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Der heilige Tausch

Ideen zu einer Zukunft des Christentums

von Boris Wandruszka (Autor:in)
Monographie 278 Seiten
Reihe: Berliner Bibliothek, Band 8

Zusammenfassung

Das Verhältnis von Religion und Gewalt ist ein wiederkehrendes Diskussionsthema. Anhand dieser Thematik versucht der Autor, den Kern der christlichen Botschaft herauszuarbeiten und als Heiligen Tausch (commercium sacrale) zu fassen, der wie kaum ein anderer Gedanke das innere Leben Gottes und seine Inkarnation in der Welt aufschließt. Nachdem in einem kritischen Teil die Quellen und Mechanismen der Gewalt ermittelt wurden, erarbeitet der Autor grundsätzliche Reformvorschläge, die das noch ungehobene universale und humanisierende Potential des Christentums freilegen. Dabei bedient sich der Autor phänomenologisch-dekriptiver, sprachanalytischer, historisch-kritischer, (tiefen-)psychologischer und metaphysischer Methoden, die eine neue hermeneutische Herangehensweise an die Heilige Schrift möglich machen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • I. Einleitung
  • II. Positionen
  • 1 Die grundsätzliche Position der „positiven Wissenschaft“ zum Christentum
  • 2 Die grundsätzliche Position des Islam zum Christentum
  • 3 Die grundsätzliche Position des Judentums zum Christentum
  • 4 Die grundsätzliche Position von Hinduismus und Buddhismus zum Christentum
  • 5 Das Wesen des Christentums in seinem Selbstverständnis
  • III. Bedingungen
  • 1 Der Glaube
  • 2 Die Treue
  • 3 Die immerwährende Offenheit für die Gottesbegegnung
  • 4 Die Offenbarung und die Offenbarungen
  • 4.1 Einleitung
  • 4.2 Kritische Betrachtung der Schrift als Medium der Offenbarung101
  • 4.3 Das Wesen der Offenbarung und ihre Ordnung
  • 5 Das Gute und Gottgemäße; die Ethik in der Religion
  • 6 Die Bewusstseins- und Kulturstufen der religiösen Offenbarungen und ihre zentralen Themen
  • 7 Die philosophische Ergründung der Religion: Würdigung und Ausschöpfung der Vernunft
  • 8 Zeit und Ewigkeit: Überzeitlichkeit und Geschichtlichkeit des Christentums
  • 8.1 Das Kernwesen des Göttlichen
  • 8.2 Gott und Gottesbild
  • 8.3 Das Christentum in der Zeit und das Problem der wahren Religion
  • 8.4 Die inkarnatorisch-transsubstantiativ-hierophantische Dimension des Christentums: Commercium sacrale
  • 8.5 Gabe, Tausch und Subjektivität
  • 8.6 Der ökonomische und der ökonomisch-spirituelle Tausch: Religion in einer bedürftigen Welt
  • 8.7 Tausch, Zeit und Zukunft
  • 9 Die Einheit der Religionen und Konfessionen
  • 10 Selbstprüfung und Selbstkorrektur in den Religionen
  • 11 Das Selbstsein als Wurzel des Gottähnlichen und des Bösen im Menschen
  • 12 Theodizee als umfassende Sinngebung von Leid, Unglück und Bösem
  • IV. Notwendige Reformen eines zukünftigen Christentums – „alter oder neuer Wein in neuen Schläuchen“?212
  • 1 Grundsätzlich: Hebung des kritischen Potentials
  • 2 Das allgemein patriarchalisch-kriegerische Erbe
  • 2.1 Inmundation und Inkarnation des Christentums
  • 2.2 Christentum und Germanentum
  • 2.3 Christentum und Judentum
  • 2.4 Intoleranz und Gewalt im Christentum; das Problem der „Glaubenswahrheit“ und die Gefahr des (Pseudo-)Objektivismus
  • 3 Die gnostizistische Altlast245
  • 4 Das Element von Aberglaube und Magie im Christentum
  • 4.1 Die biologisch-archaische Dimension des Denkens
  • 4.2 Die magische Dimension des Denkens
  • 4.3 Fegefeuer, Hölle und Gericht – Formen mythisch-konkretistischen Denkens im Christentum und ihre Überwindung
  • 4.4 Epochen der Religionsgeschichte
  • 4.5 Das Menschenopfer
  • 5 Der Quietismus276
  • 6 Kreuz, Strafe und „Selbstlosigkeit“
  • 7 Die Ambivalenz von Herrschaft
  • 8 Der antirationale bzw. antiphilosophische Affekt; innertheologische Lehrkonflikte und die Kirchenspaltungen
  • 9 Die Teufelstheologie
  • 9.1 Grundsätzliches
  • 9.2 Der Dämonenglauben
  • 10 Fundamentalisten, Idée fixe und Antimodernisten
  • 11 Die Gotteszorntheorie
  • 12 Inhumanismus und Humanismus im Christentum: „Das Heilige und die Gewalt“
  • 13 Jesus – Lamm oder Sündenbock?
  • 14 Die grundsätzliche Stellung spezifisch christlicher Moraldogmen und ihre Gefahr
  • 15 Das „Erfolgschristentum“
  • V. Die Zukunft des Christentums
  • 1 Grundsätzliches
  • 2 Ausblick und Alternativen
  • 3 Der existenzielle Kern des Christentums; Bemerkung zu Pius XII., Petrus und zur Stellvertretungsidee überhaupt
  • 4 Das Opfer – sein Wesen und Sinn
  • 4.1 Die Problematik des Opfers
  • 4.2 Die Transformation existenziellen Zwangsleids in freiwilliges Opferleid
  • 4.3 Drei Grundbedeutungen des Opfers
  • 4.4 Das Opfer Abrahams und der göttliche Tausch
  • 5 Die vierteilige Struktur des Tausches und ihre Stellung im Kosmos
  • 6 Die vierteilige Struktur des Tausches und ihre Stellung im dreieinigen Gott
  • 7 Das Christentum im Angesicht kommender Klima-, Gen-, Nationen- und Klassenkriege
  • 8 Die Position des „kritisch-integrativen Inklusivismus“ im synthetischen Christentum
  • 9 Die „göttliche Deutung“ der Heiligen Schrift
  • 9.1 Hinführung
  • 9.2 Die „empirischen Auffälligkeiten“ und die Reflexion auf sprachliche Disbalancen
  • 9.2.1 Sprachliche Irrtumsmöglichkeiten
  • 9.2.2 Empirisch-sachliche Inkonsistenzen
  • 9.3 Empirisch-transempirische Inkonsistenzen
  • 9.3.1 Einleitung
  • 9.3.2 Der Wirklichkeitsanspruch der Bibel
  • 9.3.3 Metaphysische Aussagen in der Bibel
  • 9.3.4 Die Überprüfbarkeit metaphysischer Aussagen in der Bibel
  • 9.3.5 Logische Ebenen biblischer Aussagen
  • 10 Der „göttliche Sinn“ der Bibel: „Jakobs Ringen mit dem Engel Gottes“
  • Bibliografie

