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Die Dorfgeschichte

Unterhaltungen mit der Zeit

von Hans-Joachim Hahn (Autor)
Monographie XII, 214 Seiten

Inhaltsverzeichnis


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Abkürzungen

AD +

Bandnummer: Ludwig Anzengruber: Dorfgänge 1. In: Sämtliche Werke, kritisch durchgesehene Gesamtausgabe in 15 Bänden. Latzke, Rudolf und Rommel, Otto (Hrsg.). Wien: Kunstverlag Anton Schroll 1920.

B:

Berthold Auerbach: Befehlerles. In: Dorfgeschichten. Mannheim: Bassermann 1843, Bd. 1.

Br:

Jeremias Gotthelf: Wie fünf Mädchen im Branntwein jämmerlich umkommen. In: Sämtliche Werke in 24 Bänden, Bd. 16.

D:

Hermann Kurz: Ein Donnerwetter im Hornung. In: Kurz: Sämtliche Werke in zwölf Bänden. Bd. 10.

DH:

Dörte Hansen: Altes Land. Roman. München: Penguin. 12. Aufl. 2018. [Erstveröffentlichung 2015].

E +

Bandnummer: Marie von Ebner-Eschenbach: Das Gemeindekind. Roman. In: Gesammelte Werke, Bd. 6. München: Nymphenburger 1961.

El:

Jeremias Gotthelf: Elsi, die seltsame Magd. In: Sämtliche Werke in 24 Bänden, Bd. 17.

EM:

Eugenie John-Marlitt: Thüringer Erzählungen. In: Marlitt. Ihr Leben und ihre Werke. 2. Aufl. Bd. 10. Leipzig, Keil [1890].

F:

Hermann Kurz: Der Feudalbauer. In: Kurz: Sämtliche Werke in zwölf Bänden. Bd. 10.

G:

Hermann Zschokke: Das Goldmacherdorf. Eine anmutige und wahrhafte Geschichte vom aufrichtigen und wohlerfahrenen Schweizerboten. Düsseldorf: Henn 1973.

J:

Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche. In: Droste-Hülshoff: Historisch-kritische Ausgabe, Bd. V,1. Woesler, Winfried (Hrsg.). Tübingen: Niemeyer 1978.

K:

Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe. In: Sämtliche Werke. Historisch-Kritische Ausgabe. Bd. 4. Morgenthaler, Walter (Hrsg.) im Auftrag der Stiftung Historisch-Kritische Gottfried Keller Ausgabe. Frankfurt/M.: Neue Züricher Zeitung 1996.←ix | x→

KS:

Hermann Kurz: Schillers Heimatjahre, Nachwort. In: Hartmut Steinecke: Romantheorie und Romankritik in Deutschland: Die Entwicklung des Gattungsverständnisses von der Scott-Rezeption bis zum programmatischen Realismus. Bd. 2. Stuttgart: Metzler 1976.

M +

Bandnummer: Melchior Meyr: Erzählungen aus dem Ries. Gesamtausgabe in vier Bänden. Weltzien, Otto (Hrsg.). Leipzig: M. Hesse [1904].

Mi:

Eduard Mörike: Idylle vom Bodensee. In: Mörike: Sämtliche Werke. Wiese, Benno von, Unger, Helga (Hrsg.). Bd. 1. München: Winckler (1967).

O +

Bandnummer: Karl Leberecht Immermann: Oberhof. In: Immermanns Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe. Maync, Harry (Hrsg.). Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut [1906].

P:

Berthold Auerbach: Die Professorin. In: Sämmtliche Schwarzwälder Dorfgeschichten. Bd. 3.

RW:

Peter Rosegger: Gesammelte Werke Bd. 12.

S:

Berthold Auerbach: Sträflinge. In: Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten. Neue Folge. Bd. 3. Mannheim: Bassermann 1849.

St:

Erwin Strittmatter: Der Laden. Roman. Berlin: Aufbau 1983.

T:

Berthold Auerbach: Der Tolpatsch. In: Dorfgeschichten. Mannheim: Bassermann 1843, Bd. 1.

Tw:

Berthold Auerbach: Schriften zur Literatur. Twellmann, Marcus (Hrsg.) Göttingen: Wallstein 2014.

U:

Jeremias Gotthelf: Uli der Knecht. In: Sämtliche Werke in 24 Bänden. Bd. 4.

VU:

Jeremias Gotthelf: Uli der Knecht. Ein Volksbuch. Bearbeitung des Verfassers für das deutsche Volk. 2. Aufl., Berlin: Julius Springer 1850.

W:

Ottilie Wildermuth: Bilder und Geschichten aus Schwaben. 5. Aufl. Stuttgart: Krabbe 1865.

Z:

Juli Zeh: Unterleuten. Roman. München: Luchterhand 2016.

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Vorrede

Diese Studie versteht sich als eine Weiterführung von Arbeiten, die vornehmlich seit etwa einer Generation entstanden sind. Sie nimmt deren Leistungen anerkennend zur Kenntnis, möchte sie aber heutigen Debatten zu diesem Thema einordnen. Im Gegensatz zu den Arbeiten von Friedrich Altvater, Uwe Baur und Jürgen Hein geht es hier weniger um eine möglichst vollständige Erfassung der Autoren von Dorfgeschichten, sondern darum, an Hand einzelner Fallstudien deren Eigenschaften genauer herauszuarbeiten und sie mit Nachfahren des Genres bis in die Gegenwart zu vergleichen. Wegen der inhaltlichen Breite dieser Arbeit konnte die Literatur zu einzelnen Autoren nur teilweise berücksichtigt werden, andererseits hielt ich es für notwendig, etwas ausführlicher auf den Inhalt und die Struktur der hier genannten Geschichten einzugehen, da diese heute meist nur schwer zugänglich sind. Mein eigentliches Anliegen aber war es, zwei Grundkomponenten dieses Themas ins Licht zu stellen: Zum einen soll an Hand eines zeitlich beschränkten Genres eine Art ‚Geistesgeschichte‘ entstehen, die sich vor allem mit der Zeit des Vormärz und den Varianten des Liberalismus befasst, aber auch deren Nachwirkungen bis heute aufspüren möchte. Zum andern geht es um eine systematische Analyse der stilistischen und strukturellen Bauformen, die zumindest für die erste Phase der Dorfgeschichten maßgebend waren, sich aber bis heute in gewissen Variationen aufspüren lassen. Beiden Grundkomponenten gemeinsam ist eine fundamentale Neubewertung des höchst komplexen Begriffs ‚Unterhaltungsliteratur‘, wobei ich über gewisse Ansätze aus den 1970er-Jahren hinausgehen möchte: Germanisten vergangener Generationen neigten dazu, eine auf ‚Unterhaltung‘ ausgerichtete Literatur als ästhetisch minderwertig einzustufen, sie von den großen Werken der ‚Weltliteratur‘ zu trennen.1 Hier scheinen wir auf ein typisches Merkmal der deutschen Literaturgeschichte zu stoßen, das sich ←xi | xii→bis ins zwanzigste Jahrhundert, teilweise auch in anderen Disziplinen, erhalten konnte: Während in vielen Ländern Unterhaltung als Conversation einen hohen Rang innehat, weil hier Bildung, Fragen der Politik, der Gesellschaft und der Wunsch nach demokratischer Mitwirkung diskutiert und oft mit Witz und Ironie gewürzt werden, kam der Begriff im Deutschen selten über ‚intimes Gespräch‘ oder ‚gesellige Plauderei‘ hinaus. Heute läuft das gesamte Wortfeld Gefahr, von dem englischen Wort ‚entertainment‘ vereinnahmt zu werden, was für unser kulturelles Verständnis weitreichende Folgen hat.

Diese Arbeit litt in ihrer Endphase an der wegen der Corona Krise erfolgten Schließung der meisten Universitätsbibliotheken, so dass vor allem bei Nachschlagewerken nicht immer der neueste Stand eingesehen werden konnte. Aus Platzgründen wurden in den ‚Fußnoten‘ wiederkehrende Literaturangaben in jedem Kapitel nur einmal voll angeführt, sie können im Literaturverzeichnis nach Bedarf erneut in Erinnerung gerufen werden. Der ‚Index‘ am Ende der Arbeit unterscheidet nicht zwischen Personen und Begriffen, da mir dies bei einer so ausgedehnten Arbeit als unvorteilhaft erschien.

Mein Dank gilt vor allem Frau Emma Huber, der Fachbibliothekarin für deutsche Literatur an der Bodleian Library und den Professoren Henrike Lähnemann und Nigel Palmer, Dr. Helen Kaufmann, aber auch zahlreichen Kollegen in Deutschland und der Schweiz. Ganz besonderen Dank schulde ich Dr Laurel Plapp, Senior Commissioning Editor bei Peter Lang, für ihre Geduld und die geschickte Art, wie sie meine diversen editorischen Wünsche hat Wirklichkeit werden lassen. Anerkennung verdient auch Daniel McGarry für die Gestaltung des Umschlags

Hans-Joachim Hahn

1Vgl. Peter Nusser: „Unterhaltungsliteratur“. In: Ricklefs, Ulfert (Hrsg.): Fischer Lexikon Literatur, Bd. 3. Frankfurt/M.: Fischer 1996, S. 1906–30, hier S. 1906.

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kapitel 1

Forschungsüberblick

In jüngster Zeit ist die Dorfgeschichte zu einem Stiefkind der Germanistik geworden, ganz im Gegensatz zum Literaturbetrieb, wo Dorfgeschichten gerade in allerletzter Zeit eine wahre Renaissance erleben.1 Im neunzehnten Jahrhundert hingegen räumte die Mehrzahl der Literaturgeschichten diesem Genre einen großen Raum ein, selbst konservative Kritiker priesen die Dorfgeschichte als eine Alternative zu den „im Salon der Romantik erzogenen Jungdeutschen“.2 Das Genre wurde dem Realismus zugeordnet:

Der Erfolg der Dorfgeschichten war ein erfreuliches Zeichen unserer Sehnsucht nach Realität. Man gewöhnte sich daran, mit Menschen umzugehen, die noch eine andere Beschäftigung hatten, als die Lektüre der Modejournale und der Fabrik von Sonetten; eine concretere Bestimmtheit als die poetische Doctrin.3

Die in Dorfgeschichten geschilderten Bauern hatten nichts von dem „Molluskenthum“ der Jungdeutschen, sie sind „in ihrer Einfachheit sehr fest, in ihren sittlichen Vorurtheilen und Voraussetzungen sehr bestimmt“, sie präsentieren „Gestalten, die, wie sie wirklich existiren, auch poetisch zu existiren berechtigt waren“.4

Noch bis in die 1970er-Jahre erschienen regelmäßig einige Studien zu diesem Genre, seitdem aber ist das Interesse an Dorfgeschichten stark ←3 | 4→zurückgegangen, so dass man jahrelang auf Friedrich Altvaters Buch zurückgreifen musste.5 Seine sehr gründlich ausgearbeitete Untersuchung behandelt eine Vielfalt von Autoren, von denen heute ein Großteil in Vergessenheit geraten ist. Altvater widerstand der Versuchung, akribisch zwischen Dorfgeschichte und Dorfroman zu unterscheiden, stattdessen bemühte er sich um eine Vielzahl von Einzelkategorien, welche die Perspektive der jeweiligen Geschichten darlegen sollten, wobei es zu unvermeidlichen Überschneidungen kam. Bereits hier darf man darauf hinweisen, dass die Dorfgeschichte sich nicht deutlich von anderen Erzähltypen unterscheiden lässt, dass ihre Stärke vielleicht sogar darin besteht, dass sie als eine Art Hybride zahlreiche Übergänge zu anderen Formen ermöglicht, ein Symptom, das auch Altvater erkannte: „In der Dorfdichtung gibt es alle jene Formen und Formate erzählender Prosa, die auch in der Allgemeinliteratur bestehen, von der kleinen Skizze bis zur Romanserie“.6 Seine erste, prägnante Definition der Dorfgeschichte hat auch heute noch wenig von ihrer Gültigkeit verloren: „Dem Stoffgebiet nach Heimatkunst, in der Form vorwiegend Erzählung, trägt ihre gesamte geistige Haltung und Darstellung zunächst die charakteristischen Merkmale des beginnenden Realismus“.7 Altvater bemühte sich, die Dorfgeschichte möglichst deutlich von anderen Gattungen, wie etwa der Novelle, der Sage, der Kriminalgeschichte oder dem Märchen zu unterscheiden, grenzte sie andererseits aber nicht deutlich genug von ihren Vorgängern zur Zeit der Empfindsamkeit und der Romantik ab. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn Altvater sich mehr auf soziologische und rezeptionsästhetische Aspekte konzentriert hätte.

Genau dies findet man in der neuesten mir bekannten Studie von Uwe Baur aus dem Jahr 1978.8 Dieses sehr ausführliche und kenntnisreiche Werk ←4 | 5→diente auch mir bei der Abfassung dieser Arbeit, obgleich man – zeitbedingte – Schwächen von Baurs Werk nicht übersehen darf. Baur ist – im Gegensatz zu Altvater ‒ etwas zu stark von der Rezeptionsästhetik der Konstanzer Schule abhängig, er sieht die Dorfgeschichte als eine „Gattung“, die aus der Politik des Vormärz hervorgegangen ist und sich daher grundsätzlich auf die Zeit zwischen 1840 und 1850 festlegen lässt.9 Zwar kann man den liberalen und zeitkritischen Standpunkt dieser Geschichten nicht übersehen und wird mit Baur die Dorfgeschichte von der Idylle, der Novelle und dem Roman unterscheiden, doch bleibt es fraglich, ob Geschichten einer so beschränkten Zeitspanne und einer derart eng gefassten geistesgeschichtlichen Perspektive die Bezeichnung „Gattung“ verdienen. In dieser Arbeit wird die Dorfgeschichte als ein Genre verstanden, das ganz allgemein der Gattung der erzählenden Literatur zugeordnet wird. Baur anerkennt jedoch, dass Auerbach eine Ausnahme darstellt; dank seines „geistesgeschichtlichen Bezugsrahmen[s]‌“ zur Hegelschule sieht er bei ihm gewisse Verbindungen der Dorfgeschichte zu Idylle, Novelle und sogar zum realistischen Roman.10 Dennoch besteht durch Baurs zeitgeschichtlich stark eingeschränkte Periodisierung die Gefahr, dass dieses Genre seine Selbstständigkeit verliert und lediglich als Sonderform anderer literarischer Arten anerkannt wird. Ähnliche Bedenken gelten auch für andere Formen, etwa die Novelle, die sich bisweilen weder vom Märchen, noch von der Kurzgeschichte streng unterscheiden lässt. Was die Substanz der Dorfgeschichte angeht, so lässt sich ihre Nähe zu anderen Genres als ein hervorstechendes Merkmal bezeichnen. Durch den Vergleich der Dorfbewohner mit Städtern oder nicht ortsgebundenen Akademikern gewinnen Erstere an Profil, so dass sich ihre spezifischen Eigentümlichkeiten besser darstellen lassen. Auch der von Baur hervorgehobene politische Aspekt darf nicht vernachlässigt werden.

Kennzeichnend für die Dorfgeschichte, und zwar nicht nur für die von Baur bezeichnete Periode, ist ihre positive Beschreibung des Bauern, seine Emanzipation zum voll gültigen Bürger, einmal dadurch, dass er ←5 | 6→dem dekadenten, auf dem sozialen Abstieg befindlichen Landadel gegenübergestellt wird, zum anderen, weil der Bauer sich als ein Vertreter des Liberalismus vom Landarbeiter und Proletarier abhebt. Baur zählt die Verfasser von Dorfgeschichten zu den Vertretern der Aufklärung, wenigstens, was ihre Kenntnis der modernen Land- und Viehwirtschaft betraf, aber auch hinsichtlich ihrer Skepsis gegenüber Verwaltungsbeamten und ihrer Sympathie für politische Reform.

