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Coaching – eine Frage der Theorie?

Die Bedeutung der Coachingansätze für die Coachingpraxis

von Stefanie Godemann (Autor:in)
Dissertation 322 Seiten
Reihe: Bildung und Organisation, Band 28

Zusammenfassung

Die Autorin evaluiert eine Coachingtheorie, die den Ansprüchen von Praxis und Wissenschaft Rechnung trägt. Eine solche muss aus systematischen Entscheidungsmöglichkeiten bestehen, die das praktische Kommunikationsverhalten von Coaches faktisch leiten. Diese sind zwar durch wissenschaftliche Theorie beeinflusst, nicht aber durch sie in dem Sinne geprägt, dass sich in ihnen relativ ungebrochen bestimmte wissenschaftliche Theorien spiegeln. Das führt zu der Annahme, dass die Entscheidungsmöglichkeiten so individuell sind wie die Coaches selbst. Um diese These zu überprüfen, analysierte die Autorin eine Coachingsitzung mit einer Methode, die an die Prinzipien der Objektiven Hermeneutik anschließt und das von Geißler für die Analyse von Coachingprozessen entwickelte Kategoriensystem nutzt.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Abbildungsverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis
  • 1. Einführung
  • 1.1 Vorbemerkung: eigene Erfahrungen zur Zusammenarbeit mit der Coachingpraxis
  • 1.2 Zielstellung der Arbeit
  • 2. Definition von Coaching unter besonderer Berücksichtigung des Einzel-Coachings
  • 3. Zum aktuellen Stand der Coaching-Forschung
  • 4. Professionalität im Coaching – eine Bestandsaufnahme
  • 5. Forschungsdesign
  • 5.1 Das empirische Ausgangsmaterial
  • 5.2 Objektive Hermeneutik als methodologischer Rahmen
  • 5.3 Methodisches Vorgehen
  • 5.3.1 Die Meso-Analysekategorien
  • 5.3.2 Die Schlüsselstellen
  • 5.3.3 Das Kategoriensystem
  • 5.3.4 Die Expertenbefragung
  • 6. Die theoretischen „Heimatgebiete“ der verschiedenen theoretischen Coaching-Ansätze
  • 6.1 Strukturierung der Coaching-Ansätze
  • 6.1.1 Systemisch-konstruktivistische Ansätze
  • 6.1.2 Klientenzentrierte Ansätze
  • 6.1.3 Tiefenpsychologische Ansätze
  • 6.1.4 Kognitiv-behavioristische Ansätze
  • 6.2 Zwischenergebnis
  • 6.3 Clusterübergreifende Relationen der Coaching-Ansätze: Eine Diskussion
  • 6.3.1 Sprache vs. Handlung
  • 6.3.2 Gegenwart im Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Zukunft
  • 6.3.3 Die Coach-Klient-Beziehung
  • 6.3.4 Der Klient zwischen Selbst- und Fremdbestimmung
  • 6.4 Ergebnis
  • 7. Analyse einer ausgewählten Coachingsitzung – Identifikation der Schlüsselstellen unter der Bildung von Entscheidungsalternativen
  • 7.1 Validierung der Codierung durch Paraphrasierung
  • 7.2 Die Schlüsselstellen und ihre Handlungsalternativen
  • 7.3 Ergebnisanalyse der theoretischen Handlungsalternativen im Vergleich zum Meier-Coaching
  • 8. Analyse der Praxisbeispiele
  • 9. Darlegung der Vorgehensweisen im Coaching anhand eines ausgewählten Kategoriensystems: Die untersuchte Coachingsitzung vor dem Hintergrund der theoretischen Handlungsalternativen
  • 9.1 Die rahmensetzende Kommunikationsaktivität des Coaches – A- Dimension
  • 9.2 Die problemlösungssteuernde Kommunikationsaktivität des Coaches – B-Dimension
  • 9.3 Die Verbindung der rahmensetzenden mit der problemlösungssteuernden Kommunikationsaktivität: Die Korrelationen der A- und B-Dimension
  • 10. Diskussion
  • 11. Schlussfolgerung und Ausblick
  • 12. Literaturverzeichnis
  • 13. Weitere Internetquellen
  • 14. Anhang
  • Anhang 1: Transkript Meier-Coaching „Zurück zur Leichtigkeit“
  • Anhang 2: Das Kategoriensystem im Überblick
  • Anhang 3: Standardformulierungen für die „wohlgeformten“ Paraphrasen der A-Dimension

