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Italienische Literatur im Spannungsfeld von Norm und Hybridität

Übergänge – Graduierungen – Aushandlungen

von Barbara Kuhn (Band-Herausgeber:in) Dietrich Scholler (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 314 Seiten

Zusammenfassung

Traditionell gelten die Begriffe Norm und Hybridität in der Literaturwissenschaft als Gegensatzpaar: Normen, wie sie seit der Antike und bis in die Frühe Neuzeit in Regelpoetiken festgehalten oder anderweitig definiert sind, werden im historischen Prozess mittels Hybridisierungen auf verschiedenen Ebenen aufgeweicht oder gebrochen, so dass sich die Hybridität spätestens in der Epoche der Romantik als neue Norm durchsetzt. Dagegen zeigen die hier versammelten Studien, dass sich die italienische Literatur einer solch eindeutigen Zuordnung entzieht. Es zeichnet sich ein von intrikaten Graduierungen und entsprechenden Aushandlungsprozessen geprägtes Spannungsfeld ab, das auf die grundsätzliche Übergänglichkeit der literarischen Rede weist: Sie ist stets unterwegs zu dem, was sie meint.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Norm oder Hybridität – Hybridität als Norm? Einleitende Überlegungen: (Barbara Kuhn (Eichstätt) / Dietrich Scholler (Mainz)
  • I ZUM WIDERSTREIT VON HYBRIDITÄT UND NORM IN DER FRÜHEN NEUZEIT
  • Hybridität wider Willen. Michelangelos Rime: (Christine Ott (Frankfurt am Main))
  • Weibliche Selbstautorisierung in der Renaissancedichtung. Zur hybriden Performanz des Dazwischen bei Gaspara Stampa: (Isabella R. Vergata (Mainz))
  • Norm und Hybridität in der Kulturgeschichtsschreibung des Settecento. Überlegungen zur Periodisierung von Mittelalter und Renaissance bei Girolamo Tiraboschi: (Susanne Tichy (Marburg))
  • Vittorio Alfieri und die Supernorm der Tragödie: (Gesine Hindemith (Stuttgart))
  • II ERZÄHLEN ZWISCHEN NORM UND HYBRIDITÄT IM 19. UND 20. JAHRHUNDERT
  • Novellistisches Erzählen. Norm, Affekt und narratio bei Verga und Pirandello: (Dagmar Stöferle (München))
  • Lo sguardo ibrido di Senilità. Svevo e Charcot: (Silvia Contarini (Udine))
  • Evenementielle Einheit und narrative Hybridität. Die deutsche Kriegsgefangenschaft in Testimonialtexten von C. E. Gadda und B. Tecchi: (Michael Schwarze (Konstanz))
  • Ibrido e trasgressione della norma in Pier Paolo Pasolini: (Giulia Lombardi (München))
  • Italo Calvinos Le città invisibili. Ironisierung der utopischen Norm: (Christoph Söding (Berlin))
  • III METAMORPHOSEN VON NORM UND HYBRIDITÄT IM KONTEXT VON (POST-)KOLONIALISMUS UND MIGRATION
  • «Cosa significa oggi essere italiani?» Hybridität und Norm in Italienbildern von Immigration und Emigration in der Literatur der Gegenwart: (Eva-Tabea Meineke / Stephanie Neu-Wendel (Mannheim))
  • Misslingendes othering. Kolonialismus und Faschismus in Andrea Camilleris Il nipote del Negus (2010): (Karen Struve (Bremen))
  • Hybridität als Norm – Amara Lakhous und Igiaba Scego im Vergleich. Scontro di civiltà per un ascensore a piazza Vittorio (2006), Adua (2015): (Milan Herold (Bonn))
  • Hybriditätserkundungen. Migration und letteratura impegnata in Melania G. Mazzuccos Io sono con te. Storia di Brigitte (2016): (Elisabeth Tiller (Dresden))

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Barbara Kuhn (Eichstätt) / Dietrich Scholler (Mainz)

