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Die Medizinstudentinnen der Universität Erlangen in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus

von Dana Derichs (Autor:in)
©2022 Dissertation 352 Seiten

Zusammenfassung

Das Buch führt die Themen Medizin-, Universitäts- und Frauengeschichte mit lokalem Fokus auf die Erlanger Universität zusammen. Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg galt während des Nationalsozialismus als die »braunste« Universität Deutschlands, deren Studentenschaft sich schon 1929 als erste zu diesem bekannte. Vor dem Hintergrund einer vom Nationalsozialismus berauschten Studentenschaft werden die Entwicklung der Frauenbewegung, ihr Kampf gegen wiederkehrende Diskriminierung und ihre Forderungen für den Zugang zu Hochschulbildung und akademischen Berufen anhand vieler erstmals untersuchter Quellen und statistischem Material dokumentiert und die Verbindung von Medizin und Nationalsozialismus analysiert. Die beruflichen Werdegänge von Ärztinnen jener Zeit sowie die Schicksale jüdischer Studentinnen und Ärztinnen lassen die historische Darstellung anschaulich werden.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Danksagung
  • Inhalt
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Einleitung
  • „Daß nichts dem Weibe unweiblicher steht, als das anatomische oder chirurgische Messer“ – Die Entwicklung des Frauenstudiums in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
  • 1. Die ersten Studentinnen in Deutschland: Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung und des Frauenstudiums im Kaiserreich
  • 1.2 Das Bild der Frau und der Ärztin in der Weimarer Republik
  • 1.3 Das Bild der Frau und der Ärztin im Nationalsozialismus
  • 2 Das Medizinstudium in Erlangen 1918–1945
  • 2.1 Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – „die nationalsozialistischste Universität Deutschlands“
  • 2.2 Reformen des Medizinstudiums im Nationalsozialismus
  • 2.3 Lebens- und Studienverhältnisse der Erlanger Studentinnen
  • 3 Das Profil der Erlanger Medizinstudentinnen: Entwicklung ihrer Immatrikulationszahlen und Berufstätigkeit
  • 3.1 Immatrikulationszahlen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
  • 3.2 Die Herkunft der Erlanger Medizinstudentinnen
  • 3.2. Regionale Herkunft
  • 3.2.2 Soziale Herkunft
  • 3.2.3 Konfessionelle Herkunft
  • 3.3 Dissertationsthemen – Berufstätigkeit – Lebensläufe
  • 4 Die Medizinstudentinnen in nationalsozialistischen Organisationseinheiten und studentischer Dienstpflicht
  • 4.1 Verbände von Erlanger Studentinnen
  • 4.2 Die nationalsozialistischen Organisationsformen für Studentinnen
  • 4.2. Die Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen (ANSt)
  • 4.2.2 Hauptamt VI für Studentinnen
  • 4.3 Die Medizinische Fachschaft
  • 4.4 Nationalsozialistische Dienstpflicht
  • 4.4. Eingangsuntersuchungen
  • 4.4.2 Pflichtsport
  • 4.4.3 Krankenpflegedienst
  • 4.4.4 Politische Schulung
  • 4.4.5 Frauendienst
  • 4.4.6 NS-Volkswohlfahrt
  • 4.4.7 Arbeitsdienst
  • 4.4.8 Kriegshilfsdienst
  • 4.4.9 Reaktionen der Studentinnen auf die Dienstpflicht
  • 5 Schicksale jüdischer Medizinstudentinnen und Ärztinnen
  • Dokumente und Bilder
  • 6 Von „netten Hausmütterchen“ und „tapferen Kameradinnen“: Die Erlanger Medizinstudentinnen in der Wahrnehmung durch Kommilitonen und Öffentlichkeit
  • 7 Ein Exkurs in die Nachkriegszeit
  • Resümee und Diskussion
  • Literaturverzeichnis
  • Quellenverzeichnis
  • Abbildungsverzeichnis
  • Namensregister
  • Sachregister

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Einleitung

„Die Hochschule gehört nicht den Männern, sondern dem ganzen Volk. Zum Volk gehören die Frauen selbstverständlich genau so [sic!] wie die Männer. […] Die Erziehung der Frau zur Mutter schafft man nicht dadurch, daß man ihr jedes geistige Wissen verbauen will. Warum in geistigen Berufen die Frau ausgeschaltet sein sollte, ist völlig unerfindlich und gänzlich sinnwidrig. Die Konstruktion von der geistigen Minderwertigkeit der Frau ist eine ausgesprochen jüdische und antigermanische.“1

