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Der Massenmensch zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Ein diskursgeschichtlicher Vergleich zur deutschen und spanischen Literatur

von Charlotte Jestaedt (Autor:in)
Dissertation 494 Seiten

Zusammenfassung

Die Studie befasst sich mit der Frage, welche Wissensstrukturen in Bezug auf das Phänomen der Masse in Deutschland und Spanien vor den faschistischen Regimes präsent waren. Mit ihrer diskursanalytisch und komparatistisch angelegten Untersuchung zeigt die Autorin, dass die Spannungen zwischen Individuum und Masse sowohl für den wissenschaftlichen als auch für den literarischen Diskurs konstitutiv waren. Sie arbeitet die Querbezüge zwischen der Masse-Semantik in theoretischen Texten und in Kriegs- und Großstadtromanen heraus. Dabei rücken kulturraumübergreifende und kulturraumspezifische Ausprägungen sowie die Frage nach einem möglichen transnationalen spanisch-deutschen Diskurs in den Blick

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • I. Einleitung: Die Masse im beginnenden 20. Jahrhundert
  • II. Historische Diskursmotoren: Die wirtschaftliche, kulturelle, soziale und politische Entwicklung in Deutschland und Spanien (1900–1933/1939)
  • III. Masse und Individuum im wissenschaftlichen Diskurs
  • 1. Einleitung: Die Thematisierung in den Wissenschaften
  • 2. Die Kulturkrise der Moderne: Die Masse als neues quantitatives Phänomen und überindividueller Akteur
  • 2.1 Die Masse als Inhaberin der sozialen Macht und Urheberin der Krise (Le Bon, Ortega y Gasset)
  • 2.2 Das kapitalistische Wirtschaftssystem als Unterdrücker der Masse und Urheber der Krise (Kracauer)
  • 3. Kulturkritische Typologisierung der Masse: Merkmale eines qualitativen Phänomens
  • 3.1 Atavismus, Regression zur Triebhaftigkeit, Verstandesarmut und Kulturlosigkeit
  • 3.2 Folgsamkeit, Trägheit und Rebellion (Le Bon, Ortega y Gasset)
  • 3.3 Zerstreuungssucht und Betäubung (Kracauer)
  • 4. Individuum und Masse: Bestimmung eines Interaktionsmusters
  • 4.1 Antagonismus: Die Gewaltsame Unterdrückung des hombre selecto (Ortega y Gasset)
  • 4.2 Einverleibung und Auflösung: Die homogenisierte Massenseele und der Masse-Körper (Le Bon, Kracauer)
  • 5. Zusammenfassung: Formationen des deutschen und spanischen Diskurses im (populär-)wissenschaftlichen Kontext
  • IV. Der literarische Diskurs im Kontext des Krieges
  • 1. Einleitung: Die Thematisierung in den Weltkriegs- und Bürgerkriegsromanen
  • 2. Die fremde Masse der Feinde, Toten und Verwundeten im Krieg
  • 2.1 Das feindliche Lager als fremdländisches und quantitativ dominantes Kollektiv
  • 2.2 Gewalt und Grausamkeit im feindlichen Lager (Foxá, Sender)
  • 2.3 Rebellion und Degeneration im feindlichen Lager (Foxá, Sender)
  • 2.4 De- und Rehumanisierung des feindlichen Lagers (Benítez de Castro vs. Remarque)
  • 2.5 Die Toten und Verwundeten als quantitative Masse (Remarque, Schauwecker)
  • 2.6 Bedeutung(slosigkeit) der Toten und Verwundeten (Remarque, Schauwecker vs. Zöberlein, Benítez de Castro, Sender)
  • 3. Die eigene Masse: Das Individuum zwischen harmonischem Aufgehen und konfliktivem Auflösen im Soldaten- und Volkskollektiv
  • 3.1 Das eigene Lager als quantitatives und zusammengehöriges Kollektiv
  • 3.2 Destruktive Auflösung: das Individuum in der Krise (Kracauer, Remarque)
  • 3.3 Konstruktive Integration: männliche Helden, Übermenschen und Massenführer (Schauwecker, Zöberlein, Benítez de Castro, Foxá)
  • 3.4 Idealisierte Inexistenz: der kollektive Held (Sender)
  • 4. Zusammenfassung: Formationen des deutschen und spanischen Diskurses im Kontext des Krieges
  • V. Der literarische Diskurs im Kontext der Großstadt
  • 1. Einleitung: Die Thematisierung in den Großstadtromanen
  • 2. Formen der städtischen Ding- und Menschenmasse
  • 2.1 Die anthropomorphisierte und übermächtige Objektwelt (Döblin, Keun, Jarnés)
  • 2.2 Verstreute, physische und psychologische Menschenmassen (Döblin, Kästner, Keun, Jarnés)
  • 3. Das qualitative Phänomen: Das Individuum zwischen Adaptation, Isolation und konfliktiver Auflösung in der Großstadtmasse
  • 3.1 Die charakterlichen Masse-Merkmale: Zerstreuungssucht, soziale Kälte und Elend
  • 3.2 Krisenhafte Adaptation: Der Identitätswandel des Individuums (Ayala, Döblin)
  • 3.3 Rettende Isolation: Die Bewahrung der Identität (Jarnés, Botín Polanco)
  • 3.4 Destruktive Auflösung: Der Tod des Individuums (Jarnés, Ayala, Kästner)
  • 3.5 Kritisierte Inexistenz: Gibt es nur noch Massenmenschen? (Keun, Espina)
  • 4. Zusammenfassung: Formationen des deutschen und spanischen Diskurses im Kontext der Großstadt
  • VI. Fazit
  • Literaturverzeichnis

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I. Einleitung: Die Masse im beginnenden 20. Jahrhundert

Thematischer Aufriss

Las ciudades están llenas de gentes. […] Las casas llenas de inquilinos. Los hoteles, llenos de huéspedes. Los trenes, llenos de viajeros. Los cafés llenos de consumidores. Los paseos, llenos de transeúntes. Las salas de los médicos famosos, llenas de enfermos. Los espectáculos, como no sean muy extemporáneos, llenos de expectadores. Las playas, llenas de bañistas. Lo que antes no solía ser problema, empieza a serlo casi de continuo: encontrar sitio.1

Dies schrieb der spanische Philosoph José Ortega y Gasset in seinem Essay La rebelión de las masas von 1930.2 Er wies damit auf ein wichtiges Phänomen der europäischen Geschichte hin, dessen Diskursivierung vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Aufschwung erfuhr: die Menschenmasse. Dabei handelt es sich um eine Erscheinung, die zwar schon in der Antike und im Mittelalter thematisiert wurde.3 Jedoch gewann sie in der Moderne aufgrund diverser historischer Diskursmotoren an Relevanz: Die Industrialisierung, Urbanisierung und der demographische Wandel führten dazu, dass die Großstädte innerhalb von wenigen Jahren einen regelrechten Boom erfuhren und in neuen Dimensionen von Menschenmengen bevölkert wurden. Zwischen 1871 und 1925 stiegen die Einwohnerzahlen in Berlin von 826.000 auf über vier Millionen.4 In ←11 | 12→Ortega y Gassets Heimatstadt Madrid lebten um 1900 539.000 Einwohner, bis 1930 waren es bereits 952.000.5 Durch den verstärkten Ausbau der Verkehrswege in den Städten genossen diese Mengen eine gesteigerte Mobilität und konnten das zunehmende Waren-, Freizeit- und Kulturangebot wahrnehmen, das durch die kapitalistische Massenproduktion nun auch für Angestellte und Arbeiter erschwinglich war. Dadurch erlangten die unteren Gesellschaftsklassen einen Zugang zum Freizeitprogramm, der vorher nur der gesellschaftlichen Elite vorbehalten war. Ortega y Gassets Eindruck der Überfüllung an den öffentlichen Orten der Großstädte resultiert also aus dem Zusammenspiel technischer, wirtschaftlicher, demographischer, sozialer und kultureller Veränderungsprozesse.