I. Einleitung

Viele singen dem Christentum schon seit Langem das Grabeslied und viele meinen, sogar dem Religiösen überhaupt das Ende prophezeien zu können. Beides hält den Tatsachen nicht stand. Während das kirchliche Christentum in Europa zwar einen erheblichen Schwund – vielleicht eine Gesundschrumpfung23 – erleidet, breitet es sich in der übrigen Welt immer noch aus,24 wiewohl oft in Formen, die von den klassischen Kirchen mit Bedenken wahrgenommen oder sogar abgelehnt werden, wie etwa den evangelikalen und charismatisch-pfingstlichen.25 Und nicht christliche Religionen wie der Islam, der Buddhismus, der Hinduismus und neuerdings die indigene Spiritualität des „buen convivir“26 bzw. Suma Qamaña auf dem südamerikanischen Abya-Yala-Kontinent und die altchinesische, auf Weltumspannung und Kooperation beruhende Tianxia-Anschauung erfreuen sich einer großen Vitalität und üben eine beträchtliche Attraktivität auf viele Menschen aus.27

Letzteres trifft vor allem auf den Buddhismus, die Suma Qamaña und das Tianxia-Konzept zu, die ihre Anziehungskraft daraus beziehen, dass sie den irdischen Gewalten der Macht, des Erfolgs, des egozentrischen Genusses, der Exklusion und der Selbstüberhöhung – man denke an den oft so rigoros und unduldsam verfochtenen Wahrheitsanspruch in Judentum, Christentum und Islam – nie in dem Maße verfielen wie andere Religionen und den lebendigen Zusammenhang von allem Seienden, seine Koexistenz und Interdependenz, betonen.28 Mit Papst Benedikt XVI., der in seiner Freiburger Rede vom 25.9.2011 die „Entweltlichung“ der Kirche forderte, könnte man sagen, Buddhismus und Suma Qamaña seien nie in eine solche Verweltlichung geraten wie die anderen Religionen, die ihre Botschaft oft ins Gegenteil verkehrten und z.B. mit großer ←19 | 20→Grausamkeit Andersdenkende – auch und gerade in den eigenen Reihen! – verfolgten und indigene Völker zwangsmissionierten.29 Darüber hinaus schätzt der moderne Mensch besonders am Buddhismus, dass er sich des Urteils über die Natur des Göttlichen enthält, während der jüdisch-christliche Gott den meisten heutzutage, vor allem den Intellektuellen, zu kindlich-unkritisch und zu an-thropomorph anmutet. Und schließlich vermag die buddhistische Weltsicht mit ihren so offenen, scheinbar unverbindlichen und manchmal bis zur Beliebigkeit formbaren Grundlagen das moderne Individuum darin zu bestärken, sich seine ganz eigene, seine private Patchwork-Religion maßzuschneidern.

Auf der anderen Seite sehnen sich die meisten Menschen nach einem Glauben mit vorstellbaren Inhalten und konkreten Orientierungen, mit gemeinsamen Ritualen und Festen, die dem Alltag ein klares Gepräge geben und von einer lebendigen Gemeinschaft getragen werden. Sie wollen mit dem Unendlichen keine „leere“, sondern eine persönliche Beziehung pflegen, die ihrem Leben hier und heute Geborgenheit, Nahrung, Halt und Weisung gibt, ja sie suchen etwas Verpflichtendes, das nicht jeder Mode folgt und schon im Diesseits einen Sinn stiftet, der