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Pragmatik des literarischen Textes

Grundlegung der Textinterpretation 3

von Stefan Schenk-Haupt (Autor:in)
©2026 Monographie 424 Seiten

Zusammenfassung

Die Studie vertieft die literarische Hermeneutik, indem sie den Fokus auf die Intention des Autors und auf den Horizont des Lesers richtet. Der pragmatische Ansatz führt darin das Bemühen um Verstehen fort und zeigt die Dynamik des Interpretierens auf. Als methodische Grundlage dient die Sprechakttheorie John L. Austins, denn die Pole ‚Autor – Text – Leser‘ bilden in Form des Sprechakts die Grundlage der literarischen Kommunikation. Die Interpretationsteile gehen der Aussagestruktur der Texte, den Sprechabsichten ihrer jeweiligen Autoren und Autorinnen sowie den Horizonten des Lesers nach. Damit setzt sich die Pragmatik als hermeneutisches Modell von gängigen Rezeptionstheorien ab.
Interpretiert werden zum einen eine Auswahl von Texten über den Holocaust und zum anderen literarische Darstellungen zwischenmenschlicher Liebe. Abgeschlossen wird die Studie mit einer Erörterung der ästhetischen Wahrheit. Der vorliegende Band bildet den dritten und letzten Teil der Grundlegung der Textinterpretation.

Inhaltsverzeichnis

  • Abdeckung
  • Titelblatt
  • Copyright-Seite
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Siglen und Diakritika
  • Teil I Einleitung: Was ist literarische Pragmatik?
  • 1. Vorbetrachtungen
  • 2. Untersuchungsvorhaben und Aufbau der Studie
  • 3. Pragmatik und literarische Pragmatik
  • 3.1 Klärung des Begriffs Pragmatik
  • 3.2 Austins Theorie der Sprechakte
  • 3.3 Literarische Sprechakte
  • 3.4 Zum Forschungsstand der literarischen Pragmatik
  • 3.5 Leserhermeneutik versus Rezeptionstheorie
  • Teil II Literarische Darstellungen des Holocaust
  • 1. Paul Celans Todesfuge: Aussagestruktur versus Textevaluation
  • 1.1 Fakten und ihre Kolportage – der Lemberger Todestango
  • 1.2 Zwist über Rhetorik und Poetik: Celan und die X-Beliebigkeit der Genitivmetapher
  • 1.3 Streit um die Ästhetik: Unmenschlichkeit beschreiben
  • 2. Jean-François Steiners Treblinka
  • 2.1. Rekonstruktion der Geschichte des Vernichtungslagers Treblinka
  • 2.1.1 Zur Forschungssituation
  • 2.1.2 Massenmord und Aufstand in Treblinka
  • Deportation
  • Ankunft im Lager
  • Der Vorgang der Vernichtung
  • Unterhaltung im Lager
  • Die Täter
  • Besondere Ereignisse
  • Der Aufstand in Treblinka
  • 2.2 Jean-François Steiners Tatsachenroman Treblinka
  • 2.2.1 Die Kontroversen um Steiners Buch
  • 2.2.2 Zwischen Passivität und Widerstand: Das Problem der Grauzone
  • 3. Paul Celan: Engführung
  • 3.1 Von der Todesfuge zur Engführung
  • 3.2 Engführung – Heimkehr zu den Toten
  • 3.3 Engführung – Der Gesang des Steins
  • 4. Der nukleare Holocaust
  • 4.1 Die Zerstörung Hiroshimas durch Little Boy
  • 4.2 Ōta Yōko: Ein Licht wie auf dem Meeresgrund und City of Corpses
  • 5. Zusammenfassung
  • Teil III Autorfunktion und Leserfunktion als Interpretationsgrößen
  • 1. Zum Stand der Debatte um den Autor als Größe des Textes
  • 2. Typologie der Autorintention
  • 3. Leserhorizonte
  • Teil IV Literarische Darstellungen der zwischenmenschlichen Liebe
  • 1. Vorüberlegungen zu Liebesdarstellungen
  • 1.1 Liebe: Annäherungen an ein komplexes Phänomen
  • 1.2 Typologie des Begriffs „Liebe“
  • 2. Geschichten von der Liebe
  • 2.1 William Shakespeares Sonette und die Politik des Liebens
  • 2.2 Liebe als Zersetzung der sozialen Strukturen in Shakespeares Romeo and Juliet
  • 2.3 Radikale Egalität. Zu den Schreibweisen von Religion und Gewalt in Jane Eyre
  • 2.4 Liebe und die Fetischisierung der Kindfrau: Nabokovs Lolita und die Folgen
  • 2.4.1 Die Darstellung der Liebesthematik bei Nabokov
  • 2.4.2 Der „Lolitakomplex“ und die Verführungstheorie Sigmund Freuds
  • 2.5 Liebe und Zerstörung in Ingeborg Bachmanns Malina
  • 3. Zusammenfassung
  • Teil V Die Wahrheit der Dichtung
  • 1. Zur Struktur der Kategorie Wahrheit
  • 2. Ästhetische Wahrheit
  • 3. Wahrscheinlichkeit: Verisimilitudo und Realismus
  • 4. Schlußfolgerungen: Die Wahrheit der Literatur
  • Teil VI Schlußteil
  • 1. Zusammenfassung der pragmatischen Herangehensweise
  • 2. Einbindung der Pragmatik in die Grundlegung
  • 3. Zur Funktion des Literarischen und der Kunst allgemein
  • Literaturverzeichnis
  • Primärliteratur und Primärmedien
  • Sekundärliteratur und Sekundärmedien

