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Von alten und neuen Zaren

Russische Geschichtspolitik in den Diensten der Kreml-Herrscher. Von Iwan III. bis Putin

von Wojciech Materski (Autor:in)
©2024 Monographie 366 Seiten

Zusammenfassung

Das Buch von Wojciech Materski gibt einen Überblick über die Geschichtspolitik Russlands vom fünfzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahrhundert. Er zeigt, wie die Jahrhunderte unter den Zaren, die Revolution und der Stalinismus, die Herrschaft der verschiedenen Parteisekretäre von Chruschtschow bis Tschernenko, gefolgt von Michail Gorbatschow, und schließlich die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion und die Präsidentschaften von Boris Jelzin und Wladimir Putin. Die russische Geschichtspolitik diente stets dazu, die Bevölkerung des Landes zu integrieren, den Führerkult zu stärken, die von den Machthabern gewünschten sozialen Einstellungen und Stereotypen zu kultivieren und ihre Fehler und Verbrechen zu relativieren.

Inhaltsverzeichnis

  • Umschlag
  • Halbtitelseite
  • Titelseite
  • Copyright-Seite
  • Inhaltsübersicht
  • Einführung
  • Kapitel I: Im Reich der Zaren
  • Die wichtigsten russischen dynastisch-staatlichen Mythen
  • Die Anfänge der Geschichte als Unterrichtsfach
  • Geschichtsschreibung im Dienste des Zaren
  • Slawophilismus und Panslawismus
  • Die Emanzipation der Geschichte als Wissenschaft
  • Die Rolle der Geschichtspolitik am Vorabend des Ersten Weltkriegs
  • Kapitel II: Von Lenin bis Stalin
  • Ideologie und Geschichtspolitik
  • Propaganda und Kunst
  • Der Kurze Kurs der Geschichte der WKP(b) – Der Katechismus des Stalinismus
  • Nationale und Klassenelemente in der Geschichtspolitik
  • Der Krieg 1941–1945 und die Revision der Geschichtspolitik
  • Die Rückkehr zu ideologischen Positionen in der Nachkriegszeit
  • Kapitel III: Von Chruschtschow bis Tschernenko
  • Der 20. Parteitag und die Korrektur der Geschichtspolitik
  • Die neue „Nach-Parteitags“-Geschichtspolitik
  • Die historische Gegenoffensive in der Breschnew-Ära
  • Der fortschreitende Kollaps des Systems: Andropow, Tschernenko
  • Kapitel IV: Gorbatschow – die Fallstricke der Glasnost
  • Der Reformer
  • Glasnost und die Unionsrepubliken
  • Der Demokratisierungsprozess und die Geschichte
  • Probleme mit Polen. Katyn
  • Anti-Katyn
  • Der Zerfall des Imperiums
  • Kapitel V: Die 1990er Jahre – das Jahrzehnt Jelzins
  • Die Russische Föderation und die Konsolidierung der Macht
  • Der Versuch der Delegalisierung des Bolschewismus
  • Die Neuerfindung der wahren Geschichte von Staat und Gesellschaft
  • Das geschlossene Aktenpaket Nr. 1
  • Eurasianismus
  • Der Präsident in der Klemme
  • Kapitel VI: Das 21. Jahrhundert – Im Zeichen von Wladimir Putin
  • Die Vision von einer eurasischen Macht
  • Der Mythos der orthodoxen slawischen Einheit
  • Manipulationen der älteren Geschichte
  • Die Beziehung zum sowjetischen Erbe
  • Die schleichende Rückkehr des Stalinkults
  • Der Mythos des Großen Vaterländischen Krieges (1941–1945)
  • Andere Manipulationen der Geschichte
  • Polen in der russischen Geschichtspolitik
  • Schluss
  • Quellen und Literatur
  • Gedruckte Quellen
  • Tagebücher, Erinnerungen und Interviews
  • Literatur
  • Publizistik, Internet
  • Namensregister
  • Sachregister

