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Das Verhältnis von Mensch und Maschine im Werk Heinrich Hausers

von Mirjam Schubert (Autor)
Dissertation 290 Seiten

Inhaltsverzeichnis


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1. Einleitung

1.1 Mensch und Maschine. Eine erste Annäherung

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist das Thema der fortschreitenden Technisierung des menschlichen Lebens allgegenwärtig. Ob in der Zeitung, im Radio, im Fernsehen und erst recht im Internet: Es vergeht kaum ein Tag, an dem in den Medien nicht eruiert wird, was in Zeiten von ‚Industrie 4.0‘, Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, Pflegerobotern und autonom fahrenden Autos Maschinen mit Menschen machen und umgekehrt. Diese Fragen sind nicht neu, sondern beschäftigen die Menschen, seitdem es Maschinen gibt. Besonders für die Zwanziger- und Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts gilt die Auseinandersetzung mit Technik und Maschinen als zeittypisch. Bekannte Beispiele dafür sind beispielsweise Fritz Langs Film Metropolis, Charlie Chaplins Film Modern Times, Karel Čapeks Theaterstück R. U. R., aus dem der Begriff des ‚Roboters‘ stammt, oder die Darstellung von Maschinen und Technik in der Malerei eines Franz Radziwil.

Ein Autor, dessen Gesamtwerk von den mit Technisierung verbundenen Fragestellungen durchdrungen ist, ist Heinrich Hauser. Er gilt der Literaturgeschichtsschreibung als ein typischer Vertreter der Literatur der Zwanzigerjahre, der sich in seinem künstlerischen Schaffen wie kaum ein zweiter mit zentralen Fragen des technischen Fortschritts und des Verhältnisses zwischen Mensch und Maschine auseinandergesetzt hat. Heinrich Hauser war gewiss nicht der erste Schriftsteller, der sich mit der Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Maschine auseinandersetzte. In seinem Werk erreicht die Auseinandersetzung mit diesen Fragen eine Verdichtung und Relevanz, die es lohnenswert erscheinen lässt, genauer hinzusehen.

Hausers Werk, zu dem neben literarischen und journalistischen Texten auch fotografische Arbeiten und Stummfilme zählen, bildet den zentralen Gegenstand der vorliegenden Untersuchung. Das Vorhaben dieser Studie ist es, mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine einen inhaltlichen Aspekt herauszugreifen, der Hausers gesamtes Werk dominiert und der mithin geeignet ist, sich einen Zugang zum Verständnis seiner reichhaltigen literarischen und journalistischen Produktion zu verschaffen. Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, welche Muster der menschlichen Erfahrungen mit Technik und Maschinen sich in Hausers Werk finden lassen. Darüber hinaus soll eruiert werden, wie die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Maschine in den Texten reflektiert und typisiert werden. Es soll ferner gezeigt werden, wie Hausers diesbezügliche ←9 | 10→Positionierungen in ihrem Entstehungskontext einzuordnen sind, also in welchen zeittypischen kulturellen, historischen und sozialen Bezugsfeldern die in den Texten vorgefundenen Reflexionen und Typisierungen gelesen und verstanden werden können. Geleitet wird dieser methodische Zugriff von der heuristischen Annahme, dass sich in der Darstellung des Verhältnisses von Mensch und Maschine wichtige soziale und kulturelle Phänomene offenbaren, die weit über Hausers Werk hinausweisen und einen panoramaartigen Blick auf die Zeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ermöglichen.

In dieser Studie sollen sowohl Hausers fiktionale als auch seine faktualen Werke in den Blick genommen, vergleichend analysiert und im Hinblick auf die Darstellungen des Mensch-Maschine-Verhältnisses genauer beschrieben werden. Damit leistet diese Studie Pionierarbeit, denn bislang gibt es weder zu Hausers Gesamtwerk noch zu den darin aufgeworfenen zentralen Fragen und Themenbereichen eine zusammenhängende und tatsächlich aufschlussreiche literaturwissenschaftliche Untersuchung.

Dem heutigen Lesepublikum sind Heinrich Hauser und sein Werk so gut wie unbekannt. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren war er indes eine bedeutende Journalistenpersönlichkeit und als Träger des Gerhart Hauptmann-Preises eine literarische Nachwuchshoffnung der Weimarer Republik. Sein Werk ist umfangreich und vielfältig. Zwischen 1925 und 1955 schrieb er Romane, Erzählungen, Reportagen, Feuilletons und Werbeschriften für die Industrie. Er übersetzte Werke englischsprachiger Autoren ins Deutsche und verfasste in der Zeit seines Exils kenntnisreiche Auseinandersetzungen mit der politischen und gesellschaftlichen Lage in Deutschland und in den USA auf Englisch. Er fotografierte und bebilderte viele seiner Reportagen selbst mit eigenen Fotografien, außerdem drehte er in den Zwanziger- und Dreißigerjahren mehrere Dokumentarfilme.1 Hausers Werke sind heute nur noch schwer verfügbar: Es existiert keine Gesamtausgabe. Seine Bücher sind vom literarischen Markt fast verschwunden, mit Ausnahme seines Romans Donner überm Meer, seines Reportagebuchs Das Schwarze Revier und der autobiografischen Erzählung Zwischen zwei Welten, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts neu aufgelegt wurden. Die beiden Dokumentarfilme Windjammer und Janmaaten sowie Weltstadt in Flegeljahren werden hin und wieder in thematisch passenden Reihen im Programmkino gezeigt. Kopien dieser Filme sind auf dem freien Markt nicht erhältlich. Zudem existiert kein ←10 | 11→geordneter Nachlass. Mit Ausnahme des 2012 posthum erschienen Romans Zwischen zwei Welten gibt es keinerlei Manuskripte oder Typoskripte seiner Werke. Von seinen Briefen sind nur sehr wenige erhalten. Diese Arbeit möchte das Werk – und hier insbesondere die Texte Hausers, ohne die Fotografien und die Filme vollkommen außen vor zu lassen – in den Mittelpunkt stellen und der interessierten Öffentlichkeit zugänglicher machen. Eine kurze Vorstellung der Werke im Anschluss an den Forschungsüberblick in diesem Kapitel erleichtert die inhaltliche Orientierung.

Der sozial- und kulturgeschichtliche Hintergrund von Hausers Schaffen ist unerlässliche Grundlage für die Einordnung und Deutung seines Gesamtwerks. Um vor der eigentlichen Untersuchung einen entsprechenden Bezugsrahmen abzustecken, sollen zunächst im zweiten Kapitel Hausers Leben und die Entstehung seiner Werke im historischen Kontext im Überblick dargestellt werden.2 Bei der Analyse und Interpretation der Werke werde ich indes – anders als dies in verschiedenen Aufsätzen zu Hauser der Fall ist – den realen Autor und den Erzähler bzw. berichtenden Reporter aus heuristischen Gründen voneinander trennen. Während dies für die Erzähltexte aus literaturwissenschaftlicher Perspektive unmittelbar evident erscheint und unstrittig sein dürfte, ist dieser Ansatz für die Untersuchung von faktualen Texten erklärungsbedürftig. Die Distanz zwischen dem realen Journalisten und der Reporterfigur in den Reportagetexten fällt textartspezifisch zwar nach den Produktions- und Rezeptionsbedingungen dieser Textart notwendigerweise gering aus. Dennoch scheint nach der ersten Durchsicht von Hausers journalistischem Werk vieles dafür zu sprechen, dass der Autor auch die Perspektive des Reporters bewusst künstlerisch ausgestaltet und in Abhängigkeit vom jeweiligen Publikationskontext, dem Auftraggeber oder dem erwarteten Lesepublikum ‚konstruiert‘. Es gilt, deutlich zu machen, wo und inwiefern die Aussagen der faktualen Erzählinstanzen sich möglicherweise von den Haltungen und Meinungen des realen Autors unterscheiden und aus welchen Gründen dies in den entsprechenden Texten geschieht.

Nach der Präsentation der vorliegenden Forschungsbeiträge zu Hausers Werk und einer konzisen Darstellung des historischen und biografischen Kontextes wende ich mich in Kapitel 3 dann der Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Maschine in den Texten, Fotografien und Filmen zu. Unbestritten ist unter ←11 | 12→Expertinnen und Experten, dass Maschinen in den Werken Hausers eine große Rolle spielen. Um diesen, vermutlich auf flüchtigen Lektüren von Einzeltexten fußenden Allgemeinbefund erstmals empirisch zu untermauern, möchte ich anhand der Ergebnisse einer kleinen quantitativen Voruntersuchung verdeutlichen, welche Arten von Maschinen in welchem Ausmaß in Hausers Texten vorkommen (Kapitel 3). Auf Basis der Ergebnisse dieser quantitativen Voruntersuchung zum Vorkommen von Maschinen, werden dann die in Hausers Werk vorgefundenen Formen der Beziehung zwischen Mensch und Maschine beschrieben, analysiert und kategorisiert. Sie lassen sich grob vier grundlegenden inhaltlichen Beziehungskategorien – ich möchte sie im Folgenden ‚Ausprägungen‘ nennen – zuordnen: die Maschine als funktionales Mittel, als Gegenstand visueller, ästhetischer Erfahrung, als Stimulus für äußere und innere Empfindungen und als eigenständige Kreatur. Diese vier Ausprägungen und ihre kulturellen und sozialen Kontextualisierungen bilden den Kern der vorliegenden Untersuchung.

In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts sind Mechanisierung und Technisierung, Maschinen und Technik im Leben der Menschen bereits allgegenwärtig und beeinflussen den Lebens- und Arbeitsalltag der Menschen spürbar, was sowohl Begeisterung, als auch Beunruhigung und Irritationen auslöst. Wir befinden uns in der „Zeit der Vollmechanisierung“.3 Bahnbrechende technische Erfindungen sind in den Zwanzigerjahren nur noch selten zu verzeichnen. Die meisten epochalen Entwicklungen auf dem Gebiet der Technik – wie die Erfindung von Elektro- und Benzinmotoren oder von Leichtmetallen und Kunststoffen – haben bereits vor dem Ersten Weltkrieg stattgefunden. Sie zeichneten sich dadurch aus, dass sie die bislang vorherrschenden technischen Errungenschaften ←12 | 13→wie Dampfmaschine und Dampflokomotive und die dabei dominierenden Materialien wie Kohle und Stahl in Frage stellten.4

Erst nach dem Ersten Weltkrieg werden diese technischen Entwicklungen allerdings – zumindest im deutschen Sprachraum – für die Menschen praktisch nutzbar gemacht. 1927 beschreibt der Ingenieur Werner Lindner in der Zeitschrift Uhu eindrücklich, welche Folgen die weite Verbreitung von Maschinen und Technik auf das Leben haben:

Das weite Reich der Maschinen- und Werkbauten übt in der Fülle und Einprägsamkeit seiner Gestaltungsformen einen so starken Einfluß auf uns aus wie nie zuvor. Automobil, Motorpflug und Bohrtürme haben selbst so stille Gegenden wie die Lüneburger Heide erobert; in bisher einsame Bergeslandschaften [sic!] fügen sich Staubecken, Kraftwerke und Stromleitungen ein. Noch in tiefste Einsamkeit dringt das Surren des Flugzeugs.5

Grundlegend für Hausers Zugriff auf Maschinen und Technik ist, was er in dem schmalen Reclamband Friede mit Maschinen aus dem Jahr 1928 bereits auf der ersten Seite als Richtschnur festhält:

Wir wollen zeigen, daß der feindliche Gegensatz Mensch-Maschine im Grunde ein künstlich konstruierter Gegensatz ist, eine Fiktion. (FM 3)

Hauser möchte seinen Lesern Maschinen näherbringen und ihre Funktionsweise auf einfache Art und Weise verständlich machen. Maschinen erscheinen ihm kompliziert, und er findet es gerade deswegen wichtig, diese seinen Lesern zu vermitteln.6 Hausers Anliegen ist es, die Maschinen für seine Mitmenschen im wahrsten Sinne des Wortes verstehbar zu machen. Er verfolgt mit seinem Essayband den eindeutigen Zweck, „zwischen dem untechnischen Menschen und der Maschine eine Verständigung anzubahnen“ (FM 3). Bezeichnend ist, dass Hauser sich nicht als Experte und Fachmann, sondern als interessierter Laie präsentiert. Seine Motivation, zwischen Mensch und Maschine „eine Verständigung ←13 | 14→anzubahnen“ (FM 3) hängt mit der Sorge zusammen, dass die Funktionsweisen von Maschinen den Menschen immer fremder werden und diese sich damit in eine gefährliche Abhängigkeit begeben könnten:

Wir haben uns daran gewöhnt, daß ein Auto eben fährt, daß ein Staubsauger saugt, daß eine Weckeruhr weckt. Wir haben uns an die Dienste von tausend Dingen gewöhnt, ohne ihre Funktion zu verstehen. Das ist nicht gut, es kann zu unerwünschten Folgen führen: zu einer Oligarchie der Fachleute oder zu einer Art Maschinenrevolution […]. (FM 3 f.)

Für Hauser sind Maschinen im Alltag der Menschen angekommen und zu selbstverständlichen Bestandteilen der Wirklichkeit geworden. Hausers Zeitgenosse Frank Matzke beschreibt es für seine Generation folgendermaßen: „Uns ist die Technik weder ein Wunder noch ein Dämon, sondern eine Selbstverständlichkeit.“7 Vieles scheint dafür zu sprechen, dass Hauser sowohl mit seinem literarischen als auch mit seinem journalistischen Schaffen gerade gegen diese vermeintliche Selbstverständlichkeit der Technik anzuschreiben versucht. Mit welchen künstlerischen Mitteln er dabei vorgeht und an welche zeittypischen Diskussionen er sich damit anschließt, soll mit Hilfe der vorliegenden Untersuchung beschrieben werden.

1.2 Zur Forschungslage

Nur wenige Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler haben sich bis heute mit Heinrich Hauser und seinem Werk befasst. Nach einem ersten Schwung von Mitte der Siebzigerjahre bis Anfang der Achtzigerjahre ebbte das Interesse an Hauser zunächst wieder ab. Seit der Jahrtausendwende ist eine erneute Zunahme an Untersuchungen von Hausers Werken in wissenschaftlichen Publikationen feststellbar, allerdings eher sporadisch und meist vereinzelt und partiell auf einige wenige Werke fokussiert. Das Reportagebuch Schwarzes Revier ist ein häufiger Gegenstand der Studien, vielleicht auch deswegen, weil es 2010 vom Weidle-Verlag anlässlich einer Ausstellung von Hausers Fotografien in Essen in einer bibliophilen Ausgabe neu aufgelegt worden ist.

Die einzige ausführliche Studie zu Heinrich Hauser ist Grith Graebners Monographie Heinrich Hauser. Leben und Werk. Eine kritisch-biographische Werk-Bibliographie.8 Graebner bietet eine mit viel Hingabe und Genauigkeit erarbeitete Biografie Heinrich Hausers und gibt einen Überblick über sein ←14 | 15→filmisches, journalistisches und literarisches Gesamtwerk. Die Arbeit enthält zudem ein informatives, ausführliches Werkverzeichnis und eine ausführliche Bibliographie. Weniger erhellend fallen dagegen die Ergebnisse der literaturwissenschaftlichen Untersuchung der Werke Hausers aus, bei der Graebner Aspekte der Technik und des Reisens, Fragen zu seinem Frauenbild, zu seinen – wie sie sich ausdrückt – „poetisch-sensiblen Seiten“ und zur Verortung des Gesamtwerks in der „männlichen Literatur“ der Neuen Sachlichkeit in den Blick nimmt.9 Eine kultur- und sozialhistorische Kontextualisierung der Texte Hausers, deren Einordnung und Interpretation im Hinblick auf zeitgenössische gesellschaftliche, kulturelle und politische Diskurse wird nicht geleistet. Wie Graebner selbst bekennt, hat ihr Wissen über Hausers Biografie ihre literaturwissenschaftlichen Analysen stark beeinflusst.10 Dies führt unter anderem dazu, dass Graebner häufig die Erzählinstanzen in Hausers Romanen mit dem realen Autor gleichsetzt und sie fiktive Inhalte und Schilderungen der Hauserschen Texte mit faktischen Aspekten aus Hausers Biografie verschränkt.

Wie Graebner sieht auch Gregor Streim in Hausers künstlerischem Schaffen Verbindungslinien zwischen Biografie und Werk. Nach Streims Eindruck entsteht die Authentizität, für die Hauser von seinen zeitgenössischen Rezensenten gelobt wird, dadurch, dass in seinen Erzählungen und Romanen „autobiographische[] Erfahrung“ eingegangen sei.11 Streim ist davon überzeugt, dass Hauser absichtlich sein Leben und Werk miteinander verwoben habe und diese daher in der Analyse nur schwer zu trennen seien.12

Der Biografie Hausers widmen sich fast alle Arbeiten, zumindest in Grundzügen – allerdings tragen nur wenige tatsächlich neue Erkenntnisse zu Hausers Leben und Wirken zusammen. Einen Grundstein für die Beschäftigung mit Hausers Leben legte Helen Adolf mit ihrem Beitrag in dem Band Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933 aus dem Jahr 1989.13 Adolf schildert vor allem ←15 | 16→Hausers beruflichen Werdegang. Eine Ergänzung dazu bietet Walter Delabar in Zur Besinnung gekommen. Heinrich Hauser als Autor des Eugen Diederichs Verlag, indem er eine kleine, aber werkgeschichtlich signifikante Episode in Hausers Leben beleuchtet: Hausers Verlagswechsel vom S. Fischer Verlag hin zu Eugen Diederichs.14 Delabar untersucht und zeigt die Implikationen dieses Wechsels für Hausers Schreiben und die Veröffentlichungen seiner Werke. Almut Todorow ergänzt in ihrer Studie zum Feuilleton der Frankfurter Zeitung Hausers Biografie um Informationen zu seinem Wirken bei der Zeitung als Mitglied des Redaktionskreises und als freier Mitarbeiter.15

Unter anderem im Rahmen von Neu- oder Wiederveröffentlichungen von Hausers Texten und Fotografien sind kürzere Arbeiten zu Hausers Leben und Werk erschienen, die seine Biografie und einzelne Aspekte seines Werks in den Blick nehmen. Zu nennen sind hier Walter Delabars Nachwort zur Neuveröffentlichung von Hausers Roman Donner überm Meer, Andreas Rossmanns Nachwort zu Schwarzes Revier, Sigrid Schneiders knapper Beitrag zu einem Band mit Fotografien, so wie Johannes Werner, der mit seiner Arbeit Einer, der nirgends blieb, schlaglichtartig Hausers Biografie und einzelne seiner Werke vorstellt und dabei auch auf Hausers Technikfaszination und Technikskepsis eingeht. Tim Kangro präsentiert Hauser als einen „vergessenen Autor“ in einer kurzen Studie zum Verhältnis von Fiktion, Autobiografie und Reportage in Hausers Werk und nimmt hier ansatzweise Hausers Auseinandersetzung mit Maschinen und Technik in den Blick.16 Er attestiert ←16 | 17→Hausers Werken eine „wegweisende[] Modernität“ und lobt die Frische und das Unverbrauchte seiner Realitätsschreibungen.17

Einer der ersten, die nicht nur Hausers Biografie, sondern auch sein Werk untersuchen, ist Helmuth Lethen.18 Ihn interessiert vor allem, wie Hausers Werk politisch-literaturgeschichtlich einzuordnen ist. Lethen analysiert Hausers Reportagen aus einer industrie- und kapitalismuskritischen Position und ordnet Hauser dem sogenannten „Weißen Sozialismus“ zu. Darunter ist eine politische Haltung zu verstehen, die sich dem Nationalsozialismus nicht entgegensetzte und sich zudem nicht mit linken Strömungen solidarisierte. Für Lethen ist Hauser ein bürgerlicher Vertreter einer nationalkonservativ-technokratischen Richtung der Neuen Sachlichkeit, der sich vor allem für den perfekten Funktionszusammenhang von Maschinen interessiere, mit den Unternehmern sympathisiere, die Arbeiterschicht vernachlässige und „das Bild der liberalen Gestalt von Technokratie“ zeichne.19

Dieser Interpretationsansatz prägt den Großteil der nachfolgenden Studien. Einige der Beiträge – insbesondere aus den Siebzigerjahren, aber auch aus den Jahren danach – untersuchen Hausers Werk auf Basis sehr enger theoretischer, manchmal auch ideologischer Prämissen. Die Verfasserinnen und Verfasser lesen Hausers Texte voreingenommen und häufig wertend.20 Im Großen und Ganzen untersuchen und analysieren sie meist einzelne, manchmal einige wenige Reportagen und Sachbücher Hausers. Dabei ist der Umgang mit Technik und Maschinen in Hausers Werk ein thematisches Feld, das in vielen Studien gestreift wird. Die Autorinnen und Autoren konzentrieren sich vor allem auf Hausers faktuale Texte. Friede mit Maschinen und Schwarzes Revier sind Werke, die oft in den Blick genommen werden, aber auch Hausers Opel-Trilogie oder ←17 | 18→die Reisereportage Feldwege nach Chicago sind Gegenstände literaturwissenschaftlicher Untersuchungen.21 Dabei kommen die Autoren häufig zu dem Schluss, dass Hausers Interesse, Sympathie und Leidenschaft mehr der Welt der ←18 | 19→Technik und Maschinen als der Welt der Menschen gelte.22 Ein Vorwurf an Hauser lautet, dass dieser Maschinen und Technik ästhetisiere oder sogar erotisiere und auf diese Weise (auch) Produktwerbung betreibe, was als propagandistisch, zumindest aber als Ausdruck einer unkritisch-schwärmerischen Haltung gegenüber der Industrialisierung gewertet wird.23 In ihrer Studie zur Literatur über Städtereisen aus der Weimarer Republik gelangt Anke Gleber zu einem vergleichbaren Urteil und Matthias Uecker bemängelt in seiner Arbeit zu Heinrich Hausers Industriereportagen dessen „Technikapologetik“ und eine fehlende gesellschaftlich-politische Auseinandersetzung.24

Viele Autorinnen und Autoren fragen nach Hausers Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus. Simon Huber sieht in der Reportage Ein Mann lernt fliegen einen „Synchronisationsversuch mit dem herrschenden Regime“, Ute Gerhard erkennt in Hausers Texten (zumindest zeitweise) ein doppeltes Einverständnis: sowohl mit der Moderne, als auch mit dem Nationalsozialismus.25 ←19 | 20→Gregor Streim ordnet Hauser ideologisch-literaturgeschichtlich einem „reaktionären Modernismus“ zu.26 In einem weiteren Beitrag untersucht Streim, wie sich in Hausers Reisereportagen Technikfaszination und Nationalismus verbinden.27 Insgesamt zeigt sich in den Studien, dass Hauser nicht eindeutig einem politischen Lager zugeordnet werden kann.