Eine wesentlich breiter angelegte Definition wird von Gero von Wilpert angeboten.11 Er bindet das Genre an seinen Schauplatz, nicht aber an eine bestimmte politische Ausrichtung und kann daher dessen Ursprung prinzipiell bis ins Mittelalter zurückverfolgen, gewisse Kontinuitäten aber auch bis in die Gegenwart nachweisen.

Die von Jürgen Hein publizierte Studie stellt einen Gegenpol zu Baur dar.12 Hier wird die Dorfgeschichte in eine breite Palette von Werken eingeordnet, zu der sogar Goethes Werther gerechnet wird, auch die Tradition der „Heimatkunst-Bewegung“ wird in die Nähe der Dorfgeschichte gestellt. Hein unterscheidet zwischen ‚Dorfdichtung‘, die es zu allen Zeiten gegeben habe und der Dorfgeschichte, die „als literarischer Typus erst durch eine bestimmte Darstellungsqualität des Bäuerlichen“ entstehen konnte.13 Infolgedessen legt er den Schwerpunkt des Genres in die Zeit zwischen 1830 und 1880, geht also weit über den Vormärz hinaus und schenkt den politischen Aspekten eine untergeordnete Bedeutung. Hein definiert die Dorfgeschichte als regional begrenzt und zählt sie von einem stilistischen Standpunkt aus zum Realismus, insbesondere wegen ihres Lokalkolorits. Gleichzeitig erkennt er ihr eine Vielzahl an Themen zu, die der Volkskunde, der Heimatliteratur, der Landschaftsbeschreibung, aber auch sozialen Konflikten entnommen sind. Hein stellt die Dorfgeschichte in die Nähe der Idylle und erkennt ihre Vorformen in der Dichtung von Johann Heinrich Voss und Maler Müller, insbesondere, was die Schilderung archaischer Lebensformen in konkret landschaftlicher Wirklichkeit betrifft. Auch ←6 | 7→die idyllischen Gedichte und Kalendergeschichten Johann Peter Hebels bezieht er in ihren Kreis ein.14 Die von Hein versuchte Rückführung der Dorfgeschichte, einmal auf den Begriff Heimat und Heimatliteratur generell, zum andern auf frühe mittelalterliche Vorformen bei Neidhardt und Meister Helmbrecht, ist jedoch nicht unbedenklich: Hierdurch erliegt er der Tendenz, das Genre Dorfgeschichte in die weitere Kategorie der bäuerlichen Epik einzugliedern, wodurch es an Schärfe verliert.

Andere Arbeiten zur Dorfgeschichte können hier nur kurz erwähnt werden. Martin Greiner lehnt eine rein inhaltlich orientierte Definition der Dorfgeschichte ab und versucht stattdessen eine literarische und soziologische Abgrenzung des Genres vom Bauernroman, ein gewiss verdienstvolles Vorhaben, das aber wohl doch etwas zu eng gefasst ist.15 Peter Zimmermann hingegen subsumiert die Dorfgeschichte unter den erweiterten Begriff des Bauernromans und konzentriert sich vornehmlich auf sozialistisch-revolutionäre Aspekte. Hier wäre es sinnvoller gewesen, die Dorfgeschichte mit dem etwas schillernden Begriff der ‚Volkspoesie‘16 in Verbindung zu bringen, wobei man, von schottischen und französischen Vorformen zu Herder kommend und die Romantik streifend, die Dorfgeschichte als ein vielschichtiges Kompositum mit dem Begriff der Aufklärung, aber auch der beginnenden Industrialisierung hätte in Verbindung bringen können. Das Bäuerlich-Dörfliche wird nun teils sentimentalisch als eine bedrohte Daseinsform verstanden, teils pädagogisch als ein aus relativer Unbildung zu befreiendes Kulturgut. Zimmermanns Definition kann zu traditionellen Formen der Großfamilie zurückführen, fasst dabei aber den Begriff ‚Dorfgeschichte‘ zu weit. Seine vornehmlich auf didaktische Themen zielende Ausrichtung tendiert dazu, die modernen Formen der Agrarwirtschaft und des gesellschaftlichen Fortschritts zu einseitig in den Vordergrund zu rücken. Zwar misst er der Kalendergeschichte einerseits und einer über Schulreformen hinausgreifenden Demokratisierung andererseits große Bedeutung bei, doch gibt er ihnen nicht genügend Raum, so dass sie nicht ←7 | 8→in ihrer ganzen Breite wahrgenommen werden. Friedrich Sengle integriert die Dorfgeschichte weitgehend in die Epoche des Biedermeier und stellt sie in die Nähe der Idylle als einem ebenfalls begrenzten, dem Biedermeier angemessenen Lebensraum. Er ist sich mit Julian Schmidt darin einig und glaubt trotz einiger Vorbehalte, die Dorfgeschichte „dürfte uns gerade das seyn, was den Alten die Idylle war“.17 Auch Friedrich Theodor Vischer definierte die Dorfgeschichte als Idylle in Novellenform,18 eine Definition, der man heute wohl nicht mehr zustimmen kann. Sengles Ausführungen zu einzelnen Autoren werden im zweiten Teil dieser Studie genauer berücksichtigt.

Mehrere Untersuchungen stellen die Dorfgeschichte zu sehr in die Nähe des literarischen Realismus, wodurch diese an Eigenständigkeit verliert. Werner Hahl versteht das Interesse des Vormärz am Dorfleben als Indiz einer Abwendung vom Salonroman als einem krankhaften Kulturzustand, der durch die realistische Zuwendung zum dörflich-bäuerlichem Leben überwunden werden konnte. Die politische Bedeutung des Vormärz spielt bei ihm eine wichtige Rolle.19 Auch Jörg Schönert glaubt, man könne die Dorfgeschichte, insbesondere bei Auerbach, als eine Manifestation des „Protorealismus“ verstehen, ihr entschieden sozialkritischer und politisch engagierter Charakter habe nach 1848 aber keine Fortsetzung mehr gefunden.20 Hartmut Steinecke stellt die Dorfgeschichte generell in den Rahmen epischer Formen und befasst sich vor allem mit deren Entwicklung im neunzehnten Jahrhundert. Besonders wertvoll sind seine Hinweise auf kritische Kommentare von Zeitgenossen, insbesondere seine detaillierten Referenzen zu Robert Prutz und Hinweise auf literarische ←8 | 9→und gesellschaftlich politische Szenen in Frankreich und England. Hierzu gehört auch ein Vergleich der deutschen Unterhaltungsliteratur (zu welcher er die Dorfgeschichte rechnet) mit dem französischen roman social und mit englischen Autoren wie Dickens und Goldsmith.21

Solche und ähnliche Überlegungen werden im Verlauf dieser Studie noch genauer zur Sprache kommen. In neuester Zeit hat die Arbeit von Marcus Twellmann einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um Wesen und Entwicklung der Dorfgeschichte geleistet.22 Er unternimmt einen transnationalen Überblick über Formen der Dorfgeschichte und definiert diese vor allem im Zusammenhang mit einer globalen Urbanisierung. So interessant und weiterführend Twellmanns Studie insgesamt ist, so problematisch ist der Versuch, die deutsche Dorfgeschichte mit ähnlichen Formen in Afrika, Indien oder anderen fernen Ländern zu vergleichen, da ein solcher Versuch notwendigerweise zu einer gewissen ‚Verwässerung‘ führen muss. Seine soziologisch ausgerichtete Komparatistik erfüllt zwar ein desideratum, das vor allem der Germanistik zugutekommen könnte, doch überschreiten die angeführten Vergleiche zwischen der deutschen Dorfgeschichte und ähnlichen Werken zur Zeit der Maoistischen Revolution 1949 oder zu Projekten in Indien und Afrika unter kolonialistischer Herrschaft „das Maß an Übertragbarkeit“, welches Twellmann mit der „globalen Form“ der Dorfgeschichte verbinden möchte.23 Ebenfalls problematisch scheint mir der Versuch, die Anfänge der Dorfgeschichte im 18. Jahrhundert mit dem Aufkommen von Erzählungen literarischer Eliten zu verbinden: Der Beitrag dieser Eliten zur Entwicklung der deutschen Literatur ist zwar offenkundig, doch muss bedacht werden, dass die in Dorfgeschichten dargestellten Formen der Emanzipation meist gegen den ‚Elitismus‘ ihrer eigenen Zeit revoltierten. Andererseits sind Twellmanns Beobachtungen zum Populismus in der Dorfliteratur sehr wertvoll, da ein solcher Vergleich heute, vor allem im Zusammenhang mit den Massenmedien, wichtige Einsichten vermitteln kann.

1In der zweiten Augusthälfte 2020, nach Abfassung dieses Manuskripts, sind innerhalb von Tagen zwei wichtige ‚Dorferzählungen‘ entstanden, Christoph Peters Dorfroman (Luchterhand) und Uta Ruges Bauernland (Kunstmann). Mehr dazu im letzten Kapitel von Teil Drei.

2Julian Schmidt: Geschichte der deutschen Literatur seit Lessings Tod. Leipzig: Grunow 1867, S. 375.

3Ibid.

4Schmidt: Geschichte der deutschen Literatur, S. 372.

5Friedrich Altvater: Wesen und Form der deutschen Dorfgeschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Germanische Studien, Heft 88. Berlin 1930. Neudruck Nendeln/Liechtenstein 1967. Im Folgenden zitiert als Altvater: Wesen und Form plus Seitenzahl.

6Altvater: Wesen und Form, S. 55. Hervorhebung von Altvater.

7Altvater: Wesen und Form, S. 11. Hervorhebung von Altvater.

8Uwe Baur: Dorfgeschichte. Zur Entstehung und gesellschaftlichen Funktion einer literarischen Gattung im Vormärz. München: Fink 1978. Im Folgenden zitiert als Baur: Dorfgeschichte plus Seitenzahl.

9Allerdings sieht auch Baur sowohl Vor- als auch Nachfahren zur Dorfgeschichte des Vormärz. (Baur: Dorfgeschichte. S. 24–25).

10Baur: Dorfgeschichte, S. 219.

11Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 2. Aufl. Stuttgart: Kröner 1959, S. 116–18.

12Jürgen Hein: Dorfgeschichte. Stuttgart: Metzler 1976. Im Folgenden zitiert als Hein: Dorfgeschichte plus Seitenzahl.

13Hein: Dorfgeschichte. S. 20.

14Hein: Dorfgeschichte. S. 30.

15Martin Greiner. „Dorfgeschichte“. In: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, 2. Aufl. Kohlschmidt, Werner und Mohr, Wolfgang (Hrsg.). Bd. 2, Berlin: De Gruyter 1958, S. 274–79.

16Hermann Bausinger: Formen der ‚Volkspoesie‘. Berlin: E. Schmidt 1968, S. 51–63.

17Friedrich Sengle: Biedermeierzeit. Bd. 3 Stuttgart: Metzler 1980, S. 1059. Das Zitat selbst stammt von Auerbach. Vgl. S. 18, Fußnote 21.

18Friedrich Sengle: Biedermeierzeit. Bd. 2. Stuttgart: Metzler 1972, S. 720.

19Werner Hahl: „Gesellschaftlicher Konservatismus und literarischer Realismus. Das Modell einer deutschen Sozialverfassung in den Dorfgeschichten“. In: Bucher, Max et al. (Hrsg.): Realismus und Gründerzeit. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1848–1880. Bd. 1. Stuttgart: Metzler 1975, S. 48–93.

20Jörg Schönert: „Berthold Auerbachs Schwarzwälder Dorfgeschichten der 40er und der 50er Jahre als Beispiel eines ‚literarischen Wandels‘“. In: Titzmann, Michael (Hrsg.): Zwischen Goethezeit und Realismus. Wandel und Spezifik in der Phase des Biedermeier. Tübingen: Niemeyer 2002, S. 331–45, hier S. 331.

21Hartmut Steinecke: Romantheorie und Romankritik in Deutschland. Bd. 1. Stuttgart: Metzler 1975. S. 184–89.

22Marcus Twellmann: Dorfgeschichte: Wie die Welt zur Literatur kommt. Göttingen: Wallstein 2019.

23Twellmann: Dorfgeschichte, S. 27.←9 | 10→

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kapitel 2

Zur Struktur der Dorfgeschichte

Das obige Referat zur Forschung über die Dorfgeschichte beansprucht keine Vollständigkeit, es ist vornehmlich als Einführung gedacht für das von mir konzipierte Vorhaben, eine genauere Definition dieses Genres zu erarbeiten. Ein in dieser Studie absichtlich vernachlässigter Aspekt betrifft die riesige Zahl an Autoren, deren Werke zu diesem Genre gerechnet werden. Hier sind nur die wichtigsten Autoren ausgewählt worden, zum einen, weil eine Unzahl an Dorfgeschichten samt ihren Autoren inzwischen der Vergessenheit anheimgefallen sind, zum andern, weil es nicht der Sinn dieser Arbeit ist, eine Literaturgeschichte zu diesem Genre zu verfassen. Stattdessen sollen in diesem Teil stilistische, strukturelle und gesellschaftliche Aspekte vorgestellt werden.

Die Leserschaft: Schon Gottfried Keller fragte sich, „ob unsere Volksschriftsteller in den Hütten des Landvolks ebenso bekannt [seien] wie in den Literaturblättern und allenfalls bei den Bürgerklassen der Städte“.1 Die im neunzehnten Jahrhundert in einer breiteren Bürgerschaft beliebte Deutsche Literaturgeschichte von Robert König stellt die Dorfgeschichte in die Nähe der „kulturhistorischen Novellen“, allerdings mit der Einschränkung, sie habe nur „ein paar Jahrzehnte lang in höchster Modeblüte“ gestanden. König verkennt den oppositionellen Aspekt der frühen Dorfgeschichten: „Die meisten der genannten Dorfnovellisten“ hätten „mehr oder minder für den Salon, oder doch für ein höher gebildetes Publikum [geschrieben] und [hätten] häufig ihre eigene Weisheit und ←11 | 12→Lebensauffassung den Bauern in den Mund“ gelegt.2 Andere Autoren, König nennt Hebel, Pestalozzi, Gotthelf, Öser, Stöber und Wildenhahn, schrieben „aus dem Volke heraus und für das Volk in einer allgemeinverständlichen Sprache […], sowohl zum Zwecke einer edlen Unterhaltung, als auch einer christlich vertieften Belehrung“.3 Dies ist eine zweifellos wichtige Diagnose, die noch durch die Beobachtung geschärft wird, dass die erste Generation der vor allem in der Schweiz lebenden Autoren einen didaktischen Stil verwendeten, womit sie zur Modernisierung der Dorfbevölkerung beitragen wollten, auch wenn diesen die diversen Geschichten oft nicht zugänglich waren.

