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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit einer egalitären Gesellschaft

Die kritische Rekonstruktion der anti-porn-Debatte im Horizont einer anerkennungstheoretisch profilierten Diskurstheorie

von Anne Weber (Autor:in)
Dissertation XII, 526 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 0.0 Einleitung – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit einer egalitären Gesellschaft
  • i) Pornographie in Zahlen? Zur Belastbarkeit der Empirie und die Rechtslage in Deutschland
  • ii) Mainstreaming Sex und New Pornography?
  • iii) Zwischen sexueller Freiheit, pädagogischen Bedenken und marktwirtschaftlichen Interessen
  • iv) Thesen, Gliederung und philosophisches Selbstverständnis der Arbeit
  • I. Teil – Die historische Genese der Neuen Frauenbewegung und die Kritik an Pornographie als Spitze des Eisbergs mikrosozialer Ungleichheit
  • 1.0 Sexuelle Nahbeziehungen und Gewalt – Profil und Themen der Neuen Frauenbewegung und der Kontext des Anti-Porn-Feminism
  • 1.1 Mythos Frau, Weiblickeitswahn und die Dialektik sexueller Befreiung – Der theoretische Back-Up einer sich international aufstellenden Neuen Frauenbewegung
  • 1.1.1 Consciousness-Raising – Von der theoretischen Grundlegung zur praktischen Umsetzung
  • 1.2 „The Hollow Gains of the Sexual Revolution“ – Das Verhältnis von Gewalt und Heterosexualität als Ausgangspunkt der Pornographie-Kritik
  • 1.3 Konsolidierung und Ausdifferenzierung – Women Against Violence in Pornograpy and Media
  • 1.4 Pornographie als Prototyp der mikrosozialen Gewalt gegen Frauen – Die erste Welle der Kritik
  • 1.4.1 Susan Brownmiller – Pornographie als ‚anti-female propaganda‘
  • 1.4.2 Diana E. H. Russell – Pornographie und die Trivialisierung sexueller Gewalt
  • 1.4.3 Susan Griffin – Pornographie als Angst vor der ‚hidden truth‘
  • 1.4.4 Helen Longino – Die pornographische Verzwecklichung der Frau als ‚fulfillment of male fantasies‘
  • 1.4.5 Zwischen Inspiration und Provokation – Andrea Dworkin und Catherine MacKinnon
  • 1.4.5.1 Andrea Dworkin – Pornographie als Ruhigstellung des Leidens von Frauen
  • 1.4.5.2 Catherine MacKinnon – Pornographie und die Erotisierung von Ungleichheit
  • 1.5 Ein Überblick über die Argumente des Anti-Porn-Feminism und seine handlungspraktischen Forderungen
  • 1.5.1 Pornographie und ihre Produktion
  • 1.5.2 Pornographie und Diskriminierung
  • 1.5.3 Aktiver Protest und praktische Gegenmaßnahmen: Die Ordinances von Minneapolis und Indianapolis
  • 1.5.3.1 Rechtliche Verfügungen in Deutschland? Die PorNO-Kampagne
  • 1.5.3.2 Was ist Pornographie? Die Herausforderung der Definition
  • 1.6 APF in der Kritik – von der Problematisierung der Verbotsforderung bis zu den American Sex Wars
  • 1.6.1 Die liberale Kritik als slippery-slope-Argument
  • 1.6.2 BDSM als Kollaborateur des Patriarchats? Einwände des pro-sex feminism und Probleme der Definition
  • 1.7 Die erste Welle der Pornographie-Kritik und ihre Überhangfragen
  • 1.7.1 Inegalitäre Pornographie? Anne W. Eatons Definitionsverusch als Brücke zu einer Fortsetzung der Pornographie Kritik
  • 2.0 Die zweite Welle der Kritik – Pornographie als Thema philosophischer Analyse
  • 2.1 Speech Acts and Unspeakable Acts – Rae Langtons und Jennifer Hornsbys Pornographiekritik im Horizont der Sprechakttheorie