Streim ist einer der wenigen, die in ihren Untersuchungen mehrere Werke Hausers einbeziehen.28 In seiner Analyse von Hausers Werken untersucht er diese auf Polaritäten wie Technikbegeisterung versus Technikfurcht, Wildnis versus Großstadt, die Sehnsucht nach Gemeinschaft versus die Flucht in die Einsamkeit und kommt zu dem Schluss, dass Hauser diese vermeintlichen Gegensätze verknüpfen und verschmelzen will.29 Neben den genannten polaren Themenfeldern legt Streim einen Schwerpunkt seiner Analysen auf die Themenkomplexe Heimat, Heimatlosigkeit und Pionier- und Siedlertum. Er stellt Hauser etwa als einen Pionier und Siedler dar, der sich permanent danach sehnt, irgendwo eine Bleibe, ein Zuhause zu gründen.30 Viktor Otto untersucht ebenfalls die Aspekte des Pioniergeists und der Siedlungsbestrebungen bei Hauser in seiner Studie zu den Intellektuellen-Diskursen um die Moderne.31 Für Otto repräsentiert Hausers Thematisierung des „Vonvornbeginnens“ eine „Lebensform“, deren Schwerpunkt auf dem Werden und dem Neuentwickeln liegt und ←20 | 21→die im Pionier und Siedler ihre perfekte Verkörperung findet.32 Hauser ist für Otto ein „Neo-Barbar“, der sich insbesondere in seinen Reisereportagen auf die Suche nach Ländern und Menschen macht, die ein Pionier- und Siedlertum verwirklichen, das Hauser als beispielhaft und zukunftsweisend für Deutschland ansieht.33 Neben dem Pioner- und Siedlertum geht Otto in seiner Studie auf Hausers amerikanische Schriften ein, in denen er eine ideologische Neuausrichtung Hausers (Time was) und dessen politische Visionen für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg (The German talks back) erkennt.34

Otto widmet sich in seinen Analysen auch dem Themenkomplex von Mensch und Maschine bzw. Natur und Technik.35 Dabei untersucht er zunächst, wie Hauser in seinem Werk das „neusachliche Primat des Sehens“ verwirklicht und geht auf die visuellen Aspekte und Hausers fotografische Schreibweise ein.36 Er arbeitet heraus, welche stilistischen Elemente Hauser nutzt, um das fotografische Schreiben zu realisieren.37 Otto zeigt anhand von Feldwege nach Chicago, dass und wie Hauser Maschinen als eigenständige Wesen mit einer Seele darstellt. Da Otto in seiner Studie den Fokus auf die Amerikabilder in Hausers Werk legt, lässt er zu diesem Themenkomplex alle weiteren Werke Hausers außer Acht, wodurch die Analyse unvollständig bleibt.

Weiterführend ist Ottos Analyse der Stadt-Land-Dichotomie in Hausers Reportagebüchern, indem er Hausers Bestreben nachweist, die moderne dualistische Auffassung von Stadt und Land zu überwinden und Natur und Technik nicht als Gegensätze, sondern als zusammengehörig zu verstehen.38

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Wie Otto untersucht auch Sebastian Graeb-Könnecker in seiner Studie Hausers Opel-Trilogie im Hinblick auf die Zusammenhänge zwischen Technik und Natur bzw. Landschaft.39 Er kommt zu dem Schluss, Hausers Botschaft sei, dass in den modernen Autofabriken sich Mensch und Maschine im Einklang mit der Natur befänden und der Wandel der Technik und Industrie der Moderne sich in natürliche Lebensabläufe integrieren lasse.40 Das Zusammenspiel von Natur und Technik nimmt auch Martin Walter in den Blick. Er untersucht Beschreibungen industrieller Landschaften in englischen und deutschen Reiseberichten der Zwischenkriegszeit als „discursive fields“ und analysiert in diesem Zusammenhang Hausers Schwarzes Revier.41 Nach Walter werden im Rahmen dieses Diskurses ideologische Auseinandersetzungen um Zugehörigkeit, Fortschritt und soziale Ordnung verhandelt. Hauser nehme die industrielle Landschaft als Teil der natürlichen Landschaft wahr, deren Wachstum aber gelenkt werden müsse.42

Im Zentrum von Ute Gerhards Studie stehen Wanderungs- und Fluchtbewegungen in der Weimarer Republik. In diesem Zusammenhang analysiert sie Hausers Werke Feldwege nach Chicago, Brackwasser und Donner überm Meer ebenfalls im Hinblick auf die Themenfelder Natur und Technik. Dabei arbeitet sie heraus, wie Hauser Landschaft und technische Moderne in Einklang zu bringen versucht und Subjektivität und Modernisierung synchronisieren will.43 ‚Natur und Technik‘ in Hausers Reisereportagen widmen sich noch weitere Studien, so beispielsweise Streim in seiner Untersuchung deutscher Reiseberichte aus den Dreißigerjahren.44 Streim analysiert neben Texten anderer Autoren Hausers Bericht Fahrten und Abenteuer mit dem Wohnwagen. Zentral in diesem Text sei das individuelle Reiseerlebnis und der private Wunsch nach Unabhängigkeit und Naturnähe. Gleichzeitig diene die Reise dazu, Deutschland als eine ←22 | 23→„im ‚Aufbruch‘ befindliche Nation“ zu erkunden.45 Hauser suche und finde auf dieser Reise „emblematische Bilder ‚organischer‘ Modernität“.46 Christopher Meid untersucht im Rahmen seiner Studie über Griechenland-Reiseberichte Hausers Reportagebuch Süd-Ost-Europa ist erwacht und erkennt in diesem Text das Bestreben, Natur und Technik miteinander zu versöhnen.47

In seiner Analyse der autobiografischen Reportage Ein Mann lernt fliegen stellt Huber die Frage, wie Hauser sich mit der Moderne und deren Herausforderungen auseinandersetzt.48 Er legt dar, wie der menschliche Körper in Hausers Text durch das Fliegen Freiheit und Distanz zur Alltagswelt erlangt. Die Möglichkeit zu fliegen belege Hausers grundsätzliche Annahme, dass es keinen Gegensatz zwischen Mensch und Maschine gebe.49 Mit dem Motiv des Piloten und des Fliegens in Hausers Roman Donner überm Meer befassen sich weitere Studien. Schütz analysiert Donner überm Meer im Rahmen seiner Studie Flieger – Helden der Neotonie, in der er anhand von Fliegerdarstellungen in der Literatur den Transformationsprozess des archaischen Heroen zu einem „modernen Helden mit Apostroph, Heldendarsteller, Heldenersatz oder fachmännischen Alltagshelden“ herausarbeitet.50 Für Schütz verkörpert der Flieger Fonck in Donner überm Meer die Wiederkehr des Archaischen durch die Technik. Fonck sei der Prototyp des transformierten, modernen Helden.51 In seinem Nachwort zur Neuauflage des Romans im Jahr 2001 fokussiert sich Walter Delabar auf die große Technikfaszination Hausers und betont die erzählerische Modernität des Textes.52 Die Erzählweise in Donner überm Meer nimmt auch Gerald Funk in seinem Beitrag Von Motoren und Menschen in den Blick.53 Der ←23 | 24→Roman zeige „das souverän ausgetragene Scheitern an der Fiktion“.54 Er zeichne sich vor allem durch Hausers Leidenschaft für das Sehen und seine Fähigkeit zur präzisen Beschreibung des Gesehenen aus.55

Neben den erwähnten Untersuchungen findet eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Hausers Romanen, beispielsweise in einschlägigen Abhandlungen über die Romane der Weimarer Republik, bislang nur am Rande statt.56 Immerhin drei Studien befassen sich mit dem Science-Fiction-Roman Gigant Hirn. Stephan Porombka liest in Hypertext. Zur Kritik eines digitalen Mythos den Roman als eine dystopische Zukunftsfantasie, in der der Computer die Menschheit bedroht, weil er die Macht über alle technischen Vorgänge gewonnen hat.57 Bedeutsam ist für Porombka die Tatsache, dass Hauser im Roman einen Computer entwirft, der begehbar ist.58 Paul Youngman untersucht, in wieweit Hausers Schilderung von Künstlicher Intelligenz und Technologie eigentlich eine mythologische ist und welchen Zusammenhang Hauser zwischen Technologie und Mythologie herstellt. Andy Hahnemann stellt den Roman in einem Handbuchartikel vor und präsentiert Hauser als einen typischen Vertreter der „organischen Moderne“, der in seinem Roman zeige, wie sich das „Schicksal des Menschen in der Moderne“ im Kampf zwischen Natur und Technik entscheide.59

Andere Schwerpunkte setzt Michael Bienert in seiner Studie Die eingebildete Metropole.60 Bienert analysiert, welche Bilder von Berlin in den Feuilletons der Weimarer Republik gezeichnet wurden und untersucht in diesem Zusammenhang eine Artikelserie, die Hauser von Oktober 1932 bis April 1933 in der Monatsschrift Die Tat unter dem Titel Berlin ist Deutschland veröffentlichte. Bienert arbeitet heraus, wie Hauser sich zunächst als vermeintlich Außenstehender der Stadt nähert, Berlin aber offenkundig so gut kennt, dass er nicht von der Stadt überwältigt ist. Hauser beschreibe vor allem die Peripherie und das ←24 | 25→Unbekannte und analysiere als teilnehmender Beobachter das alltägliche Leben der unterschiedlichsten Einwohner Berlins. Dabei interessiere er sich insbesondere für die materielle Not der Menschen.61

Als ein Teil von Hausers fotografischem Oeuvre im Nachlass des Folkwang-Auriga-Verlagsarchivs wieder entdeckt wird, zieht dies eine Reihe von Veröffentlichungen und drei Ausstellungen nach sich.62 2002 werden erstmals Hausers Fotografien in einem eigenen Bildband veröffentlicht.63 Mittlerweile findet Hausers fotografisches Werk sogar ein wenig Beachtung in der Kunstgeschichte, wie zum Beispiel Wolfgang Kemps Studie zum Deutschlandbild der Deutschen in der Zeit der Weimarer Republik zeigt.64 Harro Segeberg nimmt in seiner grundlegenden Studie zur Literatur im Medienzeitalter Hausers bi-mediale Reportagen in den Blick, insbesondere Schwarzes Revier und Feldwege nach Chicago.65 Dabei arbeitet er heraus, wie sich bei Hauser Text und Fotografien oder Film gegenseitig ergänzen und erweitern und wie Hauser moderne Industrie und Technik gerade durch den Einbezug nicht-literarischer Medien wahrnimmt.66 Auch Uecker widmet sich dem Zusammenspiel von Buch und Film in Hausers multimedialem Chicago-Werk. Er bemängelt das Fragmentarische und Unzusammenhängende sowohl des Textes als auch des Films und deren Fokussierung auf ästhetische Eindrücke.67 Aus medienwissenschaftlicher Perspektive untersuchen weitere Beiträge Hausers Filme und dabei insbesondere den Film Weltstadt in Flegeljahren. Ein Bericht über Chicago.68 Anlass der Auseinandersetzung mit ←25 | 26→dem Chicago-Film ist dessen Wiederentdeckung im Bundesarchiv in Koblenz und seine Wiederaufführung 1995 in Berlin.69 Mathias Güntner bietet in seiner Studie eine präzise Film- und Inhaltsbeschreibung und führt eine grundlegende Analyse dieses Films durch.70 Die zeitgenössische Rezeption des Films steht im Fokus der Untersuchung von Jeanpaul Goergen.71 Von besonderem Interesse ist für die Medienwissenschaft die Frage, welchen Film-Kategorien man Hausers Werk zuordnen kann. Mit diesem Fokus analysiert Antje Ehmann, wie sich der Chicago-Film von sogenannten Querschnittfilmen unterscheidet und welchen besonderen, dokumentarischen Charakter er hat.72 Eva Hielscher greift diese Debatten auf, legt aber den Akzent ihrer Studie auf die Frage, inwieweit Hausers Film einen Beitrag zur Amerikanismus-Debatte der Zwanzigerjahre leistet und welches Bild von Chicago und den USA er transportiert.73

Bei der Lektüre der vorgestellten Studien fällt auf, dass über Heinrich Hausers oft Werturteile gefällt werden – und zwar im positiven wie negativen Sinn. Außerdem zeigt sich, dass die Analyse von Einzelwerken immer wieder Irritationen auslöst, die sich ohne den Blick auf das Gesamtwerk nicht auflösen lassen. Die Einzelwerkanalysen kommen zudem zum Teil zu hypertrophen Deutungen, die sich beim Blick auf das Gesamtwerk nicht bestätigen lassen oder zumindest ergänzungsbedürftig sind. Was bislang fehlt, ist eine übergreifende literaturwissenschaftliche Studie, die ←26 | 27→Hausers Werke insgesamt in den Blick nimmt, seine fiktionalen Texte in die Untersuchung einbezieht und sein Werk in zeitgeschichtliche Zusammenhänge einordnet und dadurch verstehbarer und zugänglicher macht.

1.3 Die untersuchten Werke Heinrich Hausers: ein chronologischer Überblick

Folgende Werke untersuche ich in dieser Studie:

fiktionale Texte: faktuale Texte:
Das zwanzigste Jahr (1924) Brackwasser (1928) Friede mit Maschinen (1928) Schwarzes Revier (1930)
Donner überm Meer (1929) Noch nicht (1932) Männer an Bord (1936) Die letzten Segelschiffe (1931) Feldwege nach Chicago (1931) Wetter im Osten (1932)
Notre Dame von den Wogen (1937) Die Flucht des Ingenieurs (1937) Nitschewo Armada (1949) Gigant Hirn (1958) Zwischen zwei Welten (2012) Ein Mann lernt fliegen (1933) Kampf. Geschichte einer Jugend (1934) Fahrten und Abenteuer im Wohnwagen (1935) Am laufenden Band (1936)
  Opel. Ein deutsches Tor zur Welt (1937) Leinenzwirn (1937) Südosteuropa ist erwacht (1938) Australien. Der menschenscheue Kontinent (1939) Kanada. Zukunftsland im Norden (1940) Im Kraftfeld von Rüsselsheim (1940) Meine Farm am Mississippi (1950) Tochter Europas Düsseldorf (1951) Unser Schicksal. Die deutsche Indus- trie (1952).

Ergänzend habe ich Hausers Fotografien aus diesen Werken sowie seine Filme Windjammer und Janmaaten und Weltstadt in Flegeljahren. Ein Bericht über Chicago in die Untersuchung mit einbezogen.

Da die Werke Heinrich Hausers eher unbekannt sind und ihre Verfügbarkeit eingeschränkt ist, werde ich im Folgenden die Werke Heinrich Hausers, die Teil der vorliegenden Studie sind, vorstellen und ihre Inhalte wiedergeben. Interne Firmenschriften und unselbstständig veröffentlichte Zeitungs- bzw. Zeitschrif­tenartikel sowie Texte in englischer Sprache habe ich in das Untersuchungskorpus ←27 | 28→nicht mit aufgenommen.74 Um einen Eindruck von dem Umfang des jeweiligen Werks zu vermitteln, habe ich auch die Anzahl der Buchseiten der jeweiligen Ausgabe mitangeführt.

Das zwanzigste Jahr [ZJ]75 (1924) – Roman – 146 Seiten
Gustav Kiepenheuer Verlag

1924 erscheint Hausers Debütroman Das zwanzigste Jahr. Der Roman erzählt linear-chronologisch die Geschichte einer Beziehung zwischen einem jungen Mann und einer verheirateten Frau. Die Sprache enthält viele Adjektive, bildhafte Formulierungen und metaphorische Vergleiche. Damit unterscheidet sich Das zwanzigste Jahr deutlich von Hausers folgenden Werken. In dem Roman ←28 | 29→werden Themen wie Einsamkeit und Schwäche als ein Grundgefühl der Figuren, Kommunikationslosigkeit zwischen den Figuren und scheiternde Beziehungen verhandelt, die auch später in Hausers Werk bedeutsam sind. Maschinen und eine die Menschen umgebende technisierte Umwelt spielen in diesem Werk eine untergeordnete Rolle.

Brackwasser [ B] (1928) – Roman – 218 Seiten
Verlag Philipp Reclam jun. (verwendete Ausgabe: Rowohlt 1957 – 134 Seiten)
76

Heinrich Hausers zweiter Roman Brackwasser erscheint 1928 bei Reclam. Die Geschichte eines Matrosen, der vergeblich versucht, mit einer mexikanischen Frau an der Ostsee sesshaft zu werden, wird von Hausers Zeitgenossen begeistert aufgenommen und trägt ihm in der Literaturkritik den Ruf ein, ein deutscher Jack London zu sein.77 Im Unterschied zu Das zwanzigste Jahr ist die Erzählweise in diesem Roman strukturell weniger homogen. Etwa in der Mitte des Buches wechselt die Erzählperspektive von einer personalisierten Erzählhaltung zu einem Ich-Erzähler (dem Matrosen Glen), um dann im letzten Kapitel zu einem sehr distanzierten, auktorialen Erzähler überzugehen.

Der Matrose Glen begegnet der Prostituierten Chiquita bei einem Bordellbesuch in der Hafenstadt Tampico in Mexiko. Sie besucht ihn überraschend auf seinem Schiff und die beiden gehen von da an jeden Abend gemeinsam auf der Hauptstraße spazieren. Er kauft ihr eine Fahrkarte für die Überfahrt nach Europa und sie reist mit ihm nach Hamburg. Dort angekommen beschließt Glen, mit Chiquita an die Ostsee zu ziehen, wo er ein kleines Häuschen besitzt. Das Haus ist in einem völlig maroden Zustand. Im Sommer und Herbst ist das Paar damit beschäftigt, alles zu renovieren. Glen versucht, auf dem unfruchtbaren Boden einen Garten anzulegen. Seine Bemühungen scheitern aber. Das Zusammenleben der beiden ist von einer großen Kommunikationslosigkeit geprägt. Beide leiden unter Ängsten, die sie aber voreinander nicht preisgeben. Als schließlich der Winter kommt, die Kälte unerträglich wird und die Flut das Haus unter Wasser setzt, lassen sich Glen und Chiquita von einem Dampfer wieder ans Festland bringen. Dort kehren beide in ihr altes Leben zurück: Chiquita arbeitet als Prostituierte und Glen fährt wieder zur See.

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Friede mit Maschinen [FM] (1928) – Essayband – 79 Seiten
Verlag Philipp Reclam jun.

Hauser stellt in Friede mit Maschinen in mehreren kurzen Texten, die zum Teil auch in der Frankfurter Zeitung veröffentlicht werden, verschiedene Maschinen wie zum Beispiel Bohrmaschinen, Friktionspressen oder Schleifmaschinen vor. Außerdem finden sich in dem schmalen Band Texte wie „Fahrenlernen“ (FM 38–46), in dem Hauser berichtet, wie er lernt, mit einem Automobil umzugehen, oder „Der Arbeiter über das ‚System Taylor‘“ (FM 46–54), in dem er kurz die Entstehungsgeschichte des Taylorismus erzählt und über seine eigenen Erfahrungen mit taylorisierter Arbeit berichtet. Die Texte stehen unverbunden nebeneinander. Als Reporter und Beobachter tritt Hauser dabei immer wieder direkt in Erscheinung und erzählt unmittelbar davon, wie er die Maschinen wahrnimmt. Sein erklärtes Ziel ist es, eine „Verständigung“ zwischen Mensch und Maschine anzubahnen und den Leser für die Maschinen zu begeistern. Der Band endet mit einem „Schlußwort gegen die Maschinenfeinde“ (FM 77–79), einem resümierenden Plädoyer dafür, dass „ein Gegensatz zwischen Mensch und Maschine nicht existiert“ (FM 77).

Donner überm Meer [DM] (1929) – Roman – 242 Seiten
S. Fischer Verlag (verwendete Ausgabe: 5.–7. Auflage, 1930 – 242 Seiten)

Hausers dritten Roman Donner überm Meer veröffentlicht 1929 der S. Fischer Verlag. In diesem Werk entfernt sich Hauser noch weiter als in Brackwasser von linearen Erzählmustern. Die Erzählweise des Romans ist episodenhaft und fragmentarisch. Zwei Erzählstränge, die auf den ersten Blick nicht miteinander verknüpft sind, wechseln sich ab. Im ersten Strang tritt ein Ich-Erzähler auf. Er ist ein Schriftsteller, der in Irland und Hamburg unterwegs ist und versucht, einen Roman zu schreiben und von seinen Erlebnissen, seinen Reisen und seinem Schreiben berichtet. Diese Ich-Erzählung wird immer wieder durch die Erzählung einer Liebesgeschichte unterbrochen, die wechselseitig aus der Perspektive des Mannes und der Frau geschildert wird. Der Mann – Fonck – ist Pilot, die Frau – Lala – eine wohlhabende Dame. Die beiden treffen zufällig in einem Bus aufeinander. Fonck steigt mit Lala aus, beobachtet, wie sie in einem Haus verschwindet und wartet auf sie. Er weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie in dem Haus einen morphiumsüchtigen Arzt aufsucht, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Als Lala aus dem Haus kommt, nimmt er wahr, dass sie in einem desolaten Zustand ist und bringt sie zu einem Flugplatz an der Küste. Sie bleibt über Nacht bei ihm, aber die Folgen der stümperhaft durchgeführten Abtreibung lassen sie beinahe sterben. Fonck bringt Lala zurück in die Stadt, wo sie durch eine Notoperation gerettet wird. Nach dieser Nacht fühlen sich die ←30 | 31→beiden eng verbunden, sind aber dennoch nicht fähig, miteinander eine tragfähige Beziehung einzugehen. Lala stirbt am Ende im Krankenhaus nach einer zweiten Operation. Neben den beiden Erzählsträngen finden sich im Text zwei Monologe, „Gespräche“ genannt, in denen ein männlicher Ich-Erzähler jeweils mit einem nicht anwesenden Gesprächspartner, einem „unbekannten Herrn“ (DM 155–163) und einer „Toten“ (DM 229–231), spricht. Diese „Gespräche“ geben einen tiefen Einblick in das Seelenleben des Sprechers und seine Wahrnehmung der ihn umgebenden Menschen. Der Roman endet mit Foncks Start zu einem Transatlantikflug in Richtung Amerika.

