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Ethik der Robotik und der Künstlichen Intelligenz

von Lukas Ohly (Autor:in)
Monographie 166 Seiten

Zusammenfassung

Was gegenwärtig unter dem Stichwort „Digitalisierung" verhandelt wird, pendelt zwischen Heilsphantasien und Katastrophisierung. Die Theologische Ethik tastet sich gegenwärtig noch unsicher an dieses Thema heran. Das Buch legt eine ethische Grundlegung für die Probleme der angewandten Ethik mit künstlich intelligenten und autonomen Maschinen vor. Insbesondere der moralische Status von Robotern und Künstlicher Intelligenz wird bestimmt.
An Robotern treten wesentliche Phänomene intersubjektiver Begegnungen nicht auf. Man kann sich vor ihnen nicht anhaltend schämen und ihre Lernfähigkeit keinem Wesen zurechnen, das lernt. Damit sind theologische Kriterien des Status des Menschen benannt, die sich nicht nachbauen lassen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Robotik als Thema der Theologischen Ethik
  • 1.2 Die Themen einer Ethik der Robotik
  • 1.3 Definitionen
  • 1.3.1 Roboter
  • 1.3.2 Intelligenz
  • 1.3.3 Künstliche Intelligenz
  • 1.3.4 Digitalisierung
  • 2. Mensch, Tier und Künstliche Intelligenz
  • 2.1 Wer oder was?
  • 2.2 Martin Luthers Vorschlag und die Folgen
  • 2.3 Menschliche Eigenschaften und das Widerfahren des Menschen
  • 2.4 Ethische Bestimmung des Menschen
  • 2.5 Ergebnis
  • 3. Können Wesen Künstlicher Intelligenz Subjekte sein?
  • 3.1 Gefühle gegenüber KI-Wesen
  • 3.2 Scham gegenüber KI
  • 3.3 In einer Welt voller Zombies
  • 3.4 Die Differenz von erlebt und gemacht
  • 3.5 Ergebnis
  • 4. Für eine kategoriale Verwendung des Statusbegriffs
  • 4.1 Das Ziel von Statusfragen
  • 4.2 Perspektiven der Statusbestimmung
  • 4.3 Die Kategorien des Widerfahrens, des Gegenständlichen und der Anwesenheit
  • 4.4 Eine kategoriale Statusbestimmung von Mensch und Maschine
  • 4.5 Die Unverfügbarkeit des Menschen
  • 4.6 Menschliche Unverfügbarkeit und virtuelle Ortlosigkeit
  • 4.7 Ergebnis
  • 5. Sind selbstfahrende Autos wirklich autonom?
  • 5.1 Die drohenden Folgen selbstfahrender Autos
  • 5.2 Autonomie setzt Identität voraus
  • 5.3 Der Widerfahrenscharakter der Autonomie
  • 5.4 Warum selbstfahrende Autos im Straßenverkehr Störungen sind
  • 5.5 Ergebnis und Konsequenzen
  • 6. Cyberwar
  • 6.1 Hackerangriffe auf feindliche Waffensysteme
  • 6.2 Die Nicht-Distanz der Anwesenheit
  • 6.3 Anwesenheit im virtuellen Raum und die Gefahr des Cyberwar
  • 6.4 Auflösungen von Bindungen im Cyberspace
  • 6.5 Vorrang der Anerkennung
  • 7. Automatisierte ökonomische Prozesse
  • 7.1 Beispiel Computerbörse
  • 7.2 Roboter zerstören Arbeitsplätze
  • 7.3 Die kommunistische Vergesellschaftung von Produktionsmitteln
  • 7.4 Der religiöse Charakter der Kommunikation schützt den Menschen vor der Nutzlosigkeit
  • 8. Schluss: Sind Asimovs Gesetze ausreichend?
  • 8.1 Keinem Menschen schaden
  • 8.2 Den Befehlen eines Menschen gehorchen
  • 8.3 Schutz der eigenen Existenz
  • 8.4 Zusammenfassung
  • 9. Literaturverzeichnis
  • Reihenübersicht