Die Thematisierung des Phänomens erfolgte jedoch nicht nur aufgrund seiner erhöhten Sichtbarkeit in den Städten, sondern auch wegen seiner Bedeutung im militärischen Kontext. Im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg und dem Spanischen Bürgerkrieg wurde der Begriff einerseits für die Soldatenkollektive angewandt, die durch ihre Uniformierung eine homogene Menschenmasse abbildeten. Andererseits bezeichnete der Begriff die hohe Anzahl von Verletzten und Toten, die die Kriege durch die Entwicklung von modernen Feuer- und Massenvernichtungswaffen ebenfalls in neuen Dimensionen forderten. Gemeint war also abermals ein quantitatives und materielles Phänomen. Dazu gehörte aber auch ein neues Verständnis vom einzelnen Soldaten: Im Krieg verlor er schnell den Wert eines Individuums und galt als „Kanonenfutter“6. Ähnlich verhielt es sich auch außerhalb des Krieges im Kontext der Industrialisierung: Dem Soziologen Kracauer zufolge galt der einzelne Arbeiter bei den arbeitsteiligen, seriellen Produktionsprozessen an den Maschinen als austauschbar und bestach weniger durch individuelle Fähigkeiten und Tätigkeiten. Wie der einzelne Soldat war er Teil eines Kollektivs und bei einem zunehmend kollektivistischen Menschenbild verblasste seine Individualität.7

Das Wort „Masse“ beinhaltete neben der quantitativen daher auch eine qualitative Komponente. Diese spielte in Bezug auf die sozialpolitischen Umwälzungen in Form von Demokratisierungsprozessen einerseits und totalitaristischen Strukturen andererseits eine wichtige Rolle: Während der Französischen ←12 | 13→Revolution entwickelten sich die Volksmengen erstmals zu politischen Akteuren, deren soziale Kraft sich im 19. und 20. Jahrhundert dadurch steigerte, dass sich die Klassengesellschaft aufzulösen begann und Republiken entstanden. Damit einher gingen massive Angriffe auf die bestehenden politischen Ordnungen von den extremen Rechten und Linken. Durch Aufstände und Putschversuche wurden Menschenansammlungen also auch im bewaffneten und politisierten Kontext sichtbar und als „Masse“ bezeichnet. Demokratische Systeme wie die Weimarer Republik oder die Zweite Spanische Republik waren daher durch eine starke politische Polarisierung und die dadurch bedingte Instabilität geprägt. Mit der Ablösung durch faschistische Regime etablierten sich schließlich sowohl in Deutschland8 als auch in Spanien totalitäre Systeme, die dem demokratisch-freiheitlichen und individualistischen Denken ein kollektivistisches Menschenbild in Form von geführten Mengen entgegensetzen.9

Insgesamt kennzeichnet sich das beginnende 20. Jahrhundert also durch zahlreiche schwerwiegende Veränderungen gesellschaftspolitischer, wirtschaftlicher und sozialer Natur. Diese Neuerungen trugen dazu bei, dass das Phänomen der Masse in unterschiedlichen Bereichen neu diskutiert und konstruiert wurde. Es entstanden neue Modelle und Konzepte darüber, was Masse ist und wodurch sie sich charakterisiert. In den Naturwissenschaften prägten zum Beispiel Maxwell, Boltzmann und Einstein den Begriff durch ihre Untersuchung von Gasen und dem Energiegehalt von Körpern. Menschenmengen und Gaskörper wurden als Kollektivkonzepte miteinander verglichen und die Masse eines Körpers wurde hinsichtlich des Energiepotenzials definiert.10 Dabei fand ein reger Austausch von Erkenntnissen aus den Sozial- und Naturwissenschaften sowie der Literatur statt, der sich vor allem in der Beschreibung von revolutionären Menschenmengen in Verbindung mit ihrem Aktionismus und ihren Energiezuständen bemerkbar machte.11

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Im Bereich der politischen Philosophie wurde die Masse nicht nur als ein quantitatives beziehungsweise materielles und energetisches Phänomen definiert, sondern infolge der Demokratisierung auch als eine neue soziale Kategorie und Macht.12 Den konservativen Eliten drohte damit ein Machtverlust und sie erkannten in den neuen politischen Akteuren eine Gefährdung der bestehenden sozialen Ordnung. In der kommunistischen und der faschistischen Ideologie hingegen repräsentierte die Masse in positiver Hinsicht eine aufgelöste Ständegesellschaft. Karl Marx wendet den Begriff in Das Kapital (1867) im Kontext des von ihm propagierten Klassenkampfes an und bestimmt die Masse zum Träger der sozialen Revolution, die sich schließlich in eine zivilisierte Klasse verwandelt.13 Adolf Hitler zufolge lässt sich das revolutionäre Potenzial der Masse durch einen faschistischen Führer bändigen, sodass sie keine autonome, sondern eine gelenkte soziale Kategorie und organisierte Gefolgschaft darstellt.14

Die Soziologie und Psychologie erkannten in der Masse nicht nur einen politischen Akteur, sondern auch vor allem eine besondere psychische Konstitution, ←14 | 15→die von der des Individuums unterschieden wurde. Der Mediziner Gustave Le Bon geht in seinem essayistischen Werk Psychologie des foules15 von 1895 davon aus, dass der Einzelne im Kontakt zur Menschenmenge seine individuellen Eigenschaften ablege und bestimmte kollektive Eigenschaften annehme. Diese daraus entstehende sogenannte „Massenseele“ stellt eine psychologische Einheit dar, welche Le Bon mittels eines Merkmalkataloges negativ charakterisiert. Mit seinem Werk entfachte er einen regen Diskurs über die Erscheinungsformen und Eigenschaften der Masse. Die bildungsbürgerlichen Eliten erkannten in dem Phänomen vor allem eine Gefahr für das Individuum. Die eigene Identität konstruierten sie deshalb durch Abgrenzungsversuche, wobei sie die Charakteristika der negativen Alterität nicht nur für physische Menschenmengen konstatierten, sondern auch für den einzelnen hombre-masa, wie Ortega y Gasset ihn nennt. Sie diskutierten und problematisierten dabei die Vorstellungen über personale, soziale und kollektive Identitäten und Alteritäten, die miteinander konkurrierten.16

Das Spannungsverhältnis zwischen Masse und Individuum beziehungsweise kollektivistischem und individualistischem Menschenbild war jedoch nicht nur Gegenstand der wissenschaftlichen Erforschung17, sondern auch der zeitgenössischen Literatur. So findet sich die Thematik vor allem in den Großstadt- und Kriegsromanen wieder. Beide Genres stießen in den 1920er und 1930er Jahren auf eine große Nachfrage. Während sich erstere den Auswirkungen von der Industrialisierung und dem demographischen Wandel im neuen Lebens- und Erfahrungsraum der Stadt widmen, behandeln letztere die Front- und Heimaterlebnisse im Ersten Weltkrieg beziehungsweise im Falle Spaniens im ←15 | 16→Bürgerkrieg.18 Im Mittelpunkt stehen dabei oftmals die Erfahrungen des Einzelnen im urbanen beziehungsweise im militärischen Kollektiv, das mit dem Begriff der Masse verknüpft wird. Darin fassen die Autoren einerseits ein quantitatives und materielles Phänomen. Andererseits konstruieren sie mit dem Begriff auch eine soziale Kategorie und einen bestimmten Menschentyp, der dem Individuum gegenübergestellt wird. Wie im wissenschaftlichen Diskurs stellt die sogenannte Masse dabei mitunter eine Gefährdung für den Einzelnen dar, insofern dieser von einem Identitätsverlust betroffen ist. Das Masse-Konzept dient bei den Schriftstellern demnach ebenfalls als Abgrenzungsbegriff und „Angstmetapher“19.