Schwarzes Revier [ SR] (1930) – Reportagebuch – 149 Seiten
S. Fischer Verlag

Der S. Fischer Verlag erteilt Hauser 1929 den Auftrag, „Bildmaterial des Ruhrgebiets durch eigene Aufnahmen zu beschaffen“ (SR 9).78 1930 erscheint das Reportagebuch Schwarzes Revier, bebildert mit 127 Fotografien Hausers – so vielen wie in keinem anderen Werk. Es handelt sich hierbei um eine Textsammlung, in der verschiedene Artikel über die Autoreise durch das Ruhrgebiet sowie retrospektive Texte über die Arbeit des Reporters am Hochofen lose miteinander verknüpft sind. Die Reportagen berichten von Städten, Fabriken, Werken und unterschiedlichen Arbeitsprozessen. Hauser charakterisiert das Buch als „Experiment“, das „beabsichtigt war“ (SR 9). Es sei ein „lockeres Gewebe, das aus Elementen der Reisebeschreibung, des Essays und der Erzählung geflochten ist“ (SR 9). Der Reporter vermutet, dass dieses Experiment auf einige Leser „abstoßend“ wirken könnte (SR 9). Es sei aber eben nicht möglich, das Ruhrgebiet klar und eindeutig zu beschreiben, da sich „viele Gegenstände [..] nicht scharf umreißen […] lassen“ (SR 9).79 Die Fotografien sind in siebzehn Abschnitten von jeweils bis zu acht Bildern zwischen die eKapitel eingefügt. Die Fotografien bebildern nicht die vorangegangen und folgenden Reportagen, sondern bilden eine eigene Einheit.80 Vorangestellt sind diesen Fotografieeinheiten Erläuterungen und Bildbeschreibungen, die Interpretationsangebote zu den Fotografien ←31 | 32→liefern. Was fast völlig fehlt, sind genaue Angaben zur Lokalisierung der abgebildeten Orte, Plätze und Gebäude.

2010 gibt der Weidle Verlag anlässlich einer Ausstellung von Heinrich Hausers Fotografien in Essen eine Neuauflage des Buchs heraus.

Die letzten Segelschiffe [LS] (1931) – Reportagebuch – 149 Seiten
S. Fischer Verlag Windjammer und Janmaaten. Die letzten Segelschiffe (1930)
Stummfilm – 60 Minuten

Auf seiner nächsten Auftragsreise fügt Hauser seinem Schaffen noch eine weitere mediale Dimension hinzu. Während der Fahrt auf dem Segelschiff Pamir macht er Filmaufnahmen, fotografiert und schreibt logbuchartige Texte, die zunächst in der Frankfurter Zeitung und später im Buch Die letzten Segelschiffe. Hundertzehn Tage auf der Pamir veröffentlicht werden.81 Das Buch erscheint, zunächst noch ohne Fotografien, 1931 bei S. Fischer. Ab der 15. und 16. Auflage werden dem Band 29 Fotografien Hausers beigegeben. In Die letzten Segelschiffe berichtet Hauser chronologisch von der Reise um Kap Horn, vom Leben und Arbeiten an Bord des Großseglers – und auch immer wieder von den Schwierigkeiten, die das Filmen und Fotografieren auf einer solchen Reise mit sich bringen. Die erste dem Band beigegebene Fotografie zeigt die Pamir in der Totalen. Danach folgt in regelmäßigen Abständen immer eine Fotodoppelseite mit jeweils vier Fotografien. Jedes Foto wird dabei durch eine Bildunterschrift ergänzt. Die letzten Segelschiffe ist das kommerziell erfolgreichste Buch Hausers im S. Fischer Verlag und erreicht eine Auflage von sechzehntausend Exemplaren.82 Aus seinen Filmaufnahmen schneidet Hauser den Film Windjammer und Janmaaten. Die letzten Segelschiffe, der von Naturfilm Hubert Schonger produziert und 1930 uraufgeführt wird. Der Film erhält die wichtige Anerkennung als Lehrfilm, die Vorführungen in Kinos überhaupt erst möglich macht.83Windjammer und Janmaaten zeigt zum einen das Segelschiff Pamir in seinen unterschiedlichen Facetten ←32 | 33→und stellt zum anderen die mannigfaltigen Tätigkeiten und Arbeitsschritte an Bord eines Großseglers vor. Der Film folgt chronologisch dem Reiseverlauf und erreicht seinen Höhepunkt mit einem Sturm an Kap Horn.

Feldwege nach Chicago [FC] (1931) – Reportagebuch – 268 Seiten
S. Fischer Verlag Weltstadt in Flegeljahren: Ein Bericht über Chicago (1931)
Stummfilm – 74 Minuten

Im März 1931 tritt Hauser seine nächste Reise für den S. Fischer-Verlag an. Diesmal fährt er mit dem Schiff in die USA. Dort entsteht das Buch Feldwege nach Chicago, das im selben Jahr erscheint. Wieder werden dem Reportagebuch etliche Fotos Hausers beigegeben. In diesem Buch berichtet Hauser von seiner Fahrt per Schiff und Auto von Bremerhaven über New York nach Texas und von dort nach Chicago. Ein Schwerpunkt des Reportagebuchs liegt auf der Reise sowohl mit dem Auto als auch mit dem Schiff von New Orleans nach Chicago. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf Hausers Besuchen in mehreren Fabriken – wie den Fordwerken oder den Schlachthöfen in Chicago. Während seiner Reise macht Hauser Filmaufnahmen, die er später zu dem Film Chicago. Weltstadt in Flegeljahren zusammenfügt, der ebenfalls 1931 in Berlin uraufgeführt wird.84 Der Film ist 73 Minuten lang, besteht aus einem Prolog, fünf Akten und einem Epilog und wird insgesamt durch 35 Zwischentitel strukturiert und kommentiert.85 Dieser Stummfilm erzählt eine etwas andere Geschichte als das Buch und lässt sich inhaltlich in drei Abschnitte gliedern. Zunächst wird eine gemächliche Fahrt mit einem Schaufelraddampfer auf dem Mississippi gezeigt (was auch durch die Zwischenüberschrift „Der Mississippi, der ‚Vater der Ströme‘“ deutlich wird), die in Chicago endet – was geografisch nicht korrekt ist, da der Mississippi nicht in den Lake Michigan mündet, an dem Chicago liegt.86 In der fünfzehnten Minute kommt Chicago erstmals ins Bild – vom Wasser aus gesehen. Der Film zeigt den Verkehr und die Architektur der Großstadt sowie Arbeitsprozesse in einer Rohrpostanlage, im Straßenbau und in der Lebensmittelproduktion. Danach erscheint der Arzt, Sozialreformer und Anarchist Ben ←33 | 34→Reitman im Bild.87 Ab dieser Einstellung zeigt der Film Menschen der Großstadt, zunächst vor allem sozial Schwache, Arbeitslose und Drogenabhängige. Aber auch Kinder auf der Straße sind immer wieder zu sehen. Der Film endet mit Szenen aus Chicagos Grünanlagen, aus einem Vergnügungspark und am Strand, wo Menschen sich die Zeit vertreiben, spielen, turnen und planschen.88 In der Filmwissenschaft wird Weltstadt in Flegeljahren als Großstadtfilm oder filmische ‚Stadtsymphonie‘ bezeichnet.89

Noch nicht. Die Aufzeichnungen des Christian Heinrich Skeel [NN] (1932) – Roman – 235 Seiten
S. Fischer Verlag

Das Verweben verschiedener Erzählstimmen und eine episodenhaft-zerstückelte, nicht-lineare Erzählweise charakterisiert in besonderem Maße den Roman Noch nicht. Die Aufzeichnungen des Christian Heinrich Skeel. Dieser Roman aus dem Jahr 1932 wird erst als Fortsetzungsreihe in der Neuen Rundschau abgedruckt und erscheint anschließend bei S. Fischer.90 Er beginnt mit einem Vorwort, in dem ein „Heinrich Hauser“ angibt, er habe von einem anderen Mann – Christian Heinrich Skeel – Aufzeichnungen erhalten, die er nun wiedergebe. Auf diese prologhafte Herausgeberfiktion folgen kurze Erzählungen und reportageartige Texte aus der Perspektive eines Ich-Erzählers sowie Briefe des Ich-Erzählers und seiner Frau. Diese Texte werden nicht miteinander verknüpft, sondern stehen unverbunden hintereinander. In den ersten Kapiteln entfaltet sich bruchstückhaft die Geschichte einer Paar- und Eltern-Kind-Beziehung. Skeels Geliebte Deirdre lebt als Schauspielerin in England. Sie zieht zu ihm nach Deutschland und die beiden bekommen ein Kind. Die Schwangerschaft Deirdres und die Geburt der Tochter verstören und verunsichern Skeel. In der folgenden Zeit lässt er Frau und Kind immer wieder allein zurück, um zu verreisen oder zur See zu fahren. Er würde gerne ←34 | 35→mit Frau und Tochter leben, sieht sich aber dazu nicht in der Lage. Als er eines Tages in die gemeinsame Wohnung zurückkehrt, muss er feststellen, dass Deirdre ihn verlassen und die Tochter mitgenommen hat. Im zweiten Teil der Aufzeichnungen erzählt Skeel von seinen Versuchen, mit dem Scheitern der Beziehung und der daraus folgenden Einsamkeit umzugehen. Ruhe findet er erst, als er sich in eine einsame Mühle auf dem Land zurückzieht und dort Bäume pflanzt und sich – wie man bereits in der Herausgeberfiktion zu Beginn erfahren hat – der Fliegerei und dem Flugzeugbau widmet.

Wetter im Osten [WO] (1932) – Reportagebuch – 235 Seiten
Eugen Diederichs Verlag

Ebenfalls im Jahr 1932 erscheint Hausers Reportagebuch Wetter im Osten im national-konservativen Eugen Diederichs Verlag. Es handelt von einer Reise nach Ostpreußen. Achtzig Fotografien Heinrich Hausers illustrieren dieses Buch. Der Reportage vorangestellt ist der Text „So entsteht ein Buch“ (WO 3–8), in dem der Reporter über seinen Zugang zum Schreiben reflektiert. Außerdem berichtet er an dieser Stelle, wie der Auftrag zu dieser Reise zustande gekommen ist und von seinen Zweifeln, ob er überhaupt adäquat über den Osten berichten könne, denn er gibt an „so gut wie nichts“ (WO 6) über diesen Teil Europas zu wissen und dass er „Angst“ (WO 7) vor dieser Aufgabe habe. In der Reisereportage erzählt Hauser davon, wie er die größeren Städte Ostpreußens, Königsberg und Danzig, besucht sowie Dörfer, Gutshöfe und neuerbaute Ortschaften. Dabei berichtet er von seinen Begegnungen mit den Menschen vor Ort und berichtet von den Gesprächen, die er mit ihnen über ihr Land führt. In diesen Gesprächen, aber auch im Text insgesamt, legt er einen Schwerpunkt auf Fragen der Siedlungsbewegung und der Bodenreform. Technik und Maschinen spielen eine untergeordnete Rolle, nur die Eisenbahn und das Automobil als die Transportmittel, mit denen Hauser unterwegs ist, werden häufiger geschildert.

Ein Mann lernt fliegen [MF] (1933) – Reportagebuch – 176 Seiten
S. Fischer Verlag

In seinem autobiografisch gefärbten Reportagebuch Ein Mann lernt fliegen, das S. Fischer 1933 veröffentlicht, erzählt der Hauser davon, wie er seinen Flugschein macht. Er berichtet von seinen Flugstunden, davon, wie er andere Flieger und das Geschehen auf dem Flugplatz beobachtet und wie er schließlich seine Prüfung ablegt. Im Mittelpunkt dieses Textes stehen das Flugzeug und der Flugschüler, der lernen möchte, mit dieser Maschine umzugehen. Diesem Werk ist eine Widmung an Hermann Göring vorangestellt: „Hermann Göring, dem ersten deutschen ←35 | 36→Luftfahrtminister, Sieg Heil! Heinrich Hauser“ (MF 7), die schließlich zum Bruch mit dem S. Fischer Verlag führt.91 Der Text selbst enthält nur wenige Hinweise auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten. Kurz wird erwähnt, dass die SA auf dem Flugplatz einen großen Flugtag veranstalte (MF 71), und nach Seite 136 ist eine Fotografie vom Heck eines Flugzeugs mit einem Hakenkreuz abgedruckt.

Kampf [K] ( 1934) – autobiografische Schrift – 283 Seiten
Eugen Diederichs Verlag

Kampfist Hausers zweite Veröffentlichung beim Verlag Eugen Diederichs. Er schildert in dieser fiktionalisierten Autobiografie seine Kindheit und Jugend, seine Zeit bei der Marine und in einem Freikorps und seine Fahrten zur See in den Jahren 1914 bis 1933.92 Hauser stilisiert sich am Ende des Buches als einen Kämpfer und Pionier, der sich auf eine „Reise ins Innere Deutschlands, im körperlichen wie im geistigen Sinn“ (K 263) begibt und den „Aufbruch der nationalen Erhebung“ (K 271) begrüßt.93 Hauser nimmt in dieses Buch bereits veröffentlichte Texte auf, wie beispielsweise das Feuilleton Das Menschenmeer vom Tempelhof oder Abschnitte aus Schwarzes Revier und schreibt diese dahingehend um, dass sie ihn nicht nur als Beobachter, sondern als Teil der nationalsozialistischen Masse präsentieren.94 Allerdings deutet der Ich-Erzähler zu Beginn des Werks an, dass er seine Haltung und seine Persönlichkeit mit den Anforderungen der neuen Machthaber nicht so recht in Einklang zu bringen vermag:

Es geht mir sonderbar. Ich marschiere mit der Nation, ich bin ein Teil von ihr, ich habe die gleiche Richtung. Aber ich kann nicht in der Kolonne marschieren, habe in der Kolonne schon früher immer den falschen Tritt gehabt. (K 3)95

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Fahrten und Abenteuer im Wohnwagen [FAW] (1935) – Reportagebuch – 219 Seiten
Carl Reißner Verlag (verwendete Ausgabe: DoldMedien 2004 – Reprint der Originalausgabe)

In Fahrten und Abenteuer im Wohnwagen aus dem Jahr 1935 berichtet Hauser von einer Reise mit seiner Frau und seinen Kindern im selbstgebauten Wohnwagen durch Deutschland. Er beschreibt hier als ein subjektiver, persönlicher Beobachter und Berichterstatter eine (damals) ganz neue Form des Reisens und das unkonventionelle Familienleben auf dieser Fahrt. Im Text thematisiert er auch, welche technischen Herausforderungen er als Autofahrer und Konstrukteur des Wohnwagens bewältigen muss. Gleichzeitig stellt er diese Reisereportage gezielt in die Tradition der Reise- und Wanderromane des 18. und 19. Jahrhunderts, indem er von der „neue[n] Romantik“ der Landstraßen berichtet, die jedoch nicht „lieblich“, sondern „hart und stählern, wie der Klang des Dieselmotors“ (FAW 50) sei. Abseits der großen Städte sind die deutschen Landschaften, die er durchfährt, in seinen Schilderungen allerdings voller Sonnenschein, blinkender Schneefelder, glitzerndem Tau und Butterblumen: „Es ist ein Märchenland, durch das wir fahren“ (FAW 57).

Am laufenden Band [LB] (1936) – Reportagebuch – 176 Seiten
Hauserpresse Opel, ein deutsches Tor zur Welt [OTW] (1937) – Reportagebuch – 215 Seiten – Hauserpresse Leinenzwirn [LZ] (1937) – Reportagebuch – 72 Seiten
Hauserpresse

Ein Jahr nach Fahrten und Abenteuer im Wohnwagen erscheint 1936 mit Am laufenden Band der erste Teil von Hausers Opel-Trilogie. In diesem mit Fotografien von Paul Wolff und Alfred Tritschler reich bebilderten Reportagebuch schildert Hauser detailliert die Arbeit im Opelwerk in Rüsselsheim. Bereits ein Jahr später kommt mit Opel. Ein deutsches Tor zur Welt der zweite Teil der Trilogie in den Buchhandel. Hauser arbeitet hier die Geschichte des Opelwerks in Rüsselsheim auf. Den „historischen Stoff“ (OTW 2018) steuert Paul Burg-Schaumburg bei.96 Beide Opel-Bände bringt der Verlag Hauserpresse heraus.97 Im selben Verlag erscheint 1937 noch ein weiteres, weniger umfangreiches Reportagebuch: Leinenzwirn. In dieser Reportage ←37 | 38→berichtet Hauser über den Flachsanbau und die Leinenproduktion. Aus Sicht Hausers ist dies offenbar ein Thema von politischer Bedeutung, da die „Rettung unseres Flachsanbaus eine der ersten Taten des Dritten Reiches“ (LZ 5) gewesen sei.98

Männer an Bord [MB] (1936) – Erzählungen – 110 Seiten
Eugen Diederichs Verlag

1936 erscheint Hausers Band Männer an Bord mit acht Erzählungen, die allesamt Seefahrt, Matrosen und Schiffe zum Thema haben: Der Wirbelsturm, Der Mann aus dem Urwald, Der schwarze Weihnachtsbaum, Martins Hochzeit, 12 Matrosen suchen Logis, Traum am Hafen, Mudel und Die Silberplatte. Die Erzählungen schildern beispielsweise die Wettfahrt zweier Dampfschiffe in der Karibik, die Begegnung einer Schiffscrew mit einem sächsischen Heizer, der zwei Jahre auf Sumatra im Urwald gelebt hat, und einen Mann, der von Mitteldeutschland aus mit dem Zug nach Hamburg fährt, um dort im Hafen seiner Sehnsucht nach einem Dasein als Schiffsjunge nachzuspüren. Die Geschichten sind alle konventionell linear erzählt, aber aus je unterschiedlichen Erzählperspektiven von einem auktorialen, einem personalen oder einem Ich- bzw. Wir-Erzähler.99

Notre Dame von den Wogen [NDW] (1937) – Roman – 360 Seiten
Eugen Diederichs Verlag

In dem 1937 veröffentlichten Roman Notre Dame von den Wogen erzählt Hauser die Geschichte Jorgs, der seine Frau und seine Kinder verlässt, um auf einem Segelschiff anzuheuern. Durchgehend spricht ein personaler Erzähler aus der Perspektive Jorgs. Jorg begleitet das Schiff ‚Notre Dame‘ auf seiner letzten Reise nach Australien. Diese Reise Jorgs wird geschildert als eine Flucht aus dem Alltagsleben und zugleich als eine Flucht aus einem Land, in dem er sich eingesperrt fühlt, dessen „Grenzmauern [er] immer enger, immer höher rings um sich [spürt]“ (NDW 12), und als eine Flucht aus einem „aus den Fugen gegangenen Europ[a]“ (NDW 12). Das Ziel der Reise ist für ihn unwichtig, ihm geht es nur darum, „eine lange Seereise zu machen“ (NDW 32). Der Aufenthalt auf der ‚Notre Dame‘, die Beschreibungen der Arbeiten ←38 | 39→und Traditionen auf dem Segelschiff bilden die Folie, vor der Jorg sich existenzielle Fragen stellt und sowohl über den Zustand der Welt, die Abgründe eines modernen Großstadtlebens und die drohende Kriegsgefahr reflektiert, als auch über seine persönlichen Gefühle, seine Schwächen und seine Männlichkeit. In die Haupterzählung von der Reise und dem Leben an Bord flicht der Erzähler kleine Geschichten ein, die Jorg für seine Kinder schreibt.

Der Roman ist Hausers letztes Buch, das der Eugen Diederichs Verlag auf den Markt bringt. Insgesamt hat Hauser in diesem Verlag vier Bücher veröffentlicht. Danach hat er keinen Stammverlag mehr; seine späteren Werke erscheinen bei den unterschiedlichsten Verlagshäusern.

Die Flucht des Ingenieurs [FI] (1937) – Novelle – 70 Seiten
Philipp Reclam jun.

1937 bringt der Reclam Verlag Leipzig den kleinen Band Die Flucht des Ingenieurs heraus, der auf der Titelseite als „Novelle“ bezeichnet wird. Ein auktorialer Erzähler schildert, wie der Ingenieur Christoph Drexel vor der Technik und den Maschinen aus dem Ruhrgebiet an die Nordsee flieht. Auf der Fahrt begegnet er einer jungen Frau, die mit ihrem Pferd unterwegs ist. Das Tier hat sich verletzt, daher muss sie den geplanten Ritt nach Hamburg abbrechen und nach Hause zurückkehren, auf eine Hallig mit dem Namen „Hellborn“ (FI 13). Der Ingenieur begleitet die Frau zurück zur Hallig. Dort versucht er, zu Ruhe zu kommen, muss allerdings feststellen, dass er selbst an diesem entlegenen Ort den technischen Neuerungen nicht entkommen kann. Mit Hilfe seines technischen Fachwissens gelingt es ihm, die Besatzung eines in Seenot geratenen Schiffs zu retten. Am Ende werden der Ingenieur und die Reiterin ein Paar.

Der eigentlichen Erzählung folgt ein Nachwort des Journalisten Benno Reifenberg, mit dem Hauser seit seiner Zeit bei der Frankfurter Zeitung eng verbunden ist.

