Poiesis des Selbst. Eine raumtheoretische Bestimmung des ‚Devianz-Orts‘ anhand von Analysen zu Lutz Seilers Romanen «Kruso» und «Stern 111»
Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Abdeckung
- Titelblatt
- Copyright-Seite
- Inhaltsverzeichnis
- Dank
- Kapitel 1 Einleitung
- Kapitel 2 Theorieteil
- 2.1 Grundlegendes zur Geschichte der Raumtheorien
- 2.2 Vertiefung der theoretischen Grundlagen
- 2.2.1 Michel Foucault
- 2.2.1.1 Von Anderen Räumen
- 2.2.1.2 Foucault und der Raum nach den Heterotopien
- 2.2.2 Michel de Certeau
- 2.2.2.1 Certeaus Raumverständnis in Abgrenzung zu Foucault
- 2.2.2.2 Praktiken im Raum
- 2.2.3 Marc Augé
- 2.2.4 Michail Bachtin
- 2.2.5 Jurij Lotman
- 2.2.6 Gilles Deleuze und Félix Guattari
- 2.3 Zwischenfazit und Definition von ‚Devianz-Ort‘
- Kapitel 3 Hauptteil
- 3.1 Lutz Seiler und seine Romane
- 3.2 Kruso
- 3.2.1 Edgars Reise durch die Nicht-Orte hin zur ‚Arche‘ Klausner
- 3.2.2 ‚Die Vergabe‘ als Praktik der Verortung des Subjekts im Raum
- 3.2.3 Deviantes Leben – Krusos Utopie der ‚Wurzel der Freiheit‘
- 3.2.4 Poiesis des Selbst I: Edgars Subjektivierung zum Dichter
- 3.3 Stern 111
- 3.3.1 Carls Weg zur Skene
- 3.3.2 Die Hausbesetzung als Praktik der Raumkonstitution
- 3.3.3 Die Binnenhierarchie des Rudels und dessen Utopie
- 3.3.4 Die Assel als Devianz-Ort und die Beziehungen zur Macht
- 3.3.5 Poiesis des Selbst II: Carls Subjektivierung zum Dichter
- 3.4 Exkurs: Weitere Formen des Devianz-Orts bei Monika Maron und Sven Regener
- 3.4.1 Monika Maron: Stille Zeile Sechs
- 3.4.2 Sven Regener: Die Herr Lehmann-Romane
- Kapitel 4 Fazit
- Quellen- und Literaturverzeichnis
- Primärliteratur
- Sekundärliteratur
- Online-Quellen
- Spielfilme und -serien
Dank
Auf dem Titelblatt einer Dissertation steht ein einziger Name, vor den dann die zwei so lange erarbeiteten Buchstaben gesetzt werden. Dass dieses Buch entstehen konnte, habe ich der großartigen Unterstützung vieler Menschen zu verdanken, deren Leistung nicht genug gewürdigt werden kann.
So gilt mein Dank meinem Doktorvater Prof. Dr. Michael Hofmann für sein Vertrauen, das mir Freiheit ließ und Zuversicht schenkte. Prof.in Dr.in Rita Morrien danke ich für ihre umfassende Betreuung des Dissertationsprojekts und die stetige Bestärkung während des gesamten Studiums. Für den Vorsitz der Promotionskommission danke ich Prof. Dr. Lothar van Laak herzlich. Dr.in Ines Böker danke ich herzlich für die Mittelbauvertretung während des Promotionsverfahrens. Meinen lieben Kolleg*innen an der PLAZ — Professional School of Education gebührt ein besonderer Dank für ihre vielfältige Unterstützung in all den Jahren. Lutz Seiler danke ich für das Zurverfügungstellen des Titelfotos und die Räume voll Abwesenheit.
Meine Freunde haben maßgeblich dazu beigetragen, dass dieses Projekt gelingen konnte und für mich einen so besonderen Lebensabschnitt darstellte. Jakob Cyrkel und Dr. Antonio Roselli danke ich von Herzen für das kritische Erstlesen der Arbeit und viel mehr noch für ihre bedingungslose Freundschaft. Stefan Gehle danke ich dafür, dass er vorlebt, dass die eigene Poiesis des Selbst möglich ist. Frederik Schafmeister danke ich für lange Gespräche, seine Loyalität und eine Freundschaft, die gemeinsam Meisterschaften feiert und auch im Abstiegskampf fest zusammensteht. Philipp Tegethoff und Dr. Nicolas Dietzel danke ich dafür, dass sie schon immer der Heimathafen Freundschaft sind und sein werden, egal wohin es uns alle verschlägt.