  • 2.1.1 Die subordinierenden Sprechakte und Pornographie
  • 2.1.2 Silencing und die Autorität von Pornographie
  • 2.1.2.1 Illokutionäres Silencing
  • 2.1.2.2 Sincerity Silencing
  • 2.2 Ein Blick auf die inhaltliche Ebene der Pornographie – Objektivierung und Solipsismus
  • 2.2.1 Objektivierung und Autonomie – Ein Rekurs auf Martha Nussbaums Cluster-Konzept
  • 2.2.2 Pornographie und Projektion – Von der Objektivierung zum Solipsismus
  • 2.2.2.1 Die Einsamkeit des Subjekts – Pornographie, infantile Angst und sexueller Solipsismus
  • 3.0 Die Freiheit des Individuums und Autorität von Pornographie – Kritik und Gegenkritik
  • 3.1 Meinungsfreiheit und Verfassungswidrigkeit – Liberalistische Kritik 2.0.
  • 3.2 Objektivierung als unproblematische Praxis in zwischenmenschlichen Intimbeziehungen?
  • 3.3 Die Frage nach der Autorität von Pornographie als neuralgischer Punkt?
  • 3.3.1 Zur Geltungskraft und Geltungsreichweite von domainbezogenen Bildern
  • 3.3.2 Die Iterabilität von Zeichen – Pornographie als Kritik und Befreiung
  • 3.4 Fiktion und human flourishing – Verbotsforderungen als Absage an die Differenzierungsfähigkeit und als Reproduktion von Stereotypen
  • 3.5 Die Ambiguität von Pornographie und die Unrealisierbarkeit von Verbotsforderungen
  • 3.6 Zwischen Befreiung und Vermachtung – die Frage nach der Autorität als bleibende Herausforderung
  • II. Teil – Zu den Ermöglichungsbedingungen einer egalitären Gesellschaft
  • 4.0 Pornographische Narrative als Handlungsorientierung? Zur empirischen Plausibilisierbarkeit starker Kausalitäts-Thesen und der Autorität von Pornographie
  • 4.1 Die Frage nach der empirischen Verifizierbarkeit starker Kausalität am Beispiel der Diskussion um die Auswirkungen von Gewalt in Filmen und Videospielen
  • 4.1.1 Zur analogen Diskussion der Frage nach einer starken Kausalität in Rahmen der Pornographie-Debatte
  • 4.2 Menschliche Wahrnehmungsprozesse und die Rolle von Stereotypen
  • 4.2.1 Reversibilität und Korrektur? Zur Persistenz von (impliziten) Stereotypen aus wahrnehmungspsychologischer Sicht
  • 4.2.2 Narrative Impact – Zur Persistenz von Stereotypen aus medienpsychologischer Perspektive
  • 4.3 Bilder- und Perspektivenpluralität als Mittel gegen die Autorität von stereotypen Narrativen?
  • 4.3.1 Medien und Internet als Stabilisatoren von Vorurteilen? Die Kulturindustrie-Kritik 2.1
  • 4.3.2 Medienwissenschaftliche Perspektiven auf die Diagnose der Kulturindustrie
  • 4.4 Zur Autorität von Pornographie im Horizont einer Akkumulationsdynamik
  • 5.0 Eine kritische Reflexion auf die Diskurstheorie als Modus Operandi emanzipatorischer Vergesellschaftung
  • 5.1 Zum allgemeinen Kontext und den Zielen der Kritischen Theorie
  • 5.1.1 Die Dialektik der Aufklärung als paradigmatischer Ausgangspunkt der Gesellschaftskritik
  • 5.1.2 Von der Kritik an Totalität zur Totalität der Kritik
  • 5.1.3 Die Verkennung der Moderne und deren Fortsetzung unter kommunikationstheoretischen Vorzeichen
  • 5.2 Detranszendentalisierte Vernunft und Intersubjektivität – Das Projekt der Moderne zwischen Kant und Hegel
  • 5.3 Universalpragmatik und Sprechakttheorie – Die Grundlagen diskursiver Verständigungsorientierung
  • 5.4 Kommunikatives Handeln und die Handlungstypen
