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Fehler – Abweichung – Variation

Sprachnormen aus linguistischer und didaktischer Sicht

von Christina Ossenkop (Band-Herausgeber:in) Georgia Veldre-Gerner (Band-Herausgeber:in)
©2020 Sammelband 248 Seiten
Open Access

Zusammenfassung

Der Band umfasst Beiträge zum Themenbereich der sprachlichen Variation aus deskriptiver, normativer, historischer und didaktischer Sicht am Beispiel (mehrerer) romanischer Sprachen. Im Zentrum der Beiträge steht die Frage, mit welchem Ziel und auf welche Weise Kriterien zur Bewertung von Sprache und ihren Teilsystemen angewandt, didaktisch dargestellt und als Sprachnormen legitimiert werden und wie diese in einem konkreten historischen und sozialen Kontext zustande kommen. Die detaillierten empirischen Analysen von institutioneller Sprachbewertung und Sprecherurteilen ergeben, dass ‚fehlerhafte‘ sprachliche Erscheinungen unter günstigen historischen Umständen selbst normenbildend wirken können.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Die Kontinuität der Remarqueurs im Internet: (Gerda Haßler (Potsdam)
  • Die sprachliche Gleichbehandlung der Geschlechter im Spannungsfeld zwischen Norm und Variation: (Christina Ossenkop (Münster)
  • Déclin, évolution, simplification? Bewertungen morphosyntaktischer Merkmale des gesprochenen Französisch: (Sabine Diao-Klaeger/Kathrin Franz (Koblenz-Landau)
  • Grammatikalität und Akzeptabilität: Methodische Überlegungen zur Erhebung von Sprecherurteilen am Beispiel des europäischen Portugiesisch: (Charlotte Siemeling (Bremen)
  • Von sprachlicher Unsicherheit bis zur Instrumentalisierung: Das chiac im Spannungsfeld zwischen Französisch und Englisch: (Annika Groth (Siegen)
  • Incertezze ortografiche e ipercorrettismo. Esempi tratti dall’italiano contemporaneo: (Alexia Despina Leonidou (Bologna)
  • „Les canons enlevés, les prisonniers ammenés“ Verbsemantik und graphische Variation im Französischen: (Georgia Veldre-Gerner (Münster)
  • #JeSuisCirconflexe?: Der Umgang mit Orthographienormen im Französischunterricht: (Judith Visser (Bochum)
  • Fehlertoleranz bei und von Fremdsprachenlernern im ersten Lernjahr: (Claudia Schlaak (Mainz)
  • Die Kompetenz Sprechen aus Sicht der Pragmadidaktik: Eine Untersuchung zur diamesischen Variation in aktuellen Spanischlehrbüchern: (Kathleen Plötner (Potsdam)

