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Konfession - Bildung - Politik

Von der Kraft kultureller Bildung

von Thomas Brose (Autor:in)
Monographie 422 Seiten
Reihe: Berliner Bibliothek, Band 7

Zusammenfassung

Katholische und Evangelische Studentengemeinden in der DDR standen bisher kaum im Blickfeld wissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Beide Konfessionen boten zwischen 1949–1989 Freiräume für Demokratiefähigkeit sowie für die Option im Sinn Charles Taylors, der repressiven Religionspolitik des vormundschaftlichen Staates eine Absage zu erteilen. In KSG und ESG wurden damit nach Ernst-Wolfgang Böckenförde Voraussetzungen geschaffen, die den Weg zur Friedlichen Revolution eröffneten.
Diese Untersuchung verbindet Konfession und Politik durch Bildung. Darin kommt die Prämisse des Forschungsprojekts zum Ausdruck, wonach Religion in ihrer jeweiligen historisch-konfessionellen Ausprägung nach Hans Maier das Potential besitzt, zu einem zentralen Faktor kultureller Bildung zu werden.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Einleitung (Thomas Brose)
  • I. Kulturelle Bildung und Konfession
  • Wort zum Anfang Zur Aktualität des Forschungsprojekts „Konfession – Bildung – Politik“ (Thomas Brose)
  • Geprägte Freiheit Von der Kraft kultureller Bildung: Christliche Studentengemeinden in der DDR 1949–1989 (Thomas Brose)
  • „Orte der freien Rede in einem unfreien Land“ Die Katholische Studentengemeinde Berlin in den sechziger Jahren (Interview mit Wolfgang Thierse)
  • Die Katholische Studentengemeinde Berlin in der Konzilszeit (Interview mit Karola und Heinrich Olschowsky)
  • Die Evangelische Studentengemeinde in Leipzig (Ursula Wicklein)
  • Wenn Glaube Geschichte macht Über die Friedliche Revolution (Thomas Brose)
  • Über Literatur, Bildung und Menschenwürde Reiner Kunze und „Die wunderbaren Jahre“ (Thomas Brose)
  • Sehen – Urteilen – SchreibenGünter de Bruyn im Spannungsfeld von Macht und Wahrheit (Thomas Brose)
  • Der Weg der katholischen Kirche in der DDR „Gärtnerei im Norden“ – „Fremdes Haus“ – „Doppelte Diaspora“ (Thomas Brose)
  • Ernst-Wolfgang Böckenförde in Ost-Berlin Religion als politische Ressource (Thomas Brose)
  • War die DDR ein Unrechtsstaat? (Ernst-Wolfgang Böckenförde)
  • II. Zur Grundlegung
  • Theologie und Geschichte Einige hermeneutische Überlegungen (Bischof Gerhard Feige)
  • „Weggehen können und doch sein wie ein Baum“Aufbrüche in der Vita Benedikts von Nursia (Manuela Scheiba OSB)
  • Sakramentalien oder Narrenwerk? Altäre und ihre Reliquien im konfessionellen Streit (Christian Popp)
  • Wie pfeift man das Johannesevangelium? Über Autorität und Eigensinn (Felicitas Hoppe)
  • David Friedrich Strauß: „Der alte und der neue Glaube“ Weltanschauung und Bildung als Schlagworte einer Zeitenwende (Olaf Briese)
  • Der Schleier der Vernunft Über Friedrich Nietzsche und Friedrich Schleiermacher (Ludger Hagedorn)
  • Zwischen Luther und Schleiermacher: Lesen, Schreiben, Übertragen Zur kulturellen Bedeutung des Übersetzens für die Bildung (Nikolaus G. Schneider)
  • Alles nur Opium, alles nur Seufzer, alles nur Protestation? (Helge Meves)
  • III. Präzisierungen
  • Marginalisierte Religion Ein Fallbeispiel: Katholische Kirche in Thüringen (Bischof Joachim Wanke)
  • Ein in der Welt handelnd anwesender Gott (Regina Radlbeck-Ossmann)
  • Nach dem Posthumanismus (Holger Zaborowski)
  • Das „Theologische Jahrbuch“ des Leipziger St. Benno-Verlags Vergessene Seiten im Überleben der katholischen Kirche in der DDR (Siegfried Hübner)
  • Von Adorno bis Zink Katholiken im „Leseland“ DDR (Thomas Brose)
  • Die Russisch-Orthodoxe Kirche an den Abgründen des 20. Jahrhunderts (Ekaterina Poljakova)
  • Verschont uns mit Religion! Zum Verständnis von Religionsfreiheit in der säkularen Szene (Andreas Fincke)
  • Spiritualität als Tiefendimension des Religiösen (Tomáš Halík)
  • IV. Bildung im Kontext: Semesterprogramme von KSG und ESG
  • Semesterprogramme KSG und ESG Berlin der Jahre 1971 bis 1978 (Thomas Brose)
  • Semesterprogramme KSG und ESG Erfurt der Jahre 1967, 1971 bis 1979 (Thomas Brose)
  • Semesterprogramme KSG und ESG Leipzig der Jahre 1971 bis 1979 (Thomas Brose)
  • Autorenverzeichnis
  • Reihenübersicht

