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Theater im Fluchtkontext

Für ein widerspruchssensibles Re-Präsentieren in der Kulturellen Bildung

von Sofie Olbers (Autor:in)
Dissertation 282 Seiten

Zusammenfassung

(Selbst-) Re-Präsentieren ist im Theater im Fluchtkontext eine notwendige wie problematische Strategie. Mit einem postkolonialen Zugang untersucht die Autorin die diskursive Praxis von postdramatischen Theateraufführungen mit Geflüchteten. Die alltäglich essenzialisierenden Darstellungen geflüchteter Menschen findet sie auch hier, obwohl die Theateraufführungen Schlüsselthemen wie Humanismus, Grenze und Willkommenskultur in ihren Aporien offenlegen. Dabei werden theaterimmanente Re-Präsentationsverhältnisse riskiert und paradoxe Problemkonstellationen gespielt, wie Anwesenheit trotz Abwesenheit, ungleiche Rollenverhältnisse, Authentizität und Übersetzung. Die Autorin entwickelt einen sensiblen Blick für die Bearbeitung des Re-Präsentationsdilemmas Geflüchteter und zeigt perspektivisch auf, wie Widersprüche in der Kulturellen Bildung im Sinne eines playing the double bind neu gestaltet werden können.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Zusammenfassung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • 1 Re-Präsentationstheoretische Grundlagen
  • 1.1 Begriffsbestimmungen
  • 1.2 Repräsentation in der Theaterwissenschaft
  • 1.2.1 Performativität und Postdramatik
  • 1.2.2 Anspruch und Wirklichkeit des postdramatischen Theaters mit Geflüchteten
  • 1.3 Re-Präsentation in den Postcolonial Studies
  • 1.3.1 Stuart Hall: das Spektakel des Anderen
  • 1.3.2 Gayatri Spivak: das Verstummen der Subalternen
  • 2 Forschungsmethodologie und -methodik
  • 2.1 Postkoloniale Forschungsperspektive und -haltung
  • 2.2 Methodologische Grundlage: diskursive Praxis
  • 2.2.1 Re-Präsentieren als diskursive Praxis
  • 2.2.2 Theater als besonderer Ort des Re-Präsentierens
  • 2.3 Methodisches Verfahren: diskursive Praxisanalyse
  • 2.3.1 Aufführungsanalyse
  • 2.3.2 Diskursive Praxisanalyse
  • 2.3.3 Materialkorpus
  • 3 Theateraufführungen im Fluchtkontext
  • 3.1 Das Spektakel der Flüchtlinge als Humanitätsprüfung
  • 3.1.1 Das Re-Präsentationsspektakel
  • 3.1.2 Zuschauende aktivieren
  • 3.1.3 Sprechen als Flüchtling
  • 3.1.4 Resümee
  • 3.2 Die Stellvertretung der Grenzüberschreitung
  • 3.2.1 Stellvertretung versus Darstellung
  • 3.2.2 Alltagsexpert:innen als native informants?
  • 3.2.3 Geschichten hören und Konzert aufführen
  • 3.2.4 Resümee
  • 3.3 Flüchtlinge im Theater der Willkommenskultur
  • 3.3.1 Ungeprobtes Durcheinander
  • 3.3.2 Theaterschaffende als Brückenbauende
  • 3.3.3 Selbstporträt eines Balletttänzers
  • 3.3.4 Resümee
  • 4 Widersprüche spielen
  • 4.1 Re-Präsentationsparadox von Anwesenheit/Abwesenheit
  • 4.2 Machtasymmetrische Rollenverhältnisse
  • 4.3 Authentizität in der Selbst-Re-Präsentation
  • 4.4 Übersetzungspraktiken
  • 4.5 Widerspruchssensibles Re-Präsentieren
  • Schlussbemerkungen
  • Literaturverzeichnis
  • Appendix
  • Reihenübersicht

Einleitung

Während sich der Zuschauerraum füllt, steht im verdunkelten Bühnenraum ein junger Mann im Spotlight. Er trägt einen schillernden Anzug und singt in schiefen Tönen ein afghanisches Lied. Seine Haltung ist unsicher und seine Gesten sind dilettantisch, seine Bühnenpräsenz wirkt gleichgültig und eindringlich zugleich. Was meinen Sie, wird an diesem Abend auf der Bühne zu sehen sein?