Süd- Ost -Europa ist erwacht [SOE] (1938) – Reportagebuch – 285 Seiten
Rowohlt Verlag

Im Rowohlt Verlag erscheint 1938 das Reportagebuch Süd-Ost-Europa ist erwacht. Im Auto durch acht Balkanländer. In diesem Bericht über eine Autoreise wählt Hauser wieder den (textsortenspezifischen) persönlich-subjektiven Erzählmodus des Reporters, der sich auch in Feldwege nach Chicago und in Fahrten und Abenteuer im Wohnwagen findet. Hauser erzählt von seiner Reise mit einem Automobil nach Wien und Prag, durch das „Sudetenland“ (SOE 42) zur Hohen Tatra, weiter nach Ungarn und Budapest, durch Rumänien und bis ans Schwarze Meer. Von dort ←39 | 40→geht es weiter nach Istanbul, durch die Türkei und Bulgarien bis nach Griechenland. Über Jugoslawien und Belgrad fährt er wieder nach Westen und zurück nach Deutschland. Der Reporter thematisiert die Besonderheiten des Unterwegsseins im Automobil und schildert das innige Verhältnis zu seinem Opel, dem er den Namen „Maudi“ (SOE 10) gibt und den er als eine Art Reisegefährten begreift. Er lenkt seine Aufmerksamkeit aber auch gezielt auf andere Autos, denn „für mich, der ich mit Maudi reise, ist es wohl nur natürlich, daß ich Autos beachte“ (SOE 18/19). Süd-Ost-Europa ist erwacht enthält 129 Fotografien, wobei nicht klar ist, ob tatsächlich alle Aufnahmen von Hauser stammen.

Australien . Der menschenscheue Kontinent [A] (1939)100 –
Reportagebuch – 277 Seiten
Safari Verlag Carl Boldt

Im selben Jahr wie Süd-Ost-Europa ist erwacht veröffentlicht der Safari Verlag Carl Boldt die Reisereportage Australien. Der menschenscheue Kontinent. 1922/23 und 1936/37 hatte Hauser, wie er selbst berichtet, Reisen nach Australien unternommen.101 Das Buch enthält Fotografien, die nicht von Hauser selbst stammen – mit Ausnahme eines einzigen Fotos.102 Die Australien-Reportage wird im Klappentext der Ausgabe der Büchergilde Gutenberg aus dem Jahr 1939 als „Erlebnisbuch persönlichster Art“ beworben. Das Werk unterscheidet sich allerdings deutlich von den vorangegangenen Reisebüchern, da Hauser neben seinen persönlichen Erlebnissen auch viele historische Begebenheiten aus der Geschichte Australiens – gefiltert durch den Blick eines deutschen Reporters – erzählt. Das Reportagebuch erscheint in mehreren Auflagen, die jeweils neu bearbeitet werden.103 In den späteren Auflagen ←40 | 41→sind vor allem jene Textpassagen umgeschrieben oder getilgt, die sich mit Fragen der ‚Rasse‘ und der Landverteilung befassen und deutlich vom Gedankengut des Nationalsozialismus beeinflusst sind.104 1939 werden dem Buch 32 Fotografien beigegeben, die dann in der Ausgabe von 1949 durch 87 neue Fotografien ersetzt werden. Heinrich Hausers Fotografie „In einer Hauptstraße in Adelaide, Südaustralien“ wird in den Ausgaben der Vierziger- und Fünfzigerjahre nicht mehr abgedruckt.

Kanada . Zukunftsland im Norden [KZN] (1940) – Reportagebuch – 316 Seiten
Safari Verlag Carl Boldt

Hausers Emigration in die Vereinigten Staaten ändert zunächst nichts daran, dass seine Werke in Deutschland weiterhin aufgelegt werden und dass auch ein neues Buch erscheinen kann. 1940 veröffentlicht der Safari Verlag Carl Boldt Kanada. Zukunftsland im Norden. Das Buch über Kanada ist einerseits ein Reportagebuch über eine Reise im Stil der übrigen Reportagebücher, andererseits ist es angereichert mit vielen Zahlen, Fakten und Statistiken, die in den früheren Reportagebüchern nicht vorkamen. Der Verleger des Safari Verlags, Reinhard Jaspert, schreibt eine dreiseitige Einleitung für den Band und bearbeitet und ergänzt das von Hauser gelieferte Material.105

Im Kraftfeld von Rüsselsheim [KR] (1940) – Reportagebuch – 219 Seiten
Verlag Knorr Hirth

Der Verlag Knorr Hirth bringt 1940 den dritten Teil der Opel-Trilogie Im Kraftfeld von Rüsselsheim auf den Markt. Dieses Reportagebuch, das sich ←41 | 42→den Zulieferbetrieben des Opelwerks aus ganz Deutschland widmet und beschreibt, was und wie dort jeweils produziert wird, ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen enthält es Farbfotografien von Paul Wolff, die – so schreibt Carl T. Wiskott in einer Art Vorkapitel zu den Reportagen – ein Novum sind, denn „Erfahrungen auf dem Gebiet der Farbenphotographie aus der Welt der Technik lagen noch nicht vor“ (KR 2). Zum anderen ist dieses Reportagebuch am Markt außerordentlich erfolgreich. Die ersten beiden Auflagen sind, so wird es im Vorwort zur dritten Auflage behauptet, „bereits wenige Wochen nach dem Erscheinen vergriffen“ (KR 0). Noch während des Kriegs erscheint die dritte Auflage.

Nitschewo Armada [NA] (1949) – Roman/ Nacherzählung – 61 Seiten
Rowohlt Verlag

Nach Hausers Rückkehr aus den Vereinigten Staaten veröffentlicht der Rowohlt Verlag 1949 Nitschewo Armada. Es handelt sich um Hausers recht freie Übertragung eines Romans des Dänen Aage von Kohl aus dem Jahr 1910 (Mikrobernes Palads).106 Das Werk erscheint als einer der letzten Rotationsromane im Zeitungsformat.107 Der Roman trägt den Untertitel „nach der Erinnerung an Aage von Kohl“ und handelt von dem Seekadetten Peter Romanowitsch, der auf einem Schiff der russischen Flotte am Russisch-Japanischen Krieg von 1905 teilnimmt. Im Zentrum des Textes stehen die Fahrt der Armada von St. Petersburg ins Japanische Meer, die Konflikte innerhalb der Mannschaft und der moralische Verfall der Marinesoldaten an Bord. Der Roman endet mit der Schlacht von Tsushima und dem Untergang der gesamten russischen Flotte. Romanowitsch wird dabei schwer verwundet und schließlich von seinen Kameraden im Schlachtgetümmel über Bord geworfen.

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Meine Farm am Mississippi [MFM] (1950) – Autobiografisches Reportagebuch – 208 Seiten Safari Verlag Carl Boldt

1950 gibt der Safari Verlag Hausers autobiografisches Erinnerungsbuch Meine Farm am Mississippi heraus. Der Ich-Erzähler Heinrich Hauser berichtet davon, wie er 1945 zusammen mit seiner Frau Chicago verlässt, um aufs Land zu ziehen. Ihr Ziel ist der Mississippi und die Gegend um Cape Girardeau. Dieser Aufbruch in ein neues Leben beginnt mit dem Kauf eines Autos, eines fast zwanzig Jahre alten Packard, den er ‚Perfidio‘ tauft.108 Im Hinterland von Altenburg, Missouri mietet die Familie zunächst ein Häuschen, bevor er schließlich eine abgelegene, heruntergekommene Farm kauft. Heinrich, Rita und Hausers Sohn Huc beginnen die Gebäude und das Land herzurichten und zu bewirtschaften. In den folgenden zwei Jahren fahren sie gute Ernten ein, und Hauser verdient Geld mit Übersetzungen und dem Verfassen von Abenteuergeschichten. Auf diese Weise finanzieren sie Hilfspakete mit Lebensmitteln, die sie Familienmitgliedern und Freunden in Deutschland schicken. Im dritten Jahr fallen allerdings die Preise in der Landwirtschaft so stark, dass die Hausers kaum noch etwas verdienen. Außerdem erhalten sie Nachrichten aus Deutschland, dass ihnen nahestehende Menschen schwer erkrankt sind. Die Entscheidung zur Abreise fällt nicht leicht, ist aber doch unumgänglich: während Huc in den USA bleibt, kehren Heinrich und Rita Hauser nach Deutschland zurück.

Tochter Europas Düsseldorf [TED] (1951) – Reportagebuch – 148 Seiten
Verlag L. Schwann (verwendete Ausgabe: 2., veränderte Auflage 1954 – 144 Seiten)

1951 veröffentlicht Hauser zusammen mit einem Co-Autor, Franz Josef Bautz, und dem Fotografen Alfred Tritschler das Stadtporträt Tochter Europas Düsseldorf. Von den insgesamt 17 Texten, die der Bildband versammelt, stammen sechs von Hauser. Insgesamt präsentiert der Band Düsseldorf als aufstrebende Stadt in ←43 | 44→der Mitte Europas. Hauser beschreibt im ersten Kapitel die geografische Lage der Stadt, erzählt ihre Geschichte und benennt als Gründe für „Düsseldorfs Aufstieg zur Weltbedeutung“ (TED 22) unter anderem die Industrie und die europäischen und internationalen Handelsbeziehungen der Stadt. Danach widmet er sich den Kneipen und dem Bier Düsseldorfs, er porträtiert die Königsallee und beschreibt, wie in den Rheinhallen nachts eine Ausstellung aufgebaut wird. In seinem letzten Text in diesem Band sinniert Hauser über „[d]ie große Wunde“ (TED 129), die die Kriegsbomben dem Ruhrgebiet zugefügt haben und über die Zeit nach dem Kriegsende, die ein „Alp“ (TED 129) gewesen sei.

Unser Schicksal , die deutsche Industrie [US] (1952) – Reportagebuch – 201 Seiten
Verlag Wilhelm Steinebach

Hausers letzte Buchveröffentlichung zu Lebzeiten ist die umfangreiche Industrie-Werbeschrift Unser Schicksal, die deutsche Industrie. In einem Duktus wie in der Opel-Trilogie berichtet Hauser in verschiedenen Werksreportagen über den „Wiederaufstieg der deutschen Industrie aus dem Chaos des totalen Zusammenbruchs“, wie es im Klappentext heißt. Er schildert erneut das Ruhrgebiet und die Opelwerke, aber auch Bayer in Leverkusen, Spinnereien und Webereien der Dierig-Gruppe in Augsburg, Volkswagen in Wolfsburg, Siemens in München und Nürnberg und Rosenthal in Selb. Dem „Hamburger Raum“ (US 166) widmet er ein eigenes Kapitel und beschreibt den Hafen, die Werften sowie die Phönix-Werke in Harburg und die Reemtsma-Zigarettenfabrik in Wandsbek. Auch dieser Band wird durch zahlreiche Fotografien illustriert, die von Fritz Ramme und Alfred Tritschler stammen.

In der folgenden Zeit verfasst Hauser zwar noch weitere Werbeschriften, diese werden aber nur für firmeninterne Zwecke genutzt und gelangen nicht in den Buchhandel.109

Gigant Hirn [ GH] (1958) – Roman – 234 Seiten
Gebrüder Weiß Verlag (verwendete Ausgabe: Goldmann 1974 – 188 Seiten)110

Posthum veröffentlicht der Gebrüder Weiß Verlag 1958 Heinrich Hausers letztes eigenständig fiktionales Werk: den Science-Fiction Roman Gigant Hirn, eine Übersetzung des von Hauser auf Englisch geschriebenen Heftromans The Brain aus dem Jahr 1948.111 In diesem Roman erzählt ein personaler Erzähler linear ←44 | 45→aus der Perspektive des Insektenforschers Semper Fidelis Lee, wie ein riesiger Computer in einer US-amerikanischen Wüste ein Bewusstsein und eigenständige, kognitive Fähigkeiten erlangt und damit zu einer lebendigen Entität wird. Das ‚Hirn‘, als dessen intellektueller Trainingspartner Lee zunächst fungiert, erkennt irgendwann seine machtvolle Position und beschließt aus gekränkter Eitelkeit, die Menschheit zu vernichten. Lee durchschaut die Pläne des Hirns. Die anderen Wissenschaftler, die mit dem Hirn arbeiten, nehmen seine Befürchtungen allerdings nicht ernst. Durch einen Trick kann Lee jedoch kurz vor der Katastrophe das Hirn besiegen. Er lässt seine Ameisen in die mit Lignin gefüllten ‚Nervenbahnen‘ des Hirns eindringen, was zu Kurzschlüssen und einem Großbrand führt. Das Hirn stirbt, die drohende Katastrophe und Vernichtung der Menschheit ist abgewendet. Semper Fidelis Lee kehrt zurück in den australischen Busch; das Hirn soll so schnell wie möglich wiederaufgebaut werden.

Zwischen zwei Welten [ZZW] (2012) – Roman – 240 Seiten
Weidle Verlag

Gut sechs Jahrzehnte nach Heinrich Hausers Tod veröffentlicht der Weidle Verlag einen Roman aus dem Nachlass, der sich bei seinem Sohn Huc in den USA fand.112 Der Romantext wird durch ein Nachwort von Stefan Weidle und durch einige private Fotografien Hausers ergänzt. Der Ich-Erzähler Henry erzählt von seiner Emigration in die Vereinigten Staaten, von der Zeit, die die Familie ←45 | 46→in New York verbringt, und vom Aufbau einer neuen Existenz auf einer Farm im nördlichen Teil des Staates New York. Der Roman ist stark autobiografisch gefärbt – die Namen der Figuren entsprechen denen in Hausers Familie und die geschilderte Farm hat eine reale Entsprechung.

Henry erreicht nach seiner Frau und seinen Kindern mit dem Schiff die Vereinigten Staaten. In ärmlichen Verhältnissen lebt die Familie in New York vom schmalen Einkommen der Mutter. Henry sucht vergeblich nach Arbeit. Eines Tages erleidet die gesamte Familie eine lebensgefährliche Fleischvergiftung und Henry gewinnt den Eindruck, dass er der Familie nur zur Last fällt. Er sucht die Distanz, indem er sich – vermittelt durch einen Freund – der feineren New Yorker und Long Islander Gesellschaft anschließt. Doch schnell stellt er fest, dass das Partyleben nicht zu seiner emotionalen, durch den Krieg geprägten psychischen Verfasstheit passt. Durch eine Zufallsbegegnung mit einem Zeitschriftenverleger erhält er den Auftrag, gegen Honorar einen Text zu verfassen. Mit dem Geld kann er sich und seiner Familie den Traum von einer Farm auf dem Land erfüllen. Henry bezeichnet sich selbst als einen „Flüchtling“ (ZZW 139; 143), der endlich „Asyl“ (ZZW 144) gefunden hat. Er fühlt sich in seiner Existenz zwischen Europa und den Vereinigten Staaten hin- und hergerissen – „zwischen zwei Welten“ (ZW 204). Seinen Kindern möchte er diese Erfahrung ersparen und bringt sie daher auf einem Internat unter, damit diese „Amerikaner im besten Sinn“ (ZZW 174) werden. Er selbst versucht, Soldat der US-Armee zu werden, was ihm nicht gelingt. Stattdessen kümmert er sich mit Helen weiter um die Farm und verdingt sich als Arbeiter in einem Sägewerk. Obgleich insgesamt viele Maschinen in diesem Werk vorkommen, fokussiert sich der Erzähler erst bei der Beschreibung des Sägewerks am Ende des Romans stärker auf Technik und Maschinen.


1 Eine detaillierte Auflistung seines gesamten Schaffens findet sich bei Graebner, Grith: „Dem Leben unter die Haut kriechen ...“ Heinrich Hauser – Leben und Werk. Eine kritisch-biographische Werkbibliographie. Aachen: Shaker 2001.

2 Mit Grith Graebner Studie „Dem Leben unter die Haut kriechen ...“ liegt bereits eine fundierte Darstellung von Hausers Biografie vor, die ich in einigen Punkten noch ergänzen möchte.

3 Giedion, Sigfried: Die Herrschaft der Mechanisierung. Ein Beitrag zur anonymen Geschichte. Sonderausgabe. Frankfurt/Main: Athenäum 1987, 62. Giedion setzt diese Periodisierung allerdings nicht absolut, sondern betont: „Die Entwicklung ist viel zu fließend, um sie streng eingrenzen zu können. Bereits vor 1918 setzt die Vollmechanisierung ein und sie endet keineswegs 1939. Selbst innerhalb dieser Zeitspanne gibt es Zeiten von ganz unterschiedlicher Intensität. Und dennoch hat es Sinn, die Periode zwischen den Weltkriegen als die Zeit der Vollmechanisierung zu bezeichnen“ (Herrschaft, 62). Radkau führt als ein Beispiel für die enorme Mechanisierung der Zwanzigerjahre die Zahl der Presslufthämmer im Ruhrbergbau an. Deren Zahl stieg zwischen 1913 und 1925 von 264 auf etwa 50 000 (Radkau, Joachim: Technik in Deutschland. Vom 18. Jahrhundert bis heute. Frankfurt/Main, New York: Campus 2008, 246).

4 Rohkrämer betont, dass der Erste Weltkrieg nicht zu einer Ablehnung der Technik geführt habe, sondern die Überzeugung verbreitet habe, dass „ihre uneingeschränkte Nutzung als notwendiger Bestandteil von effektivem Handeln“ zu sehen sei (Rohkrämer, Thomas: Eine andere Moderne? Zivilisationskritik, Natur und Technik in Deutschland 1880-1933. Paderborn [u. a.]: Schöningh 1999, 244). Siehe Radkau, Technik, 238.

5 Lindner, Werner: Der Ingenieur als Schöpfer neuer Formen. Architektur der Technik. In: Uhu 7/3 (1927), 28–40, hier 28.

6 Dies formuliert Hauser nicht nur in Friede mit Maschinen, auch in Schwarzes Revier lassen sich für diese Ansicht diverse Textstellen finden: 59, 60, 61, 89.

7 Matzke, Frank: Jugend bekennt: So sind wir! Leipzig: Reclam 31930, 150.

8 Graebner, Grith: „Dem Leben unter die Haut kriechen …“ Heinrich Hauser – Leben und Werk. Eine kritisch-biographische Werk-Bibliographie. Aachen: Shaker 2001.

9 Graebner, Dem Leben, 393.

10 Graebner, Dem Leben, 393.

11 Streim, Gregor: Flucht nach vorn zurück. Heinrich Hauser – Portrait eines Schriftstellers zwischen Neuer Sachlichkeit und ‚reaktionärem Modernismus‘. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 43, 1999, 377–402, hier 379.

12 Siehe Streim, Flucht, 379. Allerdings relativiert Streim diese Aussagen wieder, indem er festhält, dass alle autobiographischen Äußerungen Hausers einer „starken Fiktionalisierung“ unterlägen und daher nur bedingt „zur Rekonstruktion der tatsächlichen Biographie“ genutzt werden könnten (Flucht, 379).

13 Adolf, Helen: Heinrich Hauser. In: Spalek, John M./Strelka, Joseph: Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd. 2, Teil 1. New York, Bern: Francke 1989, 321–341.

14 Delabar, Walter: Zur Besinnung gekommen – Heinrich Hauser als Autor des Eugen Diederichs Verlags. Eine Fallstudie über einen Verlagswechsel samt Varianten. In: Ulbricht, Justus H.; Werner, Meike G.: Romantik, Revolution und Reform. Der Eugen Diederichs Verlag im Epochenkontext 1900–1949. Göttingen: Wallstein 1999, 248–270.

15 Todorow, Almut: Das „Feuilleton“ der Frankfurter Zeitung in der Weimarer Republik. Zur Grundlegung einer rhetorischen Medienforschung. Tübingen: Niemeyer 1996.

16 Delabar, Walter: Vom Umgang mit Menschen und Maschinen. In: Heinrich Hauser: Donner überm Meer. Neuauflage. Bonn: Weidle 2001, 196-206. Delabar veröffentlicht eine korrigierte Fassung dieses Nachworts kurz darauf in: ders.: Moderne-Studien. Beiträge zur literarischen Verarbeitung gesellschaftlicher Modernisierungen im frühen 20. Jahrhundert. Berlin: Weidler 2005 (= Studien zur Moderne 1), 209–218. Auf diese Fassung beziehen sich alle Verweise in der vorliegenden Studie. Rossmann, Andreas: Augen auf und durch. In: Hauser, Heinrich: Schwarzes Revier. Bonn: Weidle 2010, 210–220; Schneider, Sigrid: Heinrich Hauser. Fotograf, Journalist, Schriftsteller und Filmer. In: Geller + Geller Verlagsarchiv (Hg.): Heinrich Hauser. „Bremsen, Halten, Aussteigen, Photographieren“. Düsseldorf: Fotoforum SchwarzBunt 2002, 7; Werner, Johannes: Einer, der nirgends blieb. Über Heinrich Hauser. In: Aus dem Antiquariat: Zeitschrift für Antiquare und Büchersammler 4 (2001), A209–A215; Kangro, Tim: Die Welt, vom Steuerrad gesehen. Heinrich Hauser – Fiktion, Autobiografie und Reportage zwischen Neuer Sachlichkeit und Seefahrtsromantik. In: Kritische Ausgabe. Zeitschrift für Germanistik und Literatur 15/20 (2011), 102–105.

17 Kangro, Die Welt, 105.

18 Lethen, Helmuth: Neue Sachlichkeit 1924–1932. Studien zur Literatur des „weißen Sozialismus“. Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung 21975. Siehe dazu Delabars forschungsgeschichtliche Einordnung von Lethens Studie in Bezug auf Hauser in Reise in ein fremdes neues Land. Heinrich Hausers Ruhrgebietsreportage Schwarzes Revier im Kontext der gesellschaftlichen Modernisierung des frühen 20. Jahrhunderts. In: Barbian, Jan-Pieter; Cepl-Kaufmann, Gertrude; Palm, Hanneliese (Hg.): Von Flussidyllen und Fördertürmen. Essen: Klartext 2011, 221–237, hier 225 f.