Im November 1933 druckte der Fränkische Kurier eine Kontroverse über die „Frauenfrage an den Universitäten“ ab, ausgetragen zwischen einem Erlanger Studentenführer und einer Erlanger Studentin. Den Worten des Studentenführers zufolge sei die Hochschule eine Welt der Männer, an der Frauen nur als „Gäste“ geduldet würden – vorausgesetzt, die Frauen strebten keine „Männerberufe“, sondern „Frauenberufe“ an, wie den der Kinderärztin oder der Lehrerin, denn andernfalls handele es sich um „geistiges Parasitentum der Frau“.2

Die obigen Worte sind die Antwort der Studentin. Sie zeigen: Die Erlanger Studentinnen waren bereit für ihre Stellung an der Universität zu kämpfen, sie teilten traditionelle Geschlechter- und Rollenvorstellungen, sie waren nationalsozialistisch und antisemitisch.

Die Auseinandersetzung beweist auch: 1933 war das Frauenstudium ein umstrittenes Thema – obwohl Frauen zu diesem Zeitpunkt schon seit 30 Jahren an bayerischen Universitäten studieren durften. Die Zulassung von Frauen zum Hochschulstudium im Jahr 1903 war jahrzehntelangen Bestrebungen emanzipierter Frauen zu verdanken – wenn Deutschland diesen Schritt auch erst als eines der letzten europäischen Länder ging. Doch die Debatten um das Frauenstudium, im Mittelpunkt immer das Frauenmedizinstudium, setzten sich noch über mehr als ein halbes Jahrhundert fort.

Heute sind knapp die Hälfte der Studierenden und mehr als 60 Prozent der Medizinstudierenden weiblich.3 An der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen beträgt der Frauenanteil an den Medizinstudierenden 63 Prozent.4

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In der Führungsebene von Krankenhäusern stellt sich die Lage indes ganz anders dar: Obwohl Frauen mehr als die Hälfte des assistenzärztlichen Personals stellen,5 bekleiden sie nur knapp mehr als 30 Prozent der oberärztlichen Stellen, in operativen und interventionellen Fachbereichen sogar noch weniger (20 Prozent in der Orthopädie, 16 Prozent in der Chirurgie).6 Führungskräfte an Universitätskliniken, wozu Chefärztinnen, Lehrstuhlinhaberinnen und Institutsleiterinnen zählen, waren im Jahr 2016 sogar nur zu zehn Prozent weiblich. In den letzten drei Jahren sind diese Zahlen geringfügig auf 13 Prozent gestiegen. Die bayerischen Universitäten liegen sogar noch unter dem Durchschnitt: An den Universitätskliniken Erlangen und Regensburg sind 11 Prozent der Führungskräfte Frauen, in München sind es 14 (Technische Universität) bzw. 12 Prozent (LMU); das Schlusslicht bildet die Universitätsklinik Würzburg, in der es keine Frau in höherer Führungsposition gibt. Wenn sich der Trend mit dieser Geschwindigkeit fortsetzt, würde es noch 32 Jahre dauern, bis Führungsposten an Universitätskliniken auf Frauen und Männer ausgewogen verteilt sind.7

Wie Geschlechterbilder und politische und wirtschaftliche Faktoren Einfluss auf die Entwicklung des Frauenmedizinstudiums in Erlangen zwischen 1918 und 1945 nahmen, ist eine der zentralen Fragestellungen dieser Arbeit.8

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„Die Studentinnen der Medizinischen Fakultät Erlangen in der Weimarer Republik und im ‚Dritten Reich‘“ ist ein Thema, das Medizin-, Universitäts- und Frauengeschichte zusammenbringt. Es umfasst die Geschichte der modernen Medizin gleichwohl wie die Geschichte einer Universität, die im „Dritten Reich“ als „braunste“ Universität Deutschlands bekannt war, deren Studentenschaft sich schon 1929 als erste geschlossen zum Nationalsozialismus bekannte und an deren Medizinischer Fakultät Wissenschaftler tätig waren, die sich in den Gebieten der „Rassenkunde“ und der Eugenik hervortaten. Das Thema greift auch die Geschichte der Frauenbewegung, insbesondere der Frauenbildungsbewegung auf. Die Forderung nach Zugang von Frauen zu Schul- und Hochschulbildung und zu akademischen Berufen war in Deutschland im Gegensatz zu Großbritannien, wo der Kampf um das Frauenwahlrecht im Fokus der Frauenbewegung stand, das zentrale Anliegen der Emanzipationsbestrebungen.