Einführung

Ein selektiver Umgang mit der Geschichte, der sie zu einer Art Mythologie macht, die zum Teil wenig mit historischer Wahrheit zu tun hat, geht bis auf die frühesten schriftlichen Überlieferungen zurück1. Die mehr oder weniger manipulierte Darstellung der Rolle des eigenen Staates und der eigenen Nation in Schlüsselmomenten der Geschichte sowie die Interpretation – oder besser gesagt Umdeutung – der eigenen staatlichen und nationalen Geschichte in einer für aktuelle Zwecke günstigen Weise ist nach wie vor eines der Werkzeuge der Politik, ein Mittel zur Legitimierung von Macht2. Man könnte sogar sagen, dass sie der Legitimation des Staates dient – sie liefert eine historische Begründung für sein Recht auf unabhängige Existenz. Gleichzeitig formt sie das von den Herrschenden gewünschte Muster der nationalen Identität, die Art der Identifikation, die sozialen Einstellungen, stärkt oder setzt bestimmte Ansichten, politische Doktrinen, Interpretationen und sogar Weltanschauungen durch. Mit anderen Worten: Geschichte als Wissenschaft, als Bildungszweig, als Gegenstand der Publizistik dient den Interessen des Staates.

Der Staat präjudiziert mit Hilfe der Geschichtspolitik Auseinandersetzungen um die Geschichte und hat ein Monopol auf die Wahrheitsfindung. Die staatliche Kontrolle der Vergangenheit durch entsprechende Verbreitung von Wissen und dessen Kommentierung ist auch eine Form der politischen Kontrolle, die umso wirksamer ist, je schwächer die Zivilgesellschaft in einem Staat entwickelt ist. Das mit Hilfe von dienstbaren Historikern erarbeitete Wissen über die Vergangenheit erleichtert es dem Staat, den Bürgern aktuelle Probleme überzeugend zu erklären und sie mit zukünftigen Eventualitäten vertraut zu machen3.

Der populärwissenschaftliche Begriff „Geschichtspolitik“, ein Terminus deutschen Ursprungs, kennt keine strenge Definition. Einige Forscher bezeichnen ihn sogar als ein undefinierbares Rätsel4. In den Sozialwissenschaften wird sie als ein Instrument behandelt, das von politischen Akteuren eingesetzt wird, um eine gewünschte Vision der Vergangenheit des Staates und der Nation zu gestalten; eine gewünschte und daher manipulierte5. Diese Vision ist das Ergebnis der Kombination ausgewählter Episoden zu einer Erzählung, die die „richtigen“ Ereignisse und die „richtigen“ Personen hervorhebt und eine bestimmte Interpretation vorherrschend macht.

Ziel einer solchen Geschichtspolitik ist es in erster Linie, unmittelbare Vorteile zu erzielen – politische Unterstützung bei einer möglichst breiten Wählerschaft, die Schaffung eines hohen Grades an Integration der Gesellschaft oder einer Partei auf der Grundlage einer als alternativlos dargestellten Geschichte und gleichzeitig die Erhöhung und Stärkung des Ansehens des eigenen Landes nach außen auf der internationalen Ebene. Diese Politik, die zuweilen nur lose mit der akademischen Geschichtswissenschaft verbunden bleibt, ist somit sowohl ein wichtiger Teil der Identitätspolitik als auch ein Instrument zur Förderung des eigenen Staates6. Damit es sich um eine „Geschichtspolitik“ und nicht um Ad-hoc-Aktionen handelt, muss sie systematisch betrieben werden, und zwar von Institutionen, die professionell für diesen Zweck ausgestattet sind und entsprechende standardisierte Interpretationen entwickeln und verbreiten. Aus diesem Grund funktioniert sie am besten in totalitären Systemen, in denen die Abstimmung der volkserzieherischen und publizistischen Inhalte mit dem angenommenen „nationalen (Staats-)Ziel“ die Herrschenden nicht vor solche Probleme stellt wie in demokratischen Gesellschaften.