19 Lethen, Neue Sachlichkeit, 69 f., 72.

20 So beispielsweise Schütz und Lethen, aber auch Uecker.

21 In folgenden Studien werden die genannten Werke Hausers aufgegriffen: Barbian, Jan-Pieter: „Schau in den Ofen, da glüht die Kraft“. Der Widerschein des Ruhrgebiets in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. In: Ditt, Karl; Tenfelde Klaus (Hg.): Das Ruhrgebiet in Rheinland und Westfalen. Koexistenz und Konkurrenz des Raumbewusstseins im 19. und 20. Jahrhundert. Paderborn [u. a.]: Schöningh 2007, 289–311 (über Schwarzes Revier); Delabar, Walter: Reise in ein fremdes neues Land. Heinrich Hausers Ruhrgebietsreportage Schwarzes Revier im Kontext der gesellschaftlichen Modernisierung des frühen 20. Jahrhunderts. In: Barbian, Jan-Pieter; Cepl-Kaufmann, Gertrude; Palm, Hanneliese (Hg.): Von Flussidyllen und Fördertürmen. Essen: Klartext 2011, 221–237 (über Schwarzes Revier); Graeb-Könnecker, Sebastian: Autochthone Modernität. Opladen: Westdeutscher Verlag 1996 (über die gesamte Opel-Trilogie, Friede mit Maschinen); Lange, Thomas: Literatur des technokratischen Bewußtseins. In: Lili 40 (1980), 52–81 (über Friede mit Maschinen, Schwarzes Revier, Opel, ein deutsches Tor zur Welt); Lethen, Helmut: Neue Sachlichkeit 1924–1932. Studien zur Literatur des „Weißen Sozialismus“. Stuttgart: J. B. Metzler, 21975 (über Friede mit Maschinen, Schwarzes Revier); Midgley, David: Writing Weimar. Critical Realism in German Literature 1918-1933. Oxford [u. a.]: Oxford Univ. Press 2000 (über Friede mit Maschinen); Mörchen, Helmut: Reportage und Dokumentliteratur. In: Glaser, Horst Albert; Bormann, Alexander von (Hg.): Weimarer Republik – Drittes Reich: Avantgardismus, Parteilichkeit, Exil 1918–1945. Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte Bd. 9. Reinbek 1983, 180–188 (über Friede mit Maschinen); Schütz, Erhard: Romane der Weimarer Republik. München: Fink 1986 (über Schwarzes Revier); Schütz, Erhard: Kritik der literarischen Reportage. München: Fink 1970 (über Feldwege nach Chicago); Schütz, Erhard: Autobiographien und Reiseliteratur. In: Weyergraf, Bernhard (Hg.): Literatur der Weimarer Republik 1918-1933. München, Wien: Hanser 1995, 549–600 (über Feldwege nach Chicago, Schwarzes Revier); Uecker, Matthias: Kontinuitäten und Veränderungen der neusachlichen Weltbeschreibung: Heinrich Hausers Industriereportagen. In: Frank, Gustav; Palfreyman, Rachel; Scherer, Stefan (Hg.): Modern Times? German Literature and Arts beyond Political Chronologies/ Kontinuitäten der Kultur: 1925–1955. Bielefeld: Aisthesis 2005, 25–43 (über Friede mit Maschinen, Schwarzes Revier, Am laufenden Band, Im Kraftfeld von Rüsselsheim); Walter, Martin: ‚In the beginnig there was the coal pit‘: discovering industrial landscapes in interwar Britain and Weimar Germany in the travel-writings of H.V. Morton, J.B. Priestley and Heinrich Hauser. In: National Identities 16/3 (2014), 225–237 (über Schwarzes Revier). Auf einige der Studien werde ich im Folgenden noch detaillierter eingehen, da sie sich entweder ausführlicher oder unter einem besonderen Gesichtspunkt mit den genannten Reportagebüchern auseinandergesetzt haben.

22 Siehe Schütz, Erhard: Romane der Weimarer Republik. München 1986, 128; ders.: Autobiographien und Reiseliteratur. In: Weyergraf, Bernhard (Hg.): Literatur der Weimarer Republik 1918–1933. Bd. 8. München, Wien: Hanser 1995, 582; Uecker, Kontinuitäten, 29.

23 Siehe Delabar, Vom Umgang, 211; Schütz, Romane, 128; Mörchen, Reportage, 181; Uecker, Kontinuitäten, 29, 35.

24 Gleber, Anke: Die Erfahrung der Moderne in der Stadt. Reiseliteratur in der Weimarer Republik. In: Brenner, Peter J. (Hg): Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1989, 463–489. Neben Reiseberichten anderer Reporter und Schriftsteller untersucht Gleber Hausers Reisereportage Feldwege nach Chicago. Sie wirft Hauser vor, in diesem Werk sich in eine „u-topisch beliebige Ford- und Feldwegromantik“ zurückzuziehen, nicht wirklich recherchiert und mit Menschen bzw. Arbeitern gesprochen zu haben, daher alles als „technisch perfekt“ wahrzunehmen und jeglicher Erfahrung von Realität auszuweichen (Erfahrung der Moderne, 471). Sie kommt zu dem Schluss: „Hausers Technikfetischismus begrüßt jede Innovation in industrierationaler Form, während er in der öffentlichen Zivilisation des Kapitalismus nur Schock, Unkultur und Chaos sieht“ (Erfahrung der Moderne, 471). Uecker, Kontinuitäten, 27, 43. Vergleiche hierzu auch Streim, Gregor: Als nationaler Pionier inner- und außerhalb des Dritten Reichs. Heinrich Hauser 1933–45. In: Delabar, Walter; Denkler, Horst; Schütz, Erhard (Hg.): Spielräume des Einzelnen. Berlin: Weidler 1999, 105–120, hier 105.

25 Huber, Simon: „Luftfahrt ist not!“ Fliegen als Schule der Moderne bei Ernst Jünger, Heinrich Hauser, Hans Bertram und Marga von Etzdorf. In: Huber, Simon; Samsamsi, Behrang; Schubert, Ines; Delabar, Walter (Hg.): Das riskante Projekt. Die Moderne und ihre Bewältigung. Bielefeld: Aisthesis 2011, 117–130, hier 124; Gerhard, Ute: Nomadische Bewegungen und die Symbolik der Krise. Flucht und Wanderung in der Weimarer Republik. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998, insbesondere 228–239, hier 229.

26 Streim, Flucht, 378.

27 Streim, Gregor: Junge Völker und neue Technik. Zur Reisereportage im ‚Dritten Reich‘ am Beispiel von Friedrich Sieburg, Heinrich Hauser und Margret Boveri. In: Zeitschrift für Germanistik 9/2 (1999), 344–359.

28 Es finden sich in Streims Studie Aussagen und Interpretationen zu Friede mit Maschinen, Schwarzes Revier, Brackwasser, Feldwege nach Chicago, Die Flucht des Ingenieurs, Notre Dame von den Wogen, Donner überm Meer, Noch nicht, Kampf, Die letzten Segelschiffe, Ein Mann lernt fliegen, Battle against Time, Fahrten und Abenteuer im Wohnwagen, Süd-Ost-Europa ist erwacht, Australien. Der menschenscheue Kontinent, Kanada. Zukunftsland im Norden, The German talks back, Meine Farm am Mississippi und Gigant Hirn. Streim erwähnt auch Hausers Erstlingswerk Das zwanzigste Jahr. Seine Inhaltsangabe – das muss an dieser Stelle gesagt werden – ist aber völlig unzutreffend, was den Schluss nahelegt, dass Streim das Buch nie gelesen hat (Flucht, 382).

29 Streim, Flucht, 392.

30 Streim, Flucht, 396; siehe auch Streim, Pionier, 105–120.

31 Otto, Viktor: Deutsche Amerika-Bilder. Zu den Intellektuellen-Diskursen um die Moderne 1900–1950. München: Wilhelm Fink 2006, insbesondere Kapitel 5, 221–266.

32 Otto, Deutsche, 248. Da Otto sich hier auf die Untersuchung der faktualen Texte beschränkt entgeht ihm, dass genau dies auch ein Thema von Hausers Roman Noch nicht ist. Im Prolog berichtet der Erzähler von einem Gespräch, das er mit der Hauptfigur Skeel über den Roman geführt hat. Skeel schlägt dem Erzähler für das Buch einen Titel vor, der das „Werden“ in den Mittelpunkt stellt: „Nehmen Sie ‚nondum‘. […] ‚nondum‘ [ist] mein Lieblingswort; ‚nondum‘ ist alles Junge und Werdende, alles ‚Noch nicht‘“ (NN 11).

33 Otto, Deutsche, 253. Es wäre sicherlich lohnenswert, diesen Deutungsansatz einmal genauer in Hausers Gesamtwerk zu überprüfen, ihn noch präziser in der Kolonisierungsdebatte der Zwanziger- und Dreißigerjahre zu verorten und auch die literarischen Texte in die Analyse miteinzubeziehen.

34 Otto, Deutsche, 260, 263.

35 Otto, Deutsche, 224–247.

36 Otto, Deutsche, 225.

37 Otto, Deutsche, 230.

38 Otto, Deutsche, 238-242. Einen Schwerpunkt legt Otto dabei auf die Opel-Trilogie (Deutsche, 245). Matthias Uecker widmet sich ebenfalls Hausers politischen Schriften aus der Zeit in den USA in Warnung oder Beratung? Wie Heinrich Hauser den Amerikanern Deutschland erklärte. In: Häntzschel, Hiltrud; Hansen-Schaberg, Inge; Glunz, Claudia; Schneider, Thomas F. (Hg.): Exil im Krieg 1939–1945. Göttingen: V&R unipress 2016, 151–158.

39 Graeb-Könnecker, Autochthone, insbesondere 179–190.

40 Graeb-Könnecker, Autochthone, 183/185.

41 Walter, In the beginning, 225.

42 Walter, In the beginning, 235.

43 Gerhard, Nomadische Bewegungen, 237.

44 Streim, Gregor: Erfahrung der anderen Moderne. Deutsche Reiseberichte in den 30er Jahren (Hanns Johst, Heinrich Hauser, Lothar-Günther Buchheim, Egon Vietta). In: Fähnders, Walter u. a. (Hg.): Berlin, Paris, Moskau. Reiseliteratur und die Metropolen. Bielefeld: Aisthesis 2005 (=Reise Texte Metropolen Bd.1), 135–152.

45 Streim, Erfahrung, 145.

46 Streim, Erfahrung, 146.

47 Meid, Christopher: Griechenland-Imaginationen. Reiseberichte im 20. Jahrhundert von Gerhart Hauptmann bis Wolfgang Koeppen. Berlin, Boston: de Gruyter 2012, hier insbesondere Kapitel 2.2.2, 284–289.

48 Huber, Luftfahrt, 121–125.

49 Huber, Luftfahrt, 123 f.

50 Schütz, Erhard: Flieger – Helden der Neotonie. Jugendlichkeit und Regeneration in Literatur, Massenmedien und Anthropo-Biologie. Eine Studie zur unspezifischen Modernität des ‚Dritten Reiches‘. In: Schütz, Erhard; Streim, Gregor (Hg.): Reflexe und Reflexionen von Modernität 1933–1945. Bern [u. a.]: Lang 2002, 83–124, hier 84.

51 Was Schütz bei diesem Interpretationsansatz vernachlässigt ist die Tatsache, dass gerade der Flieger Fonck keineswegs als makelloser Held gezeichnet wird, sondern als eine gebrochene, einsame Figur, siehe dazu Kapitel 4.3.

52 Delabar, Vom Umgang, 197.

53 Funk, Gerald: Von Motoren und Menschen. In: Am Erker 25, Heft 44, 2002, 164–166.

54 Funk, Von Motoren, 165.

55 Funk, Von Motoren, 165.

56 Siehe beispielsweise Schütz, Erhard: Romane der Weimarer Republik. München. Fink 1986, hier insbesondere 126–128.

57 Porombka, Stephan: Hypertext. Zur Kritik eines digitalen Mythos. München: Fink 2001, insbesondere Kapitel VII, 257–274, hier 273.

58 Porombka, Hypertext, 274.

59 Hahnemann, Andy: Heinrich Hauser: Gigant Hirn. Roman. In: Agazzi, Elena; Schütz, Erhard (Hg.): Handbuch Nachkriegskultur. Literatur, Sachbuch und Film in Deutschland (1945–1962). Berlin, Boston: de Gruyter 2016, 422–426, hier 425.

60 Bienert, Michael: Die eingebildete Metropole. Berlin im Feuilleton der Weimarer Republik. Stuttgart: Metzler 1992.

61 Bienert, Eingebildete Metropole, 184.

62 Siehe dazu die Internetseite des Archivs https://vintageprint.com/ (gesehen am 21.2.2019).

63 Stamm, Rainer: „Bremsen, Halten, Aussteigen, Photographieren“. Zur Fotografie Heinrich Hausers. In: Geller und Geller, Nachlass des Folkwang-Auriga-Verlagsarchiv (Hg.): Heinrich Hauser. „Bremsen, Halten, Aussteigen, Photographieren“. Düsseldorf 2002, 9–16, hier 16.

64 Kemp, Wolfgang: Wir haben ja alle Deutschland nicht gekannt. Das Deutschlandbild der Deutschen in der Zeit der Weimarer Republik. Heidelberg: University Publishing 2016.

65 Segeberg, Harro: Literatur im Medienzeitalter: Literatur, Technik und Medien seit 1914. Darmstadt: WBG 2003, insbesondere 60–64.

66 Segeberg, Literatur, 67.

67 Uecker, Matthias: Beschreiben oder zeigen? Heinrich Hausers Amerika-Reise als Buch und Film. In: Non Fiktion 2/1 (2007), 7–19, hier insbesondere 9, 13.

68 Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Hausers Film Windjammer und Janmaaten ist eher spärlich, siehe Goergen, Jeanpaul: Sinfonie der Segel. Die letzten Segelschiffe (D1930, R: Heinrich Hauser). In: Filmblatt 4/10, (1999), 9–10; Reißmann, Volker: „Alltag an Bord ist Arbeit“. Die Dokumentarfilme über die „Pamir“. In: Bock, Hans-Michael: Jacobsen, Wolfgang; Schöning, Jörg (Hg.): Bewegte See. Maritimes Kino 1912–1957. München: edition text + kritik 2007, 97–104.

69 Zur Wiederaufführung des Films stellte Jeanpaul Goergen Informationen zum Film zusammen, darin finden sich ein Bericht über dessen Rekonstruktion von Martina Werth-Mühl sowie zeitgenössische Rezensionen: online unter: https://www.jeanpaulgoergen.de/home/Bucher_files/Jeanpaul_%20Goergen_Weltstadt_in_Flegeljahren%20%281995%29.pdf (gesehen am 19.1.2019).

70 Güntner, Mathias: Weltstadt in Flegeljahren. Ein Bericht über Chicago. Ein Film von Heinrich Hauser. Unveröffentl. Magisterarbeit. Hamburg 1998.

71 Goergen, Jeanpaul: Urbanität und Idylle. Städtefilme zwischen Kommerz und Kulturpropaganda. In: Ehmann, Antje; Goergen, Jeanpaul; Kreimeier, Klaus (Hg.): Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland. Bd. 2: Weimarer Republik 1928–1933. Stuttgart: Reclam 2005, 151–172, insbesondere 170–172.

72 Ehmann, Antje: Heinrich Hauser. Der Mann und die Medien. In: Ehmann, Antje; Goergen, Jeanpaul; Kreimeier, Klaus(Hg.): Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland. Bd. 2: Weimarer Republik 1918–1933. Stuttgart: Reclam 2005, 463–473.

73 Hielscher, Eva: Hauser's Weltstadt in Flegeljahren. An Americanist City Symphony. In: Jacobs, Steven; Kinik, Anthony; Hielscher, Eva (Hg.): The City Symphony Phenomenon. Cinema, Art, and Urban Modernity Between the Wars. New York, London: Routledge 2019, 147–156.

74 Für das Science-Fiction-Magazin Amazing Stories schreibt Hauser nach bisherigen Erkenntnissen insgesamt drei Geschichten: Agharti (1946), Titan’s Battle (1947) und The Brain (1948), von denen eine – The Brain – 1958 posthum in deutscher Übersetzung erscheint. Titan’s Battle ist strenggenommen kein eigenständiges Werk Hausers, sondern eine gekürzte Überarbeitung und Übersetzung von Alfred Döblins Roman Giganten aus dem Jahr 1932, der selbst wiederum eine Überarbeitung des Romans Berge, Meere und Giganten von 1924 ist. Agharti ist eine Geschichte, die stark an Die Flucht des Ingenieurs angelehnt ist und nie ins Deutsche übersetzt wurde. Nach seiner Emigration in die USA verfasst Hauser vier weitere englischsprachige Schriften, die von amerikanischen Verlagen veröffentlicht und ebenfalls nicht ins Deutsche übersetzt werden. Es handelt sich um Battle against Time (1939), Hitler versus Germany (1940) und The German Talks Back (1945), in denen Hauser sich mit den aktuellen politischen Verhältnissen in Deutschland und in den USA auseinandersetzt, sowie die autobiografische Schrift Time was. Death of a Junker aus dem Jahr 1942. In den politischen Veröffentlichungen stellt er sich einerseits gegen die NS-Diktatur, kritisiert andererseits aber auch die liberale Grundhaltung der USA. Besonders The German talks back erregt in den USA Aufsehen (siehe dazu Uecker, Matthias: Warnung oder Beratung? Wie Heinrich Hauser den Amerikanern Deutschland erklärte. In: Häntzschel, Hiltrud; Hansen-Schaberg, Inge; Glunz, Claudia; Schneider, Thomas F. (Hg.): Exil im Krieg 1939–1945. Göttingen: V&R unipress 2016, 151–158, hier 158). Da die Sprache und der Charakter dieser Schriften sich zum einen sehr stark von allen anderen Werken Hausers unterscheiden und zum anderen der thematische Schwerpunkt von Mensch und Maschine kaum eine Rolle spielt, habe ich die englischsprachigen Texte in der vorliegenden Studie nicht berücksichtigt. Die ergänzende Analyse und Untersuchung der unselbständigen Veröffentlichungen sowie der englischsprachigen Werke wären jeweils eine eigene, ausführliche Studie wert.

75 Im Folgenden werden in dieser Studie Zitate und Belegstellen aus den untersuchten Werken immer mit Siglen gekennzeichnet. Eine Aufschlüsselung der Siglen finden sich in diesem Kapitel und im Literaturverzeichnis.

76 Zur Analyse des Werks habe ich die inhaltlich identische und ungekürzte Rowohlt-Ausgabe aus dem Jahr 1957 benutzt, da diese besser verfügbar war.

77 Siehe Silber, Boris: Heinrich Hauser: Brackwasser. In: Die literarische Welt 4/40 (1928), 6; Pohl, Gerhart: Drei junge Dichter. In: Die neue Bücherschau 7 (1929), 52; Eckert, Herbert: Heinrich Hauser. Brackwasser. In: Weltstimmen. Weltbücher in Umrissen 4/8 (1930), 398.

78 Siehe Graebner, Dem Leben, 27 f., 48.

79 Siehe auch Rossmann, Augen auf, 212.

80 Rossmann hält fest: „Bild und Text verhalten sich bei Hauser gerade nicht tautologisch, sondern beziehen sich dialektisch aufeinander: Ihre Kombination ist mehr als die Summe beider Hälften. Was die Photographien letztlich verbindet, ist das Eigentümliche und Besondere, wenn nicht Unbekannte des Ruhrgebiets, auch das Unfertige, Provisorische, (scheinbar) Vorläufige“ (Augen auf, 214).

81 Einige Fotografien Hausers von der Pamir finden sich in Der Kreis 7/10 (1930), zwischen den Seiten 592 und 593, sowie in Der Querschnitt 10/7 (1930), zwischen den Seiten 452 und 453. Im Querschnitt ist außerdem noch abgedruckt Die letzten Segelschiffe, 451–454.

82 Siehe de Mendelssohn, Peter: S. Fischer und sein Verlag. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1970, 1095.

83 Siehe Graebner, Dem Leben, 443.

84 Siehe Schneider, Heinrich Hauser, 7.

85 Bei der Einteilung orientiere ich mich an dem Vorschlag von Mathias Güntner (Weltstadt, 30–40, 42). Laut Güntner ist die Einteilung in fünf Akte auf der Zensurkarte des Films überliefert, weswegen er davon ausgeht, dass Hauser selbst den Film so gegliedert hat (Weltstadt, 42).

86 Den Mississippi und den Lake Michigan verbindet der Illinois River.

87 Zur Person Reitmans siehe Bruns, Roger A.: The Damndest Radical. The Life and World of Ben Reitman, Chicago’s Celebrated Social Reformer, Hobo King and Whorehouse Physician. Urbena, Chicago: Univ. of Illinois Press 1987.

88 Eine präzise Film- und Inhaltsbeschreibung findet sich bei Güntner, Weltstadt, 30–40.

89 Hielscher bezeichnet den Film als eine „americanist city symphony“ (Hauser’s Weltstadt, 147). Zur formalen Einordnung des Films, seinen stilistischen Besonderheiten und seinem dokumentarischen Charakter siehe Ehmann, Heinrich Hauser, 469–473.

90 Siehe Die Neue Rundschau 43/1 (1932), 748–783; Die Neue Rundschau 43/2 (1932), 23–53, 161–180, 305–336.

91 Siehe dazu Kapitel 2 in dieser Studie.

92 Delabar vertritt die Position, dass Hauser mit diesem Werk „sein Leben umzuschreiben versucht“ (Delabar, Vom Umgang, 204). Streim bezeichnet das Werk als eine „mit deutlich fiktionalen Zügen versehen[e] Jugendautobiographie“ (Als nationaler Pionier, 105).

93 Siehe Streim, Als nationaler Pionier. Streim ist der Überzeugung, dass Hauser in den Jahren 1933 bis 1945 in seinen Werken „statt des Arbeiters […] den Pionier als soldatischen Heroen nationaler Erneuerung [installierte]“ (Als nationaler Pionier, 109).

94 Siehe Delabar, Walter: Zur Besinnung gekommen – Heinrich Hauser als Autor des Eugen-Diederich-Verlags: eine Fallstudie über einen Verlagswechsel samt Varianten. In: Ulbricht, Justus-H.; Meike G. Werner (Hg.): Romantik, Revolution und Reform: der Eugen-Diederichs-Verlag im Epochenkontext 1900–1949. Göttingen: Wallstein 1999, 248–270, hier 266 ff.

95 Delabar ist der Ansicht, dass Hauser sich als eine Person darstellen wolle, die „schon immer auf der nationalsozialistischen Seite gestanden hätte“ (Zur Besinnung, 269). Streim liest aus dem Werk eine „ideologische Ambivalenz“ Hausers gegenüber dem Nationalsozialismus heraus (Als nationaler Pionier, 106).

96 Siehe Impressum zu Opel, ein deutsches Tor zur Welt, 218.

97 Der Verlag trägt nur zufällig denselben Namen wie Hauser.

98 In Hausers faktualen Texten aus den Jahren 1933 bis 1937 lässt sich eine politisch durchaus affirmative Haltung gegenüber dem nationalsozialistischen Regime nicht verleugnen. Diese steht in einem gewissen Widerspruch zu seinen eher ambivalenten Schilderungen in Briefen (siehe Kapitel 2) und fiktionalen Texten wie Notre Dame von den Wogen.

