Lade Inhalt...

Franz Fühmann: «Das Judenauto» – ein Zensurfall im DDR-Literaturbetrieb

Eine historisch-kritische Erkundung mit einer Synopse aller publizierten Textvarianten

von Uwe Buckendahl (Autor:in)
Andere 696 Seiten

Zusammenfassung

Fühmanns Held im «Judenauto» zieht als begeisterter Mitläufer in den Vernichtungskrieg und kehrt als gläubiger Sozialist aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zurück in «seine» DDR. Obwohl 1962 und 1979 in differierenden Textfassungen erschienen, gilt «Das Judenauto» in der Forschung bisher nicht als Zensurfall im DDR-Literaturbetrieb. Die erste historisch-kritische Fühmann-Studie erfasst drei publizierte sowie zwei unbekannte Textzeugen synoptisch und belegt so die Selbstzensur durch den Autor sowie die Fremdzensur. Editions- und Rezeptionsgeschichte sowie eine Textanalyse rahmen den Variantenvergleich und enthalten überraschende Resultate, die neue Sichtweisen auf dieses Werk und dessen Autor ermöglichen. Auf der begleitenden CD kommt Franz Fühmann selbst zu Wort.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • 1 Einleitung
  • 2 Editions- und Rezeptionsgeschichte
  • 2.1 Fühmanns 1962 von ihm verfasster “Lebenslauf”
  • 2.2 Vom Erlebnis über den Stoff zur Form (1960/61)
  • 2.3 Texterarbeitung (April 1961 bis Januar 1962)
  • 2.4 Lektoratsbesprechung (Februar 1962)
  • 2.5 Von der Erstauflage zur ersten Westausgabe (1962–69)
  • 2.5.1 Aufbau – Reclam – Aufbau
  • 2.5.2 Wagenbach u. a.
  • 2.5.3 Diogenes
  • 2.5.4 Trennungen
  • 2.6 Hinstorff und die vermeintliche Urfassung (1970–79)
  • 2.6.1 Wirkungsgeschichte in den 70ern
  • Exkurs: Fühmann liest Fühmann
  • 2.6.2 Rekonstruktion ‘Tage. Ein Sonett in Berichten’
  • 2.6.3 J79 in der Werkausgabe
  • 2.6.4 Ulbricht sei Dank? Die Legende
  • 2.7 Resonanz nur noch im Westen (1980–90)
  • 2.8 Das Judenauto im sozialistischen Ausland (1959-90)
  • 2.8.1 Sowjetunion
  • 2.8.2 Andere sozialistische Staaten
  • 2.9 Nach der Wende (seit 1990)
  • 2.10 Die Editionen auf einen Blick
  • 2.10.1 Wer erkennt die Textdifferenzen?
  • 2.10.2 Das Judenauto im Unterricht
  • 2.10.3 Alle (?) Textausgaben und Hörfassungen
  • 3 Synopse
  • 3.1 Lesehinweise …
  • 3.1.1 zu den Auftaktseiten (Hochformat)
  • 3.1.2 zu den Synopsen (Querformat)
  • 3.2 [0] Titelei, Impressum, Inhalt
  • 3.3 Bericht [1] ‘Das Judenauto’
  • 3.4 Bericht [2] ‘Gebete zum Heiligen Michael’
  • 3.5 Bericht [3] ‘Die Verteidigung der Reichenberger Turnhalle’
  • 3.6 Bericht [4] ‘Die Berge herunter’