Geflüchtete1 auf deutschen Bühnen sichtbar zu machen und damit einen wichtigen gesellschaftskritischen Beitrag zu leisten, das ist seit dem sog. langen Sommer der Migration im Jahr 20152 gefühlter Auftrag von zahlreichen Theaterhäusern und Theaterschaffenden. So häuften sich Theaterproduktionen mit geflüchteten Darstellenden. Um die angemessenen Darstellungsweisen der Fluchtthematik ist seither in der deutschen Theaterwelt eine hitzige Debatte über das Re-Präsentationsdebakel3 Geflüchteter im Theater entbrannt. Insbesondere aus der freien Performance-Szene werden massive Forderungen laut, den Geflüchteten einen selbstbestimmten Raum im Theater zu geben, insofern es nicht deutsche Schauspielende sein sollen, die Erlebnisberichte der Betroffenen spielen, sondern Betroffene zu Schauspielenden ihrer selbst werden und ihre Texte selbst schreiben. Es sollen Räume geschaffen werden, in denen Menschen mit eingeschränkten Rechten selbstbestimmt agieren. Unter den Vorzeichen der politischen Theaterarbeit wird dies gerade von dem postdramatischen ←11 | 12→und performativen Theater gefordert (vgl. Deuflhard 2016: 67; Steiner 2017: 191; Müller 2017: 40; Stadlober 2017: 139).

Solche neueren Formen des Theaters haben sich im Zuge der Fragen um Re-Präsentation und Zugehörigkeit entwickelt. Sie arbeiten mit sog. Laiendarstellenden bzw. Expert:innen des Alltags, die nicht von einem vorgefertigten deutschen Text ausgehen, sondern im semi-dokumentarischen Stil Texte selbst schreiben sowie Bilder und Szenen kollektiv erarbeiten (vgl. Interventionen 2015: 15). Diese Arbeiten positionieren sich weit entfernt von den Re-Präsentationsfallen der Staatsbühnen, aus denen die Produktionen aufgrund der institutionellen „Logiken der In- und Exklusion des deutschen Sprechtheaters“ (Voss 2017: 176) nicht einfach herauskommen. Die rein polemische oder ironische Ausstellung des Darstellungsproblems scheint das Re-Präsentationsdilemma nicht genügend zu bearbeiten, weshalb bei vielen Produktionen der Vorwurf im Raum steht, Betroffene zu instrumentalisieren. In der freien Szene wird hingegen versucht, die Künste in dem Sinne zu konzeptualisieren, dass sie nicht Repräsentation im mimetischen Sinne, sondern eine unmittelbar intendierte Erfahrung des Realen bietet. Manche wollen die Künste gar als Raum für politischen Aktivismus (Artivism4), performativen Protest und Intervention nutzen (vgl. Wahl 2015; Müller 2017: 40).

Dennoch bleibt die Frage bestehen, wie Geflüchtete re-präsentiert werden. Es kann in diesem Kontext schließlich nicht nicht re-präsentiert werden – so meine These, die ich in dieser Arbeit noch weiter ausdiskutieren werde. Und nicht nur das: es wird noch problematischer. Geflüchtete im Theater darzustellen, bedeutet, sie zu subalternisieren. Denn Re-Präsentation im Theater stellt aufgrund seiner Gefahren der Essenzialisierung ein unumgängliches Problem für Geflüchtete dar. Essenzialisierung von geflüchteten Menschen bedeutet, sie auf ihren Opferstatus und ihre vermeintliche Andersartigkeit zu reduzieren, mit dem für sie negativen Effekt handlungsunfähig gemacht und fremdbestimmt stereotypisiert zu werden. Re-Präsentation ist jedoch nicht alleiniges Vorgehen des sog. klassischen Repräsentationstheaters. Auch das postdramatische Theater ist davon betroffen, auch wenn es mit seinen Forderungen nach Selbst-Re-Präsentation und anderen Darstellungsweisen dieses Problem zu überwinden meint.