99 In der Folgeauflage (11. bis 20. Tausend) aus dem Jahr 1936 sind die Erzählungen Mudel und Die Silberplatte nicht mehr enthalten.

100 Graebner verzeichnet zwar in ihrer Bibliografie eine Ausgabe des Reportagebuchs von 1938, diese konnte aber bislang noch nicht gefunden werden. Daher gehe ich von der Erstveröffentlichung des Werks im Jahr 1939 aus.

101 Siehe dazu das Vorwort des Buchs, in dem Hauser schreibt, „der Verfasser bekennt, daß er im ganzen nur ein knappes Jahr im Antipoden-Kontinent gelebt hat, im Winter 1922–23 und abermals 1936–37“ (AK 8 f.).

102 Die Fotografie trägt den Titel „In einer Hauptstraße in Adelaide, Südaustralien“ und befindet sich in der Erstausgabe nach Seite 172.

103 Dieses Reportagebuch wurde bis in die Fünfzigerjahre hinein immer wieder neu aufgelegt (siehe dazu Graebner, Dem Leben, 405–408). Allerdings wurde Hausers ursprünglicher Text für die Ausgabe 1949 und dann noch einmal im Jahr 1956 stark bearbeitet und verändert. Im Klappentext der Ausgabe von 1956 heißt es: „Diese 1956 vollendete und von ihm selbst begonnene Neubearbeitung seines erfolgreichen Australienbuches war die letzte Arbeit des verstorbenen Heinrich Hausers.“ Als Bearbeiter von Seiten des Verlags werden H. H. Heinisch und Reinhart Jaspert genannt.

104 Offenbar wird dies bereits im ersten Kapitel. Lautet dessen Überschrift 1939 noch „,Volk ohne Raum‘ – ,Raum ohne Volk‘“, bekommt es 1949 die Überschrift „Wie ich zum Berichten kam“. In der Ausgabe von 1956 wird das Kapitel nur noch mit „Zum Thema“ überschrieben.

105 Jasperts Bearbeitungen sind nicht gekennzeichnet. Daher würde es einer äußerst gründlichen Analyse bedürfen um zu bestimmen, welchen genauen Anteil Hauser an diesem Werk hat. Einem Brief Jasperts aus dem Jahr 1980 (im DLA Marbach, Sammlung Graebner/Materialien Thomas Bier) ist zu entnehmen, dass das Kanadabuch nur unter größten Schwierigkeiten und inhaltlichen Auflagen genehmigt worden sei. Unter anderem hätten nach Aussage Jasperts die deutschen Auswanderer ausführlich gewürdigt werden sollen.

106 In einem Brief Hausers an P. Diederichs vom 25. Dezember 1948 (DLA Marbach A: Diederichs E.-D. Verlag 1948, 95.2.) schreibt er, dass Nitschewo Armada „in erster Lesung von Henry Holt als Buch angenommen, aber noch nicht endgültig entschieden“ sei. Als „Nachteil“ seiner in den USA entstandenen Werke – Hauser nennt sie im Brief seine „Amerikanisch[e] Production“ – benennt er die Tatsache, „dass ich ab 1943 ausschließlich Englisch geschrieben habe, sodass also diese Sachen uebersetzt werden muessten. Dies kann ich nicht selbst unternehmen, weil ich zusehr mit neuen Dingen ueberlastet bin“.

107 Siehe Graebner, Dem Leben, 56, 440.

108 Der Ich-Erzähler erklärt, er habe das Auto nach dem Song ‚Perfidia‘ benannt, der das erste Stück gewesen sei, das er im Autoradio gehört habe (siehe Meine Farm am Mississippi, 13). ‚Perfidia‘ wurde 1939 veröffentlicht und war 1940 ein Hit des kubanischen Sängers Xavier Cugat (siehe Beezley, William H.; Rankin, Monica A. (Hg.): Problems in Modern Mexican History. Sources and Interpretations. London: Rowman & Lit- tlefield 2017, hier 198).

109 Siehe Graebner, Dem Leben, 408.

110 Zur Analyse des Werks habe ich die inhaltlich identische und ungekürzte Goldmann-Ausgabe aus dem Jahr 1974 herangezogen, da diese besser verfügbar war.

111 The Brain erscheint 1948 im Pulp-Magazin Amazing Stories unter dem Pseudonym Alexander Blade (Vol. 22, Nr. 10, Oktober 1948). Graebner zieht daraus den Schluss, dass alle Veröffentlichungen unter diesem Pseudonym Heinrich Hauser zugeschrieben werden müssen. Hier irrt Graebner. Das Pseudonym war ein im Verlag gebräuchlicher Name, der in den 1940er und 1950er Jahren von vielen Autoren genutzt wurde. Heinrich Hauser hat es aller Wahrscheinlichkeit nach nur für die Magazinerstausgabe von The Brain verwendet. Alle anderen Texte, die unter dem Pseudonym Alexander Blade erschienen sind, stammen nicht von Heinrich Hauser. Siehe dazu www.sf-encyclopedia.com/entry/blade_alexander, gesehen am 6.3.2019. Hauser selbst erwähnt The Brain und auch Agharti als „unveröffentlicht[e] Romane“ in einem Brief an Peter Diederichs vom 25. Dezember 1948 (DLA Marbach A: Diederichs E.-D.-Verlag). Ein Vergleich zwischen der englischen Version und der deutschen Übersetzung zeigt, dass in der deutschen Version Veränderungen vorgenommen wurden. Beispielsweise wurden Passagen, die davon erzählen, wie sich Lee in Una Dahlborg verliebt, und die Gespräche der beiden stark gekürzt. Die Diskussion zwischen Scriven und Lee über die soziale Organisation von Ameisenstaaten und menschlichen Gesellschaften wurde dafür im deutschen Text ausgebaut. Die Passagen über und mit dem Hirn stimmen in beiden Versionen allerdings weitestgehend überein.

112 Siehe Graebner, Dem Leben, 150–156.

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2. Heinrich Hauser:
Sein Leben und Arbeiten im zeit- und literaturgeschichtlichen Kontext

Um Heinrich Hausers Texte und deren Entstehung, sein Schaffen als Autor und Schriftsteller und seine thematischen Schwerpunkte einordnen zu können, muss man den zeitgeschichtlichen, politischen, kulturellen und sozialen Kontext seiner Zeit vor Augen haben.113 Daher werde ich im Folgenden Hausers Leben und seinen Werdegang im Überblick skizzieren und mit den zeitgenössischen Umständen und Geschehnissen in Beziehung setzen.

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2.1 1901–1929: Krieg, Krisen und Karriere

Heinrich Hauser wird am 27. August 1901 in Berlin geboren.114 Er gehört damit zu einer Generation von Schriftstellern, die im Krieg und durch den Krieg (literarisch) sozialisiert wird und kurz nach Gründung der Weimarer Republik zu schreiben beginnt.115 Es ist eine Generation, die, so Walter Delabar, „knapp zu jung ist, um in den Krieg zu ziehen, und zu jener sozialen Schicht [gehört], die dennoch Wert auf eine militärische Karriere legt“.116 Karl Prümm bezeichnet sie als „Jugend ohne Väter“117, Detlev J. K. Peukert als „die überflüssige Generation“.118 Das „Gefühl des Überflüssigseins“ resultiert, so Peukert, zum einen aus der Massenarbeitslosigkeit, von der diese Generation besonders stark betroffen ist. Zum anderen entsteht dieses Gefühl aus der Tatsache, zwar durch den Krieg geprägt worden zu sein, an ihm aber nicht teilgenommen zu haben, wodurch sie am „legitimierenden Mythos der Fronterfahrung“ nicht teilhaben kann.119 ←48 | 49→Aus diesem Umstand diagnostiziert Delabar bei Heinrich Hauser – wie auch bei anderen Vertretern dieser Generation – eine „Ruhelosigkeit“.120 Anders als die (älteren) Kriegsteilnehmer, die nach Kriegsende möglichst schnell in ihr gewohntes Leben zurückkehren wollen, können sich die jungen Männer, die keine Kriegserfahrung haben, nicht von ihrem verklärten Ideal der militärischen Welt verabschieden und diejenigen, die bislang nur das Leben an der Front kennengelernt haben, wissen nicht, wie sie sich im Alltag adäquat verhalten sollen.121

Heinrich Hausers Vater Otto Hauser ist Arzt, seine Mutter Margareta Marta von Scheel entstammt einer dänischen Adelsfamilie.122 Als Hauser sieben Jahre alt ist, lassen sich seine Eltern scheiden. Heinrich zieht mit seiner Mutter nach Weimar, die dort im Orchester des Staatstheaters Geige spielt. Hausers Kindheit ist offenbar eher unglücklich. Seine langjährige Sekretärin und letzte Ehefrau Rita hält später in einem Brief fest, dass Hauser „unter seiner Kindheit Zeit seines Lebens gelitten“ habe.123 Als Siebzehnjähriger legt Hauser 1918 das Notabitur ab und geht im Anschluss daran nach Flensburg, wo er an der Kaiserlichen Marineschule eine Ausbildung zum Seekadetten erhält.124 Im November desselben ←49 | 50→Jahres rufen sowohl Philipp Scheidemann als auch Karl Liebknecht die Republik aus.125 Doch die Etablierung der Demokratie und eines liberalen Verfassungsstaates erweisen sich in den Gründungsjahren der Weimarer Republik als eine schwierige Aufgabe, die die politischen Institutionen stark herausfordern.126 Es kommt zu Unruhen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Irgendwann in den Jahren 1918 und 1919 – ein genaues Datum ist nicht festzustellen – tritt Heinrich Hauser in das Freikorps Maercker ein, einen unabhängigen militärischen Verband, der vom ehemaligen Generalmajor Georg Ludwig Rudolf Maercker geleitet wird und sich aus ehemaligen Frontsoldaten und ungedienten Freiwilligen zusammensetzt.127 Als Mitglied dieses Korps erlebt er während der sogenannten Spartakus-Kämpfe, was es bedeutet, an kriegerischen Auseinandersetzungen teilzunehmen. Diese prägen Heinrich Hauser nach Einschätzung seines Freundes und Mentors Benno Reifenbergs nachhaltig:

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Bei den Spartakus-Kämpfen erlebte der Siebzehnjährige, dem man ganz zum Schluß noch die Uniform verpaßt hatte, die Feuertaufe; daß es ein Bürgerkrieg war und daß er auf Zivilisten schießen mußte, konnte er nie vergessen. Hauser träumte Jahrzehnte später noch von diesen Schrecknissen.128

Kurz danach, im Sommer 1919, absolviert Hauser im Ruhrgebiet ein Praktikum bei Krupp in unterschiedlichen Bereichen des Stahl- und Hüttenwerks, das er jedoch wegen eines Unfalls abbrechen muss.129 Bei Krupp macht Hauser in der Industrie konkrete, praktische Erfahrungen mit Technik und Maschinen, auf die er später in seinen Werken immer wieder zurückgreifen wird. Einige Monate später, im Frühjahr 1920, erfährt Hauser, dass sein Vater das Familiengut in Guben verkauft hat. Grith Graebner sieht darin die Ursache für eine große Verunsicherung in seinem Leben:

Alles Sicher-Geglaubte scheint sich in Luft aufzulösen, ihm will nichts gelingen. Das führt bei ihm zu einer großen Orientierungslosigkeit. Heinrich Hauser „versackt“ nach eigenen Angaben in den nächsten 2 Jahren […].130

In diesen Jahren beginnt Hauser zweimal ein Medizinstudium, 1920 in Jena und 1922 in Rostock, das er aber in beiden Fällen bald wieder abbricht.131 Insgesamt bleibt er kaum länger als ein paar Monate am selben Ort.

Verunsicherung, Zerrissenheit, Orientierungslosigkeit, Rastlosigkeit und Ortlosigkeit prägen Hausers Leben zu Beginn der Zwanzigerjahre. Damit ist er allerdings nicht allein, dieses Lebensgefühl ist auch für viele andere Menschen in jenen Jahren charakteristisch und beeinflusst das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Weimarer Republik insgesamt. Die Ursachen dafür sieht Pankau in den tiefgreifenden Veränderungen in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg, etwa in den politischen, sozialen und gesellschaftlichen Strukturen, in Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Normen, zum Beispiel in Bezug auf Ehe, Familie und Sexualität, und im religiösen und naturwissenschaftlichen Weltbild.132 „Verunsicherung“ gilt als „mentalitätsgeschichtliche ←51 | 52→Grundlage der Weimarer Republik“ (Pankau) oder als „das Signum der Epoche“ (Peukert).133

Dieser Zustand der ‚Verunsicherung‘ als vorherrschendem Lebensgefühl nimmt im Jahr 1923 noch zu, als die junge Republik kurz vor dem Kollaps steht.134 Sie wird erschüttert durch Konflikte mit Frankreich, die Ruhrgebietsbesetzung und den Ruhrkampf, zwei Regierungsstürze, die Niederschlagung des Kommunistenaufstands in Hamburg, den Hitler-Ludendorff-Putsch in München, Hyperinflation, Massenstreiks, Lähmung der Wirtschaft, Hungerunruhen und Anstieg der Kriminalität. Peukert deutet diese Vorgänge als deutlichen Beleg für den „Zusammenbruch der bürgerlichen Ordnung“.135

Heinrich Hauser erfährt von diesen Ereignissen nur aus der Ferne: er befindet sich auf Reisen. Im Winter 1922/23 fährt er als Leichtmatrose nach Australien und kehrt erst nach fünfzig Tagen wieder zurück. Im August 1923 heuert er zusammen mit seinem Freund Walter Spies erneut auf einem Frachtdampfer an. Diesmal geht die Reise nach Java. Es ist unklar, ob er in dieser Zeit schon mit ←52 | 53→dem (literarischen) Schreiben beginnt.136 In diesen Jahren werden zumindest keine Texte von ihm veröffentlicht. In Deutschland entspannt sich die politische Lage wieder etwas: Nach der Neubildung einer Minderheitsregierung durch die Parteien der sogenannten Bürgerlichen Mitte im November 1923 kommt es zu einer relativen Stabilisierung der Verhältnisse, die allerdings nur bis zum Jahr 1929 – dem Jahr der nächsten großen Krise – anhält.137

Nach seinen Reisen nach Australien und Asien kehrt Heinrich Hauser erst im Frühjahr 1924 wieder nach Deutschland zurück. Doch er bleibt nicht lange. Im Mai desselben Jahres bewirbt er sich bei einer Zeitung und erhält den Auftrag, aus Südamerika zu berichten.138 Die Reise nach Südamerika dauert bis Ende 1924. Unterwegs erkrankt Hauser an Malaria und lässt sich nach seiner Rückkehr im Tropenkrankenhaus in Hamburg behandeln. 1925 zieht er in das Ostseebad Wustrow in Mecklenburg, um sich auszukurieren. Dort heiratet Hauser erstmals und siedelt kurz darauf mit seiner Frau Hedwig um nach Frankfurt, wo er bei der Frankfurter Zeitung unter dem Feuilletonchef Benno Reifenberg zu arbeiten beginnt. Die Mitarbeit im Feuilleton der Frankfurter Zeitung gilt zu jener Zeit als ‚Ritterschlag‘ für einen Journalisten. Hier schreiben so bedeutende Autoren wie Siegfried Kracauer, Walter Benjamin und Joseph Roth. Delabar konstatiert, dass Hauser in seiner Zeit bei der Frankfurter Zeitung „zum wichtigsten [Reporter] der Weimarer Republik diesseits von Egon Erwin Kisch“ geworden sei.139

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Almut Todorow hat bei ihren Recherchen zum Feuilleton der Frankfurter Zeitung für die Zeit der Zwanzigerjahre herausgefunden, dass Hauser für einige Zeit Mitglied des inneren Redaktionskreises der Zeitung ist. Unklar bleibt allerdings, wie lange er diese Festanstellung innehat. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er im April 1928 durch Joseph Roth abgelöst, auf den nur wenige Monate später Erik G. Wickenburg folgt:

Weder Hauser – er war laut Wickenburg zu ,schwärmerisch‘ und hatte Fernweh – noch Roth hielten es bei dieser Tätigkeit lange aus, beide verließen die Redaktion nach kürzester Zeit wieder.140

Ab Mitte der Zwanzigerjahre verfasst Heinrich Hauser sowohl journalistische als auch literarische Texte. Von September bis November 1925 Jahr erscheint in der Frankfurter Zeitung in vier Teilen sein Reisebericht Matrosenfahrt. Eine australische Reise.141 Neben diesen journalistischen Arbeiten veröffentlicht er im selben Jahr auch erstmals ein belletristisches Werk. Hausers Roman Das zwanzigste Jahr erscheint im Verlag Gustav Kiepenheuer, der auch Autoren wie Bertolt Brecht, Hans Henny Jahnn, Arnold Zweig, Gottfried Benn, Joseph Roth und Anna Seghers verlegt.

Die Art und Weise, wie Heinrich Hauser in verschiedenen Medien und Veröffentlichungsformen seine Werke publiziert und sein Geld verdient, ist nicht ungewöhnlich für die Arbeits- und Lebensbedingungen von Künstlern und Literaten in der Weimarer Republik und den darauffolgenden Jahren. So wie für ihn dient für viele Schreibende der Journalismus dem Broterwerb und ermöglicht es, nebenbei auch literarische Texte zu verfassen. Die Zweitverwertung von Texten ist dabei gang und gäbe: Literarische Texte werden in Zeitungen und Zeitschriften vorab als Fortsetzungsromane abgedruckt, journalistische Texten erscheinen gesammelt in Buchform bei literarischen Verlagen.142 Heinrich Hausers Romane, Erzählungen und Reportagen, die in Buchform erscheinen sollen, werden fast alle vorher – zum Teil als Fortsetzungsroman – in Zeitungen oder ←54 | 55→Zeitschriften abgedruckt.143 In seine fiktionalen Werke integriert er wiederum Reportagen, die er ursprünglich für die Zeitung geschrieben hat.144

Ein Grund für diese Veröffentlichungsvielfalt liegt in der finanziellen Situation der mittelständischen Intellektuellen und Schreibenden nach dem Ersten Weltkrieg. Deren wirtschaftliche Verhältnisse sind schwierig, obwohl sich prinzipiell im Gegensatz zur Kaiserzeit die Bedingungen für eine schreibende Tätigkeit verbessert haben: Es besteht das Recht der freien Meinungsäußerung, offiziell die Freiheit von Zensur, und der Staat lenkt und beeinflusst das kulturelle und intellektuelle Schaffen nur wenig.145 Hatten Schriftsteller zuvor in vielen Fällen von (wenn auch meist kleineren) Rentenvermögen gelebt, was ihnen ein relativ unabhängiges Arbeiten ermöglichte, sind sie nach der Inflation und der damit einhergehenden Vernichtung von Sparvermögen meist darauf angewiesen, mit ihrer schreibenden Tätigkeit auch Geld zu verdienen.146 Daher bemühen sie sich um Auftragsarbeiten von Verlagen und Zeitungen an, die oft nur schlecht bezahlt werden, oder müssen eine Festanstellung bei einer Zeitung oder Zeitschrift annehmen wie Heinrich Hauser bei der Frankfurter Zeitung.147 Für dieses Blatt schreibt er nach seinem Debüt als Schriftsteller 1925 fünf Jahre ←55 | 56→lang Reportagen, Feuilletons und Rezensionen literarischer Werke.148 Privat erweist sich die Zeit für ihn offenkundig als turbulent: 1927 scheitert seine erste Ehe und es kommt zur Scheidung.149 Bereits 1928 heiratet Hauser erneut, und zwar Anna Louise Duisberg, die Tochter des Berliner Malers Joseph Block und seiner Frau Else, einer geborenen Oppenheim.150 Im Februar 1929 bekommen Anna Louise und Heinrich Hauser eine Tochter, Helen.