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Abbildungsverzeichnis

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Abkürzungsverzeichnis

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1.   Einführung

„Ein Blick aus den Fenstern des Elfenbeinturms
hinab in die unerschöpflichen Gewässer menschlicher
(Beratungs-)Praxen offenbart bisweilen ein höchst
chaotisches Bild.“ (Birgmeier)

Coaching ist in aller Munde und mehr denn je eine Modeerscheinung unserer Zeit. In einer sich immer mehr diversifizierenden Gesellschaft von Höchstleistern fügt sich Coaching als individuelle Beratungsform optimal ein. Nur einen Haken gibt es: Coaching ist weit davon entfernt, Qualitätsstandards vorzuweisen und sieht sich derzeit einem hohen „Professionalisierungs- und damit auch Formalisierungsdruck gegenüber […]“1 Nicht einfacher macht dies eine Entwicklung, die in den letzten Jahren zugenommen hat: Es existieren bereits viele Coachingansätze und immer noch kommen neue dazu. Ja es herrscht, wie Birgmeier so treffend formuliert, eine „hektische Dynamik“, denn „alles dort unten fließt…und alles dort unten coacht!“2 Und diese Ansätze scheinen alle in einer hohen Konkurrenz zueinander zu stehen. Dies hat mittlerweile zu einem kaum zu überschauenden Wildwuchs von Coachingtheorien geführt. So ist eine trennscharfe Linie zwischen den existierenden Ansätzen schwerlich zu ziehen. Hinzu kommt, dass eine Theorie, die Coaching generell zugrundegelegt werden kann, nicht existiert und sich dieses Fach in einem beständigen Wandel befindet, „aufgrund seines flüssigen Aggregatzustandes einfach nicht stillhalten will.“3 Für Wissenschaftler ist es daher eine große Herausforderung, Coaching (quasi rückwirkend) auf theoretische Füße zu stellen. Diese Herausforderung beginnt bereits mit der Verschwommenheit des Begriffs Coaching, dehnt sich aus auf ← 13 | 14 → das Fehlen eines Berufsschutzes und zieht sich durch das immer unübersichtlicher werdende Angebot an Coachingansätzen. Diese Vielfältigkeit, verbunden mit dem Fehlen von Standards, erschwert eine klare Linie, die der Professionalisierung von Coaching gut zu Gesicht stehen würde. So konstatiert Kühl: „Die Vielfalt von Methoden und Definitionen im Coaching ist Ausdruck einer mangelnden Professionsbildung.“4

Auch Berndt bemerkt in seiner Arbeit über Professionalisierungsbestrebungen im Coaching, dass sich in den Jahren seit Entstehung von Coaching als Beratungsform „zwar gängige Coaching-Praktiken herausgebildet [haben], trotzdem (oder gerade deswegen?) ist diese Beratungsform noch weit vom Status einer Profession entfernt […].5

Die meisten Publikationen der vergangenen Jahre dienten entsprechend eher der Abgrenzung einzelner Coaching-Anbieter und ihres speziellen Ansatzes „als der Konsensbildung bzgl. des Verständnisses von Coaching.“6 In der Coaching-Branche scheint es mehr um eine möglichst weitgehende Diversifikation des Berufes zu gehen als um eine sinngebende Zusammenführung von möglichen Standards, die zu einer Professionalisierung von Coaching führen könnten. Das dabei verfolgte Ziel: „möglichst viel Gelände mit eigenen ,Flaggen‘ zu markieren.“7

Was die Suche nach allgemein gültigen Qualitätsstandards betrifft (siehe Kap. 4 zu Professionalität im Coaching), die zu einer möglichen Professionalisierung des Faches führen könnten, so gestalten sich diese Bemühungen als von außen an den Coachingprozess herangetragen. Dabei stößt man immer wieder auf die Problematik, wie einheitliche Standards implementiert werden können ohne dabei die Individualität von Coaching zu beeinträchtigen.

