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Das Revolutionskonzept im postsowjetischen Kulturraum der ostslavischen Länder

Linguistische Frame-Analyse ausgewählter Massenmedien. Mit einem Exkurs zur Literatur

von Anna Michailowski (Autor:in)
Dissertation 484 Seiten

Zusammenfassung

Die jüngsten politischen Entwicklungen im postsowjetischen Raum haben gezeigt, dass Revolutionen keine Entitäten der Vergangenheit sind. Die vorliegende Publikation geht mithilfe einer linguistischen Frame-Analyse der Frage nach, wie sich die postsowjetischen Revolutionsdiskurse in Belarus, Russland und der Ukraine formieren. Das Ziel der Untersuchung ist die Rekonstruktion der medien- und diskursübergreifenden Revolutionskonzepte in Form von Frames. Die empirische Analyse veranschaulicht, wie man aus einer Reihe von Interpretationen kulturspezifische Denkmuster erschließen kann. Diese können die Deutung eines revolutionären Ereignisses und des gängigen Revolutionsbegriffs innerhalb einer (nationalen) Kultur vorbestimmen.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. EINLEITUNG
  • 2. THEORETISCHER TEIL
  • 2.1. Ansätze der Kulturwissenschaftlichen Linguistik
  • 2.1.1. Erforschung der Kultur durch die Sprache
  • 2.1.2. Humboldtianische Herangehensweise
  • 2.1.3. Diskurssensitive Herangehensweise
  • 2.1.4. Soziale und kognitive Dimension des Wissensbegriffs
  • 2.2. Frames als kognitive Größe und als Analyseinstrument
  • 2.3. Konzept als linguistisches Forschungsobjekt
  • 2.4. Politische Revolutionen als Untersuchungsgegenstand
  • 2.5. Exkurs: Staats‐, nations‐ und revolutionsbezogene Ereignisse in der Geschichte der Ostslaven
  • 2.5.1. Die Entwicklungen bis
  • 2.5.2. Postsowjetische Zeit und Aussichten
  • 3. METHODE
  • 3.1. Untersuchungskorpus
  • 3.1.1. Kulturelle Prägung in den Massenmedien
  • 3.1.2. Exkurs: Postsowjetische Medienlandschaft in Belarus, Russland und der Ukraine
  • 3.1.3. Ausgewählte Massenmedien
  • 3.1.4. Chronologie des Revolutionsdiskurses und Bildung der Stichproben
  • 3.2. Forschungspraktisches Vorgehen der Frame‐Analyse
  • 4. EMPIRISCHE ANALYSE
  • 4.1. Orange Revolution (2004/2005): ukrainische Massenmedien
  • 4.1.1. Vorgeschichte, Diskurs und Referenzobjekte
  • 4.1.2. Frames
  • 4.1.3. Zusammenfassung
  • 4.2. Farbrevolutionen (2005): russische Massenmedien
  • 4.2.1. Vorgeschichte, Diskurs und Referenzobjekte
  • 4.2.2. Frames
  • 4.2.3. Zusammenfassung
  • 4.3. Farbrevolutionen (2005): belarussische Massenmedien
  • 4.3.1. Vorgeschichte, Diskurs und Referenzobjekte
  • 4.3.2. Frames
  • 4.3.3. Zusammenfassung
  • 4.4. Proteste in Belarus (2006): belarussische Massenmedien
  • 4.4.1. Vorgeschichte, Diskurs und Referenzobjekte
  • 4.4.2. Revolutionsbezogene Schlüsselbegriffe: Plošča, Majdan
  • 4.4.3. Frames
  • 4.4.4. Zusammenfassung
  • 4.5. Proteste in Russland (2011/2012): russische Massenmedien
  • 4.5.1. Vorgeschichte, Diskurs und Referenzobjekte
  • 4.5.2. Revolutionsbezogene Schlüsselbegriffe: Bolotnaja, ploščad’, Majdan, orange
  • 4.5.3. Frames
  • 4.5.4. Zusammenfassung
  • 4.6. Euromajdan/Revolution der Würde (2013/2014): ukrainische Massenmedien
  • 4.6.1. Vorgeschichte, Diskurs und Referenzobjekte
  • 4.6.2. Revolutionsbezogener Schlüsselbegriff: Majdan
  • 4.6.3. Frames
  • 4.6.4. Zusammenfassung
  • 4.7. 100. Jahrestag der Russischen Revolution 1917 (2017): russische Massenmedien
  • 4.7.1. Vorgeschichte, Diskurs und Referenzobjekte
  • 4.7.2. Frames
  • 4.7.3. Zusammenfassung
  • 4.8. 100. Jahrestag der Russischen Revolution 1917 (2017): belarussische Massenmedien
  • 4.8.1. Vorgeschichte, Diskurs und Referenzobjekte
  • 4.8.2. Frames
  • 4.8.3. Zusammenfassung
  • 4.9. 100. Jahrestag der revolutionären Ereignisse 1917 (2017): ukrainische Massenmedien
  • 4.9.1. Vorgeschichte, Diskurs und Referenzobjekte
  • 4.9.2. Frames
  • 4.9.3. Zusammenfassung
  • 5. EXKURS: Linguistische Frame‐Analyse und literarische Werke
  • 5.1. Theoretisch‐methodische Vorüberlegungen
  • 5.2. Frame‐Analyse ausgewählter literarischer Werke
  • 5.2.1. „S.N.U.F.F.“ (2011) von Viktor Pelevin
  • 5.2.2. „Šklatara“ (2013) von Artur Klinaŭ
  • 5.2.3. „DNK“ (2016) von Serhij Žadan u.a.
  • 6. SCHLUSSBETRACHTUNGEN UND AUSBLICK
  • Anhang. Untersuchungskorpus
  • Literaturverzeichnis
  • Internet‐Quellen
  • Tabellenverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis

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1. EINLEITUNG

Die letzten politischen Entwicklungen im postsowjetischen Raum haben bewiesen, dass Revolutionen keine Entitäten der Vergangenheit sind. Die Umbrüche in der Ukraine und in anderen postsowjetischen Ländern haben den Revolutionsdiskurs eingeleitet, der auch die von Revolutionen nicht betroffenen Gesellschaften und Staaten des postsowjetischen Raumes beeinflusst. Neben der Ukraine wirkt der Revolutionsdiskurs auch in Russland und Belarus prägend und bezieht sich nicht nur auf die postsowjetischen Ereignisse, sondern gestaltet auch die Erinnerung an frühere revolutionäre Geschehnisse.

Revolutionen sind aus politik-, sozial- und geschichtswissenschaftlicher Perspektive ausgiebig erforscht (vgl. Schlögl 2008, Wiedenmann 2008, Florath 2011, Enzmann 2013). Vier Generationen der Revolutionsforschung ziel-ten dabei darauf ab, übergreifende Definitionen zu formulieren (vgl. Goldstone 2001), was allerdings wegen der Komplexität des Revolutionsbegriffs vielen Schwierigkeiten ausgesetzt war (vgl. Grosser 2013: 20–24). North (1992: 43f.) betont, dass abrupte Veränderungen wie eine Revolution trotz der formgebundenen Regeln zu unterschiedlichen Ausgängen führen. Als Grund dafür nennt er formlose Beschränkungen: „Sie entstehen aus Information, die in der Gesellschaft weitergegeben wird, und sind ein Teil jenes Erbes, das wir Kultur nennen.“ Die formlosen Beschränkungen werden demnach von Sitten, Gebräuchen, Konventionen und Verhaltensmustern geformt und in der Kultur weitervermittelt. Sie sind unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass sie auch nach allen Umgestaltungen einer Gesellschaft erhalten bleiben (ebd.: 44). Demzufolge beeinflussen kulturelle Hintergründe solche politischen Prozesse wie Revolutionen, indem sie gesellschaftliche Diskurse darüber steuern. Die Erforschung des Revolutionskonzepts aus kulturwissen-schaftlichem Blickwinkel kann Aufschluss darüber geben, wie revolutionäre Ereignisse im jeweiligen Kulturraum verstanden werden und welchen Platz sie in den „Selbstbeschreibungen“ der Gesellschaften (Luhmann 1997) einnehmen.

Es gibt zahlreiche Arbeiten, die einzelne Ereignisse (wie den Euromajdan) oder regionale Entwicklungen (wie die Farbrevolutionen oder das Revolutionsjahr 1917) politik-, geschichts- oder kulturwissenschaftlich erforschen (vgl. Hale 2005, 2015, Korosteleva 2009, 2012, Makhotina 2017, Minakov 2018, Portnov 2014, 2017, Simon 2014a, 2014b, Zhurzhenko 2017). Allerdings ist ein umfassendes bzw. übergreifendes Revolutionskonzept, wie es in dem jeweiligen Kulturraum verstanden wird, in der Forschung noch nicht vorgestellt. Offen bleibt vor allem die Frage, wie die Revolutionsdiskurse formiert werden. Der Aspekt der kulturellen Dimension als Entstehungsbedingung der ←13 | 14→Diskurse lässt sich im Rahmen der Kulturwissenschaftlichen Linguistik (vgl. Kuße 2012) verorten: Durch die Untersuchung der sprachlichen Realisierung der einzelnen Konzepte können die Kulturen in ihrer Ganzheit rekonstruiert werden. Damit sollen nicht die Einstellungen der Gesellschaft oder Auswirkungen der Diskurse untersucht werden, sondern die kulturell bedingten Entstehungsumstände der Diskurse. Im weiteren Sinne werden hier unter Kultur vorrangig die Denkmuster einer Gesellschaft (van Dijk 2001, Bartmiński 2012) verstanden.