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Einleitung

Sprachnormen sind gesellschaftliche Normen, die auf der Regelhaftigkeit des Sprachgebrauchs (deskriptive Normen) oder auf der expliziten Festsetzung und Legitimation durch normierende Instanzen (präskriptive Normen) beruhen. Die Verletzung präskriptiver Normen, ob gewollt oder ungewollt, hat entsprechende soziale Folgen. Dies gilt dann umso mehr, wenn in einer Gesellschaft die Sprache als zu bewahrendes kulturelles Erbe definiert wird und je aufwändiger der Erwerb der korrekten Norm ist. In Sprachgemeinschaften mit einem einzigen normgebenden Zentrum (sog. monozentrischen Sprachen) ist die Bedeutung der präskriptiven Norm dabei in der Regel höher als in Sprachgemeinschaften mit mehreren normgebenden Zentren (plurizentrischen Sprachen). Sprachliche Abweichungen von der präskriptiven Norm gelten primär als unfreiwillig, da sie zu negativer Bewertung der Fähigkeiten einer Person und sogar zu negativer Bewertung der Person selbst führen und ein Nicht-Können, ein Nicht-Leisten eines Erwarteten zeigen, was Sprecher vermeiden wollen. Droht die Konsequenz einer negativen Bewertung, erfüllen Abweichungen das Kriterium des ‚Fehlers‘, der von einer als Autorität anerkannten Instanz gesetzte und sozial verbindliche Regeln verletzt. Dies gilt besonders für die Schriftlichkeit, deren Beherrschung separater Gegenstand der Bildung ist. Als besonders gravierend werden Abweichungen von der Norm in Grammatik und Orthographie wahrgenommen. Beide Bereiche sind in den romanischen Sprachen unterschiedlich stark aufeinander bezogen, am stärksten zweifellos im Französischen. Dass die letzten moderaten Ansätze von 1990 zur Reform der Orthographie in Frankreich – wie bereits frühere Versuche – als direkte Bedrohung der französischen Sprache als Kulturgut gesehen wurden und dass bis heute die Debatte darum äußerst emotional geführt wird, zeigen u.a. Hassler und Diao-Klaeger/Franz (in diesem Band) eindrucksvoll am Beispiel thematischer Diskussionen in der aktuellen medialen Öffentlichkeit. Indem der Schriftsteller Jean Rousselot in einem Beitrag gegen diese Reformvorschläge äußert: „pas d’accord non plus pour que l’on supprime un des r du mot ‚occurrence‘; ce serait là faire oublier son origine latine“ (Rousselot 1990: 101), drängt sich ein direkter Bezug zur Préface der ca. 300 Jahre vorher veröffentlichten ersten Ausgabe des Dictionnaire de l’Académie française auf, in der der Autor zur Begründung der orthographe ancienne ←7 | 8→ebenfalls etymologisch argumentiert („parce qu’elle ayde à connoistre lʼOrigine des mots“, Académie française 1694).1

Eher als bei anderen Sprachen, etwa dem Italienischen, werden im Französischen Zahl und Art der orthographischen Fehlleistungen (traditionell als erreurs oder fautes bezeichnet) direkt mit dem Grad der Schulbildung und damit der sozialen Stellung einer Person in Beziehung gesetzt, da der Erwerb als schwierig und aufwändig gilt. Dieser Prozess beginnt, wie Schlaak und Visser (in diesem Band) am Beispiel des Fremdsprachenunterrichts in Deutschland illustrieren, bereits in der Schule. Die Toleranz gegenüber sprachlichen Abweichungen und ihre Klassifizierung als ‚Fehler‘ hängt von deren Anzahl und Charakter ab: Je elementarer und systemverletzender ein Fehler, desto stärker die Wirkung. Zum einen sollen die für diesen Band und das gleichnamige Kolloquium gewählten Titelbegriffe ‚Fehler-Abweichung-Variation‘ eine Hierarchie ausdrücken, in dem Sinne einer ‚Variation‘ mit abgestuften Konsequenzen, die im Falle des ‚Fehlers‘ die implizite Forderung nach Korrektur beinhaltet, was in den beiden anderen Fällen nicht oder nur in geringerem Maße gilt. Zum anderen soll die Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden, dass die Zuordnungen nicht statisch sind und auch die Kategorie ‚Fehler‘ selbst nicht homogen ist. In seinem Vorschlag zu einer „hiérarchie des fautes“ unterscheidet Cahuzac zwischen einer „faute condamnée“, die vollständig, z.B. von normativen Grammatiken, sanktioniert wird, der „faute critiquée, objet de moquerie“, der „faute tolérée, normalisable ou en voie de normalisation“ (Bsp: septante, nonante), der „faute acceptée, intégrée à la norme“, die ein Phänomen des Sprachwandels ist, und sogar der „faute revendiquée“ (Cahuzac 2002: 5–8). Während man sprachliche Neubildungen und Alternativen im Rahmen der Feminisierung traditionell männlicher Berufsbezeichnungen im Französischen zumindest in der Empfindung konservativer Sprecher der faute normalisable zurechnen kann (vgl. Ossenkop in diesem Band), beschreibt der Fall der faute revendiquée die Situation einer sprachlichen Minderheit „[qui] trouve son identité à travers des réalisations fautives ou des écarts par rapport à la norme.“ (Cahuzac 2002: 7) Cahuzac gibt hierzu Beispiele zu den Varietäten des Spanischen (ebd.: 7–8). Hierzu kann man auch Fälle von Gruppennormen zählen, in denen unbeabsichtigte Regelverletzungen toleriert werden, wie z.B. in der aktuellen nähesprachlichen Schriftlichkeit. In diesem Rahmen werden Regelverletzungen auch bewusst und systematisch eingesetzt, teils als spielerischer Angriff auf die Norm durch bestimmte Gruppen (z.B. als künstlerischer Ausdruck), teils als direkter Akt des Protestes gegen die Norm. ←8 | 9→Insofern ist im Einzelfall ein Kontinuum zwischen den Polen ‚Fehler‘ und ‚Variation‘ anzunehmen bzw. ein Umwidmen des ‚Fehlers‘ in eine ‚Variation‘. Hinsichtlich der französischen Varietät des chiac in Kanada beschreibt Groth (in diesem Band) ein solches Phänomen: Eine Varietät wirkt im Kontext sprachlicher Unsicherheit und Selbstabwertung frankophoner Sprecher identitätsbildend, indem und weil sie sich von der herrschenden Norm (des Französischen) abhebt.