Vorwort

Als ich am 9. November 1989 nicht mehr traurig am Tränenpalast stehen bleiben musste, um Abschied zu nehmen, sondern selbst die Möglichkeit hatte, das Tunnelsystem an der Friedrichstraße zu durchqueren – mein erster Besuch im Westen – verlor die Grenze für mich ihren Schrecken.

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Hatte ich zuvor auf aktenkundige Weise versucht, dem Regime, das die Mauer baute, mit Widerständigkeit und Freiheit zu begegnen, beschäftigt mich seither die Frage: Wie war die Friedliche Revolution, diese weltgeschichtliche Zäsur, möglich? Auf welche Weise wurde aus dem Fall der Mauer ein anderes Wort für Befreiung? Und welche Rolle spielte dabei der christliche Glaube?

Auf dem Cover dieses Bandes ist ein Mensch abgebildet, der durch einen Spalt in der Berliner Mauer blickt. Sein Gesicht ist kaum zu erkennen; für mich ist dieses Foto ein Symbol der Hoffnung, verbunden mit großer Nachdenklichkeit. Der durchlöcherte Beton zeigt, wie aus einem Zeichen der Unterdrückung – über Nacht – eine Befreiungsmetapher werden kann.

Diese Abbildung erinnert mich auch daran, dass „Kerzen und Gebete“ Mauern einreißen können, dass es in elementarer Weise die über zwei Jahrtausende geglaubte, reflektierte, vor allem aber mit persönlichem Einsatz weitergegebene Botschaft der Bergpredigt war, die Kräfte freisetzte, um an der Wende zum 21. Jahrhundert Schritte in Richtung Frieden und Freiheit zu gehen.

Berlin, am 9. November 2019

Thomas Brose

Blick aus der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität (Kommode) auf die St. Hedwigskathedrale.

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Einleitung

Thomas Brose

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Die innere Pluralität des Christlichen ist für den freiheitlichen Verfassungsstaat ein hoher Wert; sie ist es erst recht in Diktaturen und autoritären Systemen – so lautet eine meiner zentralen Prämissen. Durch den persönlichen Austausch mit Ernst-Wolfgang Böckenförde ermutigt, greife ich bei meinem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt KONFESSION–BILDUNG–POLITIK, das die Bedeutung Katholischer und Evangelischer Studentengemeinden (KSG/ESG) in der DDR 1949–1989 untersucht, auf Überlegungen des Verfassungsrechtlers zurück.

Christliche Studentengemeinden motivierten junge Leute, sozial-moralische Ressourcen zu entfalten und ihren Glauben zu leben; sie boten Raum zur Orientierungssuche in einer Gesellschaft, der Religion gründlich ausgetrieben (Ehrhardt Neubert) werden sollte. ESG und KSG sahen sich mit Vorträgen, Seminaren und Arbeitskreisen vor die Aufgabe gestellt, der Ideologisierung zentraler philosophischer Kategorien wie „Wahrheit“, „Freiheit“ oder „Person“ zu widersprechen und dem „Europäische Werte“ (Aufklärung + Christentum) entgegenzusetzen. Das galt in analoger Weise hinsichtlich der Umdeutung politischer Grundbegriffe wie „Demokratie“, „Fortschritt“ oder „Frieden“. Angesichts weitgehend ideologisierter Hochschulen und Medien bildete Literatur für die Studentengemeinden – eingeladen wurden z.B. Reiner Kunze, Günter de Bruyn oder Christa Wolf – eine Stütze im Kampf um wahrhaftiges Sehen, Urteilen und Handeln.