  • 6.0 Zwischen detranszendentalisierter Vernunft und Kolonialisierung der Lebenswelt – Die Diskurstheorie als Realisierung des emanzipatorischen Erkenntnisinteresses
  • 6.1 Erkenntniskritik und Diskurstheorie
  • 6.1.1 Zum schwachen Status der Diskursregeln und dem Konsens als kontrafaktischem Ideal
  • 6.1.2 Zur Geltungs- und Orientierungskraft diskursiver Urteile
  • 6.2 Die Diskurstheorie in der Kritik
  • 6.2.1 Der Diskurs als Ort von Herrschaft? Unparteilichkeit zwischen Formalismus und Präjudizierung
  • 6.2.2 Der konkrete Andere – Diskursive Gerechtigkeit zwischen symmetrischer und asymmetrischer Verantwortung
  • 6.2.2.1 Die abstrakte Andere – Zur feministischen Kritik an einer reziprok ausgelesenen Gerechtigkeit
  • 6.2.2.2 Asymmetrische Gerechtigkeit? Zur Dekonstruktion des modernen Gerechtigkeitsverständnisses
  • 6.3 Emanzipation unter Spannung – Zum Profil kommunikativer Rationalität als pars destruens und pars construens egalitärer Ansprüche
  • 6.3.1 Übersetzung, Mehrsprachigkeit und Dynamik – Forderungen kommunikativer Rationalität
  • 6.4 „Lebenswelt und System“ und die pathologische Gefährdung kommunikativer Vergesellschaftung
  • 6.5 Die Entkopplung als Ursache sozialer Pathologien? Mediatisierung, Kolonialisierung und Fragmentierung des Bewusstseins
  • 6.6 Zur Rolle der Diskurstheorie für die Gesellschaftsanalyse
  • 6.6.1 Die gläserne Hintergrundideologie – Zur Erkennbarkeit von pathologischen Entwicklungen
  • 6.6.2 Zur Dominanz kommunikativer Handlungsimperative in der Lebenswelt – Axel Honneths Kritik als Verschärfung der Motivations-Frage und des Dezisionismus-Verdachts?
  • 6.7 Die entgegenkommenden Lebensformen als Ausweis der Vorrangigkeit diskursiver Praxis?
  • 6.7.1 Die Ressource Ich-Identität und Sozialisation
  • 6.7.2 Die Ressource Recht
  • 6.7.3 Die Ressource Religion
  • 6.7.4 Die Vorgängigkeit des kommunikativen Handels – zur Zirkularität einer kommunikativen Plausibilisierung
  • 6.7.4.1 Die intersubjektivitätstheoretischen Implikationen der Diskurstheorie als Ausgangspunkt einer anerkennungstheoretischen Ergänzung?
  • 7.0 Die Grundlagen der Anerkennungstheorie bei Axel Honneth
  • 7.1 Anerkennung – ihre Sphären, Beziehungen und Kämpfe
  • 7.2 Missachtungserfahrungen als Verdinglichung? Von der situativen Anerkennungsverweigerung zur umfassenden Anerkennungsvergessenheit
  • 7.2.1 Zum Vorrang der Anerkennung
  • 7.2.2 Instrumentalisierung – Verfehlte Anerkennung als habitualisierte Verdinglichung
  • 7.3 Soziale Anerkennung, Ich-Entwicklung und Diskurstheorie – Eine Ergebnissicherung in zwei Teilen
  • 8.0 Das harm-Potential von Pornographie im Horizont der Pathologiediagnosen einer anerkennungstheoretisch profilierten Diskurstheorie
  • 8.1 Die Interdependenz von Geschlechterstereotypen, kulturellen Narrationen und Mainstream- Pornographie
  • 8.1.1 Verdinglichung und Selbstverdinglichung
  • 8.2 Pornographie als Verstetigung von Anerkennungsvergessenheit und Depotenzierung diskursiver Egalität
  • 8.3 A Never Ending Story – Die Aktualität der feministischen Kritik an Pornographie
  • 8.3.1 ‚Green Porn’? Handlungsmöglichkeiten zwischen Verbot und Counter Speech
  • 8.3.2 Epilog – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit einer egalitären Gesellschaft
  • 9.0 Literaturverzeichnis
  • Reihenübersicht

