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Zweisprachigkeit und das semantische Lexikon

Gezielte, sprachspezifische Förderung und Therapie in der Kita und Grundschule

von Claudia Wahn (Autor:in)
©2020 Monographie 150 Seiten
Open Access

Zusammenfassung

Das vorliegende Buch stellt evaluierte Förder- und Therapieformate zum Auf- und Ausbau des semantischen Lexikons zweisprachiger Kinder vor. Darüber hinaus möchte es den LeserInnen Anregungen für die praktische Umsetzung und Gestaltung von Einzel- und Gruppensituationen geben. Eine entsprechende theoretische Verortung mit dem Ziel des Praxistransfers auf der Basis von Evidenzbasierung soll nicht fehlen, v.a. da Zweisprachigkeit in der Sprachförderung und Sprachtherapie eine weitgehend ungenutzte Ressource darstellt. Zweisprachigkeit sollte in Deutschland nicht länger als Nachteil für die Bildungsentwicklung von Kindern gesehen werden, sondern als Vorteil im Spracherwerb, den es in den unterschiedlichen Institutionen des deutschen Bildungs- und Gesundheitssystems gezielt zu nutzen gilt.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • 1 Der Erwerb des semantisch-lexikalischen Systems zweisprachiger Kinder und potentielle Schwierigkeiten
  • 1.1 Kritische Periode für den zweisprachigen Erwerb?
  • 1.2 Universelle, konzeptuelle Kategorien versus semantische, strukturelle Kategorien sowie beeinflussende Faktoren als Grundlage für den Auf- und Ausbau des semantisch-lexikalischen Systems
  • 1.3 Erwerbsschwerpunkte und potentielle Schwierigkeiten
  • 2 Förderung und Therapie des semantisch-lexikalischen Systems: Ein Überblick über aktuelle Sprachförderprogramme und Therapieansätze
  • 2.1 Sprachliche Interventionen: Sprachliche Bildung, Sprachförderung/ sprachspezifische Förderung und Sprachtherapie
  • 2.2 Aktuelle Ansätze zur Förderung/sprachspezifischen Förderung unter besonderer Berücksichtigung der semantisch-lexikalischen Spracherwerbsebene sowie deren Wirksamkeit
  • 2.3 Aktuelle Ansätze zur Therapie unter besonderer Berücksichtigung der semantisch-lexikalischen Spracherwerbsebene sowie deren Wirksamkeit
  • 2.3.1 Überblick
  • 2.3.2 Konzepte
  • 3 Methoden zur Förderung und Therapie des semantisch-lexikalischen Systems
  • 3.1 Überblick – „State of the Art“
  • 3.2 Methoden für die frühe Semantikförderung und Semantiktherapie
  • 3.3 Methoden für die Lexikonerweiterung, Organisation des Lexikons und Verbesserung der Wortverarbeitung
  • 4 Förderung und Therapie des semantisch-lexikalischen Systems bei zweisprachigen Kindern – Umsetzung in der Praxis
  • 4.1 Förderung und Therapie: Zur bildungs- und gesundheitspolitischen Abgrenzungsproblematik
  • 4.2 Hinführung
  • 4.3 Einzelformate für die Kita (Beispiel)
  • Märchentext (entsprechend der Interventionsform modifiziert)
  • Interventionsplanung
  • Geschichte als Einstieg/ Inputmaterial
  • Interventionsplanung
  • 4.4 Gruppenformate für die Kita (Beispiel)
  • Interventionsplanung
  • Märchentext (entsprechend der Interventionsform modifiziert)
  • Interventionsplanung
  • Märchentext (entsprechend der Interventionsform modifiziert)
  • 4.5 Einzelformate für die Grundschule (Beispiel)
  • Interventionsplanung
  • Interventionsplanung
  • 4.6 Gruppenformate für die Grundschule (Beispiel)
  • Interventionsplanung
  • Textausschnitt (entsprechend der Interventionsform modifiziert)
  • Interventionsplanung
  • Textausschnitt (entsprechend der Interventionsform modifiziert)
  • 5 Evaluation von Interventionen
  • 5.1 Evidenzbasierte Medizin (EbM), Evidenzbasierte Praxis (EbP) und Evaluation
  • 5.2 Zur aktuellen Kritik an der EbP
  • 5.3 Evidenzbasierung in der Diskussion: Chancen und Grenzen in förderpädagogischen und therapeutischen Kontexten
  • 5.4 Evaluation von rezeptions- und produktionsorientierten Interventionen für zweisprachige Kinder im Vorschul- und Grundschulalter – Beispiele
  • 5.5 Ausblick: Implementationsforschung als Voraussetzung für eine evidenzbasierte förderpädagogische und therapeutische Praxis
  • 6 Zweisprachigkeit als weitgehend ungenutzte Ressource bei sprachspezifischen Interventionen?
  • 6.1 Einleitung
  • 6.2 Die Bedeutung der Eltern bzw. engen Bezugspersonen für sprachspezifische Interventionen
  • 6.3 Die Bedeutung sprachlicher Strukturen
  • 6.4 Die Bedeutung des Kindes als Ressource
  • 6.5 Fazit
  • 6.5.1 Nutzung von Eltern als Ressource
  • 6.5.2 Nutzung von Zweisprachigkeit als Ressource
  • 7 Literaturverzeichnis
  • 8 Anhang
  • 8.1 Verzeichnis der Tabellen
  • 8.2 Vergleich der Förder- und Therapieformate POF, ANF, ASF und ELF als Gruppen- und Einzelsetting