Insgesamt fiel Studentengemeinden als intellektuellen Kristallisationspunkten und oppositionellen Räumen eine elementare gesellschaftspolitische Aufgabe zu: ein Bewusstsein von dem wachzuhalten, was fehlt (Jürgen Habermas). „Innerhalb der Kirchen und in ihrem Umfeld wurde die politische Wende wesentlich mitvorbereitet“ – zu diesem Ergebnis gelangt die vom Deutschen Bundestag eingesetzte Enquete-Kommission zur Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland. Von den etwa 14.000 Seiten der gesamten Darstellung entfallen auf das Themenfeld Rolle und Selbstverständnis der Kirchen in den verschiedenen Phasen der SED-Diktatur mehr als zehn Prozent des Materials.

Die im ersten Teil des Buches (I. Kulturelle Bildung und Konfession) versammelten Beiträge rücken KSG und ESG in den Fokus der Betrachtung und versuchen darüber hinaus eine kontextuelle Einordnung (Thomas Greiner, ←15 | 16→Thomas Brose, Wolfgang Thierse, Karola und Heinrich Olschowsky, Ursula Wicklein, Ernst-Wolfgang Böckenförde). Es ist verwunderlich, dass Studentengemeinden – zumal für den Raum der einstigen DDR, wo Religion weltweit den geringsten Stellenwert genießt – bisher kaum im Blickfeld wissenschaftlicher Aufmerksamkeit standen. Mit der Sozialform „Studentengemeinde“ boten beide Konfessionen Freiräume für Demokratiefähigkeit, Persönlichkeitsbildung sowie für die Option (Charles Taylor), sich der repressiven Religionspolitik des vormundschaftlichen Staates zu entziehen.

Der zweite Teil des Sammelbandes (II. Zur Grundlegung) wird durch hermeneutische Überlegungen von Bischof Gerhard Feige eingeleitet, die dieser aus Anlass des 65. Geburtstags von Michael Gabel vorgetragen hat. Es folgen Beiträge, die im Rahmen des von mir durchgeführten Forschungsprojekts auf einer Tagung an der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt diskutiert wurden. Die daraus hervorgegangenen Aufsätze (Manuela Scheiba OSB, Christian Popp, Felicitas Hoppe, Olaf Briese, Ludger Hagedorn, Nikolaus G. Schneider, Helge Meves) – ergänzt durch weitere Überlegungen – tragen dazu bei, die Grundworte Konfession und Politik materialreich einzuordnen und durch einen interdisziplinär geschärften Begriff von Bildung miteinander zu verbinden

Zu Beginn des dritten Abschnitts (III. Präzisierungen) erhält der langjährige Erfurter Bischof Joachim Wanke das Wort. Er zeigt anhand des „Fallbeispiels“ Katholische Kirche in Thüringen, worin er die Substanz von Christsein im Osten Deutschlands erblickt. Danach folgen weitere Präzisierungen (Regina Radlbeck-Ossmann, Holger Zaborowski, Siegfried Hübner, Thomas Brose, Ekaterina Poljakova, Andreas Fincke, Tomáš Halík), die anhand eingehender Studien zeigen, auf welche Weise philosophisch-theologisches Denken sowie Kirche, Religion und Spiritualität im 20./21. Jahrhundert herausgefordert wurden – und dies weiterhin bleiben.

Im abschließenden vierten Teil (IV. Bildung im Kontext: Semesterprogramme von KSG und ESG) werden Veranstaltungen der Gemeinden Berlin, Erfurt und Leipzig anhand ihrer Programmhefte dokumentiert. Durch diese Auflistung soll weiterer Forschung Material an die Hand gegeben werden. Dabei wird deutlich: Christliche Studentengemeinden in ihrer jeweiligen historisch-konfessionellen Ausprägung (Hans Maier) besaßen das Potential, zu einem zentralen Faktor und Freiraum politisch-kultureller Bildung zu werden. Dies erwies sich bei der Friedlichen Revolution von 1989 mit vielen Akteuren, die in den Studentengemeinden Demokratie „gelernt“ hatten, für den Transformationsprozess der ostdeutschen Gesellschaft als wegweisend.

