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Erfolgsfaktor Quereinstieg

Auf dem Weg zur multiprofessionellen Schule

von Christina Hansen (Band-Herausgeber:in) Walter Gusterer (Band-Herausgeber:in)
©2020 Sammelband 224 Seiten

Zusammenfassung

Das Buch befasst sich mit dem Konzept der „professional learning communities". Damit ist die Vorstellung von „Lehrern als Lernern" verbunden, die in einer Schulgemeinschaft miteinander und voneinander lernen und ist besonders effektiv für schulische Personalentwicklung und das Lernen der Schüler*innen zugleich. Am Beispiel von Teach For Austria wird dabei ebenso theoretisch fundiert wie konkret aufgezeigt, was professionelle Zusammenarbeit bedeutet und wie sie konkret gestaltet werden kann. Damit wird durch die Arbeit von TFA ein wichtiger Beitrag zur Bildungsqualität in Österreich geleistet. Das Werk richtet sich an interessierte Pädagog*innen, Schulleiter*innen, Studierende, Expert*innen aus schulischen und außerschulischen Handlungsfeldern , Psycholog*innen und Therapeut*innen in Aus- und Weiterbildung, die neben vielen guten Beispielen pädagogisch- systematischer Zusammenarbeit auch eine professionstheoretische Fundierung des Ansatzes nicht scheuen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Walter Emberger, Walter Gusterer, Christina Hansen: Einleitung. Begründungslinien und Ziel des Buches
  • Theoretische und empirische Begründungslinien
  • Christina Hansen: Wie nichtpädagogisch ist nicht-pädagogisches Personal an Schulen? Überlegungen zum Potenzial multiprofessioneller Teams am Beispiel des Ansatzes Teach For Austria
  • Konzeptionelle Grundlagen
  • Wie die Idee nach Österreich kam! Von wissenschaftlichen Begründungslinien zu gesellschaftspolitischen Beobachtungen
  • Walter Emberger: Teach For X: Recht auf Bildung und faire Chancen. Wer ist und was will TFA?
  • Walter Gusterer: Wohnt allem Anfang ein Zauber inne? Akteurinnen und Akteure der professionellen Zusammenarbeit
  • Zielsetzungen von Teach For Austria
  • Wer oder was steckt hinter TFA? Von gesellschaftspolitischen Zielsetzungen zum konkreten Projekt
  • Birgit Radl-Wanko: Vorbereitung und Begleitung der Fellows. Vom Online Campus über die Sommerakademie bis zur Qualifizierung während des Schuleinsatzes
  • Elisabeth Witzani: Was bedeutet Wirkung bei Teach For Austria?
  • Ebenen der Umsetzung
  • Mehr als nur «Fit für die Schule». Von den Zielsetzungen zur konkreten Umsetzung
  • Toni Kronke: Erfolgsfaktor Lehrkraft. Ansprache und Auswahl von Fellows bei Teach For Austria
  • Doris Pfingstner: Erfahrungsbericht einer Teach for Austria Partnerschule. Wie ich TFA Partnerschule wurde
  • Praxisberichte
  • Und wie sehen die Akteure TFA? Praxisberichte und subjektive Erfahrungen
  • Barbara Karner: Gemeinsam, begeistert, wachsen und lernen – zwei Jahre als TFA-Fellow
  • Patrick Svensson-Jaiko: „Was hast du eigentlich gemacht, dass du das geschafft hast?“ Gedanken darüber, wie wichtig Vertrauen ist, um Schule zu gestalten
  • Empirische Befunde
  • Was bringt das? Noch eine Frage an die Wissenschaft
  • Johannes Mayr: Die Fellows von Teach For Austria: Führungskräfte im Klassenzimmer. Eine Studie zum pädagogischen Handeln sowie dessen Voraussetzungen und Wirkungen
  • Martin Gradl, Walter Gusterer: Diversifizierung von Professionalität durch qualifizierten Quereinstieg. Interview mit Univ. Prof. Dr. Hermann Josef Abs
  • Ausblick
  • Was können wir daraus lernen?
  • Gebhart Ottacher: 21st Century Skills – aber wie?
  • Ein abschließendes Wort der Herausgeber
  • Autor*innenportraits