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1.  Einleitung

Zum 500. Jubiläum der Reformation im Jahr 2017 hatte die Evangelische Kirche in Deutschland in Wittenberg eine Weltausstellung veranstaltet, bei der sich die einzelnen evangelischen Landeskirchen präsentieren konnten. Eine Attraktion soll dabei ein Roboter der südhessischen Kirche EKHN gewesen sein, der die Passanten auf Knopfdruck gesegnet hatte. Der Segensroboter BlessU-2 sah einem Bank- oder Fahrscheinautomat ähnlich. Man konnte auf einer interaktiven Schaltfläche wählen, ob man einen Reisesegen haben wollte, einen Schutzsegen oder einen Segen für andere Bedürfnisse. Auch die Spreche konnte ausgewählt werden (zwischen deutsch, englisch, spanisch – sogar ein Segen auf hessisch war enthalten). Nachdem die Benutzer ihr Segens-Menu zusammengestellt hatten, erhob der Roboter seine Hände, die anfingen zu leuchten, und segnete die vor ihm stehende Person – ganz persönlich…

Eine Auswertung durch die Öffentlichkeitsabteilung der EKHN ergab, dass sehr viele Menschen begeistert oder sogar angerührt von BlessU-2 waren.1 Andere wiederum sahen in dem Roboter ein Goldenes Kalb, eine Art Götzendienst oder Gotteslästerung. Innerhalb der Kirchen wurde diskutiert, ob Roboter überhaupt segnen können und ob der Segen gültig war. Vor allem Pfarrerinnen und Pfarrer waren davon abgeschreckt, ebenso diejenigen Christen, die soziologisch zu den kirchlich Hochverbundenen zählen. Dagegen fanden kirchlich distanzierte Menschen die Idee interessant oder toll.

Das Ergebnis bestätigt, was wir auch aus anderen Untersuchungen wissen: Roboter machen uns die Kommunikation leicht. Wer von den kirchlich Distanzierten würde eine Pfarrerin aufsuchen, damit sie ihn segnet? Ganz offensichtlich sind die Hemmschwellen hoch, wenn man sich von einem Menschen segnen lassen will. Aber der Segen eines Roboters ist niedrigschwellig und angenehm. Dieselben Ergebnisse zeigen andere Roboter, etwa in der Altenpflege: Ein Roboter, der pflegebedürftige Menschen duscht, wird von ihnen gegenüber einer menschlichen Pflegekraft vorgezogen. Kommt ← 13 | 14 → die Tochter einmal in der Woche die Altenheimbewohnerin besuchen, dann lässt diese sich nicht davon ablenken und spielt stattdessen weiter mit dem Spieleroboter des Hauses.2 Kunden unterhalten sich mit Sprachassistenten lieber als mit „echten“ Beratern oder zahlen lieber an der Selbstbedienungskasse als bei einer Kassiererin. Dafür nehmen sie sogar längere Wartezeiten in Kauf, vermutlich weil sie denken, sie würden weniger warten.

Die Diskussionen zu den anderen Robotern gleichen der Diskussion um den Segensroboter: Werden Altenheimbewohner in ihrer Menschenwürde verletzt, wenn sie von Robotern versorgt werden? Ist das eine Misshandlung? Wird der Wert zwischenmenschlicher Kommunikation zerstört, wenn wir mit Sprachassistenten reden statt mit Menschen? Darf man mit Robotern Sex haben oder zerstört das den Glanz sexueller Liebe?

Nach Prognosen werden rund 40 Prozent der Berufe in westlichen Gesellschaften in den nächsten 20 Jahren von Robotern übernommen. Obwohl vor allem zunächst Berufe im sogenannte Niedriglohnsektor betroffen sein sollen, erwartet man, dass Roboter, die zugleich mit Künstlicher Intelligenz (KI) ausgestattet sind, uns Menschen in vielen Hinsichten überlegen sein werden: So rechnet man damit, dass der Straßenverkehr sicherer wird, wenn nicht mehr der Mensch selbst hinter dem Steuer sitzt, sondern wenn autonom fahrende Autos sich selbst steuern. 90 Prozent aller Autounfälle gehen auf menschliches Versagen zurück.3 Wenn nun der Mensch als Störfaktor ausgeschlossen werden kann, suggeriert diese Zahl, dass der Straßenverkehr sicherer werden und weniger Verkehrsopfer bringen wird.