Forschungsstand

Über die Geschichte der Frauenbewegung und über Studentinnen und Ärztinnen im deutschen Kaiserreich, in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus gibt es inzwischen reichlich Literatur.

Eine erste Auseinandersetzung mit dem Thema bot Michael Kater 1972 mit einen knapp 50-seitigen orientierenden Beitrag.9 In den 70er- und 80er-Jahren folgten einige Publikationen, die sich bereits kritischer mit dem Thema auseinandersetzten, darunter die von Kristine von Soden und Gaby Zipfel10, von Jil Stephenson über „Women in Nazi society“ mit dem 14-seitigen Unterkapitel „Nazi Policy towards Girl Students“11 und zwei Arbeiten von Irmgard ←17 | 18→Weyrather, derer sich eine der Lage der Studentinnen in der Weimarer Republik,12 die andere im Nationalsozialismus widmet.13 Letztere gab wie die Arbeit von Stephenson bereits eine recht genaue Darstellung über die Zulassungsbeschränkungen, die Organisation der Studentinnen in der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen (ANSt) und deren Aktivitäten. 1984 wurden diese ersten Veröffentlichungen um die von Jacques Pauwels mit dem Titel „Women, Nazis and Universities“14 erweitert, die unter Betreuung Michael Katers entstand und in der die Misogynie des Nationalsozialismus an vielen Stellen deutlich gemacht wird.

Die soziopolitischen Hintergründe von Studentinnen und Akademikerinnen stellte Claudia Huerkamp in ihrem häufig zitierten Werk „Bildungsbürgerinnen – Frauen im Studium und in akademischen Berufen 1900–1945“15 dar. Mit den Studentinnen und Akademikerinnen in der Weimarer Republik setzte sich auch Britta Lohschelder 1994 auseinander.16 In den 90er Jahren folgten einige weitere wichtige Publikationen: Während Brigitte Steffen-Korflür eine detaillierte Arbeit über die Lage der Studentinnen an den deutschen Universitäten ←18 | 19→im „Dritten Reich“ schuf,17 trug Haide Manns mit einem fundierten Werk über die Wirkung des Nationalsozialismus auf Studentinnen und Akademikerinnen unter Berücksichtigung sozialer, pädagogischer und psychologischer Aspekte zum Forschungsstand bei.18 Von Lothar Mertens erschien eine an Systematik, Tabellen und Diagrammen reiche Analyse über die Entwicklung des Frauenstudiums in Deutschland im sozialhistorischen und bildungssoziologischen Kontext unter diversen Analysepunkten (Studienfächer, Universitäten, soziale und konfessionelle Herkunft, Alter und Vorbildung der Studentinnen etc.).19 Gitta Benker und Senta Störmer veröffentlichten kurz zuvor eine Untersuchung über die Studentinnen in der Weimarer Republik am Beispiel der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin (die so zahlreich waren, dass sie als repräsentativ angenommen werden konnten).20 1999 schrieb Susanne Watzke-Otte ein umfangreiches Werk über den weiblichen Arbeitsdienst, der aus welcher Perspektive man sich den Studentinnen im „Dritten Reich“ auch nähert, eine große Rolle spielt.21 Eine gute Analyse über nationalsozialistische Weiblichkeitsimagination und Widersprüche in derselben schuf Leonie Wagner 2010.22 Eine der ←19 | 20→jüngsten Veröffentlichungen über die Geschichte des Frauenstudiums ist die in der Schweiz von Marcel Bickel erschienene Arbeit über die Anfänge des Frauenstudiums im europäischen und internationalen Vergleich.23