Norm oder Hybridität – Hybridität als Norm?
Einleitende Überlegungen

Auf einen ersten Blick mögen die beiden Konzepte, die hier gleich doppelt über diesen einleitenden Überlegungen stehen, entweder nichts miteinander zu tun haben oder allzu evident ungefähr dasselbe suggerieren: In Anbetracht mancher Debatten der letzten Jahrzehnte und vor allem der Debatte um die Postmoderne mag insbesondere Letzteres der Fall scheinen, denn in diesem Kontext gilt zum einen die «Auflösung des Kanons» im Zusammenhang mit der «Entlegitimierung» zahlreicher Normen, die zuvor autoritative Geltung besaßen, ebenso als konstitutives Merkmal wie etwa die «Hybridisierung oder die Reproduktion von Genre-Mutationen», die ihrerseits verstanden werden kann als «‹Entdefinierung›, Deformation von kulturellen Genres»,1 mithin wiederum als Infragestellung dessen, was bislang normativ geregelt zu sein schien. So gesehen kann das Begriffspaar den Eindruck erwecken, mit der Erwähnung von Hybridität oder Hybridisierung sei die Frage nach der Norm oder der Normativität implizit bereits beantwortet; beides in einem Atemzug oder in einem Syntagma zu nennen, komme einer Art Tautologie gleich, in der nur der eine Part negiert zu werden brauche, um indirekt den anderen zu bezeichnen.

Misstrauisch jedoch einem solch voreiligen Abtun der mit diesen zwei Konzepten aufgeworfenen Fragen gegenüber muss der Umstand machen, dass auch der erwähnte gegenteilige Eindruck sich dem ersten Blick aufdrängen kann. Denn in der Tat haben die beiden Begriffe insofern nichts miteinander zu tun, als die offene Frage von «Norm und Hybridität» oder «Ibridità e norma», wie sie programmatisch über dem Mainzer Italianistentag im Jahr 2018 stand, nicht etwa ein Gegensatzpaar aufruft, auch nicht zwei Begriffe, die im Verhältnis von Über- und Unterordnung aufeinander bezogen sind oder aber in einer chronologisch-teleologischen Beziehung zueinander stünden, die möglicherweise durch die Abfolge zugleich eine kausale Relation implizierte: Schon die Etymologien der beiden Konzepte deuten dies an, weist doch die ‹Norm›, wo sie in der Antike als norma zuerst auftaucht oder zumindest als ältestes Zeugnis bekannt ←7 | 8→ist, im Sinne von ‹Winkelmaß› oder ‹Richtschnur› auf die Architektur und die Baukunst; aus diesem konkreten, bautechnischen Kontext wird das lateinische norma, mit dem das griechische κανών übersetzt wurde, «schon bald […] auch auf geistige Phänomene übertragen», etwa bei Cicero.2 Demgegenüber wurzelt der Begriff der Hybridität, wie mittlerweile gelegentlich wiederholt, aber doch auch gern vergessen wird, zunächst in der Biologie,3 genauer, in einem spezifischen, puristischen Verständnis der Bio-logik. Wie Fludernik4 darlegt, kommt ←8 | 9→das Wort bereits seit dem frühen 17. Jahrhundert5 gelegentlich vor, doch erst im 19. Jahrhundert setzt sich die eindeutig negative und rassistische Konnotation des Terminus durch, die, wie ein im Oxford English Dictionary angeführtes Beispiel von 1878 zeigt, auch exotistische, orientalistische, kolonialistische Diskurse prägt, selbst wo sie scheinbar positiv werten:

Whereas the standard nineteenth-century use of the term has a decidedly negative connotation and applies to all types of interracial subjects, its racism need not to be confined to the discrimination of Africans per se. […] Here [d.h. bei Boswell Smith, 1878] hybridity is negatively connoted as racial impurity, but genuine blackness serves as a positive attribute within the colonialist und orientalist discourse.6