Der Begriff „Geschichtspolitik“ ist im umgangssprachlichen Verständnis negativ konnotiert7, obwohl er noch vor nicht allzu langer Zeit als Bestandteil einer breit verstandenen staatlichen Tätigkeit behandelt wurde, die darin bestand, aktuelle Fragen und Probleme in eine historische Perspektive einzuordnen, in umfassendere Prozesse, die oft einen sehr fernen Ursprung haben. Zweifellos führte ein solcher Ansatz zu Manipulationen durch die Herrschenden, zur Verwendung von Stereotypen und Vereinfachungen, zur tendenziösen Darstellung vieler Sachverhalte, die jedoch nicht allzu weit vom aktuellen Wissensstand entfernt war. Gleichzeitig konnten auf diese Weise ganze gesellschaftliche Gruppen, die nicht in die voreingenommene historische Perspektive passten, effektiv ausgegrenzt werden8.

Mit der Zeit schwand der Respekt vor objektivem historischem Wissen, und es entstanden immer mehr tendenziöse, von der aktuellen Politik geprägte Darstellungen. Heute ist es allgemein anerkannt, dass die Geschichtspolitik ein Instrument der Machthaber ist, um das Geschichtsbewusstsein der Gesellschaft zu beeinflussen, um diese leichter für bestimmte politische Ziele zu gewinnen. Es handelt sich um eine weitreichende Interpretation der Geschichte und gleichzeitig um eine selektive Nutzung der Geschichte im Lichte des aktuellen Geschehens und unter Einbeziehung tragfähiger historischer Argumente in das aktuelle Handeln der Machthaber. Auf diese Weise manipuliertes historisches Wissen spiegelt weniger die Wahrheit über die Vergangenheit wider, nicht einmal bei subjektiver Betrachtung, als dass es durch die Monopolisierung der öffentlichen Debatte ein Forum schafft, das die Legitimierung der Machthaber und ihrer Interessen ermöglicht9.

Die Geschichtspolitik bedient sich also selektiv der Geschichte als Wissenschaft und ist weitgehend eine Technik zur Manipulation objektiven historischen Wissens, um von der Obrigkeit geforderte Ergebnisse zu erzielen, die im Allgemeinen nicht den anerkannten Stand der Wissenschaft wiedergeben. Sie dient vor allem dazu, Politik zu betreiben, und nicht dazu, die Vermittlung von objektiviertem historischem Wissen für die öffentliche Bildung zu verbessern. Jeder Staat ist bestrebt, seine historischen Traditionen zu pflegen, für seine Identität wichtige Jahrestage zu feiern, seine Helden zu ehren. Die jüngeren Generationen sollen zur Achtung vor der Geschichte des eigenen Staates und der eigenen Nation erzogen werden, um die Gesellschaft auch auf der Grundlage einer gemeinsamen historischen Identität zu vereinen. Wenn dieser eher alltägliche Umgang mit der Geschichte jedoch die Form von Forderungen nach „korrektem“ Geschichtswissen, von Forderungen nach der Förderung einer „korrekten“ Geschichtspolitik annimmt, kommt sofort der Verdacht der Manipulation auf, der Ersetzung der einen Helden durch andere, der Verharmlosung der einen Ereignisse und der Überbetonung anderer. Der Grund für das Entstehen eines öffentlichen Diskurses oder offizieller Verlautbarungen über die Notwendigkeit einer Neubewertung der bisherigen Geschichtspolitik ist also in der Regel ein kurzfristiges Interesse, und zwar ein politisches. Eben die Absicht, die einen Parteien, Organisationen oder Gruppen in der Gesellschaft zu delegitimieren und die Position anderer zu stärken; das politisch kalkulierte Bedürfnis, Ressentiments gegenüber den einen Nationen zu wecken und die historische Last gegenüber anderen zu mildern und abzuschwächen.