1994 veröffentlichte Eva Brinkschulte am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Charité Berlin die erste Auflage des auf einer Ausstellung basierenden Bandes „Weibliche Ärzte – Die Durchsetzung des Berufsbildes in Deutschland“24, in der es den Beitragenden gelang, vor dem historischen Hintergrund der jeweiligen Epoche Lebenswege von Ärztinnen zwischen der Jahrhundertwende und dem „Dritten Reich“ zu skizzieren. In Kooperation mit dieser Dokumentation und mit Johanna Bleker, auf die das Kapitel über Ärztinnen im Nationalsozialismus zurückgeht,25 veröffentlichte Anja Burchardt, die das Kapitel über die „Durchsetzung des medizinischen Frauenstudiums in Deutschland“26 in seiner Anfangszeit schrieb, zudem am Institut für Geschichte der Freien Universität Berlin eine Dissertationsschrift über die ersten Medizinstudentinnen in Berlin.27 Mit dem Projekt „Weibliche Ärzte – Die Durchsetzung des Berufsbildes in Deutschland“ ist die inzwischen umfassende Online-Datenbank „Ärztinnen im Kaiserreich“ verbunden, die ein Pionier- und biographisches Nachschlagewerk der besonderen Art ist. Sie umfasst inzwischen auch Lebensläufe von Ärztinnen in der Weimarer Republik und wird konstant erweitert.28 Einzige Einschränkung ist, dass sich Brinkschultes Dokumentation vorwiegend auf die Darstellung von Ärztinnen im „Dritten Reich“ im Gebiet ←20 | 21→der alten Bundesländer bezieht; eine Lücke, die Viola Schubert-Lehnhardt mit Blick auf das Gebiet der neuen Bundesländer ergänzte.29

Schubert-Lehnhardts Erarbeitung erschien im Sammelband „Nationalsozialismus und Geschlecht“ von Elke Frietsch und Christina Herkommer von 2009, in dem die Autorinnen die Geschichte von Frauen im Nationalsozialismus genauso kritisch wie die bisherige Geschichtswissenschaft aufarbeiten. Die Autorinnen setzen sich mit der Problematik auseinander, dass die bisherige Nationalsozialismusforschung die Geschichte der Frauen weitestgehend vernachlässigte. Oft seien Frauen dichotom als „Täterinnen“ oder „Opfer“, ihre individuellen Handlungsspielräume aber nicht suffizient dargestellt worden. So habe die Forschung bislang nur weibliche Individualschicksale und stereotype Bilder von Frauen präsentiert, wie das von Funktionärinnen, z.B. KZ-Aufseherinnen und KZ-Ärztinnen (Beispiel Herta Oberheuser), von Ehefrauen und „Geliebten“ von Parteigrößen oder von einzelnen Widerstandskämpferinnen (Beispiel Sophie Scholl). Die Handlungsspielräume von Frauen waren indes viel komplexer, wenn ihre Positionen im Schnitt auch weniger exponiert waren als die von Männern und daher in der Geschichtswissenschaft weniger Aufmerksamkeit fanden.30

Dieser Problematik widmet sich auch die Historikerin Gisela Bock in mehreren Publikationen. In dem Sammelband „Zwischen Karriere und Verfolgung – Handlungsräume von Frauen im nationalsozialistischen Deutschland“ widmet sie ihren Beitrag unter dem provokanten Titel „Ganz normale Frauen – Täter, Opfer, Mitläufer und Zuschauer im Nationalsozialismus“ den Handlungsspielräumen von Frauen im Nationalsozialismus, die allzu häufig mehreren dieser Kategorien angehörten.31

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Innerhalb der Forschung zum Frauenstudium erschienen inzwischen einige Arbeiten mit Fokus auf den bayerischen Universitäten. Einen ersten großen Meilenstein setzten Häntzschel und Bußmann 1997 mit dem Sammelwerk „Bedrohlich gescheit – Ein Jahrhundert Frauen und Wissenschaft in Bayern“32, unter anderem mit einem als Vergleich gestalteten Kapitel von Gisela Kaiser über das Frauenstudium in München, Würzburg und Erlangen.33 Bußmann hatte vier Jahre zuvor die Begleitung zur Ausstellung „90 Jahre Frauenstudium in Bayern am Beispiel der Universität München“34 gestaltet. Als Pendant für die Universität Erlangen veröffentlichte Silvia Mergenthal 1996 ein Sonderteil für die Universität Erlangen mit gesammeltem Bildmaterial und einem großen Kapitel von Gertraud Lehmann, das diese in der gleichen Form für eine Ausstellung über die Geschichte der Friedrich-Alexander-Universität im Stadtmuseum Erlangen zwei Jahre zuvor verfasst hatte.35 Über die Studentinnen der Universität München zwischen 1926 und 1945 veröffentlichte Petra Umlauf ←22 | 23→unlängst eine in Umfang, Gründlichkeit und kritischer Analyse herausragende Arbeit.36 Untersuchungen diesen Umfangs existieren über die Erlanger Studentinnen in dem genannten Zeitraum bislang nicht, lediglich sondierende und einführende Arbeiten, wie die genannten von Lehmann und Mergenthal und eine von Andrea Abele-Brehm.37