Die in Teil Zwei angeführten Beobachtungen zu Heinrich Zschokke und Jeremias Gotthelf illustrieren, wie wichtig diesen zu Beginn der Aufklärung der Wunsch nach Volksbelehrung und sozialer und agrarischer Modernisierung war. Auch einige andere Autoren haben in ihren Geschichten Beispiele einer solchen Volksbelehrung vorgestellt. Auerbachs Der Lauterbacher beschreibt, wie der neue Lehrer die Dorfbevölkerung während der Wintermonate durch die Einführung von „Leseabenden“ bilden wollte, wobei nicht nur Volkslieder, sondern auch die zeitgenössische Literatur besprochen wurden. Als Lehrer war Lauterbacher überzeugt, dass er die Rohheit der Bauern lindern müsse, diese nämlich bestehe nicht nur in ihrer „eckigen und derben Natürlichkeit, sondern auch in der selbstgefälligen Missachtung der Bildung und der verfeinerten Ansichten“.4 Bei solchen Leseabenden im Dorfwirtshaus wurde auch Zschokkes Goldmacherdorf vorgelesen und besprochen,5 später folgten „Gedichte von Gleim, das Leben Schubarts, Mosers, Franklins“, aber auch Abschnitte aus Schillers Wallenstein.6

In diesem Zusammenhang muss die Gründung zahlreicher ‚Volksschriftenvereine‘ während der 1840er-Jahre erwähnt werden, etwa der Zwickauer ←12 | 13→Verein (1841), der Württembergische Verein (1843), der Zschokke Verein (1844) und mehrere andere. Sie sahen ihre Aufgabe darin, Volksschriften an einfache Leser zu vermitteln. Im Gutenbergjahr (1840) schrieb der Arzt Johann Christoph Pröbsting im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, man wolle zur „Geistesbildung und moralischen wie gewerblichen Aufklärung [der] Unbemittelten und Armen“, aber auch zur „geistigen und sittlichen Veredelung der Menschheit“ beitragen.7

Allerdings gab es auch Kritik an der Tendenz, Geschichten für das einfache Volk zu schreiben. Friedrich Hebbels Polemik „Das Komma im Frack“ geht über das Thema des Lesepublikums hinaus und erörtert generell Fragen des Geschmacks, wie sie im „Dorfgeschichten-Schwindel unserer Tage“8 zu finden seien. Hebbel wendet sich insbesondere gegen eine Hinwendung zum Kleinen: „Da fängt das ‚Nebenbei‘ überall an zu florieren; der Koth auf Napoleons Stiefeln wird, wenn es sich um den großen Abdicationsmoment des Helden handelt, eben so ängstlich treu gemalt, wie der Seelenkampf auf seinem Gesicht“. Hebbels Kritik richtet sich vornehmlich gegen einen Realismus, der „das Ideal und das Abstracte mit einander verwechselt und […] der die Warze eben so wichtig nimmt, wie die Nase, auf der sie sitzt“.9 Der Hinweis auf den „Dorfgeschichten-Schwindel“ zeigt jedoch, dass sich Hebbel vor allem deshalb gegen dieses Genre wandte, weil diesem der nötige ästhetische Status fehle und es daher zur bloßen Unterhaltungsliteratur degeneriert sei. Damit spricht Hebbel einen zentralen Bereich an, der zur Bewertung der Dorfgeschichten beiträgt, dabei allerdings über das Stichwort ‚Leserschaft‘ hinausreicht.

Sehr viel genauer und weitreichender hat Robert Prutz dieses Thema behandelt. Er beginnt seine Studie mit folgender Überlegung:

Die ungeheure Mehrzahl des Volkes, verdammt, mühselig, im Schweiße des Angesichts, für die Notdurft des Augenblicks zu arbeiten […] – woher soll ihr die Bildung kommen? […] In ihren ärmlichen Wohnungen, in ihren niedern [sic] Hütten, ←13 | 14→zwischen ihren Webstühlen und Maschinen, die glücklicher sind, als sie, weil sie nicht hungern – wo soll ihnen die Idee, wo das Bedürfnis des Schönen aufgehen?10

Es sei „das traurige Schicksal über die deutsche Literatur gekommen: geschrieben zu werden von Literaten für Literaten“ (P 22).11 Prutz rechtfertigt diesen polemischen Satz mit dem Hinweis auf die antike Dichtung. Damals habe kein Unterschied zwischen einer leichten und einer hohen Literatur bestanden; Prutz denkt dabei an den Satz des Horaz, wonach Literatur belehren und unterhalten solle.12 Er kritisiert die in der neueren deutschen Literatur vorhandene Unterscheidung zwischen Kunstliteratur und Volksliteratur und demonstriert, dass bei den meisten europäischen Völkern dieser Unterschied weit weniger ausgeprägt sei als in Deutschland (P 25). Prutz verbindet diesen Aspekt mit dem allgemeinen Mangel an einer nationalen Vereinigung. Kein Volk könne „literarisch groß sein, das politisch nichtig ist“ (P 23). Gegen Ende seines Essays kommt Prutz auf die Dorfgeschichte zu sprechen; lobend erwähnt er Immermann, Alexis, vor allem aber Gotthelf und „die vortrefflichen Dorfgeschichten von Berthold Auerbach, diese schönsten Perlen, welche der Strom der letzten Jahre an das unfruchtbare Gestade unserer Unterhaltungsliteratur geworfen hat“ (P 31).

In diesem Zusammenhang muss kurz auf Walter Benjamins Hörspiel aus den frühen 1930er-Jahren, Was die Deutschen lasen, während ihre Klassiker schrieben hingewiesen werden, wo in einem fingierten Gespräch zwischen einem Vertreter der Aufklärung und einen Romantiker ganz ähnliche Themen erörtert werden. So erklärt der Aufklärer: „Ich habe es eben so sehr mit dem Volk und dem elementaren Wissen zu tun. Mit der Nennung des Not- und Hilfsbüchlein für die Bauersleute, von dem im Jahre 1780 bei seinem Erscheinen dreißigtausend Exemplare abgesetzt wurden“,13 ←14 | 15→verweist der „Sprecher“ auf ein schlafendes, vorindustrielles Deutschland, dessen „Enge des Gesichtskreises“ das Land politisch und ökonomisch zurückgeworfen habe, ihm aber gleichzeitig „eine warme Intimität und Selbstgenügsamkeit“ geben konnte.14 Die andere Seite von Benjamins Argument wird im zweiten Teil unter dem Kapitel ‚Heimatdichtung‘ zur Sprache kommen.

Um diese wichtigen Überlegungen in einen erweiterten Blickwinkel zu stellen, der seinerseits zum Vormärz und der Bedeutung der Dorfgeschichte zurückführen wird, muss hier ein kurzer Exkurs in die Ästhetik folgen. Die französische Julirevolution läutete nicht nur den Beginn einer europaweiten Demokratisierung ein, sie signalisierte auch generelle Bedenken gegenüber der deutschen ‚Kunstperiode‘. In seinen Vorlesungen über Ästhetik befasst Hegel sich mit dem Ende einer „Kunstperiode“, welche „die Einheit von Bedeutung und Gestalt und ebenso die Einheit der Subjektivität des Künstlers mit seinem Gehalt und Werk“ umspannte.15 Diese ‚Einheit‘ lässt sich an einem Vers aus Goethes Iphigenie verdeutlichen. Iphigenie steht am Ufer von Tauris, „das Land der Griechen mit der Seele suchend“.16 Schon als Student verkörperte dieser Vers für mich die Essenz und Idealität der deutschen Klassik; hier konnten Wahrheit und Schönheit, Ethik und Ästhetik noch als Einheit begriffen werden, alles Übrige war nur Beiwerk, wurde beiseitegeschoben. Dem muss allerdings die von Prutz erhobene Kritik einer politischen ‚Nichtigkeit‘ entgegengehalten werden. In der Tat, wenn man sich die bedeutenden Werke der deutschen Klassik vornimmt, wird man kaum welche finden, die sich mit dem Deutschland ihrer Zeit beschäftigten. Zwar war Goethe in seiner Anschauung des Begriffs ‚Volk‘ stark von Herder beeinflusst, aber auch ihm geht es mehr um eine „mit Sprache, Seele und Charakter begabte Individualität“.17 Allerdings ←15 | 16→gibt es auch bei Goethe und Schiller bisweilen Ansätze zu einer näheren Beschäftigung mit dem eigenen Land, man denke nur an Herrmann und Dorothea, an Reineke Fuchs oder an Schillers Tell.

Früher als Hegel hat Heine bereits 1831 den Begriff vom Ende der Kunstperiode geprägt und deren Abgang nicht nur mit dem „Sarg Goethes“ datiert, sondern auch mit dem „abgelegten, alten Regime“ des Heiligen Römischen Reichs. Heine sieht Vorteile in diesem ‚Ableben‘. Auch in Athen und Florenz habe die Kunst nach der Zerrüttung des alten Systems

ihre herrlichsten Blüten entfaltet. Freilich, jene griechischen und florentinischen Künstler führten kein egoistisch isoliertes Kunstleben, die müßig dichtende Seele hermetisch verschlossen gegen die großen Schmerzen und Freuden der Zeit; im Gegenteil, ihre Werke waren nur das träumende Spiegelbild ihrer Zeit […] Äschylus hat die Perser mit derselben Wahrheit gedichtet, womit er zu Marathon gegen sie gefochten, und Dante schrieb seine Komödie nicht als stehender Kommisionsdichter, sondern als flüchtiger Guelfe.18

Wir halten fest, dass es zwei Varianten der Dorfgeschichte in den 1840er-Jahren gibt, die jeweils unterschiedliche Lesergruppen ansprachen. Die erste, vor allem in der Schweiz dominante Version ist didaktisch ausgerichtet und wendet sich in erster Linie an die Menschen im Dorf, die zweite Spielart richtet sich allgemein an das damalige Lesepublikum in der Absicht, die politischen und gesellschaftlichen Ziele der Vormärz-Gesellschaft voranzutreiben.

Themen: In seinem „offenen Brief“ an den Rezensenten J. E. Braun erklärt Auerbach den Sinn seiner Dorfgeschichten. Zum einen geht es ihm darum, ein Bollwerk gegen das „Maschinenwesen“ und eine drohende Vermassung zu errichten, weshalb er sich im selbstständigen „Volksleben“ seine Reserven holen möchte. Ihm ist daran gelegen, „das Denken zu verallgemeinern, die Besonderheiten in ihrer jeweiligen Eigenthümlichkeit ←16 | 17→zu erkennen […] und zu ihrer Vollendung zu führen“.19 Die Poesie solle „das Leben auch der untersten Schichten“ erkennen, eine „Wechselwirkung“ zwischen Kunst und Leben sei nötig; die Bildung der höheren Stände solle wieder mit dem Volksleben vereint werden, „Fortschritt und Vernunft“ sollten zum Gemeingut aller werden, damit sich eine geistige Mündigkeit einstellen könne. In dem Abschnitt „Vorreden spart Nachreden“ erklärt Auerbach, er habe seine „Lebensbilder“ nicht nur „mitten aus dem Bauernleben heraus“ oder „vom städtischen Gesichtspunkte befangen“ geschaffen und habe „nicht in eine geschichtliche Vergangenheit zurückgegriffen“, da „alle Seiten des jetzigen Bauernlebens […] hier möglichst Gestalt gewinnen“ sollten (Tw 255).

Auerbach bezieht sich ausdrücklich auf Engländer und Franzosen, welche das für ihre Nation Gemeinsame aus Einzelheiten, Gewohnheiten, Ansichten gewonnen hätten. Dies könne man aus historischen Gründen in Deutschland jedoch nur durch „die Ausbildung des Provinziallebens“ darstellen (Tw 256). Um dieses Provinzialleben naturgetreu darzustellen, habe er seinen Geburtsort als Quelle für seine Erzählungen genommen. „Die vorkommenden Sitten und Gebräuche sind dem wirklichen Leben entnommen, sowie auch die Lieder aus keiner gedruckten Sammlung, sondern, so viel mir bekannt, bisher noch ungedruckt sind“ (Tw 257). Was Auerbach für sich beansprucht, gilt auch für viele Dorfgeschichten anderer Autoren seiner Generation: Sie beschreiben die Arbeit und das Leben der Bauern, soziale Spannungen zwischen dem Bauern und seinem Gesinde, diverse Geselligkeiten bei Dorffesten, an Markttagen und im Dorfwirtshaus, wo es oft auch zu Prügeleien kommen kann. Neben den Bauern und ihren Großfamilien spielen auch andere Dörfler eine Rolle, so etwa Hirten, Handwerker und Fischer und immer wieder auch aus dem Gefängnis entlassene, in der Dorf-Acht lebende Gestalten.

Die Schilderung von Naturschönheiten spielt eine untergeordnete Rolle, auch das Dorf wird keineswegs als ein idyllischer Ort gezeigt, sondern in seiner breiten Wirklichkeit. Im Dorf wird „alles nach Raum und ←17 | 18→Zeit Ferngerückte […] von einem Dufte überhaucht, der die scharfen Sonderungen […] verschmilzt und uns ein Gesammtbild gewinnen läßt“ (Tw 18). Auerbach kommentiert auch die dörfliche Abgeschiedenheit kritisch und möchte die benachbarte Stadt keineswegs nur als hässlichen oder gefährlichen Kontrast zum Dorf verstehen.20 Sein Tolpatsch gewinnt im Militärdienst eine gewisse Selbstständigkeit und Selbstachtung, das Sprichwort „Wer nicht naus kommt, kommt nicht heim“ (Tw 18)21 gilt für eine Vielzahl von Gestalten und Tolpatsch’ Auswanderung nach Amerika macht ihn zum gereiften, selbstbewussten Mann.

Die im Dorf bestallten Beamten und Besucher aus der Stadt werden im übernächsten Abschnitt behandelt, hier soll jedoch ein wichtiges Thema der Dorfgeschichten aus dem Umkreis des Vormärz ins Zentrum gestellt werden: Fast in jeder Dorfgeschichte spielt ein Liebesverhältnis die Hauptrolle, man spricht hier von dem „Aschenputtel-Motiv“.22 Das Märchenhafte wird dabei völlig ignoriert und durch sozialgeschichtliche Überlegungen ersetzt. Nicht irgendeine überirdische Macht bringt das Liebespaar zusammen, sondern sein erfolgreicher Kampf gegen alte Codierungen schafft dies, indem er die althergebrachte Stellung des jeweiligen Hofes und seiner Besitzer infrage stellt. Gegen solch veraltete Codierungen wendet sich der aus der Zeit der Empfindsamkeit hervorgegangene Individualismus der Jüngeren, deren persönliche Gefühle die alten Coden überlagern und zum Einsturz bringen. Fast alle mir bekannten ‚Aschenputtel-Geschichten‘23 des ←18 | 19→Genres zerstören die alte Codierung und schließen mit einem glücklichen Ende, bei welchem ‚wahre Gefühle‘ über veraltete Gewohnheiten den Sieg davontragen. Meist gewinnt der Erbe gegen die Sturheit seiner Eltern (vor allem des Vaters), aber in Meyrs Gleich und Gleich ist es die wohlhabende Erbtochter, deren Herz den ehrlichen, aber verarmten ‚Söldner‘ Gottfried gewinnt, eine Werbung, bei der auch Humor eine wichtige Rolle spielt.

Kriminalität und sträfliche Fehlurteile sind ebenfalls beliebte Themen, auch sie fundieren auf der Gesellschaftskritik der Autoren. Am bekanntesten ist Droste-Hülshoffs Judenbuche, die aber kein typisches Beispiel einer Dorfgeschichte darstellt. Es fehlt die moralische und politische Stellungnahme, das Strafgericht wird schließlich einer Art himmlischem Gericht überantwortet. In den eigentlichen Dorfgeschichten aber nimmt der Autor persönlich Stellung: Die Verurteilung eines oder einer unschuldig Angeklagten wird als Fehlurteil dargestellt, welches häufig, ähnlich wie bei dem ‚Aschenputtel-Motiv‘, auf einer falschen Codierung der gesellschaftlichen Ordnung beruht. In Auerbachs Sträflinge zeigt sich, dass die beiden aus dem Gefängnis zur Bewährung Entlassenen zu Unrecht verurteilt wurden und erneut in Gefahr geraten, ihre Unschuld zu verlieren. Die freisinnige Urteilskraft des Armenadvokaten rettet schließlich die Beiden; sie manifestiert sich „in ihrem ursprünglichen Kern: der Humanität“.24 In Anzengrubers Der Einsam wird ein Unschuldiger auf Ansinnen des wirklich Schuldigen getötet, in Die Heimkehr schildert dieser einen wegen Mordes fälschlich verurteilten Menschen, der den verstockten Eltern vergeblich seine Unschuld am Tod ihres Sohnes beweisen will. In all diesen Fällen werden geltende Rechtsverhältnisse verdreht, die Gesellschaft scheint ins Wanken zu geraten.