Im Allgemeinen bezieht sich der Begriff „Geschichtspolitik“ auf das Handeln des Staatsapparates, und so wird er auch in dieser Arbeit verstanden und verwendet. Denn der Staat verfügt über die entsprechenden Strukturen und Finanzkapazitäten, um sein von der Geschichtspolitik gestütztes Programm wirksam umzusetzen. Der Staat finanziert Bildungs- und Aufklärungsprogramme, genehmigt Schulbücher, die ein „angemessenes“ Geschichtsbild enthalten, und kontrolliert durch die Schulaufsicht die Umsetzung. Er kofinanziert in hohem Maße die wissenschaftliche Forschung, Gedenkfeiern zu historischen Ereignissen oder Einrichtungen, die sich auf die Präsentation historischer Inhalte in der Öffentlichkeit spezialisiert haben (Museen, Gedenkstätten, staatliche Medien, Namensgebungskommissionen, Gedenkwettbewerbe, Mäzene des Jahres, Kunstkritiken usw.). Je nach den Prioritäten, die der Staat im Hinblick auf seine aktuellen und strategischen Bedürfnisse in den Beziehungen zur Außenwelt setzt, regt er bestimmte Forschungsrichtungen oder deren Popularisierung an.

Für jede der in der Arbeit behandelten Perioden der russischen oder sowjetischen Geschichte habe ich versucht, diese internen und externen Prioritäten entsprechend zu betonen. Ich habe versucht, die Momente ihrer Neubewertung zu erfassen und ihre Gründe zu skizzieren. Gleichzeitig habe ich auf die unbestreitbare Kontinuität der russischen/sowjetischen Geschichtspolitik hingewiesen, auf die spezifischen Inhalte und Mythen, die in ihr stets präsent sind und allenfalls einer Anpassung an die aktuelle Konjunktur unterliegen. In diesem Zusammenhang weise ich auch auf die in dieser Geschichtspolitik stets vorhandene Tendenz der russischen/sowjetischen Machthaber hin, nicht-russischen Völkern, eroberten Gebieten, annektierten Territorien oder den im Ergebnis der Jalta-Konferenz beherrschten Staaten ihr historisches Gedächtnis aufzuzwingen. Dieses aufgezwungene historische Gedächtnis zeigt sich beispielsweise in den russisch-ukrainischen Beziehungen und wird zur Rechtfertigung der Annexion der Krim oder des Kriegsgeschehens in der Ostukraine verwendet. Es kann sogar zur Rechtfertigung des aggressiven russischen Vorgehens im Nahen Osten herangezogen werden, das der Patriarch von Moskau und Allrussland Kirill als natürliche Hilfe des orthodoxen Russlands für „Syrien – die Wiege der Orthodoxie“10 legitimierte.

Wie bereits erwähnt, bezieht sich der Inhalt der Geschichtspolitik sowohl auf die internationale Position des Staates als auch auf dessen Innenpolitik, von deren Schwächen mit Hilfe entsprechend eingesetzter historischer Argumente wirkungsvoll abgelenkt werden kann, z. B. durch die Beschwörung und Stärkung nationalistischer Gefühle, die Desavouierung der Traditionen und Erfahrungen von Konkurrenten um die Macht. Auf diese Weise kann man vermeiden, gesellschaftlich wichtige Probleme anzufassen, was kurzfristig mit einem teilweisen Verlust der Unterstützung durch eine opferunwillige Wählerschaft verbunden wäre.