Alle Beiträge in dem vorliegenden Band stehen im Kontext der Fragestellung, auf welche Weise Kriterien gelten oder, mit unterschiedlichem Erfolg, angewendet werden, um sprachliche Erscheinungen als abweichend oder fehlerhaft zu klassifizieren. In der Mehrzahl der Beiträge wird dabei auch die gültige Orthographie direkt oder indirekt thematisiert, als dominante Norm der Schriftlichkeit oder als intellektuelles Kulturgut, dessen gemeinsamen Besitzes man sich als kompetente Gruppe, tendenziell in Abgrenzungsfunktion, vergewissert. Alle Beiträge illustrieren in unterschiedlicher Weise außerdem für die verschiedenen Sprachen bzw. Ebenen der jeweiligen Sprache, dass das Klassifizieren einer regelmäßig auftretenden, von der Norm abweichenden Variante als ‚Fehler‘ langfristig nicht verhindert, dass diese Variation über das Stadium der ‚Akzeptabilität‘ irgendwann Teil einer neuen Norm wird. Vielleicht kann man nur dann damit gelassen umgehen, wenn man, so wie der Schriftsteller Jean d’Ormesson 1990 im Kontext der französischen Reformdebatte, das Ungeheure, Inakzeptable, konstatiert: „La langue continuera à évoluer comme elle l’a toujours fait. […] Avec l’usage pour seul maître. Elle se modifiera, elle se dissoudra et, un jour, le plus tard possible, elle finira par disparaître.“ (Ormesson 1990: 91)

Die Beiträge dieses Bandes basieren auf Vorträgen, die im Rahmen des Kolloquiums Fehler-Abweichung-Variation vom 27. bis 28. Oktober 2017 an der Universität Münster gehalten wurden. Dieses Kolloquium zeichnete sich u.a. durch eine Verzahnung linguistischer und fachdidaktischer Perspektiven auf das Thema aus, was sich auch in der thematischen Variationsbreite des vorliegenden Bandes widerspiegelt. Im ersten Beitrag widmet sich Gerda Haßler (Potsdam) den Remarqueurs im Frankreich des 17. Jahrhunderts sowie der durch sie begründeten Textsorte der Remarques, deren Bezeichnung auf die Remarques sur la langue françoise (1647) von Vaugelas zurückzuführen ist. Ausgehend von Zweifelsfällen und Besonderheiten des französischen Sprachgebrauchs werden in dieser Textsorte Sprachfragen diskutiert und Vorschläge für einen guten Sprachgebrauch unterbreitet. Dass diese Tradition der Sprachkritik und Sprachnormierung in Frankreich auch im Zeitalter neuer Medien durch Privatpersonen und Institutionen fortgeführt wird, zeigt Haßler beispielhaft anhand von Beiträgen aus verschiedenen Internetsprachforen und der im Internet frei zugänglichen Rubrik Dire, ne pas dire der Académie française.