Hilfreich ist dabei die Durchführung kontrastiver Analysen. Im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand bietet sich der Vergleich der drei ostslavischen Kulturräume an. Der postsowjetische Revolutionsdiskurs, der seinen Anfang im ukrainischen Medienraum ab dem Jahr 2000 nimmt, zeigte sich auch später nach der Orangen Revolution umgestaltet als Farbrevolutionsdiskurs in Russland und Belarus.1 Allein dies veranschaulicht die kulturelle Spezifik und die Unterschiede innerhalb der ostslavischen Kulturen. Torbakov (2016: 96) betont beispielhaft die gesellschaftliche Differenz in der Auffassung von Staat und Revolution in Russland und der Ukraine. Hryzak (2011: 414) spricht über die unterschiedlichen politischen Kulturen und Auffassungen über das Verhältnis von Staat und Gesellschaft, die sich während der Orangen Revolution verstärkt haben. Über diese Unterschiede sprechen auch andere Wissenschaftler (vgl. Kolonickij 2017: 165f.), allerdings aus geschichts-oder politikwissenschaftlicher Perspektive.

Beim Vergleich dreier ostslavischer Kulturräume muss berücksichtigt werden, dass sie jeweils in sich nicht homogen sind. Außerdem können sie verflochten bzw. hybrid sein, worunter oft die ostslavische oder die allrussische Identität verstanden wird. Den Ausgangspunkt der Untersuchung stellt die Annahme dar, dass es kulturell spezifische sprachliche Strukturen gibt, die sich als gemeinsame Werte innerhalb einer (nationalen) Kultur erweisen. So kann man über die kulturelle Prägung im Ganzen sprechen. Das Ziel, die gesamtnationalen Konzepte zu rekonstruieren, knüpft an den reduktionistischen Ansatz an, wonach wiederkehrende Muster und Basis-Strukturen im Mittelpunkt der Untersuchung stehen.

Um dies zu ermöglichen, wird die linguistische Frame-Theorie in der methodischen Operationalisierung von Ziem (2008a) und Konerding (1993, 2007) angewendet, so dass die diskurs- und medienübergreifende Konzeptualisierung der Revolutionen in Form von Standardwerten (Ziem 2008a, Busse 2012) erschlossen werden kann. Leitend ist dabei das Doppelverständnis von Frame: als kognitive Kategorie und als Analyseinstrument (Ziem ←14 | 15→2008a). Die rekonstruierten kulturspezifischen Frames können zeigen, wie die Revolutionsdiskurse in Belarus, Russland und der Ukraine kulturell bedingt entstehen und gesteuert werden. Ferner soll die Analyse die Frage beantworten, in welcher Weise die Revolutionen verbalisiert werden, so dass es zu einer solchen Massenmobilisierung kommt wie in der Ukraine.

Für die empirische Analyse wurde ein massenmediales Untersuchungskorpus erstellt. Die Ausdifferenzierung erfolgt nach Kulturräumen, Diskursen und Massenmedien. Dies ermöglicht, Standardwerte zu erschließen, die nicht nur diskurs-, sondern auch medienübergreifend vorkommen und somit für eine gesamte (nationale) Kultur gelten. Aus diesem Grund werden diejenigen Werte als Standardwerte betrachtet, die medienübergreifend in einem Diskurs konventionalisiert sind, d.h. in allen analysierten Medien des jeweiligen Kulturraumes auftreten. Die kulturelle Verankerung der Standardwerte wird durch die Feststellung einer diskursübergreifenden Rekurrenz bestätigt.

Revolutionen an sich können als Konzepte empfunden werden, die auf den ersten Blick kaum zu erfassen sind und keine übereinstimmenden Werte aufweisen. Mithilfe einer Frame-Analyse kann daher gezeigt werden, dass es möglich ist, gemeinsame Werte (Common Ground, van Dijk 2001) in äußerst heterogenen Kulturen zu erschließen. Die Kulturräume des ostslavischen Raumes erweisen sich als ein gutes Analysematerial, da sie mehrere, oft kontroverse Identitätsnarrative aufweisen, was sich insbesondere am belarussischen Kulturraum illustrieren lässt.

Diese Studie verfolgt also folgende Ziele:

Erstens sollen die Konzeptualisierungen der Revolutionen in den untersuchten Kulturen beschrieben werden. Zentral ist dabei die Frage, wie sich das Konzept in den Massenmedien sprachlich manifestiert. Sie soll auch offenlegen, wie Revolutionsdiskurse entstehen und was sie steuert. Zu untersuchen ist darüber hinaus, an welche anderen Konzepte die Revolutionskonzepte anknüpfen und in welche übergeordneten Zusammenhänge sie eingebettet sind. Zu beantworten sind auch folgende Fragen: Inwieweit unterscheiden sich die Konzepte innerhalb eines Kulturraumes? Kann man von einer Aufspaltung der Auffassungen sprechen? Wenn ja, in welchen Aspekten zeigt sie sich?

Zweitens ist nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten innerhalb des ostslavischen Raumes zu fragen: Gibt es Unterschiede oder kann man ein Revolutionskonzept modellieren, das für den gesamten ostslavischen Raum gilt? Wie ist das Verhältnis zwischen den Konzepten der belarussischen, russischen und ukrainischen Kultur?

Drittens besteht das Ziel in der Erschließung der Standardwerte: Welche Frame-Elemente treten diskurs- und medienübergreifend auf, so dass man von ihrer kulturellen Verankerung sprechen kann? Welche Werte stellen den Kern der Konzeptualisierung dar? Kann man die Basis-Strukturen ←15 | 16→herausfinden, die die Diskurse steuern? Inwieweit ist die Frame-Analyse als eine linguistisch orientierte Konzeption geeignet, die sprachliche Repräsentation der Revolutionen in den jeweiligen Kulturen und die kulturell verankerten Denkmuster zu rekonstruieren?

Die Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel.2 Nach diesem einleitenden ersten Kapitel werden im zweiten Kapitel die theoretischen Grundlagen skizziert, vor allem die Kulturwissenschaftliche Linguistik mit der diskurssensitiven und der humboldtianischen Ausrichtung (Kuße 2012). Außerdem soll allgemeiner die Erforschung der Kultur durch die Sprache dargestellt werden. Leitgedanke bei der Beschreibung des Wissens- und Konzeptbegriffs sowie der Frame-Theorie ist die Kombination von kognitiver und sozialer Betrachtungsperspektive. Schließlich werden Problematiken beschrieben, die sich bei der Untersuchung von politischen Revolutionen ergeben. Staats-, nations- und revolutionsbezogene Ereignisse in der Geschichte der Ostslaven sind als ein historischer Exkurs dargestellt.

Im dritten Kapital wird die methodische Vorgehensweise vorgestellt. Das Untersuchungskorpus ist zu begründen, das forschungspraktische Vorgehen bei der Frame-Analyse zu beschreiben. Das Kapitel 3.1.4. bietet bereits die ersten Ergebnisse: die Chronologie des massenmedialen Revolutionsdiskurses in den postsowjetischen ostslavischen Staaten. Es umfasst auch Ergebnisse, die später nicht in die Frame-Analyse einfließen, aber trotzdem konstitutiv für das jeweilige Konzept sind.

Das vierte Kapitel stellt die Ergebnisse der empirischen Analyse vor: die aus den Massenmedien rekonstruierten Frames. Die Ausdifferenzierung erfolgt nach neun Diskursen, die als Stichproben untersucht werden. Die Angabe ist nach dem chronologischen Auftreten der Diskurse aufgebaut und besteht aus der Beschreibung der formalen Seite des Diskurses, der Vorgeschichte und der Referenzobjekte. Danach werden Frames, Standardwerte sowie Zusammenfassungen des jeweiligen Narrativs vorgestellt. In Kap. 4.4.2., 4.5.2. und 4.6.2. folgt außerdem die Erklärung der revolutionsbezogenen Schlüsselbegriffe.

Frames können nicht nur in der linguistischen Diskursanalyse der Massenmedien eingesetzt werden, sondern auch „zur Untersuchung literarisch-ästhetischer Texte“, was „eine viel versprechende Perspektive zur Entwicklung einer kognitiven Ästhetik“ eröffnet (Ziem 2008a: 447). In Kap. 5. wird ein solcher Versuch unternommen, indem das Revolutionskonzept auch in literarischen Werken mithilfe des hier angewendeten frame-semantischen ←16 | 17→Modells analysiert wird. So beziehe ich nicht nur die massenmediale Ebene mit ein, sondern auch die literarische, mit dem Ziel, sie miteinander zu vergleichen und übereinstimmende Werte zu erschließen. Die Rekurrenz der Standardwerte auf beiden Ebenen spricht ebenso für die kulturelle Verankerung.

Im letzten Kapitel führe ich die rekonstruierten Standardwerte und Revolutionskonzepte zusammen. Außerdem ziehe ich die Schlussfolgerungen der vorgelegten Arbeit. Hier wird man auch Überlegungen zu der methodischen Operationalisierung finden sowie Ausblicke, inwieweit die gewonnenen Ergebnisse Anknüpfungspunkte für eine weitere Forschung bieten.

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1 Zhurzhenko (2017: 273) spricht über den prägenden Einfluss der Orangen Revolution auf Vladimir Putins Politik. Bratočkin (2017) betont ebenso, dass die Farbrevolutionen einen entscheidenden Einfluss auf das Bild der Oktoberrevolution sowie auf die Haltung zu den Revolutionen allgemein im postsowjetischen Belarus hatten.

2 Ein technischer Hinweis zur Arbeit: Die Eigennamen werden in der Form wiedergegeben, so wie sie im jeweiligen Land gebraucht werden (z.B. L’viv in der Ukraine). Das betrifft jedoch nicht einige gebräuchliche deutsche Bezeichnungen wie Moskau oder Kiew.

