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Zeitgeist

von Nihat Ülner (Band-Herausgeber:in) Erkan Zengin (Band-Herausgeber:in) Onur Yılmaz (Band-Herausgeber:in) Sedat Şahin (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 116 Seiten

Zusammenfassung

Die in diesem Band zusammengestellten Aufsätze befassen sich mit verschiedenen Aspekten der Zeit. Das Ziel ist nicht, den Begriff der Zeit auf einen Nenner zu bringen, sondern zu zeigen, dass viele Formen der Zeit und durchaus verschiedene Zeitstrukturen existieren. Nicht ein universal gültiger Zeitbegriff ist das Ziel. Vielmehr soll die Vielfalt des Zeitbegriffs zur Sprache gebracht werden.
Die Texte mit linguistischem Ansatz versuchen zu analysieren, wie der Zeitbegriff sprachlich in Erscheinung tritt bzw. wie Zeit überhaupt diskursiv etabliert wird. Die Untersuchung einer orientalischen Miniatur zeigt, wie das Zeitgefühl durch die vom Künstler bewusst geleitete Bewegung des Auges hergestellt wird. Weitere Aspekte des Zeitbegriffs treten bei der Analyse eines Films zutage, in der besonders die existenzielle Bedeutung von Zeit und Ereignis zur Sprache kommt. Die Texte mit soziologischem Ansatz stellen dar, wie der Wandel der Zeit und der jeweilige Zeitgeist an verschiedenen Diskursen abgelesen werden kann.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhalt
  • Autorenverzeichnis
  • İbrahim Ahmet AYDEMIR: Zeit in der Sprache: Beschreibung des Tempussystems im Türkischen
  • Dursun ZENGIN: Die Relation zwischen Sprache und Zeit
  • Elif ERDOĞAN: Die Wirkung der Zeit auf Songtexte: Eine kontrastiv-linguistische Analyse
  • Emre DEMİREL und Zeynel DÜNDAR: The Dialectic of Time and Space in Miniature Art: An Analysis of Kamāl ud-Dīn Behzād’s Works
  • Ayşegül Aycan SOLAKER: Die Verwandlung des Frauenbildes im Laufe der türkischen Modernisierung: Atatürk und das Frauenbild innerhalb seiner Diskurse
  • Erkan ZENGİN und Nihat ÜLNER: Individuelle Zeitwahrnehmung im Film: 40 Quadratmeter von Tevfik Başer
  • Onur YILMAZ: Die Wahrnehmung der türkischen Migranten in Deutschland: Eine kulturhistorisch-imagologische Analyse
  • Sedat ŞAHIN: Der Begriff „Heimat“ im Wandel der Zeit bei den in Deutschland lebenden Türken
  • Şenay KIRGIZ: Die Auflösung der symbolischen Formung der Zeit in E. T. A. Hoffmanns Erzählungen „Der Sandmann“ und „Das Fräulein von Scuderi“
  • Utku TANRIVERE: Jargon and Zeitgeist
  • Abbildungsverzeichnis

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Assoc. Prof. Dr. İbrahim Ahmet AYDEMIR

Zeit in der Sprache: Beschreibung des Tempussystems im Türkischen

Einleitung

Dieser Artikel befasst sich mit dem Thema Zeit in der Sprache im Allgemeinen sowie mit der Beschreibung des türkischen Tempussystems im engeren Sinne. Mit der Bezeichnung Zeit in der Sprache wird auf das Potenzial von Sprachen hingewiesen, temporale Konzepte und Relationen zu signalisieren und zu beschreiben (Czachur & Czyżewska & Zielińska 2015: 08). Der Begriff Zeit in der Sprache bedeutet aber auch die grammatische Form des Verbs, die die Reihenfolge von Ereignissen signalisiert. In diesem Sinne wird Zeit als Tempus bezeichnet. Comrie (1976: 5) definiert die grammatikalische Zeit (Tempus) als „eine deiktische Kategorie“ (a deictic category), die die Ereignisse auf der Zeitachse lokalisiert. Zum Tempussystem einer natürlichen Sprache gehören die sog. Finitformen (Prädikatoren), die gewisse Zeitrelationen ausdrücken. Im Türkischen1 gibt es auch zahlreiche Finitformen (z.B. -yor, -ir, -di, -miş, -mişti, -irdi), die temporale Relationen sowie aspektuelle (perspektivische) und modale Ideen nahelegen. Die zwei letztgenannten Ideen werden hier nicht behandelt, da sie nicht zum eigentlichen Thema dieser Arbeit gehören.