Bekanntlich ist es insbesondere diese zwar in der Biologie wurzelnde, aber weniger naturwissenschaftlich als ideologisch fundierte Vorstellung von der Existenz menschlicher ‹Rassen› einerseits, von deren ‹Reinheit› und ‹Unreinheit› andererseits, die auch in der Folge diskursbestimmend und im 20. Jahrhundert vor allem in Deutschland und von Deutschland ausgehend in unvorstellbar grausamer Weise ihre Wirkungen zeitigt. Auf wohl uneinholbar eindrückliche Art zeigt sich dies bei Primo Levi, der nicht nur dort, wo es um die eigenen Lektüren und die daraus zusammengestellte Anthologie geht, von seinen «input ibridi» und seinem «ibridismo» spricht,7 sondern – lange vor einem zu Recht ←9 | 10→oder zu Unrecht, besser wohl: à tort et à raison monierten «Hype um Hybridität»8 – die «ibridazione» als grundlegendes Merkmal in vielerlei Kontexten, in phantastischen Erzählungen ebenso wie in Berichten über das Lager, thematisiert. Nicht zuletzt bezeichnet sie immer wieder seine due culture, genauer, die von ihm verkörperte ‹hybride› Kombination aus Chemiker und Schriftsteller, die insbesondere in Il sistema periodico offenkundig wird: «ho voluto completare l’ibridazione tra il mestiere di tutti i giorni e quello domenicale. Ed è nato Il sistema periodico, un titolo che ai chimici dice qualcosa, ma per chi non è chimico è vago e indeterminato».9

Zwar nicht explizit benannt, aber vor dem hier knapp skizzierten Hintergrund der Etymologie und der Wortgeschichte einerseits, der Geschichte des 20. Jahrhunderts und im Besonderen Primo Levis selbst andererseits dennoch ←10 | 11→überaus präsent ist die Frage von Hybridität und Norm im folgenden Abschnitt, der dem Kapitel «Zinco» aus diesem autobiographischen ‹Periodensystem der Elemente› entstammt:

Wird schon in diesen von der Beobachtung der chemischen Elemente und ihrer Reaktionen angeregten Überlegungen durch die Verknüpfung der zunächst nur auf das chemische Experiment bezogenen Reinheitsthematik mit dem Faschismus das den ganzen Text prägende μεταφέρειν, das ‹(Hin-)Übertragen› des chemischen Terminus in die literarische parola,11 explizit gemacht, stellt ←11 | 12→die wenig später angestellte Reflexion des Ich-Erzählers, die vom Wunsch einer Beziehung des damaligen jüdischen Chemie-Studenten mit der nicht-jüdischen Studienkollegin Rita ausgelöst wird, zusätzlich die Verbindung zur ‹Rassen›-Thematik her:

Wie schon die zuvor zitierte Passage, aus der viele Elemente und insbesondere die neutestamentlichen Bilder von Salz- und Senfkorn13 aufgegriffen werden, insistiert auch diese in vielfältigen Rekurrenzen auf allen sprachlichen Ebenen auf der rassenideologischen Deutung der sogenannten Reinheit und auf der gegen diese gesetzten Bedeutung der sogenannten Unreinheit, der sich, so formuliert das vorige Zitat, alle Bewegung und gar das Leben selbst verdankt. Zugleich greift Levi hier in der «piccola anomalia allegra» mit dem ihm eigenen selbstironischen Humor die Frage der Norm erneut auf, die zuvor schon in der ←12 | 13→vom Faschismus abgelehnten Andersheit – des Seins wie der Meinung – und der im Gegenzug geforderten Gleichheit aller in Epanalepsen, Alliterationen, Polyptota und anderen Wiederholungsfiguren eindringlich evoziert worden war und hier mit den zitierten Stereotypen zusätzlich bekräftigt wird.

Ohne ausführlich auf alle Implikationen des Kapitels oder gar der Frage von Hybridität und Norm bei Primo Levi eingehen zu können, sei resümierend festgehalten, dass, obgleich an dieser Stelle das in so vielen Texten Levis aufgegriffene oder auch paraphrasierte Wort Hybridität nicht expressis verbis vorkommt, doch mit der vom chemischen Experiment ausgehenden und mit faschistischer Ideologie und Propaganda verknüpften Reflexion über Reinheit und Unreinheit die Wurzeln des Hybriditätsbegriffs in der puristischen Biologie und ihre Abwertung des sogenannten Unreinen in Erinnerung gerufen werden und zugleich auf die ursprüngliche, der späteren Trennung in zwei unterschiedliche «Diskurskomplexe»14 vorausgehende Nähe von Norm und Normalität oder auch Normalisierung in faschistischem Denken hingewiesen wird, in dem das ‹Normale› nur das der selbst gesetzten Norm Gehorchende, das ihr gemäß ‹Normierte› und auf diese Weise ‹Normalisierte› zu sein hat.15 ←13 | 14→Allein durch das nicht dieser Norm Folgende, das – in dieser Perspektive – Unreine jedoch entsteht Veränderung, entsteht Neues: Hybridität wird folglich nicht als bloße Vermischung gedacht, sondern eben als Neues, als Anderes, das so ohne den Kontakt mit dem Anderen, aber auch ohne den Dissens, ohne das Wahrnehmen und Akzeptieren der Andersheit, nie entstanden wäre.