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Einleitung

Bereits 1999 haben Rothweiler und Meibauer darauf hingewiesen, dass die Wortschatzentwicklung und Wortschatzerweiterung von der Forschung im deutschen Sprachraum recht stiefmütterlich behandelt wird (Rothweiler & Meibauer 1999). Zwar ist seit den letzten Jahren eine Zunahme an Arbeiten zum Wortschatz zu verzeichnen, die insbesondere den Erwerb und Ausbau des frühkindlichen Lexikons betreffen (Rothweiler 2003; Rothweiler & Kauschke 2007; Kauschke u.a. 2010), dennoch liegen bis heute keine umfassenden deutschen Korpora zur Kindersprache vor, die als Vergleichsgrundlage zur Beurteilung des Wortschatzes von Kindern, die älter als drei Jahre sind, herangezogen werden könnten. So überrascht es auch nicht, dass die zur Förderung des Wortschatzes bzw. zur Behandlung semantisch-lexikalischer Störungen notwendigen Diagnoseinstrumente, Förder- und Therapieverfahren bisher nur in kleiner Anzahl vorhanden sind. In Einrichtungen, wie z.B. Kitas wird der Wortschatz zwar fokussiert, wobei dieser in der Regel Gegenstand der allgemeinen sprachlichen Bildung ist oder aber er ist Gegenstand einer allgemeinen, unspezifischen Sprachförderung, wenn eine Förderung notwendig ist. Die Maßnahmen bleiben jedoch eher unspezifisch. Ist eine Therapie notwendig, findet häufig die Methode der semantisch-phonologischen Elaboration (Glück, 2003) Anwendung, die als „Klassiker“ für den Wortschatzaufbau und die Wortschatzerweiterung gilt, jedoch nur mit Blick auf einsprachige Kinder beschrieben ist. Bei dieser Vorgehensweise unterstützt der/ die TherapeutIn den Wortschatzaufbau durch ein Angebot phonologischer und semantischer Merkmale für einzelne Wörter (z.B. Vorsprechen neuer Wörter in Silbensprache u.a. durch eine Handpuppe, das Kind soll „übersetzen“ bzw. erraten, was die Handpuppe gesagt hat) und Einbettung in Handlungskontexte aus dem Alltag (z.B. einen Obstsalat machen).

Viele Kinder wachsen heute jedoch nicht mehr einsprachig, sondern zweisprachig auf, wobei die simultane Zweisprachigkeit eher eine Ausnahme darstellt (zwei oder mehr Sprachen werden gleich gut verstanden und gesprochen). Viel häufiger ist die sequentielle bzw. sukzessive Zweisprachigkeit anzutreffen, bei der die Muttersprache des jeweiligen Herkunftslandes die erste Sprache (L1) und Deutsch die Zweitsprache (L2) ist. Über die Gestaltung einer geeigneten Erwerbsumgebung zur Unterstützung des Wortschatzerwerbs zweisprachiger Kinder ist bis heute wenig bekannt. Als Folge bleibt auch die Einschätzung der Sprachkompetenzen in der L2 und L1 oft vage. Haben zweisprachige Kinder nun Probleme mit dem Erwerb ihrer L2 oder weisen sie eine sog. Spezifische Spracherwerbsstörung (SSES) auf, die sich in beiden Sprachen zeigt, stehen in der Praxis aktuell wenig geeignete und erprobte (evaluierte) ←11 | 12→Handlungsansätze zur Verfügung. Nicht selten sind deshalb zweisprachige Kinder in der Sprachtherapie zu finden, obwohl sie keinen „echten“ Therapiebedarf haben. Ausgenommen davon sind natürlich die zweisprachigen Kinder, die eine SSES aufweisen und für die der Therapiebedarf zweifellos gegeben ist. Für beide Fälle gilt jedoch, dass eine Intervention umso günstiger für die Gesamtentwicklung eines Kindes ist, je früher diese erfolgt. Im ersten Fall dient diese der Prävention und Unterstützung zweisprachigen Lernens. Im zweiten Fall zielt die Intervention auf eine effektive und effiziente Gestaltung von Sprachtherapie, um zweisprachige Kinder analog einsprachigen Kindern nicht länger als nötig in der Therapie zu halten.