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0.0 Einleitung – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit einer egalitären Gesellschaft

Wenn man die Diskrepanz zwischen der Selbstverständlichkeit der Gleichberechtigung als Grundsatz und den realen Verhältnissen zur Kenntnis nimmt, so wird klar, dass Gleichberechtigung beileibe noch nicht erreicht ist und der Gleichberechtigungsartikel des Grundgesetzes kein Selbstläufer ist. Die tatsächliche Durchsetzung gerechter oder gerechterer Geschlechterverhältnisse muss nicht nur staatlich, sondern auch gesellschaftlich aktiv gefördert werden.“1

Erwähnt man, dass die eigene Promotion sich mit der Fragestellung befasst, inwieweit die Produktion und der Konsum pornographischer Inhalte in einen Zusammenhang mit den gegenwärtigen Entwicklungen spätmoderner Industrienationen gestellt werden kann und, wie sich ein solcher Zusammenhang unter den Vorzeichen philosophischer Analyse auswerten lässt, dann wird man entweder mit einem verständnislosen Lächeln bedacht, oder aber erntet rigorose Kritik. Denn – so einer der Hauptvorwürfe – hätten doch ‚Alt-Feministinnen‘ sich mit solcherlei Annahmen bereits in den Siebzigerjahren ausreichend blamiert und, wenn man ehrlich sei, könne ein solches Thema darüber hinaus sicherlich nichts für die Philosophie austragen. Überhaupt sei doch offensichtlich, dass jede kritische Auseinandersetzung mit Pornographie, ihrem Konsum, ihrer Verbreitung und ihren möglichen Auswirkungen schnell moralinsauer zu werden drohe und auf die ein oder andere Weise die sexuelle Selbstbestimmung kompromittiere.

Solche Reaktionen speisen sich häufig aus der Annahme, es gehe mir mit der Arbeit notwendig darum, den Pornographie-Konsum bzw. alle damit verbundenen (sexuellen) Verhaltensweisen als grundsätzlich negativ, gefährlich oder schädlich zu stigmatisieren. Sie verarbeiten unterschwellig eine Form feministischer Generalisierung, wie sie besonders für die ersten Phasen der feministischen Kritik an (Gewalt-)Pornographie charakteristisch war. Bereits früh sahen sich diese Positionen ob ihrer häufig apriorischen Beschuldigungen und der z.T. radikalen (Verbots-)Forderungen allerdings besonders von liberalen Stimmen ← 1 | 2 → mit Widerspruch konfrontiert. Weil sich jedoch auch viele dieser Gegenstimmen als ideologisierende Allgemeinurteile entpuppt haben, erweisen sich solcherlei Annahmen für eine differenzierte Analyse insgesamt nicht als hilfreich.

Vor dem Hintergrund der mit dem Thema verbundenen, häufig polemischen Polarisierungen, gilt es in dieser Einleitung deshalb zum einen ein grundsätzliches Problembewusstsein dafür zu erzeugen, dass die Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen Pornographie bzw. dem Konsum pornographischen Materials und spezifischen Entwicklungen in spätmodernen Gesellschaften bzw. den dort aktivierten Rollenbildern, weder eine redundante, noch eine überholte Fragestellung ist. Zum anderen will ich im Blick auf Zahlen, Konsumverhalten und Umsatz darauf aufmerksam machen, dass Pornographie alleine hinsichtlich ihrer Quantität einen markanten Teilbereich (pop)kultureller Narrative ausmacht. Weniger will diese Arbeit also als Wiederaufwärmung eines feministischen Generalverdachts verstanden werden, denn als Versuch darauf aufmerksam zu machen, warum dieses Thema in den Zuständigkeitsbereich der praktischen Philosophie bzw. philosophischen Gesellschaftskritik fällt und somit auch für den problemsensiblen Gegenwartsdiskurs von bleibender Aktualität ist. Vor dem Hintergrund dieser Profilierung soll die Arbeit dabei helfen, solche Zusammenhänge zu identifizieren, die die Realisierung einer egalitären Gesellschaft gefährden oder blockieren können. Damit eingeschlossen ist einerseits die Überzeugung diese Realisierung nur gewährleisten zu können, wenn sowohl Frauen, als auch Männer (und alle anderen Geschlechter) gleichberechtigt sind und zudem gemeinsam für diese Egalität einstehen – auch wenn es bedeutet bequeme Gewohnheiten und kulturell habitualisierte Stereotype aufzubrechen. Andererseits ist sie sich dabei dennoch ihrer Grenzen bewusst, d.h. dem Umstand, dass sie sich im wissenschaftlichen Anspruch an einen akademischen Diskurs bindet und somit lediglich einen spezifischen Teilbereich der komplexen Lebensweltdynamiken in den Blick nehmen kann. Im Horizont dieser Begrenzung wird es umso wichtiger, die gewonnen Erkenntnisse kritisch und zugleich sensibel in den öffentlichen Diskurs zu übersetzen – denn nur dadurch kann die Forderung nach Gleichberechtigung mittelfristig als Forderung einer demokratischen Gesellschaft in der Sozialgemeinschaft, wie auch beim Einzelnen verinnerlich werden.