In diesem Sinn illustriert das Zink-Kapitel mit den zitierten Passagen nicht allein in geradezu paradigmatischer Weise, wie im vieldeutigen ‹Periodensystem der Elemente› die hier angestellten ‹chemisch-philosophischen› oder auch ‹hybriden› Überlegungen, die das schreibende io ibrido über das ‹normgemäße› Wirken der Elemente einschließlich der zunächst übersehenen Details und über die ‹normalen› chemischen Reaktionen anstellt, zu Metaphern für menschliches Agieren und Reagieren werden. Zusätzlich führt die Textstelle in einem spezifischen Kontext, indem die Terminologie des Reinen und Unreinen aufgegriffen und deren absurde Usurpation durch Rassenideologie und Antisemitismus am Beispiel des Ich selbst durchdekliniert wird, exemplarisch vor Augen, inwiefern Norm und Hybridität, wie sie im hier vorliegenden Band in großer Bedeutungsvielfalt reflektiert werden, in der Tat das von dessen Titel angekündigte Spannungsfeld konstituieren. Denn wie zu Beginn kurz angedeutet, soll mit der Koppelung beider Konzepte keineswegs eine einfache Opposition suggeriert werden, die die beiden Seiten einander polar entgegensetzte, oder auch nur eine Teleologie, der zufolge das eine Konzept – das der Norm und des Normativen – im Laufe des 18. Jahrhunderts im Zuge der Entstehung der Ästhetik als eigener Disziplin und zugleich grundlegender gesellschaftlicher und politischer Veränderungen, wie sie diese Sattelzeit prägen, in die Bedeutungslosigkeit abgesunken sei und – möglicherweise – dem anderen Raum gegeben habe. Das Beispiel aus Levis Sistema periodico signalisiert demgegenüber ebenso nach- wie eindrücklich zum einen die Gleichzeitigkeit beider Kategorien, zum anderen beider Abhängigkeit von der Perspektive, aus der und in der sie gebraucht werden, und schließlich, drittens, als eine Art pars pro toto auch die Vielfalt der potentiell implizierten Aspekte, insofern sich in «Zinco» weder die Norm etwa auf den Kontext normativer Poetiken bezieht noch das Hybride, Unreine auf den (post-)kolonialen Kontext einschränken lässt. Von daher mag gerade dieser zugleich grundlegend andere und sehr ←14 | 15→spezifische Kontext – Primo Levis ‹hybrides› Leben und Schreiben16 gegen alle verordneten oder unreflektiert akzeptierten Normen – paradigmatisch für die hier gewählte, weder tautologische noch abwegige Verknüpfung der beiden Konzepte zu jenem Spannungsfeld von Norm und Hybridität stehen, in dem auch die italienische Literatur spätestens seit der Frühen Neuzeit und bis in die Gegenwart steht, wie die hier zusammengestellten Beiträge zeigen.