Meinen Eltern Renate und Norbert danke ich von Herzen dafür, dass sie mich immer in allem, was ich tue oder erträume, bedingungslos unterstützen. Ebenso danke ich meiner Schwester Meike dafür, dass wir jeden Weg zusammen gehen. Es schmerzt, dass meine Großeltern Lene, Jupp, Gisela und Hans sowie Dieter und Christa dieses Buch nicht mehr lesen können, aber es erfüllt mich mit Stolz zu wissen, was es euch bedeutet hätte. Meiner großen vierbeinigen Liebe Emma danke ich für alles, was sie mir jeden Tag schenkt. Für all das, das meine wundervolle Frau Vanessa mir schenkt, fehlen mir die Worte. Merci vielmal.
Wrexen, Juni 2026
KAPITEL 1 Einleitung
„Wer will ich sein?“, ist eine Frage, die sich sicherlich die meisten Menschen im Leben einmal stellen. Sie zu beantworten und herauszufinden, wie die erträumte Identität verwirklicht und gelebt werden kann, erfordert jedoch einiges an Kreativität, Mut, Glück und Beharrlichkeit. In den Romanen Kruso1 und Stern 1112 von Lutz Seiler sind es die Hauptprotagonisten Edgar Bendler und Carl Bischoff, die sich inmitten der untergehenden DDR auf den Weg zu einer solch selbstbestimmten Identität machen. Beide sind davon beseelt, als Dichter leben zu wollen und damit dem von Traumata belasteten alten Leben zu entfliehen. Edgar zieht es im Sommer 1989 hierzu auf die sagenumwobene Insel Hiddensee, auf der er Unterschlupf in der gastronomischen Saisonarbeiter*innenszene findet und an der Seite des spirituellen Vordenkers Alexander Kruso Krusowitsch zum Lyriker wird. Carl will seinen Traum von einem Leben als Dichter in Berlin-Prenzlauer Berg kurz nach dem Mauerfall verwirklichen. Hier bietet ihm die Hausbesetzer*innenszene des ‚klugen Rudels‘ einen geschützten Raum, in dem er an seinem Ziel, das ‚absolute Gedicht‘ zu verfassen, arbeiten kann. Beide Figuren erschreiben sich in diesen besonderen, vor dem Zugriff von Staat, Zeit und Gesellschaft sicheren Orten autonome Identitäten.
Wie die kurzen Schlaglichter auf die Romane, die im Fokus dieser Dissertation stehen sollen, aufzeigen, sind die Entwicklungen der Figuren hin zu den Identitäten, die sie sich erträumen, räumlich an spezielle Orte gebunden. In diesen sind die Figuren vor dem Zugriff von Macht, Zeit und Mehrheitsgesellschaft sicher, was ihnen das Ausleben eigener Identitätsentwürfe ermöglicht – und das sowohl in der Zeit vor als auch nach dem Mauerfall. Ziel vorliegender Untersuchung ist es deshalb, diese vom Verfasser als ‚Devianz-Ort‘ bezeichneten Orte raumtheoretisch zu definieren. Die grob zugespitzte und zu belegende These ist, dass Devianz-Orte Gegenorte zu denen der politischen und gesellschaftlichen Macht darstellen, in denen von Romanfiguren eigene Hierarchien und Machtverhältnisse geschaffen werden; dazu wird ein Feindbild etabliert, von dem sich im Devianz-Ort abgegrenzt wird. Hierzu sind die Orte mit einem Schutzmechanismus ausgestattet, der darin besteht, dass die historische Zeit in ihnen ausgeblendet wird. Auf dieser Basis kann ein Set an Praktiken angewendet werden, mit dem ein zuvor ungeahntes Handlungspotential ausgelebt wird. Dadurch wird eine Subjektivierung möglich, deren Ziel das Ausbilden einer Identität nach selbstgewählten Maßstäben ist. Abgeschlossen wird diese Subjektivierung, indem der Devianz-Ort verlassen und das in ihm erfahrene Handlungspotential im Raum ausgelebt wird. Daran zeigt sich auch die Kulturrelationalität der Devianz-Orte: sie existieren so lange, bis die Subjektivierung abgeschlossen ist und/oder das Feindbild aufhört zu existieren.