  • 3.7 Bericht [5] ‘Ein Weltkrieg bricht aus’
  • 3.8 Bericht [6] ‘Ich will ein guter Herr sein’
  • 3.9 Bericht [7] Entdeckungen auf der Landkarte
  • 3.10 Bericht [8] Jedem sein Stalingrad
  • 3.11 Bericht [9] Muspili
  • 3.12 Bericht [10] Pläne in der Brombeerhöhle
  • 3.13 Bericht [11] Gerüchte
  • 3.14 Bericht [12] Regentag im Kaukasus
  • 3.15 Bericht [13] Ein Tag wie jeder andere
  • 3.16 Bericht [14] Zum ersten Mal: Deutschland
  • 4 Text- und Variantenanalyse
  • 4.1 Fühmanns Glühwürmchen “flimmern” nicht, sie “flattern”
  • 4.2 ‘Juden’ Juden Juden
  • 4.3 ‘Kommune’
  • 4.4 ‘Tschechen’
  • 4.5 ‘Okupation’
  • 4.6 ‘Weltkrieg’
  • 4.7 ‘Überfall SU’
  • 4.8 ‘Moskau’
  • 4.9 ‘Stalingrad’
  • 4.10 ‘Weltuntergang ideell’
  • 4.11 ‘Weltuntergang konkret’
  • 4.12 ‘Schneckenscheisse’
  • 4.13 ‘Botschaft aus dem Schlamm’
  • 4.14 ‘ich will erinnern’
  • 4.15 ‘---’
  • 4.16 Zeugen einer Zensur
  • 5 Dokumentation
  • 5.1 Kapitelkonzepte und ihre Realisierung
  • 5.2 Textveröffentlichungen und Hörfassungen
  • 5.3 Abstracts und Rezensionen in Presse und Rundfunk
  • 5.4 Gutachten
  • 5.4.1 Verlagsgutachten J62
  • 5.4.2 Außengutachten J62
  • 5.4.3 Verlagsgutachten J79
  • 5.4.4 Außengutachten J79
  • 5.5 Zur Textkonstitution [der rekonstruierten Fassung T62/78]
  • 6 Verzeichnisse
  • 6.1 Siglen
  • 6.2 Gebräuchliche Abkürzungen
  • 6.3 Textfragmente Fühmanns
  • 6.4 Abbildungen
  • 6.5 Tabellen
  • 6.6 Archivdokumente
  • 6.6.1 Archiv des Aufbau-Verlags in der Staatsbibliothek zu Berlin
  • 6.6.2 Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde
  • 6.6.3 Franz-Fühmann-Archiv in der Akademie der Künste, Berlin
  • 6.6.4 Franz-Fühmann-Sammlung in der Akademie der Künste, Berlin
  • 6.6.5 Hinstorff Archiv im Archiv der Hansestadt Rostock
  • 6.6.6 Audioarchive (chronologische Reihung)
  • 6.7 Primärliteratur, Interviews (chronologisch)
  • 6.8 Diskografie (Auswahl)
  • 6.9 Sekundärliteratur mit Bezügen zum Judenauto
  • 6.9.1 Verlagsorte in der DDR und dem übrigen RGW (bis 1990)
  • 6.9.2 Verlagsorte im NSW (bis 1990)
  • 6.9.3 Sekundärliteratur zum Judenauto seit 1991
  • 6.9.4 Blogs zum Judenauto
  • 6.10 Sonstige Sekundärliteratur
  • 6.10.1 Titel vor 1945
  • 6.10.2 Verlagsorte in der DDR und dem übrigen RGW (bis 1990)
  • 6.10.3 Verlagsorte im NSW (bis 1990)
  • 6.10.4 Sekundärliteratur seit 1991
  • 6.11 Rechtenachweise für schriftliche Archivdokumente
  • 6.12 Personenindex
  • 7 Die MP3-CD
  • Reihenübersicht

