belletristik gebe: Entweder seien die Texte literarisch wenig wert oder sie seien nicht von eigentlichen Triestern geschrieben worden, sondern von Zugereisten, welche sich nur wenige Jahre in der Stadt aufgehalten hatten.43

Eine vielseitige Studie zu den Triester Deutschen veröffentlichte Pierpaolo Dorsi an der Jahrtausendwende. Er spannt einen Bogen vom deutschen Handelsbürgertum, das seit der Mitte des 18. Jh. in der Stadt präsent war, über deutsche kulturelle Einrichtungen, die Partizipation Deutscher am politischen und wirtschaftlichen ←23 | 24→Leben der Stadt, deutsche Vereine und deutsche Schulen bis zu den nationalpolitischen Auseinandersetzungen und die Geschicke der Triester Deutschen nach dem Anschluss der Stadt an Italien nach dem Ersten Weltkrieg. Die fehlende Autochthonie der Triester Deutschen habe Dorsi zufolge dazu führen müssen, dass die Volksgruppe nach 1918 – im Unterschied zu den Slowenen – fast gänzlich verschwand.44

Aus der Feder eines evangelisch-lutherischen und eines evangelisch-helvetischen Triester Pfarrers stammen Monographien zu den protestantischen Glaubensgemeinschaften in der Adriastadt. Da die Deutschen vor allem in der lutherischen Kirche prominent vertreten waren, gehen beide Autoren auf die deutsche Komponente Triests in vielerlei Hinsicht ein.45

Einige weitere Studien haben nicht direkt die Deutschen Triests zum Gegenstand, bieten in der Abhandlung der jeweiligen Fragestellung aber eine Fülle wertvoller Materialien, analytischer Ansätze und Teilergebnisse, die für die Abfassung der vorliegenden Arbeit grundlegend waren. Anna Millo beschäftigte sich mit dem gehobenen Bürgertum und stellte die häufig übernationale Ausrichtung dieser Gesellschaftsschicht in den Vordergrund, wobei das deutsche Element eine wesentliche Rolle spielte.46 Eduard Winkler setzte sich mit den Auswirkungen der zu Beginn des 20. Jh. eingeführten Wahlrechtsänderungen auf das politische Leben Triests auseinander und behandelte auch die deutsche politische Szene der Stadt.47 Die Studien Marina Cattaruzzas48 und Sabine Rutars49 zur Triester Sozialdemokratie ←24 | 25→beziehen in vielfältiger Weise auch die Deutschen mit ein, Frank Wiggermann50 dehnte seine Betrachtungen über Militär und Politik in Pola auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung des küstenländischen Zentrums Triest aus. Mit seinen geistreichen Ansätzen zur Erklärung der Nationalitätenkonflikte an der oberen Adria lieferte Rolf Wörsdörfer wertvolle Zugänge zur Thematik51, schließlich arbeitete Piero Purini umfangreiches Material zum demographischen Wandel des Triester Deutschtums im Zuge des Ersten Weltkrieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit auf.52 Viele Arbeiten zur Geschichte Triests behandeln die Stadt als Schnittpunkt der Kulturen (romanisch-slawisch-deutsch) und würdigen mehr oder weniger ausführlich die deutsche Komponente.53

Die Deutschen in Triest waren damit aber erst in Ansätzen erforscht, es bestehen „erhebliche Forschungsdefizite“.54 Die vorliegende Arbeit gründet neben der Forschungsliteratur auf veröffentlichten und unveröffentlichten Quellen. Gesetzesblätter (Reichsgesetze, Landesgesetze, Verordnungen, Erlässe und Kundmachungen), amtliche Handbücher für den Gebrauch bei Behörden, Protokolle von Sitzungen des Reichsrates, des Triester Stadtrates, des Triester Gemeindeausschusses und des österreichischen Ministerrates, amtliche Publikationen statistischen Materials (Österreichische Statistik, Veröffentlichungen der Stadt Triest) bilden die eine Säule des gedruckten Quellenmaterials. Festschriften von politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einrichtungen, Vereinsmitteilungen, Memoiren sowie zeitgenössische Zeitungen und Zeitschriften stellen das zweite Korpus gedruckter Quellen dar.