i) Pornographie in Zahlen? Zur Belastbarkeit der Empirie und die Rechtslage in Deutschland

Um einen ersten, quantitativen Einblick in die ‚Welt der Pornographie‘ zu ermöglichen, will ich im Folgenden zunächst einmal (aktuelle) Zahlen zu Konsum, Verbreitung und Frequentierung vorstellen und darüber hinaus kurz den ← 2 | 3 → rechtlichen Rahmen, in dem Pornographie bzw. die Verbreitung pornographischer Schriften in Deutschland behandelt wird, erläutern:

Diese hardfacts zu Pornographie-Konsum, Verbreitung und Umsatz sind dabei durch einzelne Umfragen und Studien, sowie Analysen des Datenverkehrs in den USA und z.T. auch in Deutschland zusammengetragen. Beachtet werden muss dabei zum einen, dass solche Statistiken immer im Horizont eines bestimmten Erkenntnisinteresses erstellt und aufbereitet worden sind, d.h. die Daten sich trotz der Quellenangaben nicht als uneingeschränkt belastbar erweisen.2 Folgt man der Diagnose Silja Matthiesens von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), so hat sich die empirische Forschung der letzten 50 Jahre auf die Wirkung von Pornographie beschränkt,3 wobei sich in diesem Zusammenhang drei unterschiedliche Schwerpunktsetzungen identifizieren lassen. Neben den zensurkritisch motivierten Studien, oder solchen, die einen „männerkritischen“4 Schwerpunkt setzen und in die Zeit des new wave ← 3 | 4 → feminism fallen, haben in den letzten Jahren besonders auch Analysen des Phänomens entlang mediensoziologischer bzw. medienpädagogischer Fragestellungen zugenommen. Solche Studien bzw. ihr Rezeption zeichnen sich nach Matthiesen oft dadurch aus, dass sie einen populärwissenschaftlichen Charakter haben und durch mediale Multiplikatoren bzw. eine entsprechend provokative Berichterstattung, Aufregung bei Eltern und Erziehungsberechtigten erzeugen.5 Es muss nicht nur im Blick auf diese Diagnose, sondern auch hinsichtlich der unterschiedlichen, sich über die Zeit verändernden Messmethoden deshalb zum anderen mit aller Nachdrücklichkeit betont werden, dass die (empirischen) Daten kaum Rückschlüsse auf das faktische Konsumverhalten von Einzelpersonen ermöglichen.6 Da es sich zudem als schwierig herausgestellt hat aktuelle, ← 4 | 5 → wissenschaftliche Studien zum Thema zu finden und nur wenige Vergleichsdaten vorliegen,7 lassen sich kaum repräsentative Aussagen über die Wirkung von Pornographie auf (konkrete) Einzelpersonen formulieren.8 Vor diesem Hintergrund will die folgende Tabelle also weniger in den Chor der phasenweise aufkommenden Hysterie zu den Fragen nach Pornographie als Ursache einer zunehmenden Verrohung oder Sexualisierung ein- bzw. einen solchen neuerlich anstimmen. Vielmehr gilt es zunächst einmal eine Übersicht über die gegenwärtigen Webtraffic-Analysen zu geben. Sie hat demnach deskriptiven Charakter. Gleichzeitig verdeutlicht sie dabei aber eben auch, dass Produktion Distribution und Konsum von pornographischen Medien kein punktuelles, auf bestimmte Regionen beschränktes Phänomen ist, sondern weltweit und regelmäßig stattfindet und zudem ein bedeutender Wirtschaftsfaktor ist. Es muss auch bei diesen Daten jedoch betont werden, dass es sich bei allen Angaben um Schätzungswerte handelt. Sie gelten für 2016 und sind größtenteils von der Pornoseite Pornhub veröffentlicht. Abweichende Jahresangaben sind in Klammern gesetzt:9 ← 5 | 6 →