1    Einleitung

img

Abb. 2:    Franz Fühmann an Harry Fauth (FFA-1228. 1/1/80)

Als Franz Fühmann am Neujahrstag 1980 die zweite, eine der Urfassung folgende Textedition seines Episodenzyklus Das Judenauto (Hinstorff Verlag 1979, im Folgenden J79) erstmals durchblättert, ist er sich im Schreiben an seinen Verlagsleiter der Relevanz, die diese Ausgabe für die Wissenschaft birgt, durchaus bewusst. Seine tiefgestapelte Hoffnung bleibt aber lange unerfüllt, dass ‘irgendwer’ diese Edition mit der Erstausgabe (Aufbau-Verlag 1962, im Folgenden J62) konsequent abgleicht. Die Literaturwissenschaft zumindest ist den vereinzelten Hinweisen auf Textvarianten bisher nicht mit der notwendigen wissenschaftlichen Neugier und Ernsthaftigkeit nachgegangen.

Ohne wissenschaftstheoretischen Vorlauf war für mich schon zu einer Zeit, da an diese ‘Erkundung’ noch nicht zu denken war, die vergleichende Darstellung in einer Synopse mit drei nebeneinander angeordneten Spalten alternativlos, um Quantität und Qualität der Textdifferenzen der Hinstorff-Ausgabe zu – in der Weltbühne, dem Sonntag sowie in einer Anthologie – publizierten Vorabdrucken von knapp der Hälfte der Kapitel sowie zu J62 zu veranschaulichen. Ergänzt werden mussten für diese Fallstudie geeignete “typographische Mittel” (Gärtner 2003:559), um die Synopse platzsparend, übersichtlich und nachvollziehbar zu gestalten. Dass damit ein geforderter wissenschaftlicher Standard eingelöst wurde, konnte ich seinerzeit nicht ahnen:

Der Herausgeber eines der Zensur unterworfenen Textes darf sich nicht darauf beschränken, den ursprünglichen Text zu restituieren und die Zensureingriffe als Fremdvarianten auszuscheiden oder im Apparat zu verstecken. Er muß vielmehr nach geeigneten Darstellungsformen suchen, um die Spannung zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung des Autors und seines Textes sichtbar zu machen. (Kanzog 1988:324f.)

Aus der Zensurforschung sind mir für seit Mitte des 20. Jh. veröffentlichte Prosa nur zwei editionswissenschaftliche Untersuchungen mit textkritischer Methode – beide (!) zu Fühmann-Texten – bekannt geworden: ← 17 | 18

   Dem DDR-Textologen6 Siegfried Scheibe bleibt es vorbehalten, 1988 wohl die erste “synoptische Variantendarstellung bei komplizierter Prosaüberlieferung” für Gegenwartsliteratur vorgelegt zu haben. In einem Aufsatz präsentiert er (beispielhaft für die ersten drei Seiten des vierten Kapitels) eine von ihm rekonstruierte Urfassung des Judenautos. Der Editionswissenschaftler erfasst dazu sämtliche Textzeugen (alle hand- und maschinenschriftlichen Überlieferungen) als Varianten, die er in untereinander stehenden Zeilen vollständig zur Kenntnis gibt (vgl. Scheibe 1988b:154–186).7 Die Textdifferenzen zum Erstdruck J62 werden nicht präzise auf den Beispieltext bezogen konkretisiert, sondern kursorisch für den gesamten Erzählband im erläuternden Begleittext benannt. Scheibe versteht seinen Aufsatz als Debattenbeitrag zur Entwicklung “verbindlicher […] editorischer Grundmodelle” (140f.); das ‘Beispiel Judenauto’ dient ihm dabei zur konkretisierenden Veranschaulichung.

   Der Österreichische Literaturwissenschaftler Eberhard Sauermann beschränkt sich in seiner Analyse der “Ausgaben von Fühmanns Trakl-Essay[8]” (Sauermann 1992:90–202) auf Zitate aus einigen Textzeugen (eine frühe und eine Endfassung, eine Abschrift und mehrere Druckvorlagen). Ihnen stellt er alle neun Veröffentlichungen gegenüber und erläutert in chronologischer Reihung die jeweiligen Differenzen (Titel, Kapitelein- und Raumaufteilung, Erweiterungen, Verkürzungen und Korrekturen), ohne die Textzeugen und/oder Ausgaben vollständig und präzise miteinander abzugleichen. Auch Sauermann sieht seine “Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte […] unter dem Blickwinkel einer künftigen Edition” (219).

Da sich mein Erkenntnisinteresse (zunächst) – unterhalb der Schwelle editionswissenschaftlicher Analyse – auf den präzisen Abgleich der publizierten Textfassungen beschränkte, erschien die Spaltensynopse als die ‘geeignete Darstellungsform’, mit der die Textdifferenzen übersichtlich erfasst und die ‘Spannung zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung’ vollumfänglich sichtbar gemacht werden konnten.