Mit der Charakterisierung des Devianz-Orts einhergehend soll ein Modell erarbeitet werden, das beschreibt, mittels welcher sozialen Praktiken die Orte von Romanfiguren hergestellt werden und wie diese Praktiken auf den Ort und das ihn erschaffende Subjekt3 gleichermaßen wirken. Das Modell ist als eine Kombination von Skene, gráphein und Subjektivierung zu benennen, deren Gesamtheit eine Poiesis des Selbst darstellt. ‚Skene‘ benennt im Rückgriff auf das antike Theater den vor dem Blick der Außenwelt sicheren Ort, in dem von Schauspieler*innen die Rollen getauscht werden können. Dieser wird den Romanfiguren von einer als ‚Szene‘ beschreibbaren Gruppe ermöglicht, die den Wertekanon der Mehrheitsgesellschaft (größtenteils) ablehnt. In dieser Skene können die Protagonist*innen Praktiken anwenden, die als ‚gráphein‘ (gr. kerben bzw. ritzen) benannt werden und dem Wortsinn nach ein Erschreiben von Identität darstellen, das nur in der Skene möglich ist; in dieser Hinsicht ist Skene in ihrer wörtlichen Übersetzung als Leinwand zu verstehen, auf die der Identitätsentwurf palimpsestartig eingeritzt wird. Seilers Figuren erfahren so ein eigenes Handlungspotential, dessen Ausleben ihre Subjektivierung hin zu der ersehnten Identität als Dichter vorantreibt. Um diese final abzuschließen, müssen sie Skene und Devianz-Ort schlussendlich verlassen und sich als Dichter außerhalb des geschützten Orts beweisen. All dies zusammen ist ein Prozess der Etablierung einer autonomen Identität, der insgesamt als Poiesis des Selbst benannt wird.
Diese theoretischen Umrisse sollen nun anhand von Kurzdarstellungen der in den Romanen vorzufindenden Devianz-Orte visualisiert werden. In Kruso ist der zentrale Handlungsort das Betriebsferienheim Zum Klausner auf der Ostseeinsel Hiddensee. Es wird für den vom Schicksal hart getroffenen Edgar Bendler zum Refugium der Weltvergessenheit, das ihm als Devianz-Ort und Skene von der Saisonarbeiter*innen-Szene bereitgestellt wird. Hier lernt der Germanistikstudent den Tellerwäscher Kruso kennen, welcher eine Art Spiritus Rector der Saisonkräfte ist. Er lehrt die ‚Schiffbrüchigen‘ der realsozialistischen Gesellschaft im vorletzten Sommer der DDR seine Utopie von der Wurzel der Freiheit, die in allen Menschen anthropologisch verankert sei. Für Edgar startet damit die Initiation auf dem Weg zum Dichter. Hierbei beginnt der Protagonist, Gedichte zu schreiben. Dies ist nur in den speziellen Beschaffenheiten des ‚Devianz-Orts‘ möglich, den Kruso gegen die Wirren der sich anbahnende Wende absichert. Hier kann er sein Potenzial an Handlungsfähigkeit erfahren, was durch die Normen der Mehrheitsgesellschaft sonst nur limitiert geschehen konnte.
In Stern 111 reist Carl Bischoff kurz nach dem Mauerfall zu seinen Eltern nach Gera. Diese eröffnen ihm, dass sie voneinander getrennt in die BRD ausreisen wollen. Carl wird verpflichtet, als ‚Nachhut‘ daheimzubleiben. Nachdem er Inge und Walter zur nun offenen Grenze gebracht hat, bereitet sich aber auch er auf eine Reise vor. Carl zieht nach Ost-Berlin um. In Prenzlauer Berg schließt sich der gelernte Maurer und derzeitige Lehramtsstudent den Hausbesetzer*innen rund um den charismatischen Hoffi an. Carl erobert sich eine eigene Skene, indem er eine Wohnung besetzt. Hier wagt er den Schritt hin zum Dichter. Diese Skene stellt einen peripheren Ort in einem dichten Netz an Devianz-Orten dar, das die Szene durch Besetzungen im Machtvakuum des untergehenden Staates etabliert hat. Zentrum hiervon ist die Kneipe Assel, in der Carl als Kellner seinen Lebensunterhalt verdient und eine Gemeinschaft findet, die ihn bei seiner Poiesis des Selbst unterstützt.