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Walter Emberger, Walter Gusterer, Christina Hansen

Einleitung

Begründungslinien und Ziel des Buches

Forschungen aus den USA geben gewichtige Hinweise dafür, dass sog. „professional learning communities“ besonders effektiv für schulische Personalentwicklung und das Lernen der Schüler*innen zugleich sind. Damit ist die Vorstellung von „Lehrern als Lernern“ verbunden, die in einer Schulgemeinschaft miteinander und voneinander lernen. Die Besonderheit für diese „professional communities of practice“, wie sie Wenger & Snyder 1998, 134) beschrieben haben, ist dabei aber nicht nur die Bezeichnung für Lehrkräfte, sondern meint auch Laien, Fachfremde oder Expert*innen, die für eine bestimmte Zeit in dieser „professional community“ mitwirken und zum Gelingen der Lernprozesse von Schüler*innen aber eben auch zur eigenen Professionalität beitragen. Zusammen mit der individuellen Förderung, der Öffnung des Klassenraums und der Schule gehören die Teambildung, die Multiprofessionalität und die Zusammenarbeit mit pädagogischen Laien zu den zentralen Bedingungen für eine zukunftsfähige Schule (Rave/Ohnesorg 2014).

Die verschiedenen, dahinter liegenden Konzepte zur gemeinsamen Arbeit in der Schule wecken bei einer Gruppe von Lehrkräften, Schulleiter*innen und in der Schulverwaltung die Hoffnung, die Einbindung von Fachfremden sei ein Königsweg zur Qualitätsverbesserung von Schulen und Unterricht. Die andere Gruppe pädagogischer Akteur*innen fürchtet jedoch, dass genau mit dieser Einbindung die Organisation von Schulentwicklung bedroht und die Qualität pädagogischer Professionalität diffundiert wird.

Auf welcher Seite man auch immer steht: Mit dem Anspruch multiprofessioneller Zusammenarbeit wird ein hoher Anspruch formuliert, der in der Mehrzahl unserer Bildungseinrichtungen auf eine noch sehr unzulängliche Praxis trifft. Die Gründe dafür sind leicht auszumachen: Es geht darum, andere Personen mit ihrer Kompetenz und Professionalität nicht nur als Unterstützungssystem für den eigenen Unterricht zu betrachten, sondern gemeinsam im Team ein neues Rollenverständnis zu entwickeln und die Teamarbeit als Basis allen pädagogischen Handelns zu sehen. Wir haben es also mit einer fundamentalen Veränderung des Selbstverständnisses und der Rollen der einzelnen Lehrkraft und der Schule zu tun. Die Sorge vor zusätzlicher Belastung, Angst vor Einmischung oder Unzulänglichkeiten prägen häufig die Ausgangslage in den ←11 | 12→Schulen, bevor der Mehrwert, die größere Zufriedenheit, die persönliche Entlastung empfunden werden und bevor spürbar wird, wie mit einer produktiven Zusammenarbeit auch die Förderung aller besser gelingt.

Warum wollen wir „professional learning communities“ just am Beispiel von „Teach for Austria“ aufzeigen? Weil das Programm vor dem Start in jedem Land „heiß“ diskutiert wird, scheint es uns bestens dafür geeignet, die neuralgischen Punkte pädagogischer Zusammenarbeit zwischen professionellen Fachkräften und Laien zu verdeutlichen. Der Begriff des Laien scheint dabei jedoch wenig hilfreich, wenn es um die Bedeutung und Rolle von Fachkräften mit nicht-pädagogischer Ausbildung geht, da diese eben – wie die Fellows – sehr wohl über ein spezifisches, für ihre Tätigkeit relevantes Wissen verfügen und durch ihre Tätigkeit eben auch Bildungs-, Erziehungs- und Sozialisationsprozesse beeinflussen können.