Um diese Problemstellung im Folgenden weiter zu erörtern, werde ich erstens die zugrunde liegende diskursive und institutionelle Strukturierung der ←12 | 13→Kulturpraxis hinsichtlich ihrer Gefahren der Instrumentalisierung und Essenzialisierung von Geflüchteten skizzieren; zweitens werde ich die in der Theaterszene kursierenden Lösungswege eines postdramatischen Theaters vorstellen; und drittens werde ich anhand eines ersten Einblicks in re-präsentationstheoretische Grundlagen kurz erläutern, warum Re-Präsentation und Essenzialisierung aporetische Grundzüge sind, weshalb die kursierenden Lösungswege einer postdramatischen Theaterpraxis zunächst einmal ausweglos erscheinen.

Problemaufriss

Heteronome Bedingungen für Geflüchtete aufgrund der diskursiven und institutionellen Strukturierung der Kulturpraxis

Das Re-Präsentationsdebakel im Theater mit Geflüchteten entsteht durch eine diskursive und institutionelle Strukturierung der Kulturarbeit, die sich benachteiligend auf Subjekte und Zielgruppen auswirkt, die mit dem Adjektiv geflüchtet gekennzeichnet werden. Es lässt sich feststellen, dass die gegenwärtige Theaterpraxis mit Geflüchteten in ein diskursives Setting eingebettet ist, das von gesellschaftlichen Machtstrukturen durchwoben ist. Dies spiegelt sich auch in den Inszenierungen und Aufführungen wider. Das Theater ist hochgradig in gesellschaftliche Diskurse um Zugehörigkeit, Identität und Ausgrenzung, Hilfe und Humanität verstrickt, weil es erstens das Prinzip der Öffentlichkeit als soziale Kunst lebt und zweitens gerade als politisch motiviertes Theater seiner Intention folgt, soziale und gesellschaftliche Diskurse auf der Bühne zu verhandeln.

Zu diesen Diskursen gehören allesamt Debatten, die die derzeitige Fluchtthematik durchkreuzen. Als kultureller und öffentlicher Ort der Gesellschaft agiert das Theater mit Geflüchteten bzw. im Fluchtkontext5 dementsprechend ←13 | 14→in einem diskursiven Umfeld, das sich auch in der laufenden kulturpolitischen Agenda von Leitkultur, Integration und kultureller Vielfalt (vgl. Fuchs 2016) wiederfinden lässt, wie im Forschungsstand noch weiter beschrieben wird. Entsprechend unterstützen die Förderstrukturen Kulturarbeit mit Geflüchteten, sofern sie einen Integrationsauftrag übernimmt. Dieser wird allerdings durch politisch-rechtliche Bedingungen strukturell verhindert, bspw. durch langwierige Asylverfahren, fehlende Bleiberechtspapiere oder den verweigerten Zugang zum Arbeitsmarkt. Kulturschaffende, die auf Fördergelder angewiesen sind, stellen sich notgedrungen in den Dienst der staatlichen Integrationspolitik, denn die Integration dieser Zielgruppe verschafft ihnen gleichzeitig Arbeit.