Um diese Kurzcharakterisierung des Devianz-Orts anhand der Romane zu perspektivieren, soll er nun in seinem unmittelbaren raumtheoretischen Horizont verortet werden. Hierzu werden die kulturwissenschaftlichen Raummodelle, die aufgrund ihrer Spezifika die geeignete Basis bilden, auf der der Devianz-Ort aus Seilers Romanen heraus definiert werden kann, kurz vorgestellt werden.
Michel Foucault kann sicherlich als einer der profiliertesten Philosophen des 20. Jahrhunderts gelten (auch wenn er sich selbst vorrangig als Historiker sah). Als Begründer der Diskursanalyse liefert er mit seinen Werken auch zur Textanalyse ein ausdifferenziertes Instrumentarium. In den 1960er Jahren befasste sich Foucault u. a. mit Raumtheorie. Von anderen Räumen ist das pointierteste Resultat dieser Forschungen.4 Der zuerst als Radiovortrag veröffentlichte Beitrag kann als eine Art Keimzelle einer Raumtheorie gelesen werden, die dem weiteren Werk des Franzosen zugrunde liegt. Zentral ist in ihr der Begriff der ‚Heterotopie‘, welche einen Gegenentwurf zu gewöhnlichen Räumen darstelle, indem sie eine real gelebte Utopie sei.5 Von der Annahme ausgehend, das gegenwärtige Zeitalter sei das des Raums, skizziert Foucault eine auf dem Heterotopie-Konzept basierende Methodologie, die er ‚Heterotopologie‘ nennt. Dieses Konzept bildet auch für den Theorieteil dieser Dissertation den grundlegenden Ausgangspunkt. Ergänzend werden die Interviews Fragen an Michel Foucault zur Geographie6 und Raum, Wissen und Macht7 beleuchtet. Um die Relationen von Macht, Subjekt und Raum genauer fassen zu können, wird weiterhin eine Darstellung des Panoptismus anhand von Überwachen und Strafen erfolgen.8 Sowohl Michel de Certeau als auch Marc Augé rezipierten die Heterotopologie Foucaults. Der Ethnologe Augé formuliert mit Nicht-Orte eine eher kulturkritische oder -pessimistische Raumtheorie.9 Von besonderem Interesse sind für diese Orte des Transits und beschleunigten Verkehrs wie Autobahnen, Züge oder Flughäfen. In diesen Nicht-Orten könne das Individuum die Vorzüge der Anonymität genießen oder aber auch unter diesen leiden. Im Kontrast hierzu beschreibt er ‚anthropologische Orte‘, die von dem Gemeinwesen seiner Bewohner*innen geprägt seien und damit Identität stifteten. Doch auch in diesen sei der Mensch von Geschichte losgelöst. Michel de Certeau10 erarbeitet die Handlungsmöglichkeiten des Menschen im Raum minutiös und beschreibt, wie Orte und Raum hergestellt werden. In seiner Kunst des Handelns beschreibt er Alltagspraktiken wie Lesen oder Spazieren als raumkonstituierende Praktiken.11 Ebenso erläutert er weitere soziale Praktiken wie das Kartieren, die gewinnbringend in die Untersuchung zur Poiesis des Selbst im Devianz-Ort genutzt werden können.12 In den Theorien Foucaults, Augés und Certeaus sind also Orte und Räume zentrale Bezugsgrößen, die sich in den in dieser Dissertation untersuchten Romanen als maßgebliche Handlungsräume und -orte zeigen.