Der Großteil des verwendeten unveröffentlichten Quellenmaterials liegt im Triester Staatsarchiv (Archivio di Stato di Trieste). Es handelt sich um Akten der küstenländischen Statthalterei, der Polizeidirektion Triest, des vom Königreich Italien errichteten Generalzivilkommissariats für Julisch-Venetien und der Präfektur Triest. Einzelne Vereinsakten konnten im Triester Carlo-Schmidl-Theatermuseum eingesehen werden. Dokumente aus dem Österreichischen Staatsarchiv (geschlossene Bestände zum Thema sind dort nicht vorhanden) ergänzen das Material.

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Sowohl das Archiv der Stadt Triest als auch das Archiv der Triester Diözese wurden zur Zeit meiner Forschungsaufenthalte 2002/03 übersiedelt und waren nicht zugänglich. Beide Archive galten (und gelten) leider zudem als wenig erschlossen. Was die evangelischen Gemeinden Triests betrifft, konnte die 2002 erschienene umfangreiche wissenschaftliche Studie berücksichtigt werden. Aus dem Stadtarchiv konnten auf Umwegen schließlich stichprobenartig ein paar Volkszählungsbögen eingesehen werden, die römisch-katholische Kirche stellte ihren gedruckten Schematismus zur Verfügung. Gespräche des Verfassers mit einigen der wenigen noch in Triest lebenden eingesessenen Deutschen runden das Quellenmaterial ab.

Die vorliegende Arbeit stützt sich, was das ungedruckte Quellenmaterial betrifft, in erster Linie auf Schulakten und Vereinsakten. Vereine unterschiedlicher Ausrichtung spiegeln das gesellschaftliche Leben einer Bevölkerungsgruppe wider, sie lassen auf Aktivitäten und Einstellungen einzelner Personen und Personengruppen schließen. Dabei konnten nicht sämtliche Vereine berücksichtigt werden, die – sei es durch die Wahl ihres Namens, die Sprache ihrer Satzungen oder ihre Aktivitäten – als deutsch in Erscheinung traten. Vielmehr wurde eine Auswahl getroffen hinsichtlich der Größe einer Vereinigung und ihrer Bedeutung für das gesellschaftliche Leben der Stadt. Um Vergleiche zu ermöglichen und wechselseitigen Beeinflussungen auf den Grund zu gehen, wurden den einflussreichsten deutschen Vereinigungen (Gesangvereine, Sportvereine, Schulvereine, dezidiert nationale Vereine wie die Südmark) ihre italienischen und slowenischen Pendants gegenübergestellt und daher auch deren Archivmaterial berücksichtigt. Zu den bedeutenden italienischen und slowenischen Nationalvereinen liegen umfangreiche Publikationen vor; hinsichtlich der Slowenen gilt es zu berücksichtigen, dass ein Großteil des Archivmaterials dem Brand des Triester Narodni dom am 13. August 1920 zum Opfer fiel.

In den Schülermatrikeln wurde, im Unterschied zu den Volkszählungen, amtlicherseits nicht die Umgangssprache einer Person, sondern die Muttersprache eines Kindes verzeichnet. Die Auswertung dieser Matrikeln ermöglicht daher einen ergänzenden Blick auf die Sozialstruktur der Familien aus der einen oder anderen Sprachgruppe. Soweit die Matrikeln vorhanden waren, wurden sie in regelmäßigen Abständen (nach Möglichkeit fünf Jahre) erfasst, damit einerseits Querschnitte durch alle Triester Schulen mit deutscher Unterrichtssprache vorliegen und andererseits der Wandel des deutschen Schulwesens nachvollzogen werden kann. Da Kinder mit deutscher Muttersprache in Triest fast ausnahmslos Schulen mit deutscher Unterrichtssprache besuchten, lässt sich so ein guter Teil der deutschen Volksgruppe in der Stadt erfassen. Neben den Schülermatrikeln bieten Jahresberichte, Konferenzprotokolle und Direktionsakten Einblicke, wie sich (etwa in der Wahl der Unterrichtssprache und von Fremdsprachen) die einzelnen Nationalitäten jenseits tagespolitischer Polemiken zueinander verhielten. In Schul- und Vereinsakten wird somit besonders schön deutlich, inwiefern und wie sich Deutsches in Triest artikulierte.

Die zeitliche Begrenzung der Themenstellung mit dem Jahr 1920 bringt es mit sich, dass es Zeitzeugen, welche die ersten beiden Lebensjahrzehnte in Triest in ←26 | 27→einem kritikfähigen Alter erlebt hatten, nicht mehr gab. Die einzige Person, welche in Frage gekommen wäre, eine 1903 im kärntnerischen Friesach geborene und seit früher Kindheit in Triest ansässige Dame, lehnte eine Befragung ab; sie ist mittlerweile verstorben.