Denn gerade im Bereich der Literaturwissenschaft erweist sich das Begriffspaar in seiner uneindeutigen wechselseitigen Beziehung als überaus virulent, wie insbesondere Theorie und Geschichte der Gattungen zeigen, in denen bekanntlich der Begriff der Norm eine wichtige Rolle spielt. Gemäß einer an dieser Stelle für heuristische Zwecke gewollt groben Vereinfachung – die sich freilich so oder ähnlich in vielen Darstellungen etwa zur ‹Einführung in die Literaturwissenschaft›17 ohne Hinweis auf die vorgenommene Simplifizierung findet – lässt sich die Literaturgeschichte zunächst in zwei distinkte Zeiträume einteilen, die durch ein unterschiedliches Verständnis von Normen und Regeln bestimmt werden: Von der Antike bis in das 18. Jahrhundert scheint die Orientierung an Normen in der literarischen Praxis von eminenter Bedeutung. Dabei ←15 | 16→koexistieren tradierte antike Normen mit solchen, die sich in der Frühen Neuzeit herausgebildet haben. So steht etwa die Dreistillehre weiterhin in hohem Ansehen; die aristotelische Poetik wird seit ihrer Wiederentdeckung zum – freilich in neuen Kontexten immer wieder neu und anders interpretierten – Leitfaden für Tragödienautoren, und in der italienischen Renaissance entwickelt sich eine unübersehbare Tendenz zur Normierung von neuzeitlichen Gattungen, Werken und Autoren. Man denke nur an die Normierungsbestrebungen Pietro Bembos, der die mustergültige Varietät der modernen italienischen Volkssprache aus den Werken der Autoren Boccaccio und Petrarca ableitet und letztere damit zur Norm für volkssprachliche Prosa und Lyrik erklärt. Neben die antike Kultur tritt also eine zweite normative Kultur, die mit der ersten verbunden bleibt und doch genuin neuzeitlich ist.

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts verlieren Normen und Regeln in vielen Bereichen tendenziell ihre Bedeutung für die literarische Produktion. Während die Veränderungen bis dahin oft eher als Normwandel zu fassen sind, der zwar in einer Vielzahl von Fällen als Aushandlungs- und Hybridisierungsprozess18 beschrieben werden kann, aber gleichwohl in die Inthronisierung neuer Normen mündete, verlieren normative Regelpoetiken an Gewicht und spielen fast nur noch im Rhetorikunterricht an Schulen und Universitäten eine Rolle.19 ←16 | 17→Denn in der Moderne bricht sich, gekoppelt mit einer neuen Konzeption von Subjekt und Subjektivität, ein Verständnis von Mimesis Bahn, das sich bei der Gestaltung der verba weniger an rhetorischen Tugenden als vielmehr an der subjektiven Ausdrucksästhetik des einzigartigen literarischen Genies orientiert. Dieser durch die Romantik eingeleitete Paradigmenwechsel verstärkt sich im Laufe der Moderne dergestalt, dass schließlich die Negation der Norm an und für sich als erstrebenswert gilt: Im Feld der italienischen Literatur mag man etwa an Foscolos epistolarische Ästhetik der Unmittelbarkeit, an Leopardis Revolutionierung der Lyrik oder an die notorische Zerstörungswut der Futuristen denken, aber beispielsweise auch an Gegenwartsautoren, die im Horizont transkulturellen bzw. postkolonialen Schreibens Abschied nehmen von alten, national-eurozentrischen Gewissheiten. Letztere stellen nicht nur die überlieferten Normen, Autoren und Werke, sondern die gesamte westliche Kultur in Frage. Dementsprechend sind über das Feld der Literatur hinaus soziale und kulturelle Normen in einem weiteren Sinne tangiert, deren Gültigkeitsansprüche wiederum in einem Hybriddiskurs wie dem der Literatur im tentativen Probehandeln durchgespielt werden können, denen aber auf diese Weise auch geradezu mitgespielt werden kann, so dass die mit der Normativität einhergehende, für selbstverständlich erachtete, vermeintliche Normalität eben diese Selbstverständlichkeit einbüßt.