In den Bemühungen um die Professionalisierung von Coaching kommt es also darauf an, einerseits Ordnung – im Sinne einer konzeptionellen Grundlegung – in das unübersichtliche Geflecht an Coachingansätzen zu ← 14 | 15 → bringen, andererseits ein Coaching „von innen heraus“ zu analysieren und in eine Beziehung zu bringen mit einer geordneten Struktur der theoretischen Ansätze. Greift man im Zuge der Auseinandersetzung den Hinweis von De Haan auf, nämlich die Erkenntnis aus der Wirksamkeitsforschung in der Psychotherapie, dass nachweislich kein Ansatz erfolgreicher ist als ein anderer und dass „in consequence, all of the specific active ingredients identified are common to all professional approaches“8, so kann es bzw. muss es hier weniger um eine Abgrenzung als vielmehr um eine Integration der Coachingansätze gehen.

1.1   Vorbemerkung: eigene Erfahrungen zur Zusammenarbeit mit der Coachingpraxis

Obschon die Professionalisierungsbestrebungen von Coaching noch in den Anfängen liegen, steht es außer Frage, dass Coaches ihre Arbeit professionell gestalten möchten. Daher sollten sie ein hohes Interesse daran haben, an einer wissenschaftlichen Fundierung mitzuwirken. Dies stellte sich im Laufe dieses Forschungsprojekts als äußerst schwierig heraus. Von einem „Hand in Hand“ von Wissenschaftlern und Coaches, wie Birgmeier fast schon romantisch berichtet9, konnte zu Beginn dieser Arbeit nicht die Rede sein. Eine in einem Coaching-Newsletter veröffentlichte Aufforderung zur Teilnahme an der dieser Arbeit zugrunde liegenden Expertenbefragung erfuhr ebenso wenig Resonanz wie das persönliche Anschreiben einer Reihe von etablierten Coaches. Dies ist freilich eine ernüchternde Erfahrung, sollten doch gerade die „professionellen“ Coaches Vorbild und Vorreiter für ihre Zunft sein. Im Laufe des Projektes stellte sich heraus, dass das wissenschaftliche Vorhaben bei den Praktikern im Umfeld der Autorin auf positive Resonanz stieß und das Interesse an den Ergebnissen der Arbeit sehr hoch ist. So war auch die Bereitschaft von einer Reihe von Coaches hoch, im Rahmen der Expertenbefragung Teil dieses Projekts zu sein. Durchaus gibt es also Coaches, die ein Interesse an der wissenschaftlichen Seite von Coaching haben. Wenn aber auch bzw. sogar der Chefredakteur der ← 15 | 16 → Zeitschrift „Coaching-Magazin“ Thomas Webers in der Ausgabe Nr.3/2008 im Rahmen der Bekanntgabe der neuen Rubrik „Wissenschaft“ die lesenden Praktiker mit den Worten beschwichtigt „keine Sorge, wir wollen Sie nicht mit Fachchinesisch oder Sonntagsreden langweilen“10 so ist enttäuschenderweise alles andere als ein professionelles Grundverständnis in Sicht. Es scheint vielmehr, als müssten immer noch Anstrengungen unternommen werden, dass dieses „Hand in Hand“ zu einer von beiden Seiten geteilten Realität wird. Nur wenn Wissenschaft und Praxis an einem Strang ziehen, steht die Professionalisierung vielleicht nicht mehr in allzu weiter Ferne.