Durch die unerwartete Fülle relevanten Archivmaterials zur Genese des Judenautos sowie den – als kleine Sensation zu wertenden – unmittelbaren Zugriff auf sämtliche Vorarbeiten Scheibes zu einem historisch-kritischen Editionsprojekt, das er aus persön ← 18 | 19 lichen Gründen nicht mehr veröffentlichen konnte, erschien mir als Unterfütterung der Synopse eine Ausweitung des Projekts über die literaturwissenschaftliche Problemstellung hinaus unabwendbar. Daher werden in der vorliegenden ‘Erkundung’ außerdem folgende Aspekte untersucht:

   Scheibes Konvolut birgt zum einen zwei bisher unbekannte Textschichten: Die von ihm rekonstruierte, 1962 dem Aufbau-Verlag übergebene Urfassung mit dem Titel ‘Tage. Ein Sonett in Berichten’ (im Folgenden T62/78), die entgegen seiner eigenen Erwartung von Hinstorff nicht ohne Texteingriffe als J79 veröffentlicht worden ist, sowie eine 1977 vom Autor überarbeitete Fassung (im Folgenden J77) der Hälfte der im Judenauto versammelten Erzählungen, von Fühmann als “Beute für die Wissenschaft” qualifiziert (zit. S. 92). Beide Zeugen können in die Spaltensynopse integriert werden, machen allerdings für den Synopsentext einen Wechsel ins Querformat unvermeidlich. Darüber hinaus deckt Scheibe, dem Fühmann sämtliche Das Judenauto betreffenden Tagebucheinträge zur Verfügung gestellt hat, in seinen textologischen Vorarbeiten nicht nur wichtige Details zur Entstehungsgeschichte auf, er legt (vom Autor für die Urfassung wieder gestrichene) Textschichten frei, nach deren Kenntnis manche Gewissheiten in Fühmanns Œuvre (z.B. die ‘Kunde von Nürnberg und Auschwitz’; zit. S. 98) neu zu bewerten sind.

   Das Judenauto ist nicht nur als Zensurfall für die Wissenschaft von Bedeutung. Die der Synopse vorangestellte Editionsgeschichte (Kapitel 2) belegt auf der Basis von ca. 250 Quellen aus sieben Archiven den Erzählanlass für den Text (ein Treffen von Vertriebenenverbänden 1960 in Westberlin erlebt der Autor mit bestürzender Fassungslosigkeit), Fühmanns Arbeitsweise, seine Zerwürfnisse mit Verlagen in Ost und West sowie seinen wachsenden Zweifel am politischen System der DDR. Sie markiert aber auch den hohen Stellenwert, den das Judenauto für den Autor als Bezugstext für spätere Arbeiten, bei Lesungen vor Publikum und in Interviews bis zum Lebensende immer wieder einnimmt.

   Die Analyse der Rezeptionszeugnisse, die parallel zur Editionsgeschichte abgehandelt wird, spiegelt einen Gemeinsamkeiten und Differenzen aufweisenden Umgang in den beiden deutschen Staaten mit dem Text jemandes, der schon 1962 beim Zwiebelhäuten seine Täterschaft im Nationalsozialismus bekennt. Paradigmatisch erscheint dabei der Stellenwert der Titelepisode Das Judenauto, die auf der östlichen Seite des ‘Eisernen Vorhangs’ eher verheimlicht und im Westen seit den 70er Jahren in der Debatte um die Verstrickung der Vätergeneration zunehmend als richtungweisender Text entdeckt wird und in manchem Literaturkanon landet.

   Die Text- und Variantenanalyse (Kapitel 4) legt schließlich eine erinnerungskulturelle Sicht des Autors auf die Verbrechen der Wehrmacht, den Vernichtungsfeldzug gegen den Bolschewismus, Zwangsarbeit und Raubbau sowie den Alltagsrassismus frei, wie sie sich erst seit den 90er Jahren langsam und gegen erheblichen Widerstand auch aus Politik und Wissenschaft im kollektiven Gedächtnis der gesamtdeutschen Mehrheitsgesellschaft durchzusetzen beginnt. Aufmerksam zu machen ist aber auch auf eine vom Autor getilgte Textvariante, in der er sich der Unmittelbar ← 19 | 20 → keit des Holocaust bedenklich nähert, sowie auf zwei für Fühmanns Wandlung entscheidende Lebensabschnitte, die im Judenauto trotz früh entstandener Skizzen Leerstellen geblieben sind und die Fühmann auch später literarisch nicht zu bewältigen vermochte.