Aus der Auflistung wird ersichtlich, dass fachspezifische Untersuchungen über Studentinnen noch ein weitestgehend unerforschtes Feld sind. Eine auf die Münchener Medizinstudentinnen fokussierte Untersuchung erhob 2003 Monika Ebert, Frauenbeauftragte der Universität München, die auch an der Ausstellung „90 Jahre Frauenstudium in Bayern am Beispiel der Universität München 1993“ mitgearbeitet hatte.38 Ihre Arbeit führt vorwiegend Einzelschicksale auf und birgt nicht das Volumen und die Systematik Umlaufs. Auch Erhebungen über die Studentinnen anderer Universitäten – Tübingen39, Münster40, Jena41, um nur einige zu nennen – sind nicht studienfachspezifisch. Dabei verheißt gerade der Blick auf Medizinstudentinnen spannende Fragestellungen, wenn man nur die Bedeutung der Medizin in Nationalsozialismus berücksichtigt. Lokalstudien über Medizinstudentinnen sind bislang selten. Die Arbeiten von Ebert (München), Burchardt (Berlin) und Schopka-Brasch sind bisher ←23 | 24→Ausnahmen. Letztere verwendete unter anderem selbst geführte Interviews mit ehemaligen Studentinnen und Ärztinnen für ihre interessante, vergleichende Arbeit über die Studentinnen in Deutschland (Hamburg) und Norwegen (Oslo) in der Zeit zwischen den Weltkriegen mit einem Schwerpunkt auf Medizinstudentinnen und Ärztinnen.42

Dagegen erschienen in den letzten zwanzig Jahren viele Lokalstudien über die Geschichte der Universitäten und der Medizinischen Fakultäten im Nationalsozialismus, die teilweise die Zeit der Weimarer Republik mitumfassen: Zum Beispiel 1997 über die Medizinische Akademie Düsseldorf im Nationalsozialismus,43 2003 über die Medizinische Fakultät und die Universitätsklinik Freiburg44 und 2007 über die Medizinische Fakultät Gießen45, jeweils mit eigenen Kapiteln über die Studierenden.46 Auch in den umfassenden Werken zu den Medizinischen Fakultäten Bonn47 und Hamburg48, von denen gerade van den ←24 | 25→Bussches Analyse über die Studierenden der Hamburger Universitätsmedizin besonders fundiert ist, verfügen jeweils über ein Kapitel über die Studierenden ihrer Universitäten im „Dritten Reich“. Den Studierenden der Universität Marburg widmet sich sogar ausschließlich ein 2002 erschienenes, 500-seitiges Werk – wenn die Marburger Studentinnen darin auch nur auf vier Seiten Erwähnung finden, was der Autor Holger Zinn damit erklärt, dass die Quellenlage über die Studentinnen äußert dürftig sei, und diese ein „Schattendasein“ gefristet hätten.49 Doch auch in den anderen aufgezählten Arbeiten werden die Studentinnen wenig thematisiert, am ausführlichsten noch in van den Bussches Arbeit über Hamburg auf zehn Seiten.50

Über die Studenten an den deutschen Universitäten in der Weimarer Zeit und im Nationalsozialismus sind die ersten spezifisch diesem Thema gewidmeten Arbeiten Anfang der Siebzigerjahre erschienen. Die ersten größeren Werke stammten von Anselm Faust51 und Jürgen Schwarz52; zwanzig Jahre später erschien über die Studenten im „Dritten Reich“ eines von Michael Grüttner53. Die Studentinnen werden in diesen Arbeiten kaum behandelt: Schwarz thematisiert die Studentinnen bewusst nicht, da sie numerisch zu gering gewesen seien,54 Faust erwähnt sie nur in einem Einzelfall55 und Grüttner fasst das „Frauenstudium“ auf knapp zehn Seiten zusammen.56 Zur gleichen Zeit veröffentlichte Manfred Franze die erste Arbeit über die Erlanger Studentenschaft.57 Wie Faust und Schwarz konzentriert er sich auf die studentischen Organisationseinheiten, interne Strukturen, Personalien und das studentische Selbstbild, ←25 | 26→lässt aber wie viele der ältesten Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus eine kritische Einordnung mit den historischen Kofaktoren vermissen. Nichtsdestotrotz findet Franze nicht nur lokal in den Erlanger Forschungen, sondern auch überregional nach wie vor als Referenzwerk Beachtung.58