Allerdings gilt es einmal mehr festzuhalten, dass die so skizzierte Chronologie und mehr noch die ihr zugrundeliegende Dichotomie der beiden klar geschiedenen Zeiträume so ebenfalls, ähnlich wie Luhmann dies mit Blick auf soziale und kulturelle Normen generell schreibt, eher als ‹kontrafaktisch stabilisierte Erwartungen› gelten können: Als ‹Fakten› lassen sich in dem Fall die existierenden literarischen Texte durch die Jahrhunderte hindurch beziehungsweise deren immer wieder neue und keineswegs ‹stabile› Lektüren betrachten, während die ‹Erwartungen› sich beispielsweise, aber nicht nur, in besagten Einführungen oder auch in mancherlei Literaturgeschichten ‹stabilisiert› haben, ohne sich von solchen ‹Fakten› erschüttern zu lassen. Ungleich differenzierter argumentiert demgegenüber ein Beitrag von Ingo Stöckmann zu Begriff, Entstehung und Entwicklung der Ästhetik, der in diesem Kontext zugleich vielfach die Frage von Norm und Normativität und punktuell auch die der Hybridität ←17 | 18→anspricht.20 Wiederum ohne die Komplexität und den Detailreichtum des dort Gesagten hier in extenso wiedergeben zu können, seien doch einzelne, für den vorliegenden Zusammenhang besonders relevante Aspekte aufgegriffen und entsprechend perspektiviert.

Auch Stöckmann geht zunächst von der gängigen These aus, der zufolge zum einen im frühen 18. Jahrhundert auf der Grundlage der sensualistischen Theorie der Geschmacksbegriff und damit die sensuelle Urteilskompetenz überhaupt eine entschiedene Aufwertung erfährt – etwa in Lodovico Antonio Muratoris Riflessioni sopra il buon gusto von 1708–1715 –, zum anderen im Laufe des 18. Jahrhunderts die normative Regelpoetik im selben Maße verabschiedet wie die ihrerseits auf normativen Produktionsvorgaben basierende Rhetorik kritisiert und teilweise gänzlich abgelehnt wurde. Die Entstehung der (philosophischen) Ästhetik als Disziplin, die gemeinhin mit dem Namen Alexander Gottlieb Baumgarten und dessen Aesthetica von 1750 angesetzt wird und von der Ästhetik «im Sinne einer ‹allgemeinen Wahrnehmungslehre› [Gernot Böhme]»21 zu unterscheiden ist, begründet – in dieser Lesart – die Entwicklung weg von präskriptiven oder normativen Literaturkonzepten, die dem Kunstwerk heteronome Funktionen zuschreiben, hin zu einer Autonomieästhetik, in der das ästhetische Werk seinen Zweck in sich selbst hat und keinen Nützlichkeits- oder anderen außer ihm selbst liegenden Normen mehr gehorcht.22

Eben dieser Dichotomie jedoch, gemäß der in einem langen Transformationsprozess «die normative Regelpoetik von einer entsprechend normativ entlasteten und auf ‹Autonomie› gegründeten Genieästhetik abgelöst wird» und der zufolge die literarische Autonomie ebenso «die Überwindung aller normativen Ansprüche» bedeute, wie «die normative Regelpoetik umgekehrt keinen Spielraum für Abweichungen und Innovationen» lasse, setzt Stöckmann folgende «zwei Differenzierungen» entgegen: Zum einen macht er deutlich, dass diese Wahrnehmung oder auch Konstruktion ihrerseits «nur eine historische Rede über Literatur» und von der Analyse dieser Literatur selbst zu unterscheiden ist. Letztere vermag zu zeigen, «dass ‹literarische Autonomie› kein Substrat einer ‹wirklichen› historischen Realität ist, sondern ein Leitkonzept, mit dem die philosophische Ästhetik die Literatur seit dem 18. Jahrhundert beobachtet». Zum anderen – und wiederum mit einer literaturwissenschaftlichen Analyse ←18 | 19→zusammenhängend, die von diesen «lange Zeit unbefragte[n] Wahrnehmungskonventionen» abzusehen sucht – lässt sich «das Verhältnis von Norm und Autonomie kaum so eindeutig […] bestimmen, wie es das autonomieästhetische Paradigma nahelegt», weil weder vor der angenommenen Zäsur in der Literatur auf Neuerungen, Spielräume, Diversität verzichtet wurde noch danach alle normativen Aspekte, alle «rhetorische[n] Strategien» oder «exemplarische[n] Autoren und Texte» vergessen waren: «‹Literarische Normen verlieren nicht grundsätzlich ihre Verbindlichkeit, sondern sie wandeln sich› [Thomas Anz]».23