Studien zur positiven Wirkungsweise von Kultureller Bildung auf das Integrationsgeschehen sind bei Praktiker:innen gern gesehen. Die Instrumentalisierung Geflüchteter in der Kulturarbeit fährt dabei dreigleisig: erstens wird das Thema als gesellschaftlich relevanter und debattierter Stoff für Theaterstücke im Interesse der Kulturschaffenden und -institutionen für deren Ansehen und vollen Publikumsrängen instrumentalisiert; zweitens werden Geflüchtete als Laiendarstellende instrumentalisiert, indem ihnen fremdbestimmt die Rolle des vermeintlich authentischen Flüchtlings zugewiesen wird; drittens werden ihnen dabei, dem Förderzweck der kulturellen Integration entsprechend, nationale künstlerische und kulturelle Bezugspunkte ver- und übermittelt, die sie kulturell und sprachlich integrieren sollen (vgl. Castro Varela/Heinemann 2016: 61). Diese letzte Form der Instrumentalisierung findet über eine ideologische Infiltration der geflüchteten Menschen statt. Ihnen werden hegemoniale, westliche Vorstellungen von Weltanschauung vermittelt (Gayatri Spivak nennt dies auch worlding of the West as world6), die seit Langem seitens postkolonialer Theoretiker:innen unter dem Begriff epistemische Gewalt7 scharf kritisiert ←14 | 15→werden. Das Aufnahmeland Deutschland weist ihnen also eine einzige und ausschließliche Position zu, nämlich die des Flüchtlings.

Durch Othering8-Prozesse werden dieser Subjektposition bestimmte Bedeutungen, Bilder und Narrative, d.h. Re-Präsentationen, essenzialisierend zugeschrieben. Diese umweben in variabler Modalität die Vorstellung des Flüchtlings als Opfer, wobei diese „‚Viktimisierung‘ im Migrations- und Fluchtdiskurs eine machtvolle diskursive Struktur ist, deren Effekte für die Betroffenen höchst problematisch sind“ (Niedrig/Seukwa 2010: 182), weil die Ankommenden sich ausschließlich in dieser Subjektposition intelligibel machen können. Sie erkennen daher diese passive und beschädigte (Opfer-)Identität an, die vom vermeintlich Normalen abweicht. Die Problematik dieses diskursiven Settings entsteht hauptsächlich aus der meist unbeachteten ungleichen Machtstruktur, durch die einer vulnerablen Gruppe eine benachteiligte Subjektposition zugewiesen wird, die sie überhaupt erst als homogene Gruppe konstruiert. Diese Kulturpraxis hängt entsprechend mit Formen der Re-Präsentation des Anderen zusammen, also mit Fremdzuschreibung und Überbetonung bestimmter Merkmale, die Effekte der Viktimisierung und Subalternisierung nach sich ziehen.

Andere Re-Präsentationsweisen des postdramatischen Theaters und der Selbst-Re-Präsentation als mögliche Lösungswege

Deswegen versucht eine kritische, politische Theaterpraxis, auf zwei zusammenhängenden Ebenen einen Ausweg aus dieser Re-Präsentationsproblematik des Flüchtlings zu finden: erstens in der Re-Präsentationsweise (wie wird inszeniert/dargestellt?); zweitens in Bezug zur Re-Präsentationsmacht (wer spricht?). Der Forderung nach einer veränderten rhetorischen und ästhetischen Re-Präsentationsweise, also der Art und Weise der Darstellung von Geflüchteten, wird versucht, in einem gesellschaftskritischen und politischen Theater mit seinen postdramatischen und performancenahen Ansätzen gerecht zu werden. Diese vermeiden die Re-Präsentation und setzten stattdessen auf performative Qualitäten. So hat das über Migration und Flucht redende Theater in letzter Zeit eine kontroverse Debatte ins Rollen gebracht, „wie das Theater verändert werden muss, um der Veränderung der Gesellschaft Rechnung zu tragen“ (Deuflhard ←15 | 16→2014: 185). Gerade für dieses Theater wird insbesondere in der freien Szene nach Theatermodellen gesucht, die einen Paradigmenwechsel vollziehen können (vgl. ebd.: 186).

Biographische Angaben

Sofie Olbers (Autor:in)

Sofie Olbers studierte Ethnologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Sie promovierte in Erziehungswissenschaft und arbeitete langjährig bei dem Zentrum für transnationale Künste Hajusom in Hamburg mit Menschen mit und ohne Fluchterfahrung. Derzeit ist sie hauptamtliche Dozentin bei der Berufsakademie Lüneburg im Bereich der ästhetischen Bildung sowie Medien- und Theaterpädagogik in der Sozialen Arbeit.

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Titel: Theater im Fluchtkontext