Bei der wissenschaftlichen und literarischen Thematisierung lassen sich folglich Parallelen feststellen, die die Frage nach der Beziehung zwischen diesen beiden Diskursen aufwerfen. Thema dieser Arbeit ist deshalb ein Vergleich der wissenschaftlichen und literarischen Diskurse in Deutschland und Spanien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dafür ist eine Untersuchung der jeweiligen Konstruktionsmechanismen im Detail von Interesse. Des Weiteren stellt sich die Frage, ob im Europa des beginnenden 20. Jahrhunderts von einem kulturraumübergreifenden Diskurs die Rede sein kann oder ob kulturraumspezifische Konstruktionen der Masse vorliegen. Deutschland und Spanien sind in diesem Zusammenhang besonders interessant für den Vergleich, da in den Kulturräumen ähnliche gesellschaftspolitische Entwicklungen stattgefunden haben, die zu gemeinsamen Konstruktionen geführt haben könnten.20

Um für das Thema ein konkretes Forschungsvorhaben mit Erkenntnisinteresse und Vorgehensweise zu formulieren, muss jedoch zunächst der Forschungsstand dazu abgebildet werden.

Forschungsstand

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die soziologische, psychologische und politikwissenschaftliche Forschung über die Masse unter anderen durch Hannah Arendt, Horkheimer und Adorno geprägt. Nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges untersuchten sie die Thematik ←16 | 17→im Kontext totalitärer Herrschaftsformen.21 In den 1960er Jahren wirkte vor allem Elias Canetti mit seinem Werk Masse und Macht auf den wissenschaftlichen Diskurs ein. Er definiert darin unterschiedliche Arten, Gemütszustände und Eigenschaften von Massen. Das Verhalten gegenüber einem Führer steht im Fokus der Untersuchung.22 María Zambrano, deren philosophische Theorien hauptsächlich zwischen den 1950er und 1970er Jahren erschienen, hält an der Gesellschaftsordnung ihres Lehrers Ortega y Gasset fest: Ähnlich wie er konzipiert sie den hombre-masa als Typus, der vor allem in Krisenzeiten daran zu erkennen ist, dass er sich von seinen necesidades leiten lässt. In einem religiösen Kontext, der bei Ortega y Gasset nicht gegeben ist, stellt Zambrano diesen Typus einer nach Höherem, Göttlichem strebenden Elite gegenüber.23 In den 1980er ←17 | 18→Jahren wurden dann die Theorien Le Bons und Freuds erneut diskutiert: Serge Moscovici fasst sie und weitere massenpsychologische Forschungen in L’Age des foules zusammen und intendiert damit eine umfassende analytische Darstellung.24 Vergleichbar agiert Salvador Giner, der sich 1979 in Sociedad masa mit verschiedenen Abhandlungen von der Antike bis zu seiner Zeit kritisch auseinandersetzt.25

David Riesman und Guy Debord hingegen konzentrieren sich in The Lonely Crowd von 1950 und in La société du Spectacle von 1967 auf die Typologisierung einer kapitalistisch geprägten Gesellschaft und erkennen im Konsumismus eines der Hauptmerkmale der Masse.26 Auf spanischer Seite ist diesbezüglich Francisco Ayala zu nennen, der als Mitglied der Generación 27 eine enge Verbindung zu Ortega y Gasset pflegte. In seinen Essays Razón del mundo (1944), Introducción a las Ciencias Sociales (1952) und El escritor en la sociedad de masa (1956) stellt er ebenso wie Riesman eine Konformisierung der Masse fest, welche er auf die modernen Arbeitsbedingungen in der industrialisierten Produktion zurückführt.27

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Jüngere Forschungsarbeiten widmen sich der Masse erneut im psychologischen, politikwissenschaftlichen oder soziologischen Kontext und nehmen Begriffsbestimmungen vor. Klein und Lüdemann zum Beispiel liefern einen umfangreichen Überblick über die Behandlung des Phänomens in den Wissenschaftsdiskursen.28 Borch beleuchtet die sich verändernde Semantik in unterschiedlichen soziologischen Massentheorien im Frankreich des 19. Jahrhunderts, in der Weimarer Republik sowie in der Nachkriegszeit.29 Ähnlich dazu untersucht Jonsson deutschsprachige Wissenschaftstexte im Spannungsfeld von anarchistischen und faschistischen Strömungen sowie im Kontext von Soziologie, Politik, Literatur und Kunst während der Weimarer Republik.30 Günther ←19 | 20→und Adamatzky wiederum analysieren aktuelle Massenerscheinungen und stellen die Irrationalität als eines der Hauptmerkmale fest: Während ersterer auf die Theorien des beginnenden 20. Jahrhunderts zurückgreift, erstellt Adamatzky eine computerbasierte Studie im Bereich der Soziophysik.31

In der spanischsprachigen Forschung liegt der Fokus bei der Wissensrekonstruktion des soziologischen Masse-Begriffs meist auf Ortega y Gasset. Im Kontext seiner phänomenologischen Philosophie setzt sich damit San Martín auseinander und legt Heideggers Einfluss offen.32 De Haro Honrubia und Sánchez Cámara behandeln vor allem seine Konzeption der sogenannten minoría selecta, die als positiver Gegenbegriff zur Abgrenzung und Definition der Masse beiträgt.33 Santos Juliá wiederum sieht keine Begriffsbestimmung vor, sondern liefert in Historia de las dos Españas eine Darstellung der spanischen Kulturgeschichte, bei der er ähnlich wie Ortega y Gasset eine Unterscheidung von zwei Gesellschaftsschichten vornimmt: Intellektuelle und Masse sind für ihn konträre soziale Akteure, die maßgeblich an den Entwicklungen in der Moderne beteiligt waren. Zwar analysiert Juliá nicht die genaue damalige Konzeptualisierung ←20 | 21→dieser beiden Akteure, jedoch beschreibt er ihre Beziehungsstruktur aus der Perspektive der Intellektuellen. Diese stellten sich seinen Ausführungen zufolge mit einem positiven Selbstbild einer in ihren Augen degenerierten Volksmasse gegenüber und kritisierten deren wachsende soziale Macht.34 Ähnlich formuliert es auch König, der die Strukturen des wissenschaftlichen Diskurses zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa untersucht und dabei die Motive der Diskursteilnehmer hinterfragt. Er arbeitet heraus, dass es sich bei der Masse um eine Konstruktion und einen „Distanzierungsbegriff“35 der bildungsbürgerlichen Elite handelt. So entspringt die Konzeptualisierung ihm zufolge der Angst vor einer aufgelösten Klassenordnung. Die Masse werde infolgedessen als Bedrohung für die bürgerliche Identität betrachtet und als negativer Gegenpart inszeniert. Eine rein affirmative Begriffsbestimmung durch die Elite bleibe daher aus.36

Eine kulturwissenschaftliche Perspektive nimmt Kaspar Maase ein, indem er die Entwicklung der modernen Künste und Unterhaltungsformen zur Massenkultur aufzeigt und der bürgerlichen beziehungsweise intellektuellen Kultur gegenüberstellt.37 Baéz y Pérez de Tudela widmet sich demselben Themenfeld, beschränkt sich aber auf die speziellen Ausprägungen der Massenkultur im Madrid der 1920er und 1930er Jahre.38 Einen neuen und positiven ←21 | 22→Massenbegriff formuliert Bublitz. Sie zeigt die abwertenden Konstruktionen im 19. und 20. Jahrhundert am Beispiel Le Bons und Kracauers auf und stellt ihr das Konzept der Massenkultur als soziale Ordnungsfunktion gegenüber, durch die sich moderne Vergesellschaftungsprozesse abbilden lassen.39

Die Arbeiten zur Behandlung des Masse-Phänomens in den Wissenschaftsdiskursen sind demnach zahlreich und vielfach dienen dabei Theorien wie die Le Bons und Ortega y Gassets als Grundlage der Untersuchung. Die Forschung hat sich hingegen bisher kaum mit der Diskursivierung der Masse in der spanischen Literatur beschäftigt. Zwar wird immer wieder der Einfluss Ortega y Gassets auf die Literaturproduktion der Generación 27 betont und bei den Werkinterpretationen hinsichtlich der Figuren davon gesprochen, dass sie den hombre-masa verkörpern. Jedoch rekonstruieren diese Studien weder die strukturellen und inhaltlichen Dimensionen von Ortega y Gassets Masse-Konzept noch dessen ästhetische Umformung in der literarischen Produktion.40 Die Vernetzung des wissenschaftlichen und literarischen Diskurses wird auf diese Weise allenfalls angedeutet oder behauptet, nicht aber systematisch aufgearbeitet. Auch bezüglich der jeweiligen spezifischen Formationen bei der Thematisierung in Wissenschaft und Literatur tut sich infolgedessen eine Forschungslücke auf.