Jurij Lotman und Michail Bachtin sind für die Literaturwissenschaften wichtige Theoretiker, deren Arbeiten bis in die 2000er Jahre im deutschsprachigen Raum eher wenig wahrgenommen wurden.13 Seitdem werden die Autoren immer häufiger rezipiert. Den aus der ehemaligen Sowjetunion stammenden Forschern ist gemein, dass sie in der speziellen räumlichen Konstitution literarischer Texte Muster von Gesellschaften erkennen und beschreiben. Dies ist für vorliegende Arbeit hilfreich, da der Devianz-Ort immer auch aus seinem zeiträumlichen Kontext heraus verstanden werden muss. Für den Semiotiker Lotman sind dabei die Grenze und deren Überschreitung durch Romanfiguren die bestimmenden Momente seines Raumverständnisses.14 Dies differenziert er in seinem Spätwerk aus, in dem er die Termini ‚Semiosphäre‘ sowie ‚Peripherie und Zentrum‘ etabliert. Während Semiosphären spezielle Mikroräume darstellen, die auch Devianz ermöglichen, beschreibt das Verhältnis von Peripherie und Zentrum das Spannungsverhältnis von Macht und Subjekt und wie in diesem Kultur entstehe.15 Auf Bachtin geht das Konzept des Chronotopos zurück.16 Dies ist ein wichtiges Instrument, um die für unterschiedliche Epochen und Nationen spezifische Konstitution von Räumen untersuchen und beschreiben zu können. Ebenso bedeutsam für die Erarbeitung des Devianz-Orts ist der Umstand, dass Bachtin die Theorie vertritt, dass durch die Praktik des Lesens rezeptionsästhetisch Raum entstehe. Weiterhin ist sein Modell literaturwissenschaftlich angelegt und fokussiert die Handlungsoptionen literarischer Figuren im Raum, wodurch es zur Untersuchung der Romane besondere Eignung aufweist.
Weitere Denker, die den gegenwärtigen Raumdiskurs stark prägen, sind Félix Guattari und Gilles Deleuze.17 Als ‚glatt‘ oder ‚gekerbt‘ benennen sie Raumzustände, die den Subjekten unterschiedliche Handlungen ermöglichten. Zentrale Denkfiguren sind darin der nomadische und der sesshafte Mensch. Nomad*innen sei es zu eigen, durch Bewegung den glatten Raum zu erzeugen. Sesshafte Subjekte hingegen würden Regeln und Normen ausbilden, die den Raum beständig kerben. Beide Räume existierten jedoch nur in Mischformen. Raumkerbungen seien beispielsweise Grenzen oder die Architektur der Stadt (worin sich immer auch staatliche Macht manifestiere und ausdrücke). Die Theorie des Glatten und des Gekerbten ist auch in Bezug auf das oben angesprochene raumkonstituierende Verhalten der Romanfiguren interessant, da ‚kerben‘ als Handlung der Raumveränderung auch als Übersetzung von gráphein gelesen werden kann, wie Robert Stockhammer betont.18 Ebenso kann die Sehnsucht nach dem nomadischen Durchqueren des glatten Raums in Korrelation zum Wunsch nach autonomer Identität der Figuren gefasst werden.
All diese Theorien und Modelle bieten je spezifische Vorzüge und beschreiben die Charakteristik sowie Herstellung von Orten, die zu normabweichendem Verhalten genutzt werden können. Jede für sich genommen spart aber stets einen anderen Bereich aus, der als blinder Fleck auf der raumtheoretischen Landkarte zurückbleibt. Die in Lutz Seilers Romanen beschriebenen Orte weisen Züge all der genannten Theorien auf – und sind doch nicht einzig in diesen Kategorien zu fassen, weshalb sie als Devianz-Orte untersucht und beschrieben werden sollen.
Diese zugespitzten Thesen müssen in einem breiteren Panorama kulturwissenschaftlicher Raumtheorie sowie mit dem Forschungsstand der germanistischen Literaturwissenschaft perspektiviert werden. Die Frage nach dem Raum19 und seinen Interdependenzen mit Subjekt und Gesellschaft treibt insbesondere seit dem Spatial turn die Kulturwissenschaften um. Die Studien prominenter Denker*innen wie Michel Foucault, Jurij Lotman, Marc Augé oder Michel de Certeau – um nur einige zu nennen – haben den Diskurs maßgeblich beeinflusst und zu immer trennschärferen Modellen und Theorien reifen lassen. Diese erweisen sich auch für die Literaturwissenschaft als gewinnbringende methodologische Instrumente zur Untersuchung von Texten. Besonders um die Jahrtausendwende fokussierten immer mehr (deutschsprachige) Literaturwissenschaftler*innen raumtheoretische Fragestellungen. Die Arbeiten des Romanisten Jörg Dünne und des Medientheoretikers Stephan Günzel sind in diesem Kontext hervorzuheben. Sie haben zu Beginn des 21. Jahrhunderts grundlegende Ansätze für eine literaturwissenschaftlich orientierte Raumforschung vorgelegt. Insbesondere haben sie mit der gemeinsamen Herausgabe des Sammelbands Raumtheorie wichtige Grundlagentexte zur Verfügung gestellt.20 Ebenso sei auf Günzels und Kümmerlings Raum-Handbuch verwiesen, das einen vollständigen Überblick zur Raumtheorie liefert.21 Von der Intensivierung der kulturwissenschaftlichen Raumforschung in Deutschland zeugt des Weiteren, dass Günzel 2009 eine Gastprofessur für Kulturtheorie und Raumwissenschaft am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin innehatte.22
Literaturwissenschaftliche Raumuntersuchungen rezipieren in aller Regel kulturwissenschaftliche Raumforschungen der dafür scheinbar prädestinierten Disziplinen. Soziologie, Philosophie, Psychologie und Geschichtswissenschaft prägen den Diskurs ebenso maßgeblich wie die Geographie in ihren verschiedensten Teildisziplinen.23 Die weitläufigen Desiderate in der germanistischen Forschung werden beispielsweise in dem von Hallet und Neumann herausgegebenen Sammelband Raum und Bewegung in der Literatur konstatiert.24 Die hier benannten Forschungslücken sind weitgefächert. Allen gemein aber ist die Forderung nach einer kulturwissenschaftlich geweiteten literaturwissenschaftlichen Raumforschung.25 Herausragendes Zeugnis einer solchen ist der Sammelband Topographien der Literatur. Deutsche Literatur im transnationalen Kontext, der 2005 von Hartmut Böhme herausgegeben wurde und den zentralen Bezugspunkt der germanistischen Raumforschungen darstellt.26 Die Publikation vereint Aufsätze zu raumtheoretischen Zugängen zur deutschsprachigen Literatur vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Ähnliche Bedeutung für den übergeordneten Fachdiskurs entfaltet das Handbuch Literatur & Raum von 2015.27 Für den Bereich der Post-DDR-Literatur, in den Seilers Werke eingeordnet werden können, kann Michael Ostheimers im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms Ästhetische Eigenzeiten. Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne entstandene Monographie Leseland als zentraler raumtheoretischer Bezugspunkt gelten.28 Die Studie entwickelt das Chronotopos-Konzept Bachtins weiter und wendet es auf ausgewählte Werke der DDR- und Post-DDR-Literatur an. Der Verfasser selbst beschreibt seine Untersuchung als „[…] Probebohrungen für eine Chronotopographie der DDR- und Post-DDR-Literatur und damit einen kulturtheoretisch fundierten Baustein für eine umfassende Literatur- und Kulturgeschichte der (Post-)DDR“.29 Ein ‚kulturtheoretisch fundierter Baustein‘ ist die Studie sicherlich und stellt für die vorliegende Arbeit somit einen wichtigen Bezugspunkt dar. Eine Beschränkung auf ‚nur‘ eine (Raum-)Theorie erscheint im Rahmen dieser Dissertation aber als zu monokausal.
Zu Fragen des Raums speziell in Lutz Seilers Prosawerk liegen bisher nur wenige Arbeiten vor, in denen der Gegenstand wiederum nur in einzelnen Kapiteln behandelt wird; auch diese Forschungslücke soll mit vorliegender Monographie geschlossen werden. Den umfangreichsten Beitrag liefert Carola Hähnel-Mesnard mit ihrer Studie Zeiterfahrung und gesellschaftlicher Umbruch in Fiktionen der Post-DDR-Literatur.30 In dieser widmet sie Lutz Seilers Romanen ein eigenes Kapitel, in dem sie das Wechselspiel aus historischer Zeit der friedlichen Revolution in der DDR und der persönlichen Entwicklung der Romanfiguren beleuchtet, was für die Untersuchungen dieser Arbeit fruchtbar sein wird. Letzteres fokussiert auch Hannah Matthies in einem Kapitel ihrer Dissertation zu Kruso, was ebenfalls gewinnbringend in das entsprechende Analysekapitel einbezogen werden wird.31 Darüber hinaus liegen einige kürzere Arbeiten vor, die raumtheoretische Fragen in Seilers Werk berühren, und hier an geeigneter Stelle berücksichtigt werden.