den Überwältigungen des Daseins durch Schmerz, Krankheit, Verlust, Not, Kampf, Schuld, Versagen und Tod – man denke an die aktuelle Coronakrise! – widersteht.30 Und da kann kaum ein Zweifel sein, dass das Christentum gerade in diesen Hinsichten viel bietet, sehr viel – letztlich, so meine Überzeugung, die ich hier darlegen will, mehr als alle anderen Religionen, die ←20 | 21→aber nichtsdestotrotz für den Menschen überhaupt und für das Christentum im Besonderen unverzichtbar sind.

Was ist es aber, was das Christentum anbietet? Wie zu zeigen sein wird, überwindet es die größte Weltmacht hier auf Erden, nämlich jenes in seiner „Ehre“ so leicht kränkbare und darum oft neidische Ego31 des „Pächter-Geistes“ aus der Weinbergsparabel des Neuen Testamentes (Mk 12, 1–12), das sich zum absoluten Maßstab aufwirft und dann bald rücksichtslos, hinterhältig und gewalttätig wird, nicht wie der Buddhismus, der das Subjektsein grundsätzlich als Illusion begreift, durch „Entwirklichung“ oder „Entwesentlichung“, sondern durch die Verwandlung und Transzendierung seiner Rohheit und kleinlichen Selbstverengung in eine „höhere, wirklichkeitsreichere Seinsform“, also durch eine Art „Tausch“. Dieser „Pächter-Geist“ zeichnet sich dadurch aus, dass er die Gottabhängigkeit seines Ichs, an dem er wie an seinem größten Heiligtum hängt, verleugnet und sich an die Stelle seines Herrn, des Besitzers des Weinberges, den er nur zu Bebauung und Verdienst gepachtet hat, zu setzen und in einer unmöglichen Nachahmung (Mimesis) selbst der Herr und Winzer zu sein versucht. Dieses Begehren, das Søren Kierkegaard (1976, 31) wohl „verzweifelt“ genannt hätte, treibt ihn rasch in Neid, Rivalität und zum Mord – erst tötet er die Boten und schließlich den Sohn seines Herrn.32 Dietrich Bonhoeffer spricht hier ←21 | 22→treffend vom Sicut-Dei-Ich,33 diesem oft so bequemen, unredlichen, hinterhältigen und rücksichtslosen (Gruppen-)Ego, das ohne Selbsthingabe und „Tausch“ in sich gefangen bleibt, viel Schaden anrichtet und irgendwann verloren geht. Im Unterschied zu den apersonalen Religionen erfolgt diese Hingabe aber nicht ins „Leere“ und „Ich-selbst-lose“, in die „Natur“ oder ins „Allgemeine“, sondern in den Raum der Liebe, die außerhalb einer Ich-Du-Wir-Bezogenheit nicht denkbar ist.34 Diese Liebe, sei es zum menschlichen, sei es zum göttlichen Anderen oder sei es auch zur Welt35 bzw. Natur, zeichnet sich dadurch aus, dass sie, selbst in der innigsten Einheit, die Unterschiede nicht verwischt, sondern im dreifach Hegel’schen Sinne „aufhebt“, d.h. bewahrt, überwindet und überhöht. Da der Andere bzw. das göttliche Ich nicht ein „ganz Anderes“, ein Nichts, ein Abgrund, in dem alles verschwindet, sondern Leben ist, das in dieser „differenziellen Einheit“ antwortet, ja sich zurückgibt, entsteht ein Geben und Nehmen, ein Schenken, Tauschen und Empfangen, das, wo es gelingt, von einem Glanz umspielt wird, der – wie die Mystiker aller Zeiten bezeugen – eine unaussprechliche Glückseligkeit spendet.