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Abb. 1: Übersicht über die weltweit beliebtesten Suchkategorien auf der Pornoseite Pornhub13

illustration

Neben der tabellarischen und visuellen Darstellung lässt sich über die Auswertung der Webtraffic-Daten insgesamt zudem für die Seite Pornhub zeigen, dass die ersten sieben Länder in denen proportional die meisten Besuche auf pornographischen Webseiten gezählt werden konnten die USA, UK, Indien, Kanada, Deutschland, Frankreich und Australien für das Jahr 2015 und die USA, UK, Kanada, Indien, Japan, Frankreich und Deutschland für das Jahr 2016 sind. Die meiste Zeit auf Pornoseiten (12 Minuten und 45 Sekunden) verbringen dabei PhilippinerInnen. Das Durchschnittsalter beträgt 35 Jahre. Soweit sich das Geschlecht der BesucherInnen feststellen lässt, schauen im Schnitt 20–30% Frauen und 70–80% Männer Porno-Videos im Internet an, wobei 61% der Videos auf Smartphones, 28% auf PCs und 11% auf Tablets aufgerufen wird. Laut Pornhub suchen dabei Russland, Argentinien und Frankreich unter dem Stichwort ‚Anal‘ ← 8 | 9 → nach pornographischen Medien. In Nordamerika, Australien und dem UK u.a. ist die beliebteste Suchkategorie ‚Lesbian‘ und in Deutschland, Mittelamerika, Indien und Schweden ist es ‚Teen‘. In Zentral- und Südafrika erweist sich ‚Ebony‘ als beliebteste Kategorie und in Thailand, China und Japan ‚Hentai‘. Für 2016 lässt sich laut Pornhub zudem ein traffic-Trend wahrnehmen, der nahelegt, dass Pornovideos mit Fantasy- oder Anime-Elementen an Beliebtheit zunehmen und zudem seit April 2016 auch die Virtual Reality Videos mit den entsprechenden digital devices genutzt werden.14 Obgleich es keine genauen Angaben zum tatsächlichen Umsatz der Porno-Industrie gibt, so scheinen die Einnahmen in den Jahren 2013–2015 aufgrund der großen Anzahl des im Internet frei zugänglichen Materials insgesamt rückläufig. Nur rund 20% der Konsumenten geben an für das von ihnen in Anspruch genommene Material im Internet zu bezahlen.15 Dennoch steigt der Webtraffic auf den einschlägigen Seiten, Filehostern und Tubes (wie z.B. Xvideos, Youporn, Tube8, Xhamster, Pornhub u.a.) insgesamt stetig an und analog dazu ebenso der Konsum.

Es lässt sich im Blick auf die Untersuchungen des BZgA für Deutschland zum Thema Jugend, Sexualität und Pornographie darüber hinaus sagen, dass Pornographie – auch wenn von Jungen deutlich mehr genutzt als von Mädchen – mittlerweile selbstverständlich zur sexuellen Umwelt Jugendlicher gehört. Die Präferenzen der 14–18-Jährigen können dabei insgesamt als „konventionell und heterozentriert“ beschrieben werden.16 Interessant sind die Ergebnisse des BZgA ← 9 | 10 → nicht nur aufgrund der qualitativ anstatt quantitativ erhobenen Informationen, sondern weil die Tatsache, dass pornographische Inhalte auch für Jugendliche so leicht zugänglich sind, in Widerspruch zur deutschen Rechtslage steht.

So erklärt das StGB §184, dass die Aushändigung von pornographischen Schriften an Jugendliche unter 18 Jahren mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe (bis zu einem Jahr) geahndet wird.17 Der Gesetzgeber verbietet darüber hinaus in StGB § 184a die Verbreitung von sogenannten gewalt- oder tierpornographischen Schriften, sowie in StGB § 184b-c Verbreitung, Erwerb und Besitz von kinder- und jugendpornographischen Schriften.18 Der Vertrieb und Besitz von dieser sogenannten harten Pornographie, sowie Kinder- und Jugendpornographie sind nach deutschem Gesetz also auch für Erwachsene verboten und werden strafrechtlich verfolgt. Im Blick auf einfache Pornographie schreibt das Jugendmedienschutzgesetz (JuSchG) zudem in Deutschland vor, dass die Verbreitung pornographischer Inhalte im Internet durch ein Altersverifikationssystem (AVS) gesichert werden muss, d.h. die Einsicht und Zugänglichkeit für Jugendliche blockiert werden soll. ← 10 | 11 →