Ziel dieser Untersuchung ist es, das Tempussystem der türkischen Sprache in synchroner Hinsicht zu beschreiben. Die theoretische Grundlage dieser Arbeit bilden die sprachwissenschaftlich-turkologischen Werke (Johanson 1971, 1994, 2007, Aydemir 2006, 2010, Rentzsch 2005) sowie die allgemein linguistischen Untersuchungen (Reichenbach 1947, Comrie 1985, Weinrich 1977, Dahl 1985, Czachur & Czyżewska & Zielińska 2015). Hierfür wird die türkische Standardsprache untersucht. Die herangeführten Beispiele stammen aus schriftlichen (z.B. Romane, Kurzgeschichten, Zeitungsartikeln usw.) sowie mündlichen Texten. Auch selbst produzierte Sätze werden in dieser Arbeit als Belege verwendet.

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Theoretische Grundlage

Das Wort chrónos (χρόνος) bezeichnete bei den Griechen die Zeit überhaupt sowie auch gewisse „Zeitwörter“. Auch das lateinische Wort tempus wurde sowohl für das außersprachliche Phänomen Zeit als auch für die sprachlichen Formen verwendet, die noch heute mit einem Latinismus als Tempusformen bezeichnet werden (siehe Weinrich 1977: 7). Die türkischen Finitformen sind in Aspektotempus2 optimal markiert, d.h. sie signalisieren gewisse temporale und aspektuelle Ideen. Die Ideen, die „zwischen dem ‚erzählten Ereignis‘ (E) und dem ‚Sprechereignis‘ (S) Beziehungen der Reihenfolge (/) und der Gleichzeitigkeit (=)“ ausdrücken, bezeichnen wir hier als temporale Ideen (Johanson 1994: 247). Diese Ideen sind hier als absolutes Tempus (im Sinne von Comrie 1985: 36) aufzufassen und werden im Türkischen durch indikativische Finitformen (Prädikatoren) ausgedrückt. In diesem Sinne gibt es im Türkischen drei Tempusrelationen: Anteriorität, Gleichzeitigkeit und Posteriorität. Zum besseren Verständnis dieser Relationen sind hier zwei Termini technici zu erwähnen: Orientierungspunkt (O) und Lokalisierungspunkt (L). Beim Orientierungspunkt handelt es sich um einen Punkt, wo sich der Sprecher befindet.

Bei der Interpretation des Tempussystems einer Sprache geht man aus zwei O-Punkten aus: ein primärdeiktischer O-Punkt (Moment des Sprechens) und sekundärdeiktischer O-Punkt (ein anderer Referenzpunkt außer „hic und nunc“3, der in relativen Zeitrelationen infrage kommt) (vgl. Johanson 1994: 250, 2007: 189). Der O-Punkt fällt zeitlich mit dem Sprechereignis zusammen. Unter Lokalisierungspunkt dagegen ist ein Punkt zu verstehen, wo das erzählte Ereignis zeitlich lokalisiert wird. Die Zeitrelation Anteriorität liegt dann vor, wenn der L-Punkt dem O-Punkt vorausgeht. Wenn das erzählte Ereignis mit dem Sprechereignis zeitlich zusammenfällt, so ist die Rede von Gleichzeitigkeit. Steht dagegen der L-Punkt nach dem O-Punkt, handelt es sich um Posteriorität (siehe Aydemir 2009: 49).