Um sich dem beschriebenen Problem anzunähern und potentielle Lösungen aufzuzeigen, wurden Formate für die Förderung und Therapie auf der Basis identifizierter sprachspezifischer Faktoren (Wahn, 2013) entwickelt, die v.a. Assoziationen, Antonyme und Polyseme in den Blick nehmen. Diese Formate wurden für Kinder unterschiedlicher Altersgruppen (3–6-Jährige und 7–10-Jährige) gestaltet, in der praktischen Umsetzung erprobt und evaluiert. Die Ergebnisse für die Einzelformate, die 40 Förder- und Therapieeinheiten mit insgesamt 480 Stunden beinhalten, haben sich bewährt und zeigen eine Überlegenheit gegenüber der „klassischen“ Methode der semantisch-phonologischen Elaboration (bis zu 80% Lernfortschritte innerhalb einer Kurzzeitintervention [6 Wochen]). Auf der Basis dieser Ergebnisse und der Notwendigkeit, dass nicht die Einzelsituation mit einem Kind, sondern die mit mehreren Kindern der Realität von allgemeiner sprachlicher Bildung und Sprachförderung in der Kita und Schule entsprechen, wurden die Einzelformate in Gruppenformate überführt, ebenfalls praktisch erprobt und evaluiert. Die positiven Ergebnisse für die nunmehr 76 Förder- und Therapieeinheiten mit einem Umfang von insgesamt 912 Stunden stellen inhaltlich eine gute Grundlage dar, um Kitas und Grundschulen bei der Gestaltung sprachspezifischer Förderangebote zu unterstützen und SprachtherapeutInnen/ LogopädInnen einen effektiven und effizienten Rahmen zur Gestaltung von Sprachtherapie für zweisprachige Kinder zu bieten.

Das vorliegende Buch möchte diese Förder- und Therapieformate zum Auf- und Ausbau des Wortschatzes (des semantisch-lexikalischen Systems) zweisprachiger Kinder sowie einige Förder- und Therapieeinheiten vorstellen und darüber hinaus dem Leser/ der Leserin, wie z.B. ErzieherInnen, LehrerInnen im Grundschulbereich oder an Schulen mit unterschiedlichen Förderschwerpunkten, SprachtherapeutInnen und LogopädInnen Anregungen für die praktische Umsetzung und Gestaltung von Einzelsituationen und Gruppensituationen geben. Eine entsprechende theoretische Verortung mit dem Ziel Transfer für die Praxis herzustellen, soll nicht fehlen, v.a. da Zweisprachigkeit in der Sprachförderung und Sprachtherapie eine weitgehend ungenutzte Ressource darstellt. Diese gilt es perspektivisch gezielt zu nutzen. ←12 | 13→Zweisprachigkeit sollte in Deutschland nicht länger als Nachteil für die Bildungsentwicklung von Kindern gesehen werden, sondern als Vorteil im Spracherwerb, den es in den unterschiedlichen Institutionen des deutschen Bildungs- und Gesundheitssystems nur noch zu nutzen gilt.

München im Frühjahr 2019
Claudia Wahn

Details

Seiten
150
Jahr
2020
ISBN (PDF)
9783631800263
ISBN (ePUB)
9783631800270
ISBN (MOBI)
9783631800287
ISBN (Hardcover)
9783631800256
DOI
10.3726/b16156
Open Access
CC-BY-NC-ND
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (November)
Schlagworte
semantisch-lexikalisches System Erstspracherwerb Zweitspracherwerb Specific Language Impairment (SLI) Spezifische Spracherwerbsstörung (SSES) Ressource Sprachtherapie Evidenzbasierung Evaluation
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 150 S., 7 Tab.

Biographische Angaben

Claudia Wahn (Autor:in)

Claudia Wahn ist ordentliche Professorin an der SRH Hochschule für Gesundheit (University of Applied Health Sciences) sowie Studiengangsleiterin des Bachelorstudiengangs Logopädie (Standorte Heidelberg, Karlsruhe, Stuttgart, Düsseldorf und Bonn). Zuvor war sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Drittmittelprojektmitarbeiterin, Privatdozentin, Gast- und Vertretungsprofessorin an den Universitäten Leipzig, Halle, Köln, Berlin (HU) und Gießen sowie an der Åbo Akademi Universität Turku (Finnland) tätig.

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