1.2   Zielstellung der Arbeit

Es sollte im Interesse jedes Coachs sein, seine Disziplin auf ein theoretisches Fundament zu stellen, will er nicht weiterhin über Risiken und Nebenwirkungen seiner Arbeit mutmaßen. Vielmehr sollte er erklären wollen, was in einem Coachingprozess konkret geschieht, was die Ursächlichkeiten für Veränderungen bei dem Klienten sind, aber vor allem: der Coach muss es auch können! „Wissenschaft ist in dieser Perspektive als eine Art Reflexionsebene für beraterische Praxis zu verstehen.“

Anliegen dieser Arbeit ist es, die „hektische Dynamik“ des Geländeabsteckens zu bremsen und die Akteure dazu zu veranlassen, über Sinn und Zweck dieses übersteigerten Aktionismus nachzudenken. Freilich hat die Ausdifferenzierung dem Image von Coaching nicht geschadet. Jedoch ist es an der Zeit, von dem regen Aktionismus zu einer distanzierten Besonnenheit zu wechseln. Ziel dieser Arbeit ist folglich eine Klärung darüber, welche Bedeutung die Verschiedenartigkeit der vorliegenden konkurrierenden Coachingansätze für die Coachingpraxis hat. Wenn diese Frage beantwortet ist, so liegt es nahe, den Konkurrenzkampf beizulegen und Hinweise sowohl der Wissenschaft als auch der Praxis vorzulegen, was Coaching als spezifische Beratungsform konstituiert.

In diesem Zusammenhang wird auch die Frage nach möglichen Qualitätsstandards gestellt, ohne jedoch konkrete Standards aus dem Untersuchungsmaterial zu generieren, denn dies ist nicht originäres Ziel dieser Arbeit. Wenn, wie Kühl & Galdynski ihr Buch betiteln, Coaching eine Black ← 16 | 17 → Box ist, an dessen Ende Erfolg herauskommt, niemand jedoch genau weiß, wieso eigentlich, wie ist es dann möglich, Qualitätsstandards einzuführen, wie kann man folglich überhaupt von einer reellen Chance der Professionsbildung ausgehen? Im Zusammenhang mit der Zielstellung dieser Arbeit, die Bedeutung der Coachingansätze für die Coachingpraxis darzulegen, wird die Frage gestellt, ob es bestimmte sprachpragmatische Merkmale des Coaches gibt, die als systematische Entscheidungsmöglichkeiten bezeichnet werden können und die mögliche Hinweise auf eine implizite Systematik und damit qualitative Standards geben können.

Geht man, wie in der Einleitung konstatiert, von der Tatsache aus, dass die existierenden Ansätze zueinander in Konkurrenz stehen, so ist anzunehmen, dass diese konkurrierende Vielfalt in irgendeiner Form Konsequenzen für die Praxis hat. Aus dieser Feststellung ergeben sich zwei Hypothesen:

Hypothese 1:

Jede Theorie hat den Anspruch, der Praxis eine klare Orientierung hinsichtlich der Frage zu geben, welche Entscheidungen in konkreten Coachingsituationen zu präferieren sind. Eine große Vielfalt und Konkurrenz unterschiedlicher Theorien muss deshalb dazu führen, dass mit Blick auf konkrete Coachingsituationen eine entsprechend große Vielfalt und Unterschiedlichkeit konkurrierender Entscheidungsempfehlungen bzw. -präferenzen korrespondieren, die sich jeweils auf unterschiedliche Coachingansätze begründen.

Hypothese 2:

Sollte sich empirisch zeigen, dass die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Coachinghteorien nicht zu einer korrespondierenden Unterschiedlichkeit der aus ihnen abgeleiteten Coachingentscheidungen führen, bedeutet das, dass die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Coachingtheorien nicht darin besteht, dass sie unterschiedliche Entscheidungsorientierungen implizieren, sondern dass die Ursache für ihre Unterschiedlichkeit darin besteht, dass sie unterschiedliche Begründungszusammenhänge – für relativ ähnliche Entscheidungsorientierungen – implizieren.

Biographische Angaben

Stefanie Godemann (Autor:in)

Stefanie Godemann hat an der Universität Göttingen Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Personalwirtschaft studiert, ist Diplom Sozialwirtin und ausgebildeter Coach. Als Personalentwicklerin hat sie in verschiedenen Großunternehmen gearbeitet.

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Titel: Coaching – eine Frage der Theorie?