Im Gegensatz zur Hispanistik hat sich die Germanistik bereits dieses Desiderats angenommen. Annette Graczyk widmet sich in ihrer Monographie Die Masse als Erzählproblem von 1993 den diesbezüglichen Darstellungstechniken in den Romanen Europa von Carl Sternheims und Proletarier von Franz Jung, die jeweils eine dynamisierte Gestaltung von revolutionären und ekstatischen ←22 | 23→Massen anstreben. Dabei stellt Graczyk Parallelen zu den Erzählmustern von Autoren des 19. Jahrhunderts fest und bezeichnet deren Werke als Vorläufer der modernen Literatur über die Masse.41 Bis zu diesem Zeitpunkt gibt es in der Literaturwissenschaft, wie die Autorin bemerkt, „[…] so gut wie keine Untersuchung zur ästhetischen Entwicklung der Massenvorstellung.“42 Sie ist daher auch eine der ersten, die in der Literatur einen konstitutiven Gegensatz zwischen Individuum und Masse herausarbeitet und letztere dabei als Negativbild zum Leitwert der Persönlichkeit bezeichnet.43

In den Zweitausenderjahren erschienen weitere Forschungsarbeiten, die sich dem Themenfeld mit unterschiedlichen Fokussen widmen. Allen voran ist dabei Gampers Studie zu nennen, mit der er eine Diskursgeschichte der Menschenmenge von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre liefert. Der Verfasser beruft sich darin methodisch auf Foucault und nimmt die Geschichte und Strategien der Masse-Repräsentationen in hauptsächlich deutschsprachigen Diskursen über Wissenschaft, Literatur, Politik und Philosophie in den Blick.44 ←23 | 24→Im Zuge dessen arbeitet er die Verschränkung dieser Diskurse und ihre spezifischen Formationen in einer chronologischen Abhandlung heraus und zeigt die sich verändernden Imaginationen und Referentialisierungen von Individuum und Masse zwischen der Aufklärung und der Neuen Sachlichkeit auf.45 Seine umfangreiche Studie fördert wichtige Erkenntnisse über die Makrostrukturen der Masse-Diskurse und ihrer Vernetzung zutage. Aufgrund des diachronen Blicks auf einen derart großen Zeitraum kann jedoch keine detaillierte und vergleichende Analyse einzelner Werke und Genres stattfinden. Die Offenlegung von literarischen Interdependenzen und Mikrostrukturen einzelner Epochen muss in der Überblicksdarstellung Gampers daher ausbleiben.46 Genauso wenig findet sie in Graczyks Arbeit Berücksichtigung, da die Beschränkung auf zwei literarische Werke eine derartige Untersuchung nicht zulässt.

Die Dissertationen Regine Zellers und Katja Schettlers hingegen nehmen mit einer diskursanalytischen Vorgehensweise einen detaillierten Blick auf zahlreiche deutschsprachige Romane der 1920er und 1930er Jahre ein.47 Während sich Schettler auf Großstadtexte beschränkt, untersucht Zeller Romane aus den ←24 | 25→Themenfeldern Krieg, Revolution, Großstadt und Nationalsozialismus. Letztere konzentriert sich auf die Darstellungen von der Massenhaftigkeit als psychologisches und somit qualitatives Merkmal, das sich ihrer These zufolge auch in einzelnen Figuren ohne die Notwendigkeit von Menschenmengen-Abbildungen wiederfindet. Gemäß Links und Link-Heers Konzept des Interdiskurses versteht sie die zu untersuchende Thematik als Phänomen, das in unterschiedlichen Räumen diskursiviert wird, weshalb sie sowohl wissenschaftliche als auch fiktionale Texte berücksichtigt. In beiden Bereichen arbeitet Zeller sehr anschaulich die zentralen Aussagen heraus, zeigt auf dieser Ebene die Verschränkung der Diskurse und legt die Affinität des Sujets zu den oben genannten Themenfeldern offen. Durch den Fokus auf die psychologischen Merkmale berücksichtigt die Studie jedoch kaum die quantitativen Masse-Konstruktionen, die hier als zentrale Komponenten gewertet werden. Wenig Aufmerksamkeit wird außerdem auf die Systematizität der jeweiligen Diskurse mit ihren spezifischen Strukturen und Repräsentationstechniken gerichtet. Dadurch bleiben vor allem die poetologisch-ästhetischen Implikationen unbeachtet.48 Mit der Vorgehensweise des close reading bezieht die Verfasserin auch keine außertextlichen Stellungnahmen der Autoren in ihre Hermeneutik mit ein, was jedoch in Bezug auf Autoren wie Kracauer, die sich in beiden Diskursräumen zur Thematik äußern, gewinnbringend wäre. Des Weiteren richtet die Studie ihr Augenmerk kaum auf die Verknüpfung zu Nachbardiskursen, sodass nicht nach der Übertragung von deren Semantik und Strukturen gefragt wird.49 Ebenso wenig findet eine Auswertung der Ergebnisse hinsichtlich möglicher historischer Diskursmotoren statt. Die Interdependenz von der Diskursgestaltung und dem soziokulturellen Kontext bleibt daher wenig berücksichtigt. Trotzdem liefert Zellers Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Masse-Diskursforschung, zumal sie die zentralen Schlüsselbegriffe und deren ←25 | 26→Wiederkehr in unterschiedlichen Diskursräumen sehr deutlich und strukturiert herausarbeitet.

Katja Schettler konzentriert sich mit einem erweiterten Textbegriff, der neben Romanen auch Filme und Plakate miteinschließt, auf eine Darstellung des Masse-Phänomens in den urbanen Erzählräumen Wien und Berlin. Das Erkenntnisinteresse ihrer Studie richtet sich darauf, Bausteine einer Masse-Poetik zusammenzutragen. Im Gegensatz zu Zeller nimmt sie daher vornehmlich die in den Werken angewandten Darstellungstechniken in den Blick und legt die jeweiligen Erzählstrategien zur Simulation der Masse in den einzelnen Textinterpretationen sehr anschaulich offen. Dabei finden jedoch die unterschiedlichen Bedeutungsebenen des Untersuchungsgegenstandes kaum Berücksichtigung, sodass dieser letztlich nicht inhaltlich dargestellt wird. Das Anliegen der Diskursanalyse nach Foucault, Wissen zu rekonstruieren, wird demnach nicht vollends erfüllt, zumal es der Studie auch an einer systematischen Aufarbeitung der typischen Strukturen und Formationsregeln mangelt. Ebenfalls bleibt undeutlich, inwiefern die jeweiligen Konzeptualisierungen mit dem soziokulturellen Kontext zusammenhängen. Diesbezüglich könnte der Blick auf die Wien- und Berlintexte mit einer vergleichenden Vorgehensweise interessante Erkenntnisse über die Diskursgestaltung in unterschiedlichen Kulturräumen offenbaren. Ein solches Vorhaben wird jedoch nicht gezielt verfolgt, obwohl „[…] Die Lektüren dokumentieren, daß sehr wohl Unterschiede festzustellen sind, die sich aus den Erzählräumen Berlin und Wien ergeben.“50 Das Ergebnis der Arbeit lautet deshalb ohne hinreichende Begründung, dass die Texte einem gemeinsamen Diskurs angehören.51