Die russische Geschichtspolitik, die Gegenstand dieser Studie ist, weist, obwohl sie in klar unterscheidbare Perioden unterteilt ist (zaristisch, sowjetisch, russisch), eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf, die ihre Erörterung im Rahmen einer einzigen Untersuchung legitimieren. Zu diesen Merkmalen gehören ein vergleichbares Territorium, der europäisch-asiatische Zivilisationsbruch11, ein zentralisiertes, ein vertikales Modell der formellen oder informellen (durch die Partei) Exekutivgewalt ohne Kontrolle, das Fehlen oder die Schwäche demokratischer Institutionen und einer Zivilgesellschaft, ein umfassendes System der Kontrolle und Disziplinierung der Gesellschaft, eine niedriges durchschnittliches Bildungsniveau und ein Mangel an historischem Wissen, ähnliche Mechanismen der Mythologisierung der Vergangenheit, die Auslöschung jeglicher Tendenz zur kritischen Auseinandersetzung mit von den Machthabern vertretenen historischen Inhalten, Manipulationen mit Hilfe der Vorstellung von Russland als Peripherie der Weltzivilisation und unter Nutzung des großrussischen Größenwahns.

Bei allen Ähnlichkeiten der russischen/sowjetischen Geschichtspolitik änderten sich ihre Hauptziele im Laufe der Zeit, je nach den aktuellen Prioritäten. Die Geschichte wurde als Instrument behandelt und stärkte in der Gesellschaft den Mythos der Abkunft, des Führers, des Gesalbten und – in einer mechanistischen, Engels’schen Sichtweise des historischen Prozesses – der führenden sozialen Klasse. Sie festigte die Ethnie auf der Basis des Territoriums, der zentralen Mythen, des Führerkults (Zar/Dynastie, Parteigeneralsekretär, Präsident) oder auf religiöser Ebene, formte die von der Obrigkeit gewünschten Haltungen, relativierte die eigenen Verbrechen und Fehler, schuf erwünschte Stereotypen12. All diese Aspekte führen zu der heute fast aufdringlich sichtbaren Behandlung von Geschichte als Instrument zur Verwirklichung vor allem unmittelbarer politischer und in begrenztem Maße auch kommerzieller Ziele13 – doch letzterer Aspekt soll hier ausgespart werden.

Die für die Arbeit gewählte chronologisch-faktische Darstellungsweise soll der Nachvollziehbarkeit der Argumentation und Kausalität dienen. Die Arbeit ist nicht linear aufgebaut, im chronologisch frühesten Teil eher kursorisch und am ausführlichsten im Kapitel über das 21. Jahrhundert, über das gegenwärtige Russland.

Das Thema Katyn – eines der verlogensten Kapitel der sowjetischen und in der Folge eines der problematischsten der russischen Geschichtspolitik – zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk. Man könnte dies als strukturellen Fehler oder als Ausdruck … der eigenen Geschichtspolitik des Autors verstehen.

KAPITEL I Im Reich der Zaren

Die wichtigsten russischen dynastisch-staatlichen Mythen

In Russland, wie auch in anderen Ländern, wird das Argument der historischen Legitimation der Macht, der Mythologisierung ihrer Genealogie seit den Anfängen der Staatlichkeit verwendet. Dieses Phänomen kann man schwerlich als Geschichtspolitik der Herrscher(dynastien) ansehen, sondern man bediente sich eines Gründungsmythos und vollzog Handlungen zur Sakralisierung der Herrscher als Gesalbte Gottes. Die Beständigkeit einer solchen Vorstellung nützte der Eingliederung der Untertanen in ein einheitliches Gemeinwesen – zu einer Zeit, in der diese kein gemeinsames Bewusstsein für ihre eigene Besonderheit, keinen Sinn für eine soziokulturelle Gemeinschaft hatten. Der Begriff der Nation in seiner heutigen Ausprägung bildete sich in Russland im Wesentlichen erst im 19. Jahrhundert heraus1.