Bis Mitte 1929 veröffentlicht Hauser seine Texte nur in der Frankfurter Zeitung, danach platziert er sie auch in anderen Medien wie der Neuen Rundschau. Der Zeitschriftenmarkt expandiert in der Weimarer Republik außerordentlich. Das Angebot an Zeitschriften und Illustrierten differenziert sich immer weiter aus und bedient die unterschiedlichsten Interessensgebiete.151 Viele Organisationen, Verbände und Parteien veröffentlichen ihre eigenen Zeitschriften, dazu kommen unabhängige politisch-kulturelle Magazine wie beispielsweise die links-demokratische Weltbühne, oder die nationalkonservative Zeitschrift Tat aus dem Eugen Diederichs-Verlag, aber auch (vermeintlich) unpolitische Blätter wie Der Querschnitt (für bildende Künste) und das Ullsteinmagazin Uhu (mit literarischem Schwerpunkt).152 Hauser weiß diesen vielfältigen Markt offensichtlich zu bespielen. Seine Texte – es handelt sich dabei vor allem um Reiseberichte und Vorabdrucke – erscheinen ab 1929 neben der Frankfurter Zeitung, die seine Hauptauftraggeberin bleibt, unter anderem in der Neuen Rundschau, dem Querschnitt, dem Berliner Tageblatt, der Literatur, der Weltbühne, dem Magazin ←56 | 57→Uhu, in der Tat und in der Woche.153 Die Verschiedenheit der Auftraggeber ist durchaus bemerkenswert. Streim hält für Hausers Schaffen in jenen Jahren treffend fest:

Bereits für die an schillernden Schriftstellerbiographien wahrlich nicht arme Weimarer Republik bietet Hauser den wohl singulären Fall eines Journalisten, der gleichzeitig für die liberale Frankfurter Zeitung und die nationalrevolutionäre Tat schrieb und seine Bücher sowohl bei S. Fischer als auch bei Eugen Diederichs erscheinen ließ.154

Die hier skizzierten Veränderungen der äußeren Umstände des Intellektuellen- und Schriftstellerdaseins führen dazu, dass sich sowohl das Bild vom Schriftsteller und der Schriftstellerin und deren gesellschaftlichen Rollen als auch die Ansprüche an ihr Schreiben wandeln. Siegfried Krakauer konstatiert 1931 in einem Artikel der Neuen Rundschau: „So sonderbar es klingt: Journalist und Schriftsteller vertauschen unter dem Druck der ökonomischen und sozialen Verhältnisse beinahe die Rollen.“155 Von diesen neuen Journalistenschriftstellern oder Schriftstellerjournalisten wird ein „aktive[s], eingreifende[s], operative[s]“ Handeln erwartet und gefordert.156 Kracauer sieht die Aufgabe dieses „neue[n] Typus von Schriftstellern“ darin „sich (und dem großen Publikum) Rechenschaft abzulegen über unsere aktuelle Situation.“157 Der Maßstab für die literarische Produktion ist die Praxis, die eigene Erfahrung und das eigene ←57 | 58→Erleben.158 Die Schriftsteller neuen Typs – zu denen Heinrich Hauser zweifellos gezählt werden kann – schreiben, so bezeichnet es Kracauer, „Zustandsschilderungen“159. Für Becker bilden die auf der inhaltlichen Ebene geforderten Qualitäten der Realitätsnähe und Aktualität zusammen mit einer dokumentarischen Schreibweise auf stilistischer Ebene die zentralen Merkmale einer solchen Tatsachenpoetik, deren Vertreter an einer überzeitlichen, „transzendente[n] Schicht des Daseins“ kein Interesse haben.160

Die Vermischung der Schreib-Rollen führt auch zu einer Vermischung der Textarten und Schreibstile, traditionelle Genres werden umgestaltet und vermeintlich starre Gattungsgrenzen aufgeweicht.161 Das Genre der Reportage gewinnt mehr und mehr an literarischer Bedeutung, auch dadurch, dass die journalistischen Texte in Sammelbänden publiziert werden. Außerdem beeinflussen die Reportagen auch die Produktion literarischer Texte.162 Fiktionales und dokumentarisches beziehungsweise faktuales Schreiben, Literatur und Journalismus, nähern sich aneinander an.163

Besonders charakteristisch sind diese Aspekte für die Form der Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die gemeinhin unter den Begriff der ‚Neuen Sachlichkeit‘ gefasst wird. Allerdings sind die Bestimmung des Begriffs ‚Neue Sachlichkeit‘, dessen zeitliche Abgrenzung und literaturgeschichtliche Einordnung bis heute unscharf geblieben.164 Der Terminus wird sowohl als ←58 | 59→Bezeichnung für einen literarischen und künstlerischen Stilbegriff, für ein ästhetisches Konzept, für eine ganze Epoche oder für eine politische Ausrichtung genutzt.165 Unstrittig ist, dass in Abgrenzung zum Expressionismus zu Beginn der Zwanzigerjahre eine Bewegung in Bildender Kunst und Literatur entsteht, die heute allgemein unter dem Begriff ,Neue Sachlichkeit‘ firmiert.166 Ebenso ←59 | 60→unstrittig ist, dass der Begriff ,Neue Sachlichkeit‘ nicht retrospektiv entwickelt, sondern bereits von den Zeitgenossen genutzt wird, um sowohl literarische Texte als auch Werke der Bildenden Kunst formal und inhaltlich zu bezeichnen und zu charakterisieren.167 Zudem wird er von den Zeitgenossen in den Zwanzigerjahren verwendet, wenn über die Reportage als literarische Textart oder über Phänomene der sogenannten ‚Massenkultur‘ diskutiert werden.168 Darüber hinaus wird der Begriff genutzt, um einen Habitus und eine Lebenshaltung zu charakterisieren.169 ‚Neue Sachlichkeit‘ kann unter den Zeitgenossen also sowohl eine gesellschaftlich-kulturelle Erscheinung, eine Denkweise und ein Lebensgefühl, als auch eine ästhetische Forderung und Schreibweise bezeichnen.170 Heinrich Hauser bewegt sich aufgrund der formalen, inhaltlichen und stilistischen Merkmale seines Schreibens durchaus im Kontext der neusachlichen Literatur.

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Hauser schreibt zeit seines Lebens viele Reportagen über Technik, Industrie und Maschinen. Seine Zeitgenossen sind fasziniert davon, wie er über diese Themen berichtet.171 Dementsprechend bekommt er immer wieder den Auftrag, Fabriken zu besuchen und über deren Technik und Maschinen zu berichten. In etlichen Fällen finanzieren ihm die Verlage auch diese Reisen. Die Möglichkeit, das Material doppelt zu verwerten, indem Hauser es sowohl in Zeitungen und Zeitschriften als auch in Sachbüchern veröffentlicht, macht diese Aufträge für ihn zudem lukrativ. Neben Technik- und Industriereportagen verfasst Hauser auch regelmäßig Reisereportagen. Er unternimmt etliche Reisen innerhalb Deutschlands und in Europa, über die er dann berichtet. Unter anderem fährt er im Herbst 1927 nach Irland und zieht von November 1927 bis Januar 1928 mit dem Zirkus Sarrasani umher. 1928 reist Hauser erneut nach Irland und freundet sich dort mit dem irischen Schriftsteller Liam O’Flaherty an. Er profitiert von der Blütezeit, die Reisereportagen in den Zwanzigerjahren erleben.172

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Nachdem Hauser drei Jahre lang hauptsächlich in Zeitungen und Zeitschriften journalistische Arbeiten veröffentlicht hat, erscheinen von ihm 1928 bei Reclam gleich zwei Bücher. Diese Werke könnten unterschiedlicher nicht sein: Brackwasser ist ein Roman, der die Seefahrt, aber vor allem auch den (scheiternden) Versuch eines Lebens jenseits der modernen Großstadtwelt thematisiert; Friede mit Maschinen ist ein kleiner Essayband, der sich der Entwicklung von Maschinen und Technik und dem Verhältnis von Mensch und Maschine widmet. Brackwasser erscheint im Reclam Verlag als Teil der von Ernst Sander herausgegebenen Reihe Junge Deutsche. Sander, der neben seiner Lektorentätigkeit auch als Schriftsteller, Übersetzer und Essayist arbeitet, engagiert sich im Verlag besonders für junge, noch unbekannte Autoren. Er hatte Hauser eingeladen, ihm ein Manuskript für seine Reihe zu schicken.173 Eigentlich hält Hauser Brackwasser für ungeeignet, schickt das Manuskript dann aber doch.174 Der Roman, der in mehrere Sprachen übersetzt wird, bedeutet für ihn den Durchbruch als Schriftsteller.175

Dieser Durchbruch kommt zu einer Zeit, in der der deutsche Buchmarkt in einer Krise steckt.176 Als Ursachen und Symptome dieser Buchabsatzkrise werden eine (vermeintliche) Überproduktion, eine ‚Novitätensucht‘, die Konkurrenz durch Sport, Film und Radio genannt sowie die allgemeine Wirtschaftslage und die (zu hohen) Bücherpreise.177 Als krisenhaft wird auch der kulturelle Prestigeverlust des Buches gewertet, das immer mehr zum Konsumartikel wird.178 ←62 | 63→Die Buchhändler reagieren auf diese Krise mit verstärkter Öffentlichkeitsarbeit für das Buch und für das Lesen allgemein.179

Trotz dieser insgesamt schwierigen Lage erweist sich das Jahr 1929 als eines der wichtigsten für den literarischen Markt der Weimarer Zeit. Es erscheinen Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz und zwei der Erfolgsbücher der Zwanzigerjahre schlechthin: zum einen Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues und zum anderen eine wohlfeile Ausgabe von Thomas Manns Buddenbrooks. Im Westen nichts Neues erreicht bereits Ende des Jahres 1929 eine Auflage von 930 000 Exemplaren. Dieser Erfolg ist auch ein Ergebnis der Werbekampagne des Ullstein-Verlags für den Roman.180 Die Buddenbrooks bringt der S. Fischer Verlag am 9. November 1929 mit einer Startauflage von 100 000 Exemplaren auf den Markt. Wenige Tage später erhält Mann den Literaturnobelpreis. Bis Dezember steigt die Auflage auf 700 000 Exemplare. Zum Vergleich: Berlin Alexanderplatz, das als Döblins einziger wirklich großer Erfolg – auch finanziell – angesehen wird, erscheint bis 1933 in sechs Auflagen mit insgesamt 50 000 Exemplaren. Auch für Heinrich Hausers Schriftstellerkarriere ist das Jahr 1929 ein besonderes, denn in diesem Jahr erhält er für Brackwasser den Gerhart-Hauptmann-Preis. Dieser Preis – in der Jury sitzen der Verleger Samuel Fischer und Gerhart Hauptmann selbst – soll begabte und bedürftige Schriftsteller fördern und ist mit 3360 Reichsmark dotiert. Im Jahr zuvor war Max Herrmann-Neisse ausgezeichnet worden, ein Jahr später ist Robert Musil der Preisträger.181

Der Buchmarkt der Weimarer Zeit ist aber weit heterogener, als es diese Beispiele erscheinen lassen.182 Auf dem literarischen Markt der Weimarer Republik können verschiedene Schriftstellergenerationen in unterschiedlichen Genres und Stilen nebeneinander erfolgreich sein.183 Das zeigen vier weitere Bücher, die bis zum Jahr 1940 insgesamt in einer Auflagenhöhe von über 500 000 Ex- ←63 | 64→emplaren auf den Markt kommen und die Liste der Bestseller der Zwanziger- und Dreißigerjahre anführen: Waldemar Bonsels Die Biene Maja und ihre Abenteuer, Karl Aloys Schenzingers Anilin, Rainer Maria Rilkes Die Weise von Liebe und Tod sowie Felicitas Roses Heideschulmeister Uwe Karsten.184 Auch Sachbücher erfreuen sich großer Beliebtheit, insbesondere, wenn sie mit Fotografien bebildert sind – wie es ja auch bei Hausers Reportagebüchern in der Regel der Fall ist. Dieses „Neben- und teilweise Gegeneinander“ macht aber das Bild jener Zeit recht „unübersichtlich“, was offenkundig bereits den Zeitgenossen bewusst ist.185 Döblin schreibt 1924:

Eine Zeit ist immer ein Durcheinander verschiedener Zeitalter, ist große Abschnitte hindurch undurchgoren, schlecht gebacken, trägt Rückstände anderer Kräfte, Keime neuer in sich. Ist eine Symbiose vieler Seelen; die führende sucht sich die andern einzuverleiben.186

Die für die Zwanzigerjahre typische und bestimmende Gleichzeitigkeit unterschiedlicher ästhetischer und literaturprogrammatischer Tendenzen, deren Uneinheitlichkeit und Unvereinbarkeit fasst Fähnders unter dem Schlagwort „Laboratorium Vielseitigkeit“ zusammen.187 Das Merkmal der Vielseitigkeit gilt dabei für das gesamte künstlerisch-kulturelle Schaffen in der Zeit der Weimarer Republik.188 Neben einer künstlerischen Avantgarde und Massenkultur bleiben traditionelle, kulturkonservative und antimodernistische Kunstrichtungen weiterhin erfolgreich. Zwischen den Lagern gibt es allerdings wenig Austausch, sie stehen sich zum Teil sogar feindselig und ablehnend gegenüber.189 Büttner hält es sogar für angebracht, von „zwei Kulturen in der Zeit der Weimarer Republik“ ←64 | 65→zu sprechen.190 Dennoch werden heute die Zwanzigerjahre kulturell meist vor allem vor dem Hintergrund der Entfaltung und Durchsetzung einer modernen Massen- und Medienkultur und der Vielzahl ihrer künstlerischen Avantgardebewegungen wahrgenommen.191

Diese Zeit der Vielseitigkeit und des „Durcheinanders“, wie Döblin es nennt, ist für Hauser eine erfolgreiche und produktive Arbeitsphase. Er hat sich Ende der Zwanzigerjahre als Journalist, Schriftsteller und Fotograf einen Namen gemacht. Im März des Jahres 1929 erhält er einen Vertrag und einen Vorschuss für mehrere Werke beim S. Fischer Verlag. Hier erscheint im selben Jahr auch die erste Auflage seines Romans Donner überm Meer. Durch diesen Verlagsvertrag und die Arbeit bei der Frankfurter Zeitung ist Hausers finanzielle Situation einigermaßen komfortabel.

Politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich wird die Zeit indes instabiler. Am 3. Oktober 1929 stirbt Außenminister Gustav Stresemann. Damit endet eine Zeit der vermittelnden Außenpolitik und Diplomatie, die sich um ein friedliches Miteinander der Staaten bemüht.192 Im selben Jahr kommt es zu einem Kurssturz an der New Yorker Börse, der eine weltweite Wirtschaftskrise auslöst. Diese Ereignisse beenden in Deutschland recht abrupt die kurze Phase relativer wirtschaftlicher Prosperität. Rasch steigt die Zahl der Erwerbslosen auf einen Höchststand von über sechs Millionen, was ungefähr einer Arbeitslosenquote von 33% entspricht.193 Die Massenarbeitslosigkeit, von der vor allem die Arbeiter und Angestellten betroffen sind, bezeichnet Peukert als das „hervorstechendste Merkmal der Weltwirtschaftskrise“.194 Diese Krise hat sowohl ökonomische als auch psychologische Auswirkungen auf weite Teile der deutschen Bevölkerung. Wie schon knapp zehn Jahre zuvor erfasst die Menschen, so Kolb, eine starke ←65 | 66→„sozial[e] Verelendung und Verunsicherung“195, die zu einer „allgemeine[n] Katastrophenstimmung“ führt.196

Diese Stimmung beschreibt Hausers Zeitgenosse Martin Raschke, der 1932 das Lebensgefühl seiner Zeitgenossen in der Literarischen Welt im Rahmen einer Kritik über „junge Literatur“ folgendermaßen charakterisiert:

Wir leben auf einem Trümmerfeld der Formen und der Inhalte menschlichen Denkens. Dieser Zertrümmerung entspricht auch die seelische Situation des heutigen Menschen (und nicht zu vergessen: die soziale). Ohne Bindung von Sein und Bewußtsein schillernd in den tausend Farben zielloser Reflektionen, ist er in die Welt gestellt, die wie er ohne inneren Anfang und ohne inneres Ende ist, die nichts mehr von der metaphysischen Geschlossenheit einer mittelalterlichen Welt hat und dem Nachdenkenden als ein Strom aus dem Unendlichen in das Unendliche erscheinen muß.197

Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Verunsicherung und ‚Zertrümmerung‘ stellt die Zeit der Weimarer Republik für Peukert den „Höhepunkt der klassischen Moderne“ dar.198 Er findet für die Jahre der Weimarer Republik insgesamt die prägnante Formulierung einer „Krisenzeit der klassischen Moderne.“199 Der Widerspruch zwischen „der optimistischen Zeichnung kultureller Avantgardeleistungen und der pessimistischen Vision politischer und sozialer Misere“ sei, so Peukert, charakteristisch für die Weimarer Zeit und sei daher nicht aufhebbar.200

2.2 1929–1933: Möglichkeiten des multimedialen Arbeitens: Schreiben, Fotografieren und Filmen

Die Weltwirtschaftskrise beeinflusst Hausers Arbeiten und Schreiben zunächst nicht in negativer Weise. Vielmehr wird sein Schaffensspektrum größer, indem er neben dem Schreiben seinen künstlerischen Ausdruck auch in der Dokumentation seines Sehens sucht – im Fotografieren und Filmen – und sich dadurch verstärkt den „Leitmedi[en] der Moderne“ zuwendet.201 Im März 1929 ist er ←66 | 67→mit Automobil und Filmkamera im Ruhrgebiet unterwegs, um dort zu recherchieren und zu fotografieren.202 Von Mai bis Anfang Juli reist er nach Westindien203 und am 31. Dezember 1929 begibt er sich an Bord der Pamir. Er soll das Segelschiff auf seiner Fahrt nach Chile begleiten und diese Reise in schriftlichen Aufzeichnungen, mit Fotografien und als Film dokumentieren. Für diese Reise erhält er von der Kunstpflegekommission der Freien und Hansestadt Hamburg ein durchaus üppiges Stipendium von insgesamt 1553 Reichsmark204, was heute ungefähr 5125 Euro entspräche.205 Die Verpflegungskosten für die Reise ←67 | 68→übernimmt die Reederei. Für dieses Stipendium wird Hauser von Staatsrat Adelbert Alexander Zinn persönlich ausgewählt. In einem Empfehlungsschreiben des Hamburger Bürgermeisters Carl Wilhelm Petersen heißt es: „Die Reise ist auf Anregung und durch Vermittlung des Senats zustandegekommen, der die schriftstellerischen und menschlichen Eigenschaften Herrn Hausers sehr hoch einschätzt.“206 Insbesondere Zinn ist von Hausers Werken persönlich sehr angetan; in mehreren Briefen erwähnt er, dass er diese gelesen habe und sie ihn sehr beeindruckt hätten:

Von ihrem Roman „Brackwasser“ habe ich einen sehr starken Eindruck erhalten. (9. März 1929)

Das „Schwarze Revier“ ist ein erschütterndes Buch. Es wirkt so stark auf mich, daß ich immer wieder in ihm lese. (6. Dezember 1929)207

Zwischen den beiden Männern entsteht ein enger persönlicher Kontakt, der über die Vermittlung des Stipendiums weit hinausgeht und Hauser sogar durch seine Ehekrise mit Anna Louise begleitet, die 1931 mit der Scheidung endet. Hauser erhält das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Helen.208

Im Zuge der Weltwirtschaftskrise kommt es 1930 in Deutschland auch zu politischen Krisen. Die Reichsregierung tritt aufgrund eines Koalitionsstreits wegen der Reform der Arbeitslosenversicherung zurück, im Juli löst sich der Reichstag auf. Bei der folgenden Wahl gewinnt die NSDAP deutlich an Stimmen. Peukert weist darauf hin, dass die Weltwirtschaftskrise als „Katalysator für den Bruch mit einem politischen System“ wirkt, das in der Bevölkerung sowieso kaum noch Zustimmung findet: „Die Krise indizierte das Scheitern eines politischen Experiments.“209

Im gleichen Jahr erscheint Schwarzes Revier, Hausers Reportagebuch über das Ruhrgebiet, dessen Texte ein Jahr zuvor bereits in der Frankfurter Zeitung veröffentlicht worden waren. Heinrich Hauser selbst ist das gesamte Jahr vor allem auf See. 1931 schließt er einen weiteren Vertrag mit dem Fischer-Verlag ab und reist in die USA, wo er wieder filmt, fotografiert und schreibt. Ergebnis dieser Reise sind die Reisereportage Feldwege nach Chicago und der (Stumm-)Film Weltstadt in Flegeljahren. Ein Bericht über Chicago. Hauser nutzt die Bandbreite der ihm zur Verfügung stehenden Erzähl-, Medien- und Veröffentlichungsformen und ←68 | 69→schöpft seinen reichhaltigen Materialfundus voll aus. Er repräsentiert mit seinem Werk in geradezu prototypischer Form den Übergang des Schriftstellers vom „exklusiven Wort-Dichter zum in mehreren Medien operierenden Zeichen-Arbeiter“, wie Segeberg ihn beschreibt.210

Als Fotograf ist Heinrich Hauser ein ‚Quereinsteiger‘. Damit steht er in einer Reihe mit Fotografen wie Tim Gidal, Umbo, Martin Munkácsi oder Erich Salomon, die als Begründer des modernen Fotojournalismus gelten und keine Berufsfotografen sind, sondern zunächst anderen Tätigkeiten nachgegangen sind und sich dann die Fotografie selbst angeeignet haben.211 Hauser selbst sieht sich ausdrücklich als ein Reportagefotograf, wie er in einem Brief an Zinn betont:

[…] ich photographiere nie auf schön, wie etwa Renger-Patzsch und Bucovicz und diese Leute. Ich halte sogar diese Art der Photographie für ganz falsch und verlogen. Was ich will, und was ich auch auf der geplanten Reise erreichen möchte, das ist Reportage in der Photographie im besten Sinn des Wortes.212

Hausers Zeitgenosse Tim Gidal beschreibt retrospektiv die Entwicklung dieser modernen Reportagefotografie:

Sehen – Erleben – Berichten näherten sich in vorher nicht gekannter Weise an. Die notwendige Konzentration entwickelte sich fort von den technischen Notwendigkeiten der Kamera und hin zum erlebten Augenblick.213

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Um den von Gidal genannten ‚erlebten Augenblick‘ überhaupt fototechnisch abbilden zu können, sind die Neuerungen im Bereich der Kameratechnik, der Kameralinsen und des Filmmaterials entscheidend, die mit der Ermanox und der Leica Mitte der Zwanzigerjahre auf den Markt kommen.214 Welchen Fotoapparat Heinrich Hauser für seine Aufnahmen nutzt, ist nicht bekannt.