Statt von einer einfachen Ablösung, einem Wechsel von Normativität zu Normlosigkeit, auszugehen, der sich in der Entstehung der Ästhetik als eigener Disziplin ebenso niederschlage wie widerspiegele, lässt sich, verzichtet man auf die Wahrnehmungskonvention, eine andere Entwicklung beobachten. Denn wie Stöckmann überzeugend darlegt, entfaltet sich vielmehr mit dieser Disziplin schon bei Kant und Hegel24 und auch in der Folge eine anders geartete Normativität, eben die «Normativität der Ästhetik», so dass die These einer subtilen Transformation bei gleichzeitiger Kontinuität im Wandel weitaus plausibler scheint als die eines Schnitts und einer klaren Dichotomie. Selbst die Diskussion um den Geschmack, wie sie sich seit dem 17. Jahrhundert ausweitet, erweist sich bei näherer Betrachtung als «zwischen Normativität und Intuition» schwankend und kennt zudem durchaus bereits Vorläufer in der antiken Rhetorik,25 entsteht mithin nicht erst in der Neuzeit und an der Schwelle zur Moderne, bevor wiederum «neue Begründungskonzepte wie Autonomie, Einbildungskraft und Schöpfung den Geschmacksdiskurs» verdrängen.26 Und sogar das Paradebeispiel der vermeintlich erlangten Normlosigkeit, das Genie, steht eher für eine «Paradoxie der Normlosigkeit», insofern gerade in die «gegen ←19 | 20→jede Normativität gerichtete Begründung [der Genieästhetik] selbst ein zutiefst normativer Gestus eingeht» und sogar – etwa bei Kant – «das Werk des Genies […] wieder ‹exemplarisch› [wird …]: als Exemplar einer Norm, die nicht zu einer generellen Regel verallgemeinert werden kann, sondern nur als singuläre, gleichwohl kommunikable Norm der genialen Individualität erscheint».27

Die Ambivalenz zieht sich durch bis hin zur – «aus den Aporien der Genieästhetik» die Konsequenz ziehenden28 – Autonomieästhetik, die, wie Stöckmann im einzelnen zeigt, von «Schiller bis Martin Heidegger und Theodor W. Adorno […] auf explizite Weise ein normativer Diskurs [ist], weil er ästhetischen Werken mit Leistungserwartungen begegnet, gegen deren normative Funktion der Autonomiebegriff ursprünglich gerichtet war».29 Gerade die «negative Ästhetik» Adornos ist in vielerlei Hinsicht normativ, etwa was den kleinen «Kanon weniger, formal höchst avancierter Werke» angeht, die einzig als ‹authentische Kunst› akzeptiert werden, aber auch in Bezug auf die «traditionellen Kunstmedien» und die favorisierten «traditionelle[n], d.h. am Muster der Konzentration orientierte[n] Rezeptionsweisen».30 Und auch wenn «[r]estriktive Ästhetikkonzepte dieser Art […] spätestens mit der Revision der philosophischen Ästhetik durch die programmatische Postmoderne der 1980er Jahre in Frage gestellt» wurden,31 gilt es doch auch hier zu sehen, wie sehr «die immer wieder namhaft gemachten Kennzeichen der postmodernen Ästhetik, vor allem ihr Zitat- und Hybridcharakter (bricolage, pastiche), [sich] in auffälliger Nähe zu gewissen Traditionen der philosophischen Ästhetik [befinden], die in der ästhetischen ‹Vielfalt› [Ihab Hassan] zugleich Momente einer sozialen Vielfalt zu sehen ←20 | 21→gewohnt ist», so dass letztlich «die ‹permissive› Ästhetik der Postmoderne in etwas [mündet], was die Ästhetik der Moderne von Beginn an gewesen ist: Versöhnung des Sozialen, d.h. Überwindung seiner Widersprüche, durch die philosophische Deutung der Kunst hindurch».32

Biographische Angaben

Barbara Kuhn (Band-Herausgeber:in) Dietrich Scholler (Band-Herausgeber:in)

Barbara Kuhn ist Professorin für Italienische und Französische Literaturwissenschaft und Inhaberin des Lehrstuhls für Romanische Literaturwissenschaft I an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Dietrich Scholler ist Professor für Italienische und Französische Literaturwissenschaft am Romanischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

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Titel: Italienische Literatur im Spannungsfeld von Norm und Hybridität