Gasimov und Lemke Duque kommen in Bezug auf Oswald Spenglers Kultur- und Geschichtsmorphologie zu einem ähnlichen Schluss: Wie in ihrem Sammelband gezeigt wird, erfuhren Spenglers Theorien Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa eine breite Rezeption – und das quer durch die politischen Lager. Seine Morphologie des Untergangs habe in den 1920er Jahren daher „[…] einen transnationalen Diskurs kultureller Selbstbehauptung Europas mit ausgelöst und die inhaltlichen Ausgestaltungen des in diesem Zusammenhang ←26 | 27→entwickelten Denkrahmens bis weit über die 1930er Jahre hinaus erheblich beeinflusst.“52 Auch wenn sich die Verfasser bei ihrer Studie nicht auf Foucaults Begriffsapparat stützen, deuten sie in Bezug auf den ausgewählten Gegenstand also einen gemeinsamen Diskurs an. In seiner Dissertationsschrift Europabild – Kulturwissenschaften – Staatsbegriff widmet sich Lemke Duque einem ähnlichen Untersuchungsgegenstand: Er nimmt eine der bedeutendsten spanischen Zeitschriften der 1920er Jahre, die Revista de Occidente, in den Blick und fokussiert die Thematisierung vom Europabild, dem Wissenschaftsverständnis und dem Staatsbegriff durch die zeitgenössischen Intellektuellen. Seine Studie zeigt, dass vielfach deutsche Wissenschaftler aus dem konservativen Lager an den Debatten in der Zeitschrift beteiligt waren und dass ihre Beiträge von reaktionären Positionen geprägt waren. Damit deckt der Verfasser auf, dass das ursprüngliche Streben der Revista de Occidente sowie ihres Begründers Ortega y Gasset, eine geistige Modernisierung Spaniens nach europäischem und speziell deutschem Vorbild durch einen wissenschaftlichen Brückenschlag voranzutreiben, vor allem in den letzten Erscheinungsjahren nicht mehr erfüllt wurde. Die Zeitschrift und ihr Begründer sind daher als wichtigste Impulsgeber für die spanische Modernisierung in den 1920er und 1930er Jahren, als die sie durch die Forschung immer wieder proklamiert wurden, infrage zu stellen.53 Ähnlich wie in Bezug auf Spengler entdeckt Lemke Duque auch hier bei der Thematisierung von bestimmten Ideen und Begrifflichkeiten gemeinsame Konzeptualisierungen in Deutschland und Spanien, die er jedoch nicht diskursanalytisch, sondern als Folge eines Kulturtransfers betrachtet. Ortega y Gasset wird in diesem ←27 | 28→Zusammenhang als Kulturmittler in den Blick genommen, der maßgeblichen Einfluss auf den Wissenstransfer zwischen Deutschland und Spanien hatte.54 Dass es zwischen den Ländern rege personenbedingte Vermittlungsprozesse gab und gibt, hat die Kulturmittlerforschung nicht nur in Bezug auf den spanischen Philosophen bereits bewiesen.55 Die Frage, ob Ortega y Gasset in seiner Rolle als Kulturmittler auch maßgeblichen Einfluss darauf hatte, ob in Deutschland und Spanien ein gemeinsamer Masse-Diskurs vorliegt, wurde jedoch noch nicht beantwortet. Dazu müsste zunächst ein systematischer Vergleich der Wissensformen und -strukturen in den beiden Kulturräumen vorgenommen werden, was bisher nicht angestrebt wurde.56

Insgesamt fördern die hier vorgestellten Studien aber wesentliche Erkenntnisse über die Thematisierung der Masse in den Wissenschaftsdiskursen sowie in der deutschsprachigen Literatur der 1920er und 1930er Jahre oder über die Kulturbeziehungen zwischen Deutschland und Spanien zutage. Sie sind deshalb ←28 | 29→als wertvolle Vorläufer der vorliegenden Arbeit zu betrachten, auf deren Basis sich eine gezielte Fragestellung und Vorgehensweise bestimmen lässt.

Erkenntnisinteresse und methodisches Vorgehen

Die Arbeit richtet das Augenmerk einerseits auf die Konstruktionen der Masse in Wissenschaft und Literatur sowie deren Verschränkungen. Andererseits beleuchtet sie die Ausprägungen dieser Konstruktionsprozesse in Deutschland und Spanien. Das Erkenntnisinteresse liegt also zum einen auf der Rekonstruktion von Wissensformen. Zum anderen soll die Frage beantwortet werden, ob für die beiden Kulturräume ein gemeinsamer transnationaler Diskurs vorliegt oder ob kulturraumspezifische Formationen überwiegen und worauf das jeweilige Ergebnis zurückzuführen ist. Der Fokus auf Deutschland und Spanien ist mit den ähnlichen historischen Entwicklungen zu begründen, die sich in den demographischen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungsprozessen sowie in den Kriegserfahrungen widerspiegeln. Vor allem aber bezüglich der politischen Entwicklungen von der Entstehung der Republiken bis zu deren Ablösung durch die faschistischen Regimes sind die Parallelen offensichtlich. Aufgrund der damit zusammenhängenden Rolle der Masse als sozialer Akteur kann die Annahme getroffen werden, dass in den Kulturräumen ähnliche Voraussetzungen für die Konstruktionsprozesse gegeben waren.57

Die vorliegende Studie betrachtet den Zeitraum vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur faschistischen Regierungsbildung 1933 in Deutschland und 1939 in Spanien.58 Dabei markiert die Veröffentlichung von Gustave Le Bons Psychologie ←29 | 30→des foules 1895 den Beginn des zu untersuchenden Zeitabschnittes. Zwar ist Le Bon nicht – wie oftmals behauptet – als Begründer der Massenpsychologie zu charakterisieren, da sich Wissenschaftler wie Tocqueville, Taine, Tarde und Sighele bereits vor ihm der Thematik widmeten.59 Jedoch hatte Le Bons Text eine enorme Reichweite, was sich einerseits in hohen Auflagenzahlen sowie vielen Übersetzungen und andererseits in seinem maßgeblichen Einfluss auf folgende wissenschaftliche Auseinandersetzungen widerspiegelt.60 Der Untersuchungszeitraum kennzeichnet sich des Weiteren dadurch, dass die in ihm entstandenen Texte eine Gemeinsamkeit hinsichtlich der Wahrnehmung und Konstruktion der Masse als schwerwiegendes Problem aufweisen. Die Thematisierung unterliegt demnach einer gewissen Einheitlichkeit und Regelhaftigkeit, weshalb sie für den Zeitraum als Diskurs und Le Bon als dessen Katalysator identifiziert werden kann.61 Für die Jahre nach Le Bons Publikationserfolg lässt sich außerdem ein rapider Anstieg an Texten über das Phänomen Masse verzeichnen. Das beginnende 20. Jahrhunderts bietet somit nicht nur den Diskursraum, sondern auch eine Hochphase der wissenschaftlichen und literarischen Produktion.62 Begrenzt wird der Untersuchungszeitraum durch die politischen Zäsuren 1933 und 1939. Zwar werden die Auswirkungen derartiger politischer Einschnitte auf die literarische Produktion zunehmend infrage gestellt. Jedoch sind die tiefgreifenden Veränderungen hinsichtlich der Wissensformen und deren Aushandlungsprozesse ←30 | 31→unbestreitbar. Mit der Etablierung der faschistischen Regimes kann daher nicht mehr von ein und demselben Masse-Diskurs gesprochen werden.63