Seither wurde über die Geschichte der Universität Erlangen und der Medizinischen Fakultät viel geforscht. Anlässlich des 250-jährigen Bestehens der Universität erschien unter Henning Kößler 1993 ein umfassender Sammelband über die Geschichte der Friedrich-Alexander-Universität,59 darin ein Kapitel von Renate Wittern über die Medizinische Fakultät.60 Über die Geschichte des Universitätsklinikums Erlangen und der Medizinischen Fakultät erschienen unlängst zwei Sammelbände anlässlich des 200- bzw. 275-jährigen Jubiläums.61

Im Sammelband über das 200-jährige Bestehen des Erlanger Universitätsklinikums finden sich unter anderem detaillierte Kapitel über die völkische Studentenbewegung,62 über die Mediziner, die medizinische Wissenschaft und die Medizinverbrechen im Nationalsozialismus63 und die Entwicklung ←26 | 27→nach 1945.64 Der Sammelband, der anlässlich des 275-jährigen Jubiläums der Medizinischen Fakultät erschien, enthält ebenfalls Kapitel über die Geschichte der Medizinischen Fakultät zwischen 1914 und 1945,65 den Umbrüchen und Entwicklungen nach 194566 sowie ein Kapitel über die Anfänge des Frauenmedizinstudiums an der Erlanger Universität, das der vorliegenden Arbeit vorausging.67

Fragestellung

In der Fragestellung dieser Arbeit kommen geschlechts-, fach- und ortsspezifische Komponenten zusammen, die in dieser Konstellation bislang nicht untersucht wurden.

Folgende Fragen sind von besonderem Interesse:

Wie entwickelte sich das Frauenmedizinstudium in Erlangen seit der Zulassung von Frauen zu bayerischen Hochschulen im Jahr 1903? Welche Faktoren können identifiziert werden, die auf die Immatrikulationszahlen Einfluss nahmen?

Wie reagierten die männlichen Kommilitonen und die Hochschullehrkräfte auf die Medizinstudentinnen? Wie wurde das Frauenmedizinstudium in der Öffentlichkeit bewertet?

Diese Fragestellung findet vor allem durch die Berichterstattung in den lokalen Tageszeitungen Antwort und verdient ein eigenes Kapitel. Besonders hilfreich war hier die von Herrn Professor Dr. Andreas Frewer, Professur für Ethik der Medizin, Erlangen, freundlicherweise zur Verfügung gestellte Archivmaterialsammlung, die zahlreiche Zeitungsausschnitte über die Erlanger ←27 | 28→Studierenden in der NS-Zeit enthält.68 Dies hat die Recherche in den lokalen Periodika erheblich erleichtert. Darüber hinaus konnten lokale Zeitungen in der Universitätsbibliothek Erlangen und im Erlanger Stadtarchiv (StadtAE) gesichtet werden, vorwiegend das Erlanger Tagblatt und die Erlanger Neueste Nachrichten. Aber auch überregionale Periodika wurden berücksichtigt und neben den genannten Stellen auch im Bayerischen Hauptstaatsarchiv (BayHStA) und im Universitätsarchiv München (UAM) eingesehen.

Welche Lebens-, Studien- und Berufsbedingungen trafen die Medizinerinnen an? Hierfür werden Lebensläufe und Karrierewege einzelner Erlanger Medizinstudentinnen und Ärztinnen dargestellt. Welche Möglichkeiten und Probleme stellten sich ihnen an der Hochschule, welche Berufsmöglichkeiten boten sich ihnen als Ärztinnen an Kliniken, in der Niederlassung und im öffentlichen Dienst?

Fanden sich Studentinnen vor dem Kontext der bewegten Weimarer Jahre zu Interessensvertretungen oder politischen Vereinigungen zusammen? Für diese Frage erwiesen sich die Bestände des StadtAE und des Universitätsarchivs Erlangen (UAE) als aufschlussreich.

Wie wirkte sich die frauenfeindliche NS-Ideologie auf das Frauenmedizinstudium aus? Welche Formen von nationalsozialistischer „Auslese“ gab es? Über gesetzliche „Begrenzungen des Hochschulzuganges“ gab neben dem UAE auch das BayHStA Aufschluss.