Ähnlich verdammt werden veraltete Rechtsverhältnisse gegenüber Personen, die wegen ihrer Armut oder illegitimen Geburt aus der Dorfgemeinschaft ausgestoßen wurden, so in Otto Ludwigs Heiterethei, wo eine alleinstehende Frau von den Bürgern des Kleinstädtchens verstoßen wird, schließlich aber zu ihrem geliebten Schreiner findet. In Hermann Kurz’ Der ←19 | 20→Weihnachtsfund verkehrt die Magd Justine selbst die moralische Ordnung und muss lernen, ihr eigenes Fehlen zu ‚ent-schuldigen‘, worauf der wirklich Schuldige in der der Handlung unterschobenen Kriminalgeschichte entlarvt werden kann.

Der Stil: Ganz allgemein beschreibt man den Stil traditioneller Dorfgeschichten als einfach; diese Feststellung soll hier etwas genauer erläutert werden. Ich bediene mich eines Begriffs aus der Sagen- und Märchenforschung, den André Jolles 1930 geprägt und auf eine ganze Reihe, vor allem dem ‚Volksgut‘ zugeordnete Formen, angewandt hat.25 Diese Zuordnung hatte zwar ideologische Ursachen,26 doch besteht kein Grund, den Begriff in leicht abgewandelter Form auch für die Dorfgeschichte anzuwenden. Jolles versteht unter einer einfachen Form eine Sprache, die dem zu erwartenden Lesepublikum angemessen ist und die es darauf absieht, den Gang der Handlung zu ‚verdichten‘.27 Erzählungen der einfachen Form bemühen sich um die Konzentration auf ein einzelnes Thema, das weder durch spekulative Reflexion noch durch das Überstülpen zusätzlicher Themen erweitert wird und keine komplexere Form anstrebt. In der modernen Kulturwissenschaft wird auf das Prinzip der einfachen Form zurückgegriffen, wobei vornehmlich auf den Stil solcher Werke hingewiesen wird. Es geht darum „wie wächst aus der Rede plötzlich, zwangsläufig, unvermeidlich eine bestimmte Gestalt; wie kommt es zu Gebilden, zu Formen, die zwar ‚einfach‘ sind, aber eben doch geschlossen und autonom“ ihre Eigengesetzlichkeit anstreben können.28 Auch in diesem Kontext kann man noch einmal auf Robert Prutz verweisen, der den Sachverhalt prägnant zusammenfasst. Ihm zufolge geht es in Dorfgeschichten nicht um „die Spannung gehäufter Verwicklungen und Abenteuer, sondern [um] die Wahrheit der Schilderungen, das Gesetzmäßige und Natürliche des psychologischen Verlaufs ist es, wodurch die Dorfgeschichte die Leser ←20 | 21→zu fesseln trachtet.“29 Auch Ludwig Anzengrubers Bemerkung, dass der „eingeschränkte Wirkungskreis des ländlichen Lebens die Charaktere weniger in ihrer Natürlichkeit und Ursprünglichkeit beeinflusst“30 als dies in einer komplexeren urbanen Umgebung der Fall wäre, geht in diese Richtung.

Ein weiteres, für die Dorfgeschichte maßgebendes Merkmal der einfachen Form ist die Verwendung der gesprochenen Sprache, die sich gewisser, oft landschaftlich-lokal gebundener Fachausdrücke bedient, oder weithin den Dialekt verwendet, was bisweilen jedoch der Verbreitung solcher Geschichten hinderlich ist. Dies gilt vor allem für Gotthelf und Auerbach, teilweise auch für Meyr, „wo sinnerklärende Fußnoten, Einklammerungen oder Kommentare, die ästhetische Einheit des Kunstwerkes“ durchbrechen können.31 In Schrift und Volk, das sich auf die Volksdichtung Johann Peter Hebels beruft, votiert Auerbach für den Dialekt, da dieser im Gegensatz zur Schriftsprache, die „in Entwicklung und Abschleifung auf einer Stufe stehen“ geblieben sei, den Dialekt vorzieht, weil „die Dialekte wesentlich jünger“ und flexibler seien als die Schriftsprache (Tw 69). Die Schriftsprache könne sich „nur mit frischen Worten aus der Volkssprache rekrutieren“ (Tw 68).32 Die Hochsprache müsse volkstümlich gefärbt sein, müsse sich an der zeitgemäßen Umgangssprache orientieren, solle aber alles Derbe und Grobe meiden, ohne in den Ton der noch immer als künstlich empfundenen Literatursprache zu verfallen.

Andere Autoren vermeiden den Dialekt, schreiben aber in einer Sprache, wo Rhythmus und Satzkonstruktion, bisweilen auch nur regional gebräuchliche Wörter, die ‚Lokalität‘ des Geschehens verdeutlichen, so etwa Keller in Romeo und Julia, besonders geglückt auch Mörikes Idylle vom Bodensee, wo man ‚durch den Hexameter hindurch‘ schwäbische ←21 | 22→Satzkonstruktionen und einzelne Redewendungen ‚hören‘ kann. Generell tritt der Erzähler in den Dorfgeschichten zurück, auch dies ein typisches Merkmal einfacher Formen, wo die Distanz zwischen Geschichte und Erzähler oder Autor schwindet. Auerbach verlangt einerseits ein „völliges Zurücktreten des Autors“ in seinen Werken, andererseits aber ordnet er „auch die auf der Wirklichkeit von ihm auferbaute Welt nach höheren Gesichtspunkten“, um diese so auszurichten, dass die Wirklichkeit ihre „Halbheit und Zerrissenheit“ verliert.33 Hier schleicht sich eine gewisse Idealisierung der Handlung ein, die unter anderem auch in dem meist glücklichen Ende seiner Geschichten zum Ausdruck kommt. Auf alle Fälle aber muss der ‚Volksdichter‘ die Welt mit den Augen seines Helden sehen. Nur so kann er das „Volksthümliche“ erhalten, das seinerseits „ein völliges Zurücktreten des Autors“ verlangt (Tw 44). In dieser Aussage versteckt sich eine Kritik an der Romantik, deren „übermüthigste Subjektivität“ (Tw 42) den Erzähler zu stark in den Vordergrund dränge und ihn zu philosophischen Reflexionen verleite.

Wolfgang Seidenspinner definiert die „Oralität“ der Dorfgeschichte als deren wichtigstes stilistisches Merkmal. Im Gegensatz zur Salonpoesie schätzte man in den Dorfgeschichten „Natürlichkeit und Ursprünglichkeit im Gegensatz zu Konventionalisierung und kultureller Überformtheit“.34 Dieses Anliegen sollte eher dem im Vormärz aufkommenden Realismus zugeschrieben werden als der romantischen Faszination mit Volksdichtung, selbst wenn es unter dem Aspekt der Stilistik deutliche Überschneidungen gibt. Die Vorliebe für Ortsgebundenheit, etwa die Bindung an Nordstetten, dem Zentrum von Auerbachs Geschichten, steht auch im Gegensatz zum Biedermeier, wo „die Mythisierung der konkreten Örtlichkeiten“ in den Vordergrund tritt.35 Man kann geradezu behaupten, dass in den Dorfgeschichten der Örtlichkeit vor der Zeitlichkeit, also vor Geschichte und Mythos, die Priorität gegeben wird, weshalb auch die meisten dieser ←22 | 23→Geschichten in der Gegenwart ihres Autors verankert sind. In vielen Fällen werden daher auch ‚historisierende‘ Einschübe aus Volksliedern, Märchen oder Sagen vermieden oder aber als Aberglaube ironisiert.36 Sprichwörter oder regionales Brauchtum, ebenso wie Bildlichkeit sind beliebt, desgleichen eine nicht zu dick aufgetragene Didaktik, die sich oft an Kalendergeschichten anlehnt.

Das bereits erwähnte glückliche Ende vieler Dorfgeschichten ist jedoch nicht vorrangig die Folge irgendeiner Idealisierung, sie entspricht auch der in der Aufklärung wurzelnden Ausrichtung des Vormärz, in welcher das Ende die positive Lösung vorangegangener Konflikte verlangt. Hierzu gesellt sich ein Gegenmoment, das aus der Haftung der Protagonisten in ihrer sozialen und ökonomischen Bedingtheit kommt und das Friedrich Theodor Vischer als die „Tücke des Objekts“ definiert hat. Dies zeigt sich besonders gut an Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe, aber auch an Geschichten Gotthelfs, Auerbachs und Meyrs.37 In solchen Fällen bedarf es der von Auerbach erwähnten Ausrichtung „der Welt nach höheren Gesichtspunkten“, einer Wendung, in der man das traditionelle Stilmittel des deus ex machina erkennt.

Protagonisten und Örtlichkeiten: Die meisten Gestalten in Dorfgeschichten sind weder idealistisch überzeichnet noch dämonisiert, stattdessen handelt es sich um ganz gewöhnliche Menschen, die im Dorf ihrer täglichen Arbeit nachgehen. Dies gilt insbesondere für die frühen Dorfgeschichten Zschokkes und Gotthelfs. Sowohl Uli als auch die Bauern im Goldmacherdorf verrichten ihre Arbeit, bemühen sich aber um eine Besserung ihrer Position und die Behebung der Armut. Eine besondere Rolle spielen die Frauen in diesem Genre, vor allem, wenn man bedenkt, dass unter den Autoren von Dorfgeschichten Frauen stark unterrepräsentiert waren. Viele dieser meist jüngeren Frauen ergreifen die Initiative, entweder in Liebesgeschichten, so etwa in Meyrs Gleich und Gleich, oder in der Restitution fehlgeschlagener Verbindungen wie in Auerbachs Die Frau Professorin, in Meyrs Die Lehrersbraut oder in Anzengrubers ←23 | 24→Sternsteinhof: Eine derartige Führungsrolle vermisst man jedoch in den späteren Dorfgeschichten, etwa bei Rosegger, was darauf hinweist, dass die Rolle der Frau viel mit der Politik des Vormärz zu tun hatte, also in die Forderung nach Menschenrecht und Gleichberechtigung eingebunden war.

Ebenso interessant sind jene Personen, die nicht in dieses Bild passen, in den Dorfgeschichten aber einen breiten Raum einnehmen. Man kann diese Gestalten als ‚Sonderlinge‘ bezeichnen. Solche Charaktere fallen aus der codierten Gesellschaftsnorm, weniger, weil sie übersensibilisiert sind wie viele Sonderlinge bei Stifter, sondern eher, weil sie die existierende Norm ablehnen. Dies gilt auch für Auerbachs Tolpatsch, der vom Erzähler als mit „Glotzaugen und dem allweg halb offenen Munde“38 negativ dargestellt wird, der aber bald darauf als liebevoll und ehrlich erscheint und sich von der rohen Dorfjugend distanziert. In Gotthelfs Elsi, die seltsame Magd will diese das Liebesverhältnis mit Christen nicht eingehen, weil sie die Schande ihres Vaters nicht bloßstellen möchte, was einem Tabubruch in ihrer Gesellschaft gleichkäme. Ludwigs Heiterethei will ihre unabhängige Weiblichkeit in der sie umgebenden Männergesellschaft bewahren und Anzengrubers Einsam verachtet die pietistische Heuchelei der Pfarrgemeinde und zieht das Leben als Einsiedler vor. Andere Gestalten werden erst zu Sonderlingen, nachdem sie in der Liebe und einer hartherzigen Gesellschaft enttäuscht wurden. Man denke an Lorle in Auerbachs Die Frau Professorin oder an Christine in Meyrs Die Lehrersbraut: Beide wenden sich enttäuscht von ihren Gatten ab und erkämpfen sich in ihrem Dorf ein neues Ansehen.

Anders verhält es sich mit den Akademikern, die im Dorf ein gewisses Ansehen erwerben wollen. Sowohl bei den Pfarrern als auch bei den Lehrern gibt es positive und negative Beispiele. Baur unterscheidet zwischen Geistlichen, die „vom Tatendrang des Vormärz“ beseelt sind und der Theologie Feuerbachs und Strauß’ nahestehen und anderen, die wegen ihrer antirevolutionären Haltung negativ codiert werden.39 Dies ist wohl etwas zu stark vereinfacht, sowohl Auerbach als auch Alexander Weill haben in ←24 | 25→ihren Erzählungen positive wie auch negativ codierte Pfarrer aufgeführt. In Gotthelfs Geschichten spielt der Pfarrer meist als Ethiker und guter Christ eine positive Rolle, auch in Meyrs Ludwig und Annemarie hilft der Pfarrer durch kluge Zurückhaltung dem Sohn, sich mit seinen Eltern zu versöhnen. Gegenbeispiele finden sich in den Erzählungen Anzengrubers. In allen genannten Beispielen geht es darum, den Pfarrer im Konflikt mit seiner Gemeinde oder der kirchlichen Autorität darzustellen.40 Etwas anders verhält es sich bei den Lehrern. Sie erfüllen ihre Aufgabe erst dann, wenn es ihnen gelingt, sich voll in die Dorfgemeinschaft zu integrieren, ohne dabei ihre Aufgabe als Erzieher aufzugeben. Auerbachs Lauterbacher und Meyrs Die Lehrersbraut sind gute Beispiele. Während Lauterbacher seine Aufgabe ernst nimmt, sind dem Lehrer in Meyrs Erzählung Ansehen und die eigene Karriere wichtiger, seine Eitelkeit wird enthüllt und die Leser*innen sind auf der Seite seiner Braut, als diese ihn verlässt. Roseggers Erdmann opfert sich ebenfalls für seinen Beruf auf, aber der Pessimismus seines Erzählers kann schließlich nur eine Art gescheiterten Heiligen aus ihm machen. Ebner-Eschenbachs Habrecht in Das Gemeindekind erweist sich zwar als ein feinfühliger, dem Reformgeist verbundener Lehrer, bleibt aber ein Sonderling, der in seiner von Adligen beherrschten Gemeinde nicht bestehen kann. Auch hier kann man, wie bei den Beobachtungen der weiblichen Figuren erkennen, dass mit dem Versiegen der fortschrittlichen Ideen des Vormärz ein allgemeiner Konservatismus einsetzte, der liberalen Gedanken nicht mehr zugetan war. Die in Die Frau Professorin dargestellten Künstlernaturen, insbesondere Reinhard, fallen insofern aus dem hier geschilderten Rahmen, als sie sich gegen romantische Idealisierungen und Unaufrichtigkeiten wenden oder selbst zum Opfer einer veralteten Gesellschaftsordnung werden. Reinhard wird schließlich scheitern, er verliert seine Stellung bei Hofe, zieht nach Rom und wird dort, nicht ohne Spott, als „il Tedesco furioso“ verlacht (Au II, 229).