Roboter werden nicht müde und können Ärzte beim Operieren ersetzen. Mit Hilfe von Sensortechnik und intelligenten „Händen“ können sie behutsamer und exakter in körperliches Gewebe schneiden – bis in den Mikrobereich oder sogar Nanobereich genau. Künstliche Intelligenz kann schneller hochkomplexe Sachverhalte überblicken, schneller rechnen und hat via Internet einen schnelleren Überblick über das gesammelte Weltwissen als Menschen, die erst einmal mühsam im Netz surfen müssen, bis sie die passende Information gefunden haben. Deshalb könnte es in den nächsten Jahren schon die ersten Lehrerroboter an Schulen geben. Sogar ← 14 | 15 → pädagogische Fähigkeiten traut man Robotern zu, die gezielter und individueller auf unterschiedliche Lerntypen eingehen können.4 Der Arbeitsplatzverlust wird also auch die Bildungselite treffen.

Die Rede ist vom „Superhumanismus“: Wir erschaffen Wesen, die besser sind als wir. Die meisten Philosophen sehen diese Entwicklung als Gefahr für die Menschheit. Warum – so fragt etwa der Bestsellerautor Yuval Harari5 – sollten wir davon ausgehen, dass Roboter unsere Menschenrechte achten werden, wenn wir doch auch Lebewesen ausbeuten und töten, die eine geringere Intelligenz haben als wir (Tiere, Pflanzen)? Nur eine kleine Minderheit erhofft sich vom Superhumanismus, dass Roboter ihre Intelligenz nutzen werden, um sich moralischer zu verhalten als Menschen.

Das setzt aber voraus, dass Roboterintelligenz überhaupt moralisch sein kann. Können sich nicht nur Subjekte moralisch verhalten – Wesen, die Gefühle haben, ein Gewissen; Wesen, die wissen, wie es sich anfühlt, verletzt zu werden? Transhumanisten werden darauf antworten, dass sich solche Künstliche Intelligenz durchaus einprogrammieren lässt. Wenn menschliche Intelligenz von materiellen Bedingungen abhängt, dann muss nur die materielle Ausstattung nachgebaut oder zumindest ihre Struktur simuliert werden. Warum sollen dann künstliche Subjekte nicht möglich sein? Und damit auch künstliche Moralwesen?

1.1  Robotik als Thema der Theologischen Ethik

Warum das ein Thema für die Theologische Ethik ist, erklärt sich zum einen daraus, dass der besondere Status des Menschen fraglich wird. Nach der Theologischen Anthropologie ist der Mensch das Ebenbild Gottes und steht damit in unvergleichlicher Weise in einem Verhältnis zu Gott. Wäre es nicht willkürlich, wenn wir künstlichen Wesen diesen Status nicht anerkennen, obwohl sie uns überlegen sind? Zwar hat die neuere Theologische Anthropologie die Gottebenbildlichkeit nicht an bestimmte menschliche Eigenschaften gebunden: Der Mensch ist Gottes Ebenbild, nicht weil er einen aufrechten Gang hat oder intelligent ist – sondern weil Gott ihn zu seinem ← 15 | 16 → Partner erwählt hat.6 Aber können wir dabei völlig ausklammern, dass es bald künstliche Wesen gibt, die uns nicht nur ähnlich sind, sondern uns auch in unseren geistigen Fähigkeiten übertreffen? Können wir also völlig von den Eigenschaften absehen? Für die meisten Ausleger biblischer Texte ist die Gottebenbildlichkeit mit dem Anspruch verknüpft, Gottes Schöpfung zu bebauen und zu bewahren – also für ein ökologisches Gleichgewicht zu sorgen.7 Ist nicht zu erwarten, dass hyper-intelligente Wesen dazu viel mehr in der Lage sind als wir, die wir unseren Planeten bis an den Rand des ökologischen Zusammenbruchs ausgebeutet haben?

Der zweite Grund, warum das Thema Robotik für die Theologische Ethik relevant ist, hängt damit zusammen, dass menschliche Religiosität und christlicher Glaube an der Subjektivität hängt: Wir können glauben, weil wir ein Ich sind, also ein Erleben haben. Noch stärker hat Friedrich Schleiermacher behauptet, dass Subjektivität bedeutet, religiös zu sein: Wer sich selbst erlebt, erlebt dabei, einen Bezug zu Gott zu haben. Was bedeutet es nun theologisch, wenn wir künstliche Subjekte erschaffen können? Machen wir uns dann nicht zum anbetungswürdigen Schöpfer? Übernehmen wir also eine Fähigkeit, die bisher nur Gott zukam? Stellen wir uns also mit ihm auf eine Stufe?