Mit konkreten Beispielen zur Nutzung des Potenzials der Fellows als „pädagogische Laien“ an österreichischen – vornehmlich Wiener – Regelschulen wollen wir Missverständnisse aufklären und konkrete Wege der Zusammenarbeit von „Fachfremden“ an Schulen zur Gestaltung von „professional learning communities“ aufzeigen. Geklärt werden sollte dabei, was mit professioneller Zusammenarbeit gemeint und wie sie konkret zu gestalten ist, damit Synergien für alle Akteur*innen sichtbar und nachhaltig sind. Zugleich können die Beispiele helfen, Fehler zu vermeiden und Widerstände zu überwinden. Was ist also das Ziel? „Gute“ Praxis im Lichte von Studien zu individueller Förderung und multiprofessioneller Teamarbeit zu reflektieren und damit zu mehr Bildungsqualität in einer heterogenen Bildungslandschaft zu kommen – dazu soll im vorliegenden Werk ein Beitrag geleistet werden.

Ein Wort noch von Walter Emberger, dem Gründer von TFA. Er hat in Österreich das ermöglicht, was heute im deutschsprachigen Raum beispielgebend ist.

Aber warum hast du das gemacht, Walter?

„Die Gesellschaft ist in schnellem Wandel begriffen, dessen Ende nicht absehbar ist und dessen Tempo eher zu- als abnimmt. Menschen müssen sich anpassen, Systeme müssen sich anpassen, so auch in der Bildung: Manches bleibt, etwa die Notwendigkeit rechnen und lesen zu können, manches ändert sich radikal, etwa der fachliche Vorsprung der Lehrkraft -– diesen hat sie längst an die Smartphones abgegeben. Menschen – alle die mit der Schule zu tun haben – und Systeme – hier das Bildungssystem – haben ein Trägheitsmoment, das in gewissen Zeiten durchaus von Vorteil war, sich aber in Zeiten starken Wandels als konterproduktiv erweist. Hier helfen Innovationen von außen am meisten, so schmerzhaft es auch sein mag, diese zu akzeptieren. TFA ist so eine Innovation von außen, so wie Tesla dies in der Automobilindustrie und das iPhone in der Telefon- und Musikbranche waren (und diese und noch weitere Branchen zusammengebracht und völlig neu definiert haben).“

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„Systemkompatibel aber nicht systemkonform“, so hat ein hochrangiger Vertreter einer Hochschule treffend TFA bezeichnet. In diesem Buch wollen wir der Frage nachgehen, wie systemkompatibel TFA ist. Weitere Fragen, die sich mit TFA den Verantwortlichen stellen, werden aufgeworfen und erste Antworten darauf gesucht: Ist TFA die Gegenthese zur traditionellen Lehrerausbildung oder die Ausnahme, die die Regel bestätigt? Sind beide Ansätze konkurrierend oder ergänzen sie sich? Wie soll der Monopolist „Öffentliche Schulverwaltung“ mit der Innovation TFA umgehen? Wie viele Quereinsteiger verträgt ein starkes System? Sind dies null Prozent, oder zwei bis fünf, oder zehn bis zwanzig? Ist mit TFA die Privatisierung der Bildung eingeläutet oder ist TFA als zivilgesellschaftliches Engagement unabkömmlich, wenn wir als Staat wettbewerbsfähig bleiben wollen? Und vor allem: Was können beide Ansätze, der traditionelle und der quereinsteigende, voneinander lernen, so dass sie zusammen das beste Ergebnis erreichen? Und dies sollte doch immer die beste Bildung für alle sein, auch für jene mit den schlechteren Startbedingungen.“

Gesellschaftliche Innovationen im Bildungssystem lassen sich nicht umsetzen, ohne Menschen zu gewinnen, die „im System“ sind. Walter Gusterer, ehemaliger Schulinspektor aus Wien, war ein solcher maßgeblicher Wegbereiter von TFA. Was hat dich dazu gebracht, etwas Neues im System zuzulassen?