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2. THEORETISCHER TEIL

2.1. Ansätze der Kulturwissenschaftlichen Linguistik

2.1.1. Erforschung der Kultur durch die Sprache

In jüngster Zeit wurde der Kulturbegriff erweitert: Unter Kultur werden nicht mehr herausgehobene Kulturgüter verstanden, sondern „ein Netz von Bedeutungssystemen, anhand dessen sich Menschen die Welt und ihre Situation in ihr deuten und an dem sie ihr Handeln orientieren“ (Gardt et al. 1999: 1).3 Dieser Begriff lehnt sich teilweise an die in den Cultural Studies angewandte Definition von Kultur an, worunter in erster Linie Massen- und Medienkultur verstanden wird (vgl. Krapp 2016: 146). Die frühere normative Unterscheidung von „eigentlicher Hochkultur“ und „niederwertiger Massenkultur“ wird daher vernachlässigt (Hörning 2016: 303). Wie auch Kuße expliziert, bedeutet das allerdings nicht, dass der „kulturelle Kanon“ zu ignorieren ist. Stattdessen sollte man sich mehr „mit der diskursiven und kulturprägenden Kraft und damit auch der Repräsentativität bedeutender Texte“ auseinandersetzen, um die Beschreibung von ethnischen/nationalen Kulturen zu ermöglichen (Kuße 2012: 35). Die Einbeziehung der Massenmedien bei der empirischen Analyse zielt darauf ab, die medienübergreifende kulturelle Prägung des Untersuchungsgegenstands zu erschließen.

Die Etablierung der kulturellen Konstrukte verläuft durch Kommunikationsprozesse, in denen Wissen zirkuliert und eine Kultur konstituiert wird (vgl. Knoblauch 2005: 175). Im Rahmen der Theorie sozialer Systeme von Luhmann ist Kultur als „Themenvorrat“ für Kommunikationsprozesse definiert. Bei diesen Prozessen werden semantische Strukturen wiederholt, so dass es zu Bedeutungsverschiebungen und semantischen Variationen kommt. Luhmann (1984: 224f.) nennt dies Sinnfestlegung. Eine solche reguliert die Zuordnung passender und unpassender Beiträge in der themenbezogenen Kommunikation. Die Kultur umfasst daher kollektive Bedeutungs- und Wissensformen, die sich durch bestimmte kulturelle Ausdrucksformen sowie durch deren kontinuierliche Veränderungen bzw. Vermischungen ←19 | 20→sprachlich realisieren (Hörning 2016: 311). Daraus leitet sich die Annahme ab, dass es bestimmte Wissenselemente gibt, die sich als kulturspezifisch cha-rakterisieren lassen. Sie herauszufinden ist das Ziel der Analyse.

Sprache ist in dieser Hinsicht nicht individuumsorientiert, sondern auch als Mittel der Kommunikation und der Sozialität zu verstehen:

Sprache ist ein in exemplarischer Weise aspektheterogener Gegenstand: Sie ist individuell wie sozial geprägt, sie ist handlungsbezogen und zugleich hochgradig handlungsfern strukturiert, sie ist biologisches Merkmal der Gattung Mensch und zugleich in ihrer historischen Entwicklung grundlegend von soziokulturellen Faktoren bestimmt. (Feilke 2016: 9)

Während die Genetik des Menschen unverändert bleibt, ist „Varianz und Ausbau menschlicher Sprachen […] ohne jeden Zweifel Ergebnis kultureller Evolution“ (ebd.: 15; Hervorhebung im Original). Daraus lässt sich folgende Prämisse ableiten: „Alles […] kulturell Relevante innerhalb einer Gesellschaft ist zumindest sprachlich fassbar, wenn nicht sogar prinzipiell sprachlich konstituiert“ (Lobenstein-Reichmann 2016: 718). Kultur ist demzufolge ein Ergebnis des menschlichen Sprechens und „Gegenstand jedes sprachbezogenen Nachdenkens“ (ebd.). Die sprachlich orientierte Auffassung des Kulturbegriffs führt zu der methodischen Operationalisierung, bei der kulturelle Entitäten linguistisch erforscht werden.

Die Disziplin, die sich mit dem Zusammenhang von Sprache und Kultur beschäftigt, ist die Kulturwissenschaftliche Linguistik.4 Obwohl viele Linguistiken sich mit der Sprache im kulturellen Kontext auseinandersetzen, fehlt es an der „Bestimmung des kulturellen Zusammenhangs eines Teilbereichs mit dem gesamten Bereich menschlichen Handelns, Empfindens und Denkens – mit Kultur insgesamt“ (Kuße 2012: 17). Die medien- und diskursübergreifende Herangehensweise zielt darauf ab, gesamtkulturelle (soweit es forschungspraktisch möglich ist) Werte unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Diversität zu erschließen. Ich gehe von der Annahme aus, dass es Wissenselemente gibt, die kulturell bedingt in heterogenen Teilbereichen zu finden sind und dementsprechend als Kern einer kulturellen Entität aufgefasst werden können.

Dafür wird eine methodische Herangehensweise benötigt, die eine solche Beschreibung ermöglicht. Interdisziplinarität ist das Hauptmerkmal der Kulturwissenschaftlichen Linguistik, die die Wesenszüge der Pragmalinguistik, Semantik, Diskurslinguistik und Interkulturellen Linguistik in sich trägt und verschiedene Blickwinkel einnehmen kann (ebd.: 19). Insbesondere ist gegenwärtig die Wendung zur kognitionsbezogenen Semantik festzustellen ←20 | 21→(vgl. Überblick in Lobenstein-Reichmann 2016: 718f.), so wie es hier der Fall ist. Jedenfalls werden die Prinzipien der Konvention, der Erfahrung und der Sozialität einbezogen, die wiederum „in eine irgendwie geartet historisch ge-fasste Kulturalität“ eingebettet sind (ebd.). Die Aufgaben der Kulturwissenschaftlichen Linguistik sind:

• die Beschreibung von Sprache als kulturellem Phänomen,

• die Beschreibung von Kultur als sprachlichem Phänomen,

• die Anwendung der Linguistik zur Untersuchung gesellschaftlicher Kommunikationsbereiche,

• die Anwendung linguistischer Forschung in der Interkulturellen Kommunikation und im Interkulturellen Lernen. (Kuße 2012: 13)

Die vorliegende Arbeit untersucht die Kultur (ihre gesellschaftlichen Kommunikationsbereiche und interkulturelle Zusammenhänge dreier ostslavischer Kulturen) mithilfe der linguistischen Operationalisierung. Kultur ist demnach der Untersuchungsgegenstand; die Sprache ist die Methode.

Die beschriebene Herangehensweise benötigt allerdings weitere Spezifizierung. Die Betrachtung von Kultur und Sprache als untrennbare Entitäten führte zum sogenannten linguistic turn5, was aber nicht als Anfangspunkt der kulturorientierten Sprachwissenschaft gelten darf (vgl. dazu ausführlich Gardt 2003). Auch die Richtung Cultural Studies, die sich häufig nicht mit dem Kanonischen, sondern mit dem Alltäglichen, Subkulturellen und Trivialen beschäftigt (ebd.: 287), ist nicht als Vorläufer der kulturwissenschaftlichen Linguistik zu betrachten (Lobenstein-Reichmann 2016: 718). Die Betrachtungsweise der Untrennbarkeit von Sprache und Kultur geht auf viele Forscher zurück, unter denen insbesondere die Namen Wilhelm von Humboldt und Michel Foucault zu nennen sind. Kuße (2012) unterscheidet zwei Ausrichtungen der Kulturwissenschaftlichen Linguistik, humboldtianische und diskurssensitive, die einen direkten Zusammenhang zwischen Kultur und Sprache sehen, sich in ihrer Herangehensweise aber unterscheiden: Der humboldtianische Ansatz orientiert sich „an einer postulierten ethnischen oder nationalen Gesamtkultur“, während sich der diskurssensitive Ansatz mehr auf Kommunikationsbereiche und Diskurse ausrichtet (ebd.: 23).

Trotz unterschiedlicher Herangehensweisen schlägt Kuße (ebd.: 24) vor, die beiden Ansätze so zu kombinieren, dass das jeweilige Untersuchungsobjekt in seiner sprachlichen und kulturellen Divergenz analysiert wird, ohne dabei die Rahmen der in Kollektiven geltenden Standardisierungen6 (im Sinne Hansen 2000) auszuschließen. Als Standardisierungen des Denkens fasst ←21 | 22→Hansen (ebd.: 105) die kulturell vorgeprägte Wirklichkeitsdeutung auf. Ähnlich spricht van Dijk (2001: 15) von einem Common Ground, worunter er grundlegende Denkmuster einer Kultur versteht, die als Basis für alle Gruppen dieser Kultur sowie für ideologische Überzeugungen im Rahmen dieser Kultur gelten können. Die Erforschung solcher gängiger Deutungsstrukturen ist insbesondere für die ambivalenten oder „gespaltenen“ Nationalkulturen von wesentlicher Bedeutung. Die Erschließung eines gemeinsamen kulturellen Kerns trotz vorhandener Differenzen ermöglicht es, über Spezifika einer Nationalkultur zu sprechen. Als Analyseinstrumentarium bieten sich hier die Standardwerte im Rahmen der linguistischen Frame-Analyse an, was in Kap. 2.2. behandelt wird.