I. Kulturelle Bildung und Konfession

Es wurde 1988 verboten, dieses Foto aus dem Foyer der HU zu veröffentlichen. Die 11. Feuerbachthese sollte die Welt bloß interpretieren, aber nicht verändern!

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Wort zum Anfang*

Zur Aktualität des Forschungsprojekts „Konfession – Bildung – Politik“

Thomas Greiner

Sehr geehrter Herr Universitätspräsident, lieber Herr Prof. Bauer-Wabnegg, sehr geehrter, lieber Dekan Gabel, liebe Lehrende und Studierende der Katholisch-Theologischen Fakultät in Erfurt, meine Damen und Herren! Hiermit darf ich Sie zu Beginn der zweitägigen Tagung, zu der ich als Vertreter des Bundesministeriums für Bildung und Forschung eingeladen wurde, mit einem „Wort zum Anfang“ herzlich grüßen.

Ich freue mich, dass es im Rahmen des vom Ministerium geförderten Projekts möglich geworden ist, dass Sie hier im ehrwürdigen Coelicum, dem gegenwärtigen Auditorium der Katholisch-Theologischen Fakultät, zusammengekommen sind – an jenen traditionsreichen Ort, wo Martin Luther 1509 promoviert wurde.

„Wer gut studieren will, der gehe nach Erfurt.“ Das hat der spätere Reformator den Studierenden seiner Zeit empfohlen. Und über seine Alma Mater sagte der 1501 als „Martinus Ludher ex Mansfeldt“ immatrikulierte Student: „Die Erfurter Universität ist meine Mutter, der ich alles verdanke.“ Wie ich dem Programm entnehmen kann, spielt Martin Luther im 500. Jubiläumsjahr der Reformation gleich in mehreren Beiträgen dieser Konferenz – etwa bei Christian Popp („Reliquien im konfessionellen Streit“), Nikolaus G. Schneider („Luther und Schleiermacher“) sowie bei Holger Zaborowski („Bildung und Politik“) – als theologischer Kritiker, bedeutender Übersetzer und politischer Anreger – eine herausragende Rolle.

Geschichte wiederholt sich nicht; aber folgender Umstand verdient Beachtung: Die Katholisch-Theologische Fakultät ist seit 2003 Teil der neu errichteten Universität Erfurt. Die Fakultät geht damit auf das 1952 gegründete „Philosophisch-Theologisches Studium Erfurt“ zurück. Dabei wurde unter den Bedingungen eines militanten Atheismus durch die Namensgebung bewusst an die Bezeichnung der alten, 1816 durch ein Auflösungsdekret des preußischen ←19 | 20→Königs Friedrich Wilhelms III. geschlossenen Erfurter Universität als „Universitas Studii Erfordensis“ angeknüpft – und damit blieb und bleibt „Erfurt“ als einzige Fakultät für Katholische Theologie im Osten Deutschlands ein zentraler Ort zur Auseinandersetzung mit den Zeichen der Zeit.

Mit Hilfe der Förderung durch das Bundesministerium sind Sie, lieber Herr Dr. Brose, selbst an jene Alma Mater zurückgekehrt, an der Sie vor dem Mauerfall eine maßgebliche theologisch-philosophische Prägung erhalten haben. Mit Unterstützung von Herrn Dekan Gabel wurde es auf diese Weise möglich, dass die Thüringer Landeshauptstadt heute den Rahmen für ihre Studien zu religiös-ethisch-politischen Fragen abgibt.

1. Der Mensch als homo educandus und homo sapiens

Geschickt verbindet ihre Tagung die Grundworte „Konfession“ und „Politik“ durch das Wort „Bildung“ miteinander. Darin kommt eine Prämisse zum Ausdruck, die für unsere Arbeit im Bundesministerium für Bildung und Forschung von zentraler Bedeutung ist: nämlich den Menschen als „homo educandus“, als bildungsfähiges Wesen, anzusehen, aber dabei nicht zu vergessen, dass er immer mehr ist als das: nämlich ein homo sapiens.