Mit dem dargelegten Forschungsansatz steht der Verfasser nicht alleine da. Eine ähnliche Konzeption verfolgt eine im Jahr 2000 erschienene preisgekrönte Arbeit zu den religiösen Gemeinschaften in Breslau. Deren Autor Till van Rahden schreibt in seiner Einleitung, dass seine Studie „die Struktur und den Wandel der Inklusions- und Exklusionsmuster für die folgenden Bereiche“ analysiert: „Sozialstruktur, private und öffentliche Geselligkeit, insbesondere das Vereinswesen und die Heiratskreise, Schulwesen und städtische Politik“.55 Der Verfasser der vorliegenden Arbeit konnte, auch hinsichtlich der Gliederung seiner Studie, Anleihen bei Van Rahden nehmen56 und sich vergewissern, nicht auf einem völlig falschen Weg zu gehen.

In vielen Fällen ist es dabei nicht möglich, Deutsches von Nicht-Deutschem eindeutig zu scheiden, und selbstverständlich müssen die Beziehungen berücksichtigt werden, welche sich aus der Interaktion von deutschen Lebensäußerungen – oder solchen, welche (von wem auch immer) als deutsch empfunden wurden – mit italienischen, slowenischen und anderen ergeben haben. Auch die Schreibung der Personennamen in dieser Arbeit trägt diesem Umstand Rechnung, indem (wie es auch in den Quellen vorkommt) der Vorname ein und derselben Person je nach Kontext in deutscher, italienischer oder slowenischer Schreibweise erscheinen kann. Die vorliegende Studie versucht daher nicht, die Triester Deutschen als starre, geschlossene Gemeinschaft zu begreifen, sondern sie möchte für den Zeitraum von 1880 bis 1920 darstellen, wer und was sich wann und wie als deutsch artikulierte oder als solches betrachtet wurde. Entscheidend dabei ist, dass die Berufung auf das „Deutsche“ handlungsleitend wurde – und damit für den Historiker analysierbar.

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1 Gregor Gatscher-Riedl, Triest – k. u. k. Sehnsuchtsort und Alt-Österreichs Hafen zur Welt. 2. Aufl. Berndorf 2017.

2 Arnold Suppan, Die Untersteiermark, Krain und das Küstenland zwischen Maria Theresia und Franz Joseph (1740–1918). In: Ders. (Hg.), Zwischen Adria und Karawanken. Berlin 1998, 263–348, hier 310.

3 Suppan, Untersteiermark, Krain und das Küstenland, 312.

4 Heinrich Escher, Triest und sein Beruf als Weltmarkt. Triest 1872. Heinrich Escher (1806–1886), aus einer bekannten, ursprünglich schweizerischen Familie stammend, war Kaufmann und Kurator der helvetischen Gemeinde Triests.

5 Illustrirter Führer durch Triest und Umgebungen. 4. Aufl. Wien 1897, V–VI (Vorwort zur 4. Aufl.).

6 E[milio] Schatzmayer, Triest und seine Umgebung. Triest 1881, 1.

7 Schatzmayer, Triest und seine Umgebung, 47–48.

8 Ludwig Jahne (Hg.), Völkischer Reiseführer durch die Deutschen Siedlungen Südösterreichs. Festgabe zum fünfundzwanzigjährigen Bestand des Deutschen Schutzvereines Südmark. Klagenfurt 1914, 208–209.

9 Suppan, Untersteiermark, Krain und das Küstenland, 326.

10 Suppan, Untersteiermark, Krain und das Küstenland, 330.

11 Attilio Tamaro, Le condizioni degli italiani soggetti all’Austria nella Venezia Giulia e nella Dalmazia. Roma 1915, 11 und 17. Attilio Tamaro (1884–1956), Journalist bei den Triester italienischen Zeitungen L’Indipendente und Il Piccolo, im faschistischen Italien Karrierediplomat, Verfasser der zweibändigen Storia di Trieste (Erstausgabe Roma 1924), die jahrzehntelang als „Standardwerk“ der Geschichte Triests galt. Von prominenten slowenischen Historikern wurde Tamaros Triest-Geschichte als nationalistisches bzw. chauvinistisches „Falsifikat“ angesehen, vgl. Viktor Novak, Fran Zwitter (Hg.), Oko Trsta. Beograd 1945, 223 und 246.