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Im Anschluss daran beschäftigt sich Christina Ossenkop (Münster) mit der sprachlichen Gleichbehandlung der Geschlechter in der und durch die französische Sprache. Hierzu erörtert sie primär am Beispiel Frankreichs den Diskurs um nicht sexistischen Sprachgebrauch, wobei sie die Prinzipien der lexikalischen und syntaktischen Feminisierung sowie in besonderem Maße das français inclusif als Vorstöße zur Vermeidung des generischen Maskulinums in den Blick nimmt. In ihrer Korpusuntersuchung ausgewählter französischer Leitfäden und Grammatiken zur Feminisierung bzw. sprachlichen Gleichbehandlung der Geschlechter diskutiert sie die dort vorgeschlagenen sprachlichen Veränderungen und die Frage nach dem Verhältnis, in dem diese zum französischen Sprachsystem einerseits und zu den deskriptiven und präskriptiven Normen des Französischen andererseits stehen.

Sabine Diao-Klaeger und Kathrin Franz (Koblenz-Landau) stellen in ihrem Beitrag die Frage, inwiefern französische und deutsche Sprecherinnen und Sprecher ihre Einschätzungen über die Angemessenheit gesprochener Äußerungen auf die jeweils gültige schriftsprachliche Standardnorm stützen. Zu diesem Zweck werten sie im Rahmen einer sowohl quantitativ als auch qualitativ angelegten Untersuchung Sprecherurteile zur Angemessenheit von Sprachbeispielen mit rekurrenten morphosyntaktischen Merkmalen der gesprochenen Sprache aus. Hierbei wird auch überprüft, ob Unterschiede hinsichtlich der Normorientierung zwischen Sprecherinnen und Sprechern in Deutschland und Frankreich sowie zwischen Lehrkräften und Nicht-Lehrkräften festzustellen sind.

Charlotte Siemeling (Bremen) setzt sich am Beispiel des europäischen Portugiesisch mit verschiedenen methodischen Aspekten der Erforschung von Grammatikalität und Akzeptabilität sprachlicher Äußerungen auseinander. Sie plädiert hierbei insbesondere für eine kombinierte Abfrage der beiden Konzepte im Rahmen der Erhebung von Sprecherurteilen sowie dafür, Einschätzungen von Sprachteilhabern ohne linguistische Kenntnisse bei der Bewertung der Grammatikalität einer Aussage mit einzubeziehen. Der sich aus den Überlegungen ergebende methodische Ansatz wird schließlich am Beispiel der Untersuchung einiger bekannter sprachlicher Zweifelsfälle des europäischen Portugiesisch exemplarisch in die Tat umgesetzt.

Annika Groth (Siegen) widmet sich mit dem chiac einer kanadischen Varietät des Französischen, die zu drei für ihre Sprecherinnen und Sprecher relevanten Normen in Kontrast steht: zur Norm des Standardfranzösischen der France métropolitaine, zu derjenigen des français québécois und zur Norm des in der Region dominanten Englischen. Anhand laienlinguistischer Äußerungen in sozialen Netzwerken stellt sie die aus dieser Situation resultierende sprachliche Unsicherheit heraus, die auf der einen Seite eine verstärkte Hinwendung ←10 | 11→der chiacophonen Sprechergemeinschaft zum Englischen zur Folge hat, auf der anderen Seite aber auch eine bewusste Aufwertung, mitunter gar Instrumentalisierung der Varietät vorantreibt.

Alexia Despina Leonidou (Bologna) erörtert am Beispiel des Italienischen den linguistischen Status des Fehlers, verstanden als Abweichung von sprachlichen Regeln oder Normen, in Zusammenhang mit Sprachwandel und unterschiedlichen Ebenen synchronischer sprachlicher Variation. Besonderes Augenmerk legt sie dabei auf das Konzept der sprachlichen Unsicherheit und zeigt anhand verschiedener Beispiele aus Prosodie, Aussprache, Morphologie und Wortbildung – nicht nur von Fremd- und Lehnwörtern, sondern auch von erbwörtlichem Sprachmaterial – auf, welche Fehler sich auf das Vorliegen sprachlicher Unsicherheit zurückführen lassen und wie letztere in einigen Fällen zum Entstehen von Hyperkorrektismen führen. Als Ursachen sprachlicher Unsicherheit werden neben diastratischen Faktoren, insbesondere dem Bildungsgrad, vor allem veränderte Kommunikationsgewohnheiten durch elektronische Medien sowie der zunehmende Einfluss des Englischen diskutiert.