An dieser Stelle möchte ich den vor 100 Jahren geborenen Poeten und Lyriker Johannes Bobrowski (1917–1965) zu Wort kommen lassen. Wie nur wenige seiner Zeitgenossen überwand er mit Romanen und Gedichten die innerdeutsche Grenze. Aus christlichem Geist trat er für die Bewahrung des Humanum ein. Er hat dafür eine unverwechselbare poetische Sprache gefunden: auch in seinem Gedicht „Das Wort Mensch“.

Das Wort Mensch

Das Wort Mensch, als Vokabel

eingeordnet, wohin sie gehört,

im Duden:

zwischen Mensa und Menschengedenken.

Die Stadt

alt und neu,

schön belebt, mit Bäumen

auch

und Fahrzeugen, hier.

höre ich das Wort, die Vokabel

hör ich hier häufig, ich kann

aufzählen von wem, ich kann

anfangen damit.

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Wo Liebe nicht ist,

sprich das Wort nicht aus.

Lästig erscheint in Bobrowskis Gedicht das Adverb „häufig“; es macht jedoch hellhörig. Der Lyriker sieht „hier“ Kräfte am Werk, die der Vokabel Mensch durch den damaligen Parteijargon („unsere Menschen“) oder durch inflationären Gebrauch Fesseln anlegen. So lässt sich das nur als Bleistiftentwurf überlieferte Gedicht vom 15. Juni 1965, das dem Band „Wetterzeichen“ nach seinem Tod als letztes Blatt beigegeben wurde, als prophetisches Vermächtnis verstehen: Es geht darum, die kostbare, einzigartige Vokabel vor Festschreibung und Determinismus in Schutz zu nehmen. Das geschieht am Ende durch den Hinweis auf eine unverfügbare Größe: „Wo Liebe nicht ist/sprich das Wort nicht aus.“

Wie im Duden jede Vokabel dadurch bestimmt ist, dass ihr ein klar definierter Ort zugewiesen wird – etwa der winzige Freiraum zwischen Mensa und Menschengedenken –, so lässt sich laut Aristoteles eindeutig sagen, was der Mensch sei: ein Kompositum von Animalität und Rationalität, genauer: ein vernunftbegabtes, vom Tier unterschiedenes Lebewesen.

Aber was sagt das aus über die menschliche Existenz? Was weiß der Duden von Anthropologie? Und wer definiert was? Ich freue mich auf die theologisch-literarischen Tagungsbeiträge und Zeitansagen von Sr. Manuela Scheiba OSB und Felicitas Hoppe, die sich dieser Frage annehmen werden und sehe den Ansatz von Tomáš Halík, Spiritualität in den Mittelpunkt zu stellen, um vom Menschen zu handeln, als bedeutsam für unsere Gegenwart an. Westeuropa steht in der Gefahr, den homo religiosus zu vernachlässigen.

2. Religion in historisch-konfessioneller Ausprägung: Ein zentraler Faktor und Freiraum für kulturelle Bildung

Religion in ihrer jeweiligen historisch-konfessionellen Ausprägung – so Hans Maier, der das Forschungsprojekt durch seine Expertise unterstützt hat – besitzt das Potential, zu einem zentralen Faktor und Freiraum politisch-kultureller Bildung zu werden. Ich zitiere:

„Jahrhundertelang schien religiöses Zusammenleben in Deutschland ein Problem zwischen den Konfessionen zu sein. Katholiken, Lutheraner, später auch Calvinisten ordneten durch Verträge, Absprachen und Gewohnheiten verschiedener Art ihre wechselseitigen freund-feindlichen Beziehungen – provisorisch und vorläufig über lange Zeit noch immer in der Hoffnung auf späterer ‚Vergleichung‘ ‚spaltiger‘ Religion. Schließlich erhielt das Provisorium Dauer: Als die Konfessionen einander weder bekehren noch verdrängen, noch vernichten konnten, mussten sie Frieden halten. Der Religionsfrieden ist der älteste und stabilste Bestandteil unserer Verfassungstradition.“

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Darum wird Beziehungen zwischen Konfession und Weltanschauung bei dem zweitägigen Symposium zurecht viel Raum eingeräumt: in den Beiträgen von Olaf Briese („Weltanschauung und Bildung“), Ludger Hagedorn („Nietzsche und Schleiermacher“) sowie bei Helge Meves („Religion als Opium?“).