Das primäre Ziel der Kulturwissenschaftlichen Linguistik besteht daher darin, „sprachsystemimmanente und sprachsystemexterne ethno- oder nationalkulturelle, soziopragmatische, politische und andere Faktoren in der Beschreibung eines konkreten sprachlichen Gegenstandes in ihrer Synchronie und Diachronie aufeinander abzubilden“ (Kuße 2012: 21). Der jeweilige Untersuchungsgegenstand ist in einem dreidimensionalen Modell zu beschreiben. Es umfasst: die Achse der ethno-, landes- oder nationalkulturellen Spezifik (humboldtianische Achse), die Achse der kommunikativen Diversifikation in Diskursen (diskursive Achse) und die Achse der geschichtlichen Entwicklung (diachrone Achse) (ebd.: 24).7 Dieses Modell ermöglicht es, Kulturen als veränderliche Entitäten zu beschreiben, die sich unter verschiedenen Beschreibungsaspekten unterschiedlich darstellen und sich im Laufe der Geschichte verändern (ebd.: 23). Je nach Untersuchungsgegenstand und Vorhaben der Forscher ist eine Schwerpunktsetzung auf eine Ausrichtung (humboldtianische, diskursive oder diachrone) notwendig (vgl. ebd.: 25). Im Rahmen dieser Arbeit wird ein besonderer Wert auf die diskurssensitive Ausrichtung gelegt, was an den breiten themenbezogenen und diskursabhängigen Bedeutungsdimensionen des Revolutionskonzepts liegt. Außerdem berücksichtigt die vorliegende empirische Analyse die nationale Kulturdimension, indem versucht wird, die drei ostslavischen Völker bzw. Gesellschaften forschungspraktisch voneinander abzugrenzen.

Inwieweit die humboldtianische und die diskurssensitive Herangehensweise sich gegenüberstehen, aber gleichzeitig zur gegenseitigen Ergänzung dienen können, skizziere ich im Folgenden. Zuerst werden die Ansätze der humboldtianischen Ausrichtung vorgestellt, die sich insbesondere in der russischen Sprachwissenschaft etabliert hat. Danach werde ich die Ansätze der diskurssensitiven Herangehensweise skizzieren, mit der Vorstellung der Diskursbegriffe, ←22 | 23→der Konzepte der linguistischen Diskursanalyse sowie der Kognitiven Semantik. Zudem wird der Zusammenhang zwischen Diskursen und Wissenskonstituierung diskutiert.

2.1.2. Humboldtianische Herangehensweise

Die humboldtianische Herangehensweise, die von Wilhelm von Humboldt abgeleitet wurde, betrachtet eine Sprache und eine nationale Kultur als eine Einheit, wobei das Sprachmaterial auf drei Ebenen untersucht werden kann: die Ebene des Wortschatzes einer Ethnosprache in Bezug auf ein bestimmtes kulturspezifisches Thema; die Ebene des kommunikativen Handelns und Verhaltens; die Ebene der kollektiven Überzeugungen und Normen einer Sprachgemeinschaft, die ihren Ausdruck in Phraseologismen, Sprichwörtern und Literatur finden (Kuße 2012: 21). Die Bezeichnung humboldtianisch beruft sich auf die „vorausgesetzte Identifikation von Kultur mit ethnischer oder nationaler Kultur und von Sprache mit einer Ethnosprache oder nationalen Standardsprache“ (ebd.: 22). Jede Sprache ist daher immer an eine Gesellschaft und an eine Kultur gebunden. Wenn man diese Auffassung auf ostslavische Völker anwendet, kann man folglich annehmen, dass russischsprachige Ukrainer und Belarussen durch die russische Sprache automatisch über einen nationalen russischen Charakter und eine russische Mentalität verfügen oder Teil der russischen Kultur sind. Eine solche Schlussfolgerung ist aber verfehlt (vgl. Kulyk 2018). Neben den soziolinguistischen Besonderheiten des Russischen in Belarus und in der Ukraine soll die kulturelle und diskursive Diversität nicht nur auf der länderübergreifenden Ebene, sondern auch innerhalb eines Kulturraumes berücksichtigt werden. Die Sprachauswahl spielt in dem Fall eine nachrangige oder gar keine Rolle (vgl. dazu die Zusammenstellung des Untersuchungskorpus in Kap. 3.1.).

Der heute in der russischen Sprachwissenschaft verbreitete Begriff der sprachlichen Weltansicht bezieht sich auf von Humboldts These: „Die Welt wird […] so angesehen, wie die Sprache, die ein Mensch spricht, es ermöglicht“ (zitiert nach Kuße 2012: 46). Zwischen bestimmten Merkmalen des Sprachsystems und dem Bewusstsein der Sprecher werden Zusammenhänge hergestellt (z.B. Einfluss des besonderen Systems der grammatikalischen Tempora auf das Zeitbewusstsein), die in der Kultur einer Sprachgemeinschaft Ausdruck finden (ebd.: 22). Die Sprache und das Denken sind demnach nicht zu trennen, so dass die Sprache gleichzeitig als Bedingung des Denkens fungiert.

Dieser Zusammenhang wurde auch von den amerikanischen Ethnolinguisten E. Sapir und B. L. Whorf erforscht: „Verschiedene Sprachgemeinschaf-ten erfassen die Wirklichkeit sprachlich in ganz verschiedener Weise“ (Pelz ←23 | 24→1994: 34). Dies wird als Sapir-Whorf-Hypothese bezeichnet, die das Prinzip der sprachlichen Relativität beschreibt: „Natürliche Sprache und einzelne sprachliche Formen gelten nicht als Voraussetzungen des Denkens und Empfindens, sondern sind selbst Formen des Denkens, die sich wiederum unmittelbar in Handlungen auswirken können“ (Kuße 2012: 55).8 Expliziert wurde von Humboldts Ansatz im sogenannten Neuhumboldtianismus, der sich mit inhaltsbezogener Grammatik beschäftigte. Deren wichtigster Vertreter Weisgerber betonte ebenfalls die „Vorstellung von der Abhängigkeit der Wahrnehmung und dem Aufbau von Kulturen von natürlichen Sprachen“ (ebd.: 57).

Neben der oben beschriebenen Richtung des Neuhumboldtianismus hat sich in der russischen Linguistik eine eigene Richtung des Humboldtianismus etabliert, die sich mit der sprachlichen Realisierung kultureller Konzepte beschäftigt (vgl. Jachnow/Mečkovskaja 2002). Folgende Gründe können für die angestiegene Popularität des Themas Sprache und Kultur genannt werden (ebd.: 306–308):

die Emanzipation der Völker nach dem Zerfall der Sowjetunion und Entstehung der interethnischen Konflikte, mit Betrachtung der unterschiedlichen Mentalitäten als mögliche Ursache dafür;

die Liberalisierung im Bildungswesen und die Entstehung einer großen Nachfrage nach in allgemeinzugänglicher Weise geschriebenen sprachlich-kulturwissenschaftlichen Themen;

die Zunahme an Popularität von Konzeptionen der anthropologischen Linguistik, der kognitiven Linguistik und der Erforschung des „naiven“ Weltbildes in Bezug auf verschiedene Ethnien.

Ende der 80er Jahre wurde zur Analyse kultureller Schlüsselbegriffe die Methode des Konzeptualismus entwickelt, die im Rahmen der Moskauer Forschungsgruppe Logičeskij analiz jazyka (dt.: Logische Sprachanalyse) um N. D. Arutjunova entstand (ebd.: 320f.). Hinzu merken Jachnow/Mečkovskaja an, dass in die Analyse des jeweiligen Untersuchungsgegenstandes unter anderem diachronische und vergleichende Aspekte miteinbezogen werden, so dass die untersuchten Schlüsselphänomene einen philosophisch-kulturo-logischen Wert bekommen und sich gleichzeitig mit dem Alltagsbewusstsein beschäftigen.

In Bezug auf die konzeptorientierte Richtung hat sich der oben erwähnte Begriff sprachliches Weltbild bzw. Sprachweltbild (russ. jazykovaja kartina mira, ukr. movna kartyna svitu, bel. moŭnaja karcina svetu) durchgesetzt ←24 | 25→(vgl. Kuße 2012: 18). Jerzy Bartmiński führte die Begriffe Stereotyp und Wirklichkeitsinterpretation in Bezug auf das Sprachweltbild ein. Das sprachliche Weltbild gilt als:

eine in der Sprache enthaltene Wirklichkeitsinterpretation, die sich als Menge von Denkmustern über Welt, Menschen, Gegenstände und Ereignisse erfassen lässt und die als Resultat der subjektiven Wahrnehmung und Konzeptualisierung der Wirklichkeit durch die Benutzer einer bestimmten Sprache fungiert. (Bartmiński 2012: 261)

Mit diesen Ideen ist der Identitätsbegriff zu verbinden: Solche kulturell-linguistischen Untersuchungen sind im Prinzip „Identitäts-Untersuchungen, genauer: Untersuchungen der Gemeinschaftsidentität, vor allem der nationalen Identität (aber nicht nur)“ (Bartmiński/Chlebda 2009: 271). Auch das Revolutionskonzept als Untersuchungsgegenstand ermöglicht es, die sich darauf beziehenden Identitätsmuster zu beschreiben.

Die russische Konzept- und Weltbildlinguistik ist zu einer dominierenden Richtung in der russischen Sprachwissenschaft geworden (vgl. Kuße 2012: 60).9 Die Analyse besteht meistens darin, „unveränderliche Bedeutungskonzepte in der Vielzahl der Verwendungsweisen von Lexemen zu erkennen, die die Welt sprachlich konzeptualisieren und gleichzeitig die mentale Kultur einer Sprachgemeinschaft […] bilden“ (ebd.: 61). Die Konzepte werden vor allem in den Texten der literarischen Hochkultur untersucht, wobei die Analyse eher wortorientiert ist (ebd.).10 Kuße (ebd.: 69) betont, dass eine begrenzte Auswahl der Korpora nur einen kulturellen Teilbereich repräsentiert: „Erst aus dem Vergleich der nach Kommunikationsbereichen und Diskursen differenzierten Konzeptanalysen lassen sich […] Schlussfolgerungen für eine nationale oder ethnische Kultur in ihrer Ganzheit ziehen“.11 Vorliegend wird das Analysematerial zunächst diskursorientiert gesammelt. Erst die übereinstimmenden Konzeptualisierungen werden Schlussfolgerungen über die Prägung bestimmter Denkmuster in den nationalen Kulturen erlauben.