Das zweite große Leitmedium – der Film – ist zur Zeit der Weimarer Republik bereits Teil einer Industrie geworden, die in großen Ateliers und Studios massentaugliche Produkte hervorbringt. Diese zeichnen sich durch den Einsatz einer großen „Illusionsmaschinerie“ und seit 1927 durch den Einsatz der Tonfilmtechnik aus.215 Im Gegensatz zu den Spielfilmen bleiben allerdings die ←70 | 71→nicht-fiktionalen Filme noch lange stumm. Die Schriftsteller der Zeit setzen sich mit dem Medium Film intensiv auseinander. Viele bewundern, so Segeberg, „die direkt auf den Zuschauer einwirkende Illusionswirkung einer technisch erzeugten Überrealität“.216 Diese Faszination und das Interesse für den Film wirken sich auf die Arbeit der Schriftsteller aus, in dem diese beispielsweise für die Filmindustrie tätig werden oder in ihrem Schaffen verschiedene Medien miteinander in Beziehung setzen.217 Hausers Filmproduktionen werden in den meisten Fällen von einer Buchveröffentlichung flankiert. Das Windjammer und Janmaaten begleitende Reportagebuch Die letzten Segelschiffe. Schiff, Mannschaft, Meer und Horizont erscheint 1931 im S. Fischer Verlag. Die Reisereportage Feldwege nach Chicago ergänzt den Film Weltstadt in Flegeljahren. Ein Bericht über Chicago.218

Indem die Literaten sich stärker auf den Film beziehen, können sie auch – wie Segeberg es ausdrückt – eine „filmische Schreibweise“ entwickeln: Sie beginnen, ihr literarisches Schreiben den narrativen Strukturen des Films anzugleichen. Segeberg charakterisiert diese Schreibweise folgendermaßen:

Sie ist filmisch darin, daß die Autoren sich in dem, was sie in ihren Zeichenreihen wahrnehmen und darstellen wollen, der Leitfunktion des „Kinoblicks“ unterstellen, und literarisch darin, daß sie in der Aufzeichnung dieses Kinoblicks an der Medientechnologie einer Schriftaufzeichnung festhalten.219

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Hauser dreht nur nicht-fiktionale beziehungsweise dokumentarische Filme. Die Zuordnung dieser Filme zu einem Genre oder einer Strömung erweist sich als schwierig.220 Grob lassen sich in der Rückschau die nicht-fiktionalen Filme in Lehr- und Kulturfilme einerseits und avantgardistische Dokumentarfilme andererseits einteilen. Diese Filmgenres unterscheiden sich deutlich bezüglich der Produktionsfirmen, der Aufführungsorte und ihrer Ästhetik.221 Hausers Filme ←72 | 73→gehören weder zur Avantgarde, noch zum Kulturfilm, sondern können mit Ehmann als „dokumentarisch Film[e] sui generis“ bezeichnet werden.222

Am 28. August 1930 wird Hausers Dokumentarfilm Die letzten Segelschiffe (später: Windjammer und Janmaaten – Die letzten Segler) uraufgeführt, und zwar in zwei Vorführungen.223 Einen Tag nach der Uraufführung beschließt der ←73 | 74→Senat der Stadt Hamburg, eine Kopie des Films käuflich zu erwerben, um Hauser beim Verkauf des Originals zu unterstützen.224 Später erhält Windjammer und Janmaaten die Zertifizierung als Lehrfilm.225 Dieses Prädikat des Lehrfilmausschusses für Erziehung und Unterricht bezeichnet Rudolf Arnheim 1932 in der Weltbühne als „conditio sine qua non“ für einen Kulturfilm: wird es nicht gewährt, so ist „der Film nahezu unverkäuflich“.226

Ein Jahr später dreht Hauser in den USA seinen zweiten Film Weltstadt in Flegeljahren. Ein Bericht über Chicago.227 Mit diesem Film hat Hauser kein Glück: Er reicht ihn bei der Bildstelle des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht zur Begutachtung ein, doch der Film erhält das Prädikat nicht und wird abgelehnt. Arnheim zitiert in seinem Artikel aus der Ablehnung:

Das wirre Durcheinander des Ganzen ist ein typisches Beispiel dafür, wie ein Lehrfilm nicht sein soll. Eine Anerkennung als Lehrfilm konnte überhaupt nicht erst in Erwägung gezogen werden.228

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Laut Graebner führt die Ablehnung des Filmes dazu, dass dieser nach seiner Uraufführung am 6. Oktober 1931 in Berlin bald als verschollen gilt.229

Neben seinen multimedialen Projekten arbeitet Hauser weiter als Journalist und Reisekorrespondent für etliche Zeitungen und Zeitschriften.230 Im Frühjahr 1932 erscheint sein Roman Noch nicht im S. Fischer Verlag. Es wird danach vier Jahre dauern, bis Hauser wieder ein belletristisches Werk veröffentlicht. Trotz einer guten Auftragslage steht Hauser Ende 1931 ohne Geld da. Er hat finanzielle Verpflichtungen seinen geschiedenen Frauen gegenüber und kann (laut Graebner) anscheinend nicht gut haushalten.231 Dazu kommt die allgemeine wirtschaftliche Krise. Im Februar 1932 fährt Hauser nach Ostpreußen. Diese Reise verarbeitet er in seinem Werk Wetter im Osten, das noch in demselben Jahr veröffentlicht wird. Im Dezember 1932 heiratet Heinrich Hauser Ursula Bier, die Tochter eines Berliner Chirurgen.232

2.3 1933–1939: Zäsuren, Brüche und Emigration

Die Welt befindet sich in den frühen Dreißigerjahren im Umbruch. Im Januar 1933 wird Adolf Hitler vom Reichspräsidenten von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt, wodurch das Ende der Weimarer Republik besiegelt ist und die Diktatur der Nationalsozialisten ihren Anfang nimmt. Unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten ändern sich die Arbeitsbedingungen für Schriftsteller und Journalisten. Schon im Januar 1933 beginnen die nationalsozialistischen Verantwortlichen für die Kulturpolitik, wichtigen literarischen Institutionen wie dem Schutzverband deutscher Schriftsteller (SDS) und der deutschen Sektion des PEN-Clubs die Autonomie zu nehmen und diese dem Regime zu unterwerfen.233 Dieses im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten als ‚Gleichschaltung‘ bezeichnete Verfahren wird durchgesetzt, indem ←75 | 76→nationalsozialistische und nationalkonservative Mitglieder der Vereinigungen dafür sorgen, dass die Vorstände der Institutionen abgesetzt, Satzungsänderungen durchgeführt und Verpflichtungserklärungen verlangt werden.234 Auf diese Weise versuchen die regimekonformen Mitglieder, ihr Ansehen bei den nationalsozialistischen Machthabern zu stärken.235

Ab Mitte der Dreißigerjahre überprüfen und begutachten zwei literaturpolitische Institutionen Hausers Werke: zum einen die Reichsschrifttumskammer (RSK), die dem Reichspropagandaministerium unterstellt ist und zum anderen die Hauptstelle Kulturpolitisches Archiv236, eine Unter-Unterabteilung der Dienststelle des Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Erziehung der NSDAP – kurz DBFU –, die Alfred Rosenberg leitet.237 Die Zuständigkeiten der RSK und der DBFU sind nicht klar voneinander abgegrenzt, die beiden kulturpolitischen Institutionen stehen zueinander in Konkurrenz und arbeiten immer wieder gegeneinander. 238 Sowohl die RSK als auch die DBFU betreiben Zensur im Sinne des Nationalsozialismus und begutachten und überwachen kulturell tätige Personen und Gruppen.239 Alle Personen, die Texte ←76 | 77→publizieren wollen, müssen in der RSK Mitglied sein und Mitgliedsbeiträge bezahlen.240 Wer kein Mitglied ist oder nicht in die Kammer aufgenommen wird, weil er nicht den Vorstellungen der nationalsozialistischen Machthaber entspricht, kann im Prinzip keine Texte (mehr) veröffentlichen.241

1934 gerät Heinrich Hauser zum ersten Mal offiziell in Konflikt mit der staatlichen Kulturkontrolle. 1933 ist der Schutzverband deutscher Schriftsteller (SDS), dessen Mitglied Hauser ist, im Zuge der nationalsozialistischen ‚Gleichschaltungs‘-Maßnahmen zusammen mit anderen Schriftstellervereinigungen im Reichsverband Deutscher Schriftsteller (RDS) aufgegangen.242 Die Mitglieder des SDS werden allerdings nicht automatisch zu Mitgliedern des RDS, was Heinrich Hauser offenkundig nicht bewusst ist. Am 7. Juni 1934 schreibt der Generalsekretär des RDS an Hauser:

Wir haben in Erfahrung gebracht, dass Sie nach wie vor schriftstellerisch tätig sind, ohne Mitglied in unserem Verband zu sein. Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass Sie nach dem Reichskulturkammergesetz vom 1. November 1933 gesetzlich verpflichtet waren, die Mitgliedschaft in unserem Verband bis spätestens 31. Dezember 1933 zu erwerben.243

In seinem Antwortschreiben, das am 18. Juni 1934 beim RDS eingeht, gibt Hauser an, geglaubt zu haben, längst Mitglied des RDS zu sein:

Sehr geehrte Herren, in Ihrer Karthothek muss etwas nicht in Ordnung sein: seit einer ganzen Reihe von Jahren bin ich schon Mitglied des Schutzverbandes, der jetzt Reichsverband geworden ist. Die Mitgliedskarte für 1933 besitze ich, dagegen bin ich nicht genau im Bild ob ich die für 34 schon erhalten, bzw. die Beiträge bezahlt habe. Ausserdem bin ich Mitglied im Reichsverband der Presse, sodass man mir die Berechtigung schriftstellerisch tätig zu sein wohl nicht absprechen kann. Im Uebrigen bin ich Arier und erfülle auch sonst die Vorbedingungen, sodass eine Neuaufnahme wohl nicht in Frage kommt.244

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Offenkundig hat Hauser den Eindruck, dass die Bürokraten der Nationalsozialisten nicht besonders sorgfältig mit ihrem Aktenmaterial umgehen. Hauser liefert zudem geradezu eilfertig Informationen, die vom RDS gar nicht angefragt waren. Er verweist nachdrücklich auf seine Mitgliedschaft im Reichsverband Deutscher Presse (RDP), hebt seine damit verbundene Erlaubnis zu schreiben hervor und betont, dass er Arier sei und alle „Vorbedingungen“ erfülle. Dem RDS scheint aber zunächst vor allem daran zu liegen, dass das Reichskulturkammergesetz eingehalten wird und die Anträge und Formulare ausgefüllt vorliegen. Am 22. Juni 1934 schickt daher die „Kontrollstelle Mitgliedschaft“ des RDS „nochmals [..] Aufnahmepapiere mit der Bitte, diese genauest ausgefüllt und unterschrieben sofort an uns zurückzusenden.“245 Außerdem belehrt der Generalsekretär Hauser über das Aufnahmeverfahren:

Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass die Mitglieder des früheren SDS nicht korporativ in den RDS übernommen worden sind. Jeder Aufnahmesuchende – gleich ob SDS-Mitglied oder nicht – hat demzufolge die Fragebogen [sic!] auszufüllen.246

Handschriftlich ist auf dem Brief zudem vermerkt, dass die „Aufnahme Papiere [sic!] am 28/6“ eingegangen sind. Den Fragebogen des RDS füllt Heinrich Hauser am 26. Juni 1934 handschriftlich aus.247 Am 23. Juli 1934 erhält Hauser dann ein Schreiben, das seine Aufnahme in den RDS bestätigt: „Infolge der mit dem RDP nunmehr endgültig getroffenen Regelung bezüglich Doppelmitgliedschaft, können wir Ihnen mitteilen, dass wir Sie ab dem III. Vierteljahr 1934 beitragsfrei ←78 | 79→führen.“ Der Brief endet mit „Wir begrüssen Sie mit Heil Hitler!“248 Heinrich Hauser wird somit ein Mitglied des RDS und dadurch auch Mitglied der RSK.249

Heinrich Hauser ist nicht Mitglied der NSDAP, aber Mitglied des Nationalsozialistischen Fliegerkorps. Dies gibt jedenfalls Hausers Sekretärin Rita Laurösch in einem Fragebogen an, den sie 1939 in Hausers Namen für die RSK ausfüllt.250 Seine Zugehörigkeit zum NS-Fliegerkorps, einer paramilitärischen, dem Reichsluftfahrtministerium untergeordneten Organisation, ist durchaus denkbar. Dem Leiter des Korps, Hermann Göring, widmet er sein 1933 erschienenes Reportagebuch Ein Mann lernt fliegen.251 Aufgrund dieser Widmung verschlechtert sich Hausers Verhältnis zum S. Fischer Verlag. Es kommt zum Streit mit Gottfried Bermann Fischer und schließlich im November 1933 zum Bruch mit dem Verlag.252 Hauser hat zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits eine neue ←79 | 80→Verlagsvereinbarung mit dem nationalkonservativen Eugen Diederichs Verlag unterzeichnet. Hier war ein Jahr zuvor schon seine Reisereportage Wetter im Osten erschienen.253 Nach de Mendelssohns Angaben überlässt S. Fischer Eugen Diederichs den Vertrag über drei Bücher, die Hauser noch nicht abgeliefert hat. Im Gegenzug erstattet der Eugen Diederichs Verlag teilweise die Vorauszahlungen, die Hauser bereits erhalten hat.254 Die Rechte an den bereits veröffentlichten Werken behält der Fischer-Verlag und lässt sie in den folgenden Jahren auch immer wieder nachdrucken.255

Der Verlagswechsel markiert eine deutliche Zäsur in Hausers Werk.256 Als nächste Veröffentlichung erscheint bei Diederichs 1934 Kampf. Geschichte einer ←80 | 81→Jugend. Hier beschreibt Hauser vermeintlich autobiografisch, wie er nach dem Ersten Weltkrieg als Mitglied eines Freikorps kämpft und zieht von diesen Kämpfen eine direkte Linie zu den Geschehnissen in Deutschland nach 1933.257 Dieses Buch trägt Hauser später in der Forschung den Ruf ein, dem Nationalsozialismus zumindest nahegestanden zu haben.258

Eine ähnliche Zäsur ist in Hausers Werk nach 1933 im Hinblick auf die Fotografie zu erkennen. Nach dem Beginn der Diktatur werden nur noch wenige seiner Aufnahmen veröffentlicht. Ein einziges mehrmediales Werk publiziert er in den Dreißigerjahren: Er dokumentiert in Wort und Bild seine Reise mit einem selbstkonstruierten Wohnwagen quer durch Deutschland. Auf dieser Reise, die der Verlag Carl Reißner in Auftrag gegeben hatte, begleiten ihn seine dritte Ehefrau Ursula, seine Tochter Helen und der im Dezember 1933 geborene Sohn Huc. Im März 1934 beginnt die Fahrt, die mehrere Monate dauern soll.259 Das Buch Fahrten und Abenteuer mit dem Wohnwagen erscheint 1935.

1936 kommt nach vier Jahren wieder ein belletristisches Werk Hausers auf den Buchmarkt. Männer an Bord ist eine Sammlung kurzer Erzählungen, die von Seemännern und Schiffen handeln. 1937 veröffentlicht der Diederichs Verlag den Roman Notre Dame von den Wogen sowie die Novelle Die Flucht des Ingenieurs. Diese beiden Werke sind – wie oben bereits erwähnt – formal eher konventionell einzustufen. Das Bruchstückhafte, aus verschiedenen Perspektiven montierte Erzählen wie in Donner über Meer oder Noch nicht findet sich hier nicht. Inhaltlich setzt sich Hauser im Roman Notre Dame von den Wogen auch mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen im Nationalsozialismus auseinander. ←81 | 82→Die Figur Jorg äußert sich beispielsweise zur Situation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern:

Man schuf nicht mehr um zu schaffen und kaum noch aus innerem Drang. Man richtete die Werke aus auf die Marktlage für Bücher, auf politische Strömungen, auf die Konkurrenz; man analysierte die Leserschaft und sich selbst. Man verhielt sich genau wie andere Industrielle auch; man verdinglichte die Welt. (NDW 213)

Diese Darstellung könnte als eine Beschreibung von Hausers eigener Arbeitssituation gelesen werden, die sich in den folgenden Jahren stark verändert. In seiner Akte der RSK findet sich ein handschriftlicher Vermerk zu Hausers beruflicher Situation:

ist seit Juni nicht mehr Schriftleiter / seit 3 Monaten freier Mitarbeiter der / Frankfurter Zeitung / zahlt als freier Schriftsteller / volle Beiträge ab III/34260

Hauser hatte also anscheinend zuvor eine feste Anstellung bei der Frankfurter Zeitung und arbeitet dann ab Mitte 1934 freiberuflich. Journalistisch schreibt er in den Dreißigerjahren für die unterschiedlichsten Auftraggeber. Regelmäßig verfasst er weiterhin Texte für die Frankfurter Zeitung und die Neue Rundschau, aber auch in Uhu, Der Querschnitt, dem Berliner Börsen-Courier, dem Hamburger Fremdenblatt, Die Tat, Die literarische Welt oder Die Woche kann er immer wieder Beiträge veröffentlichen. Für Opel schreibt er zwischen 1937 und 1940 eine dreibändige Firmengeschichte, die den Konzern aus verschiedenen Blickwinkeln darstellt.261 Obwohl Hauser weiterhin Bücher und Reportagen ←82 | 83→veröffentlicht und es den Anschein hat, als ob er seine Arbeit in der Zeit des Nationalsozialismus ungestört fortführen kann, ist seine Arbeitssituation durchaus kompliziert. Unter anderem ist seine journalistische und schriftstellerische Tätigkeit durch eine Vorgabe der RSK gefährdet, der zufolge neben jüdischen Mitgliedern auch solche auszuschließen seien, die mit jüdischen Personen verheiratet sind. Dies trifft auf Hauser zu, da seine Frau Ursula aus einer jüdischen Familie stammt.262

Hausers nicht eindeutig zuzuordnende politische Haltung und die Tatsache, dass er ständig unterwegs ist, machen es den Institutionen der nationalsozialistischen Literaturpolitik schwer, ihn zu fassen. Dies zeigt sich insbesondere an den Bemühungen der Hauptstelle Kulturpolitisches Archiv, Heinrich Hauser ausfindig zu machen, um ihn und sein Schaffen zu begutachten. Hauser ist in dieser Zeit emotional sehr belastet, wie aus einem Brief an Benno Reifenberg vom 2. Oktober 1938 hervorgeht:

Ich lebe in einem inneren Aufruhr wie kaum je, etwa wie wenn man unter Wasser festgehalten wird und nicht auftauchen kann.263

Hauser fühlt sich hin- und hergerissen zwischen seiner Familie und seinem Land, dem er sich verpflichtet fühlt. In seinem Brief an Reifenberg macht er diese Zerrissenheit deutlich:

Dies Land ist mir doch sehr ans Herz gewachsen, ich meine, dass man versuchen muss ihm zu helfen und darum möchte ich gern wieder kommen. Auf der andern Seite die Frau, jetzt auch mein Junge, bald vielleicht das Mädchen auch. – Man wird wieder vor Entscheidungen der antiken Tragödien gestellt.264

←83 | 84→

Vier Tage nachdem er diese Zeilen verfasst hat, reist Heinrich Hauser zusammen mit seinem Sohn Huc an Bord der Bremen nach New York und von dort aus weiter nach Kanada.265 Ende 1938 kehrt er noch einmal zurück nach Deutschland, um dort im Auftrag der amerikanischen Zeitschrift Fortune zu recherchieren.266 Während dieser Monate veranlasst er, dass seine Tochter Helen über Dänemark ebenfalls in die USA ausreisen kann. Seine Frau Ursula war bereits im Juli 1937 in die USA emigriert.

Am 14. Januar 1939 füllt Hausers Sekretärin Rita Laurösch „auf Grund notarieller Vollmacht“ für Heinrich Hauser einen Fragebogen der Reichsschrifttumskammer aus.267 Im Anschreiben begründet sie dies gegenüber der RSK damit, dass Hauser sich „zur Zeit im Auftrag des Safari-Verlages auf einer Reise durch Kanada befindet.“268 Laurösch schreibt in ihrem Brief außerdem noch, dass Hauser im Begriff sei, sich von seiner Frau Ursula Bier scheiden zu lassen und dass diese Scheidung im März vollzogen werde.269 Als Hausers und ihren gemeinsamen Wohnort gibt Laurösch Blankenburg im Harz an. Ein amtlicher ←84 | 85→Stempel auf dem Fragebogen verweist darauf, dass der Bogen „ausschließlich statistischen Zwecken“ diene. Der Hinweis „zur Bearbeitung des Aufnahmeantrages für die Reichsschrifttumskammer“ ist durchgestrichen. Auf die Frage 17 des Fragebogens „Sind Sie bereits Mitglied der Reichskulturkammer? (Welcher Einzelkammer)“ antwortet Laurösch für Hauser: „ja Fachgruppe Erzähler“.270 Es scheint allerdings wahrscheinlich zu sein, dass Hauser zu der Zeit, als Rita Laurösch den Fragebogen ausfüllt, nicht in Kanada weilt, denn am 14. März 1939 begibt er sich in Bremen mit ihr zusammen an Bord der Europa mit dem Reiseziel New York.271

Vom Schiff aus schreibt Hauser noch einmal einen Brief an Benno Reifenberg und stellt darin heraus, dass er von einem Abschied für längere Zeit ausgeht:

Nun werde ich, glaube ich, wohl lange nicht mehr nach Europa zurückkehren. Dass ich überhaupt noch einmal kam, das war, weil ich endgültig Klarheit haben wollte, welchen Kurs wir steuerten. Diese Klarheit ist mir zu Teil geworden.272

Aus seinen Zeilen geht außerdem hervor, dass Hauser den Eindruck hat, in Deutschland nicht mehr produktiv als Schriftsteller und Journalist arbeiten zu können:

←85 | 86→

Ich löse mich nicht von meinem Land, das wäre ja auch ganz unmöglich, aber ich will schaffen, um meiner selbst und meiner Kinder willen und auch weil ich einiges zu sagen habe. Dies Schaffen aber bleibt mir in der Heimat versagt.273

Zugleich blickt er nach vorn und zeichnet en passant seinen Zukunftstraum von einem Leben auf dem Land:

Sie erreichen mich vorläufig unter der Adresse: 75 Perrystreet New York City. Bald aber bin ich hoffentlich auf dem Land, in Georgia, tausend Meilen südlich von New York, am Meer – oder auch meinetwegen in Kanada. So ist der Traum, ich hoffe, dass ich ihn verwirklichen kann.274

Exkurs: Heinrich Hauser im Fokus der Institutionen der NS-Kulturpolitik

In den Akten aus der Reichsschrifttumskammer finden sich etliche Schreiben der Hauptstelle Kulturpolitisches Archiv mit Bitten um Gutachten und Einschätzungen zu Heinrich Hausers politischer Gesinnung und um Auskunft zu seinem Wohnort und seinem Verbleib. Die Suche nach Hauser beginnt (spätestens) Mitte 1938. Im September 1938 erreicht die Hauptstelle Kulturpolitisches Archiv ein Schreiben vom Amt Deutsches Volksbildungswerk der Deutschen Arbeitsfront, in dem ein Gutachten über Hauser angemahnt wird, das bereits im Juli angefordert worden sei.275

Details

Seiten
290
ISBN (PDF)
9783631844663
ISBN (ePUB)
9783631844670
ISBN (MOBI)
9783631844687
ISBN (Buch)
9783631821671
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Januar)
Schlagworte
Neue Sachlichkeit Moderne Weimarer Republik Nationalsozialismus Maschinenästhetik Science Fiction Sachliteratur Reportage Krisendiskurs Moderne Literatur und Technik
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 290 S., 12 s/w Abb., 2 Tab.

Biographische Angaben

Mirjam Schubert (Autor)

Mirjam Schubert studierte Germanistik, Journalistik und Ethnologie an der Universität Hamburg und am Trinity College in Dublin. Sie war Stipendiatin am interdisziplinären DFG-Graduiertenkolleg „Kunst und Technik" und wurde an der Universität Hamburg promoviert. Dort arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Schreibzentrum.