Der dritte Grund liegt darin, dass sogenannte „Robotizisten“ – also die Anhänger eines Weltbildes, das auf Künstlicher Intelligenz und Robotik fußt – selbst theologische Anspielungen machen: Sie sprechen zum Beispiel von der Verwirklichung von Unsterblichkeit: Mit Hilfe von KI könnten die Informationen unseres Gehirns gescannt und gespeichert werden. Am Tag unseres Todes könnte man dann unser Gehirn in einen künstlichen Roboter-Körper übertragen. Oder man verhindert bereits unseren körperlichen Tod, indem man unsere kranken Körperteile und Organe gegen Prothesen und künstliche Gewebe eintauscht. Dabei werden wir selbst mehr und mehr künstliche Wesen, die jedoch ihren Geist behalten. Die Ähnlichkeit zur Auferstehungshoffnung bei Paulus könnte kaum größer sein: „Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib“ (1. Kor. 15,44). ← 16 | 17 →

Hier wiederholen sich die theologischen Bedenken: Dürfen wir Gott ins Handwerk pfuschen, indem wir Unsterblichkeit auf Erden realisieren? Meine Bedenken haben nichts damit zu tun, dass ich eine Verlängerung des menschlichen Lebens für unmoralisch hielte. An sich ist das nicht bedenklich. Das größere Problem sehe ich darin, dass mit diesen Möglichkeiten die Ungerechtigkeiten zwischen den Menschen anwachsen dürften: Es wird Menschen geben, die sich ihre Unsterblichkeit leisten können, während andere nach wie vor sterben. Dazu kommt, dass Unsterblichkeit auch kein Wert an sich ist. Man kann unsterblich sein und zugleich zu lebenslänglicher Haft verurteilt sein. In diesem Fall ist Unsterblichkeit die Hölle auf Erden. Die theologische Rede vom ewigen Leben schließt daher nicht nur die Erlösung vom Tod ein, sondern auch Erlösung von Gewalt und Qualen. Vielleicht werden wir eines Tages so sehr technische Wesen sein, dass wir keine Schmerzen mehr haben können. Wenn mein Körper nach unzähligen Operationen ausschließlich aus technischen Prothesen besteht, könnten mir Schmerzen abgenommen werden. Die Pointe an der Unsterblichkeitshoffnung der Robotik besteht aber darin, dass wir noch unseren Geist behalten. Der Geist bleibt jedoch verletzbar, einfach weil wir verletzbare Subjekte sind. Die Theologie hat die Aufgabe, die Differenzen aufzuzeigen, die zwischen den religiösen Erlösungsphantasien der Robotik und der christlichen Hoffnung bestehen.

Ich halte übrigens die meisten dieser Erwartungen für übertrieben. Ich sehe die ethischen Probleme der Robotik, glaube aber mehr, dass sie vor allem dadurch entstehen, dass Menschen solche übertriebenen Erwartungen haben. Roboter werden viel können und sie werden auch vieles besser können als wir. Wir werden jedoch keine Schöpfer neuer Subjekte. Die größte Gefahr der Robotik sehe ich darin, dass wir menschliche Fähigkeiten durch Roboterfähigkeiten ersetzen können und daraus fälschlicherweise folgern, dass Roboter unsere Fähigkeiten haben. Zum Vergleich: Mit einem Fahrrad kann man sich schneller fortbewegen als zu Fuß. Aber daraus folgt nicht, dass Fahrräder Füße haben, nur schnellere. Wenn Roboter menschliche Tätigkeiten ersetzen, dann heißt das nicht einmal, dass sie selbst Tätigkeiten ausüben. Wenn sie menschliche Entscheidungen ersetzen, heißt das nicht, dass sie selbst etwas entscheiden. Und wenn sie menschliche Gefühle ersetzen, fühlen sie nicht selbst etwas. ← 17 | 18 →

Biographische Angaben

Lukas Ohly (Autor:in)

Lukas Ohly ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Ethik der Zukunftswissenschaften und -technologien.

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Titel: Ethik der Robotik und der Künstlichen Intelligenz