2.1.3. Diskurssensitive Herangehensweise

Eine andere Herangehensweise in der Kulturwissenschaftlichen Linguistik, die sich eher an den Diskursen orientiert, lässt sich als diskursbezogen bzw. diskurssensitiv bezeichnen (Kuße 2012). Man geht davon aus, dass eine Kultur ←25 | 26→aus Entitäten besteht, die sich aus verschiedenen Beschreibungsperspektiven unterschiedlich darstellen und sich im Laufe der Zeit verändern (ebd.: 23). Die linguistische Diskursanalyse bietet sich in dem Fall als etablierte methodische Vorgehensweise an. Im Folgenden werde ich die Diskursbegriffe, die Methode der Diskursanalyse nach Foucault sowie die Besonderheiten der Zusammenstellung der Korpora im Rahmen der Diskurslinguistik darlegen.

Diskursbegriffe

Für Busch (2007: 141) ist der Diskursbegriff „ein linguistischer Proteus“, denn „er ändert seine Gestalt offenbar bei jedem sprachwissenschaftlichen Zugriff“. Die breite Spanne der Diskursbegriffe lässt sich nach Spitzmüller/Warnke (2011: 11) in vier verschiedene linguistische Diskurskonzepte einordnen: (a) ursprünglicher Gebrauch als Synonym für Debatte oder Gespräch; (b) kom-munikationsethischer Gebrauch als konsensorientierter Gedankenaustausch (nach Habermas); (c) Bedeutung der durch die Musterhaftigkeit charakterisierten sprachlichen Entität; Diskursanalyse als Konversationsanalyse, analog zur angloamerikanischen discourse analysis; (d) Diskurs als durch kollektive, handlungsleitende und sozial stratifizierende Wissensformationen bedingtes System von Aussagen.

Busse/Teubert (2013: 16) verstehen dagegen unter Diskursen „virtuelle Textkorpora, deren Zusammensetzung durch im weitesten Sinne inhaltliche (bzw. semantische) Kriterien bestimmt wird“. Zu einem Diskurs gehören also alle Texte, „die sich mit einem als Forschungsgegenstand gewählten Gegenstand, Thema, Wissenskomplex oder Konzept befassen, untereinander semantische Beziehungen aufweisen und […] in Hinblick auf Zeitraum/Zeitschnitte, Areal, Gesellschaftsausschnitt, Kommunikationsbereich, Texttypik und andere Parameter […] einen intertextuellen Zusammenhang bilden“ (ebd.: 17). Ein gemeinsames Thema sowie Intertextualität sind daher die wichtigsten Kriterien für die Diskursbildung. Virtuelle Textkorpora, die analytisch nicht erfasst werden können, bestehen wiederum aus konkreten Textkorpora, die einer diskurssemantischen Untersuchung unterliegen und bestimmten Teilmengen der jeweiligen Diskurse entsprechen (ebd.). Sie dienen als Stichproben, die generalisierende Übertragungen auf die untersuchten Diskursgemeinschaften ermöglichen (Busch 2007: 152). Konkrete Textkorpora sind dementsprechend das durch die Forschenden erstellte Analysematerial und bedürfen ausgewogener und durchdachter Auswahlkriterien für die Zusammenstellung.12

←26 | 27→

Zusammenfassend hat Gardt (2007: 29) folgende vier wichtige Komponenten in der sprachwissenschaftlichen Fachformulierung des Diskursbegriffs hervorgehoben: (a) der Diskursbegriff wird mit dem Textbegriff im Aspekt der Vernetzung von Texten verbunden; (b) der Diskurs wird als Konzept des sprachlichen Handelns verstanden (pragmatische Orientierung); (c) Bindung des Diskursbegriffs an die Gesellschaft (Diskurs als Denkausdruck in einer Gesellschaft); (d) Diskurse als Ursache für gesellschaftliche Veränderungen (Beitrag zur Konstituierung gesellschaftlicher Wirklichkeit). Der Diskursbegriff ist folgendermaßen zu formulieren:

Ein Diskurs ist die Auseinandersetzung mit einem Thema,

– die sich in Äußerungen und Texten der unterschiedlichsten Art niederschlägt,

– von mehr oder weniger großen gesellschaftlichen Gruppen getragen wird,

– das Wissen und die Einstellungen dieser Gruppen zu dem betreffenden Thema sowohl spiegelt

– als auch aktiv prägt und dadurch handlungsleitend für die zukünftige Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Bezug auf dieses Thema wirkt. (Gardt 2007: 30)

Die Beteiligung der Diskurse „an der Konstruktion der Wirklichkeit“ sowie die Entstehung diskursiver Texte sind im Prinzip kulturell bedingt (Spieß 2011: 135). Festsitzende Überzeugungen einer Gesellschaft, die einerseits als Resultat der diskursiven Praktiken entstehen und andererseits Diskurse formieren, nennt van Dijk (2011: 395) „social cognition“, woraus auch individuelle oder spezifische Überzeugungen entstehen. Soziale Kognition kann sich nach van Dijk auf die ganze Gesellschaft (socio-cultural knowledge bzw. common ground) oder auf spezifische Gesellschaftsteile (specific group knowledge, ideology, ideological attitudes) beziehen. Aus diesen zwei Grundan-nahmen leitet sich die Interferenz der kulturbezogenen und kognitivistischen Bedingungen der diskursiven Praktiken, die in Form von Narrativen auftreten und sich als solche rekonstruieren lassen (Kulyk 2010: 23f.). In diesem Sinne setzt Kulyk das Narrativ nicht mit dem Diskurs gleich. Den Narrativ-Begriff13 ordnet er dem übergeordneten Diskursbegriff unter.

Die Mehrdeutigkeit des Diskursbegriffs lässt sich an zahlreichen Diskursnamen und Diskurstypologien illustrieren. Diskurse können thematisch sein, d.h. nach ihren Themen benannt werden (z.B. Genderdiskurs, Diskurs zu der Finanzkrise) und sich in Teildiskurse aufteilen (z.B. Windkraftdiskurs als Teildiskurs von ökologischem Diskurs) (Kuße 2012: 113). Sie können aber auch „als institutionsgebundene soziale Praktiken“ unterschieden werden, ←27 | 28→d.h. nach Kommunikationsbereichen wie z.B. politischer oder religiöser Diskurs (ebd.). Außerdem werden zu weiteren wichtigen Kriterien von Diskursnamen folgende Aspekte gezählt: Akteure (z.B. Machiavellis Diskurs), wissenschaftliche Disziplinen und Teildisziplinen (z.B. medizinischer Diskurs), kulturelle Strömungen (z.B. Diskurs der Postmoderne), Ideologien (z.B. kommunistischer Diskurs), Macht- oder Herrschaftsbeziehungen (z.B. hegemonialer Diskurs, Gegendiskurs), sprachliche und insbesondere pragmatische Funktionen (z.B. Rechtfertigungsdiskurs) und sprachliche bzw. semiotische Formen oder Medialitäten (z.B. mündlicher Diskurs) (Reisigl/Ziem 2014: 75).

In der vorliegenden Arbeit wird der Diskursbegriff in folgenden Arten gebraucht:

Revolutionsdiskurs: Darunter sind im weiteren Sinne die Konzeptualisierung und die diskursive Einbettung der Revolutionen in den untersuchten Kulturräumen gemeint;

Euromajdan-Diskurs, Diskurs zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution 1917 und ähnliche: Diskurse werden als thematische Einheiten gebraucht, die als Teildiskurse des oben genannten Revolutionsdiskurses aufzufassen sind;

Massenmedialer Diskurs: Darunter wird die mediale Ebene aufgefasst, die sich auf das massenmediale Untersuchungskorpus bezieht;

belarussischer, russischer, ukrainischer Diskurs: Damit wird ein Bezug zu dem jeweiligen Land bzw. Kulturraum hergestellt.

Diskursanalyse nach Foucault/Diskurslinguistik

Die Diskurslinguistik nach Foucault richtet sich in ihrer methodologischen Begründung nach vier Grundsätzen von Foucault, die er in seiner Inaugural-vorlesung am Collège de France im Jahre 1974 genannt hat: (a) Prinzip der Umkehrung: Diskursive Determinanten gestalten einzelne Aussagen als koexistent; (b) Prinzip der Diskontinuität: Die Bedeutung der Welt ist nicht kontinuierlich, sondern weist Brüche auf; (c) Prinzip der Spezifität: Die Bedeutung ist immer diskursspezifisch und fungiert als Resultat einer Kontextualisierung; (d) Prinzip der Äußerlichkeit: Als Ausgangspunkt gilt die sprachliche Realisierung der Bedeutung (zitiert nach Warnke/Spitzmüller 2008: 7). Die genannten Prinzipien bilden die Grundlage für weitere Überlegungen.

Foucaults Ableitung des Diskurses aus der Praxis der Macht wurde in der Kritischen Diskursanalyse (vgl. Jäger 2004) aufgegriffen. Sie ist als eine inter-oder transdisziplinäre Herangehensweise zu verstehen, in deren Rahmen der Diskurs als ganzer in Blick genommen wird: Berücksichtigt werden nicht nur sprachliche, sondern auch sozialwissenschaftliche Aspekte, wobei die wichtigste Aufgabe der kritischen Diskursanalyse darin besteht, „die gesellschaftliche ←28 | 29→Kommunikation zu bewerten“ (Kuße 2012: 108; Hervorhebung im Original). In Bezug darauf soll die Unterscheidung von Wissenschaft als Deskription und Wissenschaft als Kritik angeführt werden: „Während es für die Kritische Diskursanalyse selbstverständlich (und unvermeidlich) ist, dass Analysen auch dezidiert Position beziehen […], hält die so genannte ‚deskriptive‘ Diskursanalyse explizite Wertungen nicht nur für unangebracht, sondern […] sogar für unwissenschaftlich“ (Warnke/Spitzmüller 2008: 19). Auch Gardt (2007: 33f.) betont, dass das „aufklärerische und ideologiekritische Moment […] keine Voraussetzung für diskursanalytisches Arbeiten“ ist, „denn als Methode ist die Diskursanalyse nicht an solche Vorgaben gebunden“. Die vorliegende Analyse bezieht sich auf die deskriptive Perspektive.