Für das Vorhaben, Wissens- und Darstellungsformen zu rekonstruieren, bietet sich eine diskursanalytische Vorgehensweise an. Da der Begriff der Diskursanalyse jedoch unterschiedliche Forschungsansätze umfasst, müssen zunächst die theoretischen Grundlagen dargestellt und definiert werden.64 Die vorliegende Arbeit stützt sich dabei auf Foucault, der den Grundstein für die Diskursforschung legte.65 In seinen Arbeiten liefert er einen Begriffsapparat, der als hilfreiches Werkzeug für die Diskursanalyse benutzt werden kann. Jedoch mangelt es seiner Theorie an einer konkreten Methodik und Konsistenz bezüglich der Begriffsnutzung.66 Deshalb werden außerdem die Studien Kellers und ←31 | 32→Landwehrs hinzugezogen, die die Diskursforschung im sozialwissenschaftlichen und geschichtswissenschaftlichen Kontext betreiben. Sie bieten einen Leitfaden für eine diskursanalytische Arbeitsweise, an dem sich diese Studie – angepasst an das Forschungsinteresse – orientiert.67 Hinzugezogen wird außerdem Link, der den Diskursbegriff aus literaturwissenschaftlicher Perspektive untersucht.68 Mit der hier angewandten Vorgehensweise werden daher Methoden der historischen sowie der sozialwissenschaftlichen Diskursanalyse kombiniert und durch literaturwissenschaftliche sowie kulturwissenschaftliche Perspektiven erweitert.

Foucault geht davon aus, dass Wissen und Wirklichkeit in sozialen Konstruktionsprozessen, die er Diskurse nennt, gebildet und verarbeitet werden. Diese sind „[…] als Praktiken zu behandeln, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen.“69 Die dadurch entstehenden Wahrheiten unterliegen bestimmten Denkkategorien und Wissensordnungen, die sich im Zeitverlauf aufgrund von unterschiedlichen Praxisformationen verändern können und dadurch nur bedingt Gültigkeit haben. Der Blick auf Phänomene wie das der Masse und das Sprechen darüber hängen demnach von den in den jeweiligen Epochen gängigen Wissensformen und Konstruktionsprozessen ab. Ein Diskurs lässt sich dort identifizieren, wo ein Gegenstand durch immer wieder auftauchende und deshalb typische Inhalte und Bedeutungszuweisungen, die sogenannten Aussagen, konstituiert wird. Sie können sich sprachlich in unterschiedlichen Formen als diskursive Ereignisse in einzelnen konkreten Äußerungen materialisieren und folgen in ihrem Auftauchen, ihrer Struktur und Beziehung zueinander spezifischen Formationsregeln:

In dem Fall, wo man in einer bestimmten Zahl von Aussagen ein ähnliches System der Streuung beschreiben könnte, in dem Fall, in dem man bei den Objekten, den Typen der Äußerung, den Begriffen, den thematischen Entscheidungen eine Regelmäßigkeit (eine Ordnung, Korrelationen, Positionen und Abläufe, Transformationen) definieren ←32 | 33→könnte, wird man übereinstimmend sagen, dass man es mit einer diskursiven Formation zu tun hat. […] Man wird Formationsregeln die Bedingungen nennen, denen die Elemente dieser Verteilung unterworfen sind (Gegenstände, Äußerungsmodalität, Begriffe, thematische Wahl). Die Formationsregeln sind Existenzbedingungen […] in einer gegebenen diskursiven Verteilung.70

Diskurse bestehen also aus Aussagen, deren Formationen Aufschluss über die Praktiken der Wissens- und Wirklichkeitsproduktion geben. Keller unterscheidet dabei diskursive und nicht-diskursive Praktiken der Diskursproduktion. Erstere manifestieren sich zum Beispiel in gesprochenen oder geschriebenen Texten und letztere beziehen sich auf nicht-sprachliche Handlungen wie bestimmte Gesten oder das Tragen von bestimmter Kleidung. Für die vorliegende Studie, die sich lediglich mit Texten beschäftigt, sind jedoch nur erstere interessant.71 Ausgeübt werden diese Praktiken in institutionellen Feldern von gesellschaftlichen Akteuren. Dies können zum Beispiel die Institutionen selbst, der Staat, Wissenschaftler, Literaten und andere sein. Als Diskursproduzenten handeln sie untereinander Realitätsdefinitionen aus und richten sich dabei an einen Adressaten beziehungsweise an ein Publikum. Die Durchsetzung von bestimmten sprachpraktischen Wirklichkeitskonstruktionen zu einem bestimmten Zeitpunkt hängt von den herrschenden Mächten ab. Diese werden zum einen durch die unterschiedlichen Diskursproduzenten und zum anderen durch die Regeln des Sprechens deutlich. Wahrheit setzt sich demnach nur durch, wenn sie durch einen legitimen Akteur regelkonform formuliert wird. Nicht alles, was (grammatikalisch) sinnvoll ist, kann zu jedem Zeitpunkt gesagt werden.72 Bourdieu, der die Erzeugung von Wissensordnungen als Resultat von Aushandlungskämpfen zwischen sozialen Akteuren versteht, spricht in diesem Zusammenhang von der „[…] Macht, Dinge mit Wörtern zu schaffen.“73 Das gesamte Regelwerk eines Diskurses, das seine Macht festigt, nennt Foucault Dispositiv. Dabei handelt es sich um die Infrastruktur, die einem Diskurs zugrundeliegt und durch die er ←33 | 34→(re-)produziert wird. Das Dispositiv beschreibt ein Netz, das die einzelnen Diskurselemente verbindet und dadurch eine strategische Funktion hat.74

Bezüglich der Diskurstypen unterscheidet Foucault ein „allgemeines Gebiet aller Aussagen“75 zu einem Thema und die Spezialdiskurse, die lediglich eine Gruppe von Aussagen innerhalb eines spezifischen Formationssystems einschließen. Gemeint können damit zum Beispiel Wissenschaftszweige sein, innerhalb derer ein Phänomen behandelt wird.76 In Bezug auf die Thematik der Masse könnten in der Psychologie, Soziologie und Philosophie solche Spezialdiskurse isoliert werden. Diese werden hier jedoch zum wissenschaftlichen Spezialdiskurs zusammengefasst und dem literarischen Spezialdiskurs gegenübergestellt.77 Für den einzelnen in sich geschlossenen Text soll Kellers Begriff des Diskursfragments angewandt werden, um die Ebenen deutlich zu unterscheiden.78

Mit den Beziehungen zwischen diesen Spezialdiskursen beschäftigt sich Link: Er geht davon aus, dass es „Diskursparzellen“79 gibt, die Teil von mehreren ←34 | 35→Wissensbereichen und auch vom Alltagswissen sein können. Sie existieren daher spezialdiskursübergreifend in sogenannten Interdiskursen. Während sich die spezialdiskursgestützten Teilsysteme eines Diskurses durch ihren Differenzierungsbedarf und ihre Immanenz im Spezialdiskurs kennzeichnen, bilden sich im Interdiskurs symbolische Brückenschläge des Wissens. Dies geschieht durch „netzartige Konnotationsknoten“80 zwischen den Spezialdiskursen, sodass deren Teilbereiche miteinander gekoppelt oder ineinander integriert werden. Dadurch können dann Analogien, Allegorien, Metaphern, Metonymien, Vergleiche etc. entstehen, deren Gesamtheit innerhalb einer Kultur Link unter dem Begriff der Kollektivsymbole zusammenfasst.

Die Diskursanalyse versteht Foucault als ein archäologisches Vorhaben, mit dem er die Bedingungen von Wissensproduktionen und -strukturen zu bestimmten, in der Vergangenheit liegenden Zeitpunkten zu rekonstruieren versucht. Die historische Diskursanalyse stellt daher die Fragen, welche Aussagen in welchen Formationen von wem wo zu einem bestimmten Zeitpunkt getätigt werden (dürfen). In Bezug auf den Untersuchungsgegenstand lässt sich die Frage nach dem Ort mit den Bereichen der Wissenschaft und der Literatur beantworten. Innerhalb von diesen zwei Spezialdiskursen wird also das Phänomen „Masse“ konstituiert. In beiden Bereichen lassen sich außerdem zusätzlich bestimmte Subdiskurse identifizieren, die im Folgenden auch Diskursfelder genannt werden sollen.