Wie diese Skizzen des ausgewählten kulturwissenschaftlichen Raumtheorieangebots sowie des germanistischen Fachdiskurses verdeutlichen, bedarf es eines breiten theoretischen Fundaments, um anvisierte Definition des Devianz-Orts und des Modells seiner Herstellung anhand der Romane Lutz Seilers erarbeiten zu können. Zunächst werden dementsprechend in einem weiter ausgreifenden Theorieteil oben benannte maßgebliche kulturwissenschaftliche Raumtheorien vorgestellt. Da dies ein sehr weites Feld ist, soll zuerst ein allgemeiner Befund über die historische Entwicklung der kulturwissenschaftlichen Raumtheorie im 20. und 21. Jahrhundert erfolgen. Besondere Berücksichtigung findet dabei auch der Spatial turn. Darauf aufbauend wird den Raumtheorien Michel Foucaults, Marc Augés, Michel de Certeaus, Jurij Lotmans, Michail Bachtins sowie Gilles Deleuzes und Félix Guattaris ein jeweils ausführlicheres Unterkapitel gewidmet, weil sie, wie erörtert, in besonderer Weise geeignet scheinen, literaturwissenschaftliche Erkenntnisse über den Raum zu gewinnen. Zugrundeliegender Impetus der gesamten theoretischen Erörterungen soll sein, die verschiedenen Theorien in ihren jeweiligen Stärken und Schwächen zu erkennen und so zusammenzuführen, dass sie im Sinne einer ‚Bricolage‘ (Lévi-Strauss) als Werkzeuge einer kulturwissenschaftlich orientierten literaturwissenschaftlichen Raumforschung genutzt werden können. Günzel beschreibt das darin liegende Potenzial pointiert: „Daher geht es in einer reflektierten Raumtheorie darum, eine möglichst transdisziplinäre Methode zur Anwendung zu bringen, mit der eine Analyse räumlicher Formen möglich ist“.32
Im dann folgenden Zwischenfazit sollen alle behandelten Raumtheorien zusammengeführt werden. Den Theorieteil abschließend wird dabei eine erste Definition des Devianz-Orts sowie des Modells von Skene, gráphein und Subjektivierung als Poiesis des Selbst vorgenommen. In diesem Kontext wird auch die Bedeutung des Subjekts und von Gender für die Ort- und Raumkonstitution erläutert.
Auf dieser Basis erfolgen sodann die Analysen der Romane, die aufzeigen sollen, wie der Devianz-Ort beschaffen ist und zur Poiesis des Selbst beiträgt.
Der Hauptteil der Arbeit soll diese Grundlagen nutzen und sie in raumtheoretischen Analysen der Romane Kruso und Stern 111 fruchtbar machen. Daraus soll abgeleitet werden, wie der Devianz-Ort in den Romanen beschaffen ist und wie er in Zusammenhang zur Poiesis des Selbst der Hauptprotagonisten steht. Hieran anschließend werden in einem kurzen Exkurs weitere Romane der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kurz raumtheoretisch betrachtet. Daran soll aufgezeigt werden, dass es auch weitere Formen von Devianz-Orten gibt, die im Rahmen anderer Arbeiten tiefgreifend begriffsdefinitorisch erarbeitet werden müssten. Der Exkurs wird zu Monika Marons Roman Stille Zeile Sechs33 sowie ausgewählten Romanen Sven Regeners erfolgen. Konkret werden dies Der kleine Bruder,34 Wiener Strasse,35 Herr Lehmann36 sowie Glitterschnitter37 sein.
Im abschließenden Fazit werden die Ergebnisse dieser Textanalysen zusammengeführt. Daraus resultierend soll eine finale Definition des Devianz-Orts und seiner möglichen verschiedenen Formen sowie des zu seiner Herstellung angeführten Modells aus Skene, gráphein und Subjektivierung erfolgen. Abschließend soll in einem Ausblick danach gefragt werden, wie das germanistisch-literaturwissenschaftlich erarbeitete Konzept des Devianz-Orts und sein Herstellungs-Modell in den Kulturwissenschaften interdisziplinär nutzbar gemacht werden könnten.
Details
- Seiten
- 386
- Erscheinungsjahr
- 2026
- ISBN (PDF)
- 9783631941966
- ISBN (ePUB)
- 9783631941973
- ISBN (Hardcover)
- 9783631941959
- DOI
- 10.3726/b23358
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2026 (August)
- Schlagworte
- Raum Raumtheorie Ort Post-DDR-Literatur DDR Lutz Seiler Subjektivierung Poiesis Dichter Kulturwissenschaft Devianz Literaturwissenschaft Mauerfall Wende Adoleszenz Entwicklungsroman Heterotopie Nicht-Ort Chronotopos Grenze
- Erschienen
- Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 386 S.
- Produktsicherheit
- Peter Lang Group AG