Georgia Veldre-Gerner (Münster) thematisiert in ihrem Beitrag die Rolle der Graphie für die Herausbildung und Entwicklung von Wortbedeutungen am Beispiel der beiden französischen Verbpaare amener/emmener und anoblir/ennoblir. So geht sie insbesondere auf die historisch gewachsenen (ortho-)graphischen und semantischen Unsicherheiten ein, welche z.T. bis heute andauern. Neben der Tatsache, dass diese Verbpaare zahlreiche phonetische, graphische und semantische Überschneidungspunkte zeigen, führt die Autorin die Konsonantendopplung nach einem vorangehenden Nasalvokal (emmener und ennoblir) als Quelle von Fehlern bzw. Abweichungen im Sprachgebrauch aufgrund einer fehlenden eindeutigen lautlichen Funktion an. Anhand zahlreicher Beispiele konkurrierender Schreibungen und Lautungen aus den letzten etwa drei Jahrhunderten stellt sie dabei das Spannungsfeld zwischen etymologisch-logographischer und phonographischer Orientierung als maßgeblichen Faktor der anhaltenden (ortho)graphischen Unsicherheit heraus.

Judith Visser (Bochum) setzt sich aus linguistischer und fachdidaktischer Perspektive mit dem kulturellen und normativen Stellenwert auseinander, den die französische Orthographie zum einen in der französischen Gesellschaft, zum anderen im aktuellen Französischunterricht an deutschen Schulen genießt. Hierbei stellt sie den status quo der fehlertoleranten Kompetenz- bzw. Kommunikationsorientierung des deutschen Fremdsprachenunterrichts im Umgang mit der komplexen französischen Orthographie dem großen kulturellen und bildungspolitischen Widerstand in Frankreich bezüglich Rechtschreibreformen gegenüber. Dabei konzentriert sie sich auf die emotional geführten Debatten aus ←11 | 12→dem Jahr 2016, in denen es um eine intensivierte didaktische Implementierung der moderaten (und unverbindlichen) Rectifications de lʼorthographe aus dem Jahr 1990 geht. Die Frage, ob und inwieweit solche kulturellen orthographischen Normen im französischen Fremdsprachenunterricht berücksichtigt werden bzw. werden sollten, analysiert Visser sowohl anhand einiger Beispiele aus aktuellen Lehrwerken des Französischunterrichts als auch anhand der Ergebnisse einer Online-Umfrage angehender und aktiver deutscher Lehrkräfte.

Auch Claudia Schlaak (Mainz) erörtert den Umgang mit Fehlern im handlungs- und kompetenzorientierten Fremdsprachenunterricht an deutschen Schulen und nimmt dabei besonders das erste Lernjahr in den Fokus. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchungen steht die Frage, welche Fehler in welchem Ausmaß und in welchen sprachlichen Bereichen (u.a. Mündlichkeit vs. Schriftlichkeit; Grammatik, Phonetik/Phonologie, Orthographie) von Lehrenden und Lernenden korrigiert bzw. thematisiert werden sollten, damit eine angstfreie und kommunikationsfördernde Lernatmosphäre entstehen kann. Schlaak erörtert hierbei die Wesenszüge und Herausforderungen einer erhöhten Fehlertoleranz im Fremdsprachenunterricht sowie aktuelle didaktische Ansätze, Methoden und Strategien im Umgang mit Fehlern. Außerdem präsentiert und diskutiert sie die Ergebnisse zweier empirischer Fragebogenerhebungen zu individuellen Einstellungen, Erwartungen und Praktiken von Französischlehrkräften und Lernenden des ersten Lernjahrs Französisch hinsichtlich der Fehlerkorrektur und -toleranz.