Eine in vielen europäischen Ländern verbreitete Form der Mythologisierung der Abkunft einer Herrscherdynastie bestand darin, deren Ursprung im Römischen Reich zu suchen. Sie ist auch in der Rus anzutreffen (Die Legende der Fürsten von Wladimir). Vermutlich wurde die Vorstellung vom römischen Ursprung der Fürsten der Rus erstmals an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert von dem orthodoxen Geistlichen Spiridon Sawwa aus Twer formuliert, dem ehemaligen Metropoliten von Kiew, der sich gegen Ende seines Lebens nach Moskau wandte. Er entwickelte sie höchstwahrscheinlich auf Anregung der Fürsten Iwan III. oder Wassili III.2 Laut Sawwa wurde nach der Teilung der Welt durch Kaiser Augustus das Gebiet zwischen der Weichsel und der Mündung der Memel von Prus übernommen, zumindest von einem Verwandten3. Ein Nachkomme desselben Prus in direkter Linie war Rurik, der Begründer der Dynastie der Kiewer, Wladimirer und Moskauer Fürsten. Wie ernst dieser Mythos genommen wurde, zeigt die Überlieferung des päpstlichen Legaten, des Jesuiten Antonio Possevino, aus dem Moskau des 16. Jahrhunderts, wonach Iwan der Schreckliche in einem Gespräch mit ihm auf diese Verwandtschaft hingewiesen und damit seine Rechte und Ansprüche auf die Gebiete zwischen der oberen Weichsel und der oberen Memel mit den Städten Danzig, Thorn und Marienburg begründet habe4. Der Mythos war also politischer Natur und legitimierte das Recht der Rurikiden, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen zu herrschen. Andererseits war sein Makel das Fehlen eines metaphysischen (göttlichen) Faktors, was dazu führte, dass die orthodoxe Kirche diesem Mythos distanziert gegenüberstand, was der Hauptgrund dafür gewesen sein dürfte, dass diese Erzählung von einer römischen Genealogie in den folgenden Jahrhunderten aufgegeben wurde.

Von größerer Bedeutung in Bezug auf die langfristigen Auswirkungen auf die Gesellschaft, wenn auch nicht so sehr zur Stärkung der Dynastie als vielmehr des Staates, war die Vorstellung von der Rus als Nachfolgerin des 1453 untergegangenen Byzanz – als Verkörperung des so genannten Dritten Roms. Nach dieser religiös-politischen Idee, deren Urheberschaft dem Igumen des Klosters des Heiligen Eleasar in Pskow, dem Mönch Philotheus5 zugeschrieben wird, hat sich das Zentrum der christlichen Zivilisation naturgemäß nach Osten verlagert (translatio imperii); es gab zwei solcher Zentren, zwei „Roms“, und beide sind gefallen – das eine 476, das andere (Byzanz) 1453; das dritte (Moskau) steht, ein viertes wird es nicht geben; Moskau soll den wahren Glauben bewahren bis zur Wiederkunft Christi auf Erden6.

Die Heirat Iwans III. des Strengen (des Großvaters Iwans des Schrecklichen) mit der Nachfolgerin des letzten byzantinischen Kaisers, Sofia Palaiologa, der Nichte Konstantins XI., die als Erbin des Ostreiches angesehen wurde, versinnbildlichte diese Verlagerung der christlichen Zivilisation nach Osten. Von dem Moment an, als die Türken die Hauptstadt des Ostreiches (1453), die Wiege der Orthodoxie – Zargard (Byzanz) – eingenommen hatten, wurde dessen Befreiung das historische Schicksal der Herrscher der Rus und Russlands. Der Glaube an die Realität dieser Mission wurde durch das von Iwan III. angenommene Prinzip der „Selbstherrschaft“ gestärkt – was in der damaligen Realität seine politische Unabhängigkeit, die Unabhängigkeit von den Khans der Goldenen Horde bedeutete7 und ebenso, wie einige Forscher es interpretieren, durch die Annahme des Titels „Herrscher der gesamten Rus“ durch Iwan III., der damit die Rolle des Erben der seinerzeit ihre dominante politische und militärische Stellung rasch verlierenden Goldenen Horde beanspruchte8. Diese messianische Vorstellung von der Rolle und Bedeutung Russlands wurde zunächst nicht weiter verbreitet, da man befürchtete, in einen Konflikt mit dem Osmanischen Reich verwickelt zu werden. Im Laufe der Zeit wurde sie sogar von europäischen Staaten aufrechterhalten, die versuchten, Russland zu einem Kreuzzug gegen die türkische Bedrohung zu bewegen. Den Zaren wurde eingeredet, dass es ihnen als Erben von Byzanz obliege, den Islam aus Europa zu vertreiben, dass der orthodoxe Messianismus und der russische Messianismus eine Einheit seien9.