Das Dorf wird ‚realistisch‘ als eine Solidargemeinschaft dargestellt: „Ohne ein familiäres Produktionssystem, ohne generationsübergreifende Denkhaltungen, ohne feste jahres- und tageszeitliche ←25 | 26→Arbeitsrhythmen und ohne nachbarschaftlich-kooperative Regelsysteme war bäuerliches Überleben praktisch zu keiner Zeit möglich“.41 Diese Sicht ist zwar prinzipiell richtig, versäumt aber den Zusatz, dass solche Gemeinsamkeiten eine Vielfalt an Konfliktmöglichkeiten erzeugen können und dass sich einige dieser „Regelsysteme“ durch gesellschaftlich und politisch übergreifende Interessen in einem Prozess der Auflösung befinden. Noch immer wird häufig der Fehler begangen, das Dorf im Gegensatz zur Stadt generell als „Ort der Entschleunigung“ zu begreifen, wo sich „die Prozesse der Modernisierung in möglichst einfacher Form und gewissermaßen in Zeitlupe“ entwickeln.42 Für die Dorfgeschichten des Vormärz war eine derartige Entschleunigung kein Thema, die Verfasser wandten sich rigoros gegen eine romantische Idealisierung des Dorfes. Ironisch verkürzt könnte man den Wandel in die Formel fassen, dass die Kirche zwar noch im Dorf gelassen wird, sich der soziale Schwerpunkt aber von der Kirche in die Dorfwirtschaft verlagert, wo die ‒ stark vereinfachte ‒ Form einer parlamentarischen Diskussion stattfindet. So etwa in Anzengrubers Der Einsam, etwas komplizierter in Auerbachs Die Frau Professorin, wo die Kirche sich in ein Kunstobjekt verwandelt. In den meisten Bauernhäusern herrschte noch große Armut, selbst das bäuerliche Ehepaar hatte oft noch keine ‚gute Stube‘; wo eine solche vorhanden war, hatte das Gesinde in der Regel keine Benutzerrechte. Das Gesinde lebte meist in primitiven Dachwohnungen, die wegen Brandgefahr meist nicht beheizbar waren, so dass man sich an Sonntagen in eines der dörflichen Wirtshäuser begeben musste.43 Neben Zschokke betont auch Auerbach die Bedeutung sozialer Einrichtungen im Dorf, welche der Gemeinde unterstanden und von allen Höfen im Verhältnis zu ihrer Größe finanziell unterstützt wurden. Mittellos gewordene ←26 | 27→Einwohner, vor allem Waisenkinder, erhielten von der Gemeinde ihren Lebensunterhalt. Ein gutes Beispiel ist Auerbachs erst spät entstandene Erzählung Barfüßele (1856).

Zwar lebten um 1848 noch mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in Dörfern, dennoch gab es keine strikte Trennung zwischen Stadt und Land. Eine Ausnahme bildete die Residenzstadt, und auch hier richtete sich die Kritik vornehmlich gegen die adligen Führungskräfte und ihre Bürokratie. Dies gilt nicht nur für die Frau Professorin, sondern selbst für die späteren Dorfgeschichten der Ebner-Eschenbach, so etwa in Das Gemeindekind, wo die Baronin zwar als großzügig, gleichzeitig aber auch den Nöten der Dorfbewohner gegenüber als unverständig dargestellt wird. Regelmäßig verkehrten die Bauern in den Städten, oft anlässlich eines Viehmarktes; die städtischen Gasthäuser dienten dann nicht nur der Geselligkeit, sondern waren auch Orte der Kommunikation. Ein gutes Beispiel bietet Nördlingen. In Meyrs Erzählungen wird die Stadt in ihrer ganzen Beschränktheit dargestellt. Nach dem Reichsdeputationshauptschluss (1803) kam Nördlingen unter bayrische Herrschaft, zahlreiche Handelsschranken führten zur Stagnation des Gewerbes,44 erst die 1849 gegründete Bahnverbindung brachte wirtschaftliche Erleichterung. In Nördlingen wie auch in vielen anderen klein- bis mittelgroßen Städten gab es noch zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe, all dies ein Beweis, dass der Stadt-Land Gegensatz in der Forschung bisweilen übertrieben wurde. Zwei Beispiele sollen dies veranschaulichen: In Nordstetten, dem Ort der Handlung in den Schwarzwälder Dorfgeschichten, dessen Schicksale Auerbach „vom ersten bis zum letzten Hause zu schildern“ versuchte (Tw 255), zählte man um 1850 fast 1200 Einwohner mit 230 Haupt- und Wohngebäuden.45 Nördlingen hatte zur selben Zeit etwa 4600 Einwohner mit noch 31 „Ökonomen“,46 sieben „Mahlmühlen“, eine Lederwalk- und eine Ölmühle,47 sowie zahlreiche ←27 | 28→Viehhändler. Um den Stadt-Land Gegensatz zu entkräften, sollte man in den meisten Fällen bei der Behandlung mittelgroßer Ortschaften von ‚dörflichen‘ Strukturen sprechen.

Sentimentalität und Trivialität: Gefühlsgeladene Darstellungen werden immer wieder den Dorfgeschichten angelastet, wobei Unterschiede zur ‚Heimatliteratur‘ nur ungenügend beachtet werden. Im zweiten Teil dieser Abhandlung wird sich zeigen, dass es sowohl in Dorfgeschichten wie auch in der Heimatliteratur zu sentimentalen Auswüchsen kommen kann, dass diese in den Dorfgeschichten jedoch auf anderen Grundlagen beruhen.

Prinzipiell gilt es daran zu erinnern, dass Gefühle und ihre Darstellung ein völlig legitimes Thema in der Literatur sind. Eine der bedeutendsten Darstellungen eines frühen Gefühlsausbruchs findet sich in Vergils Aeneas, der Vers „sunt lacrimae rerum et mentem mortalia tangunt“ verweist auf eine enge sentimentale Verbindung von Mensch und Ding.48 Generell gibt es gewisse Themen im Leben, die ohne Gefühlsaussagen kaum denkbar sind, auch wenn diese vielleicht literarisch ‚gezähmt‘ werden müssen. Man denke an Naturereignisse, Todesnachrichten oder andere einmalige Einbrüche in das familiäre oder gesellschaftliche Leben. Solche Gefühle sind sowohl literarischen ‚Moden‘ unterworfen als auch gewissen sozialen Schichten zugehörig. Die angebliche ‚stiff upperlip‘ der höheren Klassen in England war zum einen nicht auf die ‚unteren‘ Schichten übertragbar, zum andern kann sie zu gewissen Zeiten ihre Steifheit verlieren und ein von Tränen begleitetes Zittern aufweisen. Außerdem sind Gefühlsregungen in einer kleinen Gemeinde, etwa einem Dorf, eher wahrnehmbar als in urbanen Gesellschaften.

Eine echte Gefühlskultur entstand in Europa ausgerechnet im Zeitalter der Aufklärung, dies hängt mit der sich damals entfaltenden Individualisierung des menschlichen Lebens zusammen. Echte Gefühle sind vorwiegend individuell erfassbar, auch wenn sie von einer ‚Gemeinde‘ geteilt werden ←28 | 29→können. Der heute gängige Begriff ‚Empfindung‘ wurde von Lessing für die deutsche Übersetzung (1768) von Laurence Sternes Sentimental Journey gemünzt, als Yoricks empfindsame Reise rückte sie die vom Protagonisten empfundenen Eindrücke ins Zentrum eines Reiseberichts. Weitere wichtige Werke aus der englischen Literatur, welche deutsche Autoren beeinflussten, waren Samuel Richardsons Romane und vor allem Goldsmiths The Vicar of Wakefield, der bereits 1841 in einer deutschen Übersetzung vorlag.49 Vom Thema und der politischen Ausrichtung her wird man in diesem Werk zwar wenige Entsprechungen zur Dorfgeschichte finden, wohl aber vom Stil her. Auch Goldsmith gebraucht immer wieder Sprichwörter oder allgemeine Lehren für seine Darstellung des täglichen Lebens, auch er verwendet häufig die direkte Rede, auch er liebt den Humor und gebraucht ein Vokabular des Alltags. Andererseits ist er für heutige Begriffe auf eine zudringliche Weise sentimental, schildert mehr den Verkehr mit dem Adel und übertreibt die Gegensätze bei Personen und Geschehnissen, während Bauern und landwirtschaftlichen Belangen eine Nebenrolle zukommt.

In Folge der Französischen Revolution kam es generell zu einer Schwächung des Patriarchats und zu einer Abflachung der Herrschaftssysteme, so dass Gefühlsempfindungen ‚demokratisiert‘ wurden und sich mehr auf tatsächlich empfundene Situationen konzentrierten. Die ‚mündig‘ gewordene jüngere Generation lehnte sich gegen die Dogmen der Väter auf,50 nachweisbar auch am ‚Aschenputtel-Motiv‘ vieler Dorfgeschichten. Auch der Pietismus kann als Auflehnung gegen einen stagnierenden kirchlichen Dogmatismus verstanden werden; das bislang vernachlässigte Mitgefühl für die von der Gesellschaft Vernachlässigten wurde jetzt ins Zentrum der Handlung gestellt; auch dies ein beliebtes Thema in Dorfgeschichten.

Gerade in der Periode der Empfindsamkeit kamen Volk und Volkstümlichkeit zu neuer Geltung. Im Gegensatz zu den höheren Schichten suchte man jetzt beim ‚einfachen Volk‘ natürliche Empfindungen: Die Liebe zur Natur und ein idyllisches Familienleben mit religiösen Bindungen ←29 | 30→wurden besungen, so etwa in Johann Heinrich Voss‘ Hexameter-Idyllen.51 Auch der Briefroman, vor allem in England, gab üppige Nahrung für die Darstellung eines bis dato als ungehörig empfundenen Gefühlslebens. Goethes Werther ist ein gutes Beispiel, obwohl er der ‚höheren‘ Literatur zugerechnet wird. Die Entstehung des Romans wurde selbst wieder als ein Genre beurteilt, das als der Unterhaltungsliteratur zugehörend empfunden wurde. Robert Prutz rechnete den Roman ebenso wie die Dorfgeschichte zur ‚Unterhaltungsliteratur‘, allerdings in einem sehr viel positiveren Sinn, als dies heute üblich ist.

In diesem Kontext ist ein Vergleich mit der englischen Romanliteratur interessant. Zwar galt auch in England der Roman als eine neue, der emporstrebenden Bürgerlichkeit angemessene Form der ‚Unterhaltung‘, doch gibt es dort keine vergleichbare oder direkt abwertende Unterscheidung zwischen einer Unterhaltungsliteratur und einer Literatur mit „ästhetischen Ansprüchen“, wonach Erstere die „Höhe“ der „wirklichen Dichtung“ nicht erreicht und „eine weite Kluft“ zu ihr aufweist.52 Obgleich solche Dichotomien heute im allgemeinen problematisiert werden und eine pauschale Ablehnung der Unterhaltungsliteratur durch andere, meist soziologisch begründete Qualifizierungen in ihrem Recht akzeptiert wird, ist eine klare Unterscheidung zwischen Unterhaltungs- und Trivialliteratur noch immer selten. Im Englischen vermeidet man eine qualitative Unterscheidung durch Begriffe wie ‚popular literature‘ oder ‚light reading‘. Zweifellos gibt es in der Unterhaltungsliteratur Bereiche – dies beweist schon ihre Entstehungsgeschichte – die dem Bedürfnis der Leser*innen nach ungehemmt geäußerten Emotionen freien Lauf lassen. Diese werden jedoch meist mit kommunikativen Funktionszusammenhängen in Verbindung gebracht, so etwa in Familiendramen, bei der Beschreibung von Frauenschicksalen oder in Liebesgeschichten. Um ein Ausbrechen in sentimentale Ausgüsse zu vermeiden, sollten die Identifikationsfiguren so gebildet werden, dass sie dem Erfahrungsfeld der Leser*innen angepasst sind, sich also mehr oder weniger ‚realistisch‘ deren Erfahrungshorizont angleichen. Auerbach versucht ein ←30 | 31→Gleichgewicht zu erreichen zwischen einer allgemein „rein menschlichen Erhebung“ und einer „Überhebung über Standes- und Gewerbsunterschiede“ (Tw 253),53 sucht also nach einer Gefühlswelt, die allen Ständen zugänglich ist. Auch eine Polarisierung der Gestalten sollte möglichst vermieden werden, da dies beim Lesepublikum eine Inflation von Gefühlen hervorrufen kann, welche die sachlichen Gegebenheiten außer Acht lassen.

All diese Faktoren werden in den Dorfgeschichten der ersten Phase berücksichtigt. Wenn heutige Leser*innen manche der hier geschilderten Emotionen als intellektuell nicht anspruchsvoll genug und daher als ‚sentimental‘ empfinden, so hängt dies vor allem mit gewandelten Geschmacksurteilen zusammen. Man darf jedoch nicht übersehen, dass viele dieser Empfindungen, wenigstens während des Vormärz, an politische Forderungen und Ambitionen gebunden waren. Auch die in einfachen Formen vorherrschenden Stilelemente sollten berücksichtigt werden, da sie ihrerseits die „rein menschliche Erhebung“ in die Welt des Alltags einordnen: Die weit verbreitete Mündlichkeit etwa ist besonders geeignet zur Äußerung spontaner Gefühlsregungen, während komplexe, der Reflexion zugehörende Gedankengänge die geschriebene Sprache bevorzugen. Auch der Humor ist, im Gegensatz zu witzigen Äußerungen, in einfachen Formen beliebt, er hemmt die Gefahr, in eine allzu sentimentale Darstellung zu verfallen, da er stets am Boden der Wirklichkeit haften bleibt. Für Auerbach ist der Humor nicht

blos inhaltsloses Spiel“, vielmehr hat er „das satyrische Widerspiel des Lebens zu seinem Ausgangspunkte und wie das Mährchen schweift er bald mit Absicht, bald ohne dieselbe davon ab und ergeht sich ungezügelt in allerlei Wunderlichkeit. Als eine „Blüthe der Freiheit“ entgeht er der Gebundenheit an den Alltag, sein „gemeinsames Lachen vereinigt die Herzen mehr und schneller, als jede gemeinsame Empfindung eines Schmerzes (Tw 119–20).54

In Auerbachs später Erzählung Barfüßele mindern der Humor und die Schlagfertigkeit der Protagonistin die aufkommenden Sentimentalitäten, während in seinem Roman Edelweiß der ‚Held‘ Lenz als ein Muttersöhnchen über Seiten hin ‚psychologisiert‘ wird, wobei sich Auerbachs ←31 | 32→Gedankengänge in Sentimentalitäten verstricken. Bei Anzengruber sind Humor und Satire probate Mittel zur Unterbindung sentimentaler Gefühle und auch in Ludwigs Heiteretei gelingt es diesem, sentimentale Anwandlungen durch Schlagfertigkeit und Ironie in ruhige Gleise zu leiten.

Um dies zu veranschaulichen, möchte ich die Hebbelschen Angriffe auf die Dorfgeschichte auf ihre Spitze treiben, um sie dann ‚umzustülpen‘:55 Eine Darstellung des „großen Abdicationsmoments“ Napoleons kann sehr leicht ins Sentimentalische abarten, wenn dieses Ereignis aber schlicht mit dem ungehörigen „Koth an Napoleons Stiefeln“ in Verbindung gebracht wird, so kann durch den Gegensatz von Held und ordinärem Schmutz bei den Leser*innen ein Gefühl des Mitleids hervorgerufen werden, das ein Abgleiten in kitschige Gefühlsduselei verhindern kann.

Ähnlich verhält es sich mit Sprichwörtern und Volksliedern. Beide Formen können zum einen ein individuelles Gefühl auf eine generelle Ebene rücken und es dadurch verallgemeinern, doch kann ihre Verwendung auch umgekehrt ins Klischeehafte absinken und die Darstellung subtiler Gefühle entwerten. Auerbach hat recht häufig Volkslieder in seine Erzählungen integriert, hat diese aber entweder im Dialekt dargestellt oder in den schwäbischen Umkreis seiner Schwarzwälder Dorfgeschichten zu integrieren versucht.56 Andere Autoren (Meyr, Anzengruber, Kurz, Ebner-Eschenbach) haben diese Art von Volksliteratur eher gemieden, da sie ihrer Meinung nach von der Schilderung individueller, subtil erfahrener Gefühle abweichen.