„Ein Ziel dieses Buches ist den Leser*innen darzustellen und zu vermitteln, wie Wege im Bereich Bildung und Schule beschritten werden können, die von der Idee zur konkreten Umsetzung und zur erzielten Wirkung reichen. Es geht darum zu zeigen, dass es zwischen Vorhaben und Durchführung keine zeitraubenden Lücken und unüberwindlichen Hürden geben muss. Möglichkeiten zur Schaffung und Sicherung von Schulqualität sollen nicht nur theoretische Modelle auf dem Papier bleiben, sondern den Weg in die Klassenzimmer zu den Schüler*innen und Lehrer*innen finden.

In diesem Buch soll beschrieben werden, wie Menschen, die sich entschlossen haben als Lehrer*innen zu arbeiten, ihre Potentiale einsetzen und wie sie als einer der wesentlichen Teile im Lehr- und Lernprozess ihre Wirkung bestmöglich entfalten können. Da diese Lehrkräfte vom System landläufig als unkundig im Fach der Pädagogik beschrieben werden, nämlich in diesem Bereich kein Wissen und keine Kompetenzen erworben zu haben, dennoch die Schule betreten mit der Absicht, Schüler*innen zu unterrichten, wird fast selbstverständlich ein „Clash“ zwischen ihnen und den ausgebildeten Pädagog*innen erwartet. Wie das vermieden werden kann, indem erkannt wird, dass diese Ankömmlinge nicht mit leeren Händen kommen, sondern Wissen und Können aus deren eigenen Fachbereichen mitbringen, soll im Buch vermittelt werden. Der Blick wird also darauf gerichtet, dass es möglich ist, ein Biotop der Multiprofessionalitäten ←13 | 14→zu schaffen, wo die Art der Zusammenarbeit eine besondere Form der Qualitätsentwicklung ermöglicht.

Dem Abgleich zwischen den Erfahrungen und Erkenntnissen unterschiedlicher Protagonisten mit Bezug zu Teach For Austria mit den hier dargestellten wissenschaftlich-theoretischen Begründungslinien soll in diesem Buch facettenreich nachgegangen werden.“

Die Beiträge umfassen damit ein breites Spektrum von Blickpunkten, Standpunkten, Erfahrungen und Erkenntnissen und reichen von den wissenschaftlichen Grundlagen zur Professionalisierung der Arbeit der Lehrer*innen, über die Beschreibung des Gründers von Teach for Austria von der Absicht bis zur konkreten Umsetzung dieser Einrichtung, vom Programm und der Wirkung von Teach for Austria, über die Erfahrungen von Fellows bis zur Beschreibung von Studien, die sich mit den Fellows in ihrer Arbeit beschäftigen.

Es soll auch die Sicht wiedergegeben werden, dass sich Projekte, die grundlegend durchdacht sind und professionell durchgeführt werden, durchsetzen, auch wenn ihnen zu Beginn oft große Zurückhaltung entgegengebracht wird.

Details

Seiten
224
Jahr
2020
ISBN (PDF)
9783631813126
ISBN (ePUB)
9783631813133
ISBN (MOBI)
9783631813140
ISBN (Hardcover)
9783631792858
DOI
10.3726/b16586
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Februar)
Schlagworte
Leadership Professionalität Bildungsgerechtigkeit Potenzialentfaltung Unterrichtsqualität Pädagogisches Handeln Unifying Principles Social Responsibility Professional learning communities Impact
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 224 S., 19 farb. Abb., 9 s/w Abb., 5 Tab.

Biographische Angaben

Christina Hansen (Band-Herausgeber:in) Walter Gusterer (Band-Herausgeber:in)

Christina Hansen ist Lehrstuhlinhaberin für Pädagogik der Primarstufe an der Universität Passau. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkten sind Diversitätsforschung, Pädagogische Professionalisierung, Bildung und Raum sowie Internationalisierung in der Lehrerbildung. Walter Gusterer war als Schulaufsichtsbeamter im Bereich der Bildungsdirektion Wien mit dem Schwerpunkt Begabungsförderung tätig. Er ist bei Teach For Austria für das Placement im Bundesland Niederösterreich verantwortlich und Mitglied des Vorstandes des Schulvereins St. Ursula in Österreich.

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