Vorwort

Die Pragmatik des literarischen Textes bildet den Abschluß der Grundlegung der Textinterpretation. Im Gegensatz zur Erarbeitung einer hermeneutischen Methodenlehre (Schenk-Haupt, 2024a) steht hier die kritische Prüfung der Interpretationsverfahren im Vordergrund. Deshalb wird die Interaktion von Autor und Leser mittels des literarischen Textes eigens theoretisch aufgearbeitet und anhand von Beispielen erprobt. In diesem Fall machen die Interpretationen das Gros des Beitrags aus. Die Betrachtungen schließen auch an die Fiktionalitätsstudie (Schenk-Haupt, 2025) an. Die Ausführungen zu Treblinka von Jean-François Steiner waren ursprünglich als Teil des dortigen Interpretationsabschnitts geplant. Der vorliegende Band konnte vergleichsweise zügig zwischen August 2024 und Juli 2025 ausgearbeitet werden.

Mit den Abschnitten zum Mimesisbegriff (Band 2, II.2) und zum Konzept einer ästhetischen Wahrheit (vorliegender Band) schließe ich Gedanken ab, die ich mir ursprünglich 2002 bezüglich eines alternativen Themas zur Promotionsarbeit über Beckett gemacht habe. Damit schließt sich für mich der Bogen einer über zwanzigjährigen Arbeit. Es ist daran gedacht, die Grundlegung der Textinterpretation in einer unabhängigen Publikation zu erproben: William Shakespeare – Canon Revision and the Return to Interpretation.

Ein letztes Mal möchte ich die Gelegenheit nutzen, um mich zu bedanken bei allen, die mir so geduldig Beistand geleistet haben. Hervorheben möchte ich meine strengsten Kritiker und guten Freunde Markus Robert Ponto und Ilja Stephan. Ihnen ist das vorliegende Buch gewidmet. Ich danke Peter Hühn, Johann N. Schmidt, Viola Winter, Michael Hanke, André Schwarck, Michael Rücker, Wanda Mohandas sowie Juliane Eckhardt, Rüdiger Hillgärtner und Claudia Vorst. Unter ihnen sind auch meine Korrekturleser, die mich auf meine Fehler aufmerksam gemacht und den Text fortlaufend mit Anregungen verbessert haben. Weiters danke ich meiner Frau Ingrid Schenk und meinen Kindern, Jakob, Esra, Amos, Hannah, Johann und Isaak Schenk.

Siglen und Diakritika

CP Peirce, Charles S. 1931-35/1958. Collected Papers. 8 Bde. Hg. von Charles Hartsthorne und Paul Weiss (Bde. 1-6) sowie Arthur Burks (Bde. 7-8). Cambridge/Mass. (Wird zitiert nach Band und Abschnitt, nicht nach Seitenzahlen.)

GdT 1 Schenk-Haupt, Stefan. 2024. Literarische Hermeneutik. Grundlegung der Textinterpretation 1. Berlin [u.a.].

GdT 2 Schenk-Haupt, Stefan. 2025. Fiktionalität und literarische Fiktion. Grundlegung der Textinterpretation 2. Berlin [u.a.].