Mit dem Wissen um die Verortung kann zunächst ein Textkorpus erstellt werden, der das Analysematerial liefern soll. Ausschlaggebend bei der Auswahl ist, dass sich die Texte intensiv mit dem quantitativen oder qualitativen Phänomen der Masse beschäftigen und „[…] dabei die Wiederholung und die Gleichförmigkeit von immer wieder ähnlich Gesagtem oder Geschriebenem“81 aufweisen. Auf dieser Basis wurden für die Analyse des wissenschaftlichen Diskurses die Essays Gustave Le Bons, José Ortega y Gassets und Siegfried Kracauers ausgewählt.82 Darin wird nicht nur der repetitive Charakter der Aussagen deutlich, sondern sie repräsentieren im Medium des wissenschaftlichen Textes auch entsprechend der Anforderung Links „durchschnittliches Diskursmaterial“83, weil durch sie mehrere Subdiskurse (der Psychologie, Philosophie und Soziologie) ←35 | 36→abgedeckt werden. Des Weiteren spielen die Texte auch eine besondere Rolle für das Forschungsinteresse: Le Bons Schriften sind aufgrund ihrer Katalysatorfunktion für den Diskurs von Bedeutung, während Ortega y Gasset als wichtigster Repräsentant der spanischen Wissenschaftstexte betrachtet wird. Dies hängt nicht nur mit dem Publikationserfolg seiner Arbeiten zusammen, sondern auch mit dem Einfluss, den er nachweislich auf die zeitgenössische Literatengeneration ausgeübt hat. Ebenso von Bedeutung ist seine Person hier, da er durch seine engen Kontakte nach Deutschland in der Rolle des Kulturmittlers betrachtet werden kann.84 Kracauer wiederum erscheint als interessanter deutscher Vertreter, zumal er sich nicht nur in mehreren soziologischen Arbeiten der Masse-Thematik widmet, sondern auch in seinem literarischen Werk. Anhand seiner Produktion lässt sich daher sehr anschaulich die Verschränkung von wissenschaftlichen und literarischen Praktiken untersuchen.85

Bezüglich der literarischen Texte konzentriert sich die Studie auf die Diskursfelder der Großstadt und des Krieges. Innerhalb dieser ist, wie bereits angedeutet wurde, eine besondere Aussagenhäufung in der Gattung der Romane festzustellen.86 Um auch hier Querschnittmaterial zu gewinnen, wurde bei der Korpusbildung darauf geachtet, repräsentative Produzenten zu berücksichtigen. Diese gehören im Bereich der Großstadtliteratur der Berliner beziehungsweise Madrider Literaten- und Intellektuellenszene an. Im Fall der deutschen ←36 | 37→Literatur handelt es sich dabei hauptsächlich um Vertreter der Neuen Sachlichkeit wie Erich Kästner, Alfred Döblin und Irmgard Keun. In Spanien sind Autoren der Generación 27 wie Antonio Espina, Benjamín Jarnés, Francisco Ayala und Antonio Botín Polanco wichtige Diskursteilnehmer.87 Einen repräsentativen Querschnitt aus dem Diskursfeld des Krieges liefern auf deutscher Seite kriegskritische Romanautoren wie Siegfried Kracauer und Erich Maria Remarque und kriegsapologetische Schriftsteller aus dem rechtskonservativen, nationalistischen Lager wie Franz Schauwecker und Hans Zöberlein. Auf spanischer Seite ergibt sich eine differenzierte Rekonstruktion des Diskurses durch die Berücksichtigung von Texten aus dem republikanischen und dem faschistischen Lager. Für das erstere soll Ramón Sender als Vertreter dienen, während Augustín de Foxá und Cecilio Benítez de Castro Aufschluss über die rechtskonservativen und faschistischen Positionen geben sollen.88

Durch die Korpusbildung können dann auch die Fragen nach den Akteuren beantwortet werden. Die Diskursproduzenten sind, wie sich herausstellt, Wissenschaftler, Intellektuelle und Schriftsteller. Ihre wirksame Beteiligung hängt also von einer gewissen Qualifizierung ab. Im Interesse der Analyse liegen darüber hinaus auch ihre Positionen im Diskurs und mögliche Koalitionen untereinander, die durch die politisch-ideologischen Einstellungen bereits angerissen wurden. Während Foucault die Konzentration vom Autor hin zu den Aussagen lenkt und dabei eine nicht-interpretative Vorgehensweise anstrebt – es geht ihm lediglich um Beschreibung –89, sollen hier die Autoren und die möglichen Gründe für ihre Äußerungen nicht außer Acht gelassen werden, wenn sie Aufschluss über die Beziehung der Aussagen und die Machtverhältnisse bieten. Für ein Verständnis der Zusammenhänge sind daher einerseits biographische und andererseits soziokulturelle Informationen über den Lebensraum der Autoren zu berücksichtigen.90

Des Weiteren ist im vorliegenden literaturwissenschaftlichen Kontext von Interesse, an welchen Rezipienten sich die Autoren wenden. Dafür sind die ←37 | 38→Erscheinungsorte und Sprachstile in den Texten aufschlussreich, weil durch sie ermittelt werden kann, ob zum Beispiel eine breite Leserschaft ohne intellektuellen Hintergrund oder eine ausgewählte Bildungselite angesprochen wird. Santos Juliá stellt bezüglich der um die Jahrhundertwende tätigen spanischen Schriftsteller fest, dass sie sich aufgrund ihrer Abneigung gegenüber den Demokratisierungsprozessen gegen die sogenannte Masse richteten und stattdessen an das Bildungsbürgertum wandten. Dies wirkte sich auch auf ihre Ästhetik aus, durch die sich die spanische Literatur früher als in den Nachbarländern revolutioniert hatte. Aufgrund von literarischen Experimenten wie zahlreichen Abschweifungen ins philosophische und psychologische Feld erschlossen sich ihre Texte lediglich den gebildeten Minderheiten.91 Wie König mit dem Distanzierungsbegriff bereits andeutet, scheint sich im Diskurs also ein Abgrenzungsbedürfnis der bildungsbürgerlichen Elite von gesellschaftlich niedriger stehenden Gruppen abzuzeichnen. Im Sinne Bourdieus ist darin nicht nur eine soziale, sondern auch eine ästhetische Distanzierung inbegriffen, die hier vor allem den Literaturgeschmack betrifft.92

Um dies in Bezug auf die hier behandelten Autoren zu überprüfen, sind neben den Diskursräumen und ihren Akteuren vor allem die Aussagen und ihre Formationsregeln zu erarbeiten. Dazu stellt sich die Frage, welche Aussagen in welcher Form und Anordnung zum Thema „Masse“ getätigt wurden. Die Aussagen müssen einerseits hinsichtlich ihrer Inhalte und andererseits hinsichtlich der angewandten Darstellungstechniken geprüft werden. Was wird über die Masse gesagt? Welche Bedeutungen, Merkmale und Erscheinungsformen werden ihr zugeordnet? Wo wird sie verortet und wie wird sie zu ihrem Gegenpart – dem ←38 | 39→Individuum – in Beziehung gesetzt? Welche Denkfiguren werden dazu angewandt? Vor allem für die literarischen Texte sind in diesem Zusammenhang die Figuren- und Raumkonstellationen von Interesse. Während die Wissenssoziologische Diskursanalyse weniger Wert auf die sprachliche Gestaltung legt, sollen hier rhetorische und stilistische Mittel genau betrachtet und die Motive ihres Einsatzes hinterfragt werden.93 Welche Masse-Vorstellungen wollen die Autoren mit ihren Darstellungen zu welchem Zweck durchsetzen und welche Positionen vertreten sie damit im Diskurs? Dafür sind zum einen die Argumentationsstrategien von Bedeutung: Verfahren die Autoren sachlogisch mit Fakten- und Autoritätsargumenten, normativen und analogisierenden Argumenten oder knüpfen sie an die Gefühlsebene an und bedienen sich Scheinlogiken, Polemisierungen oder ähnlicher Mittel? Zum anderen müssen die narrativen Muster analysiert werden: Wie sind die Erzählkompositionen strukturiert? Welche gattungspoetologischen Handlungsparadigmen werden wie realisiert und welche Konflikte wie bewältigt? In welchem Verhältnis stehen dabei destabilisierende Ereignisse einerseits und Wertehierarchien sowie Sinn- und Ordnungsmuster andererseits? Des Weiteren gilt es, die angewandten Motive, Metaphern, Topoi und Schlüsselbegriffe herauszuarbeiten, um die Diskurssemantik offenzulegen.