Die linguistische Diskursanalyse geht allerdings nicht nur der Frage nach, „wie gesellschaftliche Beziehungen, Identitäten und Macht durch Texte konstruiert sind“, sondern auch „wie diese Kontexte überhaupt erst eine diskursive Bedeutungskonstitution bedingen“ (Warnke/Spitzmüller 2008: 23). Unter diesen Prämissen wurde die diskurslinguistische Mehr-Ebenen-Analyse (DIMEAN) von Warnke/Spitzmüller (vgl. ebd.: 23–45) entwickelt, die sowohl intratextuelle und transtextuelle Ebenen als auch die Ebene der Akteure umfasst. Auf transtextueller Ebene werden zwei zentrale Frage gestellt, nämlich (a) worüber in einer Gesellschaft gesprochen wird, (b) wer zur Gesellschaft gehört und welchen Ort diese hat. Zu Kategorien der transtextuellen Ebene gehören nach Warnke/Spitzmüller (ebd.: 39) Intertextualität, Schemata (Frames/Skripts), diskurssemantische Grundfiguren, Topoi, Sozialsymbolik, indexikalische Ordnungen, Historizität, Ideologien und Mentalitäten sowie allgemeine politische und gesellschaftliche Debatten. Die empirische Analyse erfolgt auf der transtextuellen Ebene: Die diskursprägenden Strukturen, die sich in rekurrenten Kontextualisierungen14 wiederfinden, werden textübergreifend mithilfe der Frame-Analyse untersucht.

Das Ziel der linguistischen Diskursanalyse ist es allerdings, nicht nur Inhalte der Diskurse zu beschreiben. Sie soll auch „etwas offen legen, freilegen, […] Fundamente aufzeigen, Sinn entfalten, zugrunde liegendes, verstecktes Wissen explizieren, verdeckte Strukturen sichtbar machen, latent verhandelte Themen analysieren, dominante Denkmuster herausfinden“ (Gardt 2007: 33). Die Diskursanalyse untersucht die semantische Tiefenstruktur eines Diskurses „nicht selten mit aufklärerischem Duktus, als Hinweis auf epistemische Grundlagen, auf Denkformen, auf Mentalitäten in einer Gesellschaft“ (ebd.: 35). Hier spielt die kulturelle Prägung eine Rolle, indem sie die Formierung der Denkweise steuert bzw. beeinflusst (vgl. Kap. 2.1.1.).

←29 | 30→

Rekurrenz ist eine notwendige Bedingung für eine solche Prägung (vgl. Busse 2012: 604). Ein Diskurs gilt als etabliert, sobald „Serien diskursiver Ereignisse sich zu Regelmäßigkeiten verdichtet haben“ (Busse 2003: 180). Die Systeme von Regelhaftigkeiten der etablierten diskursiven Formationen sind „Möglichkeitsbedingungen der Produktion zukünftiger, thematisch benachbarter diskursiver Ereignisse“ und sie „steuern […] die Auftretensmöglichkeit einzelner epistemischer Elemente in bestimmten Kontexten“ (ebd.). Die historische Semantik15, die ihre Wurzeln in der Begriffsgeschichte (vgl. Koselleck et al. 2010) hat, lässt sich als Erweiterung der Letzten sehen, indem nicht nur wissenschaftlich-philosophische, sondern auch alltagsprachliche Texte berücksichtigt werden (Spieß 2011: 106; vgl. Erklärung des Kulturbegriffs in Kap. 2.1.1.).16 Hiermit stellt sich die Frage, wie das Analysematerial zusammengestellt werden soll, um eine Diskursanalyse durchzuführen. In der vorliegenden Arbeit geht es nicht um die einzelnen Teilbereiche bzw. Diskurse, sondern um die medien- und diskursübergreifende kulturelle Prägung, so dass die optimale Zusammensetzung des Untersuchungskorpus bereits ein wesentlicher Teil der Analyse ist.17

Zusammenstellung der Korpora

Der Zusammenhang der Kategorien TextDiskursGesellschaft lässt sich folgendermaßen skizzieren (Larcher 2015: 48):

Ebene des Einzeltextes: Analyse und Interpretation ausgewählter einzelner Texte ˃ jeder Text ist Teil eines Diskurses;

Ebene des Diskurses: Suche nach wiederkehrenden Mustern und sprachlichen Phänomenen über mehrere Texte hinweg ˃ jeder Diskurs ist in einer Gesellschaft eingebettet;

Ebene der Gesellschaft: Ermittlung der verbreiteten gesellschaftlichen Strukturen, um das Wissen der Zeit zu erkennen.

←30 | 31→

Ähnlich formuliert Kuße (2012: 41): Das Untersuchungsobjekt ist in den jeweiligen Diskurs, den Text und in eine Äußerung zu verorten, in denen es durch bestimmte sprachliche Formen realisiert wird.

Der Fragestellung nach sind diejenigen semantischen Einheiten von besonderem Interesse, die rekurrent vorkommen.18 Die Grundlage einer solchen Analyse ist ein Untersuchungskorpus. Dabei können aber nur große Textkorpora „Aufschluss über den Grad kognitiver Verfestigungen“ in einer Gesellschaft geben (Ziem 2008a: 375).19 Die Ergebnisse der Einzeltextanalysen können lediglich eine „Indikatorfunktion“ haben (ebd.). Texte fungieren dabei als „Kristallisationspunkte für das Sprachliche und Diskursive“ (Czachur 2015: 66).

Die oben skizzierte Variation der Diskursbegriffe veranschaulicht, dass Diskurse nicht erfassbar sind („virtuelle Korpora“, Busse/Teubert 2013: 16). Deswegen handelt es sich bei einem Korpus nur um „Teilmengen eines Diskurses“ („konkrete Textkorpora“), die für Untersuchungszwecke ausgewählte und zusammengestellte Texte sind (ebd.: 17). Das Korpus entsteht in einem dreidimensionalen Modell und ist differenzierbar (a) thematisch nach Teildiskursen, (b) topologisch nach Kommunikationsbereichen und (c) medial nach Medien, Kommunikationsformen und Textsorten (Spitzmüller 2005: 54f.).20 Die Zuordnung bestimmter Texte zu Teildiskursen (vgl. Diskursstränge bei Jäger 2004: 160) erfolgt nicht nur nach expliziten Verweisungen, sondern auch als „Ergebnis eines interpretativ-deskriptiven Akts, wie es in kulturwissenschaftlichen Forschungen üblich“ ist (Busse 2013: 148). Die Einordnung der Texte in Teildiskurse erfolgt unter Beachtung der Spezifika von Medien, Ländern oder Textsorten, so wie es auch in der vorliegenden empirischen Analyse der Fall ist. Die Texte werden als Diskursfragmente aufgefasst, d.h. sie werden nicht als individuell erzeugte Produkte, sondern immer sozial-, historisch- und diskursgebunden betrachtet (Jäger 2004: 117). Innerhalb von Diskursen werden sie durch diskursive Ereignisse gesteuert (ebd.: 132). Jäger betont, dass es nicht um „reale“ Ereignisse geht, sondern um die darüber entfalteten Diskurse. Als Beispiel nennt er einen Reaktorunfall, der verschwiegen wird. In diesem Fall ist es kein diskursives Ereignis. Daher können Proteste gegen die Regierung in oppositionellen Massenmedien einen Diskurs bilden, während in den staatlichen Massenmedien solche Ereignisse zu ←31 | 32→wenig oder gar nicht dargestellt werden. In dem Fall wird kein Diskurs gebildet.21

Ziem (2014: 66) hält es für unerlässlich, ein eigenes thematisches Korpus aufzubauen. Es reiche nicht, bestehende große Korpora wie die DWDS zu verwenden, denn das Korpus soll ausschließlich Texte umfassen, die für den Diskurs relevant sind. Eine Möglichkeit besteht darin, geschlossene Korpora22 zusammenzustellen, wobei Kriterien wie Thema, geographischer Raum, Zeitspanne, Medium, Akteure und Textsorte berücksichtigt werden sollen (Larcher 2015: 53).23 Unter einem Untersuchungskorpus wird daher ein Bündel von Stichproben verstanden, denn, wie oben erklärt, die Gesamtheit der Texte eines Diskurses ist nicht zu erfassen. Genauso unmöglich ist es, Grenzen eines Diskurses selbst zu setzen.

Umso wichtiger wird der Kulturbegriff, dem eine Schlüsselrolle für die Zusammenstellung der Korpora zukommt. Wie Czachur (2013: 334) postuliert, ist eine Diskursanalyse zugleich eine Kulturanalyse. Eine kontrastive Perspektivierung kann die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Kulturen besser offenlegen, als dies bei der Untersuchung eines Diskurses bzw. einer Kultur der Fall ist: „Das Interesse der kontrastiven Diskurslinguistik bezieht sich auf Erkenntnisse sprach- und kulturwissenschaftlicher Natur über die Kulturgemeinschaft, die sich aus der Erfassung und Gegenüberstellung von den jeweils landes- und kulturspezifischen Wissensbeständen ergibt“ (ebd.: 333). Des Weiteren verwendet Czachur die Begriffe kulturelle Fremdheit (kulturelle Unterschiede, Abneigung oder Negation des Fremden) und kulturelle Nähe (kulturelle Gemeinsamkeiten, Nachvollzierbarkeit des Fremden) (ebd.: 334f.), was für den ostslavischen Kulturraum produktiv sein kann. Zu fragen ist vor allem, welche Aspekte zu der Abgrenzung der russischen, ukrainischen und belarussischen Kulturräume beitragen und welche kulturübergreifend sind.24 Ferner soll eine Ausdifferenzierung innerhalb der Kulturräume ←32 | 33→nach den Kriterien der politisch-ideologischen Ausrichtung bzw. der Inhaberschaft der Medien oder der nationalen Identitätsmuster erfolgen (vgl. Kap. 3.1.3.).