Die Vorstellung eines Dritten Roms erlangte den Status einer Staatsdoktrin während der Herrschaft von Peter dem Großen, von wann an Russland gemeinhin als „Imperium“ und der Herrscher als „Imperator“ bezeichnet wurde, und vor allem im 19. Jahrhundert, während der Russisch-Türkischen Kriege10. Die Überzeugung von der außerordentlichen Rolle Russlands verfestigte sich so sehr, dass sie teilweise sogar in die Sowjetzeit übertragen wurde, wie man deutlich sehen kann, wenn man den Begriff „Zentrum der christlichen Zivilisation“ gegen „Zentrum des Weltkommunismus“, den konfessionellen gegen den ideologischen Messianismus austauscht11. Dieser hat auch im heutigen Russland zahlreiche Anhänger12.

Allgemein gesprochen kann das Konzept des Dritten Roms als eine Staatsdoktrin angesehen werden, die jahrhundertelang – vor allem gegenüber einem internen Publikum – den Anspruch Russlands rechtfertigte, das politische und geistige Zentrum der europäischen Zivilisation oder des zivilisatorischen Fortschritts zu sein, der unter Beibehaltung einer christlichen traditionellen Axiologie stattfindet. Wie soziologische Untersuchungen zeigen, hat sich ein solches Denken über Russland bis heute erhalten13.

Zusammen mit der These vom Dritten Rom, die Russland als letzte christliche Großmacht der Geschichte definiert, taucht der Titel „Zar“ auf, um den Herrscher zu bezeichnen, der die Pracht der römischen und byzantinischen Kaiser geerbt hat. Iwan der Schreckliche war der erste, der diesen Titel verwendete und sich selbst „Zar der gesamten Rus“ nannte14.

Ein klassisches Beispiel für die Mythologisierung der Macht (des Herrschers) in den Anfängen der Staatlichkeit der Rus, d. h. über das Fürstentum Moskau und die Gebiete der Rus innerhalb des Großfürstentums Litauen hinaus15, war der von demselben Iwan IV. dem Schrecklichen völlig künstlich geschaffene Mythos des neun Generationen von ihm entfernten Fürsten Alexander Newski. Der Zweck dieser Manipulation war offensichtlich. Der Prozess der Vereinigung der Länder der Rus unter dem Zepter der Rurikiden während der Herrschaft des Vaters Iwans IV., Wassili III., führte zur Bildung eines Staates, der alle großrussischen Gebiete sowie das Kasaner Khanat umfasste. Dieser Organismus war durch seine Verwaltungsstruktur und die Orthodoxie geeint, aber es fehlte ein gesellschaftlich vereinigendes Machtsymbol, das ritterliche und geistliche Eigenschaften verband und gleichzeitig die Position des Trägers dieses Symbols – des aktuellen Herrschers und der Dynastie – festigte. Die Wahl fiel auf Newski, eine eher zwiespältige Figur, die nur deshalb als solches Symbol in Frage kam, weil er damals fast völlig in Vergessenheit geraten war. Seine Regierungszeit lag so weit zurück, und die Zeiten seiner Herrschaft waren so wenig bekannt, dass es ein Leichtes war, das öffentliche Wissen darüber zu manipulieren und es durch erfundene Ereignisse zu ergänzen.