King James Bible The Bible. Authorized King James Version. With Apocrypha. Hg. von Robert Carroll und Stephen Prickett. Oxford, New York, 1997.

Metzler2 Schweikle, Irmgard und Günther. (Hgg.) 1990. Metzler Literatur-Lexikon. Begriffe und Definitionen. Stuttgart.

Metzler3 Burdorf, Dieter / Fasbender, Christoph / Moennighoff, Burkhard. (Hgg.) 32007. Metzler Literatur-Lexikon. Begriffe und Definitionen. Stuttgart, Weimar.

NAP Norton Anthology of Poetry. 31983. Hg. von Alexander W. Allison et al. New York, London.

Neue Jerusalemer Bibel Neue Jerusalemer Bibel. Einheitsübersetzung. Mit dem Kommentar der Jerusalemer Bibel. Hg. von Alfons Dreissler und Anton Vögtle in Verbindung mit Johannes M. Nützel. Freiburg, Basel, Wien, 101985.

OED The Oxford English Dictionary. Oxford, 21989. 20 Bde.

TA Bachmann, Ingeborg. 1995. Todesarten-Projekt. Kritische Ausgabe. 4 Bde. Hg. von Robert Pichl, Monika Albrecht und Dirk Göttsche. München, Zürich.

YVA Yad Vashem Archive, Jerusalem

/…/ schematisierte Begrifflichkeit (= Signifikat, Interpretant, Phänomen)

<…> Einfügung in einem autographen Manuskript

abc Streichung in Manuskriptentwürfen

Teil I – Einleitung: Was ist literarische Pragmatik?

1. Vorbetrachtungen

In dem Band Atemwende findet sich folgendes Gedicht von Paul Celan:

FADENSONNEN

über der grauschwarzen Ödnis.

Ein baum-

hoher Gedanke

greift sich den Lichtton: es sind

noch Lieder zu singen jenseits

der Menschen.1

Auf dieses Gedicht hat Erich Fried 1971 mit einem eigenen Text reagiert: Beim Wiederlesen eines Gedichts von Paul Celan. Er zitiert als Epigraph die letzten drei Zeilen von Fadensonnen nach dem Doppelpunkt und liest dann das Gedicht „von [Celans] Tod her“. Der Sprecher begegnet in Celans „trächtigen Zeilen“ erneut „bitteren Bildern“, und er sieht in dem Gedicht einen „furchtbaren Irrtum“. Dieser „Irrtum“ besteht weniger in der „ausladenden“ Einladung „ins Nichts“, als vielmehr in der verfehlten Adressierung des Gesangs durch Celan: Frieds Sprecher erkennt den Gestus des Singens an, den er auch in mehreren Optionen ausführt, doch es könne „kein einziges Lied / jenseits der Menschen“ geben (Fried, 1972: 33).

Lesend

von deinem Tod her

die trächtigen Zeilen

wieder verknüpft

in deine deutlichen Knoten

trinkend die bitteren Bilder

anstoßend

schmerzhaft wie damals

an den furchtbaren Irrtum

in deinem Gedicht das sie lobten

den weithin ausladenden

einladenden

ins Nichts

Lieder

gewiß

auch jenseits

unseres Sterbens

Lieder der Zukunft

jenseits der Unzeit in die wir

alle verstrickt sind

Ein Singen

jenseits

des für uns Denkbaren

Weit

Doch nicht ein einziges Lied

jenseits der Menschen

Details

Seiten
424
Erscheinungsjahr
2026
ISBN (PDF)
9783631938966
ISBN (ePUB)
9783631938973
ISBN (Hardcover)
9783631938959
DOI
10.3726/b22982
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (Juni)
Schlagworte
John L. Austin Hans-Georg Gadamer Ästhetische Wahrheit Leserhorizont Autorintention Sprechakttheorie Philologie Methodenlehre Texttheorie Verstehen Interpretation
Erschienen
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 424 S., 8 Tab.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Stefan Schenk-Haupt (Autor:in)

Stefan Schenk-Haupt ist Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg und freischaffender Literaturwissenschaftler. Er hat 2012 über Samuel Beckett promoviert und Studien zu Pope, Eliot, Nabokov, Hölderlin und Celan vorgelegt. Seinen Forschungsschwerpunkt bildet gegenwärtig die Theorie der Textinterpretation.

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