Wie reagierten die Medizinstudentinnen auf den Nationalsozialismus? Unterstützen sie ihn, lehnten sie ihn ab oder reagierten sie ambivalent?

Welche Rolle spielten die Medizinstudentinnen innerhalb der nationalsozialistischen Studentenschaft Erlangens? Welche Organisationsbünde für Studentinnen gab es und in welcher Gestalt wurden nationalsozialistische (Medizin)studentinnen aktiv?

Inwieweit machte sich das NS-Regime die Medizinstudentinnen zu Nutze? Welche Bedingungen mussten sie erfüllen, um an der nationalsozialistisch kontrollierten Universität bleiben zu können? Hierbei kommen die zahlreichen Dienste und Pflichten zur Darstellung mit Schwerpunkt darauf, inwieweit sich diese von denen der männlichen Studierenden unterschieden. Dazu erwiesen sich besonders die Bestände des StadtAE und die Akten der Reichsstudentenführung im Bundesarchiv in Berlin (BArch) als nützlich.

Welches Schicksal erfuhren jüdische und „oppositionelle“, nicht NS-konforme Studentinnen? Ein eigenes Kapitel widmet sich dem Schicksal ←28 | 29→jüdischer Medizinstudentinnen und Ärztinnen und dem an der Medizinischen Fakultät grassierenden Antisemitismus. Die Bezeichnung „jüdisch“ entsprach im modernen Antisemitismus und nationalsozialistischen „Rassenantisemitismus“ – und damit anders als im christlichen Antijudaismus – nicht der Konfessionszugehörigkeit, sondern der Vorstellung von einer jüdischen „Rasse“. Dieser zufolge galten Personen auch dann als jüdisch, wenn sie ihren jüdischen Glauben abgelegt hatten oder jüdische Verwandte ersten oder zweiten Grades hatten. Unabhängig von Konfession und Staatsangehörigkeit konnte in der NS-Ideologie niemand, der „jüdisch“ war, zugleich „deutsch“ sein.

An dieser Stelle wird deutlich, warum es wichtig war, die Zeit der Weimarer Republik in den untersuchten Zeitraum miteinzuschließen. Da der jüdische Bevölkerungsanteil in Erlangen Anfang des 20. Jahrhunderts mit nur einem Prozent sehr gering war, und ab 1933 „Volljuden“ im Sinne des Gesetzeswortlauts in Deutschland nicht mehr studieren konnten (für „jüdische Mischlinge“ gab es noch Sonderregelungen, die es ihnen in Ausnahmefällen erlaubten, weiter zu studieren), gab es in Erlangen ab dem Sommersemester (SoSe) 1933 keine jüdische Medizinstudentin mehr. Umso wichtiger ist es deshalb zu untersuchen, wie sich das Studium von jüdischen Medizinstudentinnen in der Weimarer Zeit entwickelte.

Gliederung und Quellenlage

Die Arbeit ist insgesamt in sechs Kapiteln konzipiert. Die ersten beiden Hauptkapitel vermitteln den historischen Hintergrund: Das erste Kapitel stellt eine Zusammenfassung der Geschichte der Frauenbildungsbewegung dar. Das zweite Kapitel umfasst die spezifische Darstellung der Erlanger Universität, der Medizinischen Fakultät und der organisierten Studentenschaft. In diesem wird auch erläutert, welchen Einfluss die nationalsozialistische Ideologie auf die medizinische Lehre hatte und welchen Veränderungen das medizinische Curriculum im „Dritten Reich“ unterzogen wurde. Anders als die darauffolgenden Kapitel basieren die Informationen der ersten beiden Kapitel vorwiegend, aber nicht ausschließlich auf Sekundärliteratur; sie geben folglich den aktuellen Forschungsstand wieder.

Details

Seiten
352
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783631864012
ISBN (ePUB)
9783631864029
ISBN (Hardcover)
9783631860809
DOI
10.3726/b18811
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (Januar)
Schlagworte
Frauenbildung Drittes Reich Frauenbewegung Medizinstudium Ärztinnen Medizinische Fakultät Medizin Frauenstudium
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2022. 352 S., 15 s/w Abb.

Biographische Angaben

Dana Derichs (Autor:in)

Dana Derichs studierte Medizin an der Universität Erlangen-Nürnberg. Ihre Promotionsarbeit erstellte sie parallel zu ihrer Tätigkeit als Ärztin in der Kardiologie.

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