12 Trieste e i due Austriacantismi dall’ “Idea Nazionale”. Trieste 1912, 26.

13 Trieste e i due Austriacantismi, 31.

14 Jože Pirjevec, „Trst je naš!“ Boj Slovencev za morje (1848–1954). Ljubljana 2008 (Zitat 14).

15 Arduino Agnelli, La genesi dell’idea di Mitteleuropa. Trieste 2005, 227–235.

16 Piero Purini, Memoria storica e identità: l’appartenenza condizionante. In: Marta Colangelo (Hg.), Memorie diverse. Tre generazioni sul confine italo-sloveno di Trieste ricordano il XX secolo. Trieste 2000, 67–98, hier 71–72.

17 Purini, Memoria storica e identità, 69.

18 Purini, Memoria storica e identità, 91–92.

19 Oliver Schneider, „Triest“. Eine Diskursanalyse. Würzburg 2003, 193.

20 Joseph Hain, Handbuch der Statistik des österreichischen Kaiserstaates. 2 Bde. Wien 1852/53. Bd. 1 [1852], 220.

21 Peter Urbanitsch, Die Deutschen in Österreich. Statistisch-deskriptiver Überblick. In: Adam Wandruszka, Peter Urbanitsch (Hg.), Die Habsburgermonarchie 1848-1918. Bd. III/1: Die Völker des Reiches. Wien 1980, 33–153, hier Tabelle 1 (Faltbeilage nach 38).

22 Pierpaolo Dorsi, Stranieri in patria. La parabola del gruppo minoritario tedesco nella Trieste austriaca. In: clio 37 (2001), H. 1, 5–58, hier 36.

23 Grundlegend Emil Brix, Die Umgangssprachen in Altösterreich zwischen Agitation und Assimilation. Die Sprachenstatistik in den zisleithanischen Volkszählungen 1880 bis 1910. Wien–Köln–Graz 1982.

24 Ernest Renan, Was ist eine Nation? In: Ders.: Was ist eine Nation? und andere politische Schriften. Wien 1995, 41–58.

25 Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Aus dem Englischen von Benedikt Burkard und Christoph Münz. Erweiterte Ausg. Berlin 1998. Vgl. besonders 228, Anm. 248. Die englische Originalausgabe erschien 1983 in London unter dem Titel Imagined Communities.

26 Hannelore Burger, Sprachenrecht und Sprachgerechtigkeit im österreichischen Unterrichtswesen 1867–1918. Wien 1995, 15–25.

27 Pieter M. Judson, Habsburg. Geschichte eines Imperiums 1740–1918. 2. Aufl. München 2017, 119–122 und 396–400 (Zitat 122).

28 Karl Gottfried Hugelmann, Das Nationalitätenrecht nach der Verfassung von 1867; der Kampf um ihre Geltung, Auslegung und Fortbildung. In: Ders. (Hg.), Das Nationalitätenrecht des alten Österreich. Wien und Leipzig 1934, 79–286, hier 81–96.

29 Frank Wiggermann, K. u. k. Kriegsmarine und Politik. Ein Beitrag zur Geschichte der italienischen Nationalbewegung in Istrien. Wien 2004, 45, Anm. 5.

30 Dietmar Baier, Sprache und Recht im alten Österreich. Art. 19 des Staatsgrundgesetzes vom 21. Dezember 1867, seine Stellung im System der Grundrechte und seine Ausgestaltung durch die oberstgerichtliche Rechtsprechung. München–Wien 1983, 146–150.

Details

Seiten
604
Jahr
2020
ISBN (PDF)
9783631813980
ISBN (ePUB)
9783631813997
ISBN (MOBI)
9783631814000
ISBN (Hardcover)
9783631813973
DOI
10.3726/b16615
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (März)
Schlagworte
Österreich Österreich-Ungarn Habsburger Volksgruppe Nationalität Geschichte 1850–1918 Italien
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 604 S., 1 farb. Abb., 10 s/w Abb., 22 Tab.

Biographische Angaben

Reinhard Reimann (Autor:in)

Reinhard Reimann studierte Geschichte, Germanistik und Slawistik an der Karl-Franzens-Universität Graz und promovierte ebenfalls dort. Er ist seither als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache in Österreich und im Ausland tätig.

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Titel: «Landfremde» an der Adria