3. Geprägte Freiheit: Ernst-Wolfgang Böckenfördes Denken und die Praxis der Christlichen Studentengemeinden

Im dritten Teil meiner kurzen Ansprache komme ich auf den Anfang meiner Ausführungen zurück. Dazu darf ich Axel Noack, den emeritierten Landesbischof der Kirchenprovinz Sachsen, zitieren. Noack war lange Jahre Studentenpfarrer in Merseburg und charakterisiert das Selbstverständnis Evangelischer Studentengemeinden so: „Die Studentengemeinden haben – vermutlich stärker noch als Ortskirchengemeinden – betont und bewußt an der ‚Offenheit‘ festgehalten, ohne den Anspruch aufzuheben, christliche Gemeinde sein zu wollen. Gerade diese Offenheit erregte den Argwohn des MfS“.

In analoger Weise beschreibt der Pädagoge und Theologe Peter-Paul Straube die Bildungsarbeit der Katholischen Studentengemeinden in der DDR: „Die katholischen Studentengemeinden verstanden sich über den gesamten Zeitraum von 1945–1989 als christliche Gemeinschaften, die im Vergleich zu den kirchlichen Ortsgemeinden von einem hohen Maß eigenverantwortlicher Aktivitäten der Gemeindeglieder und einem intensiven Gemeinschaftsleben geprägt waren. Durch ihre vielseitige Bildungsarbeit wurde dem verschulten und ideologisierten Erziehungs- und Ausbildungsprozess an den Universitäten und Hochschulen und der damit verbundenen Entmündigung […] der Studierenden entgegengewirkt.“

Noack spricht – ähnlich wie Straube – davon, dass die Studentengemeinden „raumgebend“ tätig wurden. Sie eröffneten reale Gestaltungsmöglichkeiten, um Freiheit durch Bildungsangebote zu prägen – und damit die Frage demokratischer Partizipation im Gemeinwesen zu stellen. Das war, wie die Friedliche Revolution von 1989 beweist, für den Transformationsprozess der ostdeutschen Gesellschaft entscheidend.

Die innere Pluralität des Christlichen ist für den freiheitlichen Verfassungsstaat ein hoher Wert; sie ist es erst recht in Diktaturen und autoritären Systemen – so lautet im Anschluss an Ernst-Wolfgang Böckenförde eine ihrer zentralen Arbeitsthesen, lieber Herr Brose. Diese Pluralität kann uns auch in Zukunft Maßstab und Orientierung sein. Denn das letzte, was Deutschland braucht, ist Uniformität; die hatten wir schon.

Sie entdecken – mit Böckenförde – in der gelebten Religion sozial-moralische Ressourcen, die Bürgerinnen und Bürger dazu motivieren, sich für ein ←22 | 23→freiheitliches Gemeinwesen einzusetzen: Die Existenz unserer Gesellschaft ist substantiell darauf angewiesen.

Religion, das wird von Ihnen am Beispiel der Christlichen Studentengemeinden in der DDR dargelegt, verfügt über das Potential, Wertfragen – Vorstellungen von Gerechtigkeit, Solidarität, Partizipation und Menschenwürde – lebendig zu halten. Es freut mich, dass Sie darüber in ihren Beitrag „Geprägte Freiheit. Von der Kraft kultureller Bildung: Christliche Studentengemeinden in der DDR 1949–1989“ sprechen werden.

Im Namen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wünsche ich Ihnen, verehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren Professorinnen und Professoren der verschiedenen Fakultäten und natürlich Ihnen, liebe Studentinnen und Studenten, eine Tagung mit bereichernden Vorträgen und Begegnungen. Vielen Dank!

Biographische Angaben

Thomas Brose (Autor:in)

Thomas Brose ist Philosophieprofessor in Berlin. Er war aktiv in der Friedlichen Revolution und setzt sich seit 1989 für den Guardini-Lehrstuhl und für die Katholische Theologie an der Humboldt-Universität ein. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Religionsphilosophie und Anthropologie, Literatur und Religion, Katholizismus-, Guardini- und Großstadtforschung sowie Glaube und Atheismus in Ostdeutschland.

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Titel: Konfession - Bildung - Politik