   Ein Serviceteil mit dem unerreichbaren Ziel höchstmöglicher Vollständigkeit komplettiert die ‘Erkundung’: In der Dokumentation in Kapitel 5 werden neben den vier von Fühmann entworfenen Kapitelkonzeptionen für das Judenauto

       87 deutsch- und fremdsprachige Textausgaben und Hörfassungen im Kontext ihrer Veröffentlichung erfasst und damit von der Literaturwissenschaft bisher unbeachtet gebliebene Rezeptions- und Interpretationsansätze wiedergegeben,

       die (alle?) zeitnah zu den Editionen erschienenen Abstracts (unkommentierte Inhaltsangaben) und Rezensionen gelistet,

       erstmals die fünf Gutachten aus dem in der DDR obligatorischen Druckgenehmigungsverfahren öffentlich gemacht.

   Die abschließenden Verzeichnisse in Kapitel 6 sind so angelegt, dass bei Bedarf ein unkomplizierter Zugriff auf Archiv-, Literatur- und Audioquellen möglich sein sollte.

Der für diese Arbeit gewählte Terminus ‘Erkundung’ betont deren fragmentarischen Charakter, denn nach editionswissenschaftlichen Kriterien liegt hier keine alles umfassende “historisch-kritische Ausgabe” vor, die “eine Anzahl von Wissenschaftlern über eine Reihe von Jahren bindet” und ausnahmslos alle Textzeugen (Manus- und Typoskripte, Drucke) und Materialien erfasst, beschreibt und bewertet. Statt dessen wird hier eine thematisch auf den Aspekt der Zensur fokussierte historisch-kritische “Studien-Ausgabe” (Scheibe 1971:17) vorgelegt. Mit ihr wird keine neue Edition des Judenautos herausgegeben, die nach historisch-kritischer Prüfung der Varianzen zwischen den Textzeugen eine repräsentative Neuausgabe vorstellt; allerdings könnten mögliche Herausgeber*innen einer neuen Edition prüfen, welche Textversion – in Kenntnis der in dieser ‘Erkundung’ vorgestellten Ergebnisse – für Franz Fühmanns Werk Das Judenauto als angemessen gelten kann.

Trotz der thematischen Beschränkung auf eine ‘historisch-kritische Erkundung’ ist ein umfangreicher Band entstanden, in dem quantitativ die Wiedergabe von Quellen dominiert, die – um leere Seiten vor den Synopsenkapiteln zu vermeiden – auch über das Buch verstreut zur Kenntnis gegeben werden, was den Lesefluss etwas mindert. Nicht zuletzt deshalb habe ich mich für die in der Literaturwissenschaft immer noch selten genutzte bibliografiebezogene Zitierweise in Anlehnung an die ‘Harvard Notation’ (vgl. Standop/Meyer 2002) entschieden. Bedingt durch das Querformat im Synopsenkapitel können Querverweise zum Synopsentext nicht mit Seitenangaben präzisiert werden; sie werden über die Sigle ‘S[#]:#’ (Synopse [laufende Nummer des Berichts im Judenauto]:Zeile) verortet.

Damit die Form des Quellenmaterials eindeutig nachvollzogen werden kann, gelten im Text sowie in den Fußnoten folgende typografischen Grundsätze: ← 20 | 21

Irrtümer, die sich beim aufwändigen Abtippen der vielen Archivdokumente eingeschlichen haben könnten, sind trotz nachdrücklichen Bemühens um exaktes Zitieren nicht auszuschließen. Allein zur Alternative ‘ss’ oder ‘ß’ haben sich Fühmanns sehr spezielle Schreibgewohnheiten, die 1994 neu geregelte Rechtschreibnorm sowie die automatische Word-Korrekturfunktion in den vorbereitenden Dateien und auf diesen Seiten einen erbitterten Kampf geliefert. Auch beim komplexen synoptischen Abgleich können bei aller Sorgfalt Textdifferenzen übersehen worden sein. Für Fehler bitte ich vorab um Nachsicht.