Die türkischen Finitformen können auch bestimmte aspektuelle Ideen implizieren. Das sind die Ideen, welche die Betrachtung des ausgedrückten Ereignisses betreffen. Nach dem Aspektmodell von Johanson (1971) gibt es im Türkischen 3 aspektuelle Ideen: Intraterminalität, Postterminalität und Terminalität. Unter ←12 | 13→Intraterminalität ist die Perspektive zu verstehen, die das Ereignis in seinem Verlauf, d.h. nach der Anfangsgrenze und vor der Schlussgrenze anzeigt (Johanson 1971: 101, 2007: 188). Postterminalität dagegen gibt das Ereignis an einem Punkt an, wo dessen kritische Grenze4 bereits überschritten ist (2007: 188). Neben Postterminalität und Intraterminalität gibt es im Türkischen auch eine andere perspektivische Idee, die hier als Terminalität (oder Adterminalität) bezeichnet wird und „die direkte Betrachtung des Ereignisses als ‚Ganzheit‘ “ impliziert (siehe Johanson 1994: 165, 2007: 188).

Die Gegenwart (die Idee „nunc“)

Wenn das erzählte Ereignis (E) mit dem Sprechereignis (S) gleichzeitig läuft, handelt es sich um die Zeitrelation der Gegenwart. Auch der Lokalisierungspunkt (L) überschneidet sich hier mit dem Verlauf der beiden Ereignisse (also S = E = L), z.B. Çocuk şimdi uyuyor ‚Das Kind schläft gerade‘. Diese Zeitrelation basiert auf dem „hic et nunc“ („hier und jetzt“), das als ein deiktisches Zentrum (deictic centre) bei allen Zeitinterpretationen dient (siehe Comrie 1985: 14, Johanson 1994: 250). Reichenbach spricht hier von einem Referenzpunkt (1947: 71). Es gibt drei Finitformen im Türkischen (-mekte, -yor und -ir), die die unterschiedlichen Arten von Gegenwart (z.B. fokale Gegenwart, allgemeine Gegenwart, modale Gegenwart) signalisieren. Auf diese Gegenwartsarten werden wir unten noch einmal zurückkommen.

Fokale Gegenwart

Die Einheit -yor funktioniert im Türkischen als eine aktuelle (fokale) Gegenwartsform, die das Ereignis aktuell, d.h. im Moment des Sprechens anzeigt. Unter Fokalität ist hier „der Grad der aktionalen Konzentration am Orientierungspunkt“ zu verstehen (Johanson 1994: 255). Dies bildet eine wichtige Grundlage für die aktuelle Gegenwart, die eine besondere Stelle im Tempussystem einer Sprache einnimmt. In semantischer Hinsicht besteht eine Opposition fokal (+FOK): nichtfokal (-FOK), mit der man die präsentischen Zeitrelationen voneinander unterscheiden kann. Aspektuell gesehen fungiert -yor als eine intraterminale Einheit, die das Ereignis in seinem Verlauf erfasst. Hier einige Beispiele:

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(1) Baksana, dışarıda yağmur yağıyor.

‚Schau mal, es regnet (im Moment) draußen.‘

Biographische Angaben

Nihat Ülner (Band-Herausgeber:in) Erkan Zengin (Band-Herausgeber:in) Onur Yılmaz (Band-Herausgeber:in) Sedat Şahin (Band-Herausgeber:in)

Nihat Ülner ist Dozent für Literaturwissenschaft an der Universität Hacettepe. Erkan Zengin ist Dozent für Literaturwissenschaft an der Universität Hacettepe. Onur Yılmaz arbeitet als promovierter Sprachwissenschaftler an der Universität Hacettepe. Sedat Şahin ist Assistant Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Hacettepe.

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Titel: Zeitgeist