Unabhängig davon, ob das AVS den Besuch von pornographischen Seiten de facto einschränkt, so verstoßen Seiten ohne eine solche Altersabfrage de iure gegen geltendes deutsches Recht. Es bedarf natürlich keiner größeren Medienkompetenz, um zu merken, dass diese Regelungen im Blick auf den rein appellativen Charakter des JuSchG in der europäischen Union, sowie die Möglichkeit die AVS zu umgehen, die Zugänglichkeit von Pornographie nicht einschränken. Darüber hinaus sind die Webseiten häufig auf ausländischen Servern gespeichert, so dass sie nicht von den in Deutschland geltenden Regelungen betroffen sind bzw. nicht im Rahmen des deutschen Gesetzes strafrechtlich verfolgt werden können. Demnach sind sowohl einfache als auch harte Pornographie für über 18-Jährige ebenso wie für Kinder und Jugendliche (relativ) frei zugänglich. Selbst wenn es möglich wäre, die Verbreitung von sog. harter Pornographie (europa- oder weltweit) strafrechtlich zu verfolgen, erweist sich die Beurteilung, was unter Gewaltdarstellungen genauer hin zu verstehen ist bzw. was ein jugendgefährdender Inhalt sein soll, als schwierig.19 Mit der (Un-)Möglichkeit diese Unterscheidung letztgültig treffen zu können, steht und fällt aber zugleich natürlich die Legaldefinition dessen, was der Gesetzgeber als einfache und harte Pornographie bestimmt. Zwar lassen sich im Blick auf die gefestigte Rechtsprechung unterschiedliche Kriterien identifiziert, entlang derer pornographische Inhalte als jugendgefährdend qualifiziert wurden.20 Allerdings sind diese Kriterien durch die Rechtslage nicht gedeckt. ← 11 | 12 → Was im Letzten also als rechtswidrig bestimmt werden kann, muss in Einzelfällen entschieden werden, so dass den Betreibern und Distributionsquellen von pornographischem Material im Internet insgesamt ein relativ großer Handlungsspielraum eröffnet wird.21 Mit anderen Worten entsteht aus den rechtlichen Unschärfen und der fehlenden internationalen Einigkeit eine rechtliche Grauzone, die es erlaubt – gemäß der Nachfrage-Angebot-Regeln – pornographisches Material weitestgehend ungehindert im Netz zirkulieren zu lassen. Um einen kurzen Einblick in die große Diskrepanz zwischen den de iure vorgesehenen (Schutz)Bestimmungen22 und dem im Internet diese Bestimmungen de facto unterlaufenden Material zu geben, seien hier nur einige der fast 33.800.000 Ergebnisse wiedergegeben, die die Suchmaschine Google anbietet, wenn man die Begriffe ‚violent porn‘ oder ‚rape fuck‘ eingibt und damit – aus der Perspektive deutschen Rechts – verbotene Kategorien abfragt:

violent-porn.com

youpornhq.com

forcedsextube.com

xnxx.com/violent

forcedfuck.org

forcedporntube.com

raped.ws

pornrapetube.com

myrapeporn.com ← 12 | 13 →

kink.com

xvideos.com/tags/knife

facefucking.com

In einem den Inhalt der Seite ankündigenden blurb heißt es:

Dem entspricht ebenso eine 2010 durchgeführte Studie, bei der 304 Szenen aus 275 der best-selling Porno-Filme auf sexuell aggressives Verhalten untersucht worden sind. Das Ergebnis ist dabei, dass 88,2% der Szenen physische und 48,7% verbale Gewalt enthalten, die sich in 94,4% der Fälle gegen Frauen richtet.24 Für die Google-Suche: ‚teenage fuck‘ sind ca. 80.500.000 Ergebnisse zusammen gekommen:25

teensexwhores.com

teenfucktory.com ← 13 | 14 →

youngjizztube.com

younggirls-sex.com

teenslush.com

fruits-depot.com

Hier heißt es in einem der Advertisements:

Ohne diese Ergebnisse weiter kommentieren zu wollen wird zumindest deutlich, dass die rechtlichen Regulierungsversuche für die Distribution und Zugänglichkeit von pornographischem Material im Internet nichts auszurichten vermögen. Auch wenn es in dieser Einleitung nicht darum gehen soll für oder gegen eine Verschärfung gesetzlicher Maßnahmen zu plädieren, so wirkt die gegenwärtige Gesetzeslage zur Regulierung von Pornographie – besonders weil die Regelungen lediglich auf nationaler Ebene adressiert sind – im Blick auf die angegeben Zahlen zu Webtraffic und der – trotz Krisen bestehenden – festen ökonomischen Größe von Pornographie, wie die von Ulrich Beck diagnostizierte „Fahrradbremse an einem Interkontinentalflugzeug“27. ← 14 | 15 →

ii) Mainstreaming Sex und New Pornography28?

Wie auch andere quantitative Studien, sagen diese Zahlen und Angaben zur Rechtslage gleichsam weder etwas über mögliche negative, noch positive Effekte von Pornographie aus.29 Insgesamt scheinen mir bei aller Unsicherheit über genaue Daten und mit aller Vorsicht hinsichtlich der Möglichkeit aus deskriptiven Ergebnissen normative Rückschlüsse zu ziehen, zumindest jedoch drei Trends erkennbar zu sein:

Erstens existiert eine große Anzahl an (frei zugänglichen) pornographischen Inhalten im Internet, die stetig wächst und sich – im Blick auf die im Rahmen von Nachfrage und Angebot abgefragte Diversität – durch dynamische, schnell verändernde Domains und Genres auszeichnet. So hat die Zahl der Pornographie konsumierenden Frauen in den letzten Jahren scheinbar zugenommen und das angebotene Material hat sowohl im Blick auf homo- oder transsexuelle Interessen, als auch mit der steigenden Anzahl der afrikanischen oder asiatischen Konsumierenden begonnen vielfältiger zu werden. Auch wenn das Angebot zumindest in den Subgenres grundsätzlich unterschiedliche Geschmäcker, Interessen und Bedürfnisse abdeckt, lässt sich im Blick auf die favorisierten Genres, die abgerufenen und angebotenen Inhalte dennoch zeigen, dass der Mainstream des im Internet frequentierten Materials trotzdem weiterhin auf die Vorlieben einer männlichen, heterosexuellen, weißen Klientel reagiert.

Zweitens handelt es sich bei Pornographie-Produktion und Distribution – trotz der z.T. rückläufigen Zahlen – um eine nach wie vor lukrative Einnahmequelle, die sich zudem durch Unschärfen oder Widersprüche in den (internationalen) Gesetzestexten zu Produktion, Verbreitung und Besitz von Pornographie kaum durch gesetzliche Restriktionen beeinflusst sieht: „Zeitliche, räumliche und soziale Zugangshürden sind stark reduziert und die Angebote können einfach und ‚diskret‘ gespeichert, archiviert und weiter verbreitet werden.“30 ← 15 | 16 →

Zusammenfassung

Wie gefährdet demokratische Prozesse sind, wurde im Blick auf die soziopolitischen Entwicklungen der letzten Jahre deutlich. Die Autorin nimmt diese Diagnose ernst und erinnert im Horizont Kritischer Theorie an die Ermöglichungsbedingungen egalitärer Vergesellschaftung. Die problemsensible Rekonstruktion dieser Bedingungen verbindet sich dabei mit der Analyse quantitativ und qualitativ auffälliger Phänomene in der Lebenswelt. Unter feministischen Vorzeichen legt die Autorin den Fokus auf Präsenz und Konsum von Mainstream-Pornographie und die Frage nach der Realität von Geschlechteregalität. In diesem Zusammenhang untersucht sie die potentielle Interdependenz von pornographischen Narrativen, der Habitualisierung anerkennungsvergessener Einstellungen und der Verödung kommunikativer Praxis.

Biographische Angaben

Anne Weber (Autor:in)

Anne Weber hat in Köln und Münster Philosophie, katholische Theologie, Japanologie und Medizinethik studiert. Sie ist Projektmitarbeiterin am Institut für Medizingeschichte der Universität Lübeck, Lehrbeauftragte am Institut für Systematische Theologie der Universität Paderborn und Krankenhausseelsorgerin. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen kritische und feministische Theorie, sowie Themen des interreligiösen Dialogs und der theologischen Ethik.

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Titel: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit einer egalitären Gesellschaft