So wunderbar all dies klingt, so treibt die Zeitgenossen doch die Frage um, ob das Christentum in seiner „klassischen Form“ nicht untergeht, ja untergehen muss36 oder, nach einer Episode der Schwächung und Neuformierung, wieder erstarkt – gereinigt, veredelt und befreit von geschichtlich überholten Altlasten wie Herrschaftsansprüchen, intellektueller Überheblichkeit, Ausschlussmanövern, kindlichen Vorstellungen und versteckten Gewaltanwendungen.

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Auf den ersten Blick mag jene Sorge um die Zukunft des Christentums im Angesicht der Komplexität der Lage befremden oder überheblich wirken. Wer kann schon in die Zukunft sehen? Wer will sich anmaßen anzugeben, zumal in einer Zeit der „Neuen Unübersichtlichkeit“ (Jürgen Habermas 1985), wohin etwas so Großes wie eine Weltreligion tendiere? Und doch hat diese Frage nicht nur eine tiefe Berechtigung, sondern ihre eigenste Notwendigkeit, und zwar nicht nur deshalb, weil es sich um eines der bedeutendsten Phänomene der Menschheitsgeschichte handelt, sondern weil die Existenzberechtigung dieser Religion – wie aller Religionen überhaupt – heutzutage auf dem Spiel steht. Während sie von der einen Seite, von „Wissenschaft“ und „Postmoderne“, grundsätzlich infrage gestellt wird, wird sie von der anderen Seite, den „Orthodoxen“ und den „christlichen Fundamentalisten“, die weite Kreise der Bevölkerung und Kirchen durchdringen, in ihrem tiefsten Anliegen bedroht und – nach der hier vertretenen Auffassung – in das Gegenteil verkehrt. Zu diesen „Fundamentalisten“ zähle ich nicht nur „fanatische Sektierer“, sondern zum einen alle, die ihre Erlebnisse allzu rasch als „charismatisch“, „pfingstlich“ und „mystisch“ deklarieren, zum anderen alle, die allzu naiv bzw. dogmatisch-„evangelikal“ an die heiligen Schriften und Traditionen herantreten und die überkommenen Texte mit den daraus abgeleiteten Lehren unkritisch für fraglos göttlich bzw. göttlich-inspiriert, zeitlos, richtig und alle anderen Texte und Traditionen für falsch oder bloße Menschenprodukte – also für „heidnisch“ – halten.37 Andererseits mag sich gerade in den „Pfingstbewegungen“ durchaus eine neue Epoche der mehr gefühlsbewegt-gemeinschaftlichen Religiosität ankündigen, die mehr das Herz als den Verstand ergreift und auf diesem Wege leichter die vielen vereinzelten Menschen erreicht. Welche Motive hinter allen diesen Umwälzungen stehen – kulturelle, soziale, psychologische, politische, philosophisch-theologische –, wird uns weiter unten eingehend beschäftigen.