Ungeachtet einer vergleichweise überdurchschnittlich guten, mit Scheibes Unterlagen überragenden Archivdokumentation des Judenautos bleibt für alle in dieser ‘Erkundung’ von mir gezogenen Schlussfolgerungen – nachdrücklich für neuralgische Punkte in der Editionsgeschichte wie der Lektoratsbesprechung im Aufbau-Verlag (s. Abschnitt 2.4) und Fühmanns Treffen mit seiner Hinstorff-Lektorin zur Absprache über die J79-Textfassung (s. S. 94) – ein Vorbehalt bestehen, den zu betonen mir wichtig ist: Beschreibung, Analyse und Gewichtung der Editionsgeschichte müssen sich ausnahmslos auf die schriftlichen Quellen stützen. Die damals vorrangig handelnden Akteure – Autor, Lektor*innen und Verlagsleitungen bei Aufbau und Hinstorff – können heute zur seinerzeit geführten verbalen Kommunikation, deren Relevanz unstrittig sein dürfte, nicht mehr befragt werden. ← 21 | 22← 22 | 23 →


6       Scheibe verwendet ‘Editionswissenschaft’ und ‘Textologie’ synonym (vgl. 1988b:140). Das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft definiert – mit Bezug auf Hans Zeller ([1987]:156) – Textologie als “textgeschichtlich ausgerichtete Editionsmethode […] Leitend ist dabei die wissenschaftstheoretisch gestützte Auffassung, ‘die Textologie solle die Probleme der Textkonstituierung nicht verstecken, sondern auf sie hinweisen’” (Plachta 2003:611). Aktuell widmet sich die Forschungsgruppe ‘Textologie der Literatur und Wissenschaften’ “der Entwicklung eines erweiterten Textbegriffs, der den jüngsten Diskussionen um Fragen der editorischen Textkonstitution und deren Folgen für die Interpretation Rechnung trägt” (<http://www.textologie.eu>; 8/7/16).

7       Die von Scheibe gewählte Darstellungsform der Zeilensynopse ist in zwei Typoskript-ausschnitten aus seinen Vorarbeiten für das 13. Kapitel erkennbar: Fak. in Abb. 19, S. 475 u. Abb. 20, S. 478.

8       Vgl. Fühmann 1982a.

2    Editions- und Rezeptionsgeschichte

Das Judenauto ist für Franz Fühmann seit dessen 39. Lebensjahr editionshistorisch ein ständiger Begleiter und spiegelt zentrale Aspekte seiner schriftstellerischen Entfaltung im letzten Lebensdrittel, vorrangig die Weiterentwicklung seines poetologischen Konzepts sowie die Suche nach einer verlegerischen Heimat in Ost und West. Während in der mit dieser Arbeit vorgelegten ‘Erkundung’ für die Entstehungsgeschichte der Originalausgabe J62 Anlass und Intention des Werkes sowie die Arbeitsweise des Autors dargestellt werden (Abschnitt 2.2), wird die Textgenese des Judenautos (2.3) auf die wichtigsten “Umschlagspunkte” (Scheibe 1988a:188) konzentriert; nicht zuletzt findet darin auch meine nach der ersten Lektüre des Judenautos aufkeimende Frage eine Antwort, warum in der Episode zum ‘Nürnberger Prozess’ nicht von der ‘Kunde von Nürnberg und Auschwitz’ (zit. S. 98) erzählt wird – dem Axiom, dem sich kein anderer deutscher Schriftsteller mit dieser Unbedingtheit unterworfen hat. Die einzelnen Textzeugen (alle hand- und maschinenschriftlichen Vorarbeiten) können in den von Scheibe erarbeiteten Überlieferungen und Variantenverzeichnissen eingesehen werden, die er der FFSlg. übergeben hat. Die der von den Verlagslektoren gegen den Autor durchgesetzten Originalausgabe (Abschnitt 2.4) folgende, etwa zwei Jahrzehnte andauernde Auseinandersetzung um Neudrucke des Judenautos in Ost wie West in der von Fühmann gewollten Textfassung wird im Kontext der persönlichen und literarischen Entwicklung des Autors umfassend mit ausführlichem Bezug auf das Archivmaterial erläutert. In diesem Abschnitt (2.5) kann gezeigt werden, dass Fühmann mit dem Judenauto für den Weg in den Westen vier Jahre benötigt und dabei eine ganz spezielle Demütigung durch die DDR-Kulturbürokratie erleben muss. Fühmanns Verlagswechsel zu Hinstorff und die Verkettung glücklicher Zufälle bescheren dem Lesepublikum dann eine veränderte Ausgabe des Judenautos, deren Besonderheit und Brisanz der Verlag aber geschickt vertuscht (Abschnitt 2.6).