Zusammenfassung zu Teil Eins: Die hier behandelten Merkmale der Dorfgeschichte beziehen sich vornehmlich auf die ‚Kernzeit‘ zwischen 1843 und etwa 1860, doch lassen sich Spuren dieser Merkmale noch über weite Zeitläufe nachweisen. Man kann bei ihnen einen gemeinsamen Nenner feststellen, insofern sie alle auf den Konflikt zwischen den seit der Empfindsamkeit entstandenen persönlich erfahrenen Gefühlen und einer aus der Tradition abgeleiteten relativ starren Ordnung hinarbeiten. ←32 | 33→Um solch einen Konflikt deutlich darzustellen, wird in Dorfgeschichten die ‚einfache Form‘ gebraucht, unterstützt durch ‚Oralität‘ und die Verwendung eines mundartlichen, ortsgebundenen Vokabulars. Viele der dargestellten Konflikte sind in Liebesgeschichten eingebunden, es entstehen Spannungen zwischen den Generationen, die meist die Aufhebung überalterter Coden zum Inhalt haben. In diesem Zusammenhang basiert die Dorfgeschichte auch meist auf Gegenwartsthemen und bevorzugt die lokale Bindung gegenüber zeitlich-historischen Dimensionen.

Die Dorfgeschichten versuchen zum einen die Dorfbewohner anzusprechen, wenden sich häufig aber auch an ein weiteres Bürgertum, da sie die liberalen Tendenzen des Vormärz unterstützen oder nach 1848 noch erhaltene liberal-demokratische Relikte erhalten wollen. Die Einbeziehung von ‚Außenseitern‘ dient der Entwicklung von Kontrasten, ebenso wie die Stadt-Land Beziehungen, die durchaus nicht immer auf Gegensätze hinarbeiten, sondern oft die Handlung erweitern und die Dorfbevölkerung in einen weiteren gesellschaftlichen Rahmen hineinstellen möchten.

Ein weiterer, in diesem ersten Teil nicht behandelter Aspekt betrifft die Verwandtschaft der traditionellen Dorfgeschichte mit der Heimatliteratur, die gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ihre Blütezeit hatte. Die hier zusammengefassten Kriterien lassen sich auch in der Heimatdichtung erkennen, allerdings sind sie dort in keinen Konflikt eingebunden und können sich, häufig als die Verherrlichung nationaler Gefühle, beliebig ausweiten. Hierbei wird der intellektuelle Bereich und die damit zusammenhängenden Aspekte vernachlässigt, so dass sentimentale Gefühlsschwelgereien ungehemmt fließen können, in der Regel auf Kosten dessen, was wir gemeinhin als guten Geschmack bezeichnen oder als das, was man auch heute noch bisweilen Kitsch nennt.57 Dieser Begriff ist in neuester Zeit etwas ‚dekonstruiert‘ worden:58 Das Wort ist auch in andere Sprachen aufgenommen worden, symptomatisch für einen Begriff, dessen Verwendung dort eigentlich nicht ←33 | 34→gebräuchlich ist. Die Neigung zu Klischees oder zu Stereotypen ist bei diesem Begriff – und natürlich auch in der Heimatliteratur – unleugbar, in unserem Fall aber ist der pejorative Gebrauch des Wortes interessanter, womit es sich von der ‚höheren‘ Literatur zu unterscheiden sucht. Vielleicht darf man hier auf gewisse Ähnlichkeiten hinweisen, die zwischen dem Begriff ‚Kitsch‘ und der von Prutz angekurbelten Debatte um den Begriff ‚Unterhaltungsliteratur‘ entstanden sind. Ein solcher Vergleich sollte jedoch den in der deutschen Literaturwissenschaft noch immer üblichen Unterschied zwischen hoher Literatur und dem von der Masse konsumierten Lesestoff Abstand nehmen, wie dies schon Walter Benjamin 1932 in seinem Essay versucht hatte.59 Wesentlich problematischer ist die in der Heimatliteratur hervortretende Neigung zu nationalistischer Deutschtümelei und zu rassistischer Verklärung des nordischen Menschen, die jeder Realität entbehren und gewisse Parallelen zum Nationalsozialismus ergeben, die auch nach 1945, wenigstens in der Rezeption, nicht vollkommen überwunden wurden.

Die aus der Jetztzeit angeführten Beispiele der Geschichten von Juli Zeh und Dorte Hansen haben sowohl den Nationalismus, als auch die sentimentale Gefühlsduselei der Heimatliteratur überwunden. Wenn sie hier als Außenseiter in das Thema aufgenommen wurden, dann vor allem, um zu demonstrieren, dass das Thema ‚Dorf‘ nichts an seiner Popularität verloren hat, dass aber sowohl die dörfliche Gemeinschaft, als auch die aus der Stadt zugereisten Akademiker durchaus kritisch, bei Zeh sogar satirisch dargestellt werden.

1Gottfried Keller: Sämtliche Werke in 7 Bänden. Bd. 7: Aufsätze, Dramen, Tagebücher. Müller, Dominik (Hrsg.). Frankfurt/M.: Deutscher Klassiker Verlag 1996, S. 82–91, hier S. 90.

2Robert König: Deutsche Literaturgeschichte. 12. Aufl. Bielefeld, Leipzig: Velhagen & Klasing 1882, S. 772 und 778. Hervorhebung von König.

3König: Literaturgeschichte, S. 778. Hervorhebung von König.

4Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten. Bd. 2 Mannheim: Bassermann 1843, S. 125–26.

5Ebd., S. 222.

6Ebd., S. 229.

7Michael Knoche: Volksliteratur und Volksschriftenvereine im Vormärz. Literaturtheoretische und institutionelle Aspekte einer Bewegung, Frankfurt/M: Buchhändlervereinigung 1986, S. 27.

8Friedrich Hebbel: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Werner, Richard Maria (Hrsg.). Berlin: Behr 1904, S. 191.

9Ebd. S. 190–91.

10Robert Prutz: „Über die Unterhaltungsliteratur“. In: Kleine Schriften. Zur Politik und Literatur. Bd. 2. Merseburg: Garcke 1847, S. 166–212. Hier zitiert nach Hüppauf, Bernd (Hrsg.): Robert Prutz. Schriften zur Literatur und Politik. Tübingen: Niemeyer 1973, S. 11. Weitere Zitate zu Prutz im Text vermerkt unter P plus Seitenzahl.

11Hervorhebung hier und in folgenden Zitaten von Prutz.

12Horaz: Ars Poetica: „Aut prodesse volunt aut delectare poetae.“

13Walter Benjamin: Rundfunkarbeiten. Küpper, Thomas und Nowak, Anja (Hrsg.). In: Kritische Gesamtausgabe. Bd. 9.1. Berlin: Suhrkamp 2017, S. 10.

14Benjamin: Rundfunkarbeiten, S. 31.

15Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über Ästhetik II. In: Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke. Bd. 14. Moldenhauer, Eva und Michel, Karl Markus (Hrsg.). Frankfurt/M.: Suhrkamp, 4. Aufl. 1995, S. 231. Erstveröffentlichung 1835.

16Johann Wolfgang Goethe: Iphigenie auf Tauris. Letzte Fassung, Akt 1, Szene 1.

17Bernd Schönemann: „Volk, Nation, Nationalismus, Masse“. In: Brunner, Otto et al. (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 7. Stuttgart: Klett-Cotta 2004, S. 283.

18Heinrich Heine: Gemäldeausstellung in Paris. In: Heinrich Heine. Sämtliche Werke. Bd. 12/1. (Düsseldorfer Ausgabe). Windfuhr, Manfred (Hrsg.). Hamburg: Hoffmann und Campe 1979, S. 47. Vgl. auch Barbara Thums: Heine Jahrbuch 2007, Nr. 46.

19Berthold Auerbach: Schriften zur Literatur. Twellmann, Marcus (Hrsg.) Göttingen: Wallstein 2014. Hier und in folgenden Zitaten S. 253–55. Weitere Zitate aus diesem Werk im Text zitiert als Tw plus Seitenzahl.

20Auch in Die Frau Professorin gilt Lorles Kritik vor allem dem fürstlichen Hof und seiner autokratischen Ordnung; die Mitbewohner Lorles und die Bäckersleute aber werden als human geschildert.

21Ein Zitat aus den Schwarzwälder Dorfgeschichten, Erster Theil. Mannheim: Bassermann 1843, S. 18.

22Vgl. dazu Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder und Hausmärchen der Brüder Grimm. 2. überarbeitete Aufl. Berlin: de Gruyter 2013, S. 50–55. Bereits das Märchen gilt als „Prototyp bürgerlicher Erziehungsintentionen“, in welchem „die unschuldig verfolgte junge Frau soziale Schranken“ überbrückt (S. 52).

23Man kann hier vor allem an Grabbes satirisches Lustspiel Aschenbrödel denken, das in seiner ersten Fassung 1829 Kritik an einer verlogenen Moral und einer ,kapitalistisch‘- materialistischen Gesellschaftsordnung übte. Auch Nestroy gebrauchte das Aschenputtel-Motiv in seiner Märchensatire Nagerl und Handschuh oder die Schicksale der Familie Maxenpfutsch (1832). Platen blieb in seiner Bearbeitung (Der gläserne Pantoffel) dem Märchenstoff treu und verdient keine weitere Erörterung. Vgl. Hannah Fiessenebert: Das Märchen im Drama. Eine Studie zu deutschsprachigen Märchenbearbeitungen von 1797–2017. Tübingen: Narr 2019, S. 81–90.

24Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten. Neue Folge. Bd. 3. Mannheim: Bassermann, 17–19.

25André Jolles: Einfache Formen: Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Spruch, Kasus, Memorabile, Märchen, Witz. Halle (Saale): Niemeyer 1930, S. 10.

26André Jolles war bis zu seinem Tod 1946 ein glühender Anhänger des Nationalsozialismus.

27Jolles: Einfache Formen, S. 45.

28Hermann Bausinger: Formen der ‚Volkspoesie‘. Berlin: Schmidt 1968, S. 53.

29Robert Prutz: „Melchior Meyr, Erzählungen aus dem Ries“. In: Deutsches Museum 6 (1856), II, S. 257–62, hier S. 258.

30Ludwig Anzengruber: Der Sternsteinhof . In: Sämtliche Werke, kritisch durchgesehene Gesamtausgabe in 15 Bänden. Latzke, Rudolf und Rommel, Otto (Hrsg.). Wien: Kunstverlag Anton Schroll 1920, Bd. 10, S. 369.

31Altvater: Wesen und Form, S. 67.

32Auerbach beruft sich hier auf den Sprachforscher und Literaten Karl Moritz Rapp (1803–1883).

33Auerbach: Schrift und Volk. Grundzüge der volksthümlichen Literatur, angeschlossen an eine Charakteristik J. P. Hebels. Leipzig: Brockhaus 1846, S. 85 und S. 119.

34Wolfgang Seidenspinner: „Oralisierte Schriftlichkeit als Stil. Das literarische Genre Dorfgeschichte und die Kategorie Mündlichkeit“. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur. 22 (1997), Heft 2, S. 36–51.

35Friedrich Sengle: Biedermeierzeit. Bd. 2, S. 870.

36Auerbach: Sämtliche Schwarzwälder Dorfgeschichten. Bd. 1, S. 140, Bd. 2, S. 28.

37Beispiele dafür sind Gotthelfs Elsi, die seltsame Magd, Auerbachs Sträflinge, Meyrs Die Lehrersbraut.

38Berthold Auerbach: Schwarzwälder Dorfgeschichten. Erster Theil [Bd. 1]. Mannheim: Bassermann 1843, S. 1.

39Baur: Dorfgeschichte. S. 122.

40Am krassesten dargestellt in der Figur des Paulus in Roseggers Die Schriften des Waldschulmeisters.

41Wolfgang Kaschuba: Lebens-Felder: Das „Ich“ als ein „Wir“. Geschichtliche Erfahrungen und kulturelle Prägungen der dörflichen Lebenswelt. Grundlagen der Dorfentwicklung. Studieneinheit 1. Tübingen: Deutsches Institut für Fernstudien 1988, S. 64.

42Bettina Wild: Typologie des ländlichen Raums: Berthold Auerbachs Schwarzwälder Dorfgeschichten und ihre Bedeutung für die Literatur des Realismus. Würzburg: Königshausen und Neumann 2011, S. 74.

43Vgl. hierzu Gotthelfs Schilderung in Uli der Knecht, was im zweiten Teil dieser Arbeit genauer dargestellt wird.

44Vgl. Dietmar H. Voges: Nördlingen seit der Reformation. Aus dem Leben einer Stadt. München: Beck 1998, S. 300.

45Mitgeteilt von Bruno Springmann, Archivar des Schlossmuseums in Horb, dem Nordstetten eingegliedert ist.

46Kleinere landwirtschaftliche Betriebe.

47Mitgeteilt von Andrea Kugler, Stadtarchivarin in Nördlingen. Vgl. auch Eva Gilch: „Die Geschichte der Nördlinger Messe: vom internationalen Umschlagplatz zum regionalen Gebrauchsgüter- und Jahrmarkt“. In: Der Daniel, Nordschwaben, Heft 3/1991, S. 23–26.

48Vergil: Aeneas, I, 462, übersetzbar als „Dinge rufen Tränen hervor und das Denken an die Sterblichkeit berührt den Geist“.

49Oliver Goldsmith: Der Landprediger von Wakefield, eine Erzählung. Übersetzt von Ernst Susemihl. Leipzig: Wigand 1841.

50Vgl. Judith Frömmer: Empfindsamkeit und Patriarchat im Zeitalter der Aufklärung. München: Fink 2008.

51Insbesondere in J. H. Voss’ Der siebzigste Geburtstag (1780) und Luise. Ein Ländliches Gedicht (1784).

52Gero von Wilpert: „Unterhaltungsliteratur“. In: Sachwörterbuch der Literatur, S. 662.

53Hervorhebung von Auerbach.

54Hervorhebung von mir.

55Vgl. Hebbel: „Das Komma im Frack“. In: Hebbel: Sämtliche Werke. S. 190–91..

56Vgl. Altvater: Wesen und Form, S. 139–40.

57Vgl. hierzu Hans-Dieter Gelfert: Was ist Kitsch?. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000.

58Ein frühes Beispiel bietet Susan Sontag: Notes on Camp (1964), https://web.archive.org/web/20050304071454/http://pages.zoom.co.uk/leveridge/sontag.html> [Abgerufen am 8. April 2020].

59Walter Benjamin: Was die Deutschen lasen, während ihre Klassiker schrieben. S. 8–49.

kapitel 3

Vorgeschichte

Während im ersten Teil neben dem Forschungsüberblick die wichtigsten Merkmale der Dorfgeschichte diskutiert wurden, werden in diesem Teil einzelne Autor*innen und einige ihrer Werke untersucht. Prinzipiell werden diese Erzählungen in chronologischer Folge behandelt, doch wurde von der Chronologie abgesehen, wenn entscheidende andere Faktoren, etwa die Zugehörigkeit zu gewissen Landesteilen oder geschlechtsspezifische Kategorien dies empfahlen. Wie bereits in Teil Eins diskutiert, wird den Dorfgeschichten der ‚Kernzeit‘, also den im Vormärz erschienenen Geschichten, besondere Beachtung geschenkt, doch soll die Perspektive auch um jene Erzählungen erweitert werden, die außerhalb dieser Kernzeit liegen. Auf diese Weise wird deutlich werden, inwiefern sich Gemeinsamkeiten mit anderen dörflichen Erzählungen finden lassen und worin die hervorstechenden Merkmale der eigentlichen Dorfgeschichten bestehen.