Die Antwort auf die Frage nach der Zukunft des Christentums, die sowohl für Gläubige als auch für Nichtgläubige existenziell ist oder doch sein kann, fällt allerdings, wie nicht anders zu erwarten, in Abhängigkeit von ihrem weltanschaulichen Hintergrund aus. Das bedeutet keineswegs, dass die Antwort durch diesen „Relativismus“ ihrer objektiven bzw. sachhaltigen Bedeutung beraubt würde und beliebig wäre. Ganz im Gegenteil, ich werde zu zeigen versuchen, dass gerade die Multiperspektivität dem Problem eine Tiefe verleiht, die ein einseitiger, wenn auch wahrer Blick nicht geben kann. Das ist auch gar nicht verwunderlich im Falle einer Weltreligion, die naturgemäß „aufs Letzte und Ganze“ zielt und den Sinn der Pluralitäten, Differenzen, Diskrepanzen und Konflikte, ←23 | 24→die sie vorfindet und oft selbst verursacht, mit umfasst oder doch mit umfassen sollte. Jene Multiperspektivität muss daher mit einer Tiefenperspektivität, die Horizontale mit einer Vertikalen, die „Phänomenologie“ mit einer „Metaphysik“ ergänzt werden. In einer „Philosophie der Geschichte“ verschmelzen schließlich beide Hinsichten und lassen etwas von der Zukunft erahnen.38

Das Motiv dieser Besinnung, das den Autor antreibt, ist – neben der Rücksicht auf die Weltbedeutung, das Grundanliegen und die Zukunft des Christentums – das Bedürfnis nach einer Selbstvergewisserung und klaren Positionierung im bunten und oft verstörenden Feld der religiösen und speziell christlichen Landschaft. Hat das, was man glaubt, einen Bestand, der über den Tag hinausreicht und die menschliche Existenz entscheidend zu nähren und zu orientieren vermag? Wie ist die Substanz dieser Weltsicht beschaffen, sodass sie in einer wirklichkeitsnahen und lebensförderlichen Weise auch der Zukunft ihren befreienden und erhebenden Impuls geben kann? Ist diese auch in der Lage, mit der Wissenschaft und mit den anderen Religionen in einen fruchtbaren Austausch zu treten? Gibt es einen „göttlichen Standpunkt“ (sub specie aeternitatis), der allem und jedem in dieser Welt einen „guten Platz“ zuzuweisen vermag?39 Wie ist mit den befremdlichen Elementen in dieser Religion, in ihrer Geschichte und Lehre umzugehen, die auffälligerweise oft von ihren Vertretern verschwiegen, übergangen, heruntergespielt und beschönigt werden?40 Und was bedeutet dies in Bezug auf das eigene Leben mit seiner immer doch nur sehr „kleinen“ und belanglos scheinenden Zukunft?

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23 Vgl. die demografischen Studien von David Gutmann und sein neustes Buch (2019).

24 Um 1900 zählte man 1800 christliche Kirchen, heute sind es mehr als 30000.

25 Hierzu umfassend K. Krämer/K. Vellguth (2019). 25 % aller Christen sind mittlerweile in Pfingstkirchen organisiert, vor allem in Afrika und Lateinamerika. Vgl. Forum Weltkirche, Amazonassynode, Heft 6, November 2019, Herder, Aachen: „Pentekostalismus“.

26 „Gut zusammenleben“.

27 Vgl. bezüglich des Suma Qamaña Forum Weltkirche, Amazonassynode, Heft 4, August 2019, Herder, Aachen und bezüglich des Tianxia vgl. ZHAO Tingyang (2020).

28 Steven Pinker (2011, Kap. 1: Die hebräische Bibel) spricht in seinem „Menschheitsbuch“ geradezu von einer „atemberaubenden Grausamkeit“ der alttestamentlichen Welt, mit der verglichen unsere Welt weit weniger gewaltsam sei.

29 Am Beispiel der Vertreibung moslemischer Rohingyas durch buddhistische Burmesen und, früher schon, am Beispiel des Kampfes japanischer Zen-Buddhisten (Kamikaze) für das imperialistische Kaiserhaus wird der Religionshistoriker allerdings eines Anderen belehrt: Auch der Buddhismus vermag den Menschen nicht durchgreifend vor dem (gläubigen!) Menschen zu schützen.

30 Karl Jaspers nennt diese Grenzerfahrungen Grenzsituationen: „Vergewissern wir uns unserer menschlichen Lage. Wir sind immer in Situationen. Die Situationen wandeln sich, Gelegenheiten treten auf. Wenn sie versäumt werden, kehren sie nicht wieder. Ich kann selber an der Veränderung der Situation arbeiten. Aber es gibt Situationen, die in ihrem Wesen bleiben, auch wenn ihre augenblickliche Erscheinung anders wird und ihre überwältigende Macht sich in Schleier hüllt: Ich muss sterben, ich muss leiden, ich muss kämpfen, ich bin dem Zufall unterworfen, ich verstricke mich unausweichlich in Schuld. Diese Grundsituationen unseres Daseins nennen wir Grenzsituationen. Das heißt, es sind Situationen, über die wir nicht hinauskönnen, die wir nicht ändern können. Das Bewusstwerden dieser Grenzsituationen ist nach dem Staunen und dem Zweifel der tiefere Ursprung der Philosophie“ (1996, 20 f.). „Situation wird zur Grenzsituation, wenn sie das Subjekt durch radikale Erschütterung seines Daseins zur Existenz erweckt“ (1956, 56).