Außerdem ist die diskursive Dimension einzubeziehen. Der rekonstruierte Revolutionsdiskurs (siehe Chronologie des Diskurses in Kap. 3.1.4.) besteht aus unterschiedlichen Teildiskursen, die in drei Kulturgemeinschaften geführt werden. Die Teildiskurse können kulturspezifisch sein (z.B. Proteste 2006 in Belarus), d.h. sie fehlen in anderen vergleichbaren Kulturgemeinschaften oder sind für diese nicht zentral. Die Teildiskurse können aber ähnlich sein und entweder zur gleichen (wie der Teildiskurs zur Russischen Revolution 1917) oder zu einer ähnlichen Zeit (der Teildiskurs zur Orangen Revolution und zu den Farbrevolutionen) erscheinen. Daraus werden kulturspezifische diskurs- und medienübergreifende Konzepte erschlossen, die schließlich miteinander verglichen werden.

2.1.4. Soziale und kognitive Dimension des Wissensbegriffs

Nach ihrer theoriegeschichtlichen Entstehung stand die Diskursanalyse allerding nicht der Sprachwissenschaft nahe, „sondern eher [der] Epistemologie (diese verstanden als Wissenschaftsgeschichte) und Ideengeschichte“, ohne Bezug zur Semantik zu haben (Busse 2008a: 58). Das zentrale Ziel für Foucault war etwas, was in damaliger Semantik und Linguistik kein Thema war: Die Erforschung des Wissens (bei Foucault als Episteme bezeichnet), „welches für das gesellschaftliche Funktionieren von Texten […] notwendige Voraussetzung ist und in ihm zum Vorschein bzw. zur Wirkung kommt“ (ebd.: 59). Wichtig für Foucault waren die verborgenen Wissensbewegungen, also „die Voraussetzungen“ für das Text-Verstehen (ebd.). Busse (2003: 182) schlägt vor, dafür den Begriff verstehensrelevantes Wissen zu verwenden, dessen Analyse „gerade auch das zugrundeliegende, versteckte, normalerweise übersehene, weil als selbstverständlich unterstellte Wissen explizieren“ muss.

Problematisch daran ist der Wissensbegriff, der in Bezug auf solche Aspekte wie Faktizität, Identifizierbarkeit, Bewusstheit und Zugänglichkeit schwer zu definieren ist (Busse 2008a: 60). Die Bestimmung des Wissens bezieht sich auf zwei Betrachtungsweisen. Neben dem kognitionswissenschaftlichen Verständnis des Wissens als Kategorisierung der Welterfahrungsfor-men (vgl. Konerding 2015: 59) bezieht sich Wissen als sozial-bestimmtes Phänomen ←33 | 34→auf kulturelle Entstehungsbedingungen. Somit sind auch die individuelle Anhäufung und Entwicklung des Wissens in das gesellschaftliche Umfeld zu verorten: „Menschliche Wesen bilden ihr Wissen nicht aus dem Nichts. Sie werden in eine Welt hineingeboren, in der andere Menschen bereits etwas wissen“ (Luckmann 2002: 81; Hervorhebung im Original). Die Differenzierung der kognitiven und der sozialen Dimension des Wissens ist den Menschen im Alltagsleben kaum bewusst, denn jeder konzeptuelle Wissensrahmen kann nur in seiner kulturellen Dimension erfahrbar sein (Konerding 2015: 69). Gesellschaftliche Wissensvorräte bilden somit eine kommunikativ ermittelte „Grundlage für die Einweisung ‚natürlicher‘ menschlicher Orga-nismen in eine ‚künstliche‘ geschichtlich-gesellschaftliche Welt“ (Luckmann 2002: 158).25

Ein zentraler Prozess der Wissensvermittlung ist die Kommunikation: der „Prozess der sozialen Ableitung“ des Wissens von anderen Menschen (ebd.: 177). Eine gemeinsame Kultur entsteht daher durch den Prozess der Kommunikation, die sich durch diskursive Praktiken vollzieht (vgl. Keller 2005). Um kulturelle Zusammenhänge zu beschreiben, müssen allerdings mehrere Diskursgemeinschaften26 berücksichtigt werden. So kann Kultur in ihrer Heterogenität untersucht werden. Das Ziel, die diskurs- und medien-übergreifenden Standardisierungen zu erschließen, knüpft dementsprechend zuerst an die Aufgabe an, die relevanten Diskursgemeinschaften zu erfassen. Diesen Schritt stelle ich in Kap. 2.5.2. und 3.1. dar.

Zentrale Materialisierungs- und Konstitutionsformen von kollektivem Wissen sind Texte, die allerdings „auslegungsfähig“ sind und unter verschiedenen Blickwinkeln der Interpretation und Analyse unterschiedliche Ergebnisse aufweisen können (Busse 2008b: 93). Gleichzeitig erkennt man in Texten etablierte Deutungsmuster, die über „Darstellungsformate“ wie Begriffe (concepts), Sätze, Aussagen und Prädikationen festgestellt werden können (Busse 2008a: 60). Die theoretisch-methodischen Modelle sind schematische Strukturen, Wissensrahmen und Framestrukturen, die „als dynamische, rekursive und vielfältig intern vernetzte epistemische Strukturen“ Begriffs-oder Framekomplexe erfassen können (Busse 2013: 158). Aus kulturwissenschaftlicher Sicht sind sie an der Wirklichkeitskonstituierung, dem Verlauf ←34 | 35→der diskursiven Praktiken und der Etablierung von Überzeugungen in einer Gesellschaft beteiligt (vgl. ebd.).

Die kognitiv-semantischen Kategorien Frames, mentale Räume, konzeptuelle Metaphern und Bildschemata27 dienen „nicht nur zur kognitiven Repräsentation von Wissen; sie werden vielmehr auch als epistemologische Analyseinstrumente eingesetzt, mit denen sich die Entstehung, Veränderung und Etablierung von sprachlichen Bedeutungen in diskursiven Zusammenhängen erschließen lassen“ (Ziem 2013: 219). Der Kognitiven Semantik liegen fünf Prinzipen zugrunde, die sich in das Programm der linguistischen Epistemologie (vgl. Busse 2008b) sowie der Kulturwissenschaftlichen Linguistik einordnen lassen (Ziem 2013: 219–223):

Das Prinzip der Konventionalität: Ein Wissensaspekt (sprachlicher Ausdruck) wird nach dem rekurrenten Auftreten in einem bestimmten (diskursiven) Kontextrahmen konventionalisiert. Die Kategorien des Sprachwissens und Weltwissens sind dabei untrennbar;

Das Prinzip der Kognitivität: Die Kategorisierungen basieren auf schematisiertem Hintergrundwissen, das im Langzeitgedächtnis abgespeichert ist;

Das Prinzip der Konzeptualität: Es gibt keinen Bereich des sprachlichen Wissens, der nichtkonzeptuell ist; alle Bedeutungen entstehen aus dem Sprachgebrauch. Der sprachliche Wissensbestand einer Sprachgemeinschaft ist also auch durch kulturelle und soziale Aspekte bedingt;

Das Prinzip der Konstruktivität: Der kognitive Aufwand bei der Konstruktion der Bedeutungen wird geringer, je höher ihre Auftretensfrequenz und somit der Bekanntheitsgrad ist;

Das Prinzip der Kontextualität: Sprachliche Bedeutungen entstehen aus dem Sprachgebrauch und lassen sich nur im Zusammenhang mit seinen Einbettungsstrukturen beschreiben. Dazu zählen kookkurrente Ausdrücke, syntaktische Kollokationen, Textsorten, außersprachliche Verwen-dungssituationen und der thematische Bezug.

Im Hinblick auf die oben genannten fünf K-Prinzipien lässt sich das verstehensrelevante Wissen nach dem kognitiven Verfestigungsgrad folgendermaßen unterscheiden (ebd.: 226, 229f.):

Abstraktes Schemawissen: meist unbewusst verwendete systematische Realisierungen sogenannter Bildschemata und konzeptueller Metaphern, die auf einer hohen Abstraktionsebene angesiedelt sind;

Konventionalisiertes Wissen: in einer Sprachgemeinschaft konventionalisiertes, in kommunikativen Zusammenhängen oft vorausgesetztes Wissen, das in Frames organisiert ist;

←35 | 36→

Ad-hoc-Wissen: mentale Räume, die diskurs- und kontextabhängige Wissensstrukturen sind und ad hoc entstehen.

Das zentrale Konzept der Kognitiven Semantik bilden Frames, die ein etabliertes „kognitiv-diskurssemantisches“28 Konzept darstellen, obwohl es gleichzeitig kein einheitliches Frame-Konzept gibt (ebd.: 233). Frames erzielen nicht nur die Rekonstruktion der synchronen kognitiven Sprachverarbeitungsprozesse bei Individuen;29 sie sind diachron und epistemologisch bedingt und daher außerhalb der sozialen und kulturellen Dimension nicht zu erfassen (Busse 2003: 177).30 In dieser Hinsicht rückt der „soziale Determinismus“ des Sprachverstehens und der Sprachproduktion in den Vordergrund, was gerade im Falle der kulturorientierten Sprachwissenschaft vorausgesetzt ist.31 Dies macht die Frame-Analyse zum tauglichen methodischen Instrument der Kulturwissenschaftlichen Linguistik, da Frames den kommunikativen sowie den kognitiven Aspekt der Sprache widerspiegeln.32 Am häufigsten kommt das Frames-Konzept als Analyse der Prädikationsrahmen zum Einsatz (Fraas 1996; Ziem 2008a, 2009a, 2009b; Konerding 1993; Wrede 2013), worauf ich mich im Folgenden beschränken werde.