In der Forschungsliteratur verlegt man den Beginn der Dorfgeschichte gewöhnlich in die Zeit des Vormärz. Diese Studie möchte jedoch im Sinn von Lawrence Sterne ab ovo beginnen, möchte die Voraussetzungen für Dorfgeschichten also bis zur Entstehungszeit des Dorfes und des Bauern zurückverfolgen, um eventuell verwandte Themen und Strukturen aufzuspüren. Etymologisch lässt sich der Name ‚Dorf‘ auf eine Einzäunung zurückführen, allgemein wird es als „eine überschaubare Gruppensiedlung mit geringer Arbeitsteilung bezeichnet“.1 Vom Hochmittelalter bis zum Beginn der Neuzeit waren Dörfer meist an ein Adelsgeschlecht oder ein Kloster gebunden, hatten also keine Selbstbestimmung. Dennoch gab es schon damals soziale Strukturen, die zwischen wohlhabenden Bauern und kleinen Gehöften unterschieden, ←37 | 38→deren Besitzer als Häusler, Seldner oder Söldner auf Nebenverdienste als Handwerker oder als Knechte bei Vollbauern angewiesen waren. Später gesellten sich auch Pfarrer, Lehrer und Richter hinzu, die den Vollbauern gleichberechtigt waren.2 In gesellschaftlicher und literarhistorischer Hinsicht spielte der Bauernstand keine Rolle; Kirche und Adel standen politisch und kulturell an der Spitze einer ziemlich einförmigen Gesellschaft. Um 1400 bildete sich in den Städten ein Bürgertum, das durch Handel und Bergbau einen wirtschaftlichen Aufstieg erlebte. Hierdurch formierte sich eine Unterscheidung zwischen Bürger und Bauer, die noch dadurch verstärkt wurde, dass die im ganzen Land wütende Pest einem Preisverfall von Agrarprodukten und damit eine Schwächung des Bauernstandes verursachte. Dies wiederum führte seit Ende des 15. Jahrhunderts zu Bauernunruhen, die mit dem ‚Bauernkrieg‘ (1524) erstmals Forderungen nach politischer Selbstständigkeit enthielten.

Der ökonomische Rückgang des Dorfes spiegelt sich in der Literatur: Während in Fastnachtspielen, Mären und den Schwänken von Hans Sachs und Thomas Murner der Bauer als Tölpel dargestellt und verlacht wird, hatte er zuvor in der Ackermann-Dichtung, im Ring des Wittenweiler (ca. 1400) und ‒ noch früher ‒ im Meier Helmbrecht (ca. 1250),3 eine gewisse Prominenz, die ihm eine bestimmte Eigenständigkeit zuerkannte. Vater Helmbrecht ist stolz auf sein Ansehen als Bauer, der Sohn aber will Ritter werden, hat also Aspirationen, die über seinen Stand hinausgehen. Der Ritterstand wird wegen seiner Unmoral kritisiert, die sich auf den unerfahrenen jungen Meier abfärbt. Bei seiner ersten Rückkehr zu den Eltern benimmt er sich hoffärtig und ‚tölpelhaft‘; er schließt sich den Raubrittern an, wird gefangen, geblendet und schließlich von den Bauern bei einem missratenen Überfall gefangen und erhängt. Dem ‚schlechten‘ Sohn steht der ‚tugendhafte‘ Vater gegenüber, der den Sohn warnt und ihm das für seinen Stand richtige Benehmen vorhält:←38 | 39→

Wittenweilers Ring ist eine seltsame Mischung aus derbem Schwank und didaktischer Vermittlung standesgemäßen Lebens. Im Zentrum steht die Werbung eines Bauernburschen um sein Mädchen. Beim Hochzeitstanz kommt es zu einer Rauferei, die zur kriegerischen Auseinandersetzung der beiden Dörfer führt, aus denen die Hochzeitsgäste stammen. Insgesamt werden die Bauern als tölpelhaft, dumm und ungesittet dargestellt, doch sind dieser Satire Belehrungen über das wahre Eheleben beigemengt; es entsteht ein komisch heroisches,5 sehr derbes Bild vom dörflichen Leben.

Mit Blick auf die sehr viel später entstehende Dorfgeschichte lässt sich feststellen, dass auch diese frühen Geschichten nicht für Bauern, sondern für das entstehende Bürgertum geschrieben wurden, dass die Bauern zwar noch als etwas rüpelhaft, aber auch als ehrlich und fleißig beschrieben werden und dass sich die Geschichte selbst innerhalb einer Dorfgemeinschaft abspielt. Die Handlung bewegt sich auf einer unteren sozialen Stufe, doch spielen bereits hier didaktisch-moralische Lehren eine wichtige Rolle. Zwistigkeiten zwischen Bauer und Bürger oder Bauer und Adel geben lediglich den Rahmen der Geschichte ab.

Auch die Literatur des 18. Jahrhunderts gehört noch zu den ‚Vorformen‘ der Dorfgeschichte. Wie zu erwarten, ersetzen jetzt andere Gemütslagen ←39 | 40→und literarische Formen die ‚dörperliche‘ Spielart. Die mit Rousseau einsetzende Naturbegeisterung erfuhr im Zeitalter der Empfindsamkeit einen sentimentalischen Charakter, Einflüsse aus der englischen und französischen Literatur waren hierbei wegweisend. Die neu entdeckte Liebe zur Natur spiegelt sich in der Epik von Johann Heinrich Voss, aber auch in Johann Heinrich Jungs Heinrich Stillings Jugend (1777). Beide Autoren sind weniger als Vorläufer der Dorfgeschichte denn als Vertreter der Empfindsamkeit zu betrachten. Jung-Stilling wurde, gemeinsam mit Brentano und Pestalozzi, vor allem durch Freiligraths Laudatio auf Auerbach in den Umkreis der Dorfgeschichte eingeschleppt6 und findet noch immer in diversen Abhandlungen zur Dorfgeschichte Erwähnung.7 Mit Hinweis auf Voss und Maler Müller betont Baur, diese hätten die Idylle „aus dem imaginativ abgesicherten Rokoko-Raum in die konkrete Wirklichkeit“ verlegt und sie „mit Vorzeichen eines sozialen Protests“ versehen.8 Diese Auffassung wird bisweilen auch für Jung-Stilling beansprucht, der ebenso wie Voss und Maler Müller, ganz in seiner ländlichen Welt aufgeht. Folgendes Zitat mag dies illustrieren:

Es gab wenigstens keinen Platz und Ort auf dem weiten Erdenrunde, wo er hätte mögen lieber sein, und wo er freier und freudiger athmete, als eben die stille Hütte, welche der Friede, den ein gutes Bewußtsein gibt, und die gegenseitige ungefärbte Liebe und ungeheuchelte Frömmigkeit des Stillingschen Ehepaares und ihren Kindern in einen Vorhof des Himmels verwandelt hatte.9

Ähnlich jedoch wie in späteren Dorfgeschichten wird die Handlung durch zahlreiche Gespräche und eine Vielzahl von Personen belebt, allerdings ohne Verwendung des Dialekts. Die stark frömmelnde Haltung der Figuren verweist auf die Epoche der Empfindsamkeit, doch empfand man manches, was heutige Leser*innen als sentimental empfinden, als zum ‚wirklichen‘ Leben gehörend. Entsprechendes gilt für das Leben im ländlichen Pfarrhaus der Luise von Johann Heinrich Voss, wobei allerdings ←40 | 41→die epische Breite dieser Idylle und ihre detaillierte Gestaltung der Handlung dem Typ der Dorfgeschichte widerspricht.

Friedrich Müller, bekannt als Maler Müller (1749–1825), gehört ebenfalls diesem Kreis an. Eine seiner bekanntesten Novellen, Die Schafschur (1775) steht zwar außerhalb der Dorfgeschichten, erinnert aber in Handlung, Umfang und bisweilen auch in ihrer Wortwahl an dieses Genre. Eine Liebesgeschichte bildet den Hintergrund, welche durch Balladen variiert wird. Der ‚literarische Diskurs‘ zwischen dem Schäfer Walter und dem klassisch gebildeten Schulmeister hätte in dieser ästhetischen Form in der Dorfgeschichte keinen Platz, ist seinem Inhalt nach aber interessant, da hier eine ‚realistische‘, den Leser*innen angemessene Sprache gefordert wird. Eine ähnliche Forderung kann man auch in Dorfgeschichten finden, nicht jedoch das reflektive ‚Räsonnement‘. Walter preist seine alten Lieder als „so herzlich wahr“, „treu und vertraulich […], daß einer meinen sollte, wenn man’s so singen hört, stünd einer in seinem Garten im Frühjahr, wenn die liebe Herrgottssonne nieder auf die Welt scheint …“.10 Seine Tochter Guntel, die gerne etwas Neues hören möchte, wird von Walter derb abgefertigt: „Halt’s Maul, mir über die alten Lieder zu räsonnieren oder ich schlag dir eins hinters Ohr!“ Walter vermutet die Lehren des Schulmeisters hinter Guntels Argumenten, dessen Poesie „nicht von Herzen lustig, nicht von Herzen traurig [ist], alles im Traume nur; schwätzen wie die Schulmeisters von Großmut und hundert Sachen, die einen Schäfersmann nichts angehn“.11

Auch Brentanos ebenfalls von Freiligrath erwähnte Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl12 kann nicht wirklich zu den Vorläufern gezählt werden, sie gehört eher der Kategorie Kriminalgeschichte an. Das Dorf bildet zwar den Hintergrund, wird aber von anderen Themen überlagert, so etwa von dem breit ausholenden Motiv der Ehre, von Brentanos Kritik am Adel und von märchenhaften Elementen.13 Auch von ←41 | 42→seiner Gestaltung her gehört Brentanos Geschichte nicht in den Umkreis der Dorfgeschichte, da selbst bei der Darstellung von Gesprächen stets die Schriftsprache verwendet wird. Der Ich-Erzähler hebt sich ganz von der Erzählung ab, die Existenz einer Binnenhandlung und allerlei Reflexionen geben der Geschichte einen zu komplexen Überbau, um in den weiteren Rahmen der Dorfgeschichte aufgenommen zu werden.

Ganz anders verhält es sich mit den im 18. und frühen neunzehnten Jahrhundert beliebten Kalendergeschichten, die einen einfachen Stil bevorzugen und sowohl eine didaktisch, wie auch humorvoll unterhaltende Botschaft enthalten. Ihre lokal gefärbte, dem Umgangston ihrer Leser angepasste Sprache rückt sie in die Nähe der Dorfgeschichte, auch wenn ihre politische Aussage weniger stark ausgeprägt ist.14 Einer der bekanntesten Autoren solcher Geschichten war Johann Peter Hebel,15 daneben haben zahlreiche Autoren von Dorfgeschichten selbst Kalendergeschichten verfasst.16 Ein unmittelbarer Vorläufer der Dorfgeschichte ist Heinrich Zschokke, dem hier ein längerer Abschnitt eingeräumt wird, weil viele seiner didaktischen Ausführungen dem späteren Ausbau der Dorfgeschichte sehr nützlich waren.

1https://de.wikipedia.org/wiki/Dorf [Abgerufen 20. 03. 2020].

2Der Beruf des Richters oder Dorfschulzen wurde oft von einem Vollbauern ausgeführt.

3H. A. und W. Frenzel: Daten deutscher Dichtung. Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Romantik . München: dtv 1990 bezeichnen den Ring als „erste deutsche Dorfgeschichte“.

4Ulrich Harsch 1998 (digitale Version), auf der Grundlage der Panzerschen Ausgabe [1902]. Vers 250-259. Übersetzung: „Dann kommst du genauso ehrenvoll wie ich in dein Grab/ Ja, das kann ich mit Sicherheit sagen/ Ich bin treu und zuverlässlig/ Kein Verräter/Außerdem gebe ich jedes Jahr wie es sich gehört meinen Zehnten/ Ich habe mein Leben ohne Hass und Missgunst verbracht.“

5Im Englischen spricht man von einem ‘mock-heroic style’, eine gute deutsche Übersetzung ist mir nicht bekannt.

6Ferdinand Freiligrath: Werke in sechs Teilen. Bd. 2, Berlin u. a. [1909], S. 31–33.

7Baur: Dorfgeschichte. S. 30. Mehr dazu in Jürgen Hein: Dorfgeschichte. S. 59.

8Baur: Dorfgeschichte. S. 104.

9Friedrich Wilhelm Bodemann (Hrsg.): Züge aus dem Leben des Johann Heinrich Jung, genannt Stilling. 3. Aufl. Bielefeld: Velhagen & Klaßing 1868, S. 2.

10Max Oeser (Hrsg.): Maler Müllers Werke, Volksausgabe. Bd. 1, Idyllen, Gedichte und Gedanken. Mannheim: Schiller 1918, S. 42.

11Ebd., S. 44.

12Clemens Brentano: Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 19, Prosa IV. Behrens, Jürgen, Feilchenfeldt, Konrad et al. (Hrsg.). Stuttgart: Kohlhammer 1987, S. 399–439.

13Auerbach sieht in dieser Geschichte „einfach großartige Bilder, [… welche] das Wehe unserer Zeit vor die Augen stellen“. Auerbach: Europa 1838/2, S. 86, hier zitiert nach Twellmann (Hrsg.): Berthold Auerbach. Schriften zur Literatur. Göttingen: Wallstein 2014, S. 228.

14Baur: Dorfgeschichte, S. 43 hält eine Verwandtschaft zwischen beiden Genres für falsch.

15Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. Stuttgart: Cotta 1833.

16So etwa Jeremias Gotthelf, Berthold Auerbach, Ludwig Anzengruber, Peter Rosegger und Gottfried Keller.

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kapitel 4

Frühe Formen der Dorfgeschichte aus der Schweiz

Heinrich Zschokkes Das Goldmacherdorf (1817): Heinrich Zschokke (1771–1848) war einer der interessantesten Autoren, den man gewöhnlich zu den Verfassern von Dorfgeschichten zählt. Sein Vater war Tuchmacherfabrikant in Magdeburg, doch verlor Heinrich seine Eltern in früher Kindheit. Er besuchte das altstädtische Gymnasium in Magdeburg, verließ es aber schon 1788, nahm kurze Zeit in Schwerin eine Hofmeisterstelle an, zog schon bald danach mit einer fahrenden Theatergesellschaft durchs Land, immatrikulierte sich 1790 an der Universität in Frankfurt/Oder in Philosophie und Theologie, wurde 1795 ein Jahr lang Privatdozent für Philosophie, durchreiste dann Deutschland und ließ sich 1796 in der Schweiz nieder, wo er Leiter eines Philanthropins1 wurde. In der Folgezeit wechselte er in verschiedene Kantone über, teils wegen politischer Verfolgung, verbrachte aber von 1798 an den größten Teil seines Lebens im Kanton Aargau, wo er sich 1818 selbst eine Villa entwarf. Er hielt verschiedene Ämter inne, wurde in den Großen Rat in Aargau gewählt und repräsentierte seine Region in der Tagsatzung. Zschokke war einer der begabtesten Männer seiner Zeit, seine besondere Vorliebe galt der Bildung und den Erziehungsmethoden für Kinder. Leider ist Zschokke unter Literaturwissenschaftlern fast ganz in Vergessenheit geraten, auch Pädagogen nehmen keine Notiz mehr von ihm,2 obgleich seine ca. 123 Publika←43 | 44→tionen wichtige Darstellungen zur Pädagogik und zu Sozialreformen enthalten.3

Dieses Kapitel wird sich vor allem mit Zschokkes berühmtester Erzählung, Das Goldmacherdorf, befassen, das zu seiner Zeit ein ‚Bestseller‘ war und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Die in einem fiktiven Dorf spielende Geschichte enthält Spuren aus Zschokkes eigenem Leben, sowohl, was die hier dargestellten Erziehungsreformen, als auch den Aufbau einer modernen, demokratischen Dorfgemeinschaft und ihrer wirtschaftlichen Modernisierung angeht. Außerdem gilt Das Goldmacherdorf (1817) als der erste Genossenschaftsroman der Weltliteratur, ein Thema, auf das wir noch zurückkommen werden. Der literarische Wert dieser für eine Dorfgeschichte recht langen Erzählung lässt zu wünschen übrig; die Charaktere bleiben unterentwickelt und stehen als Typen auf dem Papier, die Liebesgeschichte zwischen dem in die Ortschaft zurückgekehrten Oswald und der Müllerstochter Elisabeth wird kurz abgehandelt, irgendwelche Gemütserregungen werden nur flüchtig skizziert. Dieser Aspekt ist hier jedoch zweitrangig, im Zentrum stehen die Reformen, welche diesem verelendeten Dorf zu Wohlstand verhelfen. Dieser Modernisierungsprozess ist atemberaubend, er reicht von der Einführung und technischen Erläuterung von Blitzableitern (G 80–81) bis zur Errichtungen einer Sozialfürsorge für Arme (G 114–20). Im Zentrum der Reformen stehen das neue Erziehungskonzept für die Jugend, die gemeindefördernden Anstalten zur Schuldentilgung und die Errichtung von Genossenschaften. Solche Themen erscheinen zwar auch in anderen Dorfgeschichten, sind aber nirgends so detailliert geschildert. Sie spiegeln die sozialen und ökonomischen Errungenschaften ihrer Zeit, der stark didaktische Ton der Erzählung typisiert den Entwicklungsgang von Dorfgeschichten, wenigstens bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, weshalb er hier auch genauer dargestellt wird.