31 Wie kaum einer anderen Macht gelingt es der Literatur diese Gestalt des Menschseins, die durch tiefstes Gekränktsein, durch Zorn, Rache und Vergeltungssucht (Selbstjustiz!) geprägt ist, anschaulich darzustellen, so etwa individuell in den Figuren Kain (Gen 4, 1–16), Medea (in Senecas gleichnamigem Drama, 1993) und – modern – in „Claire“ (der „Dame“ in Friedrich Dürrenmatts Drama „Besuch der alten Dame“ von 1981). Dieses Sicut-dei-Ego kann aber auch kollektive Formen annehmen, so z.B. im Roman „Chronik eines angekündigten Todes“ von Gabriel Maria Marquez (1981). Innerhalb dieser Formen lassen sich „heiße“, d.h. affektiv aufgeladene, von „kalten“, rein strukturellen oder rationalisierten Ausprägungen der Gewalt unterscheiden. „Kalt“ ist z.B. Dürrenmatts Dame oder der „Baron von Innstetten“ als Vertreter einer gesellschaftlichen Kaste im Roman „Effi Briest“ von Theodor Fontane. Vgl. dazu Jürgen Wertheimer (1986).

32 Da Jesus selbst es ist, der diese Parabel erzählt, ist klar, dass er damit sein eigenes Schicksal beschreibt. Es erhellt darüber hinaus, dass Gott keineswegs von Anfang an den Tod seines Sohnes wollte, sondern allen Wesen ursprünglich Leben, Gedeihen, Fülle und Freude schenken will. Die „Passion“ ist darum eine Folge der Abwendung der Menschen von Gott als dem Grund und der Fülle des Lebens und lag nicht ursprünglich in seinem Plan. Vielmehr ist es die Gottentfremdung, die den „Umweg“ der Menschheitserlösung über das Leiden des Gottsohnes notwendig macht. Wer mit der Mimesis-Theorie von René Girard vertraut ist, wird seine Begrifflichkeit (Begehren, Nachahmung, Rivalität, Sündenbockmechanismus), die hier allerdings ganz anders verwendet wird, wiedererkennen. Dazu später mehr.

33 So bezeichnet Dietrich Bonhoeffer (1989, 103–113) jenen Menschen, der sich zur Mitte des Seins macht, sich auf diesem Wege von Gott losreißt und über die Mitmenschen und die Natur stellt: ohne Gott (wie) Gott sein wollen, sicut dei sine deo. Ähnlich äußert sich Joseph Ratzinger (2004, 245): Heilung geschehe „über ein Bewusstsein, das nicht im Ego“ liege.

34 Vgl. hierzu die Ich-Du-Philosophie und -Theologie Martin Bubers. Die zurzeit umfassendste philosophische Studie zur „Ontologie der Liebe“, also zu ihrem Seinsstatus, bietet auf neothomistischer Grundlage Heinrich Beck (2018), „Das Prinzip Liebe“.

Details

Seiten
278
ISBN (PDF)
9783631832363
ISBN (ePUB)
9783631832370
ISBN (MOBI)
9783631832387
ISBN (Hardcover)
9783631818909
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Januar)
Schlagworte
Heiliger Tausch Religionskritik christlicher Inklusivismus Wesen der Offenbarung Philosophie und Theologie des Opfers
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2021. 278 S.

Biographische Angaben

Boris Wandruszka (Autor:in)

Boris Wandruszka studierte Philosophie und Medizin und arbeitet als Facharzt für Allgemeinmedizin und Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Zusätzlich ist er als Dozent der Philosophie in Freiburg und Heidelberg tätig. Seine fachlichen Schwerpunkte umfassen u. a. die Philosophie des Leidens, die Methoden der Philosophie sowie den Sinn des Lebens und den Sinn des Leidens.

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Titel: Der heilige Tausch