Kathleen Plötner (Potsdam) schlägt abschließend – wie zuvor Visser und Schlaak – die Brücke zwischen Linguistik und Fachdidaktik, indem sie sich im Rahmen der Pragmadidaktik mit der Darstellung und Vermittlung der gesprochenen Sprache in aktuellen Spanischlehrbüchern für den Anfängerunterricht beschäftigt. Die in den Lehrbüchern gebrauchte mündliche Sprache, oftmals imitiert und schriftlich realisiert, gilt hierbei als didaktisierter Prototyp, da sie im Rahmen des institutionellen Fremdsprachenerwerbs im Vergleich zum natürlichen Erstspracherwerb von den Lehrwerkautorinnen und -autoren konzipiert und an die Lernenden, ihr Sprachniveau und ihre Bedürfnisse angepasst ist. Basierend auf dieser Erkenntnis untersucht Plötner exemplarisch anhand von drei Sprachhandlungstypen authentische (d.h. muttersprachliche) Sprachhandlungssituationen des mündlichen Spanisch und vergleicht diese mit den auf fremdsprachendidaktischer Normierung beruhenden Sprachhandlungen, die in den Spanischlehrbüchern benutzt und vermittelt werden. Das Ziel ist hierbei, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede authentischer und didaktisierter Mündlichkeit herauszuarbeiten und so die Bedeutsamkeit pragmatischer Kompetenz(en) für Lernende im Zuge der kommunikativen Wende zu beleuchten.

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Wir Herausgeberinnen hoffen, durch den vorliegenden Band einen Beitrag zu anregenden interdisziplinären Diskussionen über die Konzepte ‚Fehler‘, ‚Abweichung‘ und ‚Variation‘ zu leisten. Allen Autorinnen sei daher für ihre Mitarbeit herzlich gedankt. Die Vielfalt der Beiträge spiegelt sich nicht nur in unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten und Forschungsansätzen wider, sondern auch in Unterschieden hinsichtlich des Umgangs mit Geschlechterreferenz, welcher hier bewusst nicht vereinheitlicht, sondern dem jeweiligen Wunsch der Autorinnen entsprechend für die einzelnen Beiträge beibehalten wurde.

Abschließend danken wir Friederike Endemann, Christian Lohwasser, Franziska Schepers und Jan Wilsker für die redaktionelle Mitarbeit an diesem Band sowie Benjamin Kloss vom Verlag Peter Lang für die verlegerische Betreuung.

Christina Ossenkop (Münster) Georgia Veldre-Gerner (Münster)

Bibliographie

Académie française (1694): „Préface“, in: dies.: Le dictionnaire de l’Académie françoise, dédié au Roy. Tome Premier. Paris: Coignard, retrieved 02.12.2019, from http://www.academie-francaise.fr/le-dictionnaire-les-neuf-prefaces/preface-de-la-premiere-edition-1694.

Details

Seiten
248
Jahr
2020
ISBN (PDF)
9783631828779
ISBN (ePUB)
9783631828786
ISBN (MOBI)
9783631828793
ISBN (Hardcover)
9783631818190
DOI
10.3726/b17238
Open Access
CC-BY-NC-ND
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Januar)
Schlagworte
Laienlinguistik Fremdsprachenunterricht Sprachliche Unsicherheit Varietäten Orthographie Geschlechterreferenz Sprachbewertung Sprecherurteile
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2020. 248 S., 22 s/w Abb., 14 s/w Tab.

Biographische Angaben

Christina Ossenkop (Band-Herausgeber:in) Georgia Veldre-Gerner (Band-Herausgeber:in)

Christina Ossenkop ist Professorin für Romanische Sprachwissenschaft an der WWU Münster. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Sprachkontakt und Sprachnormierung. Georgia Veldre-Gerner ist Professorin für Romanische Sprachwissenschaft an der WWU Münster, ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind historische romanistische Linguistik und Pragmatik.

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