←36 | 37→

2.2. Frames als kognitive Größe und als Analyseinstrument

Doppelverständnis von Frames

Im Rahmen der Forschung zur Künstlichen Intelligenz33 definierte Minsky Frames (dt. auch Rahmen, Wissensrahmen) folgendermaßen:

When one encounters a new situation (or makes a substantial change in one’s view of the present problem) one selects from memory a structure called a Frame. This is a remembered framework to be adapted to fit reality by changing details as necessary. A frame is a data-structure for representing a stereotyped situation. (Minsky 1975: 212)

Nach Minsky sind Frames abgespeichertes Wissen, das in einer stereotypischen Situation kognitiv abrufbar ist. Gleichzeitig tritt der Begriff von Frames in die linguistische Forschung ein: Die linguistische Frame-Theorie geht auf den Linguisten Fillmore34 zurück, der neben Lakoff (1987), Langacker (1991) und Talmy (2001) ein Vertreter des kognitionswissenschaftlichen For-schungsprogramms35 war (vgl. Ziem 2008b: 92). Fillmores Grundidee der Frame-Theorie (vgl. Fillmore 1975) skizziert Ziem (2009a: 210) folgendermaßen: „Frames gelten als schematisierte Erfahrungen, die den Gebrauch sowie das Verstehen eines sprachlichen Ausdrucks motivieren. Sie bilden sich nicht nur abhängig von Erfahrungen heraus, mit neuen Erfahrungen verändern sie sich ebenso fortlaufend“. Außer als erkenntnisleitende Größe können Frames auch als Analysewerkzeug verstanden werden:

Einerseits gelten Frames als konzeptuelle Wissensstrukturen, die den Gebrauch sprachlicher Ausdrücke motivieren sowie das Verstehen sprachlicher Bedeutungen ermöglichen. Andererseits dienen Frames als Analyseinstrumente, um konzeptuelle Wissensstrukturen empirisch zu untersuchen. (Ziem 2008a: 441)

←37 | 38→

Somit kann man von einem doppelten Verständnis von Frames sprechen, was auch für die vorliegende Arbeit gilt.

In der deutschen Rezeption36 der Frame-Semantik etablierten sich der stark lexikologische Ansatz (vgl. den Operationalisierungsvorschlag von Konerding 1993), die korpusbasierte Analyse sprachlich-konzeptueller Strukturen (Fraas 1996, Lönneker 2003, Ziem 2008a)37 und der diskursbezogene Ansatz im Rahmen der semantischen Epistemologie (Busse 2012, Ziem 2008a).38 Obwohl es in Deutschland bis heute kein einheitliches Paradigma der Frame-Theorie gibt, besteht dennoch „ein unausgesprochener Konsens hinsichtlich der zugrunde liegenden semantiktheoretischen Voraussetzungen“, die folgendermaßen zusammengefasst werden können (Ziem 2009a: 212):

Das Postulat der Verstehensrelevanz: Die Semantische Analyse eines sprachlichen Ausdrucks umfasst dessen Hintergrundwissen, das das Verstehen des Ausdrucks ermöglicht;

Die Untrennbarkeit von Sprach- und Weltwissen;

Semantischer Holismus, der sich im Rahmen eines semantischen Mehr-Ebenen-Modells manifestiert;

Frames mit Doppelfunktion: als konventionalisiertes Hintergrundwissen und als empirisches Untersuchungsinstrument.

←38 | 39→

Ziem betont, dass Frames „gezielt zur Untersuchung gesellschaftlichen Wissens eingesetzt [werden] und […] in dieser Funktion einen festen Bestandteil des diskursanalytischen Werkzeugkastens“ bilden (ebd.: 211). In der vorliegenden Arbeit werden Frames gleichzeitig als diskursbildende Strukturen und als ein Werkzeuginstrument aufgefasst, mit dem sich Diskurse analysieren lassen (vgl. Ziem 2008b: 96).

Struktur von Frames

Im Hinblick auf das oben Formulierte lässt sich folgende Definition von Frames anführen:

Ein Frame / Wissensrahmen ist eine Struktur des Wissens, in der mit Bezug auf einen strukturellen Kern, der auch als „Gegenstand“ oder „Thema“ des Frames aufgefasst werden kann, eine bestimmte Konstellation von Wissenselementen gruppiert ist, die in dieser Perspektive […] als Frame-konstituierende Frame-Elemente fungieren. Diese Wissenselemente (oder Frame-Elemente) sind keine epistemisch mit konkreten Daten vollständig „gefüllte“ Größen, sondern fungieren als Anschlussstellen (Slots), denen in einer epistemischen Kontextualisierung […] des Frames konkrete […] Wissenselemente (sogenannte „Füllungen, „Werte“ oder Zuschreibungen) jeweils zugewiesen werden. (Busse 2012: 563; Hervorhebung im Original)

Damit verbunden ist ein weiterer Konsens in der Fachliteratur, der in der strukturellen Bestimmung von Frames besteht (Ziem 2014: 63f., Busse 2012: 564f.). Demzufolge haben sich drei Strukturkonstituenten etabliert, die aber in ihrer Bezeichnung die Konventionalität noch nicht erreicht haben.39 Aus diesem Grund gebe ich in Klammern alternativ verwendete Bezeichnungen an. In der empirischen Analyse werde ich die jeweils erstgenannten Termini gebrauchen:

Bedeutungsaspekte/Leerstellen (Slots, Attribute, Kategorien): Fragen, mit denen sich relevantes Wissen zu einem Referenzobjekt erschließen lässt (z.B. zum Ausdruck ‚Revolution‘ eine solche Frage wie „Wozu führt die Revolution?“) = Bedingungen des Auftretens konkreter Wissenselemente, Relationsbedingungen zwischen Wissenselementen;

Werte/Prädikationen (Instanzen, Füllwerte, Füllungen, fillers, Merkmale): Sprachliche Realisierungen eines Referenzobjekts, deren Spezifizierung durch Prädikationen erfolgt (z.B. der Ausdruck führt zur Hemmung der Landesentwicklung, der als Prädikat zum Referenzobjekt ‚Revolution‘ in dem Satz die Revolution führt zur Hemmung der Landesentwicklung erscheint) = erwartbare oder mögliche Instantiierungen der jeweiligen Leerstellen;

←39 | 40→

Standardwerte (default values): konventionalisierte, prototypische Wissenselemente.40

Die propositions- bzw. schematheoretische Struktur eines Frames lässt sich schließlich folgendermaßen darstellen:41

Referenz die Revolution = Frame die Revolution;

Prädikationspotenzial = Leerstellen wie Wozu führt eine Revolution?

Prädikation führt zur Hemmung der Landesentwicklung = Standard-/Wert führt zur Hemmung der Landesentwicklung.

Frames stellen das Potenzial der „Kontextualisierungsmöglichkeiten eines Konzepts“ dar (Ziem 2008b: 103; vgl. auch Fraas 1996: 27 und Busse 2012: 662). Die zentrale Aufgabe dabei ist es, eine Liste von Fragen zusammenzustellen, aus denen diese Kontextualisierungsmöglichkeiten erschlossen werden können und aus denen sich Frames zusammensetzen (vgl. Ziem 2008b: 103). Diese Frage hat Konerding (1993) zu lösen versucht, indem er aus dem Substantivbestand des Deutschen die sogenannten Matrixframes abgeleitet hat.42 Darunter werden Substantive verstanden, die aus Hyperonymreduktionen in Wörterbüchern abgeleitet werden und aus lexikologischer Sicht „den Status oberster Hyperonyme“ haben (Ziem 2008b: 103). Die entstandene Substantivtypologie sieht folgendermaßen aus (Konerding 1993: 178): (a) primäre Typen wie Gegenstand (subklassifiziert als natürliche Art und als Artefakt); Organismus; Person/Aktant; Ereignis; Handlung/Interaktion/Kommunikation; Institution/soziale Gruppe; (Teil der) Umgebung (des Menschen); (b) sekundäre Typen wie Teil/Stück (von); Gesamtheit/Bestand/Menge/Ganze (von); Zustand/Eigenschaft (von).

Weiterführend besteht Konerdings These darin, dass „sich die Leerstellen [von den jeweiligen] Matrixframes auf untergeordnete Frames (also auf Hyperonyme jener Ausdrücke, die jeweils einen Matrixframe aufrufen) vererben“ (Ziem 2008b: 103). Wenn also ‚Revolution‘ nach der durchgeführten Hyperonymreduktion dem Matrixframe ‚Ereignis‘ zugeordnet wird, vererbt dementsprechend ‚Revolution‘ alle Leerstellen des Matrixframes ‚Ereignis‘. Die Zahl aller einem Matrixframe zugeordneter Leerstellen liegt weit über 100 (vgl. Anhänge in Konerding 1993). Diese lassen sich wiederum in Prädikationsklassen ←40 | 41→unterteilen, so dass z.B. im Falle des Matrixframes ‚Ereignis‘ nur 19 Klassen übrigbleiben:

Prädikatoren zur Charakterisierung

– der Entstehungsumstände des Ereignisses, der Bedingungen, unter denen es auftritt;

– des übergeordneten Zusammenhanges, in dem das Ereignis fungiert, eine Rolle spielt;

– der Funktionen/Rollen, die das Ereignis in diesem übergeordneten Zusammenhang erfüllt/einnimmt;

– der wesentlichen Phasen, Teilereignisse/Zustände, die das Ereignis aufweist;

Biographische Angaben

Anna Michailowski (Autor:in)

Anna Michailowski studierte Slavistik und Anglistik/Amerikanistik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Dort wurde sie mit der vorliegenden Arbeit promoviert.

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Titel: Das Revolutionskonzept im postsowjetischen Kulturraum der ostslavischen Länder