Zschokkes Erziehungsansichten wurden entscheidend von Pestalozzi geprägt, der auch in anderer Hinsicht als Vorbild wirkte. Auch Pestalozzi hatte im Aargau Landwirtschaft betrieben und durch neue Sorten und Düngemethoden den verarmten Bauern zu helfen versucht. Zschokke folgte Pestalozzis Roman Lienhard und Gertrud (1781–87) bis in Einzelheiten, in ←44 | 45→ihm werden Rousseaus Erziehungsansichten fortgeführt. Auch Zschokke und sein Protagonist Oswald vertrauen auf eine naturgemäße, gewaltfreie Erziehung nach dem Ganzheitsprinzip von ‚Kopf, Herz und Hand‘, wobei im Kopf der Verstand, im Herzen sittlich religiöse und durch die Handarbeit praktische Fähigkeiten entwickelt werden sollen. Ähnlich wie die Lehrerfiguren bei Auerbach und Rosegger versucht auch Oswald über die Kinder des Dorfes Einfluss auf die Erwachsenen zu gewinnen. Als Oswald zu Beginn der Erzählung nach siebzehnjähriger Abwesenheit sein Dorf wieder betritt, findet er dort völlig verwilderte Kinder vor und eine Bauernschaft, die „in den drei Wirtshäusern […] tranken und spielten und jauchzten oder balgten, wie es denn nun so geht, wenn Bier und Wein wohlfeil sind“ (G 29). Die meisten Häuser sahen schmutzig und reparaturbedürftig aus: „Kam man hinein, war Kot und Gestank; Tisch und Bänke unsauber; der Spiegel, wenn noch einer war, seit Jahren von den Fliegen blind; der Fußboden voller Löcher; die Dielen schwarz wie Erde vom verhärteten Unrat“ (G 32). Die Kinder wurden zum Betteln ausgesandt, die Höfe waren verschuldet, die Dörfler lebten im Streit miteinander. Der alte Pfarrer ist alles andere als ein Seelsorger; für ihn stehen „seine Pfründe und Bequemlichkeit“ an erster Stelle, er predigt stets „von Himmel und Hölle“ (G 37). Oswald integriert moralische Prinzipien in sein Programm, auch hier wie bei so vielen Dorfgeschichten mittels Sprichwörtern. So wird Armut als ein potentielles Laster dargestellt: „Armut macht Diebsmut, und Müßiggang ist des Teufels Ruhebank“ (G 40), doch ist es die Aufgabe des Gemeinderats, den Verarmten aus ihrer Not zu helfen. Oswald beginnt seine Lehrtätigkeit, indem er die Kinder zunächst zu Sauberkeit und Ordnung erzieht, statt mit Stock und Strafe arbeitet er mit Belohnung und Liebe. Wieder kleidet er sein Anliegen in eine sprichwörtliche Formel: „Reinheit des Herzens ist die Gesundheit der Seele; Reinlichkeit des Leibes ist die Gesundheit des Körpers“ (G 50).

Der Unterricht in dieser einklassigen Volksschule ist in einzelne Fächer eingeteilt. Die musischen Fächer werden teilweise gemeinsam unterrichtet, für Fächer wie Lesen, Rechnen und Schreiben entwickelt Oswald hochmoderne Formen des Unterrichts: Kinder arbeiten in Gruppen und manchmal werden die älteren Kinder als Hilfen bei jüngeren Gruppen eingesetzt. Prinzipiell vermindert der Lehrer seine Funktion als Autorität und sucht ←45 | 46→stattdessen nach Formen des gemeinsamen Lernens. Schließlich dehnt er den Schulunterricht auf ältere Gruppen aus und errichtet Sonntagsschulen, in denen auch neue Methoden des Ackerbaus und der Viehzucht erlernt werden, vorausgesetzt, die Besucher erscheinen reinlich und haben dem Besuch von Wirtshaus und Kartenspiel abgeschworen. Nach seiner Heirat mit Elisabeth baut Oswald ein mustergültiges Eheleben auf, er will durch sein Beispiel nicht nur die Grobheit und Gewalttätigkeit der Ehemänner ihren Frauen gegenüber bekämpfen, sondern möchte auch die Ehefrauen dazu anhalten, ihr Äußeres zu pflegen. Elisabeths Rat an ihre Freundinnen gilt auch hier als Maxime:

Die Weiber haben allein die Schuld. Solange sie Jungfrauen sind und den Burschen gefallen wollen, schmücken sie sich […]. Haben sie endlich einen Mann, so denken sie nicht mehr daran, gefallen zu wollen. Da gehen sie des Morgens lange umher mit Stroh und Bettfedern im ungekämmten Haar; vergessen sich jedesmal zu waschen, wenn sie unrein wurden, und denken, wenn sie recht wüst kommen, das stehe einer Frau gut … (G 60–61).

Elisabeth errichtet eine Art Frauenarbeitsschule, in welcher sie den Dorfbewohnerinnen nähen und kochen beibringt. Heutige Leser*innen mögen über solche Reformbestrebungen lächeln, doch sollte man daran erinnern, dass vor allem auf Dörfern und in den unteren Schichten Unkenntnis im Haushalt vielfach zu Krankheit, Unwissenheit und Armut führte, dass man diese Bestrebungen daher als Teil der damaligen Aufklärungsarbeit verstehen muss. Der Erzähler weiß dies und berichtet, dass infolge solcher Reformen das Dorf Goldental im weiteren Umkreis bald als das Goldmacherdorf bekannt wurde.

Rein erzähltechnisch ergibt sich jedoch das Problem der Glaubwürdigkeit. Zschokkes Protagonist teilt viele Eigenschaften mit einem Märchenhelden: Er ist hochgewachsen, stark und schön, er verfügt über fast nicht enden wollende finanzielle Ressourcen, hat Zugang zu seinem Landesfürsten, dessen Leben er gerettet hat und ist in seinen jungen Jahren so weit gereist, dass er über alle Reformen bestens unterrichtet ist. Zusätzlich zu solch märchenhaften Aspekten betätigt sich Oswald auch als allgemeiner Wohltäter. Er gründet einen geheimen Bund, in den nur jene Männer aufgenommen werden, die reformwillig sind und dem Besuch ←46 | 47→von Wirtshäusern abgeschworen haben. Dieser Bund erinnert an die in der Zeit der Aufklärung typischen Freimaurerlogen, denen auch Zschokke angehörte. Für ihn stand die Vereinigung der Freimauer zwischen Kirche und Staat „als Mittelglied, als fehlende[r]‌ Ring in der zerbrochenen Kette von Staat und Kirche, der beide, aber in erhabenerem Sinne, wieder zu der einzigen und ganzen macht“.4

Im Einklang mit den im Zeitalter der Aufklärung ethisch geprägten Lehren, welche die Selbsterkenntnis fördern sollten und Gedanken der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vorwegnahmen, haben bei Zschokke gebräuchliche Redewendungen als Mittel der Belehrung eine wichtige Funktion. Neben den bereits genannten sprichwörtlichen Formeln gesellen sich Redewendungen, die an die Rolle Jesu im Neuen Testament erinnern: „So geht denn heim in Frieden“, „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn die Zeit erfüllt ist“ (G 70) oder die Beschimpfung der Gegner als „Otterngezücht“ (G 98). Oswald selbst wird anfänglich von den Dorfbewohnern als ein Wundertäter, vielleicht gar als ein mit dem Teufel im Bunde Stehender angesehen, erst seine erfolgreichen Reformen verleihen ihm ihr Zutrauen. Die nun folgenden dreißig kurzen Kapitel enthalten jeweils eine moralische Lehre, sie beginnen mit Überschriften, welche den Inhalt der jeweiligen Passage umreißen, häufig mit Phrasen wie „Was Oswald“ oder „Wie Oswald“, so dass dieser stets im Brennpunkt der Geschichte steht. Es entsteht eine Art Textbuch für dörfliche Reformen. Eine ähnliche Technik findet man auch in anderen frühen Dorfgeschichten, sie stellen das didaktische Anliegen der Erzählung ins Zentrum. Der Autor möchte, dass seine Geschichte von den Dorfbewohnern gelesen wird, oder, wo dies nicht praktikabel ist, dass sie der Pfarrer oder Lehrer den Dörflern vorliest.

In der zweiten Hälfte der Erzählung gelingt es dem Autor, die Dominanz Oskars etwas zu mindern, indem ihm ein junger, ebenfalls reformwilliger Pfarrer beigesellt wird. Dieser „war leutselig und doch voll großen Ernstes; er war von Herzen demütig und flößte doch in seiner Demut große Ehrfurcht ein“ (G 83). Darüber hinaus hatte sich der Pfarrer umfassende ←47 | 48→medizinische Kenntnisse angelesen: „So ward er nicht nur ein geistlicher, sondern auch ein leiblicher Arzt der Seinen“ (G 85). Außer den bereits geschilderten Wohltaten gelingt es Oswald, das Dorf von seiner Schuldenlast zu befreien5 und den Einwohnern durch Zusammenarbeit und einen geförderten Gemeinsinn Unkosten zu ersparen. Eine Gemeindeküche ermöglicht den sparsamen Gebrauch von Brennholz, die hierbei erfolgte Rationalisierung der Arbeitskraft erlaubt es den Frauen, durch andere Tätigkeiten mehr Geld für den Haushalt zu verdienen. Die Almende wird ‚privatisiert‘, wodurch der Gewinn für alle gesteigert wird. Der neue Pfarrer fördert die Bienenzucht (G 86), Oswald verfügt über die neuesten Methoden der Veredelung von Obstbäumen (G 90), und um dem Umsatz einzelner Milchbauern zu steigern, wird eine moderne Gemeindekäserei gegründet.6 Alle diese Neuerungen werden genauestens dargestellt, ebenso wie die Wahl eines neuen Vorstands, bei welcher das geheime Wahlrecht praktiziert wird, das in Deutschland erst 1871 eingeführt wurde.7 Einige dieser Neuerungen mögen heutige Leser*innen abstoßen, da man bei ihnen an Praktiken denken mag, wie sie im Dritten Reich oder in der DDR praktiziert wurden. Eine solche Lesart aber würde die historischen Entwicklungen zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts verkennen. Ein Beispiel solcher Zwangsmaßnahmen ist die Errichtung von Unterkünften und Suppenküchen für die Armen, die ansonsten „lieber müßiggehen, hungern und betteln wollten, als im Schweiße ihres Angesichts das saure Brot verdienen“ (G 110). Oswald begründet diese Einrichtung mit dem Argument: „Wen aber die Gemeinde versorgen muß, den hat sie auch das Recht zu beaufsichtigen und zu bevogten, damit er sich selbst erhalten und versorgen lerne“ (G 115). Die praktische Anwendung dieses Grundsatzes war ←48 | 49→grausam: „Wer nicht arbeiten wollte, der ward ins finstere Loch des Turmes gesperrt; da saß er und bekam zum Getränk kaltes Wasser und zur Nahrung geschwellte Erdäpfel“ (G 117). Viele dieser Gedanken lehnen sich an die im Pietismus wurzelnde Pädagogik August Hermann Franckes (1663–1727) an, der den „natürlichen Eigenwillen“ seiner Zöglinge brechen wollte, um sie zur „Liebe zur göttlichen Wahrheit“, zu christlicher Demut und zum Fleiß zu erziehen. Um Müßiggang und andere frivole Verlockungen auszuschließen, hielt Francke die „strenge Beaufsichtigung des Zöglings für ein wichtiges Erziehungsmittel, er hat die Internatserziehung in seinem Waisenhaus nach diesem Grundsatz aufgebaut.“8

Von ebenso großer Bedeutung für Zschokke war die zu seinen Lebzeiten entstehende Genossenschaftsbewegung, die allgemein auf Robert Owen (1771–1858) und die beginnende Industrialisierung zurückgeführt wird. Zschokke war aber vermutlich mehr an der landwirtschaftlichen Genossenschaftsbewegung interessiert, die im deutschen Sprachraum fast zeitgleich mit den britischen Reformen entstand, in ihren Anfängen aber bis ins Mittelalter zurückverfolgt werden kann. Besonders wichtig wurden die landwirtschaftlichen Genossenschaften in der Schweiz, wo sie bereits vor 1800 als Milchgenossenschaften, Käsereigenossenschaften oder landwirtschaftliche Genossenschaften existierten und nach dem Prinzip der freiwilligen Mitgliedschaft, autonom und demokratisch zum Dienst der Gemeinschaft organisiert wurden.9 Zschokke hat mit seinem Werk vermutlich auch Friedrich Wilhelm Raiffeisen beeinflusst, der 1846–48 seine ländlichen Genossenschaften gründete.

Details

Seiten
XII, 214
ISBN (PDF)
9781800792197
ISBN (ePUB)
9781800792203
ISBN (MOBI)
9781800792210
ISBN (Buch)
9781789979367
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Juni)
Schlagworte
Erzählstruktur Vormärz Unterhaltungsliteratur Heimatliteratur TV-Heimat Auerbach Meyr Anzengruber Keller Immermann Ludwig Mörike Droste Hülshoff Ebner-Eschenbach Marlitt Rosegger Strittmatter Hansen Zeh Peters Hans-Joachim Hahn Die Dorfgeschichte
Erschienen
Oxford, Bern, Berlin, Bruxelles, New York, Wien, 2021. XII, 214 S., 2 s/w Abb.

Biographische Angaben

Hans-Joachim Hahn (Autor)

Hans-Joachim Hahn wurde in einem kleinen Dorf geboren. An den Universitäten Tübingen und Wien studierte er Germanistik und Anglistik, er schloss sein Studium mit einer Dissertation über die Krise des Lyrischen bei W. B. Yeats und W. H. Auden ab. Von 1971 bis 2002 war er Dozent für Germanistik an der Universität Oxford Brookes mit Lehraufträgen an der Universität Oxford. Nach der Emeritierung und bis 2018 hielt er Vorlesungen und Seminare an den Universitäten Oxford und Oxford Brookes, sowie zahlreiche Vorträge auf Konferenzen im In- und Ausland. Er ist Mitglied der Association of German Studies und des Forums Vormärz Forschung (Bielefeld). Relevante Publikationen: German Thought and Culture (1995) und The 1848 Revolutions in German-Speaking Europe (2001) und Artikel über Grass’ Hundejahre in German Life and Letters (2019) und PEGIDA in Monatshefte (2020).

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Titel: Die Dorfgeschichte