Im Zuge dieser narratologischen und hermeneutischen Analyse lassen sich dann die Kollektivsymbole und Isotopien identifizieren, sodass die Verschränkung wissenschaftlicher und literarischer Diskurspraktiken mit ihren sich überschneidenden Aussagesystemen zutage tritt. Auch die durchlässigen Grenzen zu etwaigen Nachbardiskursen kommen zum Vorschein. Gleichzeitig werden die Eigentümlichkeiten der Spezial- und Subdiskurse isoliert und es zeigt sich, wie deren Strukturen und Inhalte zur Plausibilisierung des Masse-Phänomens nutzbar gemacht wurden. Die Aussagen können mit einem Blick auf ihre Inhalte, Distribution und Proportionen in Bezug zueinander gesetzt werden, sodass die Machtverhältnisse mit ihren Hierarchien, Spannungsfelder und Oppositionspaaren hervortreten. Auch die nicht getätigten Aussagen können aufschlussreich ←39 | 40→sein: das Nicht-Gesagte, was durch die Diskursmächte blockiert wird und bei Foucault als Gegendiskurs bezeichnet wird:

[…] es handelt sich darum, die Aussagen in der Enge und Besonderheit ihres Ereignisses zu erfassen; die Bedingungen ihrer Existenz zu bestimmen, auf das Genaueste ihre Grenzen zu fixieren, ihre Korrelationen mit den anderen Aussagen aufzustellen, die mit ihm verbunden sein können, zu zeigen, welche andere Form der Äußerung sie ausschließt.94

Insgesamt lassen sich also durch die Untersuchung des Raums, der Akteure, Aussagen und ihrer Beziehungen die Aushandlungsprozesse in Bezug auf die Konstitution des Masse-Phänomens nachvollziehen. Dadurch wird deutlich, welche Vorstellungen wirksam vermittelt wurden und deshalb im kollektiven Wissen selbstverständlich anerkannt und naturalisiert waren. In Hinblick auf den sozialen und sprachpraktischen Konstruktionscharakter von Diskursen findet dabei nicht nur eine Rekonstruktion von Wissensordnungen, sondern auch von einem Teilausschnitt der gesellschaftlichen Wirklichkeit statt.

In einem weiteren Schritt sollen dann die Ergebnisse für den spanischen und den deutschen Diskurs einander vergleichend gegenübergestellt werden. Schettler spricht bei Österreich und Deutschland von einem gemeinsamen Masse-Diskurs, was für die Kulturräume Deutschland und Spanien hier zu prüfen ist. Angestrebt wird ein komparatistisches Verfahren im Sinne der vergleichenden Sozial- und Kulturgeschichte, Geschichtswissenschaft und Literaturwissenschaft.95 Dabei wird der Ansatz verfolgt, dass Deutschland und Spanien als Kulturräume zu verstehen sind, die einerseits unabhängig betrachtet und einander gegenübergestellt werden können, die andererseits aber auch in einem ←40 | 41→transgesellschaftlichen und -kulturellen Zusammenhang stehen können.96 In einem systematischen Vergleich sollen deshalb zunächst die Strukturen und Beziehungen der deutschen und spanischen Masse-Diskurse ermittelt werden, um dann Unterschiede und Gemeinsamkeiten festzustellen respektive die Konstruktionen der Masse auf ihre Ubiquität oder räumlich gebundene Spezifizität hin zu prüfen. Diesem Vorgehen liegt die Annahme zugrunde, dass in den zwei Kulturräumen durch ort- und zeitspezifische Wahrnehmungen und Sinngebungen unterschiedliche soziale Praktiken entstehen. Deshalb müssen bei der Untersuchung die historischen, kulturellen und sozialen Bedingungen in Spanien und Deutschland berücksichtigt werden, die die Deutungshorizonte der Akteure mitbestimmen könnten. Wie bei der historischen Diskursanalyse sind also bestimmte Kontextfaktoren relevant, die hier historische Diskursmotoren genannt werden.97

Durch diese Arbeitsschritte können dann die festgestellten Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei den jeweiligen Masse-Konstruktionen nachvollzogen und interpretiert werden. In der literaturwissenschaftlichen Komparatistik lässt sich in diesem Zusammenhang ein typologischer Vergleich vollziehen, durch den analoge Produktions- und Rezeptionsbedingungen offengelegt werden sollen. Auf dieser Ebene unterscheidet Ďurišin gesellschaftlich-, literarisch- und psychologisch-typologische Gemeinsamkeiten beziehungsweise Unterschiede. Damit bezieht er sich auf die Untersuchung von analogen gesellschaftlichen Verhältnissen, ähnlichen literarischen Entwicklungen und gemeinsamen psychologischen Problemen, welche die Aktualität von bestimmten Themen wie dem der Masse hervorrufen.98 Die Gemeinsamkeiten ergeben sich dann aus ähnlichen ←41 | 42→sozialen, kulturellen und literarischen Bedingungen, die für die „Ubiquität, Universalität und Ortlosigkeit eines Phänomens“99 sorgen.

Analoge Diskurspraktiken können sich aber auch durch die Austausch-, Einfluss- und Rezeptionsbeziehungen zwischen Deutschland und Spanien ergeben. Diese transgesellschaftlichen Strukturen lassen sich durch die Methoden der Kulturtransferforschung offenlegen, die die Prozesse der Nachahmung, kreativen Verarbeitung und Aneignung von Transferobjekten zu rekonstruieren versucht. In diesem Zusammenhang ist erneut einerseits der historische, soziale und kulturelle Kontext von Bedeutung, andererseits sind die Kulturbegegnungen sowie ihre Akteure und deren Motive zu identifizieren. Dabei kann es sich um prominente Einzelfiguren oder Gruppen wie kosmopolitische Eliten handeln. Im Falle des Austauschs zwischen Deutschland und Spanien ist daher besonderes Augenmerk auf Ortega y Gasset als Kulturmittler zu legen.100

Details

Seiten
494
ISBN (PDF)
9783631799161
ISBN (ePUB)
9783631799178
ISBN (MOBI)
9783631799185
ISBN (Hardcover)
9783631793824
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Oktober)
Schlagworte
Ortega y Gasset Transkultureller Vergleich Vergleichende Literaturwissenschaft Massenpsychologie Großstadtromane Weltkriegsromane Bürgerkriegsromane Diskursanalyse Massendiskurs Krisendiskurs
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2019. 492 S.

Biographische Angaben

Charlotte Jestaedt (Autor:in)

Charlotte Jestaedt hat von 2005 bis 2010 die Fächer Deutsch, Spanisch und Geschichte in Marburg und Sevilla studiert. 2018 legte sie das 2. Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in Hamburg ab. Seitdem ist sie Studienrätin an einem Hamburger Gymnasium.

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Titel: Der Massenmensch zu Beginn des 20. Jahrhunderts