Der aus der Rurikiden-Dynastie stammende Herrscher von Weliki Nowgorod, Alexander, erhielt durch die Gnade der Tataren einen Jarlyk (Schutzbrief) für das Großfürstentum Wladimir (1252). Die Schutzherren nahmen den fälligen Tribut gerne an, aber sie halfen ihm nicht gegen die Bedrohung durch die Schweden, denen er allein gegenüberstand. Einer der zahlreichen wladimirisch-schwedischen Grenzzwischenfälle, ein Gefecht an der Newa (1240), wurde auf Befehl Iwans IV. aus den alten Chroniken hervorgeholt und als großer Erfolg für die Waffen der Rus angepriesen. In Wirklichkeit handelte es sich um ein unbedeutendes Grenzscharmützel, bei dem etwa 20 Nowgoroder Krieger fielen, und das eher Anlass zur Schande als zur Begeisterung war. Als Alexander im Zusammenhang mit diesem vermeintlich großartigen Sieg dreihundert Jahre später den Beinamen „Newski“ erhielt, gab es allenfalls einen vagen, im Laufe der Jahrhunderte verzerrten Nachhall dieses Scharmützels, der sich aus der oben erwähnten Notwendigkeit ergab, einen geeigneten dynastischen Mythos zu schaffen. Bald darauf unterstützte die orthodoxe Kirche, wahrscheinlich auf Geheiß des Zaren, diesen Kult, indem sie Newski zu den Altären erhob (1547) und damit denjenigen heiligte, der das Christentum in der Rus an der Seite der Mongolen blutig bekämpft hatte. In seinen zahlreichen Hagiographien wurde diese Tatsache natürlich nicht berücksichtigt, ebenso wenig wie andere, z. B. seine Herrschaft unter der Kontrolle und von Gnaden Batu Khans (durch den Jarlyk), seine Zusammenarbeit mit den Mongolen, die die Rus versklavt hatten, und sein militärisches Vorgehen an ihrer Seite gegen den Westen16. Der Ahnenkult der Dynasten ging dauerhaft in die russische Mythologie ein und untermauerte ihre göttliche Legitimität. Wie wirksam diese „historische Prä-Politik“ Iwans IV. war, zeigt die Tatsache, dass die Wahrheit über Alexanders angeblich großartigen Sieg über die Schweden erst Ende des 20. Jahrhunderts ans Licht kam17.

In späteren Jahren wurde nicht mehr so spektakulär auf die Manipulation der Geschichte zugunsten öffentlichkeitswirksamer Bilder zurückgegriffen, um das Prestige der Dynastie und des Staates durch Mythologisierung ihrer Ursprünge zu steigern. Dennoch griffen die aufeinanderfolgenden russischen Herrscher in aktuellen politischen Fragen ad hoc auf historische Argumente zurück, die mit der oben skizzierten Mythologie verbunden waren, und nutzten sie zur Untermauerung ihrer Beweggründe. Von einer Reihe solcher Manipulationen wollen wir uns auf zwei beschränken: Russlands zivilisatorische Mission und die Überlegenheit der Orthodoxie.

Details

Seiten
366
Erscheinungsjahr
2024
ISBN (PDF)
9783631933381
ISBN (ePUB)
9783631941294
ISBN (Hardcover)
9783631933374
DOI
10.3726/b23086
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (Februar)
Schlagworte
Russland Putin Zaren Geschichtspolitik Russischer Imperialismus Propaganda Zarenreich Russisches Reich Kolonialismus UdSSR Sowjetunion sowjetische Geschichte Geschichte Russlands Zeitgenössisches Russland Sowjetologie
Erschienen
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2024. 366 S.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Wojciech Materski (Autor:in)

Wojciech Materski ist ein polnischer Historiker, Politikwissenschaftler und Angehöriger der Polnischen Wissenschaftsakademie. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der Sowjetunion und polnisch-sowjetische Beziehungen. Er ist Autor von über 500 Veröffentlichungen und erhielt unter anderem den Janusz-Kurtyka-Preis 2023.

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Titel: Von alten und neuen Zaren