Die Wirkungsgeschichte des Judenautos wird parallel dazu in Bezug auf die vorgelegten Editionen untersucht und konzentriert sich auf die Vervielfältigung des Textes in Druck- und Tondokumenten im In- und Ausland sowie Rezensionen in den deutschsprachigen Massenmedien. In der Rezeptionsästhetik spiegeln sich gesellschaftspolitische Erscheinungen und Entwicklungen der zweiten Hälfte des 20. Jh.: eine in Diskursfeindlichkeit erstarrende DDR, eine sich aus der restaurativen Erstarrung öffnende BRD, offenkundiger Antisemitismus in sozialistischen ‘Bruderländern’ der DDR.

Auf zwei literaturtheoretische Aspekte, die zu vertiefen den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde (dünnes Eis!), sei vorab hingewiesen:

   Schon sechs Jahre nach J62 sieht sich Fühmann 1968 in einer ‘Nachbemerkung’ zur ersten Ausgabe des Judenautos im Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW)9 ← 23 | 24 veranlasst, unmissverständlich darauf hinzuweisen, dass die Vierzehn Tage aus zwei Jahrzehnten “keine Selbstbiographie” (zit. S. 601 {19}:29f.) darstellen. Mit dieser Klarstellung konnte er allerdings nicht verhindern, dass in der Sekundärliteratur der Erzählband nicht selten wie eine Fundgrube für autobiografisch verbürgte Faktizität genutzt wird.10 In dieser ‘Erkundung’ wird davon ausgegangen, dass Erzählungen mit einem autobiografischen Kern vorliegen, der Ich-Erzähler aber nicht Wirklichkeit abzubilden vorgibt, sondern der Autor mit dem von ihm Erinnerten literarisch arbeitet, ohne eine klare Trennlinie zwischen faktischer Erinnerung und fiktivem Erleben zu ziehen. Fühmann: “Das ‘Ich’ ist ja von der ersten Zeile an nicht der Zehnjährige, der spricht oder zu sprechen vorgibt, sondern unmißverständlich der heute Fünfzigjährige“ (zit. S. 535). Sollte mit der – auch in dieser Arbeit genutzten – “griffigen Neuschöpfung autofiction” für diese “Form autobiographischen Schreibens” (Schaefer 2008:299f.)11 ein angemessener literaturwissenschaftlicher Terminus gefunden worden sein, böte sich Fühmanns Judenauto als geeigneter Bezugstext für eine Diskussion über diesen Gattungsbegriff an.

   Im Gespräch mit Peter Gugisch anlässlich der Veröffentlichung der Studien zur bürgerlichen Gesellschaft (Fühmann 1970d) beklagt Fühmann:

Einmal habe ich oft ein bestimmtes Leiden gehabt mit Genre-Definitionen; ich kann mich entsinnen, daß wir beide auf einer Konferenz gewesen sind, wo man lang und breit gestritten hat, was eine bestimmte Arbeit von mir eigentlich sei: Reportage oder Skizze oder doch Erzählung oder reportagehafte Skizze oder erzählende Reportage und so weiter. Ich fand nun hier, der Nenner, auf den man diese Geschichten bringen könnte, wäre einfach ‘Studien’. (FF/Gugisch 1971)

Entsprechend werden die von Fühmann im Zusammenhang mit dem Judenauto synonym verwendeten Gattungsbegriffe nicht explizit hinterfragt.

2.1    Fühmanns 1962 von ihm verfasster “Lebenslauf”

Ich wurde am 15. 1. 1922 in Rokytnice, C.S.R. als Sohn des Apothekers Josef Rudolf Fühmann und seiner Ehefrau Margarethe Fühmann geboren. Mein Vater starb 1945; meine Mutter lebt mit meiner 1924 geborenen Schwester in Weimar. Eine Tante lebt mit ihren Kindern in der DDR, von weiteren Verwandten fehlt seit 1945 jede Nachricht. ← 24 | 25

Ich besuchte die Grundschule in meinem Geburtsort: 1932 kam ich durch Protektion in das Jesuiteninternat Kalksburg bei Wien, einer Kaderschule des süddeutsch-österreichischen Katholizismus, aus der ich nach vier Jahren davonlief. Anschliessend besuchte ich die Realgymnasien in Liberec und Vrchlabi (C.S.R.) In Vrchlabi machte ich 1941 das Abitur. Unmittelbar darauf wurde ich zum RAD eingezogen und mit einer Einheit, an deren Bezeichnung ich mich nicht mehr erinnere, im Memelgebiet zur Arbeit eingesetzt. Mit dieser Einheit kam ich einige Tage nach dem Überfall auf die Sowjetunion nach Litauen, Lettland und Bjelorussland, wo wir im Strassenbau eingesetzt wurden. Wegen eines Leistenbruchs, der operiert werden musste, wurde ich entlassen und wenige Tage nach der Genesung zur Hitlerwehrmacht, und zwar zur Luftnachrichtentruppe, eingezogen. Ich wurde in einem Ersatzbataillon bei Oppeln ausgebildet und kam im Winter 1941/42 nach der Ukraine zum Luftwaffennachrichtenregiment Kiew, von dort nach wenigen Wochen zum ‘Flughafenkommando Poltawa’ wo ich als Telegraphenbauer, Telephonist und Fernschreiber eingesetzt war. Vorübergehend lag dieses Kommando in Charkow. Im Sommer 1943 wurde ich zur ‘Luftwaffenvermittlung Athen’, Luftnachrichtenregiment 40, versetzt, wo ich wieder als Fernschreiber tätig war. Beim Rückzug vom Balkan zog ich mir eine Phlegmone zu, kam ins Lazarett (Jena, Karlov’y Var’y); am 5.5.1945 wurde ich einer ‘Flakkampfgruppe’ zugeteilt, die tags darauf in Richtung Mähren in Marsch gesetzt wurde und bei der Kunde von der Kapitulation auseinanderlief.

Mein letzter Dienstgrad war Obergefreiter.

Am 8.5. 1945 kam ich in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der ich am 24. 12. 1949 entlassen wurde. Ich war zuerst als Strassen- und Waldarbeiter in einem kleinen Lager im Kaukasus und wurde im Sommer 1946 zur Antifaschule 2040 delegiert, wo ich Kursant, danach als Assistent und später als Lehrgruppenleiter bis zu meiner Entlassung blieb.

Über mein Leben habe ich in meiner Dichtung ‘Die Fahrt nach Stalingrad’ und in dem zur Zeit im Druck befindlichen Band ‘Das Judenauto. 14 Tage aus 20 Jahren’ öffentlich Rechenschaft gegeben; ich glaube darum, mich auf die äusseren Daten beschränken zu können. Ich bin in einer Atmosphäre von Kleinbürgertum und Nazismus aufgewachsen (mein Vater war einer der Gründer der NSDAP in meinem Geburtsort gewesen); ich gehörte dem sudetenfaschistischen ‘Deutschen Turnverein’ seit meinem zehnten Lebensjahr an und trat nach der Okkupation des Sudetengebietes der SA bei. Eine Charge habe ich dort nicht bekleidet. In Hitler und dem Nationalsozialismus sah ich damals die Zukunft Deutschlands. Mit dem Besuch der Antifaschule in der Sowjetunion begann die Wende meines Lebens. Der Sowjetunion und den deutschen, dorthin emigrierten Genossen, verdanke ich es, dass mein Leben einen Sinn bekam. Das Studium des Marxismus-Leninismus liess mich die Triebkräfte des gesellschaftlichen Geschehens begreifen und zeigte mir meinem Platz im Lager des Friedens, des Fortschritts und des Sozialismus.

Bei der Gründung der DDR war ich mir keinen Augenblick im Zweifel darüber, dass sie mein Staat sei. Sie war von Anbeginn mein Staat.

Biographische Angaben

Uwe Buckendahl (Autor:in)

Uwe Buckendahl absolviert nach Abschluss seiner beruflichen Tätigkeit im schulischen Bereich ein Seniorenstudium am Germanistischen Institut der Universität Leipzig.

Zurück

Titel: Franz Fühmann: «Das Judenauto» – ein